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NS-Literaturpolitik. Die literarische Produktion von 1933 bis 1945 und Exilliteratur

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 37 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsüberblick zum Nationalsozialismus
2.1 NS - Forschung
2.2 Alltagsgeschichtsschreibung
2.3 Historikerstreit
2.4 Wende 1989

3. NS-Literaturpolitik
3.1 Konkurrierende Institutionen der NS- Literaturpolitik
3.2 NS- Bücherverbrennungen 1933
3.3 Gleichschaltung in der Literaturpolitik

4. Die literarische Produktion in Deutschland 1933 bis 1945
4.1 Das Thingspiel
4.1.1 Definition des Begriffes
4.1.2 Traditionsbezüge und Wurzeln des Thingspiels
4.1.3 Ende der Thingbewegung
4.2 Frauenliteratur
4.3 Kriegsdichter als historische Legitimation
4.4 Schreiben unter Aufsicht
4.5 Aufkommen einer »jungen« Literatur

5. Exilliteratur
5.1 Leserschaft der Exilliteratur
5.2 Das Selbstverständnis der Exilautoren
5.3 Prosa als bedeutendstes Genre der Exilliteratur
5.4 Phasen der Exilliteratur
5.4.1 Die erste Phase
5.4.2 Die zweite Phase
5.4.3 Die dritte Phase
5.5 Einflüsse und Quellen der Deutschlandromane

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahre 1996 publizierte Christiane Caemmerer eine Analyse über Schriftsteller zur Zeit des Nationalsozialismus unter dem herausfordernden Titel »Dichtung im Dritten Reich?«. Es scheint nicht denkbar, dass in einem Land „in unmittelbarer Nachbarschaft von Auschwitz“[1] eine beeindruckende Literatur oder Dichtung entstehen konnte. Oftmals herrscht die Ansicht, dass lediglich Propagandaliteratur unter Aufsicht der Reichskulturkammer publiziert worden ist, wie die rassistischen Blut-und-Boden-Epen, Führergedichte, Thingspiele, Geschichtsdarstellungen und selbstverständlich die Kriegslieder der „Bewegung“. Die Schriftsteller selbst seien 1933 plötzlich erschienen und schrieben seit 1945 natürlich nichts mehr. Durch diese Sichtweise erschien eine Betrachtung der Literatur als vollkommen überflüssig. Dabei ist die Untersuchung der Literaturgeschichte im „Dritten Reich“ mehr als spannend, da vieles noch offen zu legen ist, was in den Analysen bisher nur hinter vorgehaltener Hand veröffentlicht wurde. Da auch die Herrschaft der Nationalsozialisten keine Sonderstellung in der deutschen Geschichte beschreibt, ist auch dessen Literatur in einem engen Zusammenhang mit dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und der Bundesrepublik zu sehen. Die Bücher mit den größten Auflagen im „Dritten Reich“ waren größtenteils vor 1933 erschienen und auch wieder nach 1945 mit größtem Gewinn erneut abgedruckt worden. Neben den Schriftstellern, die sich zur »nationalsozialistischen Bewegung« hingezogen fühlen, war die Vielfältigkeit der Literatur um einiges größer, als man es in einem totalitären Staat denken würde. Für die NSDAP schrieben nicht alle rechts-nationalen und konservativen Autoren, auch wenn viele von ihnen vorerst den Aufstieg Hitlers unterstützten. Schnell verschwand die anfängliche Freude bei einer sachlichen Bewertung des Systems und führte für viele zum Zurückweichen ins Privatleben oder ins Unpolitische. Nach 1945 wollten sich Schriftsteller, die sich der Propaganda des Nationalsozialismus entziehen konnten, unter dem Terminus »Innere Emigration« zusammenfassen lassen. Allerdings resultierte dies in einer Debatte, da sich »innere« und »äußere« Emigration nicht miteinander messen lassen. Letztlich sind wirklich Autoren bekannt, die den Nationalsozialismus ablehnten, unter mühsamen Voraussetzungen weiterarbeiteten, zum Teil sogar verfolgt waren und dennoch nicht emigrieren konnten aus diversen Gründen. Daher sind die Werke von Oskar Loerke, Alfred Andersch, Marie Luise Kaschnitz, Max Frisch, Wolfgang Koeppen, Peter Huchel, Günter Eich, Erich Kästner, Wolfgang Weyrauch, Elisabeth Langgässer, Werner Bergengruen, Wolfgang Borchert, Luise Rinser, Ricarda Huch und Karl Krolow Bestandteil der Literatur im nationalsozialistischen Deutschland, selbst wenn das dem ein oder anderen Schriftsteller missfällt.

Die vorliegende Arbeit gibt einen kurzen Forschungsüberblick zum Nationalsozialismus und beschreibt anschließend das literarische Leben im „Dritten Reich“, angefangen mit der NS-Literaturpolitik und ihren konkurrierenden Institutionen, über die Gleichschaltung bis zur Bücherverbrennung 1933. Gestützt auf die NS-konforme Literatur liegt ein besonderes Augenmerk auf der sogenannten Thingspielbewegung und beschreibt insbesondere das Wirken der Autoren unter Aufsicht der Reichskulturkammer. Letztlich wird die Exilliteratur anhand von drei gewählten Beispielen (Klaus Mann - »Mephisto«, Irmgard Keuns - »Nach Mitternacht«“ und Anna Seghers »Das siebente Kreuz«) im Mittelpunkt der Analyse stehen.

Ziel dieser Arbeit ist es aufzudecken, inwieweit man von einer Literatur im „Dritten Reich“ sprechen kann, was letztlich nationalsozialistische Literatur ausmachte, ob sie nach 1945 weiterhin relevant blieb und wie angesehen die Autoren tatsächlich bei der Leserschaft waren. Interessant bei der Betrachtung wird die Kulturpolitik bleiben, deren Umsetzung und die diversen Institutionen. Des Weiteren wird im Rahmen dieser Arbeit erforscht wie sich das Alltagsleben der Exillisten gestaltete, in welchem Umfang die Exilautoren ihre Werke verfassen konnte und ob ihre Arbeit einen Einfluss auf das NS-Regime zeigte.

2. Forschungsüberblick zum Nationalsozialismus

2.1 NS - Forschung

Karl Dietrich Bracher formulierte 1969 in seiner Studie zum nationalsozialistischen Regime: „Der Nationalsozialismus ist weitgehend erforscht, und doch ist sein Bild heute umstritten.“[2] Es sei mit Hilfe von diversen Analysen und einzelnen Abbildungen geglückt, eine geschlossene Darstellung der NS-Herrschaft in Europa und Deutschland aufzustellen. Schnell zeigte sich, wie falsch diese Einschätzung doch war. Die Forschung der Geschichtswissenschaften in Deutschland und die Konfrontation mit der Gesellschaft hatte doch erst mit dem Prozess gegen Angehörige der SS des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz in Frankfurt am Main in den Jahren zwischen 1963 und 1966 und gegen Adolf Eichmann in den Jahren 1960/61 in Jerusalem angefangen.[3]

Bracher hatte schon zuvor das Machtergreifen als eine schlichte Kooperation von der Konkurrenz um Macht, Gewalt und der unumschränkten Position Hitlers beschränkt und dabei seine Sichtweise auf das Schicksal der deutschen Nation gerichtet.[4] Dass die Verbrechen der NS-Herrschaft außerhalb Deutschlands abliefen, geriet dabei ins Abseits. Er erwähnte in seinem Band »Die deutsche Diktatur« mit seinen nahezu 600 Seiten lediglich auf zwölf Seiten die Ermordung der Juden in Europa. Damit war die zeithistorische Forschung von Bracher nur allzu unvollständig. Die Beschreibung »Der Staat Hitlers« von Martin Broszat befasst sich ebenfalls mit der Problemstellung der staatlichen Ordnung. Broszat trennte sich allerdings davon seine Aufmerksamkeit allein auf Hitler zu begrenzen. Er setzte in seiner Forschung ein Machtdreieck aus Staat – Partei - „Führer“ voraus und gewann damit die Grundlage für eine umfassende Analyse der Zusammenhänge in der Diktatur.[5] Seine Geschichtsschreibung blieb in der Debatte um die Staatspolitik erstarrt, vermutlich durch die immer währende Fragestellung, ob die Bundesrepublik Deutschland im Gegensatz zur Weimarer Republik stabiler sei oder sich jene schreckliche Geschichte wiederholen könnte.

