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Inwiefern darf Erziehung die Gesellschaft verändern? Ein kritischer Blick mit Bezug zur Pädagogik Maria Montessoris

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff Erziehung und Gesellschaft
2.1 Bedeutung und Verwendung von Erziehung
2.2 Bedeutung und Verwendung von Erziehung nach Montessori
2.3 Bedeutung und Verwendung von Gesellschaft

3. Erziehung und Gesellschaft
3.1 Die Erziehung als Funktion der Gesellschaft
3.2 Die Gesellschaft als Funktion der Erziehung
3.3 Interdependenz von Erziehung und Gesellschaft
3.4 Legitimität der Pädagogik Montessoris

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Sagen wir, die Erziehung soll die heranwachsende Jugend so ausbilden, daß sie tüchtig ist und geeignet für den Staat wie er eben ist: so würde dadurch nichts anderes geleistet werden, als dieses, die Unvollkommenheit würde verewigt und durchaus keine Verbesserung eingeführt werden. […] Wollen wir […] ausgehend vom Bewußtsein der Unvollkommenheit sagen, das Ziel der Pädagogik sei, daß jede Generation nach vollendeter Erziehung den Trieb und das Geschick in sich habe, die Unvollkommenheit auf allen Punkten des gemeinsamen Lebens zu verbessern: dann kommen wir wieder in das Unbestimmte hinein, von dem fernzubleiben unsere Aufgabe ist. […] So können wir sagen, die eigentliche Aufgabe sei, alles Unvollkommene so zu verbessern, daß die entgegengesetzte Form des Revolutionären gar nicht zum Vorschein komme […] So wollen wir also die Formel stellen: Die Erziehung soll so eingerichtet werden, daß beides in möglichster Zusammenstimmung sei, daß die Jugend tüchtig werde, einzutreten in das, was sie vorfindet, aber auch tüchtig, in die sich darbietenden Verbesserungen mit Kraft einzugehen“ (Schleiermacher, zit. nach Weber 1999, S. 529).

Diese Darlegung von Schleiermacher aus seiner Vorlesung „Theorie der Erziehung“ verdeutlicht dialektisch die Rolle der Erziehung in der Gesellschaft und das problematische Verhältnis von Anpassung und Widerstand in dieser. Freilich stellt man sich hierbei die Frage, wie Erziehung und Gesellschaft zueinander stehen, ob jeweils nur die Erziehung die Gesellschaft beeinflusst, oder die Gesellschaft alleinig die Erziehung. Vorweg sei gesagt, dass beide, Erziehung und Gesellschaft, jeweils für sich einseitig gesetzt nicht haltbar sind, sie weiterhin „realsoziologisch und realpädagogisch unbrauchbar [sind], weil sie, jeweils absolut gesetzt, Fehldeutungen und Fehlentwicklungen auslösen“ (1999, S.528). Zwar hatte Schleiermacher den oben genannten Ausschnitt aus seiner Vorlesung bereits 1826 vorgetragen, aber der historische Verlauf hat immer wieder Beweise dafür geliefert, dass einseitige Setzungen trotzdem stattfanden und bekämpft werden wollten. Als Beispiele seien hier totalitäre Regimes zu nennen, aber auch, um den Bezug zur Pädagogik Montessoris aufzuzeigen, die Zeit der Kulturkritik und der darauffolgenden Reformpädagogik um Ende des 19. beziehungsweise Anfang 20. Jahrhunderts. Die dargelegte Problematik soll im Rahmen dieser Hausarbeit mit dem Augenmerk auf die Rolle der Erziehung im Verhältnis von Erziehung und Gesellschaft beleuchtet werden: Darf Erziehung die Gesellschaft verändern? Bei Bejahung weiterhin die Frage: Inwiefern darf Erziehung die Gesellschaft verändern? Wo findet sie ihre Grenzen? Um diese Fragen zu beantworten, werden zunächst die Begrifflichkeiten „Erziehung“ und „Gesellschaft“ aus Sicht der Erziehungswissenschaft analysiert und im Hinblick auf ihre Legitimation betrachtet. Anschließend soll die diesbezügliche Problematik des Verhältnisses von Erziehung und Gesellschaft untersucht werden. Dabei werden Erziehung und Gesellschaft, zunächst jeweils einseitig gesetzt, betrachtet, und anschließend im Verhältnis zueinander. Zudem müssten historische Entwicklungen sowie kulturelle Besonderheiten berücksichtigt werden, was jedoch in dem eingeschränkten Rahmen einer Hausarbeit kaum möglich ist. Aufgrund des Bezuges zur Pädagogik Montessoris muss hierbei dennoch im späteren Verlauf ein Blick auf den historischen Kontext der Reformpädagogik geworfen werden.

2. Zum Begriff Erziehung und Gesellschaft

2.1 Bedeutung und Verwendung von Erziehung

Der Begriff Erziehung ist heutzutage nicht mehr einheitlich anzutreffen, so dass er von Person zu Person, von Pädagogen zu Pädagogen anders definiert und beschrieben wird, oder mit den Worten Gudjons: „Es gibt weder in der Praxis noch in der Erziehungswissenschaft eine einheitliche und allseits anerkannte Theorie der Erziehung“ (Gudjons 2008, S .183). Die Gründe hierfür sind vielfältig, wobei drei Gründe besonders herausstechen: Zum einen kann Erziehung als eine Art Fremdbestimmung angesehen werden, als „illegitime[s] Eingreifen in das Werden eines/r Heranwachsenden, [als] Beschneidung der Freiheit[...] (2008, S.183), was dem Begriff Erziehung natürlich sofort einen negativen Beigeschmack zukommen lässt. Zum anderen wurde Erziehung in der Geschichte der Pädagogik nicht nur verwendet, um Menschen bei Ihrer Entwicklung positiv und fördernd beiseite zustehen und zu unterstützen, sondern auch als Mittel der Unterwerfung unter verschiedenen Herrschaftssysteme herangezogen (2008, S.183). Der dritte und bedeutendste Grund ergibt sich daraus, dass der Begriff Erziehung je nach Verständnis in weiten Teilen variiert: So kann er gleichzeitig als „Prozeß wie sein Ergebnis, [als] eine Absicht und ein Handeln“ (Böhm 2000, S. 156) angesehen werden. Ferner kann Erziehung sowohl „eine bestimmte Klasse von Handlungen [meinen], also ein deskriptiv-analytischer Begriff [und somit wertneutral und beschreibend], gleichwohl aber auch Kriterien für bestimmte Tätigkeiten angeben, also ein normativer Begriff sein [und somit präskriptiv beziehungsweise wertend]“ (2000, S. 156f.). Weiterhin kann unterschieden werden zwischen einer intentionalen Erziehung, bei der die Absicht des zielgerichteten Handelns maßgeblich ist, und einer funktionalen Erziehung, also unbeabsichtigtes, trotzdem wirksames Geschehen, wobei letzteres meist auch mit Sozialisation verglichen wird (vgl. Böhm 2000, S. 157). Schließlich haben sich zum anfänglichen Verständnis von Erziehung zwei Grundverständnisse heraus kristallisiert. So steht auf der einen Seite das Bild eines Handwerkers, Erziehung wird hier also als ein „herstellendes Machen, analog zur handwerklichen Produktion eines Gegenstandes [verstanden], [...] [um] „einen angestrebten Zweck mit Hilfe bestimmter Mittel und Methoden handelnd [anzustreben]“ (Gudjons 2008, S. 184). Auf der anderen Seite steht das Bild eines Gärtners, der seine Pflanze, „analog zum organischen Wachstum, […] pflegend und schützend bei einem Entwicklungsprozess hilft“ (Gudjons 2008, S. 184), und somit im Gegensatz zum Handwerker, der eine führende Rolle einnimmt, begleitend wachsen lässt. Im Folgenden werden zwei Erziehungsbegriffe vorgestellt, um einen Blick dafür zu bekommen, wie Erziehung definiert und näher bestimmt werden könnte. Die erste Definition stammt von Wolfgang Brezinka, dessen Erziehungsbegriff schon jetzt als ein deskriptiver und somit wertneutraler, beschreibender Begriff charakterisiert wird. Seine Definition lautet:

„Unter Erziehung werden soziale Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten“ (Brezinka, zit. nach Gudjons 2008, S. 187).

Um seine Definition besser zu verstehen, werden bestimmte charakteristische Merkmale hervorgehoben: Aufgrund seiner Benutzung des Wortes „Menschen“ können Erziehende zunächst also nur Menschen sein. Weiterhin „versuchen“ Menschen etwas, das heißt Erziehung scheitert nicht am Misserfolg, der Versuch an sich ist bereits Erziehung. Soziale Handlungen beschreibt zum einen die Handlung, also Verhalten, welches zweckbestimmt und zielgerichtet ist und zum anderen muss diese Handlung „sozial“ sein, das heißt diese Handlung ist auf andere bezogen. Unter psychischen Dispositionen versteht man „nicht flüchtiges Erleben und Verhalten […], sondern relativ dauerhafte Bereitschaften zum Erleben und Verhalten ( [wie zum Beispiel] Kenntnisse, Haltungen, Einstellungen, Interesse etc.)“ (Gudjons 2008, S. 188). Schließlich wird hier das Wort „verbessern“ beziehungsweise erhalten benutzt, „einem vorgestellten Soll-Zustand [wird] also vom erzieherisch Handelnden Wert zugeschrieben“ (2008, S. 188). Von welchen Werten hier gesprochen wird, darf hier unbeachtet bleiben. Anhand dieser Definition wird schnell klar, dass die Fassung des Begriffs Erziehung keine leichte Aufgabe ist und schnell in Kritik geraten kann. So fällt bei dieser deskriptiven Definition zunächst auf, dass sie einen sehr hohen Allgemeinheitsgrad besitzt und praktisch jeder Mensch das Erlernen oder Fördern von beispielsweise strafrechtlichen Vorgängen als Erziehung bezeichnen kann. Das Verändern der „psychischen Dispositionen“ durch Massenmedien, repräsentiert durch beispielsweise Moderatoren oder Werbestrategen, wird demnach ebenfalls als Erziehung gewertet. (vgl. Gudjons 2008, S. 188). Ferner kann gefragt werden, ob dieser Versuch von Erwachsenen auf Erwachsene ebenfalls als Erziehung gewertet werden kann, denn nach Brenzinka ist genau dies auch Erziehung und beschränkt sich somit nicht nur auf die Beziehung zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden. Auch sei darauf hinzuweisen, dass hierbei „der Adressat pädagogischer Einwirkungen eher ein Objekt fremden Wollens [ist]: Er wird als aktiv Wirkender gleichsam herausgekürzt“ (2008, S. 188). Zusammenfassend ist dieser Begriff dem Verständnis des „Handwerkers“ zuzuordnen, mit führendem Charakter (siehe oben). Im Kontrast dazu wird nun näher auf die andere Seite der Grundverständnisse, das „Wachsenlassen“, eingegangen. Herangezogen wird hierbei der Begriff der Erziehung aus Sicht von Jean-Jaques-Rousseau, dessen Erziehung man als „negative Erziehung“ bezeichnet. Sie bedeutet „Rousseaus Emile folgend - eine Erziehung, die nicht direkt einwirken, sondern (zunächst) nur die natürliche Entfaltung der kindlichen Individualität hemmenden äußeren Bedingungen beseitigen will“ (Böhm 2000, S. 385). Erziehung findet hier also im Gegensatz zum oben genannten Ansatz von Brezinka indirekt statt. Aber was sind dann die aktiven Aufgaben des Erziehers, wenn er in der Erziehung nur indirekt eingreift? Zusätzlich zur „Beseitigung hemmender äußerer Bedingungen“, welche das nun sein mögen wird außen vor gelassen, hat