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Prosper Mérimées "Carmen". Eine femme fatale?

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die femme fatale
2.1 Begriff
2.2 Vorbilder/ Begriffsgeschichte
2.3 Fin de siècle

3. Eigenschaften femme fatale
3.1 Äusseres Erscheinungsbild
3.2 Charakteristika

4. Carmen als femme fatale
4.1 Erscheinung der Carmen
4.2 Handeln und Wirken der Carmen

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

1. Einleitung

Die Figur der femme fatale ist eines der ältesten Phänomene der Literaturgeschichte. Bereits in der Antike wurden Frauen mit den signifikanten Merkmalen der femme fatale beschrieben und charakterisiert. Durch die Epochen hindurch wurde die Frauengestalt mit den dämonischen Zügen immer wieder thematisiert und gezielt als attraktives Mittel in der Literatur eingesetzt. Vor allem im Fin de siècle1 erfreute sich der Mythos unter den französischen Autoren grosser Beliebtheit und erlebte somit seinen literaturhistorischen Höhepunkt.

In dieser Arbeit liegt der Fokus auf Prosper Mérimées Novelle Carmen, welche 1847 erschienen ist und somit vor dem Fin de siècle entstanden ist. Durch das Wirken der Carmen wird Don José, die männliche Hauptfigur der Novelle, ins Verderben gestürzt. Er findet schliesslich den Tod durch den Strang. Sein Tod ist dementsprechend ihr Werk.

Diese Hausarbeit hat zum Ziel, auszumachen, ob Carmen in Mérimées Novelle eindeutig dem Typus der femme fatale entspricht. Hierfür wird in einem ersten Schritt der Begriff an sich definiert und dessen Geschichte mit primärem Fokus auf das Fin de siècle beleuchtet. Des Weiteren werden die generellen Eigenschaften der femme fatale erläutert, welche ihr äusseres Erscheinungsbild, ihre Charakteristika und ihr/-e Wirken/Mittel umfassen. Im darauffolgenden Teil wird Carmen anhand ihrer Eigenschaften spezifisch in Bezug auf den Typus untersucht, inwiefern sie evtl. eine femme fatale sein könnte oder eben nicht.

Die Schlussbetrachtung umfasst ein Resümee, welches die erhaltenen Erkenntnisse im Zusammenhang mit der bearbeiteten Theorie aufgreift und sinnvoll darstellt. Dies dient zur abschliessenden Beurteilung, ob Carmen dem Mythos entspricht.

2. Die femme fatale

2.1 Begriff

Der Terminus besteht augenscheinlich aus zwei Wörtern. Aus dem französischen Wort femme und dem auf die Frau bezogenen Adjektiv fatale. Hierbei wird klar, dass es sich um eine ins Verderben führende, verhängnisvolle Frau handelt, welche schliesslich sogar todbringend sein kann.

2.2 Vorbilder/ Begriffsgeschichte

Der Literaturwissenschaftler Mario Praz ist der Meinung, dass es die ‘fatale Frau’ in der Literatur schon immer gegeben hat. Dies aufgrund der darin enthaltenen Widerspiegelung des wirklichen Lebens, in der dämonische Frauen nie gefehlt haben.2

Der femme fatale gehen viele Vorläuferinnen voraus, welche somit durchaus als ihre Vorbilder gesehen werden dürfen. So steht erwähnt Blänsdorf zum Beispiel verführerische Frauen aus der Bibel, wie etwa Salomé oder Judith.3

Doch nicht nur die Bibel wird als Quelle der femme fatale gehandelt. Es wird generell auch vom Ursprung aus dem antiken Mythos gesprochen. Mario Praz erwähnt zu diesem Anlass Figuren wie Helena und Medea. Darüber hinaus nennt er Kleopatra als Verführerin der antiken Geschichte.4 Stein macht danach auf der Suche nach der Herkunft des Motivs der ‘fatalen Frau’ einen gewaltigen Sprung in der Zeit und führt die Opfer der Hexenprozesse des 15. und 17. Jahrhunderts als Vorbild des Typus auf. Schliesslich gilt für ihn die romantische Undine aus dem frühen 19. Jahrhundert als die letzte Vorgängerin der femme fatale.

2.3 Fin de siècle

Das Phänomen der schicksalhaften und tödlichen Verführerin war vor allem zum Ende des 19. und Anfangs des 20. Jahrhunderts in der Literatur sehr präsent.

Für die damalige Gesellschaft und dementsprechend für die Autoren, hatte das Motiv femme fatale eine grosse Bedeutung. Die Frage stellt sich deshalb, warum aber erlebte die Thematik genau zu dieser Zeit ihren Höhepunkt?

Diesem Untersuchungsgegenstand gehen seit geraumer Zeit einige Literaturwissenschaftler nach. Unter ihnen ist auch Jürgen Blänsdorf, seinerseits deutscher Altphilologe und Professor an der Universität Mainz.5 Er ist der Überzeugung, dass die drei Komponenten Anthropologie, Emanzipation und die Krisensituation im 19. Jahrhundert für den literarischen Zenit der femme fatale im Fin de siècle massgebend sind.

Bezüglich des ersten Faktors erwähnt Blänsdorf das stärkere psychologische und anthropologische Interesse an allem Weiblichen.6 Sein zweites Argument stützt sich auf die immer mehr aufkommende Emanzipation des ‘schwachen Geschlechts’. Er bezeichnet diesen Trend als Schreckensbild der damaligen Männerdomäne in der Gesellschaft, welches in der Öffentlichkeit durch die Dämonisierung verpönt wird.7 Auch Carola Hilmes vertritt diese feministische Ansicht und betont die Angst der Männer vor dem weiblichen Geschlecht.8

Blänsdorfs letzter Punkt thematisiert die Krise des 19. Jahrhunderts, welche nicht nur gravierende Folgen in der Politik, sondern auch in den Bereichen der Gesellschaft und der Moral hatte. Ein fatalistisches Frauenbild war daraus die Konsequenz.9 Dieser Faktor wird wiederum von Carola Hilmes bekräftigt. Auch sie ist der Auffassung, dass die ‘Dämonisierung des Weiblichen’ durch Orientierungslosigkeit und Verunsicherung entstanden ist.10

3. Eigenschaften femme fatale

3.1 Äusseres Erscheinungsbild

Vorneweg muss festgehalten werden, dass es DIE femme fatale, quasi den Prototyp, nicht gibt. Der Mythos entstand, nach Hilmes, durch «viele Namen und unzählige Geschichten»11. Doch diese vielen verschiedenen Frauen wiesen oft, obschon dem Zeitgeschmack unterworfen, dieselben äusseren Merkmale auf. Sie alle waren/sind jung und schön. Spezifischer trägt die femme fatale langes Haar und schminkt ihre Lippen auffallend rot. Doch ihr zentralstes Merkmal sind ihre grossen und wilden Augen. Mit ihrem dämonischen Blick zieht sie alle Männer in ihren Bann.

Nebst ihren körperlichen Attributen besticht sie auch durch ihre Art, sich zu kleiden. Oft werden geheimnisvolle Schleier mit ihr in Verbindung gebracht. Darüber hinaus trägt die ‘fatale Frau’ sehr viel Schmuck, welcher in Kombination mit Tanz und lasziven Bewegungen ihre sonst schon mysteriöse Erscheinung nochmals unterstreicht.12

Insgesamt muss hierbei berücksichtigt werden, dass sich alle diese Merkmale und Attribute immer auf die Rezeption beziehen, d.h. es braucht immer ein Objekt deren Wirkung. Im Fall der femme fatale ist dies häufig ein Mann.

3.2 Charakteristika

Grundsätzlich kann man festhalten, dass die femme fatale sehr intelligent ist, denn sie ist sich ihrer Fähigkeiten bewusst und weiss ihre Waffen gezielt einzusetzen. Dies tut sie mit einer bewussten Kälte und brutaler Skrupellosigkeit.13 Diese Grausamkeit, gepaart mit ihrer Unberechenbarkeit, lässt an ein instinktgeleitetes Tier erinnern. Daher spricht man nicht selten in Bezug auf die femme fatale von animalischen Zügen. Blänsdorf ist in diesem Zusammenhang der Meinung, dass sich dieses instinktive Verhalten in ihrer ungezügelten Leidenschaft widerspiegelt.14 Die angesprochene Kälte geht einher mit Stolz und Verachtung.

[...]


1 Blänsdorf, J. (Hrsg.). (1999). Die femme fatale im Drama: Heroinen, Verführerinnen, Todesengel. Mainzer Forschungen zu Drama und Theater. Tübingen: Francke Verlag, S.11

2 [Blänsdorf, 1999], S.11

3 [Blänsdorf, 1999], S.9

4 Mario Praz in [Blänsdorf, 1999], S.9

5 Jürgen Blänsdorf - Wikipedia. (o. J.). Abgerufen am 15. März 2016, unter https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Bl%C3%A4nsdorf

6 [Blänsdorf, 1999], S.15

7 [Blänsdorf, 1999], S.15f

8 Carola Hilmes in [Blänsdorf, 1999], S.12

9 [Blänsdorf, 1999], S.16

10 Carola Hilmes in [Blänsdorf, 1999], S.13

11 Vgl. Carola Hilmes in [Blänsdorf, 1999], S.10

12 Bork, C. (1992). Femme fatale und Don Juan: ein Beitrag zur Motivgeschichte der literarischen Verführergestalt. Hamburg: Von Bockel, S.63ff

13 [Bork, 1992], S.71ff

14 [Blänsdorf, 1999], S.10ff

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668386211
ISBN (Buch)
9783668386228
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352111
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2.0
Schlagworte
femme fatale / Carmen

Autor

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