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Alltag, Subjekt und Pragmatik - Mit Heidegger auf der Suche nach dem Subjekt des Alltags

Seminararbeit 2000 18 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Er ö ffnender Teil
1.1 Einleitung
1.2 Martin Heidegger - Eckdaten zur Biographie

2. Vertiefender Teil
2.1 Grundgedanken und Begriffe
2.2 Subjekt und Alltag
2.3 Subjekt und Medium

3. Abschlie ß ender Teil
3.1 Alltag und Pragmatik
3.2 Pragmatik und Erkenntnis

4. Literaturangabe

1. Er ö ffnender Teil

1.1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit verfolgt - motiviert durch entsprechende Ausführungen Martin Heideggers in dessen Werk „Sein und Zeit“ - die Absicht, den Alltag aus strukturanalytischer Sicht zu betrachten. Das Hauptanliegen soll dabei Fragen nach dem Subjekt gelten, d.h. Fragen danach, wie sich dieses als Mitglied einer Gesellschaft im Alltag verhält und welcher Mittel es sich dabei bedient.

Der Gesamtzusammenhang bei Heidegger, die Frage nach dem Sinn des Seins, interessiert uns hierbei weniger. Dennoch sei auf einige Grundgedanken und Begriffe hingewiesen, die für das Verständnis der Analyse Heideggers unverzichtbar sind. Mit diesen wollen wir nach einigen Angaben zum Lebenslauf Heideggers den vertiefenden Teil dieser Arbeit beginnen (2.1). Das daran anschließende Kapitel (2.2 Subjekt und Alltag) betrachtet den Alltag aus Heideggers Sicht, dessen Strukturen und charakteristi- sche Merkmale. Wie wir sehen werden, ist der Alltag maßgeblich geprägt von Gewohn- heiten und Routinen, aus denen ein verläßliches pragmatisches Potential zur Alltagsbe- wältigung erwächst. Die Bedeutungen für und Auswirkungen auf die Subjekte, die Menschen, sollen hier ebenso herausgearbeitet werden wie die spezifisch alltäglichen Weisen, sich zu verhalten, zu handeln und miteinander in Beziehung zu treten. Daran anknüpfend werden wir darauf eingehen, wie Menschen Alltag erleben und erfahren und wie sie sich in ihm bewähren (2.3 Subjekt und Medium).

Der abschließende Teil dieser Arbeit hat die Absicht, einige Aspekte der strukturanalytischen Ergebnisse Heideggers kritisch in den Blick zu nehmen (3.1 Alltag und Pragmatik, 3.2 Pragmatik und Erkenntnis). Hierbei sollen mögliche Auswirkungen der Erkenntnisse auf die Menschen und deren Leben im Alltag, die wir mit Heidegger bis dahin gewonnen haben werden, dargestellt werden.

1.2 Martin Heidegger - Eckdaten zur Biographie

Martin Heidegger wurde 1889 in Meßkirch geboren. Ab 1903 besuchte er zuerst in Konstanz, dann in Freiburg im Breisgau das Gymnasium. Ebenfalls in Freiburg im Breisgau studierte er ab 1909 Theologie, u.a. bei Carl Braig, später, ab 1911 Philoso- phie. 1913 promovierte Heidegger bei Arthur Schneider zum Thema „Die Lehre vom Urteil im Psychologismus“ und habilitierte 1919 bei Heinrich Rickert („ Die Kategorien und Bedeutungslehre des Duns Scotus“). 1923 wurde er ordentlicher Professor „ad per- sonam“ auf dem außerordentlichen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Mar- burg. 1927 erschien zum erstmals das Hauptwerk „Sein und Zeit“. 1928 wurde Heideg- ger auf das Ordinariat der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg berufen und wurde so Nachfolger Edmund Husserls. 1933 wurde er zum Rektor der Albert-Ludwigs- Universität gewählt. Dieses Amt legt er ein Jahr später nieder. Seine akademische Kar- riere endete schließlich 1951 mit der Emeritierung. Im Alter von 86 Jahren ist Martin Heidegger 1976 in Freiburg gestorben.

2. Vertiefender Teil

2.1 Grund ü berlegungen und Begriffe

Sein ist zunächst Dasein im »Jetzt« der gelebten Zeit, in der Gegenwart.1 Dasein wird verstanden als In-der-Welt-sein. D.h., wenn man ist, ist man dies nicht per se, sondern immer im Kontext von etwas, im Kontext der Welt. Weiterhin ist Dasein immer Dasein unter Anderen. Heidegger nennt dies das Mitdasein (der Anderen). Diese Anderen müs- sen dabei nicht direkt begegnende Mitmenschen sein. Sie verweisen bloß darauf, daß man als existierendes Individuum in der dieses Existieren kennzeichnenden Weise nie allein ist. Das Subjekt Mensch wird also stets in seiner Sozialität begriffen - der Mensch als soziales Wesen: „Die Klärung des In-der-Welt-seins zeigte, daß nicht zu- nächst »ist« und auch nie gegeben ist ein bloßes Subjekt ohne Welt. Und so ist am Ende

ebenso wenig zunächst ein isoliertes Ich ohne die Anderen.“2 So soll und kann das In- der-Welt-sein verstanden werden als Grundverfassung des Daseins, aus der heraus jeder Modus, jede Weise des Seins mitbestimmt wird (vgl. S. 117). In Beschreibung der Beziehung zu den Anderen, zu deren Mitdasein, wird das eigene Sein, das Selbst-Sein, bezeichnet als Mitsein. „Auf dem Grunde dieses mithaften In-der-Welt-seins ist die Welt je schon immer die, die ich mit Anderen teile. Die Welt des Daseins ist Mitwelt. Das In-Sein ist Mitsein mit Anderen“ (S. 118). Die Welt und die in dieser ebenfalls seienden Anderen können hier auch als Umwelt bezeichnet und insofern als der Kontext begriffen werden, in dem das Selbst-Sein ist, in dem ich als Subjekt bin. Demnach wird das Sein in jenem Kontext auch bezeichnet als In-Sein. Das „Aufnehmen von Beziehungen zur Welt [Umwelt; R.M.] ist nur möglich, weil Dasein als In-der-Welt-sein ist, wie es ist. Diese Seinsverfassung entsteht nicht erst dadurch, daß außer dem Seinenden vom Charakter des Daseins [ich; R.M.] noch anderes Seien- des [die Welt, die Anderen; R.M.] vorhanden ist und mit diesem zusammentrifft. »Zu- sammentreffen« kann dieses andere Seiende »mit« dem Dasein nur, sofern es überhaupt innerhalb einer Welt sich von ihm selbst her zu zeigen vermag“ (S. 57). Und dieses Zu- sammentreffen geschieht unweigerlich und unvermeidbar. Selbst wenn man sich dazu entschließt, sich - dem Einsiedler gleich - zurückzuziehen und zu isolieren von der Ge- meinschaft und insofern auch von der Gesellschaft3, bedeutet dies Rückzug und Isolati- on von etwas, das in dem hier gemeinten Sinne als eine Form des Zusammentreffens mit diesem etwas verstanden werden muß. „Das Mitsein bestimmt existenzial das Da- sein auch dann, wenn ein Anderer [oder alle Anderen; R.M.] faktisch nicht vorhanden und wahrgenommen ist. Auch das Alleinsein des Daseins ist Mitsein in der Welt. […] Das Alleinsein ist ein defizienter Modus des Mitseins, seine Möglichkeit ist der Beweis für dieses“ (S. 120).

Dasein, oder genauer, das eigene Dasein wird also erlebt durch die Begegnung mit Anderen. Jederzeit habe ich die Möglichkeit die Anderen als etwas zu betrachten, das nicht ich bin. Durch diese Möglichkeit der Abgrenzung von Anderen erweist sich das eigene Dasein als Selbst-Sein. Jedoch begegnen die Anderen nicht bloß „im vor- gängig unterscheidenden Erfassen des zunächst vorhandenen eigenen Subjekts von den übrigen auch vorkommenden Subjekten, nicht in einem primären Hinsehen auf sich selbst, darin erst das Wogegen eines Unterschieds festgelegt wird“ (S. 119). Die Begeg- nung der Anderen und mit dieser die Möglichkeit der Unterscheidung des eigenen Sub- jekts von anderen ist vielmehr gestaltet durch die Handlungen, die dabei ablaufen und durch die Interaktionen, welche die verschiedenen Subjekte miteinander eingehen, d.h. diese zu- und miteinander in Beziehung treten lassen. „Sie [die Anderen; R.M.] begeg- nen aus der Welt her, in der das besorgend-umsichtige Dasein sich wesenhaft aufhält“ (S. 119). Und „Dasein findet »sich selbst« zunächst in dem, was es betreibt, braucht, erwartet, verhütet - in dem zunächst besorgten umweltlich Zuhandenen [Verfügbaren; R.M.]“ (S. 119). Das Besorgen4, immer verstanden als je spezifische Weise des In- Seins, ist hier gemeint als Bewältigung von Alltagsaufgaben, als Erledigung alltäglicher »Besorgungen«, aus denen heraus sich der Bezug zur Welt (Umwelt) und daraus wie- derum die Beziehungen zu Anderen konstituiert. Besorgen ist immer verbunden mit der Umwelt des besorgenden Subjekts und geknüpft an das, was diese bietet und erwartet. „Die Mannigfaltigkeit solcher Weisen des In-Seins läßt sich exemplarisch durch fol- gende Aufzeichnung anzeigen: zutunhaben mit etwas, herstellen von etwas, bestellen und pflegen von etwas, verwenden von etwas, aufgeben und in Verlust geraten lassen von etwas, unternehmen, durchsetzen, erkunden, befragen, betrachten, besprechen, bestimmen … Diese Weisen des Seins haben die […] Seinsart des Besorgens. Weisen des Besorgens sind auch die defizienten Modi des Unterlassens, Versäumens, Verzich- tens, Ausruhens, alle Modi des »Nur noch« in bezug auf Möglichkeiten des Besorgens“ (S. 56f.). Heidegger betont, daß das Sein als Dasein selbst stets als Sorge sichtbar ge- macht wird, bzw. werden soll. Dabei soll dieser Ausdruck nicht mißverstanden werden als »Mühsal«, »Trübsinn« oder »Lebenssorge«. „Weil zu Dasein wesenhaft das In-der- Welt-sein gehört, ist sein Sein zur Welt wesenhaft Besorgen“ (S. 57). Gerade im Ge- schäft des Besorgens erweist sich durch die Anderen das Dasein als Mitsein.

„Dasein ist Seiendes, das je ich selbst bin, das Sein ist je meines“ (S. 114, vgl. auch S. 53). Die Frage nun also ist, wie sich dieses ich selbst im Alltag verhält, d.h. wer dieses ich selbst ist, oder - mit den Worten Heideggers gesprochen: Wer ist das Subjekt des Alltags? „Das eigene Dasein ebenso wie das Mitdasein Anderer begegnet zunächst und zumeist aus der umweltlich besorgten Mitwelt. Das Dasein ist im Aufgehen in der be- sorgten Welt [im Alltag; R.M.], das heißt zugleich im Mitsein zu den Anderen, nicht es selbst. Wer ist es denn, der das Sein als alltägliches Miteinander übernommen hat?“ (S. 125). Nicht das eigene Selbst-Sein scheint den Alltag zu gestalten, das Besorgen zu er- ledigen und sich insofern als Subjekt im Alltag zu erweisen. Was aber dieses über- nimmt, wenn das Selbst-Sein dem Alltag abhanden gekommen ist, und wo dann das Selbst-Sein selbst »noch« - könnte man sagen - ist, soll im Folgenden aufgeklärt wer- den.

