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Trauer und ihre Begleitung am Arbeitsplatz. Über den Umgang mit Trauernden

Eine qualitative Studie

Wissenschaftliche Studie 2016 110 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand: wichtige tangierte Theorien und Begriffe

3. Beschreibung der Feldarbeit

4. Qualitative Auswertung eines Leitfadeninterviews

5. Ausblick

6. Quellenverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbilung 1:

Lehrforschungsgruppe

Abbildung 2:.

Papp-Steine

Abbildung 3:

Papp-Fußspuren

Abbildung 4:

Papp-Hände

Abbildung 5:

Zentrum

Abbildung 6:

Papp-Mensch

Abbildung 7:

Partnermalen

Abbildung 8:

Puzzle des Lebens

Tabelle 1:

Codierleitfaden

Tabelle 2:

Codiertes Material

1. Einleitung

Der Tod ist wohl als sicherster und absolutester Bestandteil unseres Lebens auszumachen. Ob das Leben danach weitergeht, ob man in eine andere Welt gelangt, oder ob danach einfach „nichts“ mehr ist, variiert dabei stark von den Überzeugungen des Menschen. Was passiert aber mit den Hinterbliebenden Menschen, die um den Verstorbenen trauern?

Trauer ist ein heikles Thema, das sogar in unserer aufgeklärten Gesellschaft noch nicht vollständig angekommen ist. Mit dem Sterben und dem Tod wird sich selten freiwillig beschäftgt. Was ist Trauer also eigentlich? . Für viele Menschen gehört dann der Verlust eines geliebten Menschen zu den schlimmsten Lebenskrisen, die sie bewältigen müssen. Oft entstehen auch Sinnkrisen, die den Rest des Lebens nicht mehr lebenswert erscheinen lassen. Die Gefühle, die dabei erlebt werden, können mitunter so intensiv oder anders sein, dass man sich fremd im eigenen Körper fühlt. Wann ist das Erleben des Trauernden noch normal, und wann ist die Trauer schon pathologisch? Um diese Krisen zu überleben und zu überstehen, kann eine individuelle Trauerbegleitung in Anspruch genommen werden. Natürlich bestehen aber auch noch andere Hilfsnetzwerke, wie Therapie oder Selbsthilfegruppe. Was kann eine Trauerbegleitung leisten, um den Verlust zu verarbeiten? . Was nun bisher noch selten betrachtet wurde, ist die Rolle des Arbeitgebers und des Arbeitsplatzes. Denn die meisten Menschen sind berufstätig und verbringen demzufolge einen Großteil ihrer Zeit im beruflichen Tun. „[…] Es war noch keiner bisher da, der sich Gedanken darüber gemacht hat; “Was passiert eigentlich in so einer kleinen Firma, oder großen Firma, mit den Menschen? Wie geht man damit um?” ” (Anhang G.g., Z. 707-709) sind die Worte eines Geschäftsführers eines Handwerkbetriebes in Sachsen-Anhalt. Welche, auch externen, Ressourcen hat der Arbeitgeber, um bestmöglich mit Trauernden umzugehen?

Innerhalb des Lehrforschungsprojektes „Trauer und ihre Begleitung am Arbeitsplatz“ des Institutes für Soziologie der Universität Koblenz in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer Koblenz wurden diese Fragen unter Leitung von Frau Dr. Engelfried-Rave betrachtet. In diesem Portfolio werden zunächst theoretische Grundlagen der Trauermodelle vorgestellt. Danach wird die spezielle Arbeit im Feld beschrieben: dazu wird das Forschungsfeld eingegrenzt und der Zugang erläutert. Außerdem folgt eine theoretische Erläuterung der angewandten Methoden des Leitfadeninterviews sowie der entsprechenden Auswertungstechnik. Im Auswertungsteil wird ein Interview mit einer Trauerbegleiterin in Sachsen-Anhalt anhand des daraus erstellten Codierleitfadens verschlüsselt, aber auch ein Interview mit dem Geschäftsführer eines Handwerkbetriebes in Sachsen-Anhalt soll innerhalb dieser Arbeit mit einbezogen werden. Schlussendlich wird ein vergleichender Soll- und Ist-Zustand sowie ein Fazit gezogen.

