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Konservative Wohlfahrtsstaaten. Ein Modell ohne Zukunft?

Die Zukunft der Alterssicherung in Deutschland und Frankreich

Ausarbeitung 2016 13 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Wohlfahrtsstaatsbegriffes

3. Die Wohlfahrtsstaatentypologie nach Esping-Andersen
3.1 Grundannahmen
3.2 Kennzeichen des konservativen Wohlfahrtsstaates

4. Länderbeispiele der Alterssicherung in konservativen Wohlfahrtsstaaten
4.1 dasdeutscheAlterssicherungssystem
4.2 das französische Alterssicherungssystem

5. Die zukünftige Lage des konservativen Wohlfahrtsstaates
5.1 Diedemographische Entwicklung
5.2 Problemeder Finanzierung

6. Reformvorschläge

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich halte den Sozialstaat, wie wir ihn in Deutschland und anderen Staaten kennen, für die größte Kulturleistung, die die Europäer im Lauf dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts zustande gebracht haben. Aber er bedarf wirklich der Pflege und der Reparatur. Und da es uns nicht so rasch gelingen wird, die Geburtenrate wieder an­zuheben, muss man andere Konsequenzen ziehen, um den Sozialstaat weiter be­zahlbar zu halten. Das wird niemanden freuen, damit wird sich kein Politiker beliebt machen. Aber das ist innenpolitisch eine der dringendsten Aufgaben für Deutsch­lands Zukunft - egal, wer da in Berlin regiert“ (Diekmann /Maier / Vehlewald 2008).

Dieses Zitat von Helmut Schmidt aus einem Interview von 2008 wurde für den Beginn dieser Arbeit gewählt, weil es zwei Dinge eindrücklich aufzeigt: Zum einen den Stel­lenwert, den der Altbundeskanzler der Entwicklung des Sozialstaats einräumt.

Zum anderen die Tatsache, dass eine nunmehr neun Jahre alte Aussage nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. In regelmäßigen Abständen wird über die zukünftige Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland diskutiert.

Aus diesem Grunde ist es lohnenswert sich die Frage zu stellen, ob konservative Wohl­fahrtsstaaten ein Modell ohne Zukunft darstellen.

Die vorliegende Arbeit wird sich mit dieser Thematik auseinandersetzen, indem sie zunächst eine Definition des Wohlfahrtsstaatsbegriffs bietet. Davon ausgehend wird die Kategorisierung von Wohlfahrtsstaaten nach Esping-Andersen dargelegt. Hierbei sol­len nach einer allgemeinen Vorstellung des Konzepts vor allem die Charakteristika des konservativen Typs herausgearbeitet werden.

Nach dieser theoretischen Einführung wird die Alterssicherung in Deutschland und Frankreich erläutert, die als konservativ verfasste Systeme gelten. Die gewählten Län­der sollen zeigen, dass es auch innerhalb eines Wohlfahrtstyps gewichtige Unterschie­de geben kann.

Anschließen wird sich ein Kapitel über zukünftige Schwierigkeiten, mit denen der kon­servative Wohlfahrtsstaat konfrontiert wird. Dabei wird in besonderem Maße der Bezug zum Seminarthema deutlich, da die demographische Entwicklung in den europäischen Gesellschaften die Staaten zwingen wird die Zukunftstauglichkeit ihrer Sozialsysteme auf den Prüfstand zu stellen.

Zuletzt werden Vorschläge für mögliche Reformen vorgestellt, welche die identifizierten Defizite beheben sollen. Hierbei werden Anstöße verschiedener gesellschaftlicher Ak­teure und politischer Strömungen vertreten sein.

Die Literaturgrundlage bilden neben Standardwerken von Josef Schmid und Jürgen Boeckh Publikationen von Kritikern der gegenwärtigen Ausgestaltung des deutschen Systems, beispielhaft sei hier Christoph Butterwegge genannt.

Definition des Wohlfahrtsstaatsbegriffes

Da in der aktuellen Debatte immer verschiedene Ausdrücke als Synonyme genutzt werden, wenn über den Wohlfahrtsstaat diskutiert wird, muss zunächst eine Begriffs­bestimmung vorgenommen werden. Dabei soll auch ermittelt werden, welche Intentio­nen und Wertungen mit einzelnen Begriffen verbunden werden.

Josef Schmid zeichnet die Problematik grundlegend nach. Abhängig von historischen, politischen und kulturellen Entwicklungen haben sich im Sprachgebrauch zahlreiche Ausdrücke verewigt: „Sozialpolitik“, „Sozialstaat“ und „welfare state“ sind die gebräuch­lichsten (Schmid 2010, S. 42).

Die unterschiedlichen Konzepte in den einzelnen Ländern lassen sich mit den jeweils gewachsenen Strukturen der Institutionen seit dem Ausbruch der sozialen Frage in der Mitte des 19. Jahrhunderts erklären, nicht mit sprachlichen Differenzen. Wurde in Deutschland die Arbeiterfrage in den Mittelpunkt gerückt und prägte die gesellschaftli­chen Auseinandersetzungen zur Lösung der Frage, waren es in Frankreich die Beto­nung der Familie und in Großbritannien die Armenfrage. Diese Auswirkungen sind in den Ländern heute noch bemerkbar und sind der Hauptgrund für die unterschiedlichen Ausgestaltungen der sozialen Systeme (Schmid 2010, S. 42).

Der deutsche Sozialstaat soll dabei auch als „die deutsche Version des Wohlfahrts­staates“ definiert werden (Zapf, 1986, S.385). Hauptsinn ist die Abgrenzung von ande­ren Ausprägungen wohlfahrtsstaatlicher Systeme, besonders von den „Versorgungs­staaten“ Skandinaviens (Kohl 2000, S. 115). Gleiches ist aber auch für andere Staaten zu beobachten. Oftmals steht hinter der Nutzung eines bestimmten Begriffs auch eine politische Position zu dem Grad, in dem ein Staat seine sozialen Sicherungssysteme ausdifferenziert.

Zieht man allerdings internationale Studien zu Rate, fällt auf, dass die grundsätzlichen Entwicklungen in allen untersuchten Gesellschaften bei nationalen Spezifika sehr ähn­lich sind (Kaufmann 2008, S. 21).

Im Folgenden wird in dieser Arbeit der Begriff des Wohlfahrtsstaates verwendet, da er die größte politische Neutralität zu bieten scheint, einen internationalen Charakter hat und daher gegen eine ideologische Vereinnahmung verteidigt werden kann (Kaufmann 2008, S. 22). Zudem hat er eine umfassendere Dimension hat, in der die Sozialpolitik für die gesamte Bevölkerung ausgestaltet wird (Ullrich 2005, S. 17) Eine gänzlich wert­freie Nutzung ist nicht möglich.

3. Die Wohlfahrtsstaatentypologie nach Esping-Andersen

3.1 Grundannahmen

Um das Konzept Esping-Andersens verstehen zu können, muss zuvor auf die Vorüber­legungen anderer Wissenschaftler eingegangen werden.

In der Forschung gab es schon lange Interessen, die wohlfahrtsstaatlichen Entwicklun­gen anhand von Kriterien zu unterscheiden. Einen frühen Entwurf einer Klassifizierung ist Richard Titmuss zuzuschreiben, der 1974 drei grundlegende Modelle feststellte (Ullrich 2005, S. 43): Einen residualen Wohlfahrtsstaat zur Befriedigung der grundle­gendsten Bedürfnisse von Bedürftigen ohne weitere Marktinterventionen. Einen leis­tungsbasierten Typ mit Sozialversicherungen und mit Erwerbsarbeit verbundenen An­sprüchen. Als letztes einen institutioneilen Wohlfahrtsstaat, gekennzeichnet durch gro­ße Umverteilung und starken Eingriffen in den Markt. Die Feststellung verschiedener Ausprägungen können als allgemein geteilte Einschätzung angesehen werden.

Esping-Andersen greift die Überlegungen von Titmuss auf und entwickelte sie weiter. Damit erfolgt eine neue Betrachtungsweise auf sozialpolitisches Agieren der Staaten. Seit den klassischen Ökonomen hätten sich Theoretiker bisher nur für das Verhältnis von Staat zu Markt interessiert und sozialstaatliche Maßnahmen rein nach deren Effizi­enz beurteilt und zunächst nur als Ausgaben gesehen (Esping-Andersen 1998, S. 19). Die Grundlage seines Entwurfes einer Typologie von Wohlfahrtsstaaten bildet die Auf­gabenteilung zwischen Staat, Markt und Familie bei der Wohlfahrtsproduktion (Ullrich 2005, S. 43).

Esping-Andersen lehnt die Betrachtung von Aktivitäten im Sozialen System als eine reine Ausgabenzentrierung ab, ein Begrenzen auf die Höhe der Sozialausgaben sei unzureichend und unzulässig, (ebenda, S. 44).

Stattdessen fordert er eine Respezifizierung des Wohlfahrtsstaatskonzepts, für die er drei Kriterien zu Grunde legt.

Unter Dekommodifizierung versteht Esping-Andersen die Unabhängigkeit des Individu­ums von einem Leben in Erwerbsarbeit, also vom Markt. Die Wirkung der De- Kommodifizierung lässt sich nicht an der Höhe der Sozialleistungen an sich ablesen. Vielmehr werden drei Ausprägungen festgelegt, die sich in jeweils einem System deut­lich zeigen. Die Verfahren zur Leistungsgewährung bilden sich in der Sozialfürsorge, der Umfang der Ersatzleistungen in Relation zum Lohn in Zwangsversicherungen und der Anspruch auf soziale Teilhabe in sozialen Grundsicherungsleistungen (Esping - Andersen 1998, S. 37 f.). Die Wirkung zeigt sich mit der Höhe der Ersatzleistungen, deren Bezugsdauer und der Einfachheit des Zugangs zum System.

Die Stratifizierung ist ein Instrument, das die Wirkung des Wohlfahrtsstaates auf die Ungleichheit in der Gesellschaft aufzeigt und dabei die Ungleichheit selbst auch ordnet. Die bedarfsgeprüfte Sozialhilfe etwa schreibt bestehende Unterschiede fest. Sozial­versicherungen richten sich an unterschiedliche Klientel und bringen soziale Klassen zum Ausdruck. Universalistische Systeme streben die Statusgleichheit aller Bürger an (ebenda, S. 39 ff.)

Das dritte Kriterium betrifft die Funktion des Wohlfahrtsstaates als Verknüpfungspunkt zwischen Staat, Markt und Familie (ebenda, S. 36). Dabei spielt eine Rolle, auf welcher Ebene die Wohlfahrtsproduktion erfolgt.

Abhängig von dem Stellenwert der oben skizzierten Kriterien kreiert Esping-Andersen wie Titmuss drei Typen von Wohlfahrtsstaaten.

Als liberalen Wohlfahrtsstaat definiert er dabei einen Typ, der sich durch eine bedarfs­geprüfte Sozialfürsorge, niedrige universelle Transferleistungen und Sozialversiche­rungen auszeichnet. Der Staat soll den Markt fördern, welchem die Rolle zukommt den Leistungsempfänger wieder in Arbeit zu bringen. Die Dekommodifizierung ist gering, die Stratifizierung hoch, da die bestehende Ungleichheit festgeschrieben wird. Als Bei­spiele werden Länder angelsächsischer Tradition genannt, vor allem Großbritannien und die USA (ebenda, S. 43).

Auf der anderen Seite des Spektrums findet sich der sozialdemokratische Wohlfahrts­staat, der in Skandinavien vertreten ist. Diesen Typ zeichnet ein universalistischer An­satz aus mit dekommodifizierenden sozialen Rechten aus, der auch die neuen Mittel­schichten im Blick hat. Da deren Ansprüche relativ hoch sind, musste Gleichheit auf höchstem Niveau angestrebt werden, das allen Bevölkerungsgruppen unabhängig von Beruf und sozialer Stellung zuteilwerden kann, (ebenda, S. 44 f.). Auf diese Weise wird eine große Solidarität erzeugt, da alle Bürger in gleichem Maße profitieren können und abhängig sind. In diesem Typ wird der Markt als regelnde Instanz zurückgedrängt und Familien entlastet. Finanziert werden soll das soziale System durch hohe Steuerauf­kommen bedingt durch eine angestrebte Vollbeschäftigung.

Der liberale und der sozialdemokratische Typ des Wohlfahrtsstaates bilden die beiden Extreme in Esping-Andersens Konzeption. Zwischen Ihnen ist der konservative Typus, der nun behandelt werden soll.

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Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668385719
ISBN (Buch)
9783668385726
Dateigröße
805 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352108
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Soziologie
Note
bestanden
Schlagworte
konservative wohlfahrtsstaaten modell zukunft alterssicherung deutschland frankreich

Autor

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Titel: Konservative Wohlfahrtsstaaten. Ein Modell ohne Zukunft?