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Welchen Einfluss hat die Persönlichkeit auf die Work-Life-Balance?

Eine empirische Studie

Bachelorarbeit 2016 88 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund: Das Konzept der Persönlichkeit
2.1. Ansätze der Definition
2.2. Die Eigenschaftstheorie und der psycholexikale Ansatz
2.2.1. Persönlichkeitsdimensionen nach Cattell
2.2.2. 3-Faktoren-Modell nach Eysenck
2.2.3. 5-Faktoren-Modell: Die Big Five

3. Theoretischer Hintergrund: Das Konzept der Work-Life-Balance
3.1. Ansätze der Definition
3.2. Ursprung und Aktualität

4. Aktuelle Forschungen: Persönlichkeit, Gesundheit und Work-Life-Balance

5. Fragestellung und Hypothesen

6. Methode
6.1. Stichprobe
6.2. Material
6.2.1. IPIP: International Personality Item Pool
6.2.2. BIP: Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung
6.2.3. COPSOQ: Copenhagen Psychosocial Questionnaire
6.2.4. Work-Family-Conflict-Scale
6.2.5. TKS-WLB: Trierer Kurzskala zur Erfassung der Work-Life-Balance
6.3. Untersuchungsablauf

7. Ergebnisse
7.1. Gütekriterien der Variablen
7.2. Überprüfung der H1
7.3. Überprüfung der H2
7.4. Überprüfung der H3
7.5. Überprüfung der H4
7.6. Überprüfung der H5
7.7. Überprüfung der H6
7.8. Überprüfung der Forschungsfragen

8. Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
A Fragebogen
B Ansätze der Persönlichkeitsbeschreibung
C Einordnung der Stichprobe .
D Korrelationen Neurotizismusfacetten und Gesundheit
E Regressionsgleichung
F Freitextantworten

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Verteilung von Alter und Geschlecht

Abbildung 2: Verteilung der Beschäftigungsbereiche

Abbildung 3: Überstunden und Wunsch nach Arbeitszeitreduzierung

Tabelle 1: Extraversion und Neurotizismus der IPIP-Skala..

Tabelle 2: vertiefende Pearson-Korrelationen zu H3

Tabelle 3: vertiefende Pearson-Korrelationen zu H4

Tabelle 4: Pearson-Korrelationen des Gesundheitsstatus mit WLB und Neurotizismus..

Tabelle 5: Pearson-Korrelation zum Wunsch nach Arbeitszeitreduzierung..

Tabelle 6: Verteilung der Persönlichkeitsfacetten.

Tabelle 7: Korrelationen der Neurotizismusfacetten mit Gesundheit

Zusammenfassung

Das Konzept der Work-Life-Balance beschreibt hier die individuelle Ausgestaltung und Vereinbarkeit der Hauptlebensbereiche eines Menschen, wozu die Erwerbsarbeit sowie die individuelle, private und soziale Zeit gehören. Welchen Einflussfaktor die Persönlichkeit bei diesem Balanceakt hat, wurde in dieser empirischen Arbeit anhand von Daten von Beschäftigten des Arbeitgebers GFBI untersucht. Dabei konnte festgestellt werden, dass eine hohe Ausprägung der Facette Frohsinn der Persönlichkeitsdimension Extraversion mit hohen Werten der Work-Life-Balance einhergeht, was für eine subjektiv gut ausgestaltete Work-Life-Balance spricht. Extraversion korreliert daneben mit Leistungsmotivation. Dagegen gehen hohe Werte der Dimension Neurotizismus mit einer schlecht ausgestalteten Work-Life-Balance einher. Des Weiteren besteht eine negative Korrelation zwischen Neurotizismus und Belastbarkeit. Hohe Ausprägung der Dimension Neurotizismus korrelieren außerdem positiv mit empfundenen Einbußen in Kraft und Zeit durch die Arbeit, die ein Arbeitnehmer im Privatleben hinnehmen muss. Insgesamt spricht ein guter Gesundheitszustand für eine individuell gut ausgestaltete Work-Life-Balance und gleichzeitig für eine niedrige Ausprägung der Dimension Neurotizismus.

The concept of Work-Life-Balance is about the individual design and compatibility of the main aspects of life, including the time spent in employment, private and social time. How one‘s personalty influences this act of balancing was investigated in this study, based on data from employees of one company. It was found that high scores in cheerfulness of the personality dimension ectraversion are associated with high scores in work-life-balance. This indicates a subjectively well balanced work-life-balance. Extraversion correlates with achievement motivation. In contrast, high scores in neuroticism are associated with a poorly developed work-life-balance. Furthermore, there is a negative correlation between neuroticism and resilience. High scores in neuroticism are also positively correlated with a perceived loss in time and energy caused by one‘s work in employment. Generally, a good health could indicate a subjectively well-balanced work-life-balance with simultaneously low neuriticism scores.

1. Einleitung

Während der industriellen Revolution sind die Anforderungen an das Individuum und seine Arbeit exponentiell gestiegen. Das Zeitempfinden scheint bis heute beschleunigt – und viele Individuen versuchen, Schritt zu halten. Doch oft reicht es nicht mehr, gute Leistungen zu erbringen: Arbeitgeber scheinen gezielt „Persönlichkeiten“ zu suchen, die ihr Unternehmen bereichern und sich der Arbeit auf bestimmte Art und Weise widmen. Zieht man den „Stressreport“ (Lohmann-Haislah, 2012) hinzu, zeigt sich ein beunruhigendes Bild: 41% der Befragten geben an, nur manchmal oder nie persönliche Interessen innerhalb der Arbeitszeitplanung zu berücksichtigen. Dabei stellt der Akt der Balance zwischen Beruf und Arbeit besonders heutzutage einen wesentlichen Bestandteil des Lebens dar, der weitreichende Konsequenzen haben kann. Demnach ist die Diskussion rund um Work-Life-Balance ein wichtiges Phänomen der Neuzeit.

Eine ungesunde Ausgestaltung der Hauptlebensbereiche kann sich auf die psychische und physische Gesundheit niederschlagen. Ein Großteil der Menschen priorisiert die Interessen der Arbeit über ihre eigenen (ebd.), gleichzeitig steigen jedoch die Anzahl psychotherapeutischer Behandlungen (DAK-Gesundheitsreport, 2013). Innerhalb von acht Jahren hat sich dieser Anteil von 11,7% auf 22,5% fast verdoppelt! Die Dringlichkeit der umfassenden Betrachtung des Themas Work-Life-Balance ist demnach unübersehbar.

Die Persönlichkeitsforschung fußt auf der Annahme, dass die Persönlichkeit eines Menschen sein Erleben und Verhalten maßgeblich in vielen Bereichen des Lebens beeinflusst (vgl. bspw. Allport, 1937; Caprara & Cervone, 2000; Cattell, 1945). Demnach ist anzunehmen, dass die Persönlichkeit ebenfalls die individuelle Ausgestaltung der Work-Life-Balance beeinflusst. Beim Identifizieren von Ursachen für eine ungünstig ausgestalte Work-Life-Balance, die zu gesundheitlichen Beschwerden führt, könnte die Persönlichkeitsforschung demnach wichtige Erkenntnisse liefern. In dieser empirischen Bachelorarbeit soll untersucht werden, ob ein Zusammenhang von Persönlichkeitsdimensionen und Work-Life-Balance besteht, und welche Facetten dabei besonders relevant sind. Dabei werden die Dimensionen Extraversion und Neurotizismus, sowie die berufsbezogenen Persönlichkeitsfacetten Leistungsmotivation und Belastbarkeit, untersucht. Weisen Menschen mit einem stark ausgeprägten Neurotizismus tendenziell eine Work-Life-Imbalance vor? Die Gesundheit soll in dieser Studie ebenfalls in Zusammenhang mit der Persönlichkeit wie auch der Work-Life-Balance gesetzt werden. Weisen Menschen mit einer gut ausgestalteten Work-Life-Balance einen besseren Gesundheitszustand auf?

Zur empirischen und statistischen Betrachtung dieser Fragen werden zunächst die Begriffe Persönlichkeit und Work-Life-Balance innerhalb des theoretischen Hintergrunds definiert. Der bisherige Forschungsstand zu Gesundheit, Persönlichkeit und Work-Life-Balance wird ebenfalls umfassend beleuchtet. Die daraus resultierenden Hypothesen und Forschungsfragen der hier vorliegenden Studie werden postuliert und erläutert. Darauf folgen Erläuterungen des verwendeten Materials, der Stichprobe sowie der Methodik der Studie. Damit die Arbeitsbedingungen relativ gleichgestellt sind, wurden lediglich die Daten der Beschäftigten einer Firma (GFBI) herangezogen. Dann werden die Analysen zu den jeweiligen Hypothesen und Forschungsfragen im Ergebnisteil umfassend behandelt. Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse im letzten Teil kritisch bewertet. In diesem Teil werden auch praktische Handlungsimplikationen gegeben. Neben den statistischen Daten wurden diese u.a. aus den qualitativen Freitext-Aussagen der Probanden gewonnen, sodass eine praktische Nähe vorhanden ist. Nicht betrachtet werden sollen in dieser Arbeit die Persönlichkeitsdimensionen Offenheit, Gewissenhaftigkeit oder Verträglichkeit. Auch sollen keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern betrachtet werden. Vielmehr geht es in dieser Arbeit um den generellen Einfluss der Persönlichkeit auf die Work-Life-Balance.

2. Theoretischer Hintergrund: Das Konzept der Persönlichkeit

Umfassend zum Thema der Persönlichkeits- sowie Verhaltensunterschiede zwischen Menschen wird im Gebiet der differentiellen bzw. Persönlichkeitspsychologie geforscht. Persönlichkeitseigenschaften können demnach durchaus bis zu einem gewissen Grad als Prädiktoren des Verhaltens verstanden werden. In dieser empirischen Arbeit werden Unterschiede der Persönlichkeit im Zusammenhang mit der Ausgestaltung der individuellen Work-Life-Balance als daraus resultierendes Verhalten betrachtet. Als Basis dafür wird das Konzept der Persönlichkeit vorgestellt, insbesondere die Big Five (Allport, 1937; Allport & Odbert, 1936). Andere Persönlichkeitstheorien, wie die Konstrukttheorie nach Kelly (1991) oder die Theorie der Selbstaktualisierung nach Rogers (Rogers, 2016) sollen dennoch kurz erläutert werden.

2.1. Ansätze der Definition

Schon im Altertum wurde sich daran versucht, die menschliche Natur zu beschreiben und zu erklären. Warum sind die Menschen so, wie sie sind? Und warum unterscheidet sich jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit trotzdem von anderen? Hippokrates[1] wird dabei mit seiner Temperamentslehre als einer der ersten Vorläufer der Persönlichkeitspsychologie betrachtet. Auch Kant und Wundt beschäftigten sich mit der Temperamentslehre (Rammsayer & Weber, 2010; Werner, 2007). Doch wo ist der Unterschied von Temperament, Persönlichkeit oder gar Charakter? Teilweise wurden diese Begriffe synonym verwendet, wodurch sich umso mehr die Dringlichkeit einer Definition ergibt. Die zahlreichen und vor allem kontextabhängigen Bedeutungen des Begriffs „Persönlichkeit“ zeigte Allport 1937 auf. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde darüber debattiert, ob die Definition des Begriffs der umgangssprachlichen Verwendung (Meili, 1965) oder der weitgehenden Zustimmung der (Persönlichkeits-)Psychologen (Eysenck & Eysenck, 1987) folgen sollte. Die Definition von Eysenck & Eysenck beschreibt folglich Persönlichkeit als

„[...] die mehr oder weniger stabile und dauerhafte Organisation des Charakters, Temperaments, Intellekts und Körperbaus eines Menschen, die seine einzigartige Anpassung an die Umwelt bestimmt. Der Charakter eines Menschen bezeichnet das mehr oder weniger stabile dauerhafte System seines konativen Verhaltens (des Willens); sein Temperament das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seines affektiven Verhaltens (der Emotion oder des Gefühls); sein Intellekt das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seines kognitiven Verhaltens (der Intelligenz); sein Körperbau das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seiner physischen Gestalt und neuroendokrinen (hormonalen) Ausstattung.“ (Eysenck & Eysenck, 1987, S. 10)

An dieser Definition wird ersichtlich, dass sich der Begriff Persönlichkeit mitunter nicht nur auf psychische, sondern auch auf physische Merkmale beziehen kann. Guilford (1970) beschreibt bspw. insgesamt sieben Bereiche der Persönlichkeitseigenschaften, zu denen Bedürfnisse, Interessen, Einstellungen, Eignungen und das Temperament gehören, aber auch Morphologie und Physiologie. Diese Arbeit konzentriert sich jedoch ausschließlich auf Persönlichkeit als zeitlich relativ stabile und überdauernde psychische Eigenschaften des Menschen, da diese ein konsistentes Muster des Fühlens, Denkens und Verhaltens ausmachen (Pervin, Cervone & John, 2005). Nach Cattell (1945) stellt die Persönlichkeit die ausdrücklich nicht-situativen, also konsistenten, Bedingungen des Verhaltens dar, die in der Person selbst liegen. Das Verhalten und auch das Erleben ist demnach immer durch mehrere Eigenschaften beeinflusst, also multipel determiniert (Angleitner & Riemann, 2009; Cattell, 1945). Menschen mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften weisen demnach in verschiedenen Situationen eine ganz bestimmte Art von Reaktion auf (Caprara & Cervone, 2000). Lewin setzt noch mehr Bezug zu Lebensraum (L), psychologischer Umwelt (U) und dem Verhalten (V) der Person (P), indem er seine Definition des Verhaltens der Formel V = f(L) = f(P, U) darstellt. In Worten beschreibt er, dass das Verhalten vom Lebensraum, der die Vergangenheit, Gegenwart oder auch Stimmungen umfasst, abhängig ist. Allerdings ist der Lebensraum seinerseits abhängig von der Person sowie ihrer psychologischen Umwelt. Damit entsteht eine wechselwirkende Abhängigkeit. Lewin veranschaulichte mit diesem Ansatz die Vielfalt der Aspekte, die das Verhalten beeinflussen (Lewin, 2012). Dass die Eigenarten einer Person unverkennbar in sozialer Interaktion und Begutachtung stehen und durchaus auch mit der Suche nach Identität zu tun haben, wird in der Definition nach Fiedler deutlich:

Persönlichkeit bzw. Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen sind der Ausdruck der für ihn charakteristischen Verhaltensweisen und Interaktionsmuster mit denen er gesellschaftlich-kulturellen Anforderungen und Erwartungen zu entsprechen und seine zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Suche nach einer persönlichen Identität mit Sinn zu füllen versucht.“ (Fiedler, 2012, S. 2)

An dieser Definition des Konstruktes der Persönlichkeit soll sich nachfolgend orientiert werden. Es handelt sich also um tief verwurzelte Eigenschaften des jeweiligen Menschen, die in sozialen oder persönlichen Situationen ein Prädiktor für das Verhalten sein können. Sie stellen damit ein Stück weit ebenfalls den Lebensstil des Menschen dar, womit der Einfluss der Persönlichkeit auf die individuelle Work-Life-Balance bereits ersichtlich wird.

2.2. Die Eigenschaftstheorie und der psycholexikale Ansatz

Die Beschreibung und Erklärung der Natur des Menschen und der Einzigartigkeit des einzelnen Menschen ist das Ziel der Persönlichkeitspsychologie. Dabei gibt es verschiedene Ansätze, die sich in grundlegenden Konzepten, jedoch insbesondere in der abweichenden Gewichtung der allgemeinen Natur des Menschen auf der einen Seite, und der Einzigartigkeit des Individuums auf der anderen Seite, unterscheiden. Der psychoanalytische, behavioristische, kognitive, humanistische und neo-humanistische Ansatz sowie die Selbstkonzept- und Sozial-Kognitive-Lerntheorie sollen grob im Anhang B umrissen bleiben. Die Eigenschaftstheorie wird nachfolgend ausführlich beschrieben.

Eigenschaftstheorien gehen davon aus, dass sich die Persönlichkeit des Menschen durch die Ausprägung einer bestimmten Eigenschaft (Disposition, trait) kennzeichnen lässt. Der Alltagsvorstellung von Persönlichkeit kommen eigenschaftstheoretische Ansätze sicherlich auch deshalb am nähesten, da sie Verhaltens- und Erlebenstrends über verschiedene Situationen zusammenfassen. Diese individuellen Verhaltens- und Erlebenstrends können durch die Eigenschaftsbegriffe erklärt sowie vorhergesagt werden. Eigenschaftstheorien unterscheiden sich schlussendlich in der Auswahl der Eigenschaften sowie in der Ursachenerklärung für Stabilität und Konsistenz der Eigenschaft (Angleitner & Riemann, 2009).