In dieser qualitativen Sozialforschung wird also ein Bild aus Sachsen-Anhalt präsentiert. Dies spiegelt die subjektiven Ordnungsmuster und Relevanzstrukturen der interviewten Personen wider. In dieser Arbeit wird das dritte durchgeführte „Interview mit der Geschäftsführerin eines Waisenheimes“ in Sansibar nicht betrachtet.

2. Forschungsstand: wichtige tangierte Theorien und Begriffe

Um die Fragestellungen zu bearbeiten, ist es zunächst nötig, die theoretischen Konstrukte rund um das Thema Trauer zu beleuchten. Im folgenden Abschnitt werden Trauermodelle und Klassifikationen vorgestellt.

a) Trauer und Trauermodelle

Trauer soll hier nicht nur als emotionaler Zustand, sondern als vielfältige Reaktion auf ein Verlusterlebnis verstanden werden. Dieser Verlust kann sich auf den Verlust eines Menschen beziehen, aber auch auf den Verlust eines geliebten Haustieres oder Ähnlichem. Um den Begriff der Trauer besser zu verstehen, ist der Blick auf Trauermodelle angebracht. Diese Modelle versuchen, die multidimensionalen Reaktionen, Erfahrungen und Beobachtungen von Trauernden in eine übersichtliche Ordnung zu bringen. Jedoch sind sie als Orientierung zu verstehen und bilden nicht die absolute Wahrheit ab, da Trauer ein hochindividueller Prozess ist.

Bereits 1982 wurde ein Trauermodell, das die Aufgaben beleuchtet, durch William Worden vorgelegt. Der Begriff der Aufgaben wird deswegen so betont, um darauf aufmerksam zu machen, dass sich der Trauernde aktiv in den Prozess einbringen muss. Die Aufgaben werden dabei aber nicht zwangsweise sukzessiv, sondern vielmehr dynamisch bewältigt. Zu den Traueraufgaben gehöre demnach als Erstes, die Wirklichkeit des Todes und den Tod des Verstorbenen zu akzeptieren. Die daraus resultierenden Gefühle, wie auch Schmerz, müssen durchlebt werden. Ebenso müsse sich der Trauernde nun an die Realität ohne den Verstorbenen anpassen. Schlussendlich würde dem Verstorbenen ein neuer Platz zugewiesen; die emotionale Energie kann also auf neue Beziehungen konzentriert werden (Worden, 2010, S. 43-60).

Verena Kast schlägt das Phasenmodell der Trauer vor, das aus vier Phasen besteht, die meist nacheinander, aber nicht immer linear abfolgen und sich auch wiederholen können. Die erste Phase des Trauerns besteht dabei aus einem Nicht-Wahrhaben-Wollen. Der Tod des Menschen würde vollkommen verleugnet, wobei der Trauernde oft entsetzt und starr sei. Die zweite Phase besteht aus aufbrechenden Emotionen, denn hier würden nun Trauer, aber auch Wut oder Angst auftreten. Die dritte Phase ist die des Suchens und Sich-Findens: der Trauernde suche hier den Verstorbenen an bestimmten realen Orten oder auch in Träumen oder Vorstellungen auf, wobei er jedoch ebenfalls realisiere und akzeptiere, dass der Verstorbene nun nicht mehr da ist. In der vierten Phase des neuen Welt- und Selbstbezuges sei der Verlust des Verstorbenen akzeptiert worden und dieser würde ggf. zu einer sog. inneren Figur. Nun könnten neue Beziehungen oder Lebensstile aufgenommen werden (Kast, 2008, S. 91ff).

b) Nicht erschwerte, erschwerte, komplizierte Trauer und Trauma

Was ist noch normale Trauer, und wo beginnt eine erschwerte oder gar komplizierte Trauer? Und wann ist die Grenze zum Trauma überschritten? Allein die Definition und Abgrenzung gestalten sich schwierig. Da es sich um ein soziales Phänomen handelt, ist eine starre Definition kritisch. Trotz dessen wurden viele Definitionsversuche unternommen, allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass die Übergänge in die verschiedenen Formen der Trauerreaktionen fließend sind und individuell beurteilt werden müssen.

