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Zum Stand der Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz

Diplomarbeit 2004 155 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Psychiatrische Versorgung
2.1 Psychische Erkrankung
2.1.1 Klassifikationssysteme
2.1.2 Erklärungsmodelle
2.1.3 Psychische Erkrankung und ihre möglichen Folgen
2.1.4 Therapeutische Vorgehensweisen
2.1.5 Epidemiologische Daten
2.2 Strukturen psychiatrischer Versorgung im deutschsprachigen Raum
2.2.1 Stationäre und teilstationäre Versorgung
2.2.2 Ambulante und komplementäre Psychiatrie
2.3 Versorgungsstrukturen in Österreich
2.3.1 Daten zum Land
2.3.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in Österreich
2.3.3 Psychiatrische Versorgung in Österreich heute
2.4 Versorgungsstrukturen in der Schweiz
2.4.1 Daten zum Land
2.4.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in der Schweiz
2.4.3 Psychiatrische Versorgung in der Schweiz heute
2.5 Zusammenfassung

3 Bewegungs- und Sporttherapie
3.1 Zum Begriffsgefüge Bewegungstherapie – Sporttherapie
3.2 Bewegungs- und Sporttherapie
3.2.1 Wissenschaftstheoretische Ansätze
3.2.2 Merkmale, Inhalte, Methoden und Ziele der Bewegungs- und Sporttherapie
3.3 Bewegungs- und Sporttherapie mit psychisch Kranken und Suchtkranken
3.3.1 Grundlagen
3.3.2 Inhalte und Methoden
3.3.3 Ziele
3.4 Bewegungs- und Sporttherapie mit psychisch Kranken in der Schweiz und in Österreich – Veröffentlichungslage
3.4.1 Zur Lage in der Schweiz
3.4.2 Zur Lage in Österreich
3.4.3 Vergleich der Veröffentlichungslage Österreich – Schweiz
3.5 Ausbildungslage in Österreich und der Schweiz
3.5.1 Sportstudium
3.5.2 Andere Ausbildungsgänge
3.6 Zusammenfassung

Empirischer Teil

4 Darstellung der empirischen Untersuchung
4.1 Fragestellung
4.2 Untersuchungsmethodik
4.2.1 Der Fragebogen als Untersuchungsmethode
4.2.2 Befragte Institutionen
4.2.3 Zeitlicher Ablauf der Untersuchung
4.2.4 Rücklauf

5 Auswertung
5.1 Angeschriebene Einrichtungen
5.2 Personelle Situation im Bewegungs- und Sporttherapie-bereich
5.3 Bewegungs- und Sporttherapie
5.3.1 Inhaltliches Angebot und zeitlicher Umfang
5.3.2 Rahmenbedingungen
5.4 Vernetzung
5.5 Zusammenfassung

6 Diskussion
6.1 Angeschriebene Einrichtungen
6.2 Personelle Situation im Bewegungs- und Sporttherapie-bereich
6.3 Bewegungs- und Sporttherapie
6.3.1 Inhaltliches Angebot und zeitlicher Umfang
6.3.2 Weitere Rahmenbedingungen
6.4 Vernetzung
6.5 Methodendiskussion
6.6 Beantwortung der Leitfragen und Zusammenfassung

7 Zusammenfassung und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Die Ubiquität der psychiatrischen Störungen spricht dafür, dass sie essentiell zum homo sapiens gehören (vgl. ERNST 2001, 27).

Bewegungs- und sporttherapeutische Maßnahmen nehmen im Rahmen aktueller Behandlungskonzepte in den Bereichen Psychiatrie, Psychosomatik und Suchtbe-handlung einen zunehmend größeren Stellenwert ein (STAMMER & WERLE 1996, 370). Der ganzheitliche Ansatz der körperzentrierten Methoden, der sowohl die physisch-funktionale als auch die psycho-soziale Ebene des Menschen umfasst, fügt sich ein in das Gesamtkonzept der Rehabilitation und Resozialisation, wie es von der WHO gefordert wird (vgl. SCHUNTERMANN 2003). In Deutschland gehört die Bewegungs- und Sporttherapie seit den 70er Jahren zum therapeutischen Behand-lungsspektrum in der Psychiatrie (MÜLLER-LÜTKEN 1989).

Der Blick soll an dieser Stelle auf zwei Nachbarländer Deutschlands gerichtet werden. Wie ist es um die Bewegungs- und Sporttherapie in der Psychiatrie in Österreich und der Schweiz bestellt? Gibt es dort das Berufsfeld des Bewegungs- und Sporttherapeuten und welche Ausbildungsgänge führen dorthin? Untersuch-ungen zu Berufsfeldern und Ausbildungsgängen sind auch im Hinblick auf das Zusammenwachsen der einzelnen Länder innerhalb Europas von Interesse.

Ziel der Arbeit war es herauszufinden, ob Bewegungs- und Sporttherapie in psychiat-rischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz zum therapeutischen Angebot gehört, welcher Stellenwert der Bewegungs- und Sport-therapie beigemessen wird, von welchen Berufsgruppen diese Therapieform durch-geführt wird, welche Methoden und Inhalte angewendet werden, wie sich die Arbeitssituation der Bewegungs- und Sporttherapeuten darstellt und inwieweit ein sportwissenschaftliches Studium in den beiden Ländern auf dieses Berufsfeld vorbereitet. Zusätzlich sollte die Situation in den beiden Ländern verglichen werden.

Die Umsetzung erfolgte per Fragebogen, der an alle psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz mit einer Mindestgröße von 30 Betten / Plätzen verschickt wurde. Mein Dank geht an dieser Stelle an die Einrichtungen, die an der Umfrage teilgenommen haben. Ebenfalls danken möchte ich den Dozenten und Informanten aus Österreich und der Schweiz, die durch ihre Auskünfte zum Gelingen der Arbeit beigetragen haben.

Die Arbeit ist in einen theoretischen und einen empirischen Teil gegliedert. Der theoretische Teil der Arbeit ist zweigeteilt. Im Kapitel „Psychiatrische Versorgung“ (Kap.2) werden die für diese Arbeit wichtigen Informationen zum Gegenstand psychischer Erkrankung gegeben. Des weiteren werden ausgehend von der Darstellung der Strukturen der psychiatrischen Versorgung im deutschsprachigen Raum die Ähnlichkeiten sowie die Besonderheiten der psychiatrischen Versorgung in Österreich und der Schweiz angeführt. Anschließend wird im Kapitel „Bewegungs- und Sporttherapie“ (Kap.3) auf die wissenschaftstheoretischen Begründungen, die Merkmale, Inhalte, Methoden und Ziele dieser Therapieform im Allgemeinen und mit psychiatrischen Patienten im Besonderen und die Veröffent-lichungs- und Ausbildungslage zur Thematik in Österreich und der Schweiz eingegangen.

Daraufhin wird im empirischen Teil die durchgeführte Untersuchung vorgestellt. Dieser Teil beginnt mit der Darstellung der Methodik (Kap.4). Hier werden die Leitfragen der Untersuchung, methodische Überlegungen zum Instrumentarium und der Verlauf der Fragebogen-Aktion beschrieben. Anschließend werden die Ergeb-nisse der Befragung (Kap.5) präsentiert und im darauffolgenden Kapitel (Kap.6) diskutiert. Die Arbeit endet mit einer Zusammenfassung (Kap.7), in der gleichzeitig weiterführende Fragen formuliert werden.

Ich möchte betonen, dass die Arbeit nur einen kleinen Beitrag zur Darstellung der aktuellen Lage der Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchtthera-peutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz leisten kann. Es wird weder mit der Auflistung der in den untersuchten Ländern vorhandenen Literatur noch mit der Liste der angeschriebenen Einrichtungen Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

An den Stellen, an denen aus Gründen der flüssigen Lesbarkeit nur die männliche Form verwendet wurde, ist die weibliche Form miteingeschlossen.

2 Psychiatrische Versorgung

Die Behandlung psychisch Kranker und Suchtkranker findet in verschiedenen institu-tionellen Formen, von psychiatrischen Kliniken bis hin zu therapeutischen Wohnge-meinschaften, statt. Alle diese Orte sind mögliche Handlungsfelder der Bewegungs- und Sporttherapie. Um einen Zugang zur Thematik „Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz“ zu bekommen, wird zunächst das Thema „Psychische Erkrankung“ aufge-griffen. Unter dieser Überschrift werden charakteristische Merkmale psychischer Krankheit, eine Auswahl der für die Bewegungs- und Sporttherapie relevanten Klassifikationssysteme, Erklärungsmodelle und Folgen psychischer Krankheit, Mög-lichkeiten der therapeutischen Herangehensweise und epidemiologische Daten vor-gestellt. Es folgt eine Beschreibung der psychiatrischen Versorgungslage im deutsch-sprachigen Raum mit anschließender Herausstellung der Besonderheiten in den bei-den untersuchten Ländern Österreich und Schweiz.

