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Das Theater des Absurden bei Wolfgang Hildesheimer. Eine Analyse seines theoretischen und praktischen Werkes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Theater des Absurden
2.1 Begriffstradition
2.2 Charakteristik des Theaters des Absurden
2.3 Kontext

3 Das Absurde bei Hildesheimer
3.1 Hildesheimers Theorie des Absurden
3.2 Einzelne Werke
3.2.1 Vorbemerkung
3.2.2 Die Uhren
3.2.3 Die Verspätung

4 Zusammenfassung

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1 Einleitung

Das Theater hat im vergangenen Jahrhundert eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts galt das klassische, aristotelische Theater als alternativlos. Seitdem hat sich eine grundlegend andere Richtung etabliert, wenn auch viele ihr immer noch mit Kopfschütteln und Unverständnis begegnen: das absurde Theater.1 Mit Warten auf Godot schuf Samuel Beckett, der wie die meisten Autoren des Absurden aus dem französischsprachigen Raum stammte, das Werk, das den Weg öffnete für ein neues Theater, dem eine Vielzahl heute bekannter Autoren des Absurden angehören (Ioenesco, Adamov, etc.). Das Theater des Absurden ist allerdings keine programmatische Bewegung; die meisten ihrer Vertreter sahen sich s elbst als Einzelgänger, Außenseiter, abgeschnitten von den Anderen, mit unterschiedlichen Ansichten über Stoff und Form ihrer Dramen sowie völlig unterschiedlichen Biographien (Fischer 152; Esslin 15).2 Dennoch haben ihre Werke viele Gemeinsamkeiten, was damit begründet werden kann, dass sie ein Spiegel der Gefühle und Gedanken und Sorgen und Ängste sind, ͣdie viele Menschen in der westlichen Welt bewegen (Esslin 15).

Eine Sonderstellung innerhalb dieser Autoren nimmt Wolfgang Hildesheimer ein. Es handelt sich bei ihm um den ͣwohl bekannteste[n΁ utor absurder Theaterstücke in deutscher Sprache“ (Weinhold 329). Er hat sich, wie weiter unten gezeigt werden wird, selbst ausdrücklich zu den Autoren des Absurden gezählt und hat neben theoretischen Schriften zum Thema natürlich auch zahlrieche Theaterstücke dazu verfasst. Entgegen Hildesheimers eigener Meinung dazu sind sich dennoch viele Kritiker uneinig, ob er wirklich zu den Autoren des Absurden zu zählen ist oder nicht.3 In der vorliegenden Hausarbeit geht es darum, Hildesheimers theoretisches und praktisches Werk zu analysieren und damit zu zeigen, dass er durchaus zu den Autoren des Absurden gezählt werden kann.

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Zu diesem Zweck wird zunächst einmal die Tradition und Verwendung des Begriffes durch den Surrealismus und Existenzialismus kurz angerissen. Anschließend soll gezeigt werden, inwiefern sich die Vertreter des Absurden von seinen geistigen Vorläufern unterscheiden und auf die einzelnen Aspekte des Theaters des Absurden eingegangen werden, die dieses auszeichnen. Auch der Kontext, in dem diese Form entstanden ist, soll beleuchtet werden. Mit diesem Vorwissen im Hinterg rund wird sich anschließend Hildesheimers Theorie des Absurden zugewendet, da er bis dato der einzige deutsche Schreiber ist, der sich überhaupt zu diesem Aspekt geäußert hat und nach wie vor als Referenz hierzu gilt. Im Anschluss daran sollen einige Werke Hildesheimers im Hinblick auf die erarbeiteten Punkte betrachtet werden, um zu veranschaulichen, wie sich seine theoretische Arbeit in seinen Werken konkret wieder findet.

2 Das Theater des Absurden

2.1 Begriffstradition

Der Begriff ͣabsurd“ stammt vom lateinischen ͣabsurdus“ und wurde in der Musik für
ͣmissklingend“ oder disharmonisch verwandt (Hoffmann 3). Das Bedeutungsspektrum hat sich inzwischen stark erweitert: in der Ästhetik versteht man darunter etwas gegen die Sitten oder den guten Geschmack verstoßendes, wichtiger für die vorliegende Arbeit ist
ͣabsurd“ als Erkenntnisbegriff4, im Sinne der ͣErfahrung des Fremdseins in der Welt und des Nichtseins Gottes“ (Dücker 33). Inhaltliche Verwandte bzw. Vorläufer des Absurden sind der Surrealismus5 und Existenzialismus, mit Themen wie Wahnvorstellungen, der Behandlung von Trauminhalten, der Erfahrung der Sinnlosigkeit des menschlichen Lebens und sozialer Beziehungslosigkeit (Dücker 15). Albert Camus formulierte die Thematik des Absurden unter anderem in seinem Werk ͣLe Mythe de Sisyphe“:

Eine Welt, die sich erklären lässt, und sei es auch mit unzureichenden Gründen, ist eine vertraute Welt. In einem Universum jedoch, das plötzlich der Illusionen und des Lichtes der Vernunft beraubt ist, fühlt sich der Mensch als Fremder. Aus diesem Exil gibt es keinen Ausweg, weil es in ihm keine Erinnerung an eine verlorene Heimat und keine Hoffnung auf

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ein gelobtes Land gibt. Diese Scheidung des Menschen von seinem Leben, des Schaus pielers von seinem Hintergrund ist genau das Gefühl der Absurdität (18).