Um dies festzustellen, ist es sinnvoll, den Trauerprozess zeitlich einzuteilen. Grob lassen sich drei Phasen erörtern: die erste Phase entspricht der Zeit bis zum sechsten Monaten nach dem Tod des Verstorbenen. Die zweite Phase schließt sich bis zum dreizehnten Monat nach dem Tod an – so, dass ein ganzes Jahr ohne den Verstorbenen, mit allen Feier- und Trauertagen, verlebt wurde. Die dritte Phase beginnt nach dem dreizehnten Monat. In Deutschland sind 70-80% aller Trauerprozesse einer nicht erschwerten, also normalen, Trauer zuzuordnen (Paul & Müller, 2007, S. 410-419; Bering, 2016, S. 3-4). Nicht erschwert Trauernde können von Anfang an viele Ressourcen aktivieren und unterliegen wenig Risikofaktoren. Somit zeigen sie auch wenig pathologische Symptome. Wenn eine Begleitung vom Trauernden erwünscht ist, so kann dies auch durch einen Hospizverein mit kleiner Basisqualifikation geleistet werden. Im Gegensatz dazu zeigt sich eine erschwerte Trauer, wenn durch wenig zu aktivierende Ressourcen mehr Risikofaktoren bestehen, und so auch eher Symptome gezeigt werden. Zu den Symptomen gehören körperliche (bspw. Schlafstörungen, Essstörungen, Zittern, Erschöpfung, ..), kognitive (bspw. Identitätsverlust, Konzentrationsstörungen, Verbitterung, Probleme der Akzeptanz der Realität, ..), spirituelle (bspw. Sinnverlust, Glaubensverlust, ..), seelische (bspw. Sehnsucht, Gefühl der Verlassenheit und des Wundseins, .. ) und psychische (bspw. Unruhe, Traurigkeit, Aggression, Angst, Einsamkeit, ..) Symptome genauso wie Symptome im Sozialverhalten (bspw. Rückzug, Apathie oder Hyperaktivität, ..). Dies muss nicht nur an der Person des Trauernden an sich liegen, sondern kann auch mit den äußeren Umständen zu tun haben. Hier ist eine Trauerbegleitung mit einer größeren Basisqualifikation angebracht. Generell können auch nicht erschwert Trauernde diese Symptome zeigen. Die komplizierte Trauer zeigt sich insbesondere in der dritten Phase des Trauerprozesses, also nach dreizehn Monaten, wenn die Verzweiflung, Sehnsucht und der Schmerz weiter anhalten – also insb. die seelischen und psychischen Symptome. Aber auch eine Übernahme von Verhaltensweisen oder Symptomen des Verstorbenen ist als Symptom des Sozialverhaltens zu werten. Ist der Verstorbene bspw. an einem Herzinfarkt gestorben, so kann der Trauernde einen nicht medizinisch begründbaren Herzschmerz verspüren. Hier ist eine Trauerbegleitung mit einer großen Basisqualifikation gefragt. Zu bedenken ist außerdem eine begleitende Psychotherapie. Das Trauma als weitere Stufe zeigt sich schon in der zweiten Phase des Trauerprozesses, also sechs bis dreizehn Monate nach dem Tod des Verstorbenen. Hier kann es zu Symptomen ähnlich der Post-traumatischen-Belastungsstörung, zu Dissoziation, Flashbacks oder Übererregtheit kommen. Es geht also um die körperlichen und psychischen Symptome. Außerdem können traumatisierte Trauernde bspw. Vermeidungsverhalten zeigen, indem sie die zu bewältigenden Traueraufgaben nicht berühren, oder Wiederholungsverhalten. Auch Symptome des Sozialverhaltens sind demnach zu beachten. In der dritten Phase zeigt sich das Trauma noch immer mit den gleichen Symptomen. Eine Begleitung ist hier durch eine Traumatherapie sinnvoll. Eine Trauerbegleitung mit großer Basisqualifikation kann zusätzlich stabilisierend wirken (Paul & Müller, 2007, S. 410-419; Bering, 2016, S. 3-4).