2.1 Psychische Erkrankung

„Psychische Krankheit ist kein einheitliches Konzept“ (KATSCHNIG, LADINSER, SCHERER, SONNECK & WANCATA 2001, 1). Die Bezeichnung „psychische Er-krankung“ steht vielmehr für ein großes Spektrum an unterschiedlichen Krankheits-bildern, deren Gemeinsamkeit die krankhaft veränderte Psyche ist (vgl. ebd.). Eine psychische Störung[1] ist nicht für sich allein zu fassen und zu betrachten, sondern nur im Rahmen der Gesamtpersönlichkeit des Erkrankten. (Dies gilt im Grunde auch für jede körperliche Störung.) Die Gesamtpersönlichkeit wiederum hat Einfluss auf die Störung und prägt diese mit (HUBER 1999, 29). Der beidseitige Zusammenhang erfordert eine ganzheitliche Betrachtungsweise (ebd.), die auch Grundlage der Bewe-gungs- und Sporttherapie ist (s. Kap. 3).

2.1.1 Klassifikationssysteme

Wie für körperliche Krankheiten wurden auch für psychische Krankheiten Krank-heitssystematiken als Orientierungshilfe für Diagnostik und Behandlung entwickelt. Dies geschah, obwohl die Erstellung solcher Einteilungen für psychische Krankhei-ten beispielweise aufgrund nicht oder nur teilweise geklärter Krankheitsursachen und schwierig zu vereinheitlichender Krankheitsverläufe Probleme aufwirft. Krankheits-systematiken bieten dem Therapeuten einen Anknüpfungspunkt und geben einen Überblick über die Vielfalt der Krankheitsbilder. Auch in der Bewegungs- und Sporttherapie ist es hilfreich, sich an Klassifikationssystemen zu orientieren. Im Fol-genden werden die für die Bewegungs- und Sporttherapie wichtigsten Klassifika-tionssysteme angeführt.

International Classification of Diseases (ICD)

Im praktischen Gebrauch spielt das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene und in der zehnten Überarbeitung vorliegende internationale Klassi-fikations- bzw. Diagnosesystem ICD-10 (International Classification of Diseases) eine wichtige Rolle. Im ICD werden Aussagen zu Gesundheitsstörung im Sinne von Ursache (Ätiologie), Entstehung (Pathogenese) und Ausprägung (Manifestation) gemacht (SCHÜLE & JOCHHEIM 2000, 50). Das Kapitel V des ICD-10 befasst sich mit den psychischen Störungen und unterteilt diese in Krankheitsgruppen. Es werden die wesentlichen klinischen Charakteristika für jede Störung und sogenannte „diagnostische Leitlinien“ aufgeführt.

Tab. 1 Hauptkategorien der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) (vgl. STAMMER & WERLE 1996, 371)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Konzept des ICD-10 geht zwar auf Fragen der Ursache, Entstehung und Symp-tomatik der Krankheiten bzw. Störungen ein, darüber hinausführende rehabilitative Fragen werden jedoch nicht thematisiert.

International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH)

Um diese Lücke zu füllen, entstand mit dem 1980 von der WHO veröffentlichten ICIDH (International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps) ein Konzept zur Klassifizierung der Krankheitsfolgezustände. Diese werden innerhalb der drei Ebenen Schädigung (Impairment), Fähigkeitsstörung (Disability) und soziale Beeinträchtigung (Handicap) betrachtet (SCHÜLE & JOCHHEIM 2000, 50).

International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)

Nachfolger des ICIDH ist die von der WHO im Jahr 2001 veröffentlichte Inter-nationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health). Sie dient als län-der- und fachübergreifende einheitliche Sprache zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, der Behinderung, der sozialen Beeinträchtigung und der relevanten Umgebungsfaktoren einer Person (DIMDI 2004). „Das bio-psycho-soz-iale Modell, auf dem die ICF basiert, wurde gegenüber dem Krankheitsfolgemodell der ICIDH erheblich erweitert und damit der Lebenswirklichkeit Betroffener besser angepasst“ (SCHUNTERMANN 2003, 53). Die ICF betont insbesondere die weiter-hin vorhandenen oder neu zu entwickelnden Ressourcen des Betroffenen. Statt von Impairment, Disability und Handicap wird im ICF von Impairment, Activity (Akti-vität[2] ) und Participation (Partizipation im Sinne von Teilhabe an Lebensbereichen) gesprochen. Der Grad der funktionalen Gesundheit ist das Ergebnis der Wechselwir-kung zwischen dem Gesundheitsproblem einer Person und ihren Kontextfaktoren (Umwelt- und personenbezogene Faktoren)[3]. Die Betonung von Aktivität und Par-tizipation entspricht der ganzheitlichen Sichtweise, die auch dem rehabilitativen Konzept der Bewegungs- und Sporttherapie zu Grunde liegt.

2.1.2 Erklärungsmodelle

Psychische Krankheiten werden von unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachge-bieten aus deren jeweiliger Perspektive betrachtet. Die verschiedenen Perspektiven führen zu unterschiedlichen Erklärungsmodellen psychischer Krankheit.

Biologischer Ansatz

Im naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Ansatz wird von der Annahme ausge-gangen, dass psychische Krankheiten körperlich begründbar sind, also eine organi-sche Funktionsstörung vorliegt. Im Vordergrund steht die Klärung genetischer, neuropathologischer, neurophysiologischer und neurochemischer Fragen (MÖLLER, LAUX & DEISTER 2001). Die vorrangige Behandlung erfolgt medikamentös.

Psychodynamischer Ansatz

Eine psychodynamische Sichtweise entwickelte sich aus der FREUDschen Lehre von unbewussten und neurotischen Verarbeitungsprozessen als Erklärungsansatz neuro-tischer Störungen. Diese unter der Bezeichnung Psychoanalyse bekannt gewordene Lehre ist gleichzeitig eine Psychotherapieform.

Lerntheoretischer Ansatz

PAWLOW und SKINNER mit ihren Arbeiten über die Konditionierbarkeit bzw. das Erlernen von Verhaltensmustern waren die Wegbereiter der lerntheoretischen Psy-chologie, die psychische Störungen als Folge von Lernprozessen erklärt. Daraus ging die Verhaltenstherapie als Behandlungsmethode hervor.

Bei diesen psychologisch geprägten Ansätzen dient die medikamentöse Therapie als Hilfsmittel, um die unmittelbaren Symptome zu lindern und eine Psychotherapie zu ermöglichen. Neben den beiden genannten Psychotherapiemethoden gibt es weitere. Eine vollständige Aufzählung an dieser Stelle würde jedoch zu weit führen.

Soziologischer Ansatz

Auch aus soziologischer Sichtweise werden psychische Erkrankungen betrachtet. Hier wird der Ursprung einer psychischen Störung in einer gestörten Interaktion zwischen Individuum und Umwelt gesehen. Die Therapie ist soziotherapeutisch ausgerichtet und setzt in der Gestaltung der Umwelt des Patienten an (vgl. HORNBERGER 1997, HUBER 1988).

Integrativer Ansatz

Heute überwiegt die ganzheitliche Sichtweise psychischer Erkrankungen und deren Entstehungsbedingungen. Die verschiedenen Ansätze werden zu einer Gesamtsicht-weise integriert.[4] Dies spiegelt sich in der therapeutischen Methodenvielfalt wider. Auch in der Bewegungs- und Sporttherapie bildet die ganzheitliche Sichtweise die therapeutische Grundlage.

2.1.3 Psychische Erkrankung und ihre möglichen Folgen

Krankheit als solche wirkt sich nie nur auf einen Aspekt des menschlichen Wesens aus. Sowohl die psychische als auch die physische und soziale Ebene sind in unter-schiedlichem Ausmaß betroffen. Psychische Erkrankungen wirken sich als Verän-derungen, Einschränkungen und Störungen der psychischen Funktionen aus.

Nach SCHNEIDER (HUBER 1999, 21) lassen sich die einzelnen psychischen Funktionen und Zustände und ihre Störungen in drei Gruppen einteilen. In Arten des Erlebens (Empfinden, Wahrnehmen, Vorstellen, Denken, Fühlen, Werten, Streben und Wollen), in Grundeigenschaften des Erlebens (Ich-Erleben, Zeiterleben, Gedächtnis, seelische Reaktionsfähigkeit) und Umgreifungen (Hintergrund) des Erlebens (Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Intelligenz, Persönlichkeit). Häufige, für bestimmte psychische Krankheiten charakteristische psychische Veränderungen bzw. Störungen sind Bewusstseins- und Orientierungsstörungen, Störungen der Auf-merksamkeit und Konzentration, Auffassungs- und Gedächtnisstörungen, Störungen der Intelligenz, formale Denkstörungen, Wahn, Wahrnehmungsstörungen, Ich-Störungen, Störungen der Affektivität, Zwänge, Phobien, Ängste, hypochondrische Befürchtungen, Antriebsstörungen und Störungen der Psychomotorik (MÖLLER et al. 2001).

„Psychische Krankheiten beeinträchtigen die Fähigkeit der Betroffenen, am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen“ (SCHEID 1997, 188). Vorübergehend oder – bei chronischem Verlauf – dauerhaft kann (psychische) Krankheit folgende Auswirkung-en haben: Auswirkungen persönlicher Genese (z.B. Einschränkungen der Unabhäng-igkeit, der wirtschaftlichen und beruflichen Möglichkeiten), Auswirkungen familiär-er Genese (z.B. Pflegebedarf, gestörte soziale Beziehungen) und gesellschaftliche Auswirkungen (z.B. Produktivitätsverlust, gestörte soziale Eingliederung) (vgl. RIEDER 1996, 28). Das Ausmaß der Auswirkungen hängt von Art und Schwere der Erkrankung und den Kontextfaktoren[5] des Betroffenen ab.

Negativ-Image

Psychische Störungen werden häufig negativer bewertet als körperliche Erkrank-ungen. Das Bild des psychisch Kranken in der Öffentlichkeit ist geprägt durch Extremfälle pathologischer Gewalttätigkeit und abwegigen Verhaltens (ERNST 2001, 21). Dieses „negative Image psychisch Kranker“ (ebd.) erschwert für den Betroffenen den Umgang mit seiner Krankheit und beeinflusst auch das therapeutische Handeln. Eine Möglichkeit dem Negativ-Image entgegenzuwirken, bieten integrative Sportgruppen, in denen psychisch Kranke und psychisch Gesunde gemeinsam Sport treiben. Hier können Vorurteile abgebaut und ein natürlicher Um-gang miteinander eingeübt werden.

2.1.4 Therapeutische Vorgehensweisen

Da man heute davon ausgeht, dass psychische Krankheiten multifaktoriell bedingt sind und sich, wie in Kap. 2.1.3 beschrieben, auf verschiedene Aspekte des menschlichen Wesens auswirken, setzt sich die Therapie aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. „Inhalt und Ziel der psychiatrischen Therapie sind die Besse-rung, Heilung und Rückfallverhütung von psychischen Störungen“ (MÖLLER et al. 2001, 465). In der medizinischen Fachliteratur werden zu den Grundpfeilern der Therapie medikamentöse Behandlung, Psychotherapie und Soziotherapie gezählt (ebd.). Soziotherapie verstehen die Autoren als Behandlungsform, die „sich in erster Linie um die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Umgebung eines psy-chisch Kranken bemüht“ (ebd., 539). Sie ordnen darunter auch kreative und künst-lerische Angebote wie Ergo-, Tanz- und Bewegungs-, Musik- und Kunsttherapie ein. Hier wird deutlich, dass aus medizinischem Blickwinkel auch andere therapeutische Disziplinen Relevanz haben. So führen MÖLLER et al. (ebd., 98) auch die Bewe-gungs- und Sporttherapie an.

Therapeutische Arbeitsausrichtungen

Unabhängig von der Anwendung der einzelnen Therapieformen und Methoden kön-nen verschiedene Ausrichtungen der therapeutischen Arbeit angeführt werden. Zum einen eine auf das Erarbeiten von Bewältigungsstrategien ausgerichtete Therapie (vgl. BREHM 1996, 156ff). Dabei soll der Betroffene lernen, Symptome der Er-krankung frühzeitig zu erkennen und möglichst früh Hilfe aufzusuchen. Der zweite mögliche Ansatz basiert auf der „Ressourcenorientierung“ des Betroffenen.[6] Zum dritten kann der Schwerpunkt darauf liegen, den Betroffenen darin zu unterstützen, Einsicht in seine Problematik zu gewinnen (vgl. GRAWE, DONAT & BERNAUER 1994).

Die einzelnen therapeutischen Herangehensweisen bilden theoretische Ausgangs-punkte. In der praktischen Anwendung findet insgesamt eine mehrperspektivische Ausrichtung statt.

2.1.5 Epidemiologische Daten

Die Betrachtung der Zahlen zur Verbreitung von psychischen Erkrankungen zeigt, welche Relevanz der Thematik im gesamtgesellschaftlichen Kontext zukommt und wie groß der Bedarf an psychiatrischer Behandlung ist. Psychiatrische Erkrankungen sind ein weltweit verbreitetes Phänomen. Wie viele Menschen davon betroffen sind, lässt sich schwerlich anhand der veröffentlichten Zahlen begreifen. Laut WHO (WORLD HEALTH ORGANISATION 2003, 12) leiden beispielsweise weltweit 121 Mio. Menschen unter Depressionen, 70 Mio. unter den Folgen von Alkohol-abhängigkeit, 24 Mio. sind an Schizophrenie und 37 Mio. an demenziellen Störungen erkrankt.

Damit machen psychische Erkrankungen 12 % der Erkrankungen weltweit aus. Im Jahr 2020 wird sich diese Zahl auf 15 % gesteigert haben. Gerade Menschen jungen und mittleren Lebensalters, deren Lebensarbeitszeit noch beträchtlich ist, sind von psychischen Krankheiten betroffen. Das hat weitreichende (finanzielle) Folgen für die Gesellschaft (ebd. 2003, 2). „Im Durchschnitt ist jeder vierte Mensch einmal in seinem Leben von einer massiven psychischen Beeinträchtigung betroffen, für deren positive Bewältigung er professionelle Hilfe in Anspruch nehmen muss“ (WHO zitiert in KATSCHNIG et al. 2001, Vorwort 1).

Österreich

“Epidemiologische Studien zu psychischen Krankheiten gibt es für Österreich nicht“ (KATSCHNIG et al. 2001, 4). Jedoch zeigten Ergebnisse einer Erhebung über psy-chische Beschwerden aus dem Jahr 1991, „dass etwa jeder sechste Österreicher über 14 Jahren innerhalb von vier [der Erhebung unmittelbar vorausgegangenen] Wochen Hinweise auf eine affektive, eine psychosomatische oder eine Angststörung zeigt. Diese Störungen sind bei Arbeitslosigkeit deutlich häufiger“ (ebd., 7). Die Zahl der Demenzkranken lag im Jahr 2000 bei rund 90.000. Bei einer Gesamtbevölkerung im Alter der über 60jährigen von 1,7 Mio. sind das etwa 5,3 %, und es wird erwartet, dass die Zahl bis 2050 auf 233.000 ansteigt (8,28 %) (ebd.). Psychiatrische Krank-heiten sind die zweithäufigste Ursache für eine Pension aufgrund von Invalidität, wobei die Quote bei jüngeren Leuten erheblich höher ist. Die Häufigkeit von Kran-kenstandstagen aufgrund von psychischen Erkrankungen stieg in den letzten zehn Jahren um das 1,5-fache (ebd. 9, 13).

Nach Untersuchungen von UHL aus dem Jahr 1994 ergeben grobe Schätzungen der Anzahl “chronische Alkoholiker” im Sinne von ICD-9 eine Prävalenz von 5% unter den Österreichern ab dem 16. Geburtstag. So errechnen sich für das Jahr 2000 bei 6,65 Mio. Österreichern in dieser Altersgruppe rund 330.000 chronische Alkoholiker (UHL et al. 2002, 94).

Schweiz

RUCKSTUHL, GREUSING, LANGHANS & WYSS (1984, 13) stellen fest, dass es bis Mitte der 80er Jahre in der Schweiz keine fundierten epidemiologischen Erhe-bungen zur Verbreitung psychischer Störungen gegeben hat. Die Autoren gehen allerdings davon aus, dass die psychische Morbidität in der Schweiz auf ähnliche Zahlen hinausläuft wie in den anderen europäischen Ländern. Auch ERNST (2001, 23) ist der Meinung, dass die übereinstimmenden Ergebnisse von Studien aus ver-schiedenen Ländern zeigen, dass die Zahlen zur Prävalenz und Inzidenz psychischer Erkrankungen übertragbar sind.

2.2 Strukturen psychiatrischer Versorgung im deutschspra-chigen Raum

Es folgt ein Überblick über die Strukturen psychiatrischer Versorgung, um die Handlungsorte, an denen Bewegungs- und Sporttherapie mit psychiatrischen Patien-ten stattfinden kann, vorzustellen.

Die heutige psychiatrische Versorgungslandschaft ist Ergebnis einer Entwicklung, die in Europa mit dem Entstehen der Psychiatrie als wissenschaftlichem Fachgebiet der Medizin zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. In Folge der Psychiatrie-Reform Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts entstand ein differenziertes, stufenweises Versorgungsangebot mit rehabilitativem Charakter. (Weiterführende Literatur zur Geschichte der Psychiatrie u.a. bei HUETER 2001 und zur Psychiatrie-Reform bei DÖRNER & PLOG 1994; KATSCHNIG, SCHÖNY & ETZERSDORFER 1991; LEXEL-GARTNER 1987; RÖSSLER & RIECHER-RÖSSLER 1991.)

Psychiatrische Versorgung in ihrer Gesamtheit findet an unterschiedlichen Orten statt. Dazu gehören stationäre, teilstationäre, ambulante und komplementäre Ein-richtungen.

2.2.1 Stationäre und teilstationäre Versorgung

Stationäre Psychiatrie

Zur Kliniktypologie im allgemein psychiatrischen Gebiet in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehören nach ERNST (2001, 97):

1. Staatliche Fachkrankenhäuser[7]
2. Universitätskliniken
3. Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern
4. Vertragskliniken: ehemalige Privatkliniken, die sich gegen staatliche Unterstützung zur Regionsversorgung verpflichten
5. Privatkliniken

(Vgl. SCHRÄDER, REHBERG & ZICH 2002, 139; HUBER 1999, 658f)

Die Fachkliniken haben auch heute noch – trotz Bettenreduktion – überwiegend eine höhere Bettenzahl als die Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern. Darüber hinaus sind derzeit immer noch schwerpunktmäßig die Fachkrankenhäuser in den meisten Regionen Österreichs und der Schweiz ähnlich wie in Deutschland für die stationäre psychiatrische Versorgung zuständig (vgl. HUETER 2001, 76).

ERNST (2001, 107f) führt an, dass die Zahl der psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern gestiegen ist; in Deutschland z. B. mittlerweile auf eine Anzahl von 162. In Relation dazu vergrößerte sich die Anzahl der psychiatrischen Abteilungen in Allgemeinkrankenhäusern in Österreich in geringerem Maß. In der Schweiz hat sich das System der psychiatrischen Abteilungen kaum entwickelt.

Gebiete der stationären Psychiatrie

Die stationäre Psychiatrie spaltet sich in die Fachbereiche Akutpsychiatrie, Langzeit-psychiatrie, Gerontopsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sucht, Psychosoma-tik und Psychotherapie und Krisenintervention.

Eine andere Art der Einteilung nimmt das IGES (Institut für Gesundheits- und Sozialforschung) in Berlin vor (Abb.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Gebiete und Teilgebiete der Psychiatrie (Quelle: IGES) (SCHRÄDER et al.2002, 63)

Stationäre Suchteinrichtungen

Die stationäre Versorgung von Suchtkranken findet in zwei Phasen statt. Die Phase der Entgiftung wird typischerweise an speziellen Abteilungen der psychiatrischen Krankenhäuser, die Entwöhnungsphase in Suchtfachkliniken oder ambulant durch-geführt (SCHRÄDER et al. 2002, 232).

Teilstationäre Psychiatrie

„Tages- und Nachtkliniken sind Verbindungsglieder zwischen dem stationären und dem komplementären bzw. ambulanten Bereich“ (WILHELMI 1991, 31).

In den Tageskliniken werden die Patienten tagsüber betreut, die Nacht und das Wochenende verbringen sie in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung. Das Behandlungsangebot entspricht dem einer stationären Versorgung. Das Besondere der teilstationären Behandlung ist die in größerem Umfang verbleibende Anbindung des Patienten an sein soziales Umfeld. Außerdem sind die Kosten geringer, da kein Bett zur Verfügung gestellt werden muss.

Die Nachtklinik als Ort, an dem die Patienten nur die Abend- und Nachtstunden und das Wochenende verbringen, während sie tagsüber ihrem (beruflichen) Alltag nach-gehen können, hat schon wieder an Bedeutung verloren (ebd.).

2.2.2 Ambulante und komplementäre Psychiatrie

Niedergelassene Allgemeinmediziner, Nervenärzte und Psychotherapeuten, sowie institutsgebundene ambulante psychiatrische Dienste bilden den Kern der ambu-lanten Versorgung. Zu den institutsgebundenen psychiatrischen Diensten gehören sozialpsychiatrische Dienste, psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen und Institutsambulanzen (WILHELMI 1991, 36f).

Unter komplementäre Psychiatrie fallen alle Einrichtungen, die eine Ergänzungs-aufgabe zu den bisher genannten übernehmen. Dazu gehören Tagesstätten, Werkstät-ten, Patientenclubs, betreute Wohngemeinschaften, Übergangsheime, Wohnheime etc.

2.3 Versorgungsstrukturen in Österreich

Zum besseren Verständnis und zum Vergleich der psychiatrischen Versorgungs-situation wie auch der Ausbildungssituation (s. Kap. 3.5) und der Ergebnisse der Befragung (s. Empirischer Teil) in Österreich und der Schweiz werden an dieser Stelle für Österreich (und in der Einleitung von Kap. 2.4 für die Schweiz) einige grundlegende, landesspezifische Informationen, wie die Zahl der Einwohner und die geographischen Besonderheiten, gegeben.

2.3.1 Daten zum Land

Staatsform, Einwohnerzahl, Landesfläche, geographische Lage

Die Bundesrepublik Österreich ist eine parlamentarisch-demokratische Republik und besteht aus neun Bundesländern. Die Gesamteinwohnerzahl beträgt 8,2 Mio. und die Landesfläche umfasst 83.858 km². Österreich grenzt im Norden an die Bundes-republik Deutschland, die Tschechische Republik und die Slowakei, im Osten an Ungarn, im Süden an Slowenien und Italien und im Westen an die Schweiz und Liechtenstein (AUSWÄRTIGES AMT 2004). Es ist damit wie die Schweiz ein mitteleuropäischer Staat und direkter Nachbar Deutschlands.

Europäische Bedeutung, Landessprache, Einwohnerdichte

Österreich ist im Unterschied zur Schweiz Mitgliedsland der EU. Im Hinblick auf die Osterweiterung der EU nimmt das Land eine geographisch und wirtschaftlich wichtige Position ein. Die Landessprache ist Deutsch und wird von 92 % der Bevöl-kerung gesprochen. Bezogen auf die Gesamtfläche ist Österreich mit ca. 96 Ein-wohnern pro km² im europäischen Vergleich relativ dünn besiedelt. Allerdings nimmt der beherrschende Landschaftstyp, das von den Alpen gebildete Gebirge, zwei Drittel der Landesfläche ein. Somit ergibt sich, dass nur knapp 40 % der Landesfläche dauerhaft besiedelt sind, was die Einwohnerdichte auf der besie-delbaren Fläche auf 256 Einwohner pro km² erhöht (LICHTENBERGER 2002, 207).

Bevölkerungsdichte und Siedlungsschwerpunkte

Die Bevölkerungsdichte variiert von Bundesland zu Bundesland. Wien, Salzburg, Vorarlberg und Tirol sind am dichtesten besiedelt, Niederösterreich und das Burgenland dagegen relativ dünn. In der Metropole Wien – Hauptstadt und Bundes-land zugleich – leben rund 1,6 Mio. Einwohner. Weitere wichtige Siedlungsschwer-punkte sind das Donautal und der Südosten des Landes. Eine Besonderheit des Alpenstaates im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern ist der hohe Anteil der in kleinen Gemeinden ansässigen Bevölkerung[8] (LICHTENBERGER 2002, 208).

Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen ist ein wichtiger Bestandteil des sozialen Wohlfahrtsstaates. Entsprechend seiner föderalistischen Struktur sind die Länder verantwortlich für die medizinische Versorgung. Ihnen obliegt sowohl die stationäre als auch die außerstationäre Versorgung. „Der Bund hat hier relativ wenig Einfluß, obwohl im Rahmen eines am Gesundheitsministerium installierten Psychohygiene-Fachbeirates [im Bereich der psychiatrischen Versorgung] ein beratendes Gremium zur Verfügung steht“ (SCHÖNY & KATSCHNIG 1991, 89).

2.3.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in Österreich

Die Geschichte der österreichischen Psychiatrie verlief im wesentlichen ähnlich der in anderen westeuropäischen Ländern. Als namhafte Gestalten sollen J. WAGNER-JAUREGG[9] und Sigmund FREUD[10] Erwähnung finden.

Mitte der 70er Jahre setzte wie in Deutschland auch in Österreich eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Situation der psychiatrischen Versorgung ein. Eine Analyse der psychiatrischen Versorgungssituation von KATSCHNIG, GRUMILLER & STROBL aus dem Jahr 1974 stellte den Ist-Zustand dar und war der Auslöser einer ausführlichen Diskussion über den Zustand der Anstalten (JANDL-JAGER & STROTZKA 1987, 25). Diese Diskussion zog auch in Österreich die Bemühungen um eine Psychiatriereform nach sich (LEXEL-GARTNER 1987, 89f).

90er Jahre

Zu Beginn der 90er Jahre konstatieren KATSCHNIG et al. (1991, 3ff) in einem Referat[11], dass sich zwar die gemeindenahe Versorgung seit Mitte der 70er Jahre in den verschiedenen Bundesländern in unterschiedlichem Ausmaß verbessert habe, aber dennoch quantitativ und qualitativ ein großes Defizit bestehe. Sie prangern an, dass „psychisch Kranke und ihre Angehörigen, mit Ausnahme vielleicht der großen Städte, heute noch sehr weit reisen müssen, um adäquate psychiatrische Hilfe zu erhalten“ (KATSCHNIG et al. 1991, 9).

2.3.3 Psychiatrische Versorgung in Österreich heute

Der Österreichische Psychiatriebericht 2001 Teil I (KATSCHNIG et al. 2001) – herausgegeben vom Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen – stellt die aktuelle psychiatrische Versorgung dar. In Folge der Entwicklung findet diese „heute in vielen institutionellen Settings, Organisations- und Finanzie-rungsformen statt“ (ebd., 50). Die Bettenzahl wurde deutlich reduziert, die Betten-nutzungstage sanken, das stationäre Angebot blieb, was die Einrichtungen angeht, überwiegend gleich, die komplementäre Versorgung wurde weiterentwickelt. 1999 hat sich die absolute Zahl der psychiatrischen Betten auf 4.173 reduziert, die drei Universitätskliniken und zehn Sonderkrankenanstalten[12], die in den 70er Jahren schon existierten, bestehen weiterhin, sind jedoch „heute viel kleiner, wurden umbenannt oder organisatorisch neu zugeordnet, und – das ist das Wesentliche an der Entwicklung – durch andere Einrichtungen ergänzt“ (ebd., 50).

Stationäre Psychiatrie

Die stationäre Psychiatrie umfasst derzeit etwa 30 Einrichtungen. Diese wurden im Rahmen der Untersuchung angeschrieben. Neben Sonderkrankenhäusern, psy-chiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, gemischt psychiatrisch-neurologischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, spezielle gerontopsy-chiatrische sowie kinder/jugendpsychiatrische Einrichtungen, psychosomatische Abteilungen und solche für die Behandlung Alkohol- und Drogenabhängiger. „Nur langsam entwickeln sich in Österreich dezentrale stationäre psychiatrische Einrich-tungen, wobei unterschiedliche Modelle vorherrschen“ (ebd., 52).

Tageskliniken und ambulante Behandlung

Teilstationäre Behandlung in Tageskliniken wurde in Österreich erst in jüngster Vergangenheit eingeführt. Dennoch bestehen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Psychiatrieberichts 2001 bereits mehr als 16 solcher Einrichtungen, die administrativ an die versorgenden Kliniken angeschlossen sind. Die ambulante Behandlung wird größtenteils von niedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie, Psychiatrie & Neurologie, Neurologie & Psychiatrie und Neurologie durchgeführt.

Psychosoziale Dienste

Die Anzahl der psychosozialen Dienste ist in den letzten 10 Jahren erwartungsgemäß gestiegen. Nach einer Erhebung des ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen ) 1998 bei 60 Trägern psychosozialer Einrichtungen verfügte das Burgenland über sieben, Kärnten über 17, Niederösterreich über 24, Oberösterreich über 27, Salzburg über zwei, die Steiermark über 18, Tirol über 12 und Vorarlberg über neun Psychosoziale Dienste. Für Wien sind keine Zahlen genannt, da sie für die Erhebung entweder gar nicht oder nur unvollständig vorlagen (ebd., 89).

2.4 Versorgungsstrukturen in der Schweiz

2.4.1 Daten zum Land

Staatsform und Gesundheitssystem

Die Schweizerische Eidgenossenschaft – so der offizielle Name der Schweiz – ist ein republikanischer Bundesstaat (MEHLING 1981, 828), mit direktdemokratischem und föderalistischem Charakter. Stark ausgeprägte Befugnisse auf kantonaler Ebene spiegeln das nach wie vor vorhandene Freiheits- und Unabhängigkeitsbestreben seiner Bürger wider. Im Gesundheitssystem zeigt sich diese Struktur u.a. darin, dass jedes Kanton seine eigene Gesundheitsdirektion hat. Es gibt kein für die gesamte Schweiz zuständiges Gesundheitsministerium, sondern nur ein Bundesamt für Gesundheit (BAG), welches ergänzende Aufgaben übernimmt. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt und unterhält weltweit eines der teuersten Gesund-heitssysteme (RÖSSLER 2001, 40).

Geographische Lage, Landesfläche, Bevölkerungsdichte, Siedlungsdichte

Die Schweiz, wie Österreich Alpenland und in Mitteleuropa gelegen, hat gemeinsame Grenzen mit Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Italien und Frank-reich. Die 26 Kantone und Halbkantone ergeben zusammen eine Landesfläche von 41. 285 km². Im Jahr 2001 lebten 7. 261. 200 Menschen in der Schweiz, was eine Bevölkerungsdichte von 176 / km² ergibt. Die Bevölkerungsdichte ist in den ver-schiedenen Landesteilen unterschiedlich hoch. Die Finanzmetropole Zürich ist mit

rund 1,1 Mio. Einwohnern die größte Stadt. Die Hälfte der Landesfläche wird von den Alpen eingenommen und ist wenig bis gar nicht besiedelt.

Kulturelle Besonderheiten, Sprache

„Die Eidgenossenschaft ist nicht einheitlich ... sondern vielfältig ...: Ihre Bewohner leben in verschiedenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Räumen mit-einander, nebeneinander und manchmal gegeneinander – mit Verbindungen über die engen Grenzen hinaus in die weite Welt“ (SCHWANDER 1991, 27).

Es gibt drei Amtssprachen, aber vier Nationalsprachen. Der Hauptteil der Wohn-bevölkerung, nämlich 63,3 %, spricht deutsch (ca. 4.6 Mio.), 19,4 % sprechen fran-zösisch, 7,6% italienisch und 0,6 % rätoromanisch (AUSWÄRTIGES AMT 2002).

2.4.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in der Schweiz

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein entwickelte sich die psychiatrische Ver-sorgung in der Schweiz vergleichbar mit der in den anderen westeuropäischen Län-dern. Ende des 19. Jahrhunderts begann die Schweiz mit der vergleichsweise frühen Trennung der Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie zum einen und durch die von den Schweizer Psychiatern Auguste FOREL und Eugen BLEULER ausgehende Psychotherapietradition zum anderen einen besonderen Weg einzuschlagen. C.G. JUNG – ein Schüler Bleulers – und Ludwig BINSWANGER, sind mit ihren Beiträgen zur Weiterentwicklung der Theorien Freuds als Vertreter dieser Tradition ebenso zu nennen. Auf Grund dieses Sonderweges gab es in der Schweiz seitdem eine besonders hohe Anzahl an Psychiatern.[13] Als Folge dieser Entwicklung gibt es in der Schweiz zudem seit den 60er Jahren den Begriff der Psychotherapie im psychiatrischen Facharzttitel (vgl. ERNST 2000, 40; ERNST 2001, 64f).

80er Jahre

RUCKSTUHL et al. (1984, 163) schildern die Situation der psychiatrischen Versor-gung Anfang der 80er Jahre in der Schweiz ähnlich wie KATSCHNIG et al. (1991, 3 – 16) diejenige in Österreich. Die Hauptversorgung psychisch Kranker werde von den großen psychiatrischen Kliniken übernommen, der Bettenstand sei zwar redu-ziert worden, sei aber immer noch zu hoch. Insgesamt gesehen stellen sie fest: „Die Änderungen im stationären Bereich fügen sich in die Linie des internationalen Entwicklungstrends...“ (RUCKSTUHL et al. 1984, 163). Im ambulanten Bereich wird die Situation der sozialpsychiatrischen Einrichtungen als unterentwickelt be-schrieben (ebd., 165).

Zahlen aus dem Jahr 1993 belegen für die Schweiz eine Bettenrate in der stationären Psychiatrie von 1,4 pro 1000 Einwohner. Die Klinikdichte ist dreimal so hoch wie in Österreich bei einer etwa doppelt so hoch liegenden Einwohnerdichte. Der Grund für die relativ hohe Klinikdichte ist die relativ schwierige Zugänglichkeit vieler kleiner Täler im Alpenraum und die Aufteilung des Landes in 26 Kantone mit je einer eigenen Gesundheitsdirektion (ERNST 2000, 41).

2.4.3 Psychiatrische Versorgung in der Schweiz heute

Anlässlich der Tagung „Die Schweizer Psychiatrieversorgung im internationalen Vergleich“ im November 2002 in Bern fasst LEHLE (2003, 27) die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: Zentrales Anliegen in der Weiterentwicklung der Psychiatriereform ist „die bessere und effizientere Gestaltung der psychiatrischen Versorgung“ (ebd., 27). Nach wie vor fließen die Gelder vorrangig in den stationären Bereich. Die Sozialpsychiatrie soll in Zukunft verstärkt die Personen- oder Einzel-fallförderung in der Gemeinde unterstützen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern steht die Schweiz weder besonders gut noch besonders schlecht da. „Viele wünschenswerte Versorgungsangebote sind vorhanden und ein Mangel scheint eher im Bereich der Verknüpfung und Koordination dieser verschiedenen Bereiche auszumachen zu sein“ (ebd., 28).

Stationäre Psychiatrie

Im stationär-psychiatrischen Bereich besteht weiterhin eine im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Versorgungsdichte. RÖSSLER (2001, 40) spricht von 42 psychiatrischen Kliniken. Nach ERNST (2001, 103) sind das im einzelnen 20 kantonale Kliniken, fünf Universitätskliniken, neun regionsverpflichtete Vertragskliniken, acht größere und zehn kleinere allgemeinpsychiatrisch tätige Privatkliniken.[14] Davon liegen 31 in der deutschsprachigen Schweiz (HÜSSY 1991, 137). Bis auf die Kantone Uri, Schwyz und Nidwalden verfügt jedes Kanton über mindestens eine psychiatrische Klinik. In einigen für die allgemein-medizinische Versorgung zuständigen Kantonsspitälern wurde mittlerweile eine psychiatrische Abteilung eingerichtet. Die Bettendichte im psychiatrischen Bereich beträgt zu Beginn des 21. Jahrhunderts unverändert 1,4 Betten pro 1.000 Einwohner (BRENNER, RÖSSLER & FROMM 2003, 1778)[15]. BRENNER et al. führen im weiteren aus, dass sich die psychiatrische Versorgung in den letzten zehn Jahren – bezüglich der Forderungen nach Patienten- statt Institutszentrierung und nach Vernetzung des gesamten psychiatrischen Versorgungsbereichs (integrierte Behand-lung) – in der Schweiz wenig weiterentwickelt hat.

Ambulante Versorgung

Die Versorgungssituation im ambulanten Bereich ist von Kanton zu Kanton unter-schiedlich. Das gilt sowohl für die Psychiaterdichte als auch für die anderen ambulanten Angebote, wie Krankenhausambulanzen, Sozialpsychiatrische Dienste, Polikliniken und Tageszentren. Tageskliniken sind im Unterschied zu Deutschland und Österreich wenig vertreten. „Mit einem Psychiater auf 5.275 Einwohner weist die Schweiz eine der dichtesten fachbezogenen Strukturen auf“ (RÖSSLER 2001, 40).

Soteria

Eine Besonderheit im stationären Bereich stellen die sogenannten Soteria-Häuser dar. In diesen klinikunabhängigen, offen geführten Spezialeinrichtungen für Schizo-phreniekranke werden die Patienten in einer akuten Krankheitsphase, von vorwie-gend nicht-medizinischen Personal im Sinne einer therapeutischen Gemeinschaft versorgt. Eine solche Einrichtung gibt es z. B. in Bern (ERNST 2001, 118f).

Suchttherapie

Im suchttherapeutischen Bereich verbesserte sich in den letzten 20 Jahren das Angebot. „Gesamtschweizerisch stehen für die stationäre Drogenrehabilitation der-zeit an die 2.000 Plätze in etwa 120 Institutionen zur Verfügung, im Bereich der Alkoholrehabilitation sind es rund 1.000 Plätze in 40 Einrichtungen“ (ECKMANN & SIMMEL 1999, Abschnitt 2).[16]

2.5 Zusammenfassung

Psychische Erkrankungen sind ein komplexes, weltweit verbreitetes Phänomen mit hoher gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Behandlung von psychisch Kranken und Suchtkranken wird interdisziplinär und in unterschiedlichen Institutionsformen durchgeführt, wobei auch die rehabilitativ ausgerichtete Bewegungs- und Sport-therapie ihren Stellenwert hat.

Die heutige psychiatrische Versorgungslandschaft in Österreich und der Schweiz ist Ergebnis der medizinischen und (landes-)geschichtlichen Entwicklung. In der Schweiz ist die Anzahl der stationären psychiatrischen und suchttherapeutischen Ein-richtungen deutlich höher als in Österreich.

In Kap. 3 folgt nun die Darstellung der Bewegungs- und Sporttherapie. Zunächst werden die allgemeinen Grundlagen der Bewegungs- und Sporttherapie vorgestellt. Daran anschließend wird auf die besonderen Gegebenheiten der Bewegungs- und Sporttherapie mit psychiatrischen Patienten eingegangen. Ein weiterer Themen-schwerpunkt ist der Stand der Veröffentlichung zur Thematik in Österreich und der Schweiz.

3 Bewegungs- und Sporttherapie

Nach der Darlegung der psychiatrischen Versorgung im vorangegangenen Kap.2 wird nun der Blick auf die Bewegungs- und Sporttherapie gelenkt. Einleitend werden die begrifflichen Schwierigkeiten diskutiert. Darauf folgt die Darstellung der Bewegungs- und Sporttherapie mit Herausstellung der wissenschaftstheoretischen Ansätze. Von der Darstellung der allgemeinen Bewegungs- und Sporttherapie geht die Betrachtung über zu speziellen Aspekten der Bewegungs- und Sporttherapie in der Psychiatrie. Anschließend wird die Situation der Bewegungs- und Sporttherapie im psychiatrischen Bereich in Österreich und der Schweiz betrachtet. Das Kapitel wird abgeschlossen mit der Darstellung der bewegungs- und sporttherapeutischen Ausbildungslage in den beiden Ländern.

3.1 Zum Begriffsgefüge Bewegungstherapie – Sporttherapie

Je nach wissenschaftlicher Perspektive werden die Begriffe Bewegungstherapie und Sporttherapie unterschiedlich definiert. Im Universalwörterbuch BROCKHAUS (1996) wird Bewegungstherapie als Oberbegriff für alle Verfahren der Kranken-gymnastik verwendet. Der Begriff Sporttherapie ist nicht aufgeführt.1 Die funktio-nale Ausrichtung der Bewegungstherapie liegt auch der Definition im medizinischen Wörterbuch zugrunde (vgl. ZETKIN & SCHALDACH 1999). Sporttherapie wird hier mit Sportphysiotherapie gleichgesetzt und definiert als „ärztlich verordnete Heilmaßnahme bei Verletzungen und Schäden als Fortsetzung und Ergänzung einer vorausgegangenen Krankengymnastik“ (ebd., 1892). Aus sportwissenschaftlicher Perspektive wird Bewegungstherapie als „Sammelbegriff für therapeutische Kon-zepte“ verwendet „mit denen versucht wird, durch aktive, muskuläre Beanspruchung Erkrankungen, Defizite, Fehlverhalten oder psychosoziale Störungen zu behandeln“ (RÖTHIG & PROHL 2003, 103). Die bei RÖTHIG & PROHL angeführte Erklärung des Begriffs Sporttherapie bezieht sich auf die vom DEUTSCHEN VERBAND FÜR GESUNDHEITSSPORT UND SPORTTHERAPIE formulierte Definition:

Bewegungstherapie ist ärztlich indizierte und verordnete Bewegung, die vom Fachtherapeuten geplant und dosiert, gemeinsam mit dem Arzt kontrolliert und mit dem Patienten alleine oder in der Gruppe durchgeführt wird.

Sporttherapie ist eine bewegungstherapeutische Maßnahme, die mit geeigneten Mitteln des Sports gestörte körperliche, psychische und soziale Funktionen kompensiert, regeneriert, Sekundärschäden vorbeugt und gesundheitlich orientiertes Verhalten fördert. Sie beruht auf biologischen Gesetzmäßigkeiten und bezieht besonders Elemente pädagogischer, psychologischer und soziotherapeutischer Verfahren ein und versucht, eine überdauernde Gesundheitskompetenz zu erzielen. (VANDEN-ABEELE & SCHÜLE 2000, 23)

Die Nebeneinanderstellung der unterschiedlichen Definitionen macht deutlich, dass das Verständnis von Bewegungs- und Sporttherapie in der Medizin naturwissen-schaftlich geprägt ist, in den pädagogisch ausgerichteten Sportwissenschaften dage-gen auch die pädagogisch-psychischen Elemente einbezogen werden.

Therapie

Schon bei der Betrachtung des Therapiebegriffs findet man Definitionsunterschiede, die durch die unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen begründet sind. Im Lexikon der Medizin (ZETKIN & SCHALDACH 1999) wird Therapie als Behandlung einer Krankheit bezeichnet. Da im psychiatrischen bzw. Suchtbereich die sonst in der Medizin eher aufeinanderfolgenden Phasen der Prävention, der Therapie im engeren Sinne sowie der Nachsorge und Rehabilitation untrennbar miteinander verbunden sind (vgl. HUBER 1999, 658; VETTER 1998, 333) und psychiatrische Erkrankungen zum Teil zu Chronifizierung und Rezidiven neigen bzw. mit Funktionseinbußen einhergehen (vgl. MÖLLER et al. 2001, 466), ist der Therapiebegriff hier weiter zu fassen. Inhalt und Ziel der psychiatrischen Therapie sind nicht nur die Besserung und Heilung von psychischen Störungen (Therapie i. e. S.), sondern auch Nachsorge bzw.

Rehabilitation2 (vgl. MÖLLER et al. 2001, 465f). JOCHHEIM (1988, 9) gibt zu bedenken, dass Therapie in der Rehabilitation als Anleitung zur Selbsthilfe zu verstehen ist.

Sport

Der Begriff Sport kommt vom Lateinischen „deportare“ (übersetzt: fortbringen), wurde im Mittel-Französischen zu „(se) de (s)porter“ = (sich) zerstreuen, (sich) vergnügen und verbreitete sich über England – dort bedeutet der Begriff „sport“ auch Zeitvertreib, Vergnügen, Spaß, Spiel – in die ganze Welt. Mittlerweile umgangs-sprachlich gebraucht lässt sich der Begriff nicht mehr eindeutig abgrenzen. Was landläufig mit dem Begriff Sport verbunden wird, hängt vom „alltagstheoretischen Gebrauch sowie von den historisch gewachsenen und tradierten Einbindungen in soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gegebenheiten“ ab (RÖTHIG & PROHL 2003, 493).

Sport und Therapie

HUBER (1996) formuliert in seinen Ausführungen zur Sporttherapie, dass die Verbindung von Sport und Therapie erst mit der Arbeit RIEDERs „Sport als Therapie“ (1975) hergestellt wurde. RIEDER (1977) betont insbesondere den pädagogischen Aspekt der Sporttherapie. „[Die Sporttherapie] basiert auf Erlebnis, Erfahrung und Selbstbetätigung“ (ebd., 167). „Der Ausdruck „Sporttherapie“ sollte zum einen Überschneidungen mit bereits fixierten Begriffen vermeiden – etwa mit der Spieltherapie, Bewegungstherapie, Beschäftigungstherapie, psychomotorischen Übungsbehandlung oder Leibeserziehung –, zum anderen sollten die allgemein und speziell mit Sport bezeichneten Bewegungsformen, Tätigkeiten, Leistungen sowie deren Wesens-, Erziehungs- und Bildungsgehalte miteinbezogen werden“ (ebd., 135).

Begriffsverwendung in dieser Arbeit

Die Sporttherapie ist eine eigenständige Therapieform, deren übergeordnetes Konstrukt die Bewegung ist. Da der Begriff Sporttherapie jedoch oft recht eng verstanden wird und unter den Patienten der Begriff „Sport“ häufig negativ besetzt ist, wird in dieser Arbeit – so nicht anders gekennzeichnet – die Bezeichnung Bewe-gungs- und Sporttherapie als ein Begriff verwendet. Inhaltlich wird darunter Bewegung, Spiel und Sport im therapeutischen Rahmen und mit therapeutischen Zielsetzungen verstanden.

3.2 Bewegungs- und Sporttherapie

Im folgenden werden theoretische Fundierung, Wirkungsweisen, Inhalte, Methoden und Ziele von Bewegungs- und Sporttherapie – Bewegung, Spiel und Sport im thera-peutischen Kontext dargestellt.

3.2.1 Wissenschaftstheoretische Ansätze

Aus dem Spektrum der wissenschaftlichen Begründungen der Bewegungs- und Sporttherapie werden drei herausgegriffen, die im Besonderen in der Arbeit mit psychisch Kranken und Suchtkranken von Bedeutung sind. Theorien sind notwendig, um Handlungsweisen zu begründen. Oder wie NITSCH (2000, 45) es ausdrückt: „Theorien strukturieren den Forschungsprozess, systematisieren die Forschungser-gebnisse, leiten praktisches Handeln und bilden nicht zuletzt eine wichtige Voraus-setzung für die Kommunikation mit anderen.“

1. Begründung der Bewegungs- und Sporttherapie aus handlungstheoretischer

(psychologischer) Sicht3

Handlung und Verhalten

Handlung ist zentrale Komponente und Charakteristikum des Menschen. Handlungs-fähigkeit eröffnet dem Menschen die Möglichkeit zu Selbstbestimmung und Selbst-verantwortung (NITSCH 2000, 49). Handlung kann als eine gesonderte Form des Verhaltens und Handeln als konkreter Vollzug gesehen werden, wenn ein Verhalten unter subjektiven Absichten, d.h. intentional in aktiver Auseinandersetzung mit der Umwelt organisiert wird. Verhalten dagegen ist jede Form der Lebensäußerung, also alles, worin die Selbsttätigkeit des Organismus zum Ausdruck kommt und sich seine Beziehung zur Umwelt aktuell herstellt, stabilisiert und verändert (vgl. NITSCH 2000, 59). Handeln bedeutet Einfluss nehmen auf die Umwelt aus bestimmten Motiven heraus (Funktionsaspekt von Handlung) und ist immer situationsbezogen. Die Handlungsphasen gliedern sich in bewusste oder unbewusste Planung, Aus-führung der Handlung und Überprüfung derselbigen. Handlung kann nicht ohne Energie ablaufen. Energie zeigt sich u. a. in (menschlicher) Bewegung.

Handlungstheorie

Nach NITSCH (ebd., 54) bietet die Handlungstheorie eine wissenschaftliche Pers-pektive zur Betrachtung menschlichen Verhaltens. Sie bildet einen Grundentwurf und zugleich eine Fundierung gerade auf dem Gebiet der Sportpsychologie als einem Teilbereich der angewandten Psychologie, in dem die praktische Tätigkeit den zen-tralen Gegenstand bildet (ebd. 53). Die Handlungstheorie ist zunächst einmal eine theoretische Perspektive und stellt gegenwärtig keine abgeschlossene Konzeption dar (ebd. 54).

Psychische Eigenschaften

Die psychischen Eigenschaften des Menschen sind zum einen handlungsregulierend und zum anderen entwickeln sie sich erst im und aus dem Handeln. Die folgende Tabelle gibt die Aspekte der Handlung und die dazugehörigen psychischen Eigen-schaften bzw. Funktionen wider. In der Praxis greifen die einzelnen Handlungs-aspekte und die psychischen Eigenschaften ineinander über.

Tab. 2 Aspekte der Handlung und dazugehörige psychische Eigenschaften / Funktionen (eigene Darstellung nach NITSCH 2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Handlungstheoretisches Konzept nach VAN DER SCHOOT

Wenn in jeder praktischen Tätigkeit, also auch im sportlichen Handeln, alle psychischen Funktionen beteiligt sind und sich im menschlichen Handeln der Mensch selbst ausdrückt (vgl. NITSCH 2000, 65), kann über die praktische Tätigkeit Einfluss auf menschliches Verhalten und Handeln genommen werden. Das Erlangen, Fördern und Ausweiten von Handlungskompetenz4 bezogen auf Lebens- bzw. Krankheitsbewältigung ist wiederum eine der wichtigsten Zielsetzungen in der Therapie und Rehabilitation besonders bei Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen. Dies ist die Brücke zum handlungstheoretischen Konzept VAN DER SCHOOTs (1990, 24). In diesem werden fünf übergeordnete Funktionsbereiche und Prozesse angeführt, die durch Bewegung, Spiel und Sport angesprochen werden:5

- Aktivierung (als energetische Grundbedingung von Verhalten und Handeln);
- Motorik (als quantitative und qualitative Bedingung für die Ausführung von Verhalten und Handeln);
- Emotion und Motivation (als energetischer, steuernder und richtunggeben-der Regulierungsfaktor für Verhalten und Handeln);
- Kognition (als Maßstab und Koordinationsstelle aller bewussten und unbe-wussten Vorgänge im sensorischen und affektiven Bereich);
- Kommunikation und soziale Interaktion (als innerhalb der Gesellschaft lebensnotwendige Handlungs- und Verhaltensweisen zur Identitätsbe-stimmung, sozialen Teilhabe und zwischenmenschlichen Orientierung).

2. Begründung der Bewegungs- und Sporttherapie aus sozialwissenschaftlicher Sicht

Das Modell der Gesundheitserhaltung nach dem Konzept der Salutogenese von ANTONOVSKY (1997) stellt sowohl eine wissenschaftliche Begründung als auch eine Perspektive für die Bewegungs- und Sporttherapie dar.

Ausgangspunkt des Salutogenese-Konzepts ist der Grundgedanke, dass jeder Mensch bestimmte Faktoren zur Erhaltung seiner Gesundheit zur Verfügung hat (Ressourcenorientierung). Gesundheit und Krankheit bilden die Endpunkte eines Kontinuums, auf dem sich jeder Mensch befindet. Der Standpunkt des Einzelnen wird dabei beeinflusst von der individuellen Fähigkeit, Spannungszustände auszugleichen. Nicht Situationen an sich sind schädigend, sondern das individuelle Erleben von ihnen. Die gesundheitserhaltenden Faktoren werden bestimmt vom Kohärenzsinn6 und den generalisierten Widerstandsquellen7 eines Menschen.

Die Bewegungs- und Sporttherapie kann diese beiden Elemente ansprechen und positiv beeinflussen (SCHÜLE 2000, 32ff). Die Ressourcenorientierung der Salutogenese korrespondiert mit den Vorstellungen der ICF zur Förderung der Gesundheit.

[...]


[1] Der Begriff „Krankheit“ wird im psychiatrischen Kontext zunehmend durch den Begriff „Störung“ ersetzt (vgl. DILLING, MOMBOUR & SCHMIDT 2000).

[2] im Sinne von „berufliche Tätigkeit“, „Selbstversorgung“, „Kommunikation“, „Mobilität“

[3] Lebenshintergrund des Einzelnen

[4] s.a. biopsychosoziales Modell als Grundlage der ICF in Kap. 2.1.1 (vgl. SCHUNTERMANN 2003)

[5] z.B. Bewältigungsstrategien

[6] s. Modell der Salutogenese von ANTONOVSKY (1997)

[7] Besondere Bezeichnung in der Schweiz: Kantonale Kliniken; in Österreich: Sonderkrankenanstalten.

[8] 46 % der Bevölkerung (3,7 Mio. Menschen) leben im ländlichen Raum.

[9] Wagner-Jauregg gelang 1917 mit der Einführung der Malariatherapie zur Behandlung der fortschreitenden Paralyse eine wissenschaftliche Entdeckung, für die er später den Nobelpreis erhielt (JANDL-JAGER & STROTZKA 1987, 23).

[10] Freud ist der Begründer der Psychoanalyse. Mit ihr nahm er zwar keinen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Psychiatrie in Österreich – seine Theorien gingen vielmehr darüber hinaus.

[11] gehalten im November 1990 auf der „Woche der psychischen Gesundheit“ anlässlich des 15jährigen Bestehens der Gesellschaft für Psychische Hygiene

[12] Universitätskliniken Wien, Graz und Innsbruck; Sonderkrankenanstalten: Wien (PKH Baumgartner Höhe, PKH der Stadt Wien Ybbs), Niederösterreich (Landesnervenklinik Gugging und Mauer), Kärnten (LKH Klagenfurt), Oberösterreich (Wagner-Jauregg-Krankenhaus Linz), Salzburg (Landes-nervenklinik Salzburg), Steiermark (Landesnervenkrankenhaus Graz), Tirol (Landesnervenkranken-haus Hall), Vorarlberg (Landesnervenkrankenhaus Rankweil).

[13] Diese waren aufgrund der beschriebenen Verhältnisse überwiegend psychotherapeutisch ausge-richtet.

[14] Die zehn kleineren Privatkliniken sind bei RÖSSLER nicht mitgerechnet.

[15] Anzahl der Betten in psychiatrischen Kliniken im Jahr 1999: 8.125 (Bundesamt für Statistik 2002)

[16] Unter folgenden Internetadressen sind ausführliche Auflistungen bestehender suchttherapeutischer Einrichtungen zu finden: stationäre Drogeneinrichtungen unter http://www.koste.ch; stationäre Alkoholeinrichtungen unter http://www.infoset.ch. Weiterführende Literatur zu Kernpunkten der stationären Therapie ebenfalls unter http://www.koste.ch, z. B. SIMMEL 2001.

1 Im BROCKHAUS – LEXIKON DER GESUNDHEIT (2000, 1191) bezeichnet Sporttherapie „regelmäßiges körperliches Training als vorbeugende oder heilende Maßnahme bei Erkrankungen des Bewegungsapparates oder des Herz-Kreislauf-Systems“. Ebenfalls angeführt wird ihre positive Wirkungsweise auf die psychische Verfassung und ihr daraus begründeter Einsatz bei psychosoma-tischen Erkrankungen.

2 Rehabilitation allgemein bedeutet Wiederherstellung, Eingliederung; i. e. S. ist Rehabilitation die medizinische, berufliche und soziale Integration Behinderter oder von Behinderung bedrohter Personen (vgl. Pschyrembel 1998). Rehabilitation im psychiatrischen Bereich bezeichnet den Vorgang der Wiedereingliederung des Patienten in Gesellschaft, Familie und Beruf (VETTER 1998, 333). Zugleich beinhaltet die Rehabilitation auch Rückfallverhütung (Sekundärprävention).

3 s. dazu auch Aufsatz von PASSOLT (1989, 61-68)

4 „Unter Handlungskompetenz wird der Grad der Effizienz verstanden, mit dem die situationstypische Anforderungsstruktur handelnd bewältigt werden kann. Der Effizienzgrad ergibt sich dabei aus dem Verhältnis von Erfolgswahrscheinlichkeit und zu erbringendem Aufwand“ (NITSCH 2000, 96).

5 Jeder der genannten Funktionsbereiche hat eine eigene Bezugstheorie, die bei VAN DER SCHOOT (1990, 34-76) nachgelesen werden kann.

6 Kohärenzsinn = generalisiertes, überdauerndes, dynamisches Vertrauen. Der Kohärenzsinn setzt sich aus den Komponenten „Verstehbarkeit“, „Handhabbarkeit“ und „Bedeutsamkeit“ zusammen. Daraus ergibt sich eine Grundhaltung, „die die Balance von Stressoren und Widerstandsquellen maßgeblich beeinflusst“ (HUBER 2004, 34).

7 „Als Widerstandquellen sind jene Ressourcen gemeint, die dem Menschen helfen, negative Einflüsse auszugleichen“ (HUBER 2004, 34).

Details

Seiten
155
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638352093
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35228
Institution / Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln
Note
1,7
Schlagworte
Stand Bewegungs- Sporttherapie Einrichtungen Schweiz

Autor

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Titel: Zum Stand der Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz