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Gesellschaftskritische Tendenzen in Antihelden-Romanen. Eine Untersuchung ausgewählter Werke der amerikanischen Postmoderne

Bachelorarbeit 2014 53 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aufbau
1.2 Zielsetzung

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Antiheld
2.2 Amerikanische Postmoderne

3. Vom Helden zum Antihelden in der Literatur
3.1 Der antike Heros und der Archetypus
3.2 Entmythologisierung des Helden
3.3 Aufkommen des Antihelden

4. Auswirkungen auf den Roman durch den Einsatz des Antihelden .
4.1 Die verschiedenen Typen des Antihelden
4.2 Die Wertvorstellungen des Antihelden
4.3 Neue Möglichkeiten und Herausforderungen

5. Die amerikanische Postmoderne
5.1 Literarische und politische Tendenzen von der Nachkriegsliteratur bis zur Gegenwart
5.2 Antihelden-Romane in der amerikanischen Postmoderne
5.3 Auswahl der Bücher
5.3.1 Der Fänger im Roggen (1951) - J.D. Salinger
5.3.2 Einer flog über das Kuckucksnest (1961) - Ken Kesey
5.3.3 Verlorene (1979) - Cormac McCarthy
5.3.4 American Psycho (1991) - Bret Easton Ellis
5.4 Charakterliche Besonderheiten und Auffälligkeiten der Protagonisten

6. Gesellschaftskritische Themen und Momente der Romane
6.1 Verlust der Individualität
6.2 Medien- und Konsumgesellschaft
6.3 Geltungsdrang in der (Klassen-)Gesellschaft
6.4 Klischees und Vorurteile
6.5 Unterdrückung durch das System
6.6 Charakterliche Verdorbenheiten in der Gesellschaft

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

One of the most significant developments in Post-World War II literature [...] was the rise of the realistic school of writing [...]. Stripping away all pretension and hy- pocrisy, they [the authors] wrote of truth, celebrating the individual as he is, and, in the process, exerted a powerful social criticism. They were the true spokesmen for their age.1

Das Konzept des klassischen Helden2 wurde nach 1945 fast ausnahmslos als veraltetet und überholt angesehen. Parallel zu der lange beobachtbaren Abwärtstendenz des Hel- den in der Literatur, gewann die literarische Figur des Antihelden immer mehr an Be- deutung. Durch den Einsatz des komplexeren Antihelden konnte den Wünschen und Forderungen der Leserschaft nach einer realistischeren Literatur Rechnung getragen werden. So besitzt der Antiheld im Vergleich zum Helden die Möglichkeit "soziale Probleme und Wertkonflikte darzustellen."3 Obwohl unter Literaturwissenschaftlern weitestgehend Übereinstimmung über den literarischen Stellenwert des Antihelden herrscht, ist in den letzten Jahren nur wenig Literatur zu dieser literarischen Figur ent- standen. Um den Antihelden unter einen bestimmten Gesichtspunkt untersuchen zu können, wurde in dieser Arbeit bestehendes Wissen über den Antihelden zunächst ge- ordnet, ehe ich dem von mir gewählten Ansatz der Gesellschaftskritik eine vergleichen- de Analyse unterziehen konnte. Der Sinn und Zweck dieser Arbeit ergibt sich dabei insbesondere aus dem Mangel an vergleichbaren Arbeiten, die exemplarisch Gesell- schaftskritik in Antihelden-Romanen aufzuzeigen versuchen. Meine Ausführungen kon- zentrieren sich dabei aufgrund von thematischen Übereinstimmungen, die trotzdem noch ausreichend Differenzen aufweisen, auf Werke der amerikanischen Postmoderne.

1.1 Aufbau

Die vorliegende Arbeit ist in insgesamt sieben Kapitel eingeteilt.

Nach der kurzen Einführung in das Thema der Bachelorarbeit, werden in Kapitel 2 we- sentliche Begrifflichkeiten ("Antiheld" und "Amerikanische Postmoderne") erläutert, um zum einen ein Grundverständnis für die gesamte Thematik zu erlangen und zum anderen ein einheitliches Verständnis dieser Begriffe als Grundlage für die noch folgenden Kapitel zu schaffen.

Im Anschluss an die Begriffsdefinitionen gebe ich in Punkt 3 einen Abriss darüber, wie und warum der klassische Held spätestens in der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur immer öfter vom Antihelden abgelöst wurde. Ausgehend vom literarischen Ursprung des Helden in der antiken griechischen und römischen Mythologie (3.1), zeige ich im Unterpunkt 3.2 auf, warum die Aura und Strahlkraft der Heroen schwand und deshalb der Weg für den Antihelden in der Literatur geebnet wurde (3.3).

Darauf aufbauend werden in Kapitel 4 die konkreten Auswirkungen durch die Veränderungen in der Figurenkonzeption untersucht. Zunächst werden die verschiedenen Typen und charakterlichen Ausprägungen des Antihelden vorgestellt (4.1), ehe anschließend ihr Verhältnis und ihre Vorstellungen zu Moral und Werten aufgezeigt werden (4.2). Dieses Kapitel schließt mit den Möglichkeiten, die sich in der Literatur durch den Einsatz des Antihelden als Protagonisten ergeben (4.3).

Anschließend folgt ein Überblick über zentrale Aspekte der amerikanischen Literatur nach Beendigung des zweiten Weltkrieges (5.1). Der Antiheld steht dabei vielfach im Zusammenhang mit den jeweiligen aktuellen politischen und gesellschaftlichen Rah- menbedingungen. In Unterpunkt 5.2 wird dann explizit auf den Antihelden in der ame- rikanischen Postmoderne eingegangen, bevor ich die von mir getroffene Buchauswahl begründe (5.3). Es folgt eine Charakterisierung von Auffälligkeiten der Antihelden in den ausgewählten Werken (5.4).

In Kapitel 6, dem ich die meiste Gewichtung in der Bachelorarbeit zumesse, widme ich den konkreten gesellschaftskritischen Themen und Momenten der Antihelden-Romane. In dem abschließenden siebten Kapitel werden die wichtigsten Erkenntnisse zusam- mengefasst und ein abschließendes Resümee darüber gezogen, welche Relevanz der Antiheld für die Thematisierung von gesellschaftlichen Missständen besitzt.

1.2 Zielsetzung

An den von mir ausgewählten Werken Der Fänger im Roggen, Einer flog über das Ku- ckucksnest, Verlorene und American Psycho wird exemplarisch aufgezeigt, wie Gesell- schaftskritik durch die Figur des Antihelden anschaulich geäußert werden kann. Durch die verschiedenen Typen des Antihelden gibt es dafür eine Vielzahl von Möglichkeiten.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf das Vorkommen des Antihelden in der ame- rikanischen Postmoderne. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den 1960-er und 1970er-Jahren, in denen vor allem durch die sogenannte "Counter-Culture", eine über- wiegend jugendliche Protestbewegung, unter anderem offen auf soziale Ungerechtigkei- ten, starre gesellschaftliche Strukturen, Materialismus, den steigenden Einfluss der Me- dienwelt und politischen (Fehl-)Entscheidungen aufmerksam gemacht und Veränderun- gen angestrebt wurden.4 Unabdingbar ist dabei der Vergleich mit dem klassischen Hel- den in der Literatur und die Frage, warum der Antiheld ihm gegenüber vielfach geeigne- ter ist, den Rezipienten auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Ent- scheidend ist hierbei vor allem die Komplexität der Antihelden-Charaktere.

Neben den, von dem Antihelden vertretenen Wertvorstellungen, spielen für die Analyse der Gesellschaftskritik in den Werken unter anderem das Setting, die Figurenkonstellationen und der Handlungsrahmen der Romane eine maßgebliche Rolle.

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Antiheld

Unter dem Begriff "Antiheld" wird der Protagonist einer Geschichte verstanden, der sich deutlich vom Typus des Helden unterscheidet: "Such characters do not confirm to traditional models of heroic figures; they even stand in opposition to them."5

In seiner ursprünglichen Verwendung als Dramenfigur war der Antiheld im Gegensatz zum Helden eine Figur, die den "Ereignissen mit strikter Passivität, Resignation o. Lan- geweile"6 gegenüberstand. Das Bild vom Antihelden hat sich seitdem jedoch stark aus- differenziert. Eine zum Teil enorme Komplexität der Charaktere und insbesondere scheinbare Widersprüchlichkeiten in ihrem Denken und Handeln sowie Ambiguitäten erschweren oftmals eine eindeutige Charakterisierung der Antihelden. Demgemäß kann der Antiheld laut Jessica Page Morrell als "mess of contradictions"7 bezeichnet werden.

Was aber zunächst festzuhalten bleibt, ist dass dem Antihelden je individuell einige für den Helden klassische Qualitäten, wie Edelmut oder Vornehmheit, abgesprochen werden müssen. Diese werden oft sogar ins Gegenteil verkehrt.8 Der Antiheld ist in der Literatur in der Regel ein (Sinn-)Suchender, der seiner tiefen Frustration entkommen will.9 Diese Suche ist aber selten erfolgreich. Der Antiheld scheitert in den meisten literarischen Werken an den umgebenden gesellschaftlichen Verhältnissen.10 Die Gründe werden im weiteren Verlauf noch genauer thematisiert.

2.2 Amerikanische Postmoderne

Mit vereinzelten Ausnahmen wird unter Postmoderne die Zeit nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges verstanden. Sie löste damit das Zeitalter der Moderne ab, für die es nebeneinander existierende Definitionen und Zeiteinteilungen gibt.11 Wichtig ist es zu- nächst, dass der Begriff "Postmoderne" eine Epoche bezeichnet und von der künstleri- schen Bewegung des "Postmodernismus" abzugrenzen ist. Zentral für die Postmoderne ist das Weichen des bedingungslosen Fortschrittglaubens hin zu einem realistischeren und subjektiveren Weltbild, in dem auch Misstrauen und Zweifel seinen Platz haben.12 Die Postmoderne steht dabei "im Spannungsfeld zwischen sozialkrit. Intentionen, expe- rimenteller Innovation und existentieller Erneuerung"13. Insbesondere die sozialkriti- schen Intentionen der Postmoderne werden im weiteren Verlauf an zentraler Stelle mei- ner Ausführungen stehen. Auf besondere literarische Tendenzen, die für die ausgewähl- ten Werke von entscheidender Bedeutung sein werden, wird in Punkt 5.1 noch einge- gangen.

Der Begriff "Amerika Postmoderne" beschränkt sich dabei auf die Literatur, die in den USA verfasst wurde. Seit dem Kalten Krieg gilt diese Gleichsetzung als üblich.14

3. Vom Helden zum Antihelden in der Literatur

Nachdem in die Thematik der Arbeit eingeführt wurde, wird nun dargestellt, wie sich die Rolle des Helden (in der Literatur) gewandelt hat. Parallel zu der schwindenden Bedeutung des klassischen Heroen, gewann der Antiheld, insbesondere in der Epoche der Romantik, an Relevanz für die Autoren und somit den Rezipienten. Die Gründe für den Wandel werden im Folgenden eingehend beleuchtet.

3.1 Der antike Heros und der Archetypus

Der ursprüngliche Heros ist vor allem in den klassischen Epen immer im Zusammenhang mit Mythen, Archetypen und der Religion zu sehen.

In einem geschlossenen Weltbild geht es dabei vor allem um die zu vollbringenden Ta- ten, die es den Protagonisten ermöglichen, als "heroisch" klassifiziert zu werden.15 Das geschlossene, und damit widerspruchsfreie Weltbild, steht dabei im Kontrast zu der Welt des Antihelden, auf die insbesondere in Kapitel 4 eingegangen wird. Unter "Ar- chetypen" können dabei "Formen oder Bilder kollektiver Natur, welche ungefähr auf der ganzen Erde als Konstituenten der Mythen und gleichzeitig als autochthone, indivi- duelle Produkte unbewußten Ursprungs vorkommen"16 verstanden werden. Es sind Vor- stellungsmuster, die nicht erlernbar sind, sondern sich durch Erkenntnisse in der Psyche manifestieren. Unter anderem werden sie durch Mythen, wie von Helden, erfahrbar. Da auch das Heldenbild in den Bereich des kollektiven Unbewussten fällt, ist der Held genauso wie der Antiheld ein Archetypus, an den bestimmte Erwartungen gestellt wer- den. Zuallererst erwartet der Rezipient, wenn er sich mit einem klassischen Heroen aus- einandersetzt, ein im Wertediskurs als wertvoll zu kennzeichnendes Handeln.17 In erster Linie verstehen wir unter "heldenhaft" Figuren, die ehrenhaft und stolz sind und die durch ihren Mut und ihren starken Willen Taten vollbringen, die für die Menschen au- ßergewöhnlich sind und als vorbildhaft gelten.18 Diese Vorstellung vom Helden und vom Mythos ist tief in unseren Kulturen verankert und somit ein universelles Phänomen der menschlichen Bevölkerung.19 An einen Archetypus, wie dem Helden, stellen wir nicht nur spezifische Erwartungen, sondern bringen diesem auch Gefühle entgegen, die es ihm ermöglichen beziehungsweise ermöglicht haben zu ebendiesem Vorbild für die Menschen zu werden. Das Bild vom Helden als Edelmann findet sich in den römischen und griechischen Mythologien, beispielsweise in den Schriften von Homer, wieder. Mit der Zeit erweiterte sich dieser Heldenkult aber um eine weitere Komponente. Eine Religiosität spiegelte sich zunehmend in den Heldengeschichten wider.20 Folglich war der Held immer öfters eine direkter Abkomme der Götter oder ein Halbgott. Religion und Glauben haben auch in den Antihelden-Romanen der Gegenwartsliteratur eine noch oft entscheidende Funktion inne. Doch steht dabei der Glauben nicht mehr im Zusammenhang bzw. sogar im Einklang mit den heroischen Taten wie in den früheren Heldengeschichten.

Spielt das Individuum mit seinen Problemen in den Antihelden-Romanen heutzutage eine zentrale Rolle, war der Held in den Mythen und Ideologien der früheren Epen ver- antwortlich für das Schicksal einer kompletten Lebensgemeinschaft. Der Heldenmythos rankte somit um Themen und Lösungen, die für die ganze Menschheit von entscheiden- der Bedeutung waren.21

3.2 Entmythologisierung des Helden

Mit der Zeit wurde die Abgrenzung zwischen dem Heroischen und dem Unheroischen immer komplizierter und undeutlicher.22 Allmählich verloren die Mythen an Glanz und Reichweite. Die moderne Wissenschaft hat den Mythos zum absurden Naturerklärungs- versuch und als Mittel zur Lenkung des Individuums abgestuft.23 Mit der steigenden Kontrolle des Menschen über die Naturwelt und den Lebenswesen, sank der Glauben an das Übersinnliche. Der Glaube an einen Helden, der übermenschliche Taten vollbringt und zum Retter einer Gemeinschaft wird, findet in diesem Weltbild nur noch wenig Beachtung.24

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert spielt der klassische Held ebenso in der Literatur eine immer unbedeutendere Rolle und ist nach 1945 dann fast vollständig überholt. Anstelle der im Wertediskurs positiv besetzten Figur, wurde der Begriff "Held" immer häufiger für die Hauptfigur eines Dramas oder einer Dichtung verwendet, ohne dabei etwas über die Eigenschaften der Figur auszusagen.25 In dieser Verwendung ist auf den früheren Gebrauch und die Bedeutung des klassischen Helden nicht mehr zu schließen. Der Begriff Antiheld hingegen, wie später von mir dargestellt wird, schließt zusätzlich immer eine Bewertung bzw. bestimmte Erwartungen an die literarische Figur mit ein. Signifikant im Bürgerlichen Trauerspiel und der Romantik, wird aus der ehemals heroi- schen Gestalt im Drama und der Epik endgültig ein wechselhafter Charakter, der mit seinen Werten und Taten nun mehr Gemeinsamkeiten mit den Bürgern und deren All- tagsleben aufweist. Außerdem wird er immer öfter als fehlbar dargestellt und bereitet somit das In-Erscheinung-Treten des Antihelden in der Literatur vor.26 Der gravierendste Unterschied zwischen dem romantischen Helden und dem Antihelden der Postmoderne besteht aber in der Tatsache, dass sich der Held der Romantik vorwie- gend etlichen Träumen und Wünschen hingibt. Das pessimistischere Weltverständnis des Antihelden hingegen ist vielmehr geprägt von existenziellen Nöten und oftmals auch von einer Hoffnungslosigkeit, der er mit Ironie begegnet, da für ihn die Aussicht auf ein glückliches Leben selten jemals gegenwärtig war. Die Erweiterung der Romane, durch einen vom Protagonisten zu erfahrenden Schmerz, gilt somit als wichtiger Faktor für die Entwicklung hin zum Antihelden.27

Die Nähe zum Antihelden wird bereits durch den wachsenden Skeptizismus, nihilisti- sche Tendenzen, in dem Drang zur Zerstörung und Selbstzerstörung und dem Trend zum Verfall von Tugenden und Werten, die den Helden charakterisierten, deutlich.28

3.3 Aufkommen des Antihelden

Mit der Entmythologisierung des Helden gewann sein Gegenentwurf in der Literatur zunehmend an Bedeutung. Angefangen in der Antike, in der erste Charakteristika des Antihelden bei den Figuren entdeckt werden konnten, fanden sich in Romanen wie "Don Quijote" und "Simplicissismus" klare Überschneidungen mit dem späteren Figurentypus des Antihelden.29

Die eindeutigen Vorläufer des Antihelden sind dann als solche spätestens in der Romantik deutlich zu erkennen. Insbesondere vermochte es die Komplexität in der Charaktergestaltung und die Individualität des romantischen- sowie später des Antihelden den gestiegenen Rezeptionsansprüchen mehr gerecht zu werden, als die flachen heroischen Figuren. Als Folge davon tauchten schließlich im frühen 19. Jahrhundert Figuren auf, die unter "Antiheld" zusammengefasst werden können. Es waren die Protagonisten, die trotz guter Absichten immer wieder scheiterten und sich nicht in die Gesellschaft eingliedern konnten oder wollten.30

Besonders in Amerika wurde der Antiheld, dessen Vertreter sich mit der Zeit enorm ausdifferenzierten und so ganz unterschiedliche Typen des Antihelden entstehen ließen, Teil des literarischen Allgemeinguts. Großen Anklang fanden dabei Ahab aus Moby Dick (1851), Huckleberry Finn (1884), Jay Gatsby (1925) und Holden Caulfield (1951), der später als Ausgangspunkt meiner Betrachtungen der Antihelden in der amerikanischen Postmoderne dienen soll und die Hochphase des Antihelden in den 1960er- und 70er-Jahren einleitete.31

Auch in Europa wurde das Konzept des Antihelden besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg immer häufiger aufgegriffen. Vor allem war dies auffällig in der russischen Literatur, in der einfache Bürger immer wieder in Geschehnisse von staatlichem und politischem Interesse geraten und dabei am Zwang und dem Druck durch die Gesellschaft zerbrachen oder sich im besten Fall vom Kollektiv lösen und in ihr eigenes kleines Leben zurückflüchten konnten.32

Hauptsächlich fanden die Figuren des Antihelden nach 1945, vermutlich aufgrund der noch frischen Eindrücke und Erlebnisse des Weltkrieges, Anklang. Im Bewusstsein des früheren blinden Vertrauens in ehemalige Staatsführer wie Stalin oder Hitler und den dahinterstehenden Ideologien, wollte man sich jetzt auf allen Ebenen deutlich von den früheren gelebten Werten und Motiven distanzieren. Insbesondere gewannen Einstellungen und Themen wie der bewusst gelebten Nonkonformität und Individualität an Bedeutung. Von alten Heldenbildern grenzte man sich in aller Deutlichkeit ab und betrachtete diese als obsolet. Durch die Figur des Antihelden konnten die neu gewonnenen Erkenntnisse und Grundhaltungen, wie der Absage an jeglicher Form von Faschismus, gebührend repräsentiert werden. Der Antiheld rückte deshalb in das allgegenwärtige Bewusstsein der postmodernen Gesellschaft.33

Neben dem Scheitern der ehemaligen Vorbilder bzw. durch das Wissen über die wahren Absichten von Staatsführern fernab von jeglicher Beschönigung, wuchs die Überzeugung, dass kein Mensch mehr auf den Stand eines Helden erhoben werden sollte. Die Vergangenheit hatte gelehrt, welche Macht einzelne Persönlichkeiten durch die fanatische Verehrung ihrer Anhänger erlangen können. Der Glaube an Führer, Diktatoren und Ideologien wich somit, nachdem der Glauben an Mythen schon längst nur noch in Randgruppierungen gegenwärtig war, einem Skeptizismus, der dem endgültigen Durchbruch des Antihelden in der Literatur voranging:34 "In der Lit.- und Mediengeschichte wird die Figur des A.en umso wichtiger, je mehr sich der Wertekonsens einer Gesellschaft auflöst und etablierte Normen öffentlich problematisiert werden."35

Besonders in der Postmoderne haben sich die Lebensweisen der Menschen enorm entstandardisiert und viele Grundhaltungen koexistieren in einer Gemeinschaft. Warum sich der Antiheld gerade deshalb als Protagonist von Romanen eignet, wird später wieder von mir aufgegriffen.

4. Auswirkungen auf den Roman durch den Einsatz des Anti- helden

Nachdem in Punkt 3 dargestellt wurde, warum der klassische Held seine mythologische und ideologische Kraft verloren hat und der Antiheld in Folge immer häufiger den Mittelpunkt literarischer Werke bildete, wird nun der konkrete Gebrauch des Antihelden untersucht.

Ausgehend vom früheren Bild vom Antihelden, der überwiegend als passiv charakterisiert wurde, wird zunächst in 4.1 ein Überblick über die verschiedenen Typen des Antihelden gegeben, die sich in der Folge einer Ausdifferenzierung entwickelt haben. In Punkt 4.2 wird dann auf die Wertvorstellungen der Antihelden eingegangen. Das Kapitel dient damit außerdem als Basis für die Analyse der Gesellschaftskritik in den von mir ausgewählten Werken, da der Antiheld durch sein Identifikationspotential die Fähigkeit besitzt, Verständnis beim Leser für seine Denkweisen zu schaffen und seine Wertvorstellungen somit weiter zu vermitteln. Kapitel 4.3 schließt daran an und zeigt auf, welche konkreten Konsequenzen der Einsatz des Antihelden in Romanen hat.

4.1 Die verschiedenen Typen des Antihelden

Der Antiheld kann, wie bereits in der Begriffsdefinition (2.1) erwähnt, nicht einheitlich definiert werden, sondern nur deren Übereinstimmungen herausgestellt werden: "Likewise, anti-heroes can be difficult to classify because they vary so broadly"36. Hatten die ersten Antihelden in der Literatur noch sehr viele Gemeinsamkeiten, können Antihelden nun nahezu jegliche charakterliche Ausprägungen besitzen, solange mindestens gewährleistet ist, dass sie durch einen "Mangel an bestimmten positiven Eigenschaften dem Typus des Helden"37 gegenüberstehen.

In den meisten Werken tritt ebendieser Mangel sichtbar in den Vordergrund und führt, in Abgrenzung zu Heldengeschichten, zu einem (zumindest vorläufigen) Scheitern des Protagonisten.

Exemplarisch für das Versagen können Holden Caulfield in der Fänger im Roggen und Cornelius Suttree in Verlorene angeführt werden. Holdens Odyssee in New York führt ihn zunächst ins Sanatorium, vermittelt der Roman aber durch das Ende (auf das später noch genauer eingegangen wird) einen Optimismus, der die Möglichkeit offen lässt, Auswirkungen auf den Roman durch den Einsatz des Antihelden 15 dass Holden kuriert und sich dem Leben in Zukunft stellen kann. Ebenso wird in Verlorene die Zukunft des Protagonisten offen gehalten. Nach einer Reihe von Unglücken und Fehlschlägen beschließt Suttree die Stadt mit unbekanntem Ziel und somit ungewissem Ausblick zu verlassen.

Trotz der großen Ansammlung unterschiedlicher Charaktere ist oft eine grobe Klassifizierung als bestimmter Typus möglich. In seinem Buch "The Anti-Hero in the American Novel. From Joseph Heller to Kurt Vonnegut" charakterisiert David Simmons die drei, für die amerikanische Gegenwartsliteratur, wichtigsten Typen des Antihelden. Es handelt sich dabei um die Umwandlung von den heroischen Archetypen des Christen bzw. christusähnlichen Protagonisten, des Cowboys und des erfolgreichen Geschäftsmann in ihre antiheldenhafte Form.38 Demgemäß verweist Simmons unter anderem auf Holden Caulfield als "version of the ´Christlike` figure as a teenage runaway."39 Religion und Glauben spielen auch eine Rolle in den von mir gewählten Antihelden-Romanen. McMurphy in Einer flog über das Kuckucksnest kann als Transformation des klassischen Cowboys beziehungsweise als Rebell angesehen werden und Patrick Bateman in American Psycho als hedonistischer Unternehmer.

Neben diesen drei genannten Typen, die durchaus redundante Erscheinungen in der (amerikanischen) Postmoderne sind, gibt es sogar Versuche einer kompletten verallgemeinernden Typologie von Antihelden. So unter anderem durch Burdorff im Metzler Lexikon: "Sie sind 1. moralisch negativ oder deviant [...], 2. passiv oder ziellos [...], 3. physisch benachteiligt [...], 4. sozial ausgegrenzt [...] oder 5. komisch"40. Auf diese Typologie wird später bei der Begründung der Auswahl und dem Vorstellen der von mir gewählten Werke in Kapitel 5.3 sowie 5.4 eingegangen.

Wie deutlich sich das Verständnis vom Antihelden, der früher fast nur über seine Passivität, Machtlosigkeit und Scheitern definiert wurde, verändert und ausdifferenziert hat, zeigt sich insbesondere daran, dass selbst ehemals als Bösewichte titulierte literarische Figuren heutzutage als "Antihelden" verstanden werden. So findet sich beispielsweise in der Zeitschrift Deutschunterricht, der von dem Literaturwissenschaftler Professor Harro Müller-Michaels verfasste Artikel "Antihelden in Literatur und Film", in dem er den Antihelden wie folgt definiert:

[...]


1 Feldman, Gene/ Gartenberg, Max (Hrsg.): Publisher´s Note, in: The Beat Generation and the Angry Young Men, hrsg. von Gene Feldman und Max Gartenberg, Ontario 1984, o.S.

2 Werden Personenbezeichnungen aus Gründen der besseren Lesbarkeit lediglich in der männlichen oder weiblichen Form verwendet, so schließt dies das jeweils andere Geschlecht mit ein.

3 Burdorff, Dieter/ Fasbender, Christoph/Moenighoff, Burkhard (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur, 3. Aufl. Stuttgart, Weimar 2007, S. 30.

4 Vgl. Hebel, Udo J.: Einführung in die Amerikanistik/ American Studies, Stuttgart, Weimar 2008, S. 208f.

5 Brombert, Victor: In Praise of Antiheroes: Figures and Themes in Modern European Literature, 1830- 1980, Chicago 2001, S. 2.

6 Trilse-Finkelstein, Jochanan Ch./ Hammer, Klaus: Lexikon Theater International, Berlin 1995, S. 386.

7 Morrell, Jessica Page: Bullies, Bastards And Bitches: How To Write The Bad Guys Of Fiction, Cincinnati 2008, S. 52.

8 Vgl. Baldick,Chris: The Oxford Dictionary of Literary Terms, New York 2008, S. 16.

9 Vgl. Baugess, James S. / Debolt Abbe A.: Encyclopedia of the Sixties: A Decade of Culture and Counterculture, Greenwood 201, S. 34.

10 Vgl. Baldick 2008: S. 16.

11 Vgl. Zapf, Hubert: Amerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart 2010, S. 305.

12 Ebd.: S. 327.

13 Habicht, Werner/ Lange, Wolf-Dieter/ Brockhaus Redaktion: Der Literatur Brockhaus, Mannheim 1988, S. 582.

14 Vgl. Karrer, Wolfgang: Literaturgeschichte der USA. Ein sozialgeschichtlicher Überblick, Hamburg 2008, S. 139.

15 Vgl. Egloff, Götz: Der einsame Beobachter bei Fitzgerald, Salinger und Ellis. Individuum und Gesellschaft im US-amerikanischen Roman des 20. Jahrhunderts, Marburg 2001, S. 13.

16 Jung, C.G.: Psychologie und Religion, Zürich; Stuttgart 1963, S. 64.

17 Vgl. Wulff, Hans J.: Held und Antiheld, Prot- und Antagonist: Zur Kommunikations- und Texttheorie eines komplizierten Begriffsfeldes. Ein enzyklopädischer Aufriss (2002), URL: http://www.derwulff.de/2-107 (Stand:20.02.2014), S. 1.

18 Vgl. Brombert 2001: S. 3 ff.

19 Vgl. Roszak, Theodore: Gegenkultur. Gedanken über die technokratische Gesellschaft und die Opposition der Jugend. Düsseldorf, Wien 1974, S. 307.

20 Vgl. Brombert 2001: S. 2.

21 Vgl. Campbell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten, Berlin 2011, S. 31.

22 Vgl. Brombert 2001: S. 2.

23 Vgl. Campbell: Heros, S. 404.

24 Vgl. ebd.: S. 413.

25 Vgl. Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 2001, S. 332 f.

26 Vgl. Bondy, François: Harenbergs Lexikon der Weltliteratur Bd. 3, Dortmund 1989, S. 1303.

27 Vgl. Furst, Lilian R.: The Romantic Hero, Or Is He An Anti-Hero?, Atlanta 1976, S. 56 ff.

28 Vgl. ebd.: S. 67.

29 Vgl. Burdorff 2007: S. 30.

30 Vgl. Müller-Michaels, Harro: Antihelden in Literatur und Film, in: Studies in the Literary Imagination, 9:1, 1976, S. 45.

31 Vgl. Baugess 2011: S. 34.

32 Vgl. Wulff 2002: S. 7.

33 Vgl. David Simons: The Anti-Hero in the American Novel. From Joseph Heller to Kurt Vonnegut, New York 2008, S. 10.

34 Vgl. Ebd.: S. 11.

35 Burdorff 2007: S. 30.

36 Morrell 2008: S. 56.

37 Burdorff 2007: S. 30.

38 Vgl. Simmons 2008: S.18.

39 Ebd.: S. 158.

40 Burdorff 2007: S. 30.

Details

Seiten
53
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668392380
ISBN (Buch)
9783668392397
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353111
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Schlagworte
gesellschaftskritische tendenzen antihelden-romanen eine untersuchung werke postmoderne

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