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Der Minnetrank in Gottfrieds Tristan. Positionen zur Genese der Minne

Seminararbeit 2003 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Minnekonzeption Gottfrieds von Straßburg

2. Der Minnetrank
2.1 Die Stellung des Trankes in Gottfrieds Tristan
2.2 Positionen zu Bedeutung und Symbolgehalt des Minnetranks

3. Der Beginn der Liebe bei Tristan und Isolde

4. Positionen zum Beginn der Liebe im Kontext von sechs Szenen
4.1 Tristans Isoldenpreis
4.2 Das "ander leben" und der "niuborne man"
4.3 Tristans Bereitschaft, die Werbungsfahrt zu übernehmen
4.4 Die 'Badszene' und Isoldes Unfähigkeit Blutrache an Tristan zu nehmen
4.5 Die Wiedererkennungsszene am Schlammloch
4.6 Die 'Kajütenszene'

5. Der Minnetrank als Symbol

6. Bibliographie

1. Die Minnekonzeption Gottfrieds von Straßburg

Gottfrieds von Straßburg Tristandichtung unterscheidet sich von allen anderen höfischen Dichtungen durch die überragende Bedeutung der Liebe. Die Minne als Hauptelement hebt sich von allen anderen Themen der zeitgenössischen Literatur ab. Gottfried stellt die Liebe Tristans und Isoldes als ein Beispiel für 'rechte Minne' in den Vordergrund seines Werkes.

Doch was versteht der Autor unter 'rechter Minne'? "Sie ist - so deutet der Prolog an – nicht mehr nur ein rationalen Erklärungsversuchen sich entziehendes Phänomen, sondern gibt ihrerseits dem Leben der Menschen, von denen sie Besitz ergreift, einen anderen, tieferen Sinn. Erst durch sie gelangt der Mensch zu seiner eigentlichen Bestimmung, zu sich selbst."[1] Im Sinne des “Tristan“ ist die vollkommenste Stufe menschlichen Daseins also nur durch die Liebe zu erlangen.

Gottfried von Straßburgs Minnekonzeption, erfordert aber auch die Anerkennung des Leids als festen Bestandteil der Minne. Der Weg zur Erfüllung menschlichen Daseins "führt über die Liebe, genauer: eine das Leid in der Liebe bejahende Lebenshaltung."[2]

Lât alle rede belîben.

welle wir liebe trîben,

ezn mac sô niht belîben,

wirn müezen leide ouch trîben.[3]

Um zu zeigen, dass die Liebe viele Gegensätze in sich birgt, bedient sich Gottfried der Opposition von liebe und leide.[4] Das Leid liegt in der Liebe, es ist nicht der sozialen Umwelt zuzuschreiben, sondern der Grundbeschaffenheit der Seele.

swem nie von liebe leit geschach,

dem geschach ouch liep von liebe nie.

liep unde leit diu wâren ie

an minnen ungescheiden.[5]

Nur wenn man diese widersprüchliche Natur der Minne bejaht, kann echte Liebe stattfinden, denn Liebe erfüllt sich nur durch die "Erfahrung ihrer >widersprüchlichen< Natur und das Verständnis davon, daß der Widerspruch eine Totalität meint, die bejaht werden soll."[6]

Den richtigen Umgang mit Liebe fasst Gottfried in die biblische Parabel vom Säen und Ernten:

Wir nehmen der dinge unrehte war.

wir saejen bilsensâmen dar

und wellen danne, daz uns der

liljen unde rôsen ber.

entriuwen des mac niht gewesen.

wir müezen daz her wider lesen,

daz dâ vor gewerket wirt,

und nehmen, daz uns der sâme birt.[7]

Liebe muss gepflegt werden und nur wer aufrichtig Liebe empfindet, wird 'rechte Minne' erfahren können.

Falschheit und Betrug bringen uns nur Schande, Leid und Skrupel [...] ein, die uns als Wunden im Herzen schwären und uns von innen heraus töten. Treue und die beständige Gesinnung der Freundschaft [...] aber tragen die Rosen neben dem Dorn.[8]

Im Prolog zum "Tristan" stellt Gottfried die Liebenden Isolde und Tristan als ideale Repräsentanten seiner Minnekonzeption heraus, welche er an ihrer Geschichte exemplarisch deutlich zu machen beabsichtigt. Wann allerdings Gottfried die Liebe zwischen beiden beginnen lässt und welche Stellung hierbei der Trank einnimmt, ist von zahlreichen Forschern kontrovers beurteilt worden. Die Art der Minne im "Tristan" ist aber vor allem abhängig von der Bedeutung des Trankes und der Minneentstehung, die damit zum zentralen Problem des Werkes avancieren.

In meiner Arbeit möchte ich daher noch einmal einen Überblick über die verschiedenen Ansätze zur Minneentstehung geben, um dann durch eine detaillierte Betrachtung ausgewählter Szenen einer möglichen Lösung des Problems näherzukommen.

2. Der Minnetrank

In Gottfrieds "Tristan" begegnet uns im Zusammenhang mit der Minne ein magischer Trank, dessen Bedeutung und Symbolwert in der Geschichte der Tristanforschung kontrovers beurteilt wurde. Die Auffassung, dass der Mensch jederzeit "übernatürlichen" Kräften ausgesetzt ist, ist bezeichnend für das Mittelalter.[9] So begegnen uns in der mittelalterliche Literatur "einige Gestalten und Mächte, die von außen her den Menschen zur Liebe (zu verschiedenen Formen der Liebe) drängen oder sogar zwingen,"[10] als bevorzugte Faktoren, für die Minneentstehung. Die höfische Liebesdichtung unterscheidet vier übernatürliche Liebesursachen - religiöse, mythologische, astrologische und magische. Wobei letztere Kategorie der causae amoris nur in der Tristansage eine Rolle spielt. Zu magischen Liebesursachen gehören laut Schnell "Mittel und Gegenstände, mit denen der Mensch versucht in <natürliche> Vorgänge und Zustände einzugreifen, z. B. Liebestränke.“[11] Eine weitere, aber weitaus unbedeutendere causa amoris in der Tristansage ist die mythologische Liebesursache der Augen als Einfallstor der Liebe.

Das zentrale Motiv des Tristanromans ist der von der irischen Königin gebraute Minnetrank, der König Marke und seiner zukünftigen Braut Isolde gereicht werden soll, nachdem sie die Hochzeitsnacht vollzogen haben um zwischen den beiden eine innige Liebe zu sichern. Durch einen Irrtum trinken Isolde und Tristan, der die Braut nach England zu König Marke, ihrem zukünftigen Mann bringen soll, bei der Überfahrt davon. Der Minnetrank ist mit einer solchen Kraft ausgestattet, dass jeder, der davon trinkt augenblicklich lieben muss:

Mit alsô cleinen sinnen

ûf geleit und vor bedâht,

mit solher crefte vollebrâht:

mit sweme sîn ieman getranc,

den muose er âne sînen danc

vor allen dingen meinen

und er dâ wider in einen.

in was ein tôt unde ein leben,

ein triure, ein vröude samet gegeben.[12]

In der Forschung herrschen jedoch kontroverse Meinungen zur Bedeutung und Stellung des Tranks innerhalb des Werkes. Welche Rolle dem Minnetrank für den Verlauf des Geschehens beigemessen wird, ist auch entscheidend für weitere Fragen nach dem Symbolgehalt und damit auch nach dem Beginn der Liebe. In jedem Falle nimmt der Trank eine zentrale Stellung ein und setzt eine, wie auch immer geartete, innere Wandlung der Protagonisten in Gang. Der Minnetrank ist Schaltstelle des Romans.

2.1 Die Stellung des Tranks in Gottfrieds Tristan

Im Gegensatz zu den Versionen Eilharts und Bérouls, bei denen die Wirkung des Minnetrankes vier bzw. drei Jahre anhält verzichtet Gottfried auf eine zeitliche Beschränkung und wertet laut Krohn, damit die inhaltliche Bedeutung des Zaubermittels nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ auf.[13]

Über die vordergründige, mechanisch-zwanghafte Wirkung des Zaubermittels hinaus wird die schicksalhaft, außerhalb jeder menschlichen Verantwortlichkeit liegende Urgewalt dieser Liebe betont, die die folgenden Vorgänge überhaupt erst ermöglicht und begründet, durch die aber zugleich die beiden Liebenden über den Vorwurf einer persönlichen Schuldverstrickung erhaben gemacht werden.[14]

Weber hingegen glaubt, Gottfried habe das Motiv des Tranks dadurch zurückgedrängt, dass er ihn, im Gegensatz zur Version Eilharts von Oberg, mit dem Betrug in der Brautnacht zum letzten Mal erwähnt.

Schindele hebt hervor, dass Gottfried den Trank "entstofflicht und verbegrifflicht"[15] habe, indem er mehr betont, was er bedeutet, als das, was er ist:

nein, ezn was niht mit wîne,

doch ez ime gelîch waere.

ez was diu wernde swaere,

diu endelôse herzenôt,

von der si beide lâgen tôt.[16]

Auch Huber weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Gottfried den Trank metonymisch mit seiner Wirkung gleichsetzt. Der Trank ist andauerndes Leid und endlose Herzensnot, "das eine ist schon das andere"[17].

Laut Ranke, wertet Gottfried in seiner Tristansage die Stellung des Tranks auf, indem er ihn "vom mechanischen Erklärungsprinzip, vom Trank, der Liebe bewirkt, einen Schritt weiter zum Symbol hin, zum Trank, der Liebe bedeutet"[18] entwickelt.

Je nachdem wie man die Stellung des Minnetranks innerhalb des Werks beurteilt, hat das auch Einfluss auf die Frage nach seiner Bedeutung und nach dem Symbolgehalt.

2.2 Positionen zu Bedeutung und Symbolgehalt des Minnetranks

Zunächst möchte ich hier nur kurz einen ersten Überblick über die unterschiedlichen Interpretationen des Minnetrankes in Gottfrieds "Tristan" geben. In Verbindung mit der Frage nach dem Beginn der Liebe zwischen Tristan und Isolde wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch einmal genauer auf die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten des Tranks eingegangen werden.

In der Tristanforschung unterscheidet man vier Positionen in bezug auf die Bedeutung und den Symbolwert des Minnetrankes.[19] Die älteste Deutungsmöglichkeit sieht im Minnetrank eine magische Macht, welche die Liebe schlagartig und von außen stiftet. "Nach dem Genuß des Minnetrankes stehen sich die Partner einander plötzlich als Liebende gegenüber."[20] Mit Ranke kam erstmals die Überlegung auf, dass der Minnetrank lediglich die Bewusstwerdung einer Liebe symbolisiert, die bereits vorher schon vorhanden ist. Eine weitere Position besagt, dass der Minnetrank den Zwang zur Begierde und Sinnenekstase auslöst. So glaubt zum Beispiel Huber, der Trank mache etwas "im Grunde Unmögliches möglich."[21] Dass Isolde Tristan "zugehört mit Leib und Leben, ist Folge des Trankeinbruchs."[22] Wenn er auch nicht den Anfang einer Bindung bedeutet, so gibt er doch Anstoß für eine Minneentwicklung und ist "die Initialzündung für einen Zustand, der im eigentlichen Sinn 'Minne' zu nennen ist."[23] In diesem Sinne ist der Trank als Symbol des Erwachens der Sinnenliebe zu verstehen. Eine andere Gruppe von Kritikern ging sogar so weit, zu unterstellen Gottfrieds Minnetrank sei als Symbol eigentlich überflüssig und die Beibehaltung des Motivs sei nur durch einen Stoff- und Traditionszwang zu begründen.

[...]


[1] Mikasch-Köthner, Dagmar: Zur Konzeption der Tristanminne bei Eilhart von Oberg und Gottfried von Straßburg. Stuttgart 1991. (Helfant Studien. 7), S. 34.

[2] ebd., S. 35.

[3] Gottfried von Straßburg: Tristan. Band 1 und 2. Hrsg. von Rüdiger Krohn. Stuttgart 1996, v. 12503 ff. [Zitate aus Gottfrieds Werk werden im Folgenden verkürzt als Tristan, v. x-y. zitiert.]

[4] Vgl. Rocher, Daniel: Gegensätze und/oder Verbindungen?. In: Der »Tristan« Gottfrieds von Straßburg. Hrsg. von Huber, Christoph und Victor Millet. Tübingen 2002, S. 94 ff.

[5] Tristan, v. 204 ff.

[6] S. 95.

[7] Tristan, v. 12227 ff.

[8] Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan. Berlin 2000, S. 79.

[9] vgl. Schnell, Rüdiger: Causa Amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern 1985, S. 345.

[10] ebd., S. 345.

[11] ebd., S. 348.

[12] Tristan, v. 11440 ff.

[13] vgl. Gottfried von Straßburg: Tristan. Band 3. Kommentar. Hrsg. von Rüdiger Krohn. 6. Auflage. Stuttgart 2002, S. 168 – 171.

[14] ebd., S. 171.

[15] Schindele, Gerhard: Tristan. Metamorphose und Tradition. Stuttgart 1971, S. 62.

[16] Tristan, v. 11672 ff.

[17] Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan. Berlin 2000, S. 75.

[18] Ranke, S. 202 - 204

[19] vgl. Furstner, Hans: Der Beginn der Liebe bei Tristan und Isolde in Gottfrieds

Epos. In: Neophil. 41 (1957), S. 25 ff.

[20] ebd., S. 26.

[21] Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan. Berlin 2000, S. 81.

[22] ebd., S. 81.

[23] ebd., S. 81.

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638352307
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35256
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Schlagworte
Minnetrank Gottfrieds Tristan Positionen Genese Minne

Autor

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