In den Sechziger Jahren entwickelte sich eine Art kultureller Aufbruch und brachte eine jüngere Generation Geschichtswissenschaftler, wie Hans Mommsen oder Hans – Ulrich Wehler, hervor, die sich auf Talcott Parcsons' und Max Webers Theorien stützten und ihre Methoden auf die Soziologie ausrichteten. So ergaben sich ganz neue Arbeitsansätze für die NS-Forschung. Die sogenannte „Bielefelder Schule“ grenzte sich von den doktrinär–marxistischen Historikern ab und erhoffte damit von der interdisziplinären Aufgabe befreit zu sein. Tatsächlich wurde allerdings hiermit eine Auseinandersetzung mit dem westlichen Marxismus verhindert. Die marxistischen Studien der damaligen DDR waren sicherlich wissenschaftlich nicht sonderlich wertvoll, da die NS-Herrschaft aus einem nationalen Blick, nach ideologischen Vorgaben als ein terroristisches Regime des Monopolkapitals gegen die revolutionäre Arbeiterklasse gewertet wurden. Die westdeutsche Studentenbewegung blieb ebenfalls in einem reinen Marxismus gefangen und werte die Aussage Horkheimers, dass wer vom Kapitalismus nicht spreche, zum Faschismus schweigen solle, eher als eine politische Kampfansage an die universitäre Oberschicht denn als eine Herausforderung für die Wissenschaft. Ihre Werke zeigten sich zumindest oftmals als Neuauflagen marxistischer Floskeln. Die Möglichkeit, insbesondere in Großbritannien, über eine materialistisch geprägte Kulturgeschichte, die Struktur wie Akteure untersuchend zu kombinieren, blieb unversucht.[6] In Deutschland stagnierte die Debatte um die Verbindung zwischen Akteur und Struktur aufgrund der Fragestellung, ob das nationalsozialistische System oder allein Hitler für das Handeln des NS-Regimes Verantwortung trug. Bis heute werden die Termini »functionalists« and »intentionalists«, die Timothy Mason für die beiden Gegenspieler prägte, genutzt.[7]

2.2 Alltagsgeschichtsschreibung

Einen entscheidenden Anreiz zur Veränderung kam „von unten“, von der Alltagsgeschichtsschreibung. Der 50. Jahrestag der Machtübernahme 1933, lockte hunderte von „Geschichtsforschern“ hervor, die in ihren Wohnorten den Wandel zur NS – Herrschaft aufklärten. Im Jahre 1980/81 lag die Teilnahme an einem bundesweiten Schülerwettbewerb zur Thematik »Alltag im Nationalsozialismus« bei etwa 13000 Teilnehmern. So wurden bestimmte Figuren oftmals direkt in den Fokus gesetzt, so dass die Publikationen der Forschung oft von örtlichen Größen unterbunden wurde.