Komplizierte bzw. pathologische Trauer kann nun anhand der Trauerreaktionen klassifiziert werden. Worden unterscheidet die chronische, verzögerte, übertriebene und lavierte Trauerreaktion. Dabei ist die chronische Trauerreaktion dadurch gekennzeichnet, dass sie keinen Abschluss findet. Die Person kann sich dabei durchaus darüber klar sein, dass sie die Trauer aus eigener Kraft nicht beenden kann. Die verzögerte Trauerreaktion dagegen stellt eine eher gehemmte oder aufgeschobene Trauer da. Der Trauernde verarbeitet den Verlust nur unzureichend und die Trauer wird nicht vollständig durchlebt. Bei einem späteren Verlust kann so der unbewältigte Schmerz in Verbindung mit dem neuen Verlust auftreten, was eine scheinbar unangemessen intensive Trauerreaktion ergibt. Die Trauer wird oft nicht mit dem vorangegangenen Verlust in Verbindung gemacht. Die übertriebene Trauerreaktion stellt eine exzessive Reaktion dar. Durch die steigenden Ängste können sich so auch Phobien entwickeln, die häufig mit dem Tod oder Schuldgefühlen in Verbindung ziehen. Eine Prüfung der Realität ist durch die extreme und irrationale Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nicht möglich. Die lavierte Trauerreaktion stellt ein Ausbleiben von klassischer Trauer dar, die sich dann in anderer Weise, wie delinquentes Verhalten, zeigt. Diese Mechanismen setzten als Selbstschutz ein, um den schmerzhaften Trauerprozess zu vermeiden. Oft wird hier die Verbindung mit einer Trauerreaktion nicht gesehen (Worden, 2010, S. 125-148).

Wann kommt es zu einer erschwerten oder komplizierten Trauer, oder sogar zu einem Trauma? Hier können Risikofaktoren wie die Begleitumstände des Todes (bspw. Suizid, Mord, plötzliches Eintreten des Todes,.. ), die Beziehung zum Verstorbenen (bspw. eine sehr enge Beziehung; eine Bezugsperson), die Trauerbiographie sowie die Persönlichkeit des Trauernden (vorangegangene Trauerfälle, ..) sowie die Bewältigungsstrategien des Trauernden genannt werden. Bei einer ungünstigen Konstellation kann es also zu einer erschwerten oder komplizierten Trauer oder einem Trauma kommen. Allerdings können Ressourcen des Trauernden den Trauerprozess in die entgegengesetzte, positive Richtung beeinflussen: so wirken sich ein stabiles Sozialnetzwerk, eine gewisse Spiritualität sowie eigene Überzeugungen und erfolgreiche Selbstwirksamkeitserfahrungen hinsichtlich der Bewältigungsstrategie positiv aus (Paul & Müller, 2007, S. 410-419; Bering, 2016, S. 5).

Wie oben erläutert ist Trauer eine vielfältige und individuelle Reaktion. Insbesondere bei der erschwerten oder komplizierten Trauer, oder beim Trauma, brauchen Menschen bedingt Unterstützung. Aber auch bei nicht erschwerter Trauer kann eine Trauerbegleitung sinnvoll sein.

3. Beschreibung der Feldarbeit

Im folgenden Abschnitt folgt eine Vorstellung der Methode und Durchführung der Forschung. Dazu wird als Erstes das Forschungsfeld bzgl. des Forschungsinteresses abgegrenzt sowie der Feldzugang beschrieben. Die angewandte Methode des Leitfadeninterviews sowie die Auswertungstechnik werden kurz theoretisch vorgestellt.

a. Abgrenzung des Forschungsfeldes

Die Abgrenzung des Forschungsfeldes ist für die qualitative Sozialforschung nicht nur hinsichtlich der Erhebungsphase, sondern auch für das gesamte Ergebnis wichtig. So können Ergebnisse nachvollzogen und ggf. ein spezieller Geltungsbereich geschlussfolgert werden. Zum Forschungsfeld gehören Personen, institutionelle Kontexte, Netzwerke oder auch Orte. Jedoch ist eine Erweiterung und Neubestimmung des Forschungsfeldes jederzeit möglich (Przyborski, Wohlrab-Sahr, 2010, S. 1-10). Eine generelle Abgrenzung ist jedoch selbstverständlich nötig, um dem Forschungsgegenstand angemessen zu sein. Daneben unterliegt das Forschungsdesign ebenfalls der Gegenstandsangemessenheit.

Zentral für das Abstecken des Forschungsfeldes für Trauerbegleitung ist die Frage, wo das ergiebigste Material zu finden ist, wer Schlüsselpersonen sind, und wie die Prioritäten im Feld gesetzt werden müssen.

Bezüglich selbst erlebter Trauer von Betroffenen wären natürlich Trauernde in einer Organisation rein theoretisch hervorragend dafür geeignet, Informationen über die Trauererfahrungen, den Ablauf im Betrieb und ihren Wünschen und Bedürfnissen zu liefern. Jedoch sind Trauernde oft nicht in der Lage, diese Informationen in solchen Situationen zu geben – wären sie voll leistungsfähig, würde es den Diskurs um Trauerbegleitung in Unternehmen, aus wirtschaftlicher Sicht als Optimierungswerkzeug, gar nicht geben (vgl. hierzu Anhang D: Reflexion des Vortrages von Prof. Dr. Albrecht). Außerdem würde ein Herantreten an Trauernde, sofern ein Zugang zu dieser Stichprobe überhaupt möglich ist, sicherlich als sozialer Normbruch in Verbindung mit fehlendem Respekt sowie Empathie und Achtsamkeit gelten, die besonders in diesem Thema aber unbedingt nötig sind.

Experten[1] dieses Themas sind aber nicht nur Trauernde, sondern natürlich auch Trauerbegleiter. Auch Ärzt*innen in Hospizen, Psychiater*innen, Psychotherapeut*innen, Hebammen oder Notfallseelsorger*innen gehören zum Forschungsfeld. Organisator*innen von Selbsthilfegruppen sowie Selbsthilfeorganisationen, religiöse Einrichtungen, Beratungsstellen, Bestattungsunternehmen, Trauercafés oder auch die Polizei sind mit Trauerfällen und Trauernden konfrontiert. Ebenso Handwerksbetriebe oder die Handwerkskammer als übergeordnetes Unternehmen. Generell gilt: Tod betrifft jeden Menschen, und Trauer oft ebenso. Das Sterben ist unausweichlich, und so gehört es theoretisch in jeden Lebensbereich. Das Feld kann so nicht klar umrissen werden und unterliegt auch keinen kontrollierbaren Variablen. Außerdem sind Forschungsfelder nie losgelöst von anderen Feldern, denn Menschen befinden sich nie in nur einem sozialen Feld. Schlussendlich muss betrachtet werden, dass sich auch das Feld immer wieder weiterentwickelt, wie sich auch Menschen weiterentwickeln. Hier kann also nur der Ist-Zustand festgehalten werden.

Hinsichtlich des Forschungsinteresses wurden hier Handwerksbetriebe sowie Trauerbegleiter, Journalisten oder Bestattungsunternehmen in Sachsen-Anhalt ausgewählt, da in diesem örtlichen Umfeld bereits Kontakte zu Handwerksbetrieben bestanden. Zum einen soll damit die tatsächliche Umsetzung in handwerklichen Kleinbetrieben gesichtet werden, aber auch das fachliche Wissen und die vielen Erfahrungen von ausgebildeten Trauerbegleitern oder Bestattern.

