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Tanz als Ausdruck des Protests bei Isadora Duncan. "Der höchste Geist in dem freiesten Körper“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 17 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Zielsetzung

2. Definition von (Ausdrucks)Tanz und Protest in Verbindung mit Duncans Ideologie

3. Historischer Überblick über Protestformen im Tanz

4. Die Anfänge von Isadora Duncan – Beginn der Rebellion

5. Auflehnung als Beruf(ung)
5.1 Kritik am Ballett/Besinnung auf die Natur & Religion
5.2 Politischer Protest
5.3 Einsatz für den Feminismus

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Zielsetzung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit einer genaueren Betrachtung einer der ersten professionellen Ausdruckstänzerinnen des 20. Jahrhunderts, Isadora Duncan. Sie galt als Vorreiterin und Pionierin dieser Tanzform, da sie das Wesen und den Stil des modernen, ‚freien‘ Tanzes maßgeblich prägte, sodass die Relevanz und das Echo ihrer Arbeit noch deutlich bis in den modernen Ausdruckstanz heutzutage wahrzunehmen sind. In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie Duncan den von ihr geäußerten Protest, sei es die Rebellion gegen ihre Familie, politischer oder feministischer Protest, sowie die Ablehnung des bis dato standardisierten Tanzes, des Balletts, in ihrer ‚neuen‘ Form des Tanzes darstellt und verarbeitet.

Dabei soll berücksichtigt werden, wo die Ursprünge oder Auslöser ihrer Auflehnung zu finden sind, wie und in welcher Form sich der Protest im Tanz ausdrückt und in welchem gesellschaftlichen sowie politischen Zusammenhang Duncan ihre Meinungen und Gefühle künstlerisch zur Schau stellt. Isadora Duncan wurde aufgrund des nachhaltigen, richtungsweisenden Effekts ihrer Arbeit exemplarisch ausgewählt um zu verdeutlichen, wie Protest in Form von Tanz effektiv verkörpert werden kann und warum gerade sie zu einem „Ideal eines allgemeinen Freiheitswunsches, eines Drangs nach persönlicher, geistiger und körperlicher Ungebundenheit, einer romantisch-schwärmerischen Sehnsucht“[1] wurde.

Duncan orientierte sich in ihrer Arbeit am griechischen Schönheitsideal der Antike, deren Tanz sie, als Gegenbewegung zum klassischen Ballett, wiederzubeleben versuchte. Dabei war sie die erste, die sich tänzerisch mit klassischer Konzertmusik auseinandersetzte und diese als Basis ihrer Bewegungen wählte.

Zunächst soll daher definiert werden, wie die Begriffe Tanz und Protest in Bezug auf Duncan zu verstehen sind. Die Besonderheit dabei ist, dass sie mithilfe des Tanzes nicht nur gegen äußere Gegebenheiten protestierte, sondern durch die mit Duncan eingeleitete, wenig standardisierte Tanzkultur auch ein ‚tanzinterner‘ Protest gegen die herkömmliche Darbietung des Tanzes als klassisches, stark reglementiertes Ballett stattfand. Darauffolgend soll in den Kapiteln des Hauptteils ihr Werdegang chronologisch beschrieben werden, selbstverständlich mit besonderem Augenmerk auf den jeweiligen tänzerischen Äußerungen des Protests an den verschiedenen Stationen ihres Lebens. Bei der Analyse soll insbesondere eruiert werden, um was für eine Protestform es sich handelt, wie diese entstanden ist und welche Umstände Duncan dazu geführt haben, diese Art des Protests zu äußern. Zum Schluss soll ihr Wirken zu Lebzeiten zusammengefasst werden und ihr Einfluss auf den ‚modernen‘ Tanz kurz erörtert werden.

2. Definition von (Ausdrucks)Tanz und Protest in Verbindung mit Duncans Ideologie

Der Terminus Tanz, beziehungsweise Ausdruckstanz soll in dieser Arbeit als Begriff relativ weit gefasst und als eine Darstellung der inneren Gefühlswelt verstanden werden, wobei die Darstellung als Bewegungsablauf stattfindet. Dies meint eine Symbiose von Musik, Bewegung, Kultur und individuellem Erleben. Es gestaltet sich als schwierig, das Phänomen Tanz durch eine klare Definition fassbar zu machen, da Tanz in unzählig vielfältigen kulturhistorischen Erscheinungsformen auftritt und verschiedenste künstlerische, soziale und religiöse Funktionen haben kann. In diesem Abschnitt wird das Hauptaugenmerk daher nach einer kurzen Begriffsbestimmung auf Isadora Duncans Auffassung der Bedeutung von Tanz gelegt, um anschließend dessen Protestpotential zu analysieren.

Laut des digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache bezeichnet Tanz „rhythmische, bestimmten Regeln folgende Bewegung[en] des menschlichen Körpers nach Musik aus Freude an der Bewegung selbst oder zum Ausdruck von Empfindungen oder Vorstellungen.“[2] Diese Definition steht im ersten Teil Duncans Auffassung des Wesens von Tanz entgegen, da Tanz, welcher, wie das klassische Ballett, klaren Regeln und vorgeschriebenen Posen folgt, laut ihrer Auffassung „ein Ausdruck der Degeneration, des lebendigen Todes“[3] ist. Die Aussage, Empfindungen und Vorstellungen durch den Tanz auszudrücken, korrespondiert mit ihrer Meinung, denn „[w]as mehr als alles andere schön, gesund und sittlich ist, künstlerisch auszudrücken, das ist die Mission der Tänzerin, und dieser Mission will ich mein Leben widmen.“[4] Tanz ist für Duncan also auch mehr als eine reine Freizeitbeschäftigung zur Freunde, er ist eine Lebenseinstellung und das Mittel, ihre Einstellungen durch ihre Leidenschaft einer größeren Masse an Menschen zugänglich zu machen.

Vertiefend dazu wird Ausdruckstanz jedoch als „geistig-seelischen Ausdruck betonender künstlerischer Tanz“[5] definiert. In dieser konkreteren Auslegung spiegelt sich Isadora Duncans Auffassung von Tanz genau wider, denn wie sie in ihrem Vortrag „Der Tanz der Zukunft“, auf welchen an späterer Stelle noch detaillierter eingegangen wird, ausführt, sollte der wahre Tanz „nichts anderes sein, als eine natürliche Gravitation des Willens im Individuum [...].“[6] Es soll also das Innere des Menschen durch seine Bewegungen, welche frei aus ihm fließen und keinen Regeln oder Vorschriften folgen, nach außen transportiert werden. Besonderes Augenmerk legte sie dabei auf die fließenden, durch keine unnatürlichen Posen unterbrochenen Bewegungen, welche keinen Anfang und kein Ende haben und nie anhalten oder sich ruckartig ändern.

Diese Vorstellung beschreibt sie in ihrem Vortrag sehr passend und anschaulich:

Ein Tanz, der eine subtile Uebersetzung des Lichtes und des Weiß der Blüten wäre. So rein, so stark, daß die Menschen, die ihn sehen, sich sagen müßten: wir sehen eine Seele sich vor uns bewegen, eine Seele, die zum Licht gelang ist und das Wesen der weißen Farbe gefühlt hat. [...] Durch dieses menschliche Medium strömt die liebliche Bewegung aller Natur auch auf uns über, durch die Tänzerin vermittelt.[7]

Ebenso vertritt sie in ihrer Lehre diese Annahme, die Bewegungen eines Menschen müssen sich seiner Entwicklungsstufe, seinem Grad der Reife anpassen, um ‚natürlich‘ und ‚schön‘ zu sein:

Immer muß es Bewegungen geben, die der vollkommene Ausdruck dieses individuellen Körpers und dieser individuellen Seele sind: wir dürfen sie daher nicht zu Bewegungen zwingen, die ihnen nicht naturgemäß sind, sondern etwa einer bestimmten Schule angehören.[8]

Hier ist wieder deutliche Kritik am Ballett zu hören, auf welche im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer eingegangen wird.

Auch Dorothee Günther beschreibt Tanz in seiner ganzen Spannweite, wobei die Charakterisierungen „kunstvoll durchgeformte[] Ganzbewegung“, „Entrückung“, „bis zu dem [Tanz] der Götter“ sowie „Nackttanz“[9] Isadora Duncans Ideale treffend wiedergeben.

Protest wird definiert als „Äußerung, Bekundung des lebhaften Missfallens über etw., jmdn., mit dem man nicht einverstanden ist“[10] und bezeichnet das verbale oder nonverbale Erheben von Einspruch gegen etwas oder den Ausdruck des persönlichen Missfallens gegen bestimmte Sachverhalte, Geschehnisse oder Situationen oder einer bestimmten Art der Politik gegenüber. Protest kann individuell oder in Form von Massenbewegungen auftreten; in der Öffentlichkeit oder mit Hilfe indirekter Aktionen wird versucht, ein gewisses Ziel zu erreichen oder eine bestimmte Meinung kundzutun. Protest im Tanz tritt immer dann auf, wenn das ausgedrückt werden kann, was die Person innerlich fühlt. Der Versuch, Tanzformen zu standardisieren führt dazu, dass der individuelle Ausdruck verloren geht und sich eine Gegenbewegung entwickelt. Im Tanz wird häufig gegen gesellschaftspolitische Verhältnisse, jedoch auch gegen alte Tanzformen und -kulturen protestiert. Die Verbindung von beiden sehen wir am Beispiel Isadora Duncan. Tanz in Verbindung mit Protest ist somit nicht nur eine Abfolge rhythmischer Körperbewegungen, sondern eine Mitteilung der eigenen Gedanken, Vorstellungen und Meinungen an die Außenwelt.

Isadora Duncan hat es geschafft, ihren Protest sowohl verbal durch ihre Vorträge und Schriften, aber natürlich hauptsächlich nonverbal, mittels ihres Tanzes, gegen repressive gesellschaftliche Strukturen und scheinbare künstlerische Normen durchzusetzen um ihre fortschrittlichen Gedanken, welche Hauptbestandteil dieser Arbeit sind, einer breiten Masse von Menschen zugänglich zu machen und den Tanz zu revolutionieren.

3. Historischer Überblick über Protestformen im Tanz

Als nächstes soll nun in groben Zügen ein historisch exemplarischer Abriss des Tanzes als Protestform in verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte, von der Frühgeschichte, über die Antike und das Mittelalter bis in die Neuzeit, erfolgen.

Steinzeitliche Höhlenmalereien zeigen die frühesten Darstellungen von menschlichen Bewegungen, die als eine Form von Tanz gedeutet werden können. Hier wurden tänzerisch anmutende Nachahmungen von tierischen Bewegungen in Form von Bildern festgehalten. Durch die tänzerische Imitation der zu erbeutenden Tiere durch sogenannte „Zauberer“ sollte sich in deren Psyche und Physis hineinversetzt werden, um dadurch den Jagderfolg zu steigern.[11] Diese Zauberer bezeugten durch ihre Tierimitationen öffentlich vor der Stammesgemeinschaft, dass deren Mitglieder sich in das Tier hineinversetzen sollten, um Erfolg bei der Jagd zu haben. Somit ist in dieser Form der Darstellung ein Protest enthalten, da der mangelnde Erfolg bei der Jagd öffentlich bekannt wurde und der Tanz folglich den Wunsch nach einer ausreichenden Menge an Nahrung, um überleben zu können, symbolisierte.

In der griechischen Mythologie, welche, wie im Folgenden zu sehen sein wird, auch Isadora Duncan maßgeblich beeinflusste, ist der Tanz göttlichen Ursprungs. Die Insel Kreta stellt dabei angeblich den Herkunftsort bewusst geformter Bewegungen dar. Ein Einwohner namens Meriodes sei es gewesen, welcher in der ausgedörrten, ungeschliffenen Bergwelt der Insel als erster den Vorteil der körperlichen Geschmeidigkeit für den Umgang mit Waffen erkannte Da er in kämpferischen Auseinandersetzungen erfolgreicher als jeder seiner Gegner war, weil er beständig die immer gleichen Bewegungen wiederholte, begann er, diese Erfahrungen an die anderen Männer seines Dorfes weiterzugeben. Diese über Generationen erfolgte Überlieferung der Bewegungstechnik führte dazu, dass der Ort seither als uneinnehmbar galt. Darauffolgend wurden die bewussten, geformten Bewegungen immer weiter ergänzt und durch schnelle Wendungen und hohe Sprünge perfektioniert, um Gegnern besser ausweichen zu können. Lange Reihenfolgen der Bewegungsabläufe sorgten für eine bessere Kondition. Diese erfolgreiche Abfolge der Bewegungen erhielt den Namen „Pyrrhiche“, was so viel wie mimisch-kriegerischer Waffentanz bedeutet. Auch dieser Tanz, in dem öffentlich die eigene Stärke und Geschicklichkeit aufgezeigt wurden, beinhaltet einen Protest, da sich gegen die Stärke des Gegners wiedersetzt wurde.[12]

Über das 14. und 15. Jahrhundert existieren viele Berichte, welche Ausbrüche von Massenhysterien beschreiben, die sich in Bevölkerungsgruppen niedrigerer Schichten entlud. Die Manifestation dieser Ausbrüche sah man vor allem in christlichen Tänzen, welche sich in einer regelrechten Tanzekstase zeigten. Diese Tänze des ausgehenden Mittelalters stellten einerseits einen Protest gegen die kirchlichen Tanzverbote und andererseits einen „Protest“ in Form der Darstellung von Todesangst bezüglich der in jener Zeit wütenden Pest dar.[13]

In der Neuzeit liefert der Tanz als Protestform bezüglich der Veränderungen des Balletts aufgrund der Französischen Revolution ein zeitgeschichtlich bedeutsames Beispiel. Da die Aristokratie nach der Revolution ihre unbeschränkte politische sowie gesellschaftliche Herrschaft verlor und viele Mitglieder des Bürgertums in staatlich einflussreiche Positionen rückten, veränderte sich das Milieu, in welchem das Ballett stattfand.

Demnach wurde im Tanz die gesellschaftliche Veränderung dargestellt und folglich der Protest gegen das Herkömmliche, Alte (die tänzerische Darstellung des höfischen Lebens) manifestiert.[14]

Dieser kurze Überblick veranschaulicht, dass die Form des Protesttanzes innerhalb der Tanzgeschichte in der historischen Entwicklung in vielen Formen zu finden ist. Nachfolgend soll nun darauf eingegangen, wie Isadora Duncan ihren persönlichen Protest im Tanz offenbart.

4. Die Anfänge von Isadora Duncan – Beginn der Rebellion

Isadora Duncan wurde am 27.05.1877 als Tochter und jüngstes von vier Kindern einer aus Irland in die USA eingewanderten Familie in San Francisco geboren. Ihre Mutter arbeitete als Musiklehrerin[15], sodass Duncan nach der Scheidung ihrer Eltern zwar in ärmlichen Verhältnissen, jedoch in einer musikalisch geprägten Umgebung aufwuchs. Angaben ihrer Mutter zufolge soll sie schon während der Schwangerschaft im Mutterleib getanzt haben, Ursache dafür sei die „Nahrung der Aphrodite“ gewesen, also eisgekühlter Champagner und Austern, welche ihre Mutter vorwiegend zu sich genommen habe. Gleich nach der Geburt setzte sich dieser Bewegungsdrang fort, Isadora habe als Säugling ihre Gliedmaßen in einer solchen Geschwindigkeit bewegt, dass ihre Mutter sie für wahnsinnig hielt.[16]

Auch im Kindesalter führte sich dieser Drang nach Bewegung fort und ihre Mutter begann eines Tages spontan, ihre Tanzversuche auf dem Klavier musikalisch zu begleiten und untermalen. Hier wurde der Grundstein für die Performances von Mutter und Tochter gelegt, welche in der Zukunft folgen sollten. Die zunächst als Spaß begonnenen Tanzdarbietungen wurden für Isadora jedoch bereits kurze Zeit später zum Lebensinhalt.

Früh begann sie, Kindern aus der Nachbarschaft rhythmische Bewegungen beizubringen.[17] Hier lässt sich der erste bewusste Protest verzeichnen: Bereits im Alter von elf Jahren verlässt Isadora Duncan die Schule, welche für sie immer eine unangenehme Pflicht, ein Folterinstrument gegen Kinder, sie quälte die „vergleichbare Bedürfnislosigkeit“[18], dargestellt hatte, um ihr Geld als Tanzlehrerin zu verdienen.

Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie mit 13 Jahren, ab ihrem 16. Lebensjahr wurde sie bereits im Branchenverzeichnis von San Francisco als Tanzlehrerin gelistet.[19] Nachdem sie die Schule verlassen hatte, erhielt Duncan die intellektuelle Erziehung von ihrer Mutter in Form von Heimunterricht. Demnach bekamen sie und ihre drei Geschwister (Elizabeth, Raymond und Augustin) durch die Mutter ein ungezwungenes, spielerisches Gespür für Literatur, Musik und Theater vermittelt. Der Unterricht folgte keiner bestimmten Struktur, sondern die Mutter spielte am Klavier Stücke klassischer Komponisten wie Schumann, Beethoven, Chopin und Mozart, rezitierte auswendig[20] Gedichte von Keats, Burns oder Shakespeare und inspirierte ihre Kinder zu unkonventionellen Theaterstücken.[21] Dies zeigt, dass das Bedürfnis, sich von der engstirnigen, kleinbürgerlichen Gesellschaft abzuheben, Isadora schon von Kindesbeinen an im familiären Umfeld vorgelebt wurde, sodass sich ihr Geist frei von Zwängen entwickeln konnte, das Fundament für ihre emanzipierte Lebensgestaltung gelegt wurde und sich die geistige Basis für ihre spätere Ästhetik formen konnte. Schon als Kind empfindet sie die „Zehenspitzen-Verrenkungen“ des klassischen Balletts als „widernatürlich und gezwungen“, es zieht sie zu einer „innovatorischen Kunstrichtung, eine[r] unbekannte[n] Tanzwelt.“[22]

5. Auflehnung als Beruf(ung)

Mit 18 Jahren verließ Isadora San Francisco gemeinsam mit ihrer Mutter, um nach einem kurzen Verbleib in Chicago, wo sie kurz mit dem Polen Ivan Minoski verlobt war, bis sich herausstellte, dass dieser bereits eine Ehefrau in London hatte[23], eine Beschäftigung als Tänzerin in der Theaterkompanie von Augustin Daly in New York zu erhalten und kleinere Rollen, unter anderem in Shakespeare-Stücken, zu tanzen. Kurz darauf ließ sie ihre Geschwister in die Stadt folgen. Diese Anstellung gab sie 1898 auf und begann in einem angemieteten Studio in der Carnegie Hall in Zusammenarbeit mit jungen Komponisten ihre ersten bedeutungsvollen Choreografien zu entwickeln.[24]

Darunter waren beispielsweise Narcissus, Ophelia und die Wassernymphen, welche sie mit gelegentlicher Beteiligung anderer Familienmitglieder privat für die gehobene New Yorker Gesellschaft performte. Die öffentlichen Auftritte ernteten jedoch wenig Anerkennung des Publikums.[25]

Mit 21 Jahren feierte Duncan die ersten künstlerischen Erfolge in London, nachdem sie die USA, zusammen mit ihrer Familie, verlassen hatte. Ihre Tourneen führten sie außerdem nach Berlin und Moskau sowie Paris, wo sie im Jahre 1900 die Weltausstellung besuchte, auf der sie Loie Fuller kennenlernte. Mit dieser ging sie auf eine Osteuropatournee. Sie schloss darauffolgend einen Vertrag mit dem ungarischen Impresario Alexander Grosz, womit ihre Karriere als professionelle Tänzerin begann. Erste Triumphe im Budapester Uraniatheater und Auftritte im Münchener Künstlerhaus und an der Berliner Kroll-Oper folgten.[26]

5.1 Kritik am Ballett/Besinnung auf die Natur & Religion

Nachdem Isadoras Tanz nun beim Publikum Anklang fand begann sie, ihre Tanzauffassung auch schriftlich zu publizieren: In Leipzig wurde die Druckfassung ihres Vortrags „Der Tanz der Zukunft“ veröffentlicht. Der Vortrag behandelt ihre Kritik am klassischen Ballett und propagiert den natürlichen, freien Tanz: „Ein Tanz dürfe nichts anderes zum Ausdruck bringen als die von der Natur gesetzlich vorgeschriebene Gravitation im Menschenwillen, was letztendlich eine Übersetzung der kosmischen Gravitation durch den Menschen ist.“[27]

Sie kritisiert die unnatürlichen Bewegungsabläufe des Balletts, da es „dem schönen Frauenkörper eine Deformation aufzwing[e]“ und beschreibt, dass die Muskeln und Knochen professioneller Balletttänzer aufgrund der Ausbildung falscher Bewegungen missgebildet seien.[28] Jede Bewegung bestehe laut Duncan zuerst in der Natur, dies verdeutliche das Tierreich, welches sich in unbewussten, universellen Reflexen bewege. Der freie Tanz zeichne sich demnach dadurch aus, dass er eine Übertragung dieser Bewegungsenergie mittels des Mediums des menschlichen Körpers versuche.[29]

[...]


[1] Werner Jakub Stüber: Geschichte des Modern Dance, S.78.

[2] www.dwds.de, Stichwort „Tanz”.

[3] Isadora Duncan: Der Tanz der Zukunft, S. 31.

[4] Isadora Duncan: Der Tanz der Zukunft, S. 32.

[5] www.dwds.de, Stichwort „Ausdruckstanz“.

[6] Isadora Duncan: Der Tanz der Zukunft, S. 30.

[7] Isadora Duncan: Der Tanz der Zukunft, S. 33.

[8] Isadora Duncan: Der Tanz der Zukunft, S. 41.

[9] Vgl. Dorothee Günther: Der Tanz als Bewegungsphänomen, S. 7.

[10] www.dwds.de, Stichwort „Protest“.

[11] Vgl. Giovanni Calendoli: Tanz, S. 14.

[12] Vgl. Marianne Wick: ... Und wir tanzen immer noch, S. 12-14.

[13] Vgl. Sibylle Dahms: Tanz, S. 54.

[14] Vgl. Giovanni Calendoli: Tanz, S. 158.

[15] Vgl. Cossart: Liebe der Tanzkunst, S. 11.

[16] Vgl. Jochen Schmidt: Ich sehe Amerika tanzen, S. 24., Isadora Duncan: Mein Leben, meine Zeit, S. 11.

[17] Vgl. Cossart: Liebe der Tanzkunst, S. 12, Isadora Duncan: Mein Leben, meine Zeit, S. 14.

[18] Cossart: Liebe der Tanzkunst, S. 12.

[19] Vgl. Jochen Schmidt: Tanzgeschichte, S. 20.

[20] Vgl. Isadora Duncan: Mein Leben, meine Zeit, S. 14.

[21] Vgl. Jochen Schmidt: Tanzgeschichte, S. 20.

[22] Cossart: Liebe der Tanzkunst, S. 13.

[23] Vgl. Cossart: Liebe der Tanzkunst, S. 14-15.

[24] Vgl. Jochen Schmidt: Tanzgeschichte, S. 20.

[25] Vgl. Jochen Schmidt: Tanzgeschichte, S. 20.

[26] Vgl. Jochen Schmidt: Tanzgeschichte, S. 21.

[27] Isadora Duncan: Der Tanz der Zukunft, S. 35.

[28] Vgl. Isadora Duncan: Der Tanz der Zukunft, S. 35.

[29] Vgl. Werner Jakob Stüber: Geschichte des Modern Dance, S. 79.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668380264
ISBN (Buch)
9783668380271
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351431
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Medienkultur und Theater
Note
1,7
Schlagworte
Isadora Duncan Ausdruckstanz

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