Es ergaben sich beeindruckende Lokalstudien in diesem Rahmen, wie beispielsweise das Forschungsprojekt zu »Widerstand und Verfolgung in Bayern« unter der Leitung von Martin Broszat in München, das sich als alltags- und regionalgeschichtlich verstand. Der Kern lag jedoch auf dem Interesse an der Möglichkeit zum Widerstand seitens der Bevölkerung. Broszat formte zur der Zeit den Terminus der »Resistenz«, die dem NS–Regime entgegengestellt wurde, das von außen die Gesellschaft beeinflussen konnte. Das Oral–History–Projekt zu Alltag und Sozialkultur unter der Leitung von Lutz Niethammer im Ruhrgebiet legte den Schwerpunkt zugleich auf die Einigkeit der Bevölkerung mit dem nationalsozialistischen System. Charakteristisch für beide Projekte blieb hingegen, dass sie sich mehr in ihrer Betrachtung auf die Gesellschaft konzentrierten, als auf Hitler oder die staatliche Ordnung.[8] Unter anderem durch die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie »Holocaust« (Januar 1979) , die eine Zuschauerquote von bis zu 48 Prozent verzeichnete, wandelten sich auch die Themen in der Forschung nur allzu schnell, insbesondere da bis zu diesem Zeitpunkt die Thematik des Holocaust recht unerforscht war. Die Vernichtung der europäischen Juden, die Entstehung des Holocaust und die Massenverbrechen der Nazis verdrängten die Frage um den Aufstieg der Faschisten in Deutschland.

Die Frage an die Generationen, die die nationalsozialistische Herrschaft gestützt hatten, nach einem Mitwirken an den Gräueltaten und wie es überhaupt möglich war, dass so etwas in Deutschland geschehen konnte, war nun allgegenwärtig. Raul Hilberg stellte in seiner Studie über die Vernichtung der europäischen Juden die These auf, dass sich die gewöhnlichen bürokratischen Institutionen der deutschen Gesellschaft im Wesen nicht sonderlich von der Vernichtungsmaschinerie unterscheiden würden.[9]

2.3 Historikerstreit

Der sogenannte Historikerstreit 1986/1987 lies die Konfrontation mit der Vergangenheit zu einem Stillstand kommen. Die Suche nach den möglichen Tätern und auch die Problematik der Geschichte der Gesellschaft konnte nicht erneut gestellt werden. Im Mittelpunkt des Historikerstreits standen das Negieren der Annahme Ernst Noltes, dass der Mord an den Juden vom Nationalsozialismus lediglich eine Reaktion auf den Klassenmord des Bolschewismus gewesen sei und die Problemstellung, ob der Holocaust in der Geschichte einmalig war oder mit anderen Genoziden zu vergleichen wäre.[10] Im Grunde versteckte sich hinter all dem die geglückte Bemühung die sozialliberale Opposition gegen die schwarz-gelbe Regierung Kohl und ihre »geistig-moralische« Wende zu mobilisieren. Dies führte soweit, dass die Debatte um Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu einem politischen Kampf wurde vom gemeinsamen Auftritt Reagans und Kohls auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, bis zum Erwarten eines Monuments für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Die »Wehrmachtsausstellung« des Hamburger Instituts für Sozialforschung entbrannte einen weiteren Diskurs in der Öffentlichkeit und führte vor Augen „wie sehr dieser Streit um das »richtige« Erinnern auch von Generationen geprägt wurde“[11]. Für die Wissenschaft war der Historikerstreit nicht sonderlich wertvoll, da er keine Antwort auf die Frage nach der Einmaligkeit des Holocaust machte und auch keinen Historiker hervor brachte, der die haltlosen Annahmen von Nolte unterstützt hätte. Problematisch hierbei ist sogar, dass die Geschichtswissenschaften in Deutschland für eine lange Zeit davor zurück schreckten in der internationalen Forschung zu Massenmorden mitzuwirken, aus Angst davor, dass ihnen unterstellt werden könnte, sie würden den Genozid an den Juden verharmlosen.