Da die einmalige Möglichkeit eines Interviews in dem muslimischen Gebiet Sansibar, Tansania, bestand, wurde auch diese Option genutzt. Hier wurde der Umgang mit Trauer von Erwachsenen und Kindern in einem Waisenheim betrachtet.

b. Beschreibung des Feldzugangs

Um einen Zugang zum Feld zu erlangen, müssen erst einmal Informationen über das Feld gesammelt werden. Über eine Schneeballsuche im Internet können schnell erste Informationen gesammelt werden, die schnell die Bedingungen und Ausdehnungen des Feldes verdeutlichen. Trauerbegleitung ist ein großer Themenkomplex, der von vielen Institutionen tangiert werden kann. Kontaktanzeigen, soziale Netzwerke, Schlüsselpersonen oder Ähnliches können den Zugang zum Feld ermöglichen.

In diesem Fall funktionierte der Feldzugang der Trauerbegleiter oder Bestattungsunternehmen digital im Internet über E-Mail-Kontakt. In der E-Mail wurde der Interviewer kurz vorgestellt, das Forschungsinteresse erläutert, und freundlich um eine kurze Rückmeldung per E-Mail oder telefonisch gebeten. In Magdeburg wurden zwei Trauerbegleiterinnen und ein Bestattungsunternehmen per E-Mail kontaktiert. Eine Trauerbegleiterin meldete sich sofort per E-Mail zurück, und es wurde ein Interviewtermin und Ort vereinbart. Da die Trauerbegleiterin einen Interviewtermin in ihrem privaten Büro der Institution, für die sie arbeitet, anbot, entfiel das Erstgespräch. Bei der zweiten Trauerbegleiterin sowie beim Bestattungsunternehmen wurde nach drei Tagen telefonisch nachgehakt, allerdings bestand leider kein Interesse.

Der Zugang zum Feld der Handwerksbetriebe in Sachsen-Anhalt funktionierte über private Kontakte, sodass eine förmliche E-Mail oder ein Telefonat nicht nötig war. Das Forschungsinteresse wurde in einem persönlichen Gespräch dargelegt und es wurde erörtert, ob der Geschäftsführer des Handwerksbetriebes damit einverstanden ist, in diesem Forschungsprojekt teilzunehmen. Nach einer Zusage wurde sofort ein Termin vereinbart, der im privaten Haus des Interviewpartners stattfand.

Der Zugang zum Feld der kulturspezifischen Trauer in Tansania wurde durch ein vorangehendes Praktikum vor Ort geschaffen. Eine förmliche E-Mail oder Sonstiges war auch hier nicht nötig, sondern das Forschungsinteresse wurde in einem persönlichen Gespräch kurz erläutert. Die Geschäftsführerin des Waisenheimes willigte ohne Umstände ein, und es wurde ein Termin für das Interviewgespräch im Waisenheim, das auch gleichzeitig das private Wohnhaus der Geschäftsführerin ist, vereinbart.

c. Beschreibung der angewandten Methoden: Das Leitfadeninterview

Grundlegend für das Begeben in das Forschungsfeld ist immer Offenheit, also die initiale Öffnung gegenüber dem Wissen, das im Feld vorhanden ist, ohne steife Vorannahmen. Zu den insgesamt fünf Prinzipien gehören aber auch die oben erwähnte Gegenstandsangemessenheit und eine angemessene Kommunikation. Außerdem muss beachtet werden, dass es sich um ein empirisches Feld handelt, dass sich ständig verändert, sodass die Erhebung perspektivisch nicht nur einmal stattfinden sollte. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess der Interaktion im Feld, sodass Forschende selbst Teil des Forschungsergebnisses werden. Dies wird unter Prozesshaftigkeit verstanden. Letztlich ist die Reflexivität anzumerken, denn die konkrete Forschungsfrage und der Forschungsgegenstand verweisen reziprok auf sich. Dies beeinflusst auch die Art und Weise, wie Felddaten bewertet, und welche Bedeutungsmuster die Forschenden ihnen zuschreiben (Strübing, 2013, S. 19-22).

Um die subjektiven Relevanzstrukturen und die Ordnungsmuster des Forschungsfeldes Trauer und ihre Begleitung am Arbeitsplatz zu beschreiben, wurde sich hier für die Methode der Leitfadeninterviews entschieden. Diese eignen sich insbesondere für beschreibende und argumentierende Darstellungsmodi, da sie den Spagat zwischen strukturierten, standardisierten Fragen sowie offenen, theoriegenerierenden Fragen hält (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2010: S. 138-145). Grundlage bildet der namensgebende Leitfaden: dieser enthält relevante Themen und Fragestellungen des Froschenden, aber auch offene Chancen für die Befragten, spezifische Erlebnisse zu äußern, als auch ganz andere Themen einzubringen. Die Formulierungen der Fragen sind restriktiv. Bei der Konzipierung des Leitfadens werden die Fragen in solch eine Reihenfolge gebracht, die einem tatsächlichen Gespräch entsprechen könnte – dabei können auch Alternativfragen auftauchen. Das Konzept des Leitfadeninterviews nun beruht jedoch darauf, sich nicht starr an diesen Leitfaden mit Fragen zu halten, sondern das Gespräch von Thema zu Thema zu moderieren und den Gesprächsfluss aufrecht zu erhalten. Dabei trotz dessen alle geplanten Themen angesprochen zu haben, ist in diesem Falle die Kunst des Interviews und verlangt eine kompetente Gesprächsführung. Im besten Fall dient der Leitfaden als Gedächtnisstütze und drängt sich nicht in den Vordergrund, sodass es von außen beinahe wie ein freies Gespräch anzumuten vermag (Strübing, 2013; S. 92-93). So werden auch die Prinzipien qualitativer Sozialforschung optimal erfüllt, denn die initiale Offenheit gegenüber dem Feld sowie eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre sind fundamental.

Der Aufbau des Leitfadens beginnt mit einem Eingangsstimulus. Dieser kann eine offene Eingangsfrage oder ein anderer Erzählstimulus sein. Danach folgen die Fragen, aus denen Themenkomplexe gebildet wurden, die so angeordnet werden, dass sie dem realen Gespräch logisch entsprechen könnten. Werden die Fragen ausformuliert, so kann dies zu einer besseren Vergleichbarkeit mehrerer Interviews führen, aber auch zu der Gefahr eines starren Befolgens des Leitfadens. Hier wurden die Fragen im Leitfaden ausformuliert – insbesondere der Eingangsstimulus sowie der Schluss – doch im Interview wurden die Fragen größtenteils ad hoc formuliert, um eine angenehmere Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Provokante oder heikle Fragen stehen außerdem ebenfalls eher am Ende. Letztlich folgt eine Abrundung des Gespräches, bei der dem Befragten nochmals die Gelegenheit gegeben wird, etwas zu ergänzen. Nach dem Dankeswort ist die Interviewsituation beendet.

Beim Leitfaden sollte darauf geachtet werden, die Fragen offen und leicht verständlich zu formulieren: also nach dem Wie oder Warum zu fragen. Ja-Nein-Fragen sowie Suggestivfragen sollten vermieden werden. Bei der Überprüfung des Leitfadens muss die Kompatibilität mit dem Befragten sowie der Situation bedacht werden.

Beim Leitfaden für das Interview mit der Trauerbegleiterin wird im Eingangsstimulus das Forschungsinteresse kurz erläutert sowie die eigene Person vorgestellt. Nach einem beruflichen Zuordnen des Interviewpartners wird als Erzählstimulus nach der Motivation zur Trauerbegleiterausbildung gefragt. Danach folgen die Themenkomplexe zur Ausbildung und Erfahrung sowie zu den Aufgaben und Selbstverständnis von Trauerbegleitern. Als Nächstes werden abnorme Situationen sowie die Grenzen der Trauerbegleitung angesprochen, wobei zu diesem heiklen Thema mit einem kurzen Erzählstimulus übergeleitet wird. Trauerbegleitung und Selbsthilfegruppen als zusätzliche Ressourcen und die Work-Life-Balance von Trauerbegleitung folgen danach. Beim Abschluss handelt es sich um die Nachfrage zu Dingen, die der Befragte noch einbringen möchte, sowie einer Danksagung (siehe Anhang F.f.).

Beim Leitfaden für das Interview mit dem Geschäftsführer eines Handwerkbetriebes wird im Eingangsstimulus das Forschungsinteresse ebenfalls erläutert. Nach der beruflichen Einordnung des Interviewpartners wird nach den Erfahrungen mit Trauer und Trauernden im Handwerksbetrieb gefragt. Nach diesem Erzählstimulus folgt der Themenkomplex der Trauer im Handwerksbetrieb. Die Grenzen von Trauerbegleitung und Trauer im Betrieb, extreme Situationen sowie Weiterbildungs- und Optimierungsmöglichkeiten werden danach behandelt. Am Ende folgt auch hier eine Nachfrage nach weiteren Themen sowie eine Danksagung (siehe Anhang G.f).

Der englische Leitfaden für das Interview mit der Geschäftsführerin eines Waisenheimes in Sansibar stellt im Eingangsstimulus den Interviewer sowie den Grund des Interviews kurz vor. Als Erzählstimulus wird nach der Motivation zur Gründung und Aufrechterhaltung des Waisenheims gefragt. Danach folgt der Themenkomplex dieses Waisenheims generell, der auch das Selbstbild sowie die Aufgaben der Geschäftsführerin abfragt, aber auch Trauer in Sansibar beleuchtet. Danach folgt der Themenkomplex rund um abnorme Trauersituationen, der schwierige Situationen und die Grenzen von Trauerbegleitung im weitesten Sinne behandelt. Komplizierte Trauer speziell wird in einem Stimulus durch den Interviewer kurz erklärt, damit eine gemeinsame Wissensbasis besteht. Da es sich dabei um heikle Fragen handelt, wurde für diese Fragen ebenfalls ein kurzer Erzählstimulus angefügt. Als Letztes folgt das Thema rund um die Work-Life-Balance der Geschäftsführerin. Nun wird auch hier nach weiteren dem Befragten wichtigen Themen gefragt sowie Dank ausgesprochen (siehe Anhang H.f.).

d. Auswertungstechnik für Leitfadeninterviews nach C. Schmidt

Um die erhobenen Daten der Interviews fachgerecht auswerten zu können, wird sich hier an der der Auswertungstechnik für Leitfadeninterviews von Christiane Schmidt (2007) orientiert.

Diese Technik knüpft am Problempunkt der Auswertung qualitativen Materials an, denn durch die Offenheit von Leitfadeninterviews können diese nicht mit den vorher festgelegte Kategorien ausgewertet werden. Vielmehr ist es nötig, aus dem erhobenen Material theoriegenerierende Kategorien zu bilden, mit denen dann das Material wiederum ausgewertet wird. Selbstverständlich ist die Basis dafür trotz dessen ein theoretisches Vorwissen und ein wissenschaftliches Vorgehen, sodass sich ein Austausch zwischen dem Material und dem Vorwissen ergibt (Schmidt, C., 2007, S. 447).

[...]


[1] Experten werden hier als Personen verstanden, die über ein spezifisches Wissen eines Feldes bzw. einer Rolle im Feld verfügen und als Repräsentanten verstanden werden können. Sie nehmen auf diesem Wissen basierende Kompetenzen gleichermaßen in Anspruch, als sie ihnen auch zugeschrieben werden. Dieses Wissen wird Expertenwissen genannt und beschreibt die Mechanismen und Regeln im Feld, aber auch Wissen um Deutungsmuster und Kontexte. (Laudel & Gläser, 2004; S. 10).

Details

Seiten
110
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668402195
ISBN (Buch)
9783668402201
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353326
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Soziologie trauer trauerbegleitung am arbeitsplatz begleitung qualitative forschung empirisch interview schmerz überwinden arbeitgeber leitfaden handwerkskammer koblenz magdeburg komplizierte

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Titel: Trauer und ihre Begleitung am Arbeitsplatz. Über den Umgang mit Trauernden