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Das Burn-out-Syndrom. Risiko Soziale Arbeit?

Ursachen und Interventionsstrategien im Überblick

Diplomarbeit 2010 100 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

2 Erstellen einer Schablone
2.1 Die Popularisierung eines Begriffes
2.2 Begriffserfassung
2.2.1 Burnout in der ICD-10
2.2.2 Burnout - Definition und Begriffsproblematik
2.2.3 Burnout - Symptomatik
2.3 Causa - Eine Gegenüberstellung verschiedener Erklärungsansätze
2.3.1 Individuenzentrierte Erklärungsansätze
2.3.2 Arbeits- und organisationsbezogene Erklärungsansätze
2.3.3 Die gesellschaftliche Dimension - der erweiterte Kontext
2.4 Wichtige Ursachen im Überblick

3 Anlegen der Schablone - Risiken in der Sozialen Arbeit
3.1 Kurzvorstellung Soziale Arbeit
3.1.1 Aufgaben
3.1.2 Tätigkeiten
3.1.3 Kurzzusammenfassung
3.2 Schwierigkeiten beim Anlegen der Merkmale
3.3 Untersuchung des Arbeitsfeldes der Sozialen Arbeit
3.3.1 Überforderung/Überlastung
3.3.2 Belohnung
3.3.3 Situationskontrolle/Autonomie
3.3.4 Gemeinschaft/Team
3.4 Untersuchung der Persönlichkeitsstruktur in der Sozialen Arbeit
3.4.1 Typ-A-Persönlichkeit
3.4.2 Das Helfersyndrom
3.4.3 Strategierepertoire
3.4.4 Kontrollüberzeugung (locus of control)
3.4.5 Idealismus
3.4.6 Flexibilität und Introversion
3.5 Zusammenfassung

4 Chancen in der Sozialen Arbeit - Prävention und Bewältigung
4.1 Drei Ansätze für Interventionen
4.2 Die wichtigsten Strategien im Überblick
4.3 Empfehlungen für die Soziale Arbeit

5 Resümee

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Darstellung 1 Die wichtigsten Symptome im Überblick

Darstellung 2 Modell einer ungestörten Handlungsepisode

Darstellung 3 Arbeitsplatzmerkmale als Einflussfaktoren und Korrelate des Burnouts

Darstellung 4 Transaktionale Burnout-Definition

Darstellung 5 Aufbau einer Arbeitsorganisation

Darstellung 6 Mit Burnout korrelierende Merkmale

Darstellung 7 Klassifikation der Bewältigungsstrategien nach Pines et al

Darstellung 8 Die wichtigsten Strategien im Überblick

Darstellung 9 Empfehlungen für die Soziale Arbeit

1 Vorwort

Das Burnout-Syndrom führt bei Betroffenen zu erheblichen physischen, sozialen und psychischen Schwierigkeiten. Neben körperlichen Erscheinungen wie Herzbeschwerden, Kopfschmerzen, Atemstörungen etc. sind es vor allem die negativen Auswirkungen auf das Sozialleben (reduzierte Kontakte zu Freunden und Familie, keine Erholung in der Freizeit, Scheidung etc.) und/oder auf die Psyche wie Depression und Verzweiflung. Die hier nur grob umrissenen Warn- und Alarmzeichen werden bei manchen Betroffenen durch einen möglichen Drogenmissbrauch noch verschärft. Berufsangehörige der Sozialen Arbeit wären durch das Burnout-Syndrom für ihren Dienst am Menschen nicht mehr geeignet oder schlimmer noch, sie wären ihr eigener Klient.

Der Hauptgegenstand meiner Arbeit liegt in der Erforschung der Frage, ob die Helfer in der Sozialen Arbeit einem größeren Burnout-Risiko ausgesetzt sind und wenn ja, wo hierfür die Ursachen im Speziellen zu suchen sind? Außerdem soll geklärt werden, welche Präventionsund Bewältigungsmaßnahmen sinnvoll wären, um das Syndrom zu bekämpfen.

Die Arbeit beginnt zunächst mit einer Rückschau, in der die Popularisierung des Begriffes „Burnout“ kurz dargestellt wird und erste Anhaltspunkte die Frage beantworten, ob Burnout nur eine Modeerscheinung oder ein ernstzunehmendes Phänomen ist. Im Weiteren werden die Erarbeitung einer Übersicht zu den Symptomen und die Ableitung einer praktikablen Arbeitsdefinition den Anfang der Diplomarbeit markieren.

Was danach folgt, lässt sich sehr gut am Bild einer Sanduhr verdeutlichen, so dass mir dieser metaphorische Ausflug auch in einer wissenschaftlichen Arbeit zu verzeihen sei.

So wie der Sand zunächst gesammelt in einem Glaskörper ruht, so sollen im Kapitel 2.3 mit dem Vergleich gegenwärtiger Erklärungsansätze auf der Individual-, Institutionellen und gesellschaftlichen Ebene allgemeine Verursachungen erfasst werden. Im Vordergrund stehen dabei folgende Fragen: Worin unterscheiden sich die Konzepte schwerpunktmäßig? Wie wird Burnout in den unterschiedlichen Ansätzen definiert und welche Erklärungen existieren zur Entstehung und zu den Ursachen? Aus welchem Hintergrund (z.B. psychoanalytisch, sozialpsychologisch, soziologisch etc.) heraus wird Burnout erklärt? Worin liegen die Stärken und Schwächen der jeweiligen Erklärungsansätze?

Wenn der Sand dann in der Taille zusammenläuft, um sich mit dünnem Strahl in einem neuen Glaskolben zu ergießen, habe ich das Bild für den nächsten Teil der Diplomarbeit vorliegen. Denn der Überblick zu den wichtigsten Verursachungen (Kap. 2.4) stellt eine Verdichtung der vielschichtigen gesammelten Erklärungen dar und wird nun durch das Anlegen an das Berufsfeld der Sozialen Arbeit (Kap. 3) - wie der feine Sandstrahl auch - in eine neue Richtung (oder in einen neuen Glaskolben) gelenkt. Hier lassen sich nun speziellere Ursachen für die Soziale Arbeit identifizieren und ermöglichen so eine nachvollziehbare Antwort auf meine Hauptfrage. Dabei tauchen Fragen auf, wie: Gibt es eine Burnout-gefährdete Helferpersönlichkeit? Ist der Arbeitsbereich durch seine typischen Aufgaben und Tätigkeiten per se gefährdend? Welcher Anteil wirkt schwerer oder lässt sich die Frage gar nicht so stellen?

Abschließen soll die Diplomarbeit mit Kapitel 4 und Vorschlägen zu diversen Präventionsund Bewältigungsstrategien, die im Falle eines drohenden oder bestehenden Burnouts notwendig und möglich wären. Dabei werden die beschriebenen individuen-, strukturbezogenen und gesellschaftlichen Ansätze weiterhin berücksichtigt und bilden den Ausgangspunkt für konkrete Vorschläge in der Sozialen Arbeit (Kap. 4.3).

Auf ein Wort zum Gendering. Ich habe auf das in einer Diplomarbeit umständliche orthographische Mittel des Binnen-I’s verzichtet, bestehe aber nichtsdestotrotz auf eine geschlechtsneutrale Lesart, da ich meine Kollegen und Kolleginnen im Beruf gleichermaßen schätze.

Ich bitte auch zu beachten, dass der Begriff der Helferberufe im ersten Teil der Arbeit als unspezifisch zu verstehen ist und damit Krankenhelfer, Seelsorger, Pfarrer, Therapeuten, Psychologen, natürlich Sozialpädagogen und andere gemeint sind. Erst ab Kapitel 3 konkretisiert sich der Begriff auf die Helfer in der Sozialen Arbeit.

2 Erstellen einer Schablone

2.1 Die Popularisierung eines Begriffes

Burnout wurde 1982 erstmalig zum psychologischen Terminus, als es im selben Jahr Eingang in das amerikanische Fach-Wörterbuch „ The American Heritage Dictionary “ fand. Darin wird das Phänomen als eine physische oder emotionale Erschöpfung nach langandauerndem Stress beschrieben: „ ‚ Become exhausted especially as a result of long term stress; physical or emotional exhaustion ‘ “ (Morris, W. 1982; zit. n. Wagner 1993, S. 7). Welchen Weg das Phänomen gehen musste, um ins Bewusstsein der Wissenschaft, Ö ffentlichkeit und später in ein Fach-Wörterbuch zu gelangen, davon berichtet diese kurze Einführung.

Burnout wird vermutlich schon im Alten Testament der Bibel (1. Könige 19 und 2. Mose 18, 17-18) erwähnt. Zwar noch nicht unter dem heutigen Schlagwort, dafür aber mit einer gewissen Ähnlichkeit zu der oben genannten Definition. Im Buch der Bücher „[…] findet sich die Geschichte des Propheten Elia1, der, nach einer »Erfolgssträhne« im Namen des Herrn vollbrachter Wunder und Siege, beim ersten Anzeichen einer drohenden Niederlage in tiefe Verzweiflung stürzt, den Tod herbeiwünscht und in einen tiefen Schlaf verfällt“ (Burisch 2006, S. 4). Nach Schall solle diese Art von Krise einer ganzen Pastorengeneration als die sogenannte „Elias-Müdigkeit“ bekannt gewesen sein (vgl. Schall 1993; zit. n. ebd.). Ähnliche Beispiele, wie hier aus dem Alten Testament, mit einer relativ vereinfachten Symptomatik im Sinne psychischer und physischer Erschöpfung finden sich auch in anderer einschlägiger Burnout-Literatur2 wieder.

Als unzertrennlich mit der Burnout-Diskussion verbunden, gilt der amerikanische deutschstämmige Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger. Denn obwohl das Phänomen symptomatisch und z.T. begrifflich schon lange bekannt war, kann man ihn als Geburtshelfer bezeichnen, da er - etwa gleichzeitig auch Ginsburg - 1974 als erster eine Definition einführte (vgl. ebd., S. 3). Eine Definition „[…] zur Beschreibung von ur-sprünglich engagierten MitarbeiterInnen von ‚Selbsthilfe- und Kriseninterventionszentren‘ […], die oft bereits nach kurzer Zeit Symptome von Erschöpfung und Müdigkeit zeigten, zu ‚reizbaren, mißtrauischen und halsstarrigen‘ MitarbeiterInnen geworden waren und bei denen ‚negative und zynische Einstellungen zur Arbeit und den KlientInnen vorherrschten‘ “ (Wagner 1993, S. 2). Laut Farber entnahm Freudenberger das Verb „burned out“ aus dem sprachlichen Umfeld der Drogenszene der 60er Jahre (Farber 1983a, S. 1; zit. n. Enzmann und Kleiber 1989, S. 18), wo es als Bezeichnung für „[…] das Nachlassen der gewünschten Drogenwirkung durch chronischen Gebrauch […]“ (Enzmann und Kleiber 1989, S. 18) diente. Freudenberger nutzte zudem „[…] in seiner ersten Arbeit zum Burnout […] eine Wörterbuchdefinition, wonach ‚to burn out‘ mit ‚to fail, wear out, or become exhausted by excessive demands on energy, strength or resources’ umschrieben wird‘ “ (Freudenberger 1974, S. 159; zit. n. ebd.). Nach dieser Veröffentlichung wuchsen das Interesse und die Versuche, Burnout zu erklären. Christina Maslach führte 1976 erstmals eine empirische Untersuchung durch (vgl. Burisch 1989, S. 10) und gab damit den Startschuss für zahlreiche weitere Forschungsbemühungen, die jedoch zumeist nicht empirischer Natur waren und in denen vorrangig versucht wurde, das Syndrom mit Hilfe traditioneller Konzepte3 zu erklären (vgl. Enzmann 1996, S. 22).

Enzmann/Kleiber geben für ihre Bibliographie für die Jahre 1974-1989 genau 2496 Titel an, die sich inhaltlich mit dem Terminus beschäftigen (vgl. Koch und Kühn 2001, S. 10), und Burisch zählte insgesamt 104 Dissertationen in den Psychological Abstracts allein in den drei Jahren 1984-1986 (vgl. Burisch 1989, S. 3). Die Gruppe der Autoren war dabei keineswegs homogen, sondern setzte sich aus den verschiedensten Forschungstraditionen zusammen4. Bis 1983 widmeten sich zudem fast alle wichtigen Berufs- und Standesorganisationen dem Thema (Wagner 1993, S. 8). Ungefähr zur selben Zeit schwappte das Interesse an Burnout auch aus den USA zu uns nach Deutschland über und führte zur Aktivierung eigener in der BRD durchgeführter Studien oder Monographien5.

Ich fasse zusammen: als Phänomen mit Symptomen physischer und psychischer Erschöpfung wurde Burnout über die Jahrhunderte hinweg immer wieder erwähnt (siehe Elias-Müdigkeit (symptomatisch), Shakespeare (begrifflich) etc.). Bedeutung erlangte es jedoch erst ab Mitte der 70er Jahre durch die Arbeit Freudenbergers. Zahlreiche empirische Untersuchungen, Literaturstudien, Publikationen, Seminare, Workshops (vgl. Edelwich und Brodsky 1984, S. 29ff.) etc. folgten, die nach Symptomatik, Ätiologie und Pathogenese fragten. Burnout, ursprünglich ein Begriff aus der amerikanischen bzw. englischen

2.1 Eine Einführung - Die Popularisierung eines Begriffes

Umgangssprache, wurde zum Forschungsgegenstand der Wissenschaft, die die sprachliche Ungenauigkeit (als Metapher) versuchte einzugrenzen, sowie das Syndrom zu operationalisieren (messbar machen).