der Erzieher „primär die Aufgabe, die Umwelt zu gestalten, pädagogische Situationen aufzubauen, für originale Begegnungen zu sorgen, die Auseinandersetzung zwischen Kind und Welt aber dem Kind selbst zu überlassen. [Der Erzieher] greift also nur indirekt, niemals direkt in den Erziehungsprozess ein. […] Die Umwelt aber muss vom Erzieher als Wissendem um die natürliche Entwicklung des Kindes pädagogisch, d.h. naturgemäß, geordnet werden. Der Erzieher ist also Stellvertreter der Natur und des allgemeinen Willens“ (Dietrich, zit. nach Gudjons 2008, S. 85). Es scheint natürlich zunächst suspekt und gesellschaftsfremd, meint die Allgemeinheit doch, dass Erziehung direkt stattfindet und sich auf den Heranwachsenden selber bezieht. Dieser dem pädagogischen Naturalismus verhafteten Begriff der Erziehung hat selbstverständlich ebenfalls einige Kritikpunkte, auf die im Folgenden kurz eingegangen wird. Zunächst einmal scheint fraglich, inwiefern die „Idee der Natur als unfehlbares Regulativ, als Gesetz der Entwicklung und als Ideal des erzieherischen Handelns und Verhaltens“ (Böhm, 2000, S. 383) legitimiert werden kann. Woran lässt sich diese Idee der Natur ablesen, wie stellt man diese Umwelt idealerweise für den Heranwachsenden nach? Weiterhin: Welches sind die nach Böhm genannten „hemmenden, äußeren Bedingungen“, und wie beseitigt man diese? Kann diese Art der Erziehung im Gang der Natur den Heranwachsenden mit der Gesellschaft in Verbindung bringen, wo diese Menschen „ihn, wie ein Schulpferd […] dressieren [müssen], ihn nach seiner Absicht stutzen wie einen Baum seines Garten (Rousseau 1971, S .9)? Freilich finden diese allgemeinen Kritikpunkte beziehungsweise offenen Fragen Antworten in den jeweiligen Konzepten derer Pädagogen, die sich der negativen Erziehung und dem Naturalismus zuordnen lassen, wobei diese natürlich variieren. Bei Gegenüberstellung dieser zwei Grundverständnisse, also Führen und Wachsenlassen, ist letzteres überzeugender: Die Beschreibung und Definition der Erziehung als negative Erziehung scheint kindgerechter zu sein und orientierter am Heranwachsenden selbst, da er hier schon so betrachtet wird, dass seine natürlichen Anlagen sich nur entfalten müssen und ihm nichts von außen, sei es durch Menschen, Massenmedien oder anderem, aufoktroyiert wird. Das Kind kann sich in einer vom Erziehenden geschaffenen Umgebung wahrscheinlich am besten selber entwickeln; dass der Erzieher hierbei „nur“ als Erschaffer der Umwelt und Beseitiger der hemmenden äußeren Bedingungen fungiert, lässt seine Rolle in der Erziehung nicht weniger bedeutend erscheinen. Das Führen und aktive soziale Handeln wie bei Brezinka hat das ausgeprägtere Potential der Totalität und schafft im Vergleich zum Wachsenlassen weniger Mündigkeit, soll Erziehung doch darauf abzielen, dass sie sich selbst auflöst.

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668391710
ISBN (Buch)
9783668391727
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353026
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Schlagworte
inwiefern erziehung gesellschaft blick bezug pädagogik maria montessoris

Autor

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