2.4 Wende 1989

Mit der Wiedervereinigung Europas 1989/90 ergaben sich ganz neue Perspektiven für die Geschichtswissenschaften, da die Historiker sich davon trennen konnten sich grundsätzlich von der marxistischen Geschichtsschreibung fern zu halten und die Archive der Sowjetunion und in Osteuropa geöffnet wurden, was die Analysen der Forschung enorm aufweckte. Empirische Studien, mit dem Augenmerk auf die Verbrechen des NS-Regimes in den besetzen Gebieten im Osten, gestalteten die nächsten 15 Jahre. Entscheidend für die Betrachtungen wurden die Beziehung der Randgebiete und Zentrale, die Anordnungen von oben und die Entschlossenheit von unten, die Aufgabe der Verwaltungsinstitutionen in der besetzten Region, Absichten und Ziele der Akteure vor Ort und die Handelnden selbst.[12]

Die akteursbezogene Sichtweise sammelte sich um die Täterforschung und führte zurück zur Untersuchung der Gesellschaft in Nazi-Deutschland. Beispielsweise ermittelte Christopher Browning in seinem Werk »Ganz normale Männer« die Planung, die Mittel, das Vorgehen der Verbrechen der NS-Herrschaft und Susanne Heim und Götz Aly deckten in »Vordenker der Vernichtung« die Mitarbeit der gesellschaftlichen Elite auf. Im Gegensatz zum Diskurs zwischen »Funktionalisten« und »Intentionalisten« standen hier nicht mehr die Zweiteilung von NS-System und Hitler im Vordergrund, sondern die Absichten der Institutionen, die Sachlage und Wesensart fügten sich ebenfalls für die Analyse der Handlungen zusammen.

In den Mittelpunkt der Forschung rückten die Bindung und die Treue der NS-Herrschaft. Der Terminus »Volksgemeinschaft«, in den 60er und 70er Jahren von den Historikern noch als Propaganda abgewertet, wurde fortan als Begriff verwendet, der den Glauben und die Erwartungen vieler Deutsche an das NS-Regime knüpften, beschrieb. Zu dem Einverständnis und der Befürwortung der NS-Herrschaft trugen die Erlebnisse in der Gemeinschaft, die Aufhebung des Klassengegensatzes, die Aufgabe der Herkunftsbeschränkungen und die Garantie einer Leistungsgesellschaft ihre Sorge. Norbert Frei urteilte in diesem Zusammenhang kurz: „Die Frage nach der »Volksgemeinschaft« führt zum Kern des Problems.“[13]

3. NS-Literaturpolitik

3.1 Konkurrierende Institutionen der NS- Literaturpolitik

Zur Verteidigung der Führungsposition in der Kulturpolitik erarbeitete Joseph Goebbels einen Entwurf um „alle Künstler zentral erfassen und steuern zu können“[14]. Daher etablierte er am 15. November 1933 die „Reichskulturkammer“, mit ihren anfangs sieben Einzelkammern für Presse, Musik, Film, Bildende Künste, Theater, Schrifttum und Rundfunk (bis 1939). Als Präsident der Reichskulturkammer bekleidete Goebbels die Vormachtstellung über den Kulturbetrieb in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Er formulierte die Eröffnungsrede sehr umsichtig und sprach von keiner politischen Einschränkung der Kultur, untermauerte hingegen das Beständige und Ideenreiche der Künste. Viele andersdenkende Schriftsteller mussten schnell erkennen, dass Goebbels' Rede schlichte Propaganda blieb und sich die Wirklichkeit vollkommen anders gestaltete.