2.2 Begriffserfassung

Seine rasche Popularisierung verdankt der stark metaphorische Begriff nach Meinung vieler Autoren seiner entsprechend vielschichtigen und eingängigen Konnotation. Mit Ausbrennen assoziiert man beispielsweise ein ausgebranntes Haus, dessen Fassade nach einem Brandübrig geblieben ist, oder bezeichnet damit, im physikalischen bzw. technischen Sinne, erschöpfte Raketenstufen und Motoren. Gerade diese Bildhaftigkeit und Anlehnung an physikalische Zustände förderten nicht unbedingt die Schärfung des Begriffs (vgl. Wagner 1993, S. 5f.). Ebenso problematisch wie auch hilfreich waren diesbezüglich die Versuche, Burnout aus dem Blickwinkel verschiedener Forschungstraditionen und mit Hilfe einer ganzen Reihe bereits bekannter Konzepte zu erklären.

Im folgenden Textteil will ich mich mit der definitorischen Abgrenzung des Begriffes, seiner Schärfung und den daraus resultierenden Problemen beschäftigen. Dazu stelle ich die bekanntesten und einschlägigsten Definitionen gegenüber und suche nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Zudem werfe ich einen Blick auf die Burnout- Symptomatik, um zu einer für die Diplomarbeit geltenden Arbeitsdefinition zu kommen.

2.2.1 Burnout in der ICD-10

Burnout ist in dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 der WHO unter der Kennung Z73.0 eingruppiert. Dieser Abschnitt enthält „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen“ (DIMDI 2010). Burnout wird dort unter der Überschrift „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ (ebd.) als „Ausgebranntsein [Burn out]“ (ebd.) geführt. Eingereiht neben zehn weiteren Problemen6, kommt Burnout nicht über den Status eines bloßen Einflussfaktors hinaus, der den Gesundheitszustand in irgendeiner Art und Weise beeinflusst. Die ICD-10 bietet mir somit keine Anlaufstelle, wenn es um Symptomatik oder eine klare Definition gehen soll.

2.2 Begriffserfassung

2.2.2 Burnout - Definition und Begriffsproblematik

Es ergeben sich aus vielerlei Hinsicht Probleme bei der definitorischen Abgrenzung des Phänomens. Insofern muss man fragen: Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei dem Versuch einer Definition? Wie lässt sich Burnout von anderen Erscheinungen trennen (Komorbidität)? Und was ist Burnout nicht?

In der Literatur tut man sich bisweilen, schwer zu einer eindeutigen Definition zu kommen und den Forschungsgegenstand „[…] von bereits existierenden psychologischen, soziologischen und medizinischen Begriffskategorien und Modellen abzugrenzen […]“ (Wagner 1993, S. 11). Sieben Burnout-verwandte Konzepte oder „Befindensbeeinträchtigungen“ (Enzmann und Kleiber 1989, S. 64), die immer wieder eingebracht werden, seien hier zunächst lediglich stichpunktartig erwähnt:

- Stress,
- Innere Kündigung,
- Chronisches Erschöpfungssyndrom,
- Arbeits- oder berufsbezogene Neurasthenie (ICD-10 F48.0)7,
- Psychische Ermüdung,
- Monotonieerleben,
- psychische Sättigung,
- Depression.

Man muss dazu festhalten, dass es zwischen den verschiedenen Konzepten einerseits und Burnout andererseits, hinsichtlich Symptomatik und Verlauf immer wieder Überlappungen, aber auch klare Unterschiede gibt. Man spricht hier von der sogenannten Komorbidität, wenn sich Grunderkrankung und andere Störungen in ihren Erscheinungsbildern ähneln.

Richter und Hacker zeigen drei Besonderheiten des Burnouts gegenüber der psychischen Ermüdung, des Monotonieerlebens, der psychischen Sättigung und des Stresses auf (vgl. Richter und Hacker 1998, S. 145f.), Litzcke und Schuh verdeutlichen die Abweichungen zur Inneren Kündigung und dem Chronischen Erschöpfungssyndrom (vgl. Litzcke und Schuh 2007, S. 161ff.).

2.2 Begriffserfassung

Burnout beschreibt langzeitigere Beeinträchtigungen des Befindens und der Leistung im Unterschied zur kurzfristigen Ermüdung und Monotonie.

Burnout ist eine Kombination aus körperlicher, kognitiver und emotionaler Beeinträchtigung, im Unterschied zur psychischen Ermüdung, die deutlich abgrenzbar ist von der körperlichen Erschöpfung.

Der emotionale Anteil beim Burnout ist zwar führend, aber nicht so dominant wie im Falle der psychischen Sättigung oder des Stresses im engeren Sinne einer arbeitsbedingten Ängstigung.

Am Beispiel der Inneren Kündigung wird die Abweichung dort deutlich, wo das Hauptunterscheidungsmerkmal zum Burnout die willentliche Leistungsverringerung ist, im Gegensatz zur ungewollten Leistungsabnahme beim Burnout (vgl. Lauck 2003, S. 99f; zit. n. ebd., S. 162).

Beim sog. Chronischen Erschöpfungssyndrom, das nicht zwingend mit dem Arbeitsleben verbunden sein muss, stehen dagegen die physiologischen bzw. biologischen Symptome im Vordergrund, im Gegensatz zum Burnout, wo der emotionale Anteil eher überwiegt (vgl. ebd., S. 163).

Aus psychiatrischer Sicht lässt sich ein Unterschied zwischen Depression und Burnout anhand des (Nicht-)Auftretens von Symptomen ableiten. Nach Seifritz ist bei Patienten mit hohen Burnout-Werten eine Depression zu 50% wahrscheinlich8. Allerdings zeigen nicht alle Burnout-Patienten gleichzeitig depressive Symptome (vgl. Seifritz; zit. n. Schulze 2008, S. 14). Aus psychologischer Sicht schließlich ist Burnout im Gegensatz zur Depression situationsspezifisch und arbeitsbezogen (vgl. Schulze 2008, S. 15).

Es bleibt die Frage, ob Burnout nun als eigenständiges Phänomen betrachtet werden kann? Die im Kapitel 2.3 vorgestellten Autoren sprechen sich zwar dafür aus, aber die wenigen Abgrenzungsmerkmale überzeugen nicht vollends. Daher haben insbesondere Burisch, aber auch Cherniss (siehe Kap. 2.3.1.2 oder Kap. 2.3.2.3) den Versuch unternommen, statt abzugrenzen, besser mehrere Ansätze zu einer Gesamttheorie zu integrieren. Im Ergebnis, soviel vorweg, sei Burnout nach Burisch und Cherniss eine Folge von unbewältigtem Stress (einhergehend mit erlernter Hilflosigkeit) und daher nicht streng davon abzugrenzen.