2.2 Subjekt und Alltag

Betrachten wir zunächst noch einmal die Begegnung der einzelnen Subjekte, d.h. die eigene Begegnung mit den Anderen. Solche Begegnungen sind im Alltag normal - mehr als das - sie konstituieren ihn. Handlungen und Interaktionen gestalten diese und sind zugleich kennzeichnend dafür, daß die Begegnungen kein regungsloses Aufeinan- dertreffen sind, sondern stets Aktion zwischen verschiedenen Subjekten (z.B. der Nach- bar, mit dem man im Vorübergehen ein nettes Gespräch führen kann) - also Interaktion - oder Aktion in Bezug auf Materielles, das wiederum häufig stellvertretend für andere Subjekte ‚Partner’ im Rahmen der jeweiligen Aktion ist (z.B. das Auto des Nachbarn, über das ich mich täglich ärgere, weil es den Radweg versperrt - obwohl ich mich doch eigentlich über den Nachbarn ärgere), was es zuläßt hier ebenfalls von Interaktion zu sprechen. „Im umweltlich Besorgten begegnen die Anderen als das, was sie sind; sie sind das, was sie betreiben“ (S. 126) (z.B. Nachbarn, Briefträger, Freunde, Kollegen, Kommilitonen, Eltern etc.). Heidegger nennt die Möglichkeit der Unterscheidung und Abgrenzung von Anderen Abst ä ndigkeit. „In dieser zum Mitsein [der Anderen; R.M.] gehörigen Abständigkeit liegt aber: das Dasein steht als alltägliches Miteinandersein in der Botm äß igkeit [Verfügbarkeit; R.M.] der Anderen. Nicht es selbst ist, die Anderen haben ihm das Sein abgenommen. Das Belieben der Anderen verfügt über die alltägli- chen Seinsmöglichkeiten des [je eigenen; R.M.] Daseins“ (S. 126). Dies bedeutet nun nichts Anderes, als daß das alltägliche Sein, die Interaktionen, bestimmt ist von gesell- schaftlich getragener Normalität. Und diese Normalität begegnet im Alltag permanent und so eindringlich, daß das Bestimmtsein von dieser nicht jedes Mal neu festgestellt wird und werden muß.

[...]


1 Die Zeit im »Jetzt« wird immer verstanden in dessen Geschichtlichkeit, d.h. unter Bezugnahme auf die Zeiten, die der gegenwärtigen vorausgegangen sind und die auf diese nachwirken. Auf eine weitere Ver- tiefung dieses Sachverhalts der Geschichtlichkeit kann hier verzichtet werden. Es reicht an dieser Stelle festzuhalten, das jegliche aktuell gemachte Erfahrung stets im Lichte der Vorerfahrung gemacht wird.

2 Heidegger, Sein und Zeit (17. Auflage), Tübingen, 1993, S. 116; erste Auflage von 1927 in dem von Edmund Husserl herausgegebenen Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung Bd. VIII. Die folgenden Quellenhinweise und Zitatverweise aus „Sein und Zeit“ werden nur noch mit der entspre- chenden Seitenzahl in nachstehenden Klammern angeführt. Quellenangaben anderer Autoren sind in den Fußnoten zu finden.

3 Gemeinschaft darf hier verstanden werden als das direkte soziale Umfeld (die Stadt, in der ich lebe; der Verein, dem ich angehöre; die eigene Familie oder der Freundeskreis), Gesellschaft als der diese Gemeinschaft(en) umgebende politische und kulturelle Rahmen.

4 Auch findet sich in diesem Zusammenhang häufig der Begriff der Sorge. Dieser darf als synonym verwendet verstanden werden.

Details

Seiten
18
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638121712
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3524
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Institut für Sozialpädagogik
Note
sehr gut
Schlagworte
Alltag Subjekt Pragmatik Normalität Heidegger Sein und Zeit Kosik Thiersch Lebensweltorientierung Alltagsorientierung Sozialpädagogik

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Titel: Alltag, Subjekt und Pragmatik - Mit Heidegger auf der Suche nach dem Subjekt des Alltags