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Pygmalionische Pädagogik. Eine Analyse von Gottfried Kellers Novelle "Regine"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Novelle als typische Gattung im Realismus

3. Hintergrundinformationen zu Kellers Regine
3.1 Entstehungsgeschichte
3.2 Inhaltsangabe von Regine

4. Etymologische Überlegung zu Bilden und Erziehen

5. “Pygmalionische Erziehung“ in Kellers Regine
5.1 Anbahnung der Katastrophe
5.2 Auflösung des Pygmalionmythos
5.2 Gescheiterte Kommunikation

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturangaben

1. Einleitung

Ovids Pygmalion, dessen Geschichte in seinen Metamorphosen beschrieben wird, kann als Urquelle des Pygmalionstoffes angesehen werden. Der Bildhauer Pygmalion erschafft eine perfekte Statue, die er mit Hilfe der Göttin Venus zum Leben erweckt. Er gestaltet diese als Idealbild einer Frau, nachdem er im wahren Leben nach Enttäuschungen dem weiblichen Geschlecht abgeschworen hat. Dieser Stoff wird in unzähligen Variationen immer wieder neu in der Literatur bearbeitet und verarbeitet. Während im 18. Jahrhundert Pygmalion in sämtlichen Interpretationsansätzen als Künstler angesehen wird, entstehen Variationen hinsichtlich Erfüllung und Nichterfüllung des Belebungswunsches. Nach dem Ende der Kunstperiode durch die Kritik Heines und Büchners ausgelöst, kommt es zur entscheidenden Akzentverschiebung. Jetzt rückt die Statue in den Mittelpunkt und löst den geniehaften schaffenden Künstler ab (vgl. WEISER 1998, 10f.). Somit kommt es im Realismus zu einer neuen literarturgeschichtlichen Beleuchtung des Pygmalionstoffes. ÄMit der Kritik an der Künstlerfigur Pygmalion wird eine Umdeutung nötig, und so werden nun seine Fähigkeiten der Statue Erziehung zukommen zu lassen, konstitutiv für den Stoff.“ (WEISER 1998, 11). An dieser neuen Debatte beteiligen sich Immermann, Ebner-Eschenbach und Fontane. Eine besondere Beachtung soll in dieser Arbeit Kellers Novelle Regine genießen. An ihr soll Äpygmalionische Pädagogik“ deutlich gemacht werden. Weiser spricht in diesem Zusammenhang von einem Ä[…] pädagogisch ambitioniertem Pygmalion […]“ (WEISER 1998, 131). Um die Verschiebung des Pygmalionstoffes aufzeigen zu können, wird Kellers Regine im Folgenden mit dem Ovid‘schen Ursprungstext verglichen.

Zu Beginn dieser Arbeit wird die Epoche des Realismus vorgestellt und die Bedeutung der Novelle als herausragende Gattung im Realismus beschrieben. Im Anschluss soll der reale Bezug zu der Figur ÄRegine“ erklärt werden. In einem anschließenden Exkurs werden etymologische Erklärungen zu ÄBilden und Erziehen“ aufgezeigt. In konkreter Textarbeit anhand der Novelle Regine sollen sowohl die Anbahnung der Katastrophe, die Auflösung des Pygmalionmotives, sowie die Bedeutung der gescheiterten Kommunikation zwischen Regine und Erwin analysiert werden. Der Schlussteil dieser Arbeit bietet sowohl eine Zusammenfassung der erzielten Ergebnisse, als auch einen Ausblick, inwieweit sich der Pygmalionstoff bei Shaw weiterentwickelt wird.

2. Novelle als typische Gattung im Realismus

Der Begriff des Realismus (1850-1900) wird als Epochenbegriff zeitgenössisch eingeführt. Dies stellt eine Besonderheit dar, denn meistens erfolgt die Namensgebung einer Epoche in der Literaturgeschichte aus der Retrospektive. Der Realismus gilt eher als unpolitisch und löst den Vormärz ab. Als Gegenbewegung zu diesem wird im Realismus eine eindeutige Abwendung von der Politik erkennbar und kann zusätzlich als konservativ bezeichnet werden. Er findet in seiner Art der detailgetreuen Wiedergabe eher Anschluss an die Epoche des Biedermeier. “Vor den Veränderungen einer zunehmend von Modernisierungsprozessen, Arbeitsteiligkeit und Industrialisierung geprägten Gesellschaft weicht sie größtenteils in traditional geprägte ländliche oder kleinstädtische Räume oder in die vormoderne Welt der Geschichte aus, […].“ (BEGEMANN 2007, 7) Die Schriftsteller des Realismus beschäftigten sich mit dem Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit. Realistische Literatur durfte jedoch nicht einfach eine reine Wiedergabe der Wirklichkeit sein, sondern sollte die Realität verarbeiten. Die Umgebung wird mit einer subjektiven Erzählhandlung genau beschrieben. Durch diese detailgetreue Erzählung entsteht beim Leser der Eindruck der Realität. Im Sinngedicht wird somit der Rezipient zum Hinterfragen aufgefordert, um das Leitmotiv des Realismus - irdische Vorgänge anzuzweifeln - zu unterstützen (vgl. Neumeyer Vorlesung).

