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Ist Homosexualität immer noch ein Tabu-Thema im Sport? Fallbeispiel Fußball

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 21 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstruktion von Geschlecht - Konstruktion von Männlichkeit
2.1 in der Gesellschaft
2.2 im Sport (Fußball)

3. Diskriminierung und Homophobie 3.1in der Gesellschaft
3.2 im Sport (Fußball)

4. Der schwule Fußballprofi Thomas Hitzlsperger
4.1 ZurPerson
4.2 Coming-Out

5. Chance zu Veränderungen? - Projekte und Kampagnen gegen Homophobie

6. Fazit

7. Fiteraturverzeichnis Anhang

1. Einleitung

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, ob Homosexualität immer noch ein Tabu­Thema im Fußball ist. Dafür beschreibe ich zunächst einmal, wie das Geschlecht und, da wir vom Fußball sprechen und Fußball die Männersportart Nr. 1 in Deutschland ist, Männlichkeit in unserer Gesellschaft und darüber hinaus natürlich in der Fußballwelt konstruiert wird. Anschließend beleuchte ich das unangenehme Thema Diskriminierung und Homophobie in unserer Gesellschaft, mit einem kurzen Exkurs in den Fußball. Nachdem der theoretische Rahmen geschaffen wurde, werde ich in Kapitel 4 beginnen, die Frage zu beantworten und dafür den ehemaligen Fußballspieler Thomas Hitzlsperger vorstellen und sein Coming-Out, nach Beenden der Karriere, thematisieren. Das Coming-Out dient in meiner Arbeit als Aufhänger, am Beispiel Thomas Hitzlspergers soll untersucht werden, ob sich nach seinem Coming-Out etwas im deutschen Fußball verändert hat und ob gegenüber homosexuellen Fußballer inzwischen mehr Toleranz und Akzeptanz herrscht. Leider wird in dieser Arbeit auf die Dokumentationen von Aljoscha Pause nicht explizit eingegangen, ich verweise jedoch im Anhang auf diese Dokumentationen von 2008 und 2009 und halte sie für sehr empfehlenswert.

Abschließen möchte ich die Einleitung dieser Arbeit mit Joseph Blatter, “die Zukunft des Fußballs ist weiblich!” Mit diesem Statement lud der damalige FIFA 1995 zur Fußball Weltmeisterschaft der Frauen in Schweden ein. Dies würde bedeuten, dass die Vergangenheit und die Gegenwart des Fußballs männlich war und sind (vgl. Müller, 113). Polemisch bestätigt wurde das durch einen Werbespots der ARD Sportschau aus 2004 und dem Slogan “Männer waren schon immer so” (Sülzle, 252). Zumindest der Zusatz, “jedenfalls Samstags” (ebd., 256) macht darauf aufmerksam, dass es nur um eine nicht ganz Ernst gemeinte Aussage handelte (vgl. Ebd.). Nun knapp 20 Jahre später kann man immer noch feststellen, dass die Vergangenheit sowie die Gegenwart des Fußballs überwiegend männlich ist. Wenn die Zukunft des Fußballs aber weiblich ist, dann kann sich damit vielleicht aber auch die Situation der homosexuellen Fußballer und Fußballerinnen ändern, denn der Frauenfußball ist dem Männerfußball was Homosexualität angeht derzeit noch deutlich voraus.

2. Konstruktion von Geschlecht - Konstruktion von Männlichkeit

In diesem Kapitel soll zunächst einmal verdeutlicht werden, dass zum Einen das Geschlecht, aber zum Anderen damit verbunden auch die Männlichkeit das Produkt einer sozialen Konstruktion ist. Dabei wird eine Unterscheidung zwischen den einzelnen Konstruktionen (Geschlecht und Männlichkeit) in der Gesellschaft allgemein und im Sport, speziell im Fußball, vorgenommen. Als Grundlage dienen hierzu die Texte von Frau Wetterer und Fr. Küppers.

2.1 in der Gesellschaft

Der common sense der Zweigeschlechtlichkeit unserer Gesellschaft geht davon aus, dass es ausschließlich zwei Geschlechter gibt, die sich im Verlauf des Lebens nicht verändern und dass die Genitalien das entscheidende Unterscheidungsmerkmal sind. In der Geschlechtersoziologie hat man, um der determinierten Zweigeschlechtlichkeit zu entgehen eine Differenzierung zwischen “sex” und “gender” vorgenommen. Bei “sex” handelt es sich um das biologische Geschlecht, während “gender” das soziale Geschlecht umfasst (vgl. Küppers, S.4). Die Trennung von “sex” und “gender” bzw. biologischem - und sozialem Geschlecht, macht auch deutlich, dass es sich beim sozialem Geschlecht um eine Konstruktion handelt. Bereits 1949 stellte die Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem Werk “Das andere Geschlecht” fest, “dass Menschen nicht als Frauen zur Welt kommen, sondern zu Frauen werden” (Küppers, zitiert nach Schwarzer, Alice, Simone de Beauvoir, Hamburg, 2007, S. 161). Dies ist heutzutage als geschlechtsspezifische Sozialisation bekannt und umfasst sowohl die individuell wie auch die biografische Gewordenheit des Geschlechts (vgl. Küppers, S. 6). “Im Verlauf ihrer Sozialisation, die in einer Vielzahl von sozialen Institutionen stattfindet, lernen Menschen, was es vor dem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund bedeutet, eine Frau oder ein Mann zu sein (ebd.). Obwohl die Sozialisation des Menschen u.a. auch vom Bildungsgrad, dem sozialen Status, Alter und Herkunft beeinflusst wird, erlernen alle gleichermaßen diese Zweigeschlechtlichkeit. Es ist das Ergebnis von Sozialisationsprozessen. “Um sozial überleben zu können, müssen wir einem Geschlecht zugeordnet und als solches erkennbar sein. Daher gehen Vergesellschaftung und Sozialisation immer auch mit Vergeschlechtlichung einher” (ebd.). Diese Verbindung zwischen Gesellschaft und Geschlecht, finden wir auch bei Bourdieu. Ulle Jäger et al. Haben dazu sechs These formuliert, die im folgenden kurz aufgelistet werden (Jäger et al., S. 29-32).

1. In bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften sind Gesellschaftsordnung und Geschlechterordnung konstitutiv miteinander verbunden.
2. Die Analyse der symbolischen Gewalt ist für die Erkenntnis der Reproduktionsbedingungen der bestehenden Gesellschafts- und Geschlechterordnung zentral.
3. Aufgrund der konstitutiven Verschränkung von Subjektivem und Objektivem, Individuellem und Strukturellem sind für eine angemessene Einschätzung der bestehenden Gesellschafts­und Geschlechterordnung beide Aspekte gleichermaßen zentral.
4. Zur Analyse der bestehenden Geschlechterordnung ist es notwendig, eine multi­dimensionale Perspektive einzunehmen und die Wechselwirkung zwischen verschiedenen Differenzierungsmechanismen in den Blick zu nehmen.
5. Es gilt, den Blick auf beide Geschlechter und ihr jeweiliges Verhältnis zueinander zu richten, denn beide sind der Gesellschafts- und Geschlechterordnung, wenn auch auf unterschiedlicher Weise, unterworfen.
6. Eine Überwindung der bestehenden Gesellschafts- und Geschlechterordnung ist nur durch eine dauerhafte Umwandlung der symbolischen Schalteranordnung der mit ihr verbundenen inkorporierten Dispositionen zu erreichen.