Neben dem ersten Problem, der Abgrenzungsproblematik, bestehen auch Zweifel an der Objektivität oder Sachlichkeit der Definitionsformulierungen. Bei der Beantwortung der Frage, wer Burnout-gefährdet ist, fokussierte man anfangs hauptsächlich die Helferberufe9, was sich damals wie heute vor allem einseitig bzw. zu spezifisch in den Formulierungen der Begriffsbestimmungen abbildet und Berufe außerhalb der „Humandienstleistungen“ (Richter und Hacker 1998, S. 144) ausgrenzt.

Außerdem versuchten einige Autoren die Definitionen anhand konkreter Fälle abzustecken. Ihnen blieb dabei aber unerkannt, dass bei der Auswahl einschlägiger Fälle auch schon eine Regel vonnöten ist (vgl. Burisch 2006, S. 14), die Burnout klar diagnostizieren kann. Insofern also eine zweifelhafte Methode.

Diese letzten beiden Punkte seien insbesondere bei der nun folgenden Gegenüber- stellung10 zu beachten. Ziel des Vergleichs ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszufinden, um am Ende eine konsensfähige Arbeitsdefinition ableiten zu können, die der vorliegenden Arbeit zugrunde gelegt werden kann. In der Vergangenheit wurde Burnout u.a. beschrieben als:

- „ ‚Ausbrennen bedeutet, sich entleeren. Die eigenen körperlichen und seelischen Reserven erschöpfen. Sich selbst bei dem Versuch zerstören, unter Aufbietung aller Kräfte unrealistische Erwartungen zu verwirklichen, die selbstgesetzt oder vom Wertsystem der Gesellschaft aufgezwungen sind.‘ “ (Freudenberger 1974; zit. n. Marquard et al. 1993, S. 30)
- „ ‚Ein Ausbrenner ist ein Mensch im Zustand der Ermüdung, der Frustration. Sie wird hervorgerufen, wenn sich der Betroffene auf einen Fall, eine Lebensweise oder eine Beziehung einläßt, die den erwarteten Lohn nicht bringt.‘ “ (Freudenberger und Richelson 1983, S. 34; zit. n. ebd.)
- „Überdruß und Ausbrennen sind Zustände körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Die Betroffenen fühlen sich körperlich verausgabt, hilflos, hoffnungslos und emotional erschöpft. Sie entwickeln negative Einstellungen zum Selbst, zu ihrem Beruf, zu anderen Menschen und zum Leben ganz allgemein. Ausbrennen und Überdruß sind Empfindungen des Unglücks und der Unzufriedenheit, des vergeblichen Strebens nach Idea-len“ (Pines, Aronson und Kafry 1985, S. 25).
- „[…] ‚das Resultat eines transaktionalen Prozesses [nach Lazarus und Launier 1981; Anm. d. Verf.], der sich aus Arbeitsbelastung, Stress und psychologischer Anpassung zusammensetzt, in welchem sich ein ursprünglich engagierter Professioneller als Reaktion auf die in der Arbeit erfahrenen Stressoren […] und den erlebten Stress von seiner oder ihrer Arbeit zurückzieht.‘ “ (Cherniss 1980; zit. n. Vollmer 1996, S. 18).
- „Wir wollen den Begriff ‚Ausgebrannt‘ verwenden, um damit einen zunehmenden Verlust von Idealismus und Energie zu beschreiben, den die in den helfenden Berufen Beschäftigten als Folge der Arbeitsbedingungen erfahren. Diese Arbeitsbedingungen reichen von unzurei-chender Ausbildung, Überlastung durch zuviele [sic] Klienten, zu langer Arbeitszeit bei zu geringer Bezahlung, nicht adäquater Verteilung der Mittel und Undankbarkeit der Klienten bis hin zu bürokratischen oder politischen Einschränkungen sowie der Diskrepanz zwischen Zielset-zung und Erreichtem“ (Edelwich und Brodsky 1984, S. 12).
- Nach Maslach ist Burnout ein Syndrom emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation [ersetzt durch „Zynismus“ in späteren Arbeiten; Anm. d. Verf.] und persönlicher Leistungseinbußen, das bei Individuen auftreten kann, die in irgendeiner Art mit Menschen arbeiten. Es ist außerdem eine Reaktion auf die chronische emotionale Belastung, sich andauernd mit Menschen zu beschäftigen, besonders, wenn diese in Not sind oder Probleme haben (Christina Maslach 1982a; zit. n. Burisch 2006, S. 17). In neueren Arbeiten definierten Maslach et al. Burnout zudem ausdrücklich als Reaktion auf chronische emotionale und zwischenmenschliche Stressoren am Arbeitsplatz (Maslach et al. 2001; zit. n. Litzcke und Schuh 2007, S. 157).
- „[…] ». . . Zustand physischer oder seelischer Erschöpfung, der als Auswirkung langanhaltender negativer Gefühle entsteht, die sich in Arbeit und Selbstbild des Menschen entwickeln« “ (Emener et al., 1972, Übersetzung des Autors; zit. n. Fengler 1998, S. 92).
- „[…] ein Zustand physischer und psychischer, kognitiver und emotionaler Erschöpfung in Tätigkeiten der Humandienstlei-stungen […]. Dabei handelt es sich vorzugsweise um Tätigkeiten, die ein langzeitiges Engagieren für andere Menschen in emotional belastenden Situationen erfordern“ (Richter und Hacker 1998, S. 144).

Die vorliegenden Definitionsversuche sind auf den ersten Blick sehr heterogen. Beim näheren Betrachten divergieren die Meinungen vor allem in der Einschätzung zur Prozesshaftigkeit (Burnout als Zustand oder als Prozess); in der Frage, ob Burnout nur bei Helferberufen anzutreffen ist, und in den ursachenforschenden Erklärungsversuchen.

Einigkeit besteht hingegen darin, Burnout als Syndrom mit körperlichen, geistigen und emotionalen Erschöpfungsfolgen zu begreifen. Symptomatik und Verursachung sind nach meinem Erachten zum Teil sehr knapp beschrieben. Dort, wo dazu mehr angezeigt wurde, lässt sich Burnout vor allem mit Gefühlen der Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Unzufriedenheit (vgl. Pines, Aronson, Kafry) oder Frustration (vgl. Freudenberger) grob zusammenfassen, welche durch negative Einstellungen zu sich selbst, zum Beruf oder zu anderen (vgl. Pines, Aronson, Kafry) begleitet werden. Als Verursachung werden andauernde emotional belastende Situationen (vgl. Richter, Hacker) (vor allem im Umgang mit Menschen in Not (vgl. Maslach)), Idealismus (vgl. Pines, Aronson, Kafry) und unrealistische Erwartungen (vgl. Freudenberger), langanhaltende negative Gefühle (vgl. Emener) sowie das Zusammenspiel aus Arbeitsbelastung, Stress und psychologischer Anpassung (vgl. Lazarus, Launier) genannt. Die Ursachenzuschreibung muss kritisch betrachtet werden, da darüber noch Uneinigkeit herrscht (vgl. Burisch 2006, S. 18).

Zum typischen Verlauf von Burnout geben die hier aufgeführten Definitionen kaum Auskunft. Kein Wunder, sprechen doch nur Edelwich/Brodsky und Cherniss beim BurnoutSyndrom von einem Prozess. Cherniss meint damit, den allmählichen Rückzug aus der Arbeit (vgl. ebd.), Edelwich/Brodsky dagegen den „[…] fortschreitende[n] Abbau von Idealismus, Energie, Zielstrebigkeit und Anteilnahme […]“ (ebd.).

Unkommentiert ergibt sich also folgende synoptische Definition:

Burnout bezeichnet einen Endzustand sowie den Prozess des allmählichen Rückzugs aus der Arbeit und des fortschreitenden Abbaus von Idealismus und Zielstrebigkeit. Dieser wird begleitet von körperlichen, geistigen und emotionalen Erschöpfungserscheinungen, Gefühlen verringerter Motivation, der Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Unzufriedenheit und Frustration, sowie problematischen Einstellungen zu sich selbst, zum Beruf oder zu anderen. 11

2.2 Begriffserfassung

2.2.3 Burnout - Symptomatik

In der Literatur, aber auch in der Umgangssprache, trägt der Terminus häufig den Zusatz „ Syndrom “ . Unter Syndrom versteht man ein „ Krankheitsbild, das sich aus dem Zusammentreffen verschiedener charakteristischer Symptome ergibt (Med.) “ (Das Fremdwörterbuch 1974, S. 707). Wie vielfältig und konträr zugleich die Symptome beim Burnout sein können, zeigt Gillespie (1983, S. 3ff.; zit. n. Enzmann und Kleiber 1989, S. 21): „ ‚ Feindselig vs. zurückgezogen; ungeduldig, vs. kühl und unemotional; Einschätzung, sich unangemessen zu verhalten vs. Ü berlegenheit und einer Haltungübertriebener Zuversicht; Isolierung vs. Cliquenbildung mit Kollegen; Ignorieren vs. Gefühle von Arbeitsüberlastung; zwanghaftes Klagen vs. Resignation; gesteigertes Engagement im Au ß endienst vs. Bevorzugung von Büroarbeit gegenüber der Arbeit im Feld u.a. ‘ “

Trotz dieser Vielfalt und teilweisen Gegensätzlichkeit haben mehrere Autoren12 versucht, die bekannten Symptome in unterschiedlichen Ordnungssystemen unterzubringen. Zwei Konzepte möchte ich hier anbringen. Zum einen das etwas grobe Schema nach Schaufeli (1992; zit. n. Köppl 2006, S. 25ff.), in dem die Merkmale nach Art und Erscheinungsort sortiert werden, und zum anderen die sehr genaue Übersicht (Aufzählung von 131 Symptomen) von Burisch (2006, S. 25f.; 1989, S. 11), in der die Symptomatik chronologisch angeordnet wurde. Beide Schemen beinhalten letztlich die gleichen Symptome, wenn auch nicht vom Umfang her. Für den ersten Einstieg soll die Kategorisierung nach Schaufeli (siehe Darstellung 1) und einige Erklärungen dazu reichen. Man muss festhalten, dass die hier genannten Symptome je nach Individuum und Umweltfaktoren zum Teil gar nicht erst in Erscheinung treten. Wiederum werden offensichtliche und bewusst erlebte Symptome vom Betroffenen nicht immer sofort zum Burnout gezählt („Ehe- und Familienprobleme“, „Kopfschmerzen“ etc.). Da man nur dort vom Burnout-Syndrom sprechen kann, wo mehrere Symptome synoptisch oder gleichzeitig auftreten, bleibt das Phänomen vor allem dann unerkannt, wenn die Merkmale nur einzeln und für sich allein stehend diagnostiziert werden. Fengler bedauert diesbezüglich, dass es „[…] keine Krankheits-Einheit [gibt; Anm. d. Verf.], die mit einigermaßen einheitlichen Symptomen belegt werden kann […]“ (Fengler 1998, S. 95). Dem stimme ich insoweit zu, dass es nicht den einen „Burnout-Prototyp“ gibt, da jedes Symptom auch seinen ganz eigenen Ursprung hat (in der Persönlichkeit, in der Umwelt (vgl. Burisch 2006, S. 55)). Dennoch scheint das Auftreten eines Symptoms die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, mit der die anderen ebenfalls auftreten bzw. auftreten werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 1 Die wichtigsten Symptome im Überblick (Schaufeli 1992; in Köppl 2006, S. 25f.)

Ich fasse wieder kurz zusammen. Burnout ist nach bisheriger Auffassung der WHO keine eigenständige Krankheit, sondern nur ein Einflussfaktor, der den Gesundheitszustand beeinflussen kann. Dass hinter der Fassade eines bloßen Einflussfaktors aber ein umfangreiches Phänomen stecken kann, das haben die Autoren Cherniss, Pines et al., Maslach, Freudenberger, Edelwich/Brodsky usw. unlängst bewiesen (insb. Kap. 2.3). Bei der Begriffserfassung gibt es erhebliche definitorische Abgrenzungsprobleme zu anderen medizinischen oder psychologischen Modellen und Konzepten. Und auch der unternommene Versuch, Burnout anhand einer synoptischen Arbeitsdefinition umfassend zu begreifen, ist ebenso schwierig wie die Versuche einiger Autoren, die Gesamtheit der Burnout- Symptomatik in einem Ordnungssystem zu erfassen. Der Vielschichtigkeit und Gegensätzlichkeit der Symptome ist zudem geschuldet, dass der Syndrom-Begriff, als Klammer für relativ eindeutige und immer wiederkehrende Symptome, so eigentlich nicht stehen kann.

2.3 Causa - Eine Gegenüberstellung verschiedener Erklärungsansätze

Nachdem ich mich nun ausführlich mit den Begriffsproblemen, der Burnout Symptomatik und der Entwicklung einer Arbeitsdefinition auseinander gesetzt haben, kann unser Interesse auf die Verursachung gelenkt werden. Wie lässt sich Burnout erklären? Welche Ursachen gibt es und wie wirken sich diese aus? Ist Burnout auf den Sozialberuf beschränkt? Wann stellt sich Burnout ein?

Die hier gestellten Fragen finden ihre Antworten, wenn man sich die Erklärungsansätze verschiedener Autoren ansieht, die sich gr öß tenteils mit den Helferberufen beschäftigt haben. Dabei unterscheidet man in drei Ebenen, den individuenzentrierten Ansatz, den arbeits- oder organisationsbezogenen Ansatz und die gesellschaftliche Dimension. Bei dieser Dreiteilung komme ich zu einer umfassenden Ursachenrecherche, mit deren Hilfe ich am Ende die genauen Burnout-Risiken für die Soziale Arbeit kennenlernen und einzuschätzen wei ß .

2.3.1 Individuenzentrierte Erklärungsansätze

Ich möchte hier zwei Konzepte vorstellen, die sehr umfangreich und detailliert das Phänomen beschreiben. Beide Modelle haben ihre Daseinsberechtigung in der Burnout- Literatur. Edelwich und Brodsky gehörten zu den ersten Autoren, die Burnout als Prozess auffassten und es in ein Vier-Stadien-System (lässt man die Intervention als fünfte Phase weg) gliederten. Ihre Überlegungen zur Attribution konzentrierten sich nicht nur auf persönlichkeitsrelevante Merkmale, sondern auch auf die Umwelt, insbesondere Arbeitsplatzbedingungen. Als individuenzentrierter Ansatz gelten sie dennoch, da Interventionen nach Meinung der Autoren nur am Individuum ansetzen können. Sie schreiben: „Burn-Out geht von der Annahme aus, daß Klienten und Organisationen bleiben wie sie sind, und daß es am einzelnen liegt, etwas innerhalb dieser Parameter zu unternehmen“ (Edelwich und Brodsky 1984, S. 37).

Burischs Ansatz, angelehnt an die Stresstheorie von Lazarus, beschreibt gezielt das intra- individuelle Geschehen unter Einbindung der Begriffe der (subjektiven) Autonomie (vgl. Marquard et al. 1993, S. 36) und der „kognitiven Einschätzung“ (Lazarus 1966; zit. n. Pines et al. 1985, S. 43). Darin und im Forschungsgegenstand der Transaktion des Individuums mit seiner Umwelt liegt der Grund für die Eingruppierung als individuenzentrierter Ansatz.

2.3.1.1 Konzept nach Edelwich & Brodsky
2.3.1.1.1 Besonderheiten am Konzept

„ Verlust an Energie u. Engagement durch Desillusionierung “

(Edelwich und Brodsky 1984; zit. n. Enzmann und Kleiber 1989, S. 22)

Edelwich und Brodsky begreifen Burnout als einen Prozess, den sie in den sog. „Vier Stadien der Desillusionierung“ (Wagner 1993, S. 24) beschreiben. Dabei betonen sie, dass die vier Stadien nicht zwingend chronologisch ablaufen müssen und alle vier Stufen, je nach Stimmungslage und Art der Tätigkeit, an einem Tag erlebt werden können (vgl. Edelwich und Brodsky 1984, S. 68). Ihr Modell stützt sich dabei auf Fallstudien und Interviews (vgl. Enzmann und Kleiber 1989, S. 22), ausschließlich in den Sozialberufen. An geeigneter Stelle werde ich einige Beispiele einfließen lassen. Nach Auffassung der Autoren ist Burnout ansteckend und überträgt sich vom Helfer (Berater, Lehrer, Krankenschwester, Therapeut etc.) auf den Klienten (vgl. Edelwich und Brodsky 1984, S. 26). Ebenso verläuft Burnout zyklisch und „[…] kann sich mehrere Male wiederholen“ (ebd.).

2.3.1.1.2 Verursachung - die vier Stadien der Desillusionierung

Ausgangspunkt

Burnout ist nach Ansicht von Edelwich und Brodsky eine Reaktion auf eine Vielzahl von Frustrationsquellen, wobei zwischen unspezifischen, den Helferberufen nicht exklusiv vorbehaltenen (ungenügende Ausbildung, mangelnde Anerkennung durch die Klienten, Vorgesetzten und Kollegen, erlebte Wirkungslosigkeit des eigenen Tuns (vgl. Wagner 1993, S. 21f.)) und helferspezifischen Frustrationsquellen (z.B. beruflicher Aufstieg in die Verwaltung) unterschieden werden kann. Weitere Frustrationsquellen ließen sich aus den Interviews herausarbeiten und sind in das Phasenmodell eingebaut.

Die vier Stadien der Desillusionierung

Eigentlich als 5-Phasenkonzept erdacht, bestehend aus den Momenten „Idealistische Begeisterung“, „Stagnation“, „Frustration“, „Apathie“ und „Intervention“, sollen hier zunächst aber nur die ersten vier vorgestellt werden. Die letzte Stufe, in der es um Schritte geht, die in jeder der vier zuvor genannten Phasen ansetzen, um den Zyklus der Desillusionierung zu unterbrechen, findet ihre Erwähnung im Kapitel 4.1.

Im Folgenden nun ein Überblick über die (nur noch) vier Phasen der Desillusionierung.

Idealistische Begeisterung

Die Phase der idealistischen Begeisterung entspringt der Hoffnung auf Wirksamkeit des eigenen Handelns und steht im Zusammenhang mit eher unrealistischen Erwartungen (vgl. Marquard et al. 1993, S. 30).

Es ist die Phase der großen Energie, in der man lange Arbeitstage und ständiges Verfügbarsein gerne auf sich nimmt, in der die Arbeit zum Lebensmittelpunkt und das eigentliche Leben, als Ort der Erholung und Ruhe, ausgeblendet wird. Edelwich und Brodsky illustrieren diese unbegrenzte Aufopferung mit einem Beispiel eines Interviewpartners:

„ ‚ In gewisser Weise bringe ich immer noch Sorgen mit nach Hause, so sehr ich mich auch bemühe, es nicht zu tun. Es kostet mich viel Energie, zu versuchen, es nicht zu tun. ‘ “ (Edelwich und Brodsky 1984, S. 58f.)

Ich will mich an dieser Stelle bremsen, diesen euphorischen Anfangsmoment in unzähligen Metaphern weiter ausführen, weil es vorrangig zu klären gilt, woher dieser Enthusiasmus und diese Begeisterung, insbesondere in den Helferberufen13, herkommen und wie sie Burnout fördern können?

Einen ersten wichtigen Grund sehen die Autoren Edelwich und Brodsky in den übertriebenen Erwartungen des Helfers, die aus einer Fehleinschätzung bzw. einem Mangel an Realismus resultieren und möglicherweise schon in der Ausbildung angelegt worden sind. Zu nennen wären beispielsweise:

- die Erwartungen, die sich an den Klienten richten (Motivation, Dankbarkeit);
- die Erwartungen an die Arbeit/Institution (belohnende Arbeitsbedingungen, berufliche Fortbildung, direkter Klientenkontakt);
- die Erwartung an die Umwelt (Prestige);
- die Erwartungen an die Helfer-Klienten-Konstellation (einfache, schnelle Lösungen, sofortiger Erfolg/Ungeduld);
- die Erwartungen an sich selbst (Kontrolle und Macht, Omnipotenz) (vgl. ebd., S. 49ff.).

Unerfüllte Erwartungen bilden somit eine Quelle für Frustrationen und damit einen Anstoß für einen möglichen Burnout-Prozess.

Einen zweiten wichtigen Grund für die idealisitische Begeisterung schieben die Autoren den Helfermotiven zu. Ähnlich wie schon Schmidbauer in seinem Buch: „Der hilflose Helfer“ haben sich auch Edelwich und Brodsky die Helferpersönlichkeit14 näher angeschaut und dabei „ Ausgesprochene und unausgesprochene Motive “ (ebd., S. 44) als eine weitere Quelle für Burnout entdecken können.

Nach Edelwich und Brodsky ist das Bedürfnis zu helfen, mit Menschen zu arbeiten und eine Veränderung in das Leben der anderen bringen zu wollen (Altruismus), Ausdruck von Engagement und dem Gefühl, sich verpflichtet zu fühlen (vgl. ebd.). Diese ausgesprochenen Motive sind in den meisten Fällen unzweifelhaft auch ehrlich gemeint, da es den Helfern Spaß macht, Wege mit anderen Menschen zu gehen. Doch im Hintergrund können auch noch weitere unausgesprochene Motive wirken: 1. Das Bedürfnis, gebraucht zu werden (Wagner 1993, S. 24), 2. das Bedürfnis, über sich selbst etwas zu erfahren (vgl. Edelwich und Brodsky 1984, S. 44) und 3. das Bedürfnis, Kontrolle auszuüben (vgl. ebd.).

Hierzu ein Beispiel eines Beraters über seine ersten Tage im Beruf:

„ Wenn ich ein genügend starkes Bedürfnis verspürte, tat ich praktisch alles für die Insassen. Aber wessen Bedürfnisse nahm ich wahr? Meine eigenen genauso stark wie ihre. Ich hatte ein richtiges Bedürfnis, gemocht und verstanden zu werden und ein Teil dessen zu sein, was sich in ihrem Leben abspielte “ (vgl. ebd., S. 45f.).

Das Beispiel zeigt das, was Edelwich und Brodsky als unausgesprochene Motive bezeichnen. Sie warnen zugleich vor der daraus resultierenden möglichen Gegen- übertragung, bei der die eigene Lebensgeschichte in den Klienten hinein projiziert wird (z.B. bei Drogenberatern mit eigener „Vorgeschichte“). Sie betonen aber auch gleichzeitig, dass diese Gefühle bewusst erlebt, als Grundlage für Einsichten benutzt werden können (vgl. ebd., S. 46).

Neben den Helfermotiven und der Frustration aus dem Gefälle zwischen ursprünglichen Erwartungen bzw. Idealvorstellungen an die eigene Arbeit und tatsächlich Erreichtem, ist es vor allem die Ü beridentifikation, die den Burnout-Prozess in Gang setzen kann. Denn in diesem Stadium ist die Gefahr der Ü beridentifikation, die sich in Rollendiffusion, „[…] unbegrenzter Hingabe und einer Auflösung der Grenze zwischen dem Leben des Klienten und dem des Beraters […]“ (ebd., S. 61ff.) manifestiert, besonders groß. Nach Ansicht von Edelwich und Brodsky ist die Überidentifikation ein wichtiges Glied in der Kette von der

2.3 Causa - Eine Gegenüberstellung verschiedener Erklärungsansätze

Begeisterung zum Burn-Out (ebd., S. 61), die besser durch eine gewisse Distanz zu ersetzen sei (vgl. ebd., S. 66).

Stagnation

Man ist geneigt, die Stagnation der Phase der Frustration nachzuordnen. „Jemand werde doch frustriert und stagniere dann“, klingen die Einwände, die Edelwich und Brodsky oft hören (ebd., S. 68). Doch die Einordnung hat einen relativ einfachen Grund. Die Stagnation ist in erster Linie die Phase, die der idealistischen Begeisterung folgt und meint „[…] den Prozeß des Festgefahrenseins nach anfänglichem Überschwang der Begeisterung“ (ebd.). Oder anders ausgedrückt, den „[…] Verlust jener Antriebsfedern, die jemand dazu gebracht haben, einen Sozialberuf zu ergreifen“ (ebd.).

Die Apathie - das noch kurz am Rande - sei dagegen der Begriff für den chronischen Verlust von Interesse, der der wiederholten Frustration folgt (vgl. ebd.).

In der Phase der Stagnation überwiegen Gefühle der Ernüchterung, des Festgefahrenseins und des Realismus‘, da man sich nun verstärkt der eigenen Bedürfnisbefriedigung (Sorge um Geld, Arbeitszeit, beruflicher Aufstieg) widmet (vgl. ebd., S. 25f.). Die Arbeit ist „[…] längst nicht mehr so reizvoll, daß sie einem alles in seinem Leben ersetzen würde […]“ (ebd.). Und so schreiben die Autoren dazu weiter: „[…] die Arbeit rechtfertigt nicht mehr die Vernachlässigung persönlicher Bedürfnisse - das Bedürfnis ein gutes Einkommen zu haben, Anerkennung inner- und außerhalb der Arbeit zu bekommen, befriedigende familiäre und soziale Beziehungen zu pflegen und über ein ausreichendes Maß an Freizeit zu verfügen“ (ebd., S. 68f.). Die spezielle Burnout-Gefährdung in diesem Stadium ist die aufkeimende, aber noch nicht als zu bedrohlich erlebte Erkenntnis der unerfüllten Erwartungen (schwer greifbare Resultate; mangelnde Honorierung und schlechte Bezahlung15 ; ungewollte Isolation; kaum Kontrolle und Macht, z.B. die Krankenschwester, die gerne mehr Einfluss auf die Entscheidungen der Ärzte und der Verwaltung hätte).

In den Sozialberufen, wo der Wunsch, anderen zu helfen oder die Gesellschaft zu verändern, im Vordergrund steht, kann es sein, dass ökonomische Einkommensverhältnisse eine untergeordnete Rolle spielen. Was passiert aber, wenn auf Begeisterung die Ernüchterung folgt? Wenn die Vorbildung, das Niveau der Ausbildung, Fähigkeiten und Verantwortung nicht entsprechend honoriert werden (vgl. ebd., S. 13)? Dazu wieder ein Beispiel aus den Interviews von Edelwich und Brodsky:

‚ Als Berater bei Gericht fing ich am unteren Ende der Lohnskala an, obwohl ich einen Diplomabschlu ß und jahrelange Erfahrung in der Beratung als Pfarrer hatte. Das ging in Ordnung, solange meine Frau noch arbeitete und wir keine Kinder hatten! Aber als meine Frau ihren Beruf aufgab und wir Nachwuchs bekamen, brauchte ich ein höheres Gehalt. Und nach 12-jährigem Dienst am Mitmen-schen ohne Erwartung einer Gegenleistung hatte ich das Gefühl, da ß meine Leistung etwas wert war. Ich wollte keine Opfer mehr bringen, um Leuten zu helfen. Aber wieviel war ich wert? ‘ “ (ebd., S. 90)

Frustration

Frustration ist das Stadium, das den eigentlichen Kernpunkt von Burnout bildet. Vorherrschend ist das „Gefühl von Machtlosigkeit“ (Marquard et al. 1993, S. 30). Es entsteht als Folge von:

a) Einflusslosigkeit (Erwartungen an sich selbst) und

b) System entspricht nicht den Bedürfnissen der Klienten (Erwartungen für die Klienten). Diese Phase wird daher zum ersten Mal als bedrohlich oder krisenhaft empfunden und trifft einen „wie ein plötzlicher Schlag“ (Edelwich und Brodsky 1984, S. 107). Sie geht zudem mit der Erkenntnis einher, dass man nicht das bekommt oder das tut, was man ursprünglich wollte. Die hohen Erwartungen aus der Phase der idealistischen Begeisterung werden enttäuscht.

a) Die unangenehme Emotion, entscheidende Dinge nicht in der Hand zu haben, nicht kontrollieren zu dürfen oder nicht verändern zu können, existiert auf allen Ebenen der Hierarchie („Basispersonal“, Verwaltung, Management) (vgl. ebd., S. 111) und ist in ihrer Ausdehnung daher sehr facettenreich. Im Bereich der Erwartungen für sich selbst lesen sich aus den Interviews diverse Beispiele heraus.

Eines dieser entscheidenden Dinge ist die Überprüfbarkeit von Zielen. Fortschritte sind nicht nur für den Betroffenen elementar, sondern auch für die Wirksamkeitskontrolle des Helfers. Wie können aber Erfolg oder Misserfolg gemessen werden? Welche Kriterien gibt es speziell im Sozialberuf? Ohne geeignete Bemessungsgrundlage können so schnell Gefühle der „Ineffizienz“ (Maslach und Leiter 2001, S. 19) oder der Einflusslosigkeit aufkommen. Und ohne eine dauerhafte und kontinuierliche Beziehung zum Klienten (z.B. befristete Arbeitsverträge, Abbruch einer Hilfsmaßnahme durch den Klienten etc.) werden diese Gefühle eher verstärkt als abgeschwächt (vgl. ebd. S. 14).

Schließlich können die Erwartungen nach einfachen und schnellen Lösungen, insbesondere in der Helfer-Klienten-Konstellation nicht immer erfüllt werden.

[...]

1 Wirken Elias 871-852 v. Chr. (Thompson Studienbibel 1986, S. 1865)

2 Shakespeare 1940, S. 15 in: Enzmann und Kleiber 1989, S. 18; Thomas Manns Roman: „ Buddenbrooks “ (1900) auszugsweise in: Burisch 1989, S. 2

3 An dieser Stelle seien u.a. das Stresskonzept nach Lazarus, Seligmans Idee der erlernten Hilflosigkeit oder die Theorien der Arbeits(un)zufriedenheit (Herzberg bzw. Bruggemann) aufgeführt.

4 Wichtige Vertreter sind und waren beispielsweise: Edelwich & Brodsky aus der Tradition der klinischen Psychologie; Pines, Kafry & Aronson (Organisations- und Sozialpsychologie); Maslach & Jackson (Organisations- und Sozialpsychologie) oder Cherniss (Sozialpsychologie/Soziologie) (vgl. Enzmann und Kleiber 1989, S. 22f.).

5 Enzmann/Kleiber: 1989 eigene in der BRD durchgeführte theoretische und empirische Arbeiten; Duhr 1985/1989: Burnout in der Krankenpflege; Burisch 1989: Monographie; Schmidbauer 1977: „Die hilflosen Helfer“; Künzel/Schulte 1986: Burnout im Bereich der klinisch arbeitenden Psychologen (vgl. Wagner 1993, S. 9)

6 Akzentuierung von Persönlichkeitszügen; Einschränkung von Aktivitäten durch Behinderung; Körperliche oder psychische Belastung; Mangel an Entspannung oder Freizeit; Sozialer Rollenkonflikt; Stress; Unzulängliche soziale Fähigkeiten; Zustand der totalen Erschöpfung; Probleme mit Bezug auf Pflegebedürftigkeit; Probleme mit Bezug auf sozioökonomische oder psychosoziale Umstände

7 Müdigkeit nach geistiger Anstrengung; abnehmende Arbeitsleistung oder Effektivität; Gefühl körperlicher Schwäche und Erschöpfung nach geringer Anstrengung; Reizbarkeit; Freundlosigkeit; Depression; Angstgefühle (vgl. Schaufeli und Enzmann; zit. n. ebd., S. 155)

8 Mit Verweis auf neueste Forschungsergebnisse von Ahola et al. 2005; Ahola und Hakanen 2007.

9 Enzmann/Kleiber (1989): „Helfer-Leiden“ (Buchtitel); Edelwich/Brodsky (1984): „Ausgebrannt. Das Burn-out-Syndrom in den Sozialberufen“ (Buchtitel); Pines et al. (1985) „Ausbrennen bei Menschen in helfenden Berufen“ (Kapiteltitel) etc.

10 Umfassend: Enzmann und Kleiber 1989, S. 22f.

11 Schaufeli und Enzmann schlagen eine ähnliche Arbeitsdefinition vor. (vgl. Schaufeli und Enzmann 1998, S. 36; zit. n. Burisch 2006, S. 19)

12 „[…] Carroll & White (1982), Maher (1983) oder Kahill (1988). […] Schaufeli & Enzmann (1998, Kap. 2) […]“ (Burisch 2006, S. 24)

13 „Der häufigst genannte Grund, im Sozialbereich tätig zu werden, ist der Wunsch, anderen Menschen zu helfen“ (Edelwich und Brodsky 1984, S. 13).

14 Einer Untersuchung von Brunner et al. hat gezeigt, dass es „[…] im Vergleich zwischen Sozialarbeitern und Personen aus dem Durchschnitt der Bevölkerung keine Unterschiede in Skalen des Freiburger Persönlichkeits-Inventars [gab; Anm. d. Verf.] (Brunner et al. 1978; zit. n. Fengler 1998, S. 36). Der Begriff der „Helferpersönlichkeit“ scheint somit nicht gerechtfertigt und „[…] widerspricht der Auffassung, daß Helferinnen und Helfer sich als Gruppe vom Rest der Bevölkerung unterscheiden“ (ebd).

15 Bruttoverdienst Sozialarbeiter, Sozialpfleger: 2426€; bei weniger als ein Jahr Unternehmenszugehörigkeit durchschnittlich 1822€ Brutto (vgl. Statistisches Bundesamt 2006)

Details

Seiten
100
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668389663
ISBN (Buch)
9783668389670
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352778
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,3
Schlagworte
Burnout Burn-out Soziale Arbeit Stress Depression Burisch Edelwich Brodsky Pines Enzmann Kleiber

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Titel: Das Burn-out-Syndrom. Risiko Soziale Arbeit?