Im Bürgerlichen Realismus besitzt die Novelle eine stellvertretende Aussagekraft für die gesamte Epoche und erreicht vor allem nach 1850 eine große Bedeutung. Dabei spielen sowohl die soziopsychischen als auch die soziokulturellen Veränderungen der Gesellschaft nach 1848, als auch zusätzlich die Reichsgründung selbst eine maßgebende Rolle zur Veränderung. Jetzt wird der Fokus auf Einzelschicksale gelenkt (vgl. Themenportal Literatur) ÄIndividuelle Schicksale werden im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung nachgezeichnet, das novellistische Ereignis kreist, im verfeinerten Ausschnitt, um die Kollision der subjektiven Bedürfnisse mit den gesellschaftlichen Belangen.“ (Themenportal Literatur).

Erzähltechnisch typisch für die Gattung der Novelle, die im Realismus ihren Höhepunkt erreicht, ist eine Aufteilung in Rahmen - und Binnenerzählung, wie zum Beispiel bei Storm und Meyer. Aber auch im Sinngedicht sind die einzelnen Novellen, die abwechselnd von Lucie und Reinhart in einer Art Erzählwettstreit präsentiert werden, als Binnenerzählung kunstvoll in die Rahmengeschichte, die die Liebesgeschichte beider beinhaltet, eingeflochten. ÄSo hat Keller im ‚Sinngedicht‘ den Höhepunkt seiner Erzählkunst erreicht und einen der vollendetsten Novellenzyklen der Weltliteratur geschaffen.“ (WOHLHAUPTER 1957,170).

3. Hintergrundinformationen zu Kellers Regine

3.1 Entstehungsgeschichte

Bereits 1851 entstanden in Berlin die Anfangskapitel des Novellenzyklus zu Kellers Sinngedicht. Den größeren Teil des Textes verfasste er jedoch erst 30 Jahre später in Zürich. Kellers Sinngedicht wurde in der Deutschen Rundschau, einer Monatsschrift des Herausgeber Julius Rodenberg 1881 vorab gedruckt. (vgl. BEGEMANN 2007, 100). Eine erweiterte Buchfassung erschien Ende 1881. Der Zyklus ist nach einem Sinngedicht (Epigramm) des Barock-Lyrikers Friedrich von Logau benannt: ÄWie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? / Küß eine weiße Galathee: sie wird errötend lachen!“ (KELLER 1974, 8). Der Zyklus enthält sieben Novellen, in denen die glückliche oder unglückliche Liebeswahl thematisiert wird. Diese sind, wie bereits erwähnt als Binnenerzählung in die Rahmenerzählung eingebettet, die ihrerseits wiederum die Liebewahl von Lucie und Reinhard erzählt und schließlich für beide ein glückliches Ende findet. In dieser Arbeit soll jedoch nur die Novelle Regine aus dem Sinngedicht als Analysegrundlage dienen. Sie wird von Reinhard erzählt und steht im achten Kapitel des Sinngedichtes. Gottfried Keller hat für seine Hauptfigur dieser Novelle Elise Egloff, die erste Frau von Jakob Henle, als reale Vorbildfigur gewählt. Ihre Lebensgeschichte dient ihm als Grundlage für seine Erzählung. Die nicht standesgemäße Heirat des Dienstmädchens Elise, in die sich der Schweizer Anatomieprofessor Jacob Henle verliebt, wurde bereits von Auerbach literarisch umgesetzt. Sowohl er als auch Keller waren mit Henle befreundet. Keller lehnt jedoch Auerbachs Frau Professorin ab, die den realen Bezug zur Liebesgeschichte von Jacob Helene und Elise Egloff beleuchtet. Henle schickt Elise in ein Mädchenpensionat, um aus ihr eine dem Stande angemessene Frau zu machen. Keller begegnet dem Ehepaar Henle im realen Leben. Durch die tatsächliche Begegnung mit den beiden inspiriert und zusätzlich durch das Missfallen der Umsetzung in Auerbachs Novelle motiviert, widmet er seine wohl bedeutendste Novelle im Novellenzyklus des Sinngedichts Elise Egloff (vgl. KÜBLER ). So bringt auch Erwin seine Regine zu einer verständnisvollen Gelehrtenwitwe. ÄDieser wackeren Frau vertraute er sich an, ließ Reginen für ein halbes Jahr dort, damit sie gute Kleider tragen lernte und die von der Arbeit rauhen Hände weiß werden konnten.“ (KELLER 1974, 68). ÄDurch die Tiefe des menschlichen Gehalts und die Schönheit der Darstellung ragt Regine über alle anderen Novellen des Sinngedichts hinaus […].“ (KELLER 1974,316).

3.2 Inhaltsangabe von Regine

Der Gesandtschaftsattaché Erwin Altenauer, ein Amerikaner deutscher Herkunft, kommt beruflich nach Deutschland. Zusätzlich hegt er den Wunsch, verstärkt durch den familiären Druck, eine passende Frau für sich zu finden. Er verliebt sich nach ein paar erfolglosen Versuchen bei den Damen der vornehmen Gesellschaft in das ärmliche Dienstmädchen Regine. Er heiratet sie und will durch intensive Bildung Regine zu einer vornehmen Dame machen, damit sie auch von seinen Eltern akzeptiert wird. Zunächst erzielt sein Bildungswerk gute Erfolge, bis er aus familiären Gründen nach Amerika zurück muss. Trotz Regines Bitten und Flehen, ihn begleiten zu dürfen, sieht Erwin vordergründig die Schifffahrt für sie als zu gefährlich an. Im Stillen hofft er, sein Erziehungswerk noch mehr perfektionieren zu können. Regine kommt in die Obhut dreier vermeintlich gebildeten Damen, die als die drei Parzen bezeichnet werden. Als Erwin zurückkehrt, erscheint ihm Regine sehr schweigsam und verändert. Er erfährt durch seine Haushälterin von einem nächtlichen Männerbesuch bei Regine Ein freizügiges Gemälde von ihr im Besitz eines brasilianischen Kollegen erhärtet seinen Verdacht des Ehebruchs. Beide geraten in eine tiefe Befangenheit, einerseits ausgelöst durch Regines Scham, weil sie die Schwester eines Mörders ist, denn ihr nächtlicher Besuch war ihr flüchtiger Bruder, der bei Regine Hilfe suchte. Andererseits verstummt Erwin wegen des fälschlich angenommenen Verdachts des Ehebruchs. Schließlich endet die Novelle mit dem Selbstmord Regines, die sich in Amerika im Elternhaus Erwins erhängt.

4. Etymologische Überlegung zu Bilden und Erziehen

Weiser betont, dass durch die Kritik Heines und Büchners an der Kunstperiode Ä […] mit der Reflexion über Spannung zwischen Original und Nachahmung durch Keller und Ebner-Eschenbach eine Inszenierung Pygmalions als Künstlerfigur gänzlich sinnlos geworden ist.“ (WEISER, 1998, 158). Man trifft nicht mehr wie im Ursprungstext in Ovids Metamorphosen auf einen Künstler, der in Formvollendung eine Statue als Frauenideal nach seinem Wunschbild mit seinen künstlerischen Händen erschafft. Pygmalion verliebt sich in seine Statue, deren Belebung mit Hilfe der Göttin Venus vollzogen werden kann. Jetzt kommt es zur Umdeutung des Pygmalionstoffes, indem der Künstler sein Werk im pädagogischen Sinne bildet. Interessant dabei erscheint, dass dies keineswegs eine Neuheit des 19. Jahrhunderts darstellt, sondern einer langen Tradition entspringt, die sich auch an der Entstehungsgeschichte des Wortes ‚bilden‘ erkennen lässt. Die Veränderung der eigentlichen Bedeutung im Sinne einer künstlerischen Betätigung verschiebt sich hin zu einer erzieherischen. Im Grimm`schen Wörterbuch wird der Prozess des Schaffungsaktes als Bild bezeichnet, danach das Produkt selbst als Bild benannt. Erst später kommt es zur Bedeutungsverschiebung des Verbes ‚bilden‘, mit dem nun die Gestaltung des Geistes in Zusammenhang gebracht wird (vgl. WEISER, 1998, 159). In diesen Kontext fügt sich Kellers Bezeichnung lückenlos ein, wenn er den Erfolg Erwins hinsichtlich seines Erziehungsbemühens seiner Äliebevoll bildenden Hand“ (KELLER 1974, 72) zuschreibt. Erwin ist der moderne Pygmalion, der mit Hilfe der Bildung als sein Werkzeug aus Regine, die aus ärmlichen, einfachen Verhältnissen stammt, eine vornehme gesellschaftsfähige Frau nach seinen Vorstellungen erschaffen will. Regine wird dabei zum lebendigen Material für Erwin, dass allein durch ihn geformt werden soll. (vgl. WEISER 1998, 168).

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668396043
ISBN (Buch)
9783668396050
Dateigröße
953 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353542
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
pygmalionische pädagogik eine analyse gottfried kellers novelle regine
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