Eigenschaften zeigen sich relativ beständig über einen gewissen Zeitraum (Stabilität) sowie in verschiedenen Situationen (Konsistenz). Diese Stabilität und Konsistenz bedeutet jedoch nicht, dass sie sich nicht auch ändern würden. Abzugrenzen sind Eigenschaften damit jedoch von Zuständen oder Stimmungen wie Müdigkeit oder Niedergeschlagenheit (Angleitner & Riemann, 2009). Nach Allport sind Eigenschaften Konstrukte der Neuropsyche, die zu sinnvollen und konsistenten, also äquivalenten Verhaltensweisen in Ausdruck und Leistung führen, indem sie die wahrgenommenen Reize zuvor funktional äquivalent machen (Allport, 1937; Angleitner & Riemann, 2009). Eigenschaften wirken also integrativ und sind durch die Konsistenz des Verhaltens, das sie bewirken, auch von außen erkenn- und messbar. Eine bestimmte Eigenschaft einer Person beeinflusst die Wahrnehmung der Person in Reizsituationen und führt so zu bestimmten Reaktionen oder ggf. auch dazu, dass diese Person diese bestimmten Reizsituationen aufsucht. Solche Reizsituationen können bspw. sozialer Art sein, so wie das Anstehen im Wartebereich, die Busfahrt oder eine Geburtstagsfeier. Ob eine Person diese Reizsituationen als positive Gelegenheit zur sozialen Interaktion betrachtet und dementsprechend reagiert, hängt von entsprechenden Eigenschaften, wie Geselligkeit, ab. Solche und ähnliche Situationen werden als äquivalent wahrgenommen und aktivieren so dieselbe Eigenschaft. Die Reaktionen sind natürlich nicht exakt gleich, dienen aber der gleichen Funktion und sind somit ebenfalls äquivalent. Ist jemand sehr fleißig und ehrgeizig, so werden Reizsituationen wie das normale Arbeiten im Vergleich zu den Kollegen, die Entscheidung über das Absolvieren von Überstunden oder andere äquivalente Reizsituationen eventuell als Gelegenheit erlebt, seinen Fleiß und Ehrgeiz in Konkurrenz zu den Kollegen zu zeigen. Die Reaktion auf diese Reize könnte die Work-Life-Balance nachfolgend beeinflussen.

Eigenschaften beschrieben also durch das Ausmaß, in dem eine Person das die Eigenschaft definierende Verhalten zeigt, Unterschiede zwischen Menschen. Bei der Beschreibung von Personen hinsichtlich ihrer Eigenschaften gibt es verschiedene Ansätze. Allport unterscheidet in gemeinsame, allgemeine Eigenschaften (common traits, generalisierte Dispositionen) sowie individuelle Eigenschaften (individual traits, persönliche Dispositionen). Der nomothetische Ansatz der Eigenschaftsbeschreibungen misst common traits und vertritt die Ansicht, dass es möglich und sinnvoll ist, alle Personen im Hinblick auf allgemeine Eigenschaften zu beschreiben. Allport vertritt den ideografischen Ansatz, denn nach seiner Auffassung würde die Beschreibung einer Person in Hinblick auf ausschließlich allgemeine Eigenschaften den Kern der Persönlichkeit verfehlen, der sich durch die interindividuellen qualitativen statt quantitativen Unterschiede auszeichnet – es ist also nicht vorrangig, dass eine Person weniger ehrgeizig ist als eine andere, sondern dass sie auf andere Art und Weise ehrgeizig ist als eine andere. Keine Eigenschaft ist nach diesem Ansatz in genau derselben Ausprägung in einer anderen Person zu finden (Allport, 1937; Angleitner & Riemann, 2009).

Eine Methode zur Erforschung der gesamten Persönlichkeit mit ihren Dimensionen stellt der psycholexikalische Ansatz dar, der durch die Analyse von Sprache die wesentlichen Kerndimensionen der menschlichen Persönlichkeit aufzudecken versucht. Demnach finden besonders wesentliche Persönlichkeitsmerkmale, die für bedeutsame Erfahrungen des Umgangs der Menschen miteinander stehen, Eingang in die und Spiegelung in der Sprache. Je entscheidender also ein Persönlichkeitsmerkmal bzw. eine Erfahrung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich dafür ein entsprechender Begriff gebildet hat, der dieses Merkmal beschreibt. Demnach ist es möglich und sinnvoll, die Sprache nach diesen Begriffen zu durchsuchen und daraus die grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften zu filtern (John, Angleitner & Ostendorf, 1988). Bereits 1884 studierte Francis Galton Wörterbücher mit dem Ziel, geeignete Begriffe der Persönlichkeitsbeschreibung zu identifizieren, wobei er etwa 1000 Wörter fand (Galton, 1884; Rammsayer & Weber, 2010). Das Grundkonzept des psycholexikalen Ansatzes wurde von Klages (1926) entwickelt. Er beschrieb etwa viermal so viele Wörter wie Galton, allerdings zur Beschreibung von inneren Zuständen einer Person. Sieben Jahre später wurde eine der frühesten systematischen empirischen Studien zur Überprüfung dieser Annahme durchgeführt, in der etwa 1600 geeignete Wörter zur Persönlichkeitsmerkmalsbeschreibung aus deutschen Wörterbüchern u.ä. identifiziert wurden (Baumgarten, 1933). Weitere drei Jahre später begründeten Allport und Odbert in ihrer psycholexikalen Studie den Ausgangspunkt für das heutige aktuelle 5-Faktoren-Modell der Persönlichkeit: beim Untersuchen des „Webster‘s New International Dictionary“ ordneten sie etwa 18000 Begriffe zur Persönlichkeitsbeschreibung interindividueller Unterschiede vier Kategorien zu. Jeweils etwa 3600-5200 Wörter beschrieben (1) Persönlichkeitsmerkmale zur Bezeichnung von relativ stabilen Eigenschaften, (2) aktuelle Befindlichkeiten zur Bezeichnung aktueller Stimmungen und Zustände, (3) Bewertungen zur Bezeichnung von sozialen oder charakterlichen Beurteilungen einer Person sowie (4) eine Restkategorie zur Bezeichnung von Körperbau, Fähigkeiten u.Ä. (Allport & Odbert, 1936). Nutzbar sind diese aufgelisteten Begriffe allerdings erst, wenn sie strukturiert und Dimensionen zugeordnet werden. Im Folgenden werden methodische Vorgehensweisen dazu sowie entsprechende Modelle erläutert.

2.2.1. Persönlichkeitsdimensionen nach Cattell

Cattell geht davon aus, dass alle Eigenschaften und ihre Ausprägungen einer Person gemessen und quantifiziert werden können, was den psychometrischen Ansatz der Erfassung von Eigenschaften darstellt. Auch er unterschiedet generell in allgemeine (common) und individuelle (unique) Eigenschaften. Spezifischer definiert er insgesamt fünf Arten der Eigenschaften: Zur Messung unterscheidet er Eigenschaften über Fähigkeiten (entspricht auch Fertigkeiten) (ability, traits), Eigenschaften über das Temperament (entspricht Gefühlsleben, Verhaltensstil) sowie dynamische Eigenschaften (entspricht Streben und Motivation im Leben) (ergs, sentiments, attitudes). Weiterhin sind sog. Oberflächeneigenschaften (surface traits) von Grundeigenschaften (source traits) abzutrennen (Cattell, 1945, 1957). Source traits korrelieren miteinander, treten also zusammen auf und bilden damit die Basis der Persönlichkeit. Naheliegend ist eine gemeinsame Ursache – so bilden korrelierende source traits zusammen eine Persönlichkeitsdimension. Durch Faktorenanalysen sind sie messbar. Surface traits dagegen treten nicht immer zusammen auf und können somit nicht einer gemeinsamen Dimension zugeordnet werden.

