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Rezension zu dem Vortrag "Deutsche Anstöße der frühen russischen Nihilismus-Diskussion des 19. Jahrhunderts" von Peter Thiergen

Rezension / Literaturbericht 2016 4 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Rezension zu dem Vortrag G 419 von Thiergen Peter: Deutsche Anstöße der frühen russischen Nihilismus-Diskussion des 19. Jahrhunderts. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2008. 33 Seiten Text.

In diesem Vortrag untersucht der Autor Thiergen den Begriff des Nihilismus und versucht durch seinen Vortrag die Herkunft dieses Begriffs sowie die Bedeutung von ihm zu ermitteln. In die Diskussion werden dabei solche Persönlichkeiten wie beispielsweise Jean Paul, Ivan Turgenev und Ludwig Büchner herangezogen. In Betracht kommt der Zeitraum von 1810er bis 1860er Jahren. Das ist die Zeit, die vor der darauf kommenden Periode des russischen Nihilismus liegt. Des Weiteren erfolgt ein Ausblick über die Gleichsetzung des Nihilismus einerseits und Terrorismus andererseits.

Um eine informationsreiche Rezession zum dem oben genannten Vortrag zu erhalten, werden drei Punkte, nämlich Kontextualisierung, inhaltlicher Überblick und eigene Stellungnahme nacheinander angesprochen.

Zu dem ersten Punkt lässt sich folgendes sagen: Der untersuchte Vortrag knüpft an die Diskussion über die Herkunft, Entstehung und Bedeutung des Begriffs Nihilismus. Dabei versucht der Autor die Frage zu beantworten, ob der Begriff zunächst in Deutschland oder doch in Russland entsteht. Denn die meisten Menschen gehen davon aus, dass der Schriftsteller Turgenev in seinem berühmten Sittenroman Väter und Söhne den Begriff des Nihilismus einführte und bekannt machte. Doch das Ergebnis Thiergens weist auf andere Information hin, die im weiteren Verlauf thematisiert wird.

Nun kommt es zu dem kurzen inhaltlichen Überblick des Vortags. Insgesamt setzt sich dieses wissenschaftliche Werk aus 7 Kapiteln zusammen, wobei das letzte lediglich die zusätzliche Literatur auflistet, um das Wissen darüber zu erweitern bzw. sich in die Problematik zu vertiefen.

Das erste Kapitel schildert die Hintergründe. Dabei ist wichtig auf den russischen Zaren Peter des Großen einzugehen. So systematisiert er einerseits die Öffnung Russlands nach Westeuropa und etabliert andererseits einen „weitreichenden und gleichsam staatsoffiziellen Fortschrittsoptimismus.“ (S. 7f).

Ende 1725 wird dank des Zaren die „Russische Akademie der Wissenschaften“ (S. 8) endlich eröffnet, die bereits im Jahre 1703 entsteht. Dabei ist wichtig zu unterstreichen, dass dieser Schritt in der russischen Geschichte eine Wissenschafts-und Bildungsemphase erstmals ausbreitet. Es entsteht auch ein regelrechter „Beschleunigungs-und Dynamisierungsdiskurs.“ (S. 8).

Bis jetzt wurden nur die positiven Auswirkungen thematisiert. Um einen kritische Stellungnahme am Ende gewinnen zu können, werden nun auch die negativen Aspekte einbezogen.

So stellt der damalige Kulturoptimismus ein lediglich kleines so genanntes „Oberflächenphänomen“ (S. 8) dar. Die europäisch orientierte Zivilisationspropagierung aber auch die Verwestlichung rufen in dieser Zeit vielerorts Gegenbewegung und solche Gefühle wie Zweifel Verdacht und Misstrauen hervor.

Nach wie vor werden weite Teile des gewöhnlichen Tagesablaufs beispielsweise von Leibeigenschaft, „Privilegienwirtschaft“ (S. 8), Bestechung bzw. Korruption bestimmt. Als Folge herrscht eine Rechtsunsicherheit.

Bis 1917 bleiben Autokratie bzw. unumschränkte Alleinherrschaft und Orthodoxie an der Macht, wenn auch es Hungersnöte, Bauernaufstände sowie Epidemien in dieser Zeit präsent sind. Eine gewisse Liberalisierung bringen die Reformmaßnahmen des Zaren Alexander II. Jedoch dies dauert nur kurze Zeit.

So kann daraus geschlussfolgert werden, dass der vom bereits erwähnten Zar, Peter des Großen etablierter Fortschrittsoptimismus von zweifelnden Unter-, Neben-und Gegenströmungen in dieser Zeit bedroht ist. Weiter ist wichtig in diesem Zusammenhang zu unterstreichen, dass es sich in Russland nach Peter des Großen das sogenannte russische Identitätsproblem noch schärfer als im Westen stellt. Aufgrund dessen werden neue Entwicklungen in Russland häufig als etwas Negatives analysiert.

Da es in dieser Zeit weder Orthodoxie noch Philosophie als so genannte „Einlaßtore für offene russische Nihilismus -Debatten fraglich erscheinen, bleibt für Untersuchung lediglich das Feld der Ästhetik. Und laut der Forschung keimen genau in diesem Bereich die „ersten russischen Nihilismus-Pflänzchen, gespeist aus deutschen Quellen und gedüngt mit deutscher Terminologie damaliger Poetiktheorien.“ (S. 14).

Der Begriff und Name des Nihilismus existiert seit 1862 in der Literatur. Und genau in dessen ersten Monaten erscheint der berühmteste Sittenroman Turgenevs Väter und Söhne. Deshalb glaubten viele Menschen wie „belesene Russisten und Osteuropahistoriker“ (S. 15), dass Nihilismus Turgenevs Erfindung ist. Doch diese Annahme ist falsch, denn das Wortfeld des Nihilismus ist „über die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Russland einsetzende Rezeption von Jean Paul aufgekommen.“ (S. 17).

Im zweiten Kapitel geht es um Jean Pauls poetischem Nihilismus in Russland. Dabei wird seine Vorschule der Ästhetik angesprochen. Paul legt dar, dass wahre Dichtung seiner Meinung nach, von poetischen Materialisten einerseits und poetischen Nihilisten andererseits bedroht ist. Ferner schildert der Autor die Definition der beiden Begriffe.

Das dritte Kapitel Zwischenspiel weist auf den Verlust der festen Bedeutung beim Begriff Nihilismus. Dies passiert in der Zeit, als der Roman Turgenevs Väter und Söhne noch nicht erscheint. So sinkt Nihilismus zu einer Art „Verbalinjurie“ (S. 24) herab. Mit Nihilist assoziiert man einen meinungs-und ahnungslosen Ignorant. (Vgl., S. 24).

Im vierten Kapitel geht es um die Auseinandersetzung mit Ludwig Büchners Vulgärmaterialismus in Bezug auf Turgenevs bereits erwähnten Roman Väter und Söhne, dessen Protagonisten Evgenij Bazarov darstellt. So geht es in diesem Roman hauptsächlich um einen sogenannten Generationenkonflikt hinsichtlich der Ansichten der älteren und jüngeren Menschen. Es geht hier auch beispielsweise um die Konfrontation von „Romantik und Realismus“ (S. 25) sowie von „Kunst und Naturwissenschaft“(S. 25). Der Protagonist des Romans Evgenij Bazarov ist ein Nihilist. „Er ist studierter Arzt, Verfechter eines naturwissenschaftlich-induktiven Weltbildes, Verächter von Kunst und Literatur sowie militanter Leugner des Emotionalen und Individuellen“. Er denkt kausal-mechanisch, utilitaristisch und rein funktional…“ (S. 25). Sein Lieblingsautor ist Ludwig Büchner mit seinem Buch Kraft und Stoff, das Bazarov bei sich immer hat. Das Buch bekommt später eine andere Bezeichnung, nämlich Bibel des Materialismus.

So lehnt Büchner beispielsweise Idealismus und Romantik ab. Das Einzige, was seiner Meinung nach zählt, sind Induktion, Empirie, aber auch das Faktenwissen von Chemie, Physik, Physiologie. Wichtig ist dabei zu unterstreichen, dass Büchners Schrift zunächst sehr negativ angenommen wird. Erst später wird Büchner von Pisarev gerühmt.

Das fünfte Kapitel ist der Auseinandersetzung mit den Begriffen Nihilismus und Terrorismus gewidmet. Im Mittelpunkt steht dabei wieder der Protagonist Bazarov aus dem Roman Väter und Söhne. Es geht um eine Diskussion, dass Bazarov nicht nur als ein Nihilist wahrgenommen, sondern dass er auch als „Vorläufer des Terrorismus“ (S. 32) bezeichnet werden kann.

Im vorletzten Kapitel wird das zuvor besprochene noch einmal knapp wiedergegeben und ein Ausblick verschafft.

So erwähnt der Autor am Anfang den von Peter des Großen begründeten Fortschrittsoptimismus in Russland, der ein brüchiges Phänomen im Endeffekt darstellt. Weiterhin erwähnt Thiergen solche Begriffe wie beispielsweise Leibeigenschaft und Orthodoxie. Danach betont er, dass laut seiner Untersuchung die Diskussion des russischen Nihilismus insgesamt drei Stadien durchlief.

Letztendlich nimmt Thiergen Bezug zur aktuellen Bedeutung des Nihilismus in der heutigen Zeit und prognostiziert dabei, was mit diesem Begriff im weiteren Verlauf geschehen kann.

Nun wird schließlich zur eigenen Stellungnahme übergegangen. Nach dem ich diesen Vortrag vorlas, entdeckte ich für mich neue interessante Fakten. So dachte ich wie die meisten anderen Menschen auch, dass der Begriff Nihilismus Turgenevs Erfindung war, was er in seinem berühmten Sittenroman Väter und Söhne zum Vorschau bringt. Doch der Autor Thiergen gelingt es gut mit seiner Argumentation zu beweisen, dass diese Geschichte mit Jean Paul seinen Anfang hat.

Insgesamt kann man meiner Meinung nach einen guten Überblick mithilfe dieses Vortrags in diese Thematik erhalten. Der Autor beginnt diesen zunächst mit der allgemeinen Geschichte seit Peter des Großen und endet mit dem russischen Präsidenten. Dabei versucht Thiergen allmählich den Begriff des Nihilismus anzunähern, was das Lesen noch spannender macht. Denn man erwartet endlich die eigentliche Diskussion um diesen Begriff. Mir hat auch gefallen, dass der Autor nicht nur etwas diskutierte und erzählte, sