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Die Reichweite von Handlungstheorien. Arnold Gehlens Urmensch und Spätkultur angewendet auf Handlungstheorien

Hausarbeit 2016 13 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

THEORIEEINORDNUNG
Diskussion
Universale Handlungstheorien und Handlungstheorien mittlerer Reichweite

ARGUMENTATION
Urmensch und Spätkultur

ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

Theorieeinordnung

Diskussion

In der Wissenschaft besteht eine grundlegende Diskussion über die Reichweite von Handlungstheorien und die damit verbundene Art von Forschung und Suche nach diesen Theorien in verschiedenen Wissenschaften. Ein Kernpunkt dieser Diskussion besteht darin, nach welchen Theorien geforscht werden soll und welche Forschung als sinnvoll erachtet wird. Sinnhaftigkeit aus dem Grund, da von manchen Forschern beispielsweise die Suche nach universalen Handlungstheorien abgelehnt und von anderen die Suche nach Handlungstheorien mittlerer Reichweite abgelehnt wird. Grund dafür sind die unterschiedlichen Annahmen über diese Theorien. Universale Handlungstheorien sind von Reduktionismus geprägt, Theorien mittlerer Reichweite, weisen einen emergenten Charakter auf und ermöglichen einen fundamentalen Wandel der Gesetzmäßigkeiten. So wirken sich Einflüsse und Gesetzmäßigkeiten auf Mikro- sowie Makroebene aus. Theorien universaler Reichweite dagegen sind Theorien welche Reduktionismus und Atomismus verinnerlicht haben, welche keine Möglichkeit für einen emergenten Charakter aufweisen und in denen fundamentaler Wandel nicht möglich ist. Je nach Lager wird die Sinnhaftigkeit der anderen Forschung durch aberkennen der Existenz von zum Beispiel universalen Theorien bezweifelt. Damit ist dies nicht nur eine Diskussion über die Reichweite von Theorien, sondern wie es auf den ersten Blick scheint eine Diskussion zwischen Reduktionismus und Holismus. Grundsätzlich ist von zwei Bewegungen auszugehen, der emergentistischen Bewegung und der des Reduktionismus. Diese Art von Diskussion lässt sich nicht nur in den Sozialwissenschaften sondern auch in der Physik finden, da viele Theorien, wie zum Beispiel der Reduktionismus auf die Einheit der Wissenschaft abzielt und beispielsweise soziologische Konzepte in ein physikalisches Gerüst einzuarbeiten versucht. (Albert, 2010, S. 553) Das Konzept der universalen Handlungstheorie zielt genau auf diese Einheit der Wissenschaft ab und auf die Verbindung der Soziologie mit Physik: „Die Theorien aller Wissenschaften oberer Ebenen wie z. B. der Psychologie und Soziologie sollen letztlich auf die Kernphysik zurückgeführt werden“, (Albert, 2010, S. 554). Dem gegenüber stehen Handlungstheorien mittlerer Reichweite, welche diesen Ansatz für entweder nicht möglich oder nicht sinnvoll halten.

So lässt sich die Diskussion über Handlungstheorien wie folgt zusammenfassen: „Für den Fall der Handlungstheorie geht es dann um die Frage, ob man nach einer umfassenden solchen Theorie sucht, die für alle menschlichen Akteure zu jeder Zeit an jedem Ort gilt, oder nach unterschiedlichen Theorien, Modellen oder Idealtypen, die jeweils nur für eine begrenzte Zahl von Akteuren oder eine begrenzte Zahl von Handlungen Geltung beanspruchen dürfen“, (Albert, 2010, S. 527).

Im folgenden möchte ich einen Beitrag zu dieser Diskussion leisten und eine Argumentation für Handlungstheorien mittlerer Reichweite und damit moderat holistische und emergente Theorien gegen eine Forschung des Reduktionismus liefern. Grundlage meiner Diskussion wird dabei das Konzept der Handlungstheorien mittlerer Reichweite von Albert sein. Im folgenden werde ich versuchen dieses Konzept durch Arnold Gehlens Buch Urmensch und Spätkulturzu bestätigen.

Universale Handlungstheorien und Handlungstheorien mittlerer Reichweite

Universale Handlungstheorien sind reduktionistische Theorien. So ist es Ziel von Forschung nach universalen Handlungstheorien allgemeingültige, immer­geltende Theorien zu finden. Die mag nach Ähnlichkeit mit Holismus klingen, da dieser ebenfalls versucht das System als Ganzes zu sehen, jedoch lehnt der Holismus die Erklärungsvorgehensweise des Atomismus ab, welcher ein System auf Basis seiner Teile durch Reduktion zu erklären versucht. Von universalen Handlungstheorien aus, könne man durch Reduktionismus immer komplexere Phänomene bis in die physikalische Ebene kleinster Teilchen erklären: „Die reduktionistische Position ist in der Regel mit eine Physikalismus verbunden“, (Albert, 2010, S. 549). Ein großes allumfassendes Gerüst würde entstehen. Zu diesem Konzept gehört die strikte Annahme, dass von der untersten, physikalischen Ebene eine einseitige Kausalität nach oben entsteht. Mikrophänomene wirken sich „nach oben“ bis auf die Makroebene aus. Es gibt in dieser Theorie keine Kausalität „nach unten“ (Albert, 2010, S. 549). Diese

Annahme schließt jede emergente Eigenschaft aus, da es nur eine einseitige Kausalkette gibt. In dieser Theorie lässt sich zuletzt alles auf eine „Weltformel“/ „Grundlagentheorie“ zurückführen. Auch Merton betont ganz klar die Richtung des Erkenntnisfortschritts von unten nach oben wie Albert erklärt: „ Er beginnt nicht mit den universalen Theorien, sondern mit der Konsolidierung empirischer Befunde in Form empirischer Regelmäßigkeiten, die zusammengefasst werden in Theorien mittlerer Reichweite, wahrscheinlich über mehrmalige Vereinheitlichung zu immer allgemeineren Theorien voranschreitet und schließlich in einer fundamentalen Theorie umfassender Reichweite endet“, (Albert, 2010, S. 529-530). Diese Richtung von Forschungsgewinn ist besonders zu verinnerlichen. Aus dem Grund, dass sie einen entscheidenden Unterschied zu Handlungstheorien mittlerer Reichweite darstellt. Es gibt lediglich eine Richtung des Erkenntnisgewinns und somit auch keine Auswirkung von Marko- auf Mikrophänomene. Eine Emergenztheorie nach Colemanns Boat/ Essersche Badewanne ist hier also nicht möglich. Die Bedingungen für solche Art von Theorien sind jedoch hart. Eine Variation genügt, eine Abweichung und die universale Handlungstheorie ist nicht mehr als solche zu bezeichnen.

Ein Beispiel für „den Versuch“ einer solche Theorie ist die Rational- Choice-Theory, welche jeden Menschen als gewinn- und nutzenmaximierendes Wesen ansieht. Sie gilt von ihren Vertretern als allgemeines Modell des Menschen in Sozialwissenschaften (Albert, 2010, S. 531). Die Rational-Choice- Theorie geht, wie der Name schon sagt, davon aus, dass der Mensch laut RREEMM-Modell von Lindenberg, aus den ihm vorgegebenen Handlungsalternativen die für ihn nutzenmaximierende, rationale Wahl trifft. So könne man trotz kultureller Unterschiede von diesem Verhalten ausgehen. Doch schnell wird klar, dass der Anspruch einer universalen Theorie nicht zu halten ist. „Durch jede Einschränkung des Geltungsanspruches bewegt sich eine Handlungstheorie von einer universalen Reichweite weg und hin zu einer Theorie mittlerer Reichweite, ...“, (Albert, 2010, S. 532). Der Anspruch einer universalen Theorie ist nicht zu halten. Zu viele Einschränkungen gibt es, die zeigen, Menschen nur begrenzt rational handeln. So sagt auch Gehlen: „Eine jede dauernd betriebene und mit Tatsachen ordentlich befaßte Arbeit fordert von uns, vom unmittelbaren Nutzenerfolg für die eigene Person abzusehen“, (Gehlen, 2004, S. 70). Dieser jeweilige Nutzenerfolg für die eigene Person wäre rationales Handeln. Doch ein Absehen von diesem eigenen Nutzenerfolg, führt zu zweckgebundenem Handeln, welches nicht die eigene Person betrifft.

Handlungstheorien mittlerer Reichweite dagegen haben einen stark emergenten Charakter. Ein großer Unterschied zu universalen Theorien besteht in der Kausalität. Bei Handlungstheorien mittlerer Reichweite geht man auch auch von Kausalität von der Makro- auf die Mikroebene aus. Fundamentaler Wandel ist möglich, heißt die Gesetzmäßigkeiten können sich ändern (Albert, 2008, S. 463). Handlungstheorien mittlerer Reichweite zielen, wie der Name schon sagt, nicht auf Allgemeingültigkeit ab. Ihr Anspruch liegt nicht in einer universal gültigen Theorie, sondern einer Theorie welche nur unter bestimmten Randbedingungen und Gesetzen gilt zu finden. Dies mag im ersten Augenblick nach Theorien von geringerer Relevanz, als die der universalen klingen, da für Handlungstheorien mittlerer Reichweite bestimmte Vorraussetzungen gegeben sein müssen damit diese ihren Nutzen erfüllen, jedoch täuscht dieser Eindruck. Der grundlegende Gedanke, welchen ich auch später durch Gehlen aufnehmen werde, ist der, dass es keine universalen Handlungstheorien gibt, beziehungsweise wir nicht in der Lage sind diese zu finden. Vielmehr erklärt Gehlen, dass der Mensch ein sich wandelndes Wesen ist, welcher durch starke Institutionen wie Kultur, Rieten, Religion und Tradition geprägt ist und immer wieder neu geprägt wird. Aus dem Grund scheidet für die Vertreter der Handlungstheorien mittlerer Reichweite eine Suche nach einer universal gültigen Theorie aus. Handlungstheorien mittlerer Reichweite ermöglichen es, für die kulturelle Natur des Menschen immer wieder neue Handlungstheorien zu entwerfen. Genau wie für die evolutionäre Erkenntnsitheorie spielen Raum und Zeit für Handlungstheorien mittlerer Reichweite eine Rolle. Ein Beispiel für Handlungstheorien mittlerer Reichweite sind die Idealtypen von Max Weber. Für Weber stellt die Soziologie eine Wissenschaft dar, welche den Vorgang und die Resultate von sozialen Handeln verstehen will (Weber, 1995, S. 303). Weber formuliert vier reine Handlungstypen für das soziale Handeln: Zweckrational, wertrational, affektual und traditional (Weber, 1995).

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Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668386297
ISBN (Buch)
9783668386303
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352132
Institution / Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,7
Schlagworte
Arnold Gehlen Urmensch und Spätkultur Esser Handlungstheorien

Autor

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