Zur Erfassung der Persönlichkeit nach Cattell können Daten dreierlei Art erhoben werden: L-Daten (life-record-data), Q-Daten (questionnaire-data) und T-Daten (test-data). L-Daten stellen die Lebensgeschichte der Person aus Selbst- oder Fremdauskünften dar, Q-Daten stellen ebenfalls Selbstauskünfte und -einschätzungen in Form von Fragebögen oder Adjektivlisten dar und T-Daten sind standardisierte Testverfahren wie bspw. ein Fragebogen mit Likert-Skalen, die die Angabe von Extremantworten als objektives Maß ermöglichen. In aufwendigen Untersuchungen differenzierte er vor allem anhand von L- sowie Q-Daten die Theorie der grundlegenden Persönlichkeitsfaktoren, die demnach immer wieder zu finden sein müssten. Vor allem die oben beschriebene Faktorenanalyse wurde dabei angewendet. Die L-Daten lieferten 12-15 Persönlichkeitsdimensionen, speziell Temperamentseigenschaften, die Q-Daten 16 Persönlichkeitsfaktoren und die T-Daten 21 Persönlichkeitsdimensionen. Insgesamt finden einige Eigenschaften der verschiedenen Datenquellen Übereinstimmungen, allerdings konnte keine Gruppe von Grundwesenszügen ausgemacht werden (Cattell, 1973). Der dabei entwickelte Test 16-PF-R findet dennoch auch heute Verwendung, denn er erfasst Temperaments-, Fähigkeits- und Motivationseigenschaften. Damit werden also Ziele, Stärken und Bedürfnisse des Menschen nicht ausgeschlossen. Allerdings wird das Verhalten eines Menschen erst dann vollständig erklärbar und vorhersagbar, wenn die Grundeigenschaften mit Situationsaspekten zusammenwirken und diese ebenfalls berücksichtigt werden.

2.2.2. 3-Faktoren-Modell nach Eysenck

Eysenck beschreibt über eine hierarchische Ordnung, was als Eigenschaft zu definieren ist bzw. wie sich die Eigenschaft in Zusammenhang mit dem Verhalten äußert. Im hierarchischen Typenkonzept der Eigenschaften finden sich drei Ebenen: die Ebene des spezifischen Verhaltens in einer Situation, die Ebene der Verhaltensgewohnheit, in der das Verhalten immer zu dieser und ähnlichen Situationen gezeigt wird, und schlussendlich die Ebene der Eigenschaft, in der mehrere Verhaltensgewohnheiten einen Persönlichkeitszug ausmachen. Im Gegensatz zu Cattell beruht Eysencks Prinzip außerdem darauf, dass sich mehrere Eigenschaften zu einer Dimension bündeln bzw. clustern lassen. Eine Eigenschaft stellt demnach Verhaltenstendenzen dar, wobei eine Dimension wiederum eine Gruppe von korrelierenden Eigenschaften darstellt. Die Dimension entspricht folglich der Hierarchieebene vier. Insgesamt geht er von drei grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen aus und ist somit einer der wichtigsten Vertreter der Drei-Faktoren-Theorie: Extraversion, Neurotizismus (Eysenck, 1947) und Psychotizismus (ebd., 1953). Extraversion beschreibt Eysenck als eine bipolare Dimension zwischen den Extremen Extraversion und Introversion. Ersteres beschreibt gesellige, selbstsichere, lebhafte oder aktive Eigenschaften, Letzteres beschreibt zurückhaltende, introspektive Eigenschaften. Die Dimension Neurotizismus, die unter keinen Umständen mit Neurosen gleichgesetzt werden darf, steht für emotionale Labilität mit einer hohen Reaktionsfreudigkeit des autonomen Nervensystems. Nichtsdestotrotz wird von einer Prädisposition für die Entwicklung neurotischer Symptome in Belastungssituationen ausgegangen. Eysenck assoziiert eine hohe emotionale Empfindlichkeit, geringe Selbstwertgefühle oder auch Ängstlichkeit mit dieser Dimension. Die Disposition Psychotizismus ist von Egozentrismus, wenig Anpassungsfreudigkeit, Hartherzigkeit und Aggressivität gekennzeichnet, aber auch mit einem hohen kreativen Potential. Auch hier kann nicht per se eine psychotische Störung assoziiert werden, jedoch sprechen hohe Psychotizismuswerte für eine Prädisposition. Diese drei Persönlichkeitsdimensionen sind zusammenfassend und generell gehalten; sie stellen also übergeordnete Konzepte dar. Wie bereits erläutert handelt es sich bei der Äußerung dieser Dimensionen um eine hierarchische Binnenstruktur. Die erste Ebene des spezifischen Verhaltens in einer Situation ist bspw. das einmalige Ergreifen der Führungsrolle und Treffen der Entscheidungen im Fußball. Die zweite Ebene der Verhaltensgewohnheit stellt sich im weiteren Ergreifen der Führungsrollen und die Entscheidungsgewalt auch an anderen Tagen des Sportunterrichts dar. Die dritte Hierarchieebene ist die Ebene der Eigenschaft, wenn die Person auch in anderen Situationen, wie der Gruppenarbeit oder bei der Planung einer Feierlichkeit, die Führungsrolle übernimmt. Hier könnte nun eine Eigenschaft wie Dominanz vermutet werden. Wenn diese Eigenschaft mit anderen Eigenschaften des Clusters Extraversion korreliert, wie bspw. Aktivität oder Lebhaftigkeit, weist die Person eine hohe Ausprägung der Dimension Extraversion auf (Eysenck, 1953). Desweiteren forschte Eysenck intensiv zur biologischen Basis der Persönlichkeit, wobei das Streben des Menschen nach einem optimalen Erregungszustand des ARAS (aufsteigendes, retikuläres, aktivierendes System), das limbische System oder der Hormonhaushalt eine große Rolle spielen. Das ARAS reguliert bspw. Schlafphasen und Aufmerksamkeit, das limbische System beeinflusst Denkprozesse und somit ebenfalls motivationale Aspekte des Handelns. Demnach weisen Menschen mit hohen Werten in der Dimension Extraversion auch eine erhöhte Erregungsschwelle (ARAS) auf, weswegen sie selbstverständlich auch nach Situationen mit einem vielversprechenden Aktivierungspotential suchen. Menschen mit hohen Werten der Dimension Neurotizismus würden stark auf belastende Situationen reagieren und somit länger zur Regeneration brauchen (limbisches System). Menschen mit hohen Werten der Dimension Psychotozismus neigen aufgrund eines erhöhten Testosteron- bzw. Serotoninspiegels zu erhöhter Aggressivität (ebd.). Eysenck legt retrospektiv sehr viel Wert auf biologische oder genetische Ursachen von Persönlichkeit. Jedoch ist heute bekannt, dass das ARAS morphologisch sowie funktional ausgeprägter und differenzierter zu betrachten ist, als es Eysenck annahm. Deshalb sollte keine generelle biologische Ursache für Extraversion gelten, sondern Teilaspekte dessen in weiteren Forschung in Hinblick auf bestimmte aktive neuronale Teilsysteme untersucht werden (Liebermann & Rosenthal, 2001). Jedoch führte sein experimenteller Ansatz sowie die gleichzeitige fragebogenbasierte Persönlichkeitsmessung nicht nur zu einer reinen deskriptiven Ebene der Persönlichkeitsforschung, sondern ermöglichte auch durch Experimente empirisch überprüfbare Verhaltensvorhersagen.

2.2.3. 5-Faktoren-Modell: Die Big Five

Cattell sowie Eysenck als Wesenszugtheoretiker gehen zusammenfassend von einer breit angelegten Disposition zu bestimmten Verhaltensweisen aus, die durch Faktorenanalysen klassifiziert werden können. Nach der Auflistung persönlichkeitsrelevanter Begriffe (Allport & Odbert, 1936) wurde in Anlehnung an Cattells faktorenanalytisches Vorgehen weiter versucht, die Hauptdimensionen der Persönlichkeiten zu identifizieren. Dabei wurden die entsprechenden Wortlisten Personen zur Selbst- oder Fremdbeschreibung vorgelegt, um in der Auswertung die voneinander unabhängigen Beschreibungsdimensionen herauszufiltern. In zahlreichen Untersuchen konnten fünf einschlägige Persönlichkeitsfaktoren immer wieder nachgewiesen werden (bspw. Fiske, 1949; Goldberg, 1990; Paunonen, 2003; Tupes & Christal, 1992). Diese fünf Faktoren werden im derzeit noch immer aktuellen Fünf-Faktoren-Modell nach Costa und McCrae benannt, das auch Grundlage dieser empirischen Arbeit ist: Neurotizismus (N Neuroticism), Extraversion (E Extraversion), Offenheit für Erfahrungen (O Openness to Experience), Verträglichkeit (A Agreeableness) sowie Gewissenhaftigkeit (C Conscientiouness) (Costa & McCrae, 1997). Dieses Fünf-Faktoren-Modell hat mitunter den Titel „Big Five“, da es breit konzipierte Cluster von auch speziellen Persönlichkeitsmerkmalen beschreibt, was mit dem ebenfalls breit konzipierten 3-Faktoren-Modell nach Eysenck verglichen werden kann. So neigen Personen mit hohen Werten in Neurotizismus, ebenfalls wie im 3-Faktoren-Modell nach Eysenck, eher zu Ängstlichkeit, Nervosität und haben Schwierigkeiten, in Stresssituationen angemessene Regulation zu bewirken. Ebenfalls abenteuerlustig, aktiv und gesellig sind Personen mit hohen Werten in Extraversion, wohingegen niedrige Werte in Extraversion zu Zurückhaltung und Distanziertheit führen. Wissbegierde, Interesse für Kultur und generell für neue Erfahrungen zeichnen Personen mit hohen Werten des Faktors Offenheit für Erfahrungen aus. Der Faktor Verträglichkeit umfasst mit hohen Werten Altruismus, Wohlwollen sowie Harmoniestreben. Letztlich ist der fünfte Faktor Gewissenhaftigkeit in Zuverlässigkeit, Ausdauer und Ordnung sowie Nachlässigkeit, Unpünktlichkeit sowie Gleichgültigkeit zu unterscheiden (Costa & McCrae, 1997). Da es sich, wie bereits erwähnt, um Cluster bzw. ein hierarchisches Modell handelt, sind diese breiten fünf Faktoren der obersten Ebene jeweils in sechs Facetten untergliedert, um die vielseitigen und spezifischen Tendenzen des Erlebens, Verhaltens und Denkens zu strukturieren. Jede Facette bildet sich aus acht Aussagen, welche spezifisches Erleben und Verhalten beschreiben. Diese Items enthält der von Costa & McCrae entwickelte NEO-PI-R, sodass Probanden die Aussagen auf einer fünf-stufigen Likert-Skala bewerten können (Costa & McCrae, 1997; Ostendorf & Angleitner, 2004).

Wie auch Eysenck geht das 5-Faktoren-Modell von einer biologischen Basis der Grundeigenschaften aus. Die Entwicklung dieser Grundeigenschaften innerhalb der intrinsischen Reifeentwicklung geschieht jedoch unter den Einflüssen der Umwelt. Das Hauptaugenmerk wird jedoch auf Disposition gelegt. Trotz vieler empirischer Nachweise und der generellen Popularität des Modells gibt es auch empirische Befunde, die die Persönlichkeitsdimensionen nicht vollständig belegen (bspw. Gurven et al., 2013; Paunonen & Ashton, 2013). Als problematisch könnte also generell der psycholexikale Ansatz betrachtet werden, denn es besteht stets die Gefahr, dass die gewonnenen Persönlichkeitsfaktoren lediglich sprachliche Kategorien widerspiegeln, jedoch keine Persönlichkeitsstrukturen. Außerdem ist letztlich nicht vollständig aufgeklärt, wann ein Begriff zur Persönlichkeitsbeschreibung letztlich auch alltagssprachlich ausgedrückt und somit relevant wird. Generell kann zudem aufgrund des psycholexikalischen Ansatzes von keiner vollständigen Kulturunabhängigkeit ausgegangen werden (Gurven et al., 2013), wenngleich das Modell in verschiedenen Altersgruppen und Kulturkreisen weitaus öfter repliziert werden konnte (Costa & McCrae, 1997). Aber auch einzelne soziale Gruppen innerhalb eines Kulturkreises benutzen mitunter unterschiedliche sprachliche Begrifflichkeiten. Letztlich befinden sich Sprachen in ständiger Veränderung und Entwicklung., wobei sich das 5-Faktoren-Modell jedoch zeitlich stabil zeigte (Costa & McCrae, 1989). Allerdings zeigen neuere Studien des psycholexikalischen Ansatzes sechs Persönlichkeitsdimensionen (Ashton et al., 2004), sodass die Frage nach der Anzahl der benötigten Grunddimensionen zur Persönlichkeitsbeschreibung weiterhin Forschungsgegenstand sein wird. Ob drei Dimensionen nach Eysenck ausreichend sind, oder ob ein Fünf-Faktoren-Modell nötig ist, wurde diskutiert (Costa & McCrae, 1992a; Eysenck, 1992). Tatsächlich sprechen Untersuchungen nach Digman dafür, dass sich aus den Fünf Faktoren nochmals zwei übergeordnete Dimensionen strukturieren lassen (Digman, 1997). Im Konsens lässt sich schließlich die Gültigkeit der zwei grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen Extraversion und Neurotizismus annehmen. Das Modell der Big Five weist eine hohe Replizierbarkeit auf und ist durch die Herleitung aus der Sprache keiner psychologischen Theorie untergeordnet, sondern stellt ein deskriptives Modell dar. Nicht zuletzt deshalb findet das Konzept breite Anwendungsfelder auch außerhalb der Psychologie (Ostendorf & Angleitner, 2004).

3. Theoretischer Hintergrund: Das Konzept der Work-Life-Balance

Work-Life-Balance ist im Vergleich zum Konzept der Persönlichkeit ein neues Forschungsfeld der Psychologie. Nachfolgend soll der Begriff und die aktuelle Forschung vorgestellt werden.

3.1. Ansätze der Definition

Bisher ist sich noch auf keine klare Definition zum Konzept der „Work-Life-Balance“ geeinigt worden. Das Konzept ist zwar in wissenschaftlicher Literatur präsent (bspw. Kratzer & Menz, 2015), dennoch fehlt es aber an begrifflicher Eindeutigkeit. Insbesondere der Begriff „Life“ ist unscharf gestaltet, sodass unklar ist, ob es sich um die Lebensqualität generell oder um die Zeit, in der nicht gearbeitet wird, handelt. (Kratzer & Menz, 2015). Zudem impliziert der Term „Work-Life-Balance“ den Eindruck einer genauen Trennung von Arbeit und Leben, der in der Realität des Alltages nicht in dieser Art vorhanden sind. Dies würde bedeuten, dass im wahrhaften Leben nicht gearbeitet wird, und dass ein Leben während oder innerhalb der Arbeit nicht möglich ist. Tatsächlich entspricht der Term damit einem inneren Widerspruch von welchem man das Konzept der „Work-Life-Balance“ deutlich distanzieren muss (Ulich & Wülser, 2008).

Der Begriff ist außerdem vom „Work-Family-Conflict“ (Greenhaus & Beutell, 1985) abzugrenzen: der Fokus des Work-Family-Conflicts liegt auf den Lebensbereichen der Erwerbstätigkeit sowie des Familienlebens. Dabei sind jeweils verschiedene Rollen auszuüben; beispielsweise als Familienmitglied und Mutter sowie als erwerbstätige Person, die Karriere machen möchte. Bei gleichzeitigen Anforderungen von Familie und Arbeit kann es somit zu Konflikten der Lebensbereiche und der Rollen kommen, was es erschwert, beide Lebensbereiche gleichermaßen erfüllend zu gestalten. Das Konzept Work-Life-Balance betrifft jedoch nicht nur die Familie und die Arbeit, denn der Begriff „Life“ beinhaltet mehr als nur das Familienleben. Dennoch sind Familie und Arbeit offensichtlich ein wesentlicher Bestandteil des Konzeptes.

Zedeck und Mosier (1990) oder O’Driscoll (1996) stellen bspw. fünf traditionelle Modelle der Work-Life-Balance aus verschiedenen Perspektiven vor. Die Perspektiven betreffen die Sichtweise der Segmentation, des Spill-Overs, der Kompensation, der Instrumentalisierung und des Konflikts. Segmentationsmodelle spalten die Gesamtheit des Lebens in zwei Segmente auf: Arbeit und alles andere, außerhalb der Arbeit. Da sich diese beiden Bereiche nicht beeinflussen würden, sind sie separat voneinander zu betrachten. Dies ergibt jedoch das oben bereits angesprochene Paradoxon. Die aktuelle Realität wird dadurch nicht wiedergegeben, weshalb es sich bei Segmentationsmodellen um theoretische, jedoch nicht deskriptive Modelle mit empirischen Belegen handelt. Die Spill-Over-Modelle hingegen gehen von einer entweder negativen oder positiven Beeinflussung der zwei Lebensbereiche aus. Empirische Belege bestehen dafür zweifellos, jedoch ist die Annahme generell und allgemein gehalten, weswegen daraus kaum wesentliche, neue Schlüsse oder praktische Handlungsempfehlungen entstehen können. Eine genauere Betrachtung der wechselseitigen Beeinflussung der verschiedenen Sphären führen Kompensationsmodelle durch. Demnach kann Fehlendes oder Unerfüllendes der einer Lebenssphäre durch eine andere Lebenssphäre, die sehr erfüllend ist, wettgemacht werden. Beispielsweise ist eine Unterforderung in der Arbeit sicherlich nicht erfüllend, jedoch kann dies durch sehr erfüllende Hobbies, Familienprojekte o.Ä. durchaus kompensiert werden. Aber auch Frustration im Privaten kann durch einen erfüllenden Arbeitsplatz, in dem man positive Erfahrungen sammelt, ausgeglichen werden. Hier wird also bereits eine Möglichkeit der Ausgestaltung einer Balance zwischen Leben und Arbeiten deutlich. Anknüpfend daran fokussieren Instrumentalisierungs-Modelle die Suche nach Möglichkeiten in einem Lebensbereich, der Gewünschtes in einem anderen Lebensbereich ermöglicht. Das Gewünschte ist dabei für die Person so sehr von Bedeutung, dass dafür wissentlich Einbußen in anderen Lebensbereich akzeptiert werden. An dieser Stelle wird klar, dass eine individuell befriedigende Balance zwischen Arbeits- und Privatleben nicht gleichbedeutend damit ist, dass beide Bereiche gleichermaßen erfüllend oder belastend sind: Überstunden in Kauf zu nehmen ist durchaus sinnvoll für eine Person, wenn dafür mehr Geld für den geplanten Familienurlaub oder das Hobby zur Verfügung steht . Konfliktmodelle gehen davon aus, dass in allen Lebensbereiche Anforderungen vorzufinden sind, aus denen Konflikte entstehen. Diese Konfliktsituationen machen Entscheidungen immer wieder nötig. Durch die aktuell angestiegenen Anforderungen in allen Lebensbereichen sind demnach umso schwierigere Entscheidungen zu treffen. Die Erwerbstätigkeit beider Elternteile junger Familien mit Kindern verdeutlichen diese Konfliktentscheidungen, wenn beide Elternteile erfolgreich weiterhin Karriere im Beruf anstreben (O’Driscoll, 1996; Zedeck & Mosier, 1990).

Zusammenfassend diskutieren traditionelle Sichtweisen auf Work-Life-Balance die Frage, wie sich eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben beschreiben lässt. Die oben genannten Modelle beschreiben objektive wie auch subjektive Einflüsse, die mitunter simultan in einem Indikator auftreten können: Die Arbeitszeit ist scheinbar ein objektives Maß, jedoch kann diese subjektiv als belastend oder als zuträglich erlebt werden. Wertvorstellungen, Persönlichkeit oder andere Rahmenbedingungen beeinflussen diese individuelle Bewertung und Einschätzung maßgeblich. Schlussendlich handelt es sich bei den o.g. Modellen um deskriptive Modelle der Balance zwischen Arbeits- und Privatleben. Ursachen sowie Konsequenzen werden nur wenig beleuchtet, sind aber insbesondere aus psychologischer Sicht unabdingbar.

Vom sog. life-domain-conflict geht Lothaller (2009) aus. Generell beschreibt er Work-Life-Balance als Gleichgewicht zwischen verschiedenen Lebensbereichen, wie der Arbeit, der Freizeit, sozialen Aktivitäten oder der Familie. Demzufolge distanziert er sich vom einschränkenden Begriff der Work-Life-Balance. Diese life-domains sind als voneinander getrennt zu betrachten. Zwischen diesen muss nun eine Balance hergestellt werden, die am ehesten möglich ist, wenn sich die Lebensbereiche möglichst wenig negativ gegenseitig beeinflussen. Die Konflikte, die jedoch bei der gegenseitigen Beeinflussung entstehen, verursachen den life-domain-conflict durch ein Ungleichgewicht der Lebensbereiche. Wenn sich die life-domains jedoch positiv gegenseitig beeinflussen (faciliation) kann Gleichgewicht hergestellt und Konflikte abgebaut werden, weshalb diese positive Beeinflussung anzustreben ist.

Traditionelle Modelle – genauso wie das aktuellere Modell des life-domain-conflicts nach Lothaller – betrachten die Lebensbereiche als mehr oder weniger voneinander getrennt. Als realitätsnäher und deskriptiver ist deshalb die Grenz-Theorie nach Clark (2000) zu sehen. Diese beschreibt Individuen als sog. tägliche Grenzgänger zwischen verschiedenen Lebenssphären. Die Grenzen zwischen Freizeit, Privatem und Arbeit verschwimmen in dieser Sichtweise, was die aktuelle Situation durchaus widerspiegelt: Der technische Fortschritt der Informationstechnik führt zu einer fast durchgehenden Erreichbarkeit der Arbeit. So werden E-Mail-Nachrichten der Arbeit auch unterwegs und ggf. in der Freizeit auf dem Handy abgerufen. Auch ist ein Home-Office keine Seltenheit mehr. Flexible Arbeitszeitmodelle, um Familie und Arbeit zu vereinen, werden ebenfalls zunehmend angeboten. Ob diese Aspekte jedoch einen positiven oder negativen Effekt auf die Work-Life-Balance haben, ist noch nicht geklärt (bspw. Hilbrecht et al., 2008; Hill et al., 2003; Hill et al., 2001; Hill et al., 1998). Eine zufriedenstellende Balance also ist – wie bereits erläutert – durch die subjektive und individuelle Bewertung des Betreffenden verschieden und kann kaum objektiviert werden. Die sozialen Konstruktionen beeinflusst die Bewertung der aktuellen Balance, sodass eine „Balance“ durchaus zufriedenstellend sein kann, obwohl die Lebensbereiche „ungleich“ im zeitlichen Maß verteilt sind. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem werden also kognitiv aufgeweicht. Die Grenz-Theorie erlaubt also einen individuellen Spielraum zur Entwicklung einer angepassten Definition von Balance.

Betrachtet man nur die hier genannten Theorien, so besteht bereits eine Vielzahl von Forschungen und Definitionen zur Work-Life-Balance, die sich mitunter wesentlich unterscheiden. Damit trotz fehlender allgemein anerkannter wissenschaftlicher Definition die Work-Life-Balance untersucht werden kann, ist folglich eine Arbeitsdefinition vonnöten. Generell betrachtet kann das Konzept der Work-Life-Balance als Verhältnis der Hauptlebensbereiche des Menschen (vgl. Hoff et al., 2005) benannt werden. Dabei soll an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass in dieser Arbeitsdefinition die Hauptlebensbereiche nicht nur mit „Arbeit“ und „Familie“ beschrieben werden sollen: „‘ work-life‘ is commonly seens as referring to any connection between the work and personal domains of an individual, and not just matters of family responsibilities, care and dependency (although these are central to the discussion about the gendered dimensions of debates in the area) “ (Collier, 2016, S. 31). Zunächst sollen nun die Begriffe „Work“ und „Life“ definiert werden. Angelehnt an Spatz stellt „Work“ die Arbeitszeit, die vertraglich festgelegt ist, sowie Überstunden und jede weitere Zeit, die der Arbeitnehmer in die Arbeit investiert, dar. Dazu zählen auch Arbeitswege, Mittagspausen oder Vor- sowie Nachbereitungen (Spatz, 2014). „Life“ unterteilt Spatz in „individuelle, private und soziale“ Zeit (ebd., S. 11). Dies ist also die persönliche Zeit, die auch den Familien- und Freundeskreis miteinschließt. Unterschieden werden kann die soziale Zeit von der privaten und individuellen dadurch, dass die Inhalte der sozialen Zeit auch für die Gesellschaft und die öffentliche Gemeinschaft bestimmend sind. Damit ist also nicht nur die Zeit der Familie gemeint, sondern auch Zeit für beispielsweise individuelle Entfaltung in Hobbies, Zeit für Freunde, Reisen oder Ähnliches. Die Relevanz dieser Hauptlebensbereiche ist individuell unterschiedlich. Wie die verschiedenen Bereiche miteinander in Beziehung stehen, kann weiterhin durch die Begriffe „Work-Life-Balance“ bzw. „Work-Life -Imbalance “ ausgedrückt werden: Wenn die Erwerbsarbeitszeit und die individuelle, private und soziale Zeit für und aus Sicht der betreffenden Person gut vereinbart und gelungen ausgestaltet ist, ist von einer „Work-Life-Balance“ zu sprechen. Ausschlaggebend für die Bewertung und Einschätzung der Ausgestaltung des Verhältnisses von Work und Life ist also das rein persönliche, subjektiv Empfundene. Wenn das Individuum diese beiden Lebensbereiche bei sich nicht erfolgreich und zufriedenstellend ausbalanciert wahrnimmt, ist von einer „Work-Life-Imbalance“ zu sprechen (ebd., S. 14). Diese Termini – „Work-Life-Balance“ als gelungen ausgestaltet sowie „Work-Life-Imbalance“ als nicht zufriedenstellend ausgestaltet – sollen in dieser empirischen Arbeit ebenfalls Anwendung finden.

3.2. Ursprung und Aktualität

Das Thema Work-Life-Balance ist inhärent ein Thema in Politik und Wirtschaft. Tatsächlich ist es sogar möglich, die gestiegenen Arbeitsanforderungen an das Individuum als wesentliches Charakteristikum wohlhabender Gesellschaften zu sehen (Guest, 2002). In der Wissenschaft ist es trotzdem erst weit später eine zu erforschende Thematik geworden. Wie entwickelte sich also der Diskurs um die Verhältnisse der Hauptlebensbereiche?

Der Arbeits- und Lebensraum wurde im vorindustriellen Zeitraum meistens nicht physisch getrennt. Doch durch die Entwicklung von großen Maschinen sowie der Großindustrie während der industriellen Revolution wurde diese Trennung von Arbeits- und Lebensraum zunehmend alltäglich. Die Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten und wissenschaftlicher Erkenntnisse während der industriellen Revolution wirkte schließlich auch als Katalysator für den Diskurs um Sozialwesen und Arbeit. Die Produktionszahlen stiegen zwar, jedoch gleichermaßen durch die Anforderungen an die Arbeiter, die nun nicht mehr nur eine physische, sondern auch psychische Trennung von Arbeit und Privatleben u.U. nötig machte. Die Bevölkerungsexplosion, der Pauperismus und Wohnungsnot der damaligen Zeit sind als weitere Aspekte zu betrachten, die die sog. soziale Frage zuspitzten. Der Unmut der Bevölkerung über diese Zustände wurde in Arbeiterunruhen und Streiks deutlich. Das Ergebnis im Aspekt des Sozialwesens und der Arbeitsbedingungen stellen Gewerkschaften und die Sozialgesetzgebung dar (Ritter, 1998). Sieht man von weiteren Umständen ab und betrachtet die Streiks, Unruhen und schlussendlich die Sozialgesetzgebung in Zusammenhang mit den Arbeitsanforderungen, so könnte man diese als Konsequenzen einer Imbalance zwischen Arbeits- und Privatleben betrachten.

Die allgemeinen Lebensumstände sind heutzutage selbstverständlich wesentlich anders und humaner. Und trotzdem ist der Diskurs um die Work-Life-Balance durch das beschleunigte Zeitempfinden und die gestiegenen Anforderungen an die Menschen der Neuzeit so aktuell wie nie. Die Qualität des Privatlebens wird in Relation zur Qualität des Arbeitsleben wahrgenommen und umgekehrt (Guest, 2002). Die Gründe dafür, warum das Konzept der Work-Life-Balance erst in jüngster Vergangenheit auch wissenschaftlich untersucht wird, beschreibt Guest (2002) durch drei sich überschneidende Einflüsse.

Die Entwicklungen am Arbeitsplatz stehen an erster Stelle, denn diese könnten u.U. zu einem erhöhten Anteil einer Work-Life-Imbalance geführt haben. Die Entwicklungen lassen sich in einer extremen Zunahme der Belastungen am Arbeitsplatz beschreiben. Wie bereits erwähnt tragen die Entwicklungen der Informationstechnologie dazu bei, die neben ihren Vorzügen auch zu einer Informationsflut, Druck zu schnellen Reaktionen, hohen Qualitätsansprüchen der Kundenservices sowie einer ständigen Erreichbarkeit führten. Insbesondere die ständige Erreichbarkeit versinnbildlicht, dass die Anforderungen der Arbeit leicht bis in das Privatleben hineinreichen könnten. Die Erreichbarkeit kostet objektiv Zeit und lässt sowohl die psychische als auch physische Distanz zur Arbeit dadurch geringer werden, sodass die Arbeit nicht nur direkt am Arbeitsplatz stattfinden muss. Dies könnte zu einem erhöhten Stressempfinden führen (Guest, 2002). Der zweite Einflussfaktor ist das Privatleben außerhalb der Arbeit, dessen Veränderungen jedoch als Konsequenz einer Work-Life-Imbalance gesehen werden. Eine Verschlechterung der Qualität in Familie und Gesellschaft stellen demnach eine aktuelle Sorge dar. Der gewonnene Wohlstand, die Zunahme von Ein-Eltern-Familien, die Privatisierung des Familienlebens sowie das Fehlen von Einrichtungen und Unterstützungsangeboten vor Ort beeinflussen das Privatleben außerdem. Der hohe Anteil der arbeitenden und verheirateten Frauen in westlichen Industrieländern kann an dieser Stelle als grundlegendes Beispiel genannt werden. Es bleibt durch Stress, lange Arbeitszeiten oder Arbeit am Abend sowie an Wochenenden weniger Kraft und Zeit für qualitative Familienzeit, da die physische und psychische Erschöpfung zu groß ist. Die Konsequenzen, die Guest nennt, sind dabei weitreichend: erhöhte Jugendkriminalität, Drogenmissbrauch, weniger Anteilnahme an Sorgen oder Aktivitäten der Gemeinschaft, weniger Bereitschaft zur Pflege von Angehörigen o.Ä. und weniger Anteilnahme an Aktivitäten außerhalb der Arbeit (Guest, 2002). Diese erschreckenden Konsequenzen erhöhen den Druck, das Thema Work-Life-Balance aktuell in Wissenschaft und Politik ganzgesellschaftlich zu betrachten. Der dritte Einflussfaktor nach Guest (2002) sind die Einstellungen und Werte der Menschen die Arbeit betreffend. Es ist heutzutage üblich, nicht sein ganzes Arbeitsleben lang bei einem Arbeitgeber zu bleiben, sondern den Arbeitgeber zu wechseln. Aber auch von Arbeitgebern wird nicht mehr erwartet, denselben Arbeitnehmer perspektivisch bis zur Rente zu beschäftigen. Der sog. „psychologische Vertrag“ zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist also verändert, was zu weniger Überzeugung beim Arbeitnehmer führt, warum sie gerade bei diesem Arbeitgeber viel Einsatz – wie Überstunden – zeigen sollten, wenn der Arbeitgeber im Gegenzug wenig Sicherheit bieten kann. Wie viel Engagement und Einsatz sind also tatsächlich von Arbeitenden bei diesen unsicheren Aussichten nötig? Der Wille zu hohem Commitment sinkt demnach. Der heutige Arbeitsmarkt ist von Fluktuation und Bewegung gekennzeichnet, was es schwieriger macht, eine fortschreitende Karriere und einen langfristigen, sicheren Arbeitsplatz mit Aufstiegsmöglichkeiten für Arbeitnehmer zu bieten (Guest, 2002). Zusammenfassend bezeichnet der dritte Einflussfaktor den Konflikt zwischen den Anforderungen der Arbeit und dem gesunkenen Commitment der Arbeitnehmer. Dieses ist aufgrund der fehlenden Stimulation von zentralen Anforderungen des Lebens, so wie bspw. einem gesicherten Arbeitsplatz, gesunken. Der Konflikt trägt im Endeffekt ebenfalls zur aktuellen Diskussion rund um Work-Life-Balance bei: Weshalb soll ein Arbeitnehmer ohne Vorteil (bspw. unbezahlt) Engagement (bspw. Überstunden) im Unternehmen zeigen, wenn darunter andere Lebensbereiche leiden?

4. Aktuelle Forschungen: Persönlichkeit, Gesundheit und Work-Life-Balance

Viele Studien gehen von einem Zusammenhang von Persönlichkeit und Gesundheit aus. Nach Deary et al. (1994) zeigen Menschen mit einer erhöhten Feindseligkeit beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen. Der Zusammenhang von Gesundheit, Wohlbefinden oder Arbeitszufriedenheit mit verschiedenen Einflussfaktoren – so auch der Persönlichkeit – wurde also in verschiedenen Studien untersucht (bspw. Costa & McCrae, 1980; Diener, 2000; Friedman & Kern, 2014; Gale et al., 2013; Kong et al., 2015; Mroczek, 2014; Shanahan et al., 2014; Shipley et al., 2007; Vollrathet al., 1999). Allerdings sind bisher nur sehr große oder eher unsystematische Studien durchgeführt worden, um die individuellen gesundheitsbezogen Unterschiede zu erfassen (Goodwin & Friedman, 2006). Durch die Identifizierung verschiedener Ursachen für fehlende Gesundheit, Wohlbefinden oder auch Unzufriedenheit mit der Arbeit bietet sich die Möglichkeit, Präventions- sowie Interventionsmaßnahmen im Anschluss zu eruieren. Diese könnten zu einer Steigerung der Arbeitsleistung oder -fähigkeit führen, die im Endeffekt zu wirtschaftlichen Gewinnen führen würden. Dies ist ein Grund, warum arbeitsbezogenes Erleben und Verhalten nicht nur von Psychologen, sondern auch von vielen weiteren Bereichen der Wissenschaft und Wirtschaft untersucht werden. Neben diesen Interessen steht selbstverständlich das Streben nach dem Wohlbefinden der Allgemeinheit.

Generell gibt es zwei große Modelle, um einen möglichen Zusammenhang von Persönlichkeit und Gesundheit zu erklären: Health-Behaviour-Modelle und Constitutional-Predisposition-Modelle. Erstere gehen davon aus, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu bestimmten Verhaltensweisen führen, was auch weite Teile der Persönlichkeitsforschung und -erfassung konstatieren. Diese persönlichkeitsdeterminierten Verhaltensweisen beeinflussen dann jedoch auch die Gesundheit, was den Zusammenhang von Persönlichkeit und Gesundheit erklärt. Auch die Theory Of Planned Behaviour (Ajzen, 1991) könnte so einen Erklärungsansatz bieten (vgl. Rhodes & Courneya, 2003). Constitutional-Predisposition-Modelle dagegen gehen davon aus, dass bestimmte Dispositionen Persönlichkeitszüge wie auch Krankheitsanfälligkeiten bestimmen (Smith, 2006; Smith & MacKenzie, 2006), was einen Erklärung für die eingangs erwähnte Studie von Deary et al. (1994) bietet. Hier sollen Erklärungsansätze im Sinne der Health-Behaviour-Modelle Anwendung finden.

Der Gesundheitsstatus, insbesondere mentale und physische Störungen, und der Zusammenhang mit den Persönlichkeitszügen der oben vorgestellten Big Five wurde von Goodwin und Friedman (2006) in einer repräsentativen Studie in den Vereinigten Staaten von Amerika untersucht. Insgesamt haben 3032 Erwachsene im Alter von 25-74 Jahren an der Studie teilgenommen. Der Zusammenhang von Persönlichkeit und Gesundheit konnte für die Dimensionen Gewissenhaftigkeit sowie Neurotizismus nachgewiesen werden: So sind hohe Werte der Dimension Gewissenhaftigkeit mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für mentale oder physische Krankheiten assoziiert. Invers konnte ein Zusammenhang zwischen Neurotizismus und Gesundheit nachgewiesen werden, nach dem ein hoher Neurotizismuswert ein Indikator für eine erhöhte Krankheitswahrscheinlichkeit ist. Zu diesen Krankheiten zählen starke Depressionen, Panikattacken und Angst sowie Substanzabhängigkeit, Schlaganfälle oder das Lumabo-Ischias-Syndrom, allgemein bekannt als „Hexenschuss“. Allerdings konnte eine klare Trennung zwischen mentalen und körperlichen Krankheiten nicht einwandfrei durchgeführt werden, sodass die physische Leistungsfähigkeit einen weiteren Indikator bildet. Die physische Leistungsfähigkeit ist allerdings bereits dann eingeschränkt, sobald jemand an einer einzigen Krankheit leidet. Bei erkrankten Teilnehmern konnte eine niedrige Ausprägung der Dimension Gewissenhaftigkeit sowie eine hohe Ausprägung der Dimension Neurotizismus bestätigt werden, sodass ein signifikanter Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Krankheiten besteht. Eine hohe Gewissenhaftigkeit führt demnach zum Meiden von gesundheitsgefährdenden Situationen oder Verhalten, sodass eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine gute Gesundheit gegeben ist. Doch auch erhöhte Werte der Dimension Neurotizismus sind mit physischen und psychischen Störungen assoziiert. Hohe Werte der Dimensionen Extraversion und Offenheit sind mit geringeren Beeinträchtigungen der physischen Leistungsfähigkeit assoziiert. Eine aktive Teilnahme an Therapien begünstigt zusätzlich eine geringere Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit. Lediglich die Dimension Verträglichkeit weist keinen Zusammenhang mit der physischen Leistungsfähigkeit oder der Gesundheit auf. Insgesamt weisen Friedmann und Goodwin auf die prägende Funktion der Dimension Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus in der Beziehung von Persönlichkeit und Gesundheit hin. Untersuchungen zur Kausalität dieses Zusammenhangs stehen dabei jedoch noch aus (Goodwin & Friedman, 2006). Nach Shanahan (2014) ist die Dimension der Gewissenhaftigkeit besonders durch Verantwortungsbewusstsein, Zielstrebigkeit, Selbstkontrolle, Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Ordnung sowie Traditionalität, im Sinne des Befolgens von Normen und Regeln, gekennzeichnet. Dies führt zu einem gesundheitsfördernden Umgang mit Krankheiten sowie einem risikovermeidenden Verhalten, sodass Stressoren vermieden oder neutralisiert werden. Dies erklärt die Korrelation des Gesundheitsstatus mit der Dimension der Gewissenhaftigkeit.

Im HAPA-Modell (Health Action Process Approach) wird das Gesundheitsverhalten in motivationale sowie volitionale Phasen unterschieden (Schwarzer & Luszczynska, 2008). Wenn also ein Risiko wahrgenommen wird, werden zunächst eine Prognose der Konsequenzen sowie die Möglichkeiten der eigenen Selbstwirksamkeit abgeschätzt. Während der motivationalen Phase entsteht so eine Handlungsintention. Die Persönlichkeit beeinflusst dabei die motivationale Phase: So würde eine hohe Gewissenhaftigkeit zu dem Willen zu viel Genauigkeit und Sorgfalt der Handlung führen. Hohe Werte der Dimension Neurotizismus hingegen können dabei zu einer Überängstlichkeit und Verletzlichkeit führen, die zusammen mit einer pessimistischen Lebenseinstellung zu weniger gesundheitsförderndem Verhalten führen könnte. Die Facette der Impulsivität könnte zusätzlich bei psychischen Störungen, wie der Binge-Eating-Disorder, eine Rolle spielen. Eine hohe Ausprägung der Dimension Extraversion könnte die motivationale Phase dagegen in Richtung von schnellen Reaktionen oder Durchhaltevermögen beeinflussen. Auch die Facette Frohsinn könnte zu einer optimistischen Haltung beitragen. Jedoch könnten durch eine hohe Ausprägung der Facette Erlebnishunger auch Gefahrensituationen eher eingegangen werden. Nach der motivationalen Phase folgt die volitionale bzw. willentliche Phase: hier wird das Verhalten initiiert und aufrechterhalten. Ein hoher Wert in Neurotizismus könnte bei einer starken Neigung zu Depression oder Ängstlichkeit dazu führen, nicht alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen und so unzureichende Handlungs- und Bewältigungsstrategien nach sich ziehen. Eine hohe Impulsivität könnte es erschweren, das Ziel kontinuierlich zu verfolgen, was sich insbesondere bei langfristigen Psycho- oder Physiotherapien negativ auf die Gesundheit auswirkt. Dies könnte schließlich auch die Work-Life-Balance dahingehend beeinflussen, als dass es bei hohen Neurotizismuswerten ohnehin zu einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit kommt, bei der die motivationale und volitionale Phase zusätzlich nicht gänzlich gesundheitsfördernd wirkt. Therapien könnten entweder gar nicht erst in Anspruch genommen, oder nicht beendet werden. Ängstlichkeit, Verletzlichkeit und Depression wirken sich zusätzlich negativ auf die Gesundheit aus, sodass es zu Labilität kommt. Bei Stressoren wie beispielsweise Arbeitsstress, Leistungsdruck oder Überstunden, könnte es so leichter zu krankheitsbedingten Ausfällen oder sogar Burn-Out kommen. Hohe Werte in Extraversion dagegen könnten dem entgegenwirken, indem eine optimistische Haltung zu mehr Durchhaltevermögen führt oder auch zu mehr Mut, bewusst für seine Gesundheit einzustehen und Überstunden oder unzulässige Mehrarbeit abzulehnen.

[...]


[1] Hippokrates (um 460-370 v. Chr) beschreibt einen kausal-erklärenden Ansatz der Persönlichkeit des Menschen, indem er vier Körpersäfte, die die vier Elemente widerspiegeln, vier menschlichen Temperamenten zuordnet: Sanguiniker, Phlegmatiker, Melancholiker, Choleriker (vgl. Rammsayer & Weber, 2010; vgl. Werner, 2007).

Details

Seiten
88
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668393998
ISBN (Buch)
9783668394001
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353321
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Welchen Einfluss hat die Persönlichkeit auf die Work-Life-Balance?