Die Reichsschrifttumskammer ermöglichte Goebbels die Kontrolle und Leitung des gesamten Literaturlebens. Sie registrierte abgesehen von den Autoren ebenfalls Bibliothekare, Verleger, Buchhändler und Betreiber der Leihbüchereien. Dementsprechend ergab sich die Organisation der Leitung der Schrifttumskammer. Der Hilfsreferent Heinz Wismann, im Propagandaministerium für Schrifttumsfragen verantwortlich, unterstützte den Präsidenten Hans Friedrich Blunck, womit Goebbels sich einen unmittelbaren Einfluss auf interne Vereinbarungen sicherte. Obendrein bildeten die Autoren Hans Grimm und Hanns Johst, der Buchhändler Theodor Fritsch junior, gemeinsam mit dem Verleger Friedrich Oldenbourg den Präsidialrat. Am 3.Oktober 1935 besetzte der Propagandaminister die Stelle des Präsidenten mit Hans Johst neu, da Hans Friedrich Blunck, bereits negativ bei Goebbels aufgrund des schlechten Aufbaus der Kammer aufgefallen, offiziell ein „Konkordat“ zwischen den deutschen Juden und der Reichsregierung ankündigte und für emigrierte und jüdische Autoren Einsatz zeigte. Blunck wurde somit für Goebbels unbrauchbar und musste sich mit dem Titel »Altpräsident« abfinden. Heinz Wismann fiel in Ungnade, da er bis 1934 eine Ehe mit einer „Halbjüdin“, in NS-Diktion, führte und seinen damaligen jüdischen Schwager kurzweilig in einem Arbeitsverhältnis beschäftigte. Heute ist sicher, dass Wismann seine Position als Vizepräsident durch ein Komplott von Wilhelm Baur, dem Vorsteher des Börsenvereins, einbüßte.

Für die nationalsozialistische Verwaltung des Kulturlebens ist Rivalität der vielen Institutionen und die Zerstrittenheit unter einander gerade zu maßgeblich. Die unzureichende Abgrenzung der diversen Dienststellen voneinander und das strukturelle Durcheinander vereitelten eine geschlossene NS-Literaturpolitik. Das Chaos in Organisation der Dienststellen, deren Befugnisse und persönlichen Gefechte erfasst Jan-Pieter Barbian in seinem Fachbuch „Literaturpolitik im Dritten Reich“ und charakterisiert die „Schrifttumsabteilung“ als diejenige, die sämtliche Beweglichkeit der Bibliotheken, Schriftsteller und Buchhändler verzeichnete, von der Pflege und Förderung des deutschen Schrifttums bis zur Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums.[15]

Die »Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums/ Hauptstelle Schrifttumspflege beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP«, gegründet von Alfred Rosenberg, gestaltete sich als der größte Nebenspieler der Reichsschrifttumskammer und der »Schrifttumsabteilung«. Zum Tätigkeitsfeld zählten das Generieren des »Verzeichnisses jüdischer Autoren«, das Herausgeben der Zeitschrift » Bücherkunde«, Lesungen von verschiedenen Autoren, das Organisieren von Buchausstellungen und seit Beginn des Zweiten Weltkrieges die »Büchersammlung der NSDAP für die deutsche Wehrmacht«. In regelmäßigen Abständen publizierte man in »Bücherkunde« ein »Gutachtenanzeiger«, der die Wertung von Schriftstücken und Büchern von „empfohlen“ bis „nicht zu empfehlen“ aufzeigte. Diese Ausarbeitung erwies sich in der Praxis nicht als sonderlich bedeutend. Die Schrifttumsabteilung von Rosenberg blieb in Hinblick auf das Durchsetzen der Verbotsanträge vollkommen von der Ausführung des Propagandaministeriums abhängig. Des Weiteren existierten neben dem Propagandaministerium mit der angegliederten Reichsschrifttumskammer noch andere halbstaatliche und staatliche Einrichtungen, die die Aufgabe der Lenkung und Überwachung für sich beanspruchten wie: Phillipp Boulers »Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums«, dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung mit Bernhard Rust an der Führungsposition, die Reichsjugendführung, die »Deutsche Arbeitsfront« von Robert Lay, diverse Parteigliederungen und letztlich auch der »Stellvertreter des Führers«.