Ionesco, einer der Hauptvertreter des absurden Theaters, definiert das Absurde folgendermaßen:

bsurd ist etwas, das ohne Ziel ist…Wird der Mensch losgelöst von seinen religiösen, metaphysischen oder transzendentalen Wurzeln, so ist er verloren, all sein Tun wird sinnlos, absurd, unnütz, erstickt im Keim (19).

Hieraus ist klar erkennbar, dass die prinzipiellen Themen von Dramatikern des Theaters des Absurden (Ionesco, Beckett, Adamov, Genets, etc.) und der vorangegangener Epochen (Camus, Anouilh, Salacrou, Sartre, etc.) sich sehr ähneln bzw. sogar übereinstimmen. Die Thematik allein genügt also nicht als Unterscheidungsmerkmal. Wo das Theater des Absurden und seine Vorläufer jedoch eindeutig unterscheiden, ist die Form. Sartre und Camus verpacken ihre Thematik in das alte aristotelische Schema, mit seinen rationalen und logischen Darstellungen sowie Personen, die stets ihre Einheit wahren und deshalb die traditionelle Ansicht verkörpern, jedem Menschen läge ein unveränderlicher Wesenskern zugrunde (Esslin 17). Auch ihre äußerst logische Beweisführung und ihr glatter Stil zeigt, dass im Grunde an der Idee festgehalten wird, dass ͣlogische bhandlungen gültige Lösungen erbringen können“ (Esslin 17f), alles Annahmen, die dem Absurden eigentlich entgegenstehen, ein innerer Widerspruch also.

2.2 Charakteristik des Theaters des Absurden

Die Vertreter des Theaters des Absurden brechen mit dieser Herangehensweise, indem sie die Form ihrer Werke dem Inhalt radikal anpassen. Es wird bewusst auf Vernunft und diskursives Denken verzichtet und mit sämtlichen Traditionen gebrochen, die das traditionelle Theater charakterisieren:

Wenn zu einem guten Stück eine geschickt konstruierte Handlung gehört - diese Stücke haben keine nennenswerte Handlung oder Intrige; wenn für ein gutes Stück subtile Charakterzeichnungen und Motivierung unabdingbar sind - diese Stücke weisen keine Figuren auf, die man als Charaktere bezeichnen könnte, sondern stellen dem Zuschauer fast so etwas wie Marionetten vor; wenn ein gutes Stück ein klar umrissenes Problem haben

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sollte, das eingangs sauber exponiert und am Ende gelöst wird - diese Stücke haben oft weder Anfang noch Ende; wenn es die Aufgabe eines guten Stückes ist, der menschlichen Natur eine Spiegel vorzuhalten und in scharf beobachteten Skizzen ein Bild der Sitten und Moden eines Zeitalters zu entwerfen - diese Stücke scheinen oft nur Spiegelbilder von Träumen und Angstvorstellungen zu sein; wenn die Wirkung eines guten Stückes auf schlagfertigen Repliken und geschliffenen Dialogen beruht - diese Stücke bestehen oft nur aus zusammenhangslosem Geschwätz (Esslin 14).

Insofern ist es nicht zu gewagt, wenn Esslin behauptet, dass vom künstlerischen Standpunkt aus die philosophischen Erkenntnisse von Camus, Sartre und ihren Gleichgesinnten im Theater des Absurden gültiger bzw. konsequenter dargestellt werden als in den Dra men von Sartre und Camus selbst (17). Das absurde Theater diskutiert also nicht die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz, sondern stellt sie einfach dar; die bloße Erkenntnis bei Camus und Sartre wird in Erlebnis umgewandelt (Esslin 18), die Weltsicht der absurden Dramatiker schlägt sich also direkt in der Form ihrer Stücke nieder.

Stichpunktartig können die einzelnen Charakteristiken -zusätzlich zur gerade erwähnten Thematik- des Theaters des Absurden wie folgt zusammengefasst werden (Beispiele für diese Aspekte folgen weiter unten bei der Besprechung der Werke Hildesheimers):

- Sprache: Die Sprache erfährt im Theater des Absurden eine radikale Abwertung und verliert seine Bedeutung als Mittel der Verständigung. Die Akteure reden aneinander vorbei, verstehen sich nicht oder hören einander gar nicht zu. Gespräche finden zwar statt, aber was von den einzelnen Figuren gesagt wird, ist nebens ächlich im Vergleich zum eigentlichen Geschehen auf der Bühne; oft stehen Sprache und Handlung sogar im Widerspruch (Esslin 19). Aus dieser Abwertung geht auch die Vorliebe des Theaters des Absurden für optische und akustische Elemente hervor, oftmals ähnelt es sogar der Pantomime.6

- Handlung: Statt einer klassischen fortlaufenden Handlung gibt es nur Reflexionen und Dialoge ohne Ziel, die Handlung bleibt also in der Regel komplett statisch. Es wird

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nicht die äußere Welt bzw. Realität dargestellt, sondern der seelische Innenraum des Menschen. Die Figuren stehen dem Unbegreiflichen und Chaos gegenüber.

- Zeit und Raum: Auch hier sind die klassischen Einheiten aufgehoben; eine äußerlich messbare Zeit existiert nicht (Zeitlosigkeit), es gibt nur noch Zustände.7 Auch die Orte sind nicht mehr zu definieren, sondern rein imaginär und könnten überall und nirgends sein (zum Beispiel ͣLandstraße. Ein Baum“ als einzige Regieanweisung hierzu in ͣWarten auf Godot“).
- Charaktere: Die einzelnen Figuren verlieren ihre Identität, machen keine Entwicklung durch und wirken eher oft wie Marionetten als wie Menschen.
- Gefangensein: Der Mensch kann sich nicht mehr aus seiner Welt befreien und geht ständig im Kreis (Sinnlosigkeit). Deshalb gibt es im Theater des Absurden oft Wort- und Satzwiederholungen, Figurenpaare, sich wiederholende Situationen, Ineinandergreifen von Anfang und Ende, Doppelungen, Kreisbewegungen, usw. (Pohl).

Natürlich gibt es noch andere Aspekte, unter denen man das diese Form des Theaters von anderen abgrenzen kann, für die vorliegende Arbeit genügt diese Auswahl jedoch. Aus ihr wird klar, dass das Theater des Absurden wirklich alles tut, um sich vom aristotelischen Theater abzugrenzen, weshalb es oft auch das Etikett ͣ nti-Theater“ erhält.

2.3 Kontext

Nachdem in den vorangegangen Teilen ein kurzer Überblick übe das prinzipielle Wesen des Theaters des Absurden gegeben wurde, soll nun der Kontext geklärt werden, aus dem diese Form des Theaters hervorging; dies ist von Bedeutung, weil Kunstformen nie ͣeinfach so“ entstehen sondern immer in ihrem kulturellen, geschichtlichen und politischem Zusammenhang gesehen werden müssen.

[...]


1 Der Begriff des absurden Theaters bzw. der absurden Literatur ist insofern irreführend, dass diese Werke oft ͣrealistisch und logisch bis zum Exzeß [sic΁“ sind und der Begriff absurdes Theater sich selbst ad absurdum führen würde (Fischer 151f). Deshalb schlug Martin Esslin in nlehnung an lbert Camus den Begriff ͣTheater des bsurden“ vor, der hier im Weiteren verwendet wird. Doch auch dieser Begriff ist nicht unumstritten; Peter Fischer kritisiert, dass dies bedeuten würde, dass solche Autoren die Welt in ihrem Wesen für absurd hielten, nicht nur in ihrer Erscheinung, was einige Autoren jedoch vehement zurückgewiesen haben (v.a. Adamov, Dürrenmatt, Pinget). ls lternative wird ͣmetalogisch“ vorgeschlagen. Vgl. die Diskussion in Fischer, Peter. ͣVersuch über das scheinbar absurde Theater.“ Merkur Februar 1965: 151-163.

2 Für die vorliegende Arbeit wird er Zitierstil der Modern Language Associtation, 7th edition, verwandt.

3 Dieter Hoffmann zum Beispiel kommt zu dem Schluss, dass sich lediglich die ͣSpiele, in denen es dunkel wird“ als absurd im engeren Sinne bezeichnen lassen, vgl. hierzu ͣProsa des bsurden“, 157-163. Für eine überzeugende Gegenargumentation siehe Ulrike Weinbold, ͣDie bsurdität Wolfgang Hildesheimers“, 329-362.

4 Für eine detaillierte Ethymologie des Begriffs, vgl. Kapitel 1.1 von Hoffman, Dieter. Prosa des Absurden.

5 Hildesheimer selbst bezeichnet den Surrealismus als Vorstufe des Absurden (Theaterstücke 180).

6 Esslin merkt hierzu auf S. 19 an, das diese bwertung der Sprache typisch ist für unsere ͣanti -literarische“ Zeit und vergleicht das Theater mit der abstrakten Malerei, wo ͣalle literarischen Elemente aus den Bildern ausgemerzt werden sollen.“

7 Vgl. Becketts ͣWarten auf Godot“: Die zwei Landstreicher warten das ganze Stück über, ohne dass man weiß, wie viel Zeit vergangen ist und das Warten überhaupt enden kann.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668394414
ISBN (Buch)
9783668394421
Dateigröße
972 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353272
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – German Department
Note
2
Schlagworte
Hildesheimer Theater Absurd Nachkriegsliteratur Theater des Absurden

Autor

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