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Die Bedeutung der Individualisierung in Zeiten der Industrialisierung und Urbanisierung

von Melanie Panzilius (Autor)

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Einbettung in den historischen Kontext
2.1 Industrialisierung
2.2 Urbanisierung

3 Stadtsoziologie und Individualisierung
3.1 Stadtsoziologie und Individualisierung nach Durkheim
3.1.1 Segmentäre Gesellschaft und mechanische Solidarität
3.1.2 Moderne Gesellschaft und organische Solidarität
3.1.2.1 Arbeitsteilung
3.1.2.2 Organische Solidarität in der modernen Gesellschaft
3.1.3 Negative Folge der Differenzierung
3.1.4 Zwischenfazit Durkheim
3.2 Individualisierung nach Simmel
3.2.1 Drei Bedingungen zur Entstehung von Gesellschaft
3.2.2 Individualisierungstheorie nach Simmel
3.2.3 Der Charakter der Großstadt
3.2.4 Integration des Individuums in der modernen Großstadt
3.2.5 Zwischenfazit Simmel

4. Vergleich Simmel und Durkheim

5. Fazit

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Du mußt auf deinem Gang durch Städte wandern; siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern. Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein. Er sieht hinüber und zieht vorüber ... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück! Vorbei, verweht, nie wieder.

(Tucholsky, 1932)

Die letzte Strophe von Kurt Tucholskys "Augen in der Großstadt" zeigt auf poetische Weise die zunehmende Urbanisierung und die verstärkte Fremdheit in der Stadt. In Anlehnung auf die folgende Ausarbeitung der Individualisierungsideen in der Großstadt des deutschen Philosophen und Soziologen Georg Simmel und des französischen Ethnologen und Soziologen Émile Durkheim, beschreibt das Gedicht die Individualität in der Moderne: Denn die Stadt ist ein Raum, in dem man mit vielen, schnellen und kurzatmigen Begegnungen konfrontiert wird (vgl. Mieg & Sundsboe, 2011: 19). Diese Veränderung in der Gesellschaft nehmen die beiden Theoretiker zum Anlass ihrer Arbeit, um daraus die neu erworbenen Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums während der Urbanisierung und Industrialisierung zu untersuchen. Im Folgenden werde ich das Thema historisch einbetten, die spezifischen Ideen Durkheims und Simmels vorstellen, sie im Anschluss miteinander vergleichen und im Fazit die Fragestellung "Welche Bedeutung wurde dem Begriff der Individualisierung in Zeiten der Industrialisierung und Urbanisierung zugeschrieben?" beantworten. Abschließend biete ich noch einen Ausblick, wie diese Fragestellung weiter ausgeführt und auf die heutige Situation bezogen werden kann.

2. Einbettung in den historischen Kontext

2.1 Industrialisierung

Bereits um 1770 setzt die Industrialisierung in England ein. Das Land galt als Monopol der Textil- und Exportbranche. Erst ab dem Jahre 1850 beginnt in Deutschland, besonders um Berlin und das Ruhrgebiet, der Durchbruch zur modernen Industriegesellschaft. Agrararbeiter und landwirtschaftliche Betriebe verlieren an Bedeutung und die Industrie sowie der Handel gewinnen an Zuspruch. Die Bevölkerungsdichte in Deutschland steigt innerhalb von 40 Jahren von 41 auf 65 Millionen an (vgl. Kruse, 2012). Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung war zu dem Bevölkerungswachstum noch der Besitz von Bodenschätzen und neuer, technischer Erfindungen um diese Bodenschätze zu heben und sie nutzbar zu machen. Der deutsche Markt ist von Eisen und Kohle bestimmt und sorgen für den Aufschwung in der deutschen Wirtschaft. Die Schwerindustrie und der damit verbundene Abbau von Rohstoffen gewährleistet ein stetig wachsendes Wirtschaftswachstum. Das ausgebaute Eisenbahnnetz ermöglicht eine gute Infrastruktur, womit der Im- und Export beschleunigt werden kann. Auch die Dampfmaschine bewerkstelligt Arbeiten in kürzester Zeit, die vorher von Menschenhand verrichtet werden mussten. Allerdings können nicht alle von der Industrialisierung profitieren, denn diese spaltet die Nation in verschiedene Klassen (vgl. Schabe & Schwab).

2.2 Urbanisierung

Die wichtigste Voraussetzung für die moderne Urbanisierung eines Volkes ist, dass es sesshaft werden kann. Doch schon früh lernten einige - damals noch als Nomaden umherziehende Völker - die Vorteile des sesshaft Werdens kennen und darum war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der feste Wohnort durchsetzte. Allerdings kann man bei einer Ansiedlung in kleine Dörfer noch nicht von einer Urbanisierung sprechen. Diese begann erst mit Anfang der Industrialisierung also Mitte des 19. Jahrhunderts. Denn vorher lebten ungefähr 75% der deutschen unter teils schweren Bedingungen auf dem Lande. Aufgrund des Bevölkerungszuwachses und der steigenden Lebenserwartung beginnt eine regelrechte Landflucht, da man sich durch die Industrialisierung bessere Chancen in der Stadt erhofft. Denn auf dem Land sind schon länger nicht genug Ressourcen vorhanden, um die Bedürfnisse aller Bewohner zu decken. Aus Kleinstädten werden so innerhalb von kurzer Zeit Großstädte. Die Urbanisierung ist ein fortlaufender Prozess, der bis jetzt anhält (vgl. Municipia).

3 Stadtsoziologie und Individualisierung

3.1 Stadtsoziologie und Individualisierung nach Durkheim

Durkheim ist der Ansicht, dass die Gesellschaft ein komplexes Muster aufweist, deren Besonderheiten in allen Teilen des Lebens wieder zu finden sind und die sie zu einer Einheit macht. Es entsteht ein Kollektivgedanke eines jeden Zivilisationstypus, wodurch homogene Lebensweisen, Moral und Religion innerhalb einer Zivilisation erkennbar werden (vgl. Kippele, 1998: 86f.). Die Herauslösung des Individuums beschreibt Durkheim wie folgt: "Das kollektive Leben wird nicht aus dem individuellen Leben geboren, sondern es verhält sich vielmehr umgekehrt." (Durkheim, 1988: 339). Alle Menschen werden mit bestimmten Gesetzen, Sitten und Religionen geboren, welche ihn allerdings erst nur äußerlich beschreiben. Der Prozess der Individualisierung besteht zum Teil darin, diese Gesetze, Sitten und Religionen zu verinnerlichen (vgl. Kippele, 1998: 91).

3.1.1 Segmentäre Gesellschaft und mechanische Solidarität

Betrachtet man die Zeit vor dem Ende des 19. Jahrhunderts, so erkennt man die überwiegende Ansiedlung in Dörfern oder in Kleinstädten. Für die sozialen Beziehungen bedeutet dies, dass man sein festes Umfeld hat und ein persönliches Verhältnis zu den Bewohnern des eigenen Dorfes führt. Für die frühere Gesellschaft ist es zudem symptomatisch, dass die Angehörigen homogene Ansichten teilen und sich voneinander kaum unterscheiden (vgl. Schroer & Wilde, 2012, S. 61). Denn im Dorf hat man ein starkes Kollektivbewusstsein, sprich "alles dachte und lebte in der gleichen Weise" (Durkheim, Der Selbstmord, 1983 [1987]: 171). Verstehen kann man darunter also die geteilten Interessen und Ansichten eines Kollektivs. Durkheim verknüpft damit den Begriff der mechanischen Solidarität: Ein Kohäsionsgefühl, das durch deckungsgleiche Lebenseinstellung und -führung gestärkt wird (vgl. Schroer & Wilde, 2012: 62). Dadurch tritt eine richtungsgeleitete Kollektiveinstellung in Kraft, die keine Individualherausbildung akzeptiert. Aus diesem Grunde ist die Individualisierung in den Dörfern sehr gering. Allerdings führt diese Kollektiveinstellung nicht zu einer Repression des Individualgedankens, sondern Durkheim argumentiert retrospektiv, dass zu jener Zeit noch keine Individualität existiere (vgl. Durkheim, 1992: 250 nach Schroer und Wilde, 2012:62).