Dass Joseph Goebbels dennoch weitestgehend in dem Durcheinander der Zuständigkeiten und Ansprüche vorherrschen konnte, schuldete er der imposanten Stellung der Reichsschrifttumskammer. Durch die Entscheidungsgewalt über die Aufnahme bzw. Nichtaufnahme, die Sondergenehmigungen und die Befreiung von der Mitgliedschaft, verfügte er darüber welchem Autor es in Deutschland erlaubt war Bücher zu publizieren und wem nicht. Damit nahm er in der Literaturpolitik eine gesonderte Position ein, selbst wenn Hitler seinen Einfluss bei Unstimmigkeiten beschränkte. Dies untermauern die Verbotslisten, die Goebbels hervor brachte, die im Unterschied zu den Sammlungen von Rosenbergs Abteilung, entscheidend das Leben der Schriftsteller und den Buchmarkt bestimmten. Hierfür zuständig blieb ebenfalls die Reichsschrifttumskammer. Sie veranlasste die »Anordnung über schädliches und unerwünschtes Schrifttum«, die mit ihrem Paragraphen eins das unübersichtliche Verbot über die praktische Arbeit der Schriftsteller beendeten sollte, da am 10.April 1935 das »Schund und Schmutzgesetz« der Weimarer Republik annulliert wurde. Im Oktober 1935 veröffentlichten sie die Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums und in regelmäßigen Abständen aktualisiert. Als exekutive Gewalt konfiszierte die Gestapo in Folge dieser Anordnung alle verfügbaren Bücher der Autoren Georg Kaiser, Erich Kästner, Stefan Zweig und anderer Schriftsteller. Die Geheime Staatspolizei observierte die Tätigkeiten von Georg Kaiser, selbst Mitglied der Reichsschrifttumskammmer seit 1934, dessen Schauspiele allerdings nicht mehr dargeboten werden durften in Deutschland. Es war ihm dennoch möglich alte und neue Theaterstücke im Ausland präsentieren zu können. Im Jahre 1938 rettete sich Kaiser über Holland in die Schweiz.

Autoren, deren Werke auf der Liste verzeichnet waren, flüchteten nahezu alle ins Exil. Jedoch waren auch Titel indiziert von Schriftstellern, die ungestört veröffentlichen konnten und weiterhin in Deutschland wohnten. Die Maßnahmen fielen besonders hart für Autoren aus, die sich bei den Zensoren unbeliebt machten wie beispielsweise Hanns Heinz Ewers, der sich anfangs bemühte den Nationalsozialisten zu schmeicheln. Mit der Zensur seiner Werke wurde sein Dasein weitestgehend zerstört. Die Listen, die bis 1941 erschienen blieben unvollständig. Es ist heute rätselhaft warum ein gewisses Buch vermerkt wurde und andere nicht.

[...]


[1] Sarkowicz/ Mentzer; 2000: S.5.

[2] Bracher; 1969: S.1

[3] Vgl. Arendt; 1964, sowie Buchheim/ Broszat/ Jacobsen/ Krausnick; 1965.

[4] Vgl. Bracher/ Sauer/ Schulz; 1960.

[5] Vgl. Broszat:1969, sowie Broszat; 2007.

[6] Vgl. Mason; 1995: S. 323-331.

[7] Vgl. Mason; 1995: S. 212-230.

[8] Vgl. Broszat/ Fröhlich; 1977 ff.; Niethammer; 1983 ff.; Mallmann/ Paul; 1991.

[9] Vgl. Hilberg; 1990.

[10] Vgl. Augstein;1987. Diner; 1987. Herbert in Sabrow/ Jessen/ Große Kracht; 2003: S. 94-113.

[11] Wildt; 2008, S. 12.

[12] Vgl. Herbert; 1998: S. 9-66.

[13] Frei; 2005: S.128.

[14] Sarkowicz, Mentzer; 2000: S.15.

[15] Vgl. Barbian; 1993: S. Seite 71.

Details

Seiten
37
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668391635
ISBN (Buch)
9783668391642
Dateigröße
997 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353033
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Schlagworte
Bücherverbrennung Nationalsozialismus Drittes Reich SA

Autor

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Titel: NS-Literaturpolitik. Die literarische Produktion von 1933 bis 1945 und Exilliteratur