Laut Hagemann-White gibt es keine “vorgeschriebene Zweigeschlechtlichkeit, sondern nur verschiedene kulturelle Konstruktionen von Geschlecht (zitiert aus Küppers, nach C. Hagemann- White (Anm. 4) S. 230). Auch Mühlen Achs ist der Meinung, “Geschlecht ist nicht etwas, was wir sind. Geschlecht ist etwas, was wir tun” (zitiert aus Küppers nach Gitta Mühlen Achs, Geschlecht bewusst gemacht, Körpersprachliche Inszenierungen, München, 1998, S. 21). In der Sozialwissenschaft wird dies auch als “doing gender” bezeichnet. Meuser geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht zusätzlich von “doing masculinity” (Meuser, S. 163). Meuser bezieht sich dabei auf Bourdieu und seinen Aufsatz über die männliche Herrschaft. “Dort heißt es, der männliche Habitus werde 'konstruiert und vollendet [...] nur in Verbindung mit dem den Männern vorbehaltenen Raum, in dem sich, unter Männern, die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen'. Männlichkeit hat demzufolge eine kompetitive und in homosozialen Feldern geprägte Struktur” (ebd., S. 163-164). Meuser selbst bezeichnet diese ernsten Spiele des Wettbewerbs als Strukturübungen im Risikohandeln männlicher Jugendlicher (vgl. Ebd., S. 165). Hirschauer beschreibt die Geschlechterdifferenz als ein Resultat der Alltagspraktiken von Menschen, die sich kontinuierlich zu Frauen und Männern machen beziehungsweise gemacht werden (vgl. Küppers, S. 7). Doing gender funktioniert also sowohl über das alltägliche Verhalten als auch über die alltägliche Wahrnehmung (ebd.).

Beim alltäglichen Verhalten sind die Menschen dafür zuständig, ihr Geschlecht “richtig” mithilfe von Kleidung, Mimik, Gestik, Stimme oder Nutzung von Räumen oder Gegenständen uvm. zu demonstrieren. Bei der alltäglichen Wahrnehmung wird zwischen “Geschlechterzuweisung, welche einmalig bei der Geburt erfolgt und sich an den Genitalien orientiert, und der Geschlechtszuschreibung, bei der es sich um einen kontinuierlichen interaktiven Prozess handelt, der ebenfalls an gesellschaftlichen Normen und Regeln orientiert ist (ebd.).

Angelika Weiterer sieht eine Begründung des doing gender in der Arbeitsteilung, was Rubin auch als “sameness taboos” bezeichnet. Ausgehend vom Gesundheitsbereich zeigt sie eine Entwicklung der Geschlechterdifferenz in Bezug auf den Berufsbereich. So war es im 19. Jahrhundert dem männlichen Geschlecht Vorbehalten, den Beruf des Arztes auszuüben, während die Krankenpflege zum typischen Frauenberuf wurde. In diesem Berufsbereich begründet sich die Eignung der Frauen für die Krankenpflege und die der Männer für den Beruf des Arztes allein aus dem “natürlichen Geschlechtscharakter” (vgl. Wetterer, S. 132). “Hier erweist sich die Etablierung von Frauenberufen und Männerberufen Bsp. Von Frauen- und Männerterrains innerhalb der Berufe als Institutionalisierung eines “sameness taboos” (Rubin), das die Geschlechter überhaupt erst zu verschiedenen macht” (ebd.). Deshalb sei es kein Zufall, dass die Entwicklung der Krankenpflege zum Frauenberuf mit dem Prozess der “Verweiblichung der Frauen” zusammenhängt (ebd.).

2.2 im Sport (Fußball)

Ausgehend von dem was im Unterkapitel 2.1 bereits beschrieben und erläutert wurde, wird in diesem Unterkapitel lediglich ein kurzer Exkurs in die Welt des Sports, insbesondere in die Fußballwelt gemacht. Auch im Sport, besonders sogar im Leistungssport, gilt die unhinterfragte Annahme, dass Sportlerinnen und Sportler heterosexuell sind und bekräftigt damit die stabile Vorstellung von der Eigenart der Geschlechter und damit die Zweigeschlechtlichkeit. Frauen haben die Möglichkeit, durch den Sport ihre für die Gesellschaft gewöhnlich “männliche” Persönlichkeit auszudrücken und dafür sogar Anerkennung für die sportliche Leistung zu erhalten. Doch überschreiten eben auch genau diese Frauen die Grenzen zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit und drohen deshalb zu “vermännlichen” (vgl. Eggeling S. 21). Dies hat zur Folge, dass Frauen in ihrem Sport auf der einen Seite so männlich wie nötig, aber eben auch zugleich so weiblich wie möglich auftreten müssen. Gelingt dieser Spagat nicht, so fällt die Sportlerin direkt in die Stereotype der Lesbe. Die Lesbe, “die sich den gängigen Zumutungen akzeptierter Weiblichkeit widersetzt, sich gängigen Schönheitsidealen verweigert und von Männern und deren Anerkennung unabhängig auftritt - und damit für den heterosexuellen männlichen Betrachter unattraktiv ist (ebd., S. 22).

Da Sport generell in unserer Gesellschaft mit dem Männlichen asoziiert wird, also männliche Leistungsfähigkeit wie Durchsetzungsvermögen, Kraft und Stärke sowie “männliche Tugenden” wie Kameradschaft, fällt bei männlichen Sportlern die Problematik der Grenzüberschreitung im Sport weg. “Sport verlangt von Männern also nur, was ihnen aufgrund ihrer Sozialisation zum Mann schon vertraut ist” (ebd.). Im Gegenzug bedeutet eine Überschreitung der Geschlechtergrenzen zum “Weiblichen” hin einen sozialen und kulturellen Abstieg, Statusverlust und vor allem Männlichkeitsverlust. Damit brechen Männer ein viel größeres Tabu als Frauen (vgl. Ebd.).

3. Diskriminierung und Homophobie

In Kapitel 3 dieser Hausarbeit geht es um das diskriminierende und homophobe Verhalten gegenüber Homosexuellen. Auch in diesem Kapitel wird wie im vorherigen Kapitel auch wieder zwischen in der Gesellschaft auftretenden Ereignissen und der im Sport bzw. In der “Sonderrolle” Fußball wiederzufindenden Geschehnissen differenziert. Gestützt wird sich in diesem Kapitel besonders aufFrau Steffens mit ihrem Beitrag “Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen.

3.1 in der Gesellschaft

Als Basis für die Analyse von Diskriminierung und Homophobie dient in dieser Hausarbeit das Minoritätenstressmodell von lian H. Meyer. In diesem Modell geht es um den vermehrten Stress, dem soziale stigmatisierte Gruppen aufgrund ihres Minderheitenstatus's ausgesetzt sind. Dieser Minoritätenstress lässt sich auf distale, wie z.B vorurteilsbasierte Ereignisse wie Diskriminierung und Gewalt und proximale Faktoren, wie z.B. Angst vor Ablehnung, Verheimlichung und intemalisierte negative Einstellungen gegenüber der Minderheitengruppe, zurückführen (vgl. Steffens, S. 14).

Unsere Gesellschaft geht in der Regel von der Heterosexualität des Menschen sowie der Überlegenheit heterosexueller Lebensentwürfe aus. Laut Steffens muss zwischen individuellem und strukturellem Heterosexismus unterschieden werden und führt als Alltagsbeispiel “es wird diskutiert, ob es gut für Kinder sein kann, bei homosexuellen Paaren aufzuwachsen; dabei wird die Frage gestellt, ob die Gefahr bestehe, dass Kinder dadurch selbst homosexuell werden” an (Steffens, S. 15). Dies beweist die Bevorzugung der Heterosexualität und verhindert gleichzeitig die Gleichstellung beider Lebensauffassungen. Als entscheidenden Faktor gegen alltäglichen Heterosexismus nennt Steffens die Bewusstmachung (consciousness raising). Dieser Heterosexismus geht in unserer Gesellschaft dann fast undurchsichtig in strukturelle Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen über. Als Beispiel nennt Steffen “Kindertagesstätten in privater Trägerschaft lehnen es manchmal ab, Kinder aus 'Regenbogenfamilien'aufzunehmen, da der offene Umgang mit der Homosexualität die Eltern der anderen Kinder befremden könnte. In dieser Hausarbeit wird sich ausschließlich mit der Gesellschaft in Deutschland befasst, wie die Diskriminierung in Gesellschaften anderer Kulturen aussieht, würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.

Entscheidend ist, dass Homo- und Bisexuelle immer wieder vor Augen geführt bekommen, dass ihre Akzeptanz und Inklusion in die Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit ist.

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Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668373334
ISBN (Buch)
9783668373341
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351341
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Sportwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Heterosexualität Homosexulität Doing Gender Homophobie Konstruktion von Männlichkeit Männlichkeit als soziale Konstruktion

Autor

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Titel: Ist Homosexualität immer noch ein Tabu-Thema im Sport? Fallbeispiel Fußball