3.1.2 Moderne Gesellschaft und organische Solidarität

3.1.2.1 Arbeitsteilung

Durch das Schwinden der zuvor bestehenden Grenzen in der Gesellschaft, ergibt sich für die Individuen die Möglichkeit sich in alle Richtungen räumlich ausbreiten zu können. Dadurch ist es in der modernen Gesellschaft beobachtbar, dass die Bevölkerungszahlen in den Großstädten immer mehr ansteigen. Durkheim beschreibt diesen Prozess mit dem Begriff der dynamischen Dichte. Aufgrund dieser Veränderung, sind die Individuen stätig dazu gezwungen, sich zu differenzieren um in der Gesellschaft erfolgreich zu sein. Ein Rivalitätskampf entsteht und ohne die Spezialisierung der Individuen in verschiedene Richtungen ist ein Miteinander nicht möglich (vgl. Schroer & Wilde, 2012: 60f.). Denn würde jeder Mensch den Beruf des Schmiedes erlernen, gäbe es zwar außerordentlich viele und gute Schmiede, allerdings würde dann nur der berste Schmied seinen Lebensunterhalt verdienen können. Zudem gäbe es keine Bäcker oder Müller, die Lebensmittel herstellen. In diesem Punkt greift die Arbeitsteilung. Diese ermöglicht es, dass verschiedenste Berufe nebeneinander bestehen können, da sie unterschiedliche Ziele verfolgen. Voraussetzung für die Arbeitsteilung ist, dass man für sein Umgebungsfeld unterschiedliche Individuen bevorzugt, um eine möglichst große Bandbreite an Fähigkeiten zu erlangen. Aufgrund dieser speziellen Form der Arbeitsteilung entsteht eine Art der Abhängigkeit von den Individuen mit anderen Spezialisierungsbereichen. Es kann behauptet werden, dass sich die Individuen gegenseitig ergänzen und somit der Einzelne nur in seinem sozialen Umfeld vollständig ist. Diese Interdependenz birgt zudem eine neue Form der Solidarität, die im folgenden Abschnitt erläutert wird (vgl. Schroer & Wilde, 2012: 61f.).

3.1.2.2 Organische Solidarität in der modernen Gesellschaft

Durkheim sieht es als Richtlinie an, dass die mechanische Solidarität mit steigender Modernisierung schwindet und dafür eine andere Art der Solidarität einsetzt: Die organische Solidarität. Sie beschreibt die Abhängigkeit der Individuen durch verschiedene Spezialisierungsbereiche Einzelner. Der Begriff "organisch" wird gewählt, da diese Solidarität wie ein Organismus funktioniert (vgl. Schroer & Wilde, 2012: 62). Jedes Individuum hat so seinen eigenen Wirkungsbereich, der zur Versorgung des Gesamtorganismus dient. Der entscheidende Unterschied zur mechanischen Solidarität ist somit, dass sich die Individuen differenzieren, anstatt dass sie kongruent sind. Dadurch wird eine neue Freiheit erlangt, die einen wichtigen Bestandteil zur weiteren Ausarbeitung der eigenen Individualität macht. Das Individuum kann somit hinweg der religiösen und geografischen Grenzen Kontakte aufnehmen, die sie noch einzigartiger und unverwechselbarer machen (vgl. Schroer & Wilde, 2012: 62ff.).

3.1.3 Negative Folge der Differenzierung

Durkheim kommt zu dem Schluss, dass durch diesen Wandel der Gesellschaftsauffassung ein Zustand der Anomie ausgelöst wird. Mit Anomie beschreibt er den Begriff der Störung der kollektiven Ordnung durch eine Krise oder Aufschwung in der Gesellschaft. Die Gesellschaft verliert an regulierender Macht und die hierarchische Ordnung geht verloren. Alte Werte verlieren an Bedeutung, neue Werte treten noch nicht in Kraft. Dieses anomische Verhalten spiegelt sich in der Gesellschaft wieder und kann im schlimmsten Fall in einem anomischen Selbstmord des Individuums enden. Dieser erfolgt aus der Störung des Kollektivs, wobei es egal ist, ob es eine positive oder negative Störung ist. Der Mensch ist der Veränderung unterworfen. Bei einem Abschwung, wie zum Beispiel einer Finanzkrise, können die Bedürfnisse des einzelnen Menschen nicht befriedigt werden. Bei einem Aufschwung, wie zum Beispiel die Erhöhung der Löhne, steigen die Bedürfnisse ins Unermessliche und können dadurch auch nicht vollkommen erfüllt werden. Zudem ist die sozial-moralische Orientierung nicht gegeben. Durkheim beschreibt den Wandel der Gesellschaft in diesem Falle als Krise, die Jahrhunderte andauert (vgl. Lenz, 2011: 48f.).

3.1.4 Zwischenfazit Durkheim

"Wie kann das Individuum individuell autonomer und gleichzeitig sozial abhängiger sein?" (Kippele, 1998: 103). Diese Frage stellt sich auch Durkheim. Die Antwort darauf ist, dass das Individuum durch die Verdrängung der segmentären Gesellschaft durch die organische Gesellschaft autonomer wird, sich aber gleichzeitig die Abhängigkeit des Individuums geändert hat. Es ist nicht weniger stark an die Gesellschaft gebunden, sondern die starke Kontrolle ist einer milderen Kontrolle gewichen. Durch diese Änderung des Kontrollverhaltens ist auch nicht mehr die Homogenität in einer Gruppe gefordert, sondern genau gegenteilig. Die soziale Arbeitsteilung schafft Platz für eine organische Gruppenvielfalt, deren Einheit auf Ergänzung beruht. Die disziplinierende Seite der Moral beschreibt also die geringere soziale Kontrolle wodurch Individualität entstehen kann. Das Individuum kann zudem eine größere Eigeninitiative aufbauen und sein Fühlen, Denken und Handeln selbst definieren. Die Lebenseinstellung ist somit frei vom Individuum bestimmt und in einer Gesellschaft entstehen viele verschiedene Individualitäten. Sprich, das Individuum ist weniger von einzelnen Personen abhängig, aber dafür stärker von den Personen und der Gesellschaft als Ganzes (vgl. Kippele, 1998: 103f.).

3.2 Individualisierung nach Simmel

3.2.1 Drei Bedingungen zur Entstehung von Gesellschaft

Georg Simmel spricht dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft eine große Bedeutung zu, denn dieses Verhältnis prägt das Leben eines jeden Menschen. Der Soziologe spricht hier von dem "Besonderen" und dem "Allgemeinen". Die Gesellschaft besteht laut seiner Theorie aus Interaktionen zwischen Menschen, deren Verhältnis grundlegend für die Gestaltung der Gesellschaft ist. Um also die Entwicklung des Individuums laut Simmel zu erläutern, sollte zuerst geklärt werden, wie Gesellschaft entstehen kann. Dafür werden drei Bedingungen formuliert:

1. Kategorisierung: Im alltäglichen Leben schreibt jedes Individuum einem anderen Menschen eine Kategorie zu. Dies hilft ihnen, mit fremden in Verbindung zu treten. Allgemein bedeutet dies, dass wir jedem eine Kategorie zuordnen. Diese Kategorie allein beschreibt die Person allerdings nicht komplett. und auch die Person beschreibt die Kategorie nicht vollkommen. Beispielsweise würden wir, wenn wir einen schwarz gekleideten Menschen sehen, der Drahtbürsten und ähnliches mit sich trägt, ihm die Kategorie des Schornsteinfegers zuschreiben. Allerdings beschreibt ihn der Begriff des Schornsteinfegers nicht komplett, denn er ist zugleich Vater und/oder ein Hobbydichter. Andersherum kann die Kategorie nicht mit dem einzelnen Schornsteinfeger vollkommen beschrieben werden. Je besser wir eine Person kennen, desto mehr Kategorien brauchen wir, um diese Person zu beschreiben.
2. Rollenmuster: Jeder Mensch, der in das soziale Leben eingebunden ist, ist gesellschaftlich (Rolle, z.B.: Mutter) und nicht gesellschaftlich (z.B.: Spontaneität) bestimmt, wobei sich beide Bestimmungen beeinflussen. Somit ist jedes Individuum Produkt und Produzent.
3. Positiver Glaube an Harmonie: Der Glaube an eine harmonische und organisierte Gesellschaft, die unabhängig von den darin lebenden Mitgliedern ist, gibt dem Individuum das Gefühl einen speziellen Platz darin zu finden. Das Empfinden ein Teil eines sozialen Netzwerks zu sein, gibt ihm ein positives und bestärkendes Gefühl (vgl. Kippele, 1998: 65f.).

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Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668393400
ISBN (Buch)
9783668393417
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353313
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Schlagworte
Stadtsoziologie Individualität Industrialisierung Urbanisierung

Autor

  • Autor: undefined

    Melanie Panzilius (Autor)

    3 Titel veröffentlicht

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