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Liegen wir brach - Über eine psychische Stimmung auf dem Weg zur Erkenntnis

Hausarbeit 1999 9 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Grundü berlegung

Brachliegen - Ortsbestimmung und Charakterisierung Seite

Brachliegen und Freizeit

Exkurs Bloch: Die drei Stadien der Produktivität

„ Liegen wir brach? “ und „ Liegen wir brach! “

Literaturangabe

Grund ü berlegung

Auf der Suche nach Erkenntnis beschreitet man verschiedene Wege, kann sich dabei verschiedener Methoden bedienen. Mit einem solchen Weg möchte ich mich hier beschäftigen. Jedoch soll es nicht in wissenschaftstheoretischem Sinne um die methodische Betrachtung von Erkenntnisprozessen gehen. Nicht die äußeren Handlungen stehen im Mittelpunkt des Interesses, sondern die inneren, psychischen Prozesse, welche die äußeren Handlungen begleiten, ihnen nachfolgen oder ihnen vorausgehen.

Wie im Titel bereits angedeutet, soll „Brachliegen“ das Thema dieses Aufsatzes sein. Nun stellt sich die Frage, was Brachliegen ist. Wir wissen, daß Felder und Äcker brachliegen, bzw. brachliegen gelassen werden, um sich von bisheriger Bewirtschaftung zu erholen und sich für kommende zu regenerieren. Doch wenn es hier um Betrachtung und Beschreibung eines psy- chischen Prozesses gehen soll, sind nicht landwirtschaftliche Produktionsflächen als solche für uns interessant und in diesem Zusammenhang relevant, sondern ausschließlich als Allego- rie für die Psyche, auf deren Feldern und Äckern u.a. Erkenntnisse gedeihen können. Brach- liegen soll als eine Stimmung verstanden werden, die gutartig ist. Ich beziehe mich hierbei auf Ausführungen von Masud R. Khan in dessen Werk „Erfahrungen im Möglichkeitsraum“. Dort heißt es: „Brachliegen ist ein Übergangszustand der Erfahrung, eine Bewußtseinslage, die sich durch aufmerksame innere Ruhe und einen empfänglichen, regen Geist auszeichnet“1. Ich werde also das Brachliegen erläutern, wie Masud R. Khan es beschreibt, und in diesem Rahmen darzustellen versuchen, inwieweit dies als Weg der Erkenntnis - oder auch als Weg zur Erkenntnis - zu verstehen ist. Daß der Titel dieses Aufsatzes „ liegen wir brach “ sowohl als Aufforderung als auch als Frage2 zu lesen ist, ist beabsichtigt. Warum ich mich für eine solche Doppeldeutigkeit entschieden habe, wird sich im Zuge meiner Ausführungen heraus- stellen.

Brachliegen - Ortsbestimmung und Charakterisierung

Befaßt man sich mit Ausführungen von jemandem wie Masud R. Khan, der in psychoanalyti- scher Tradition steht, liegt der Verdacht nahe, es könne sich um Beschreibung konflikt- oder krankhafter, vielleicht gar neurotischer Zustände der menschlichen Psyche handeln. Darum geht es hier jedoch genau nicht. Ganz im Gegenteil wird das Brachliegen als eine gesunde ‘Ichfähigkeit’ beschrieben und als Funktion dem Prozeß der Personalisierung zugeordnet. Ergebnis dieses Personalisierungsprozesses, der gestaltet wird durch Akkulturation, also auch durch Sozialisation, ist dann „ein personalisiertes Individuum mit eigener Privatheit, innerer Realität und einem Gefühl dafür, daß es in seine soziale Umwelt eingebunden ist“3.

Betrachten wir nun das Brachliegen unter phänomenologischen Gesichtspunkten, ist zunächst zu sagen, daß es sich um einen Übergangszustand handelt. Genau wie brachliegende Äcker sich in einem solchen Zustand zwischen zwei Perioden der Bewirtschaftung befinden, so be- findet sich auch das brachliegende Individuum in einer vorübergehenden, bzw. Übergangs- stimmung zwischen Phasen geistiger, wie auch immer gearteter Produktivität. Diese Stim- mung ist vor allem dadurch charakterisiert, daß das betreffende Individuum eine Abneigung, man kann vielleicht sogar sagen, Unwillen oder keinerlei Lust verspürt, sich anstehenden Aufgaben zu widmen. Dabei bleibt es sich jedoch bewußt, daß es sich jenen Aufgaben zu- wenden muß oder will. Nur ist es momentan dazu nicht in der Lage. Anstelle dessen verspürt es „ein Bedürfnis, irgendwie faul zu sein und auf eigenem Weg aus dieser gutartig matten Stimmung herauszufinden“4. Demnach ist das Brachliegen also auch kein bedrückender und ausschließlich passiver Zustand, sondern ein „konfliktfreier, […] nicht triebhafter und intel- lektuell unkritischer“5, der sich auszeichnet durch eine Stimmung der Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, des Abwartens und prinzipieller Aufnahmefähigkeit, die nicht integriert und zurückgezogen erlebt wird. Und dennoch ist das soziale Umfeld notwendig, um diese Zu- rückgezogenheit bewußt erleben zu können. Mit der Gewißheit, sich jederzeit wieder einbin- den und integrieren zu können, wird das soziale Umfeld so zum Garanten, brachliegen zu können, ohne „trübselig, selbstbezogen, verdrießlich und traurig“6 zu werden.

Wie brachliegende Äcker sich regenerieren für eine neue Bewirtschaftungsperiode, so stellt gerade auch diese psychische Stimmung Potentiale für Geistestätigkeit bereit. Sie stellt das Auftanken für neue Wege der Produktivität dar. Sie ist „Nährstoff des Ichs“ und „liefert das energetische Substrat für die Mehrzahl unserer kreativen Bestrebungen“, wie Masud R. Khan es ausdrückt.7 Es wäre falsch, anzunehmen, der Brachliegende würde in völliger Starre und Untätigkeit verharren. So beschreibt Masud R. Khan Kunst als Medium des Brachliegens in der Form, daß beispielsweise das Kritzeln sich gut eignet, seiner Unwilligkeit, sich zielgerichtet anstehenden Aufgaben zuzuwenden, Ausdruck zu verleihen. Entscheidend ist nur, daß derartige Ausdrucksformen frei sind von jeglicher Ausrichtung auf ein bestimmtes Ziel. Darum ist „Brachliegen […] vor allem der Beweis, daß eine Person, ohne ein bestimmtes Vorhaben zu verfolgen, mit sich selbst allein sein kann“8.

Brachliegen und Freizeit

Nach bisheriger Schilderung könnte man annehmen, Brachliegen sei ein Teil von Freizeit, bzw. etwas mit dem man seine Freizeit verbringt. Dem ist nicht so, denn Masud R. Khan voll- zieht eine scharfe Trennung zwischen Brachliegen und Freizeit, bezeichnet das eine gar als etwas dem anderen Gegenläufiges - so jedenfalls im Sinne dessen wie nach Masud R. Khan Freizeit heutzutage9 definiert, gestaltet und gelebt wird. So sagt er, daß das Streben nach Frei- zeit zum Selbstzweck geworden ist, das inzwischen von einer eigens dafür entwickelten Indu- strie vortrefflich bedient und versorgt wird, mit der Folge, daß jeder nach immer mehr Freizeit strebt und zugleich immer weniger weiß, was er damit anfangen soll. Dabei wird die Fähig- keit verschüttet, sich die Freizeit, also die freie Zeit neben alltäglichen Verpflichtungen zu- sammenhängend mit Arbeit, Familie etc., zugunsten personalisierter und vielleicht auch per- sonalisierender Erfahrungen nutzbar zu machen, d.h. brachzuliegen und daraus eine Bezie- hung zum eigenen Ich zu entwickeln. So entsteht die Empfindung eines Vakuums und damit verbunden ein stetig steigender Druck, dieses zu füllen oder sich von ihm abzulenken. Und dies hat zur Konsequenz, daß sich Verzweiflung und psychische Konflikte daraus ergeben, die dann wiederum Freizeit in Anspruch nehmen und letztendlich einen Großteil dessen aus- machen, mit was Therapeuten sich heutzutage zu beschäftigen haben.

[...]


1 Masud R. Khan 1991, S. 295.

2 Dies auch, wenn hier auf das Fragezeichen verzichtet wurde.

3 Masud R. Khan 1991, S. 297.

4 ebd., S. 298.

5 ebd., S. 299.

6 ebd.

7 ebd.

8 ebd., S. 300.

9 Wenn dieser Text auch bereits 1983 verfaßt wurde, so ist es doch im Sinne des hier Gemeinten m.E. noch immer zulässig von ’heutzutage’ zu sprechen.

Details

Seiten
9
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638121729
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3525
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Institut für Sozialpädagogik
Note
gut
Schlagworte
Masud R. Kahn Brachliegen Erkenntnis Bloch Produktivität Freud Psychoanalyse

Autor

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Titel: Liegen wir brach - Über eine psychische Stimmung auf dem Weg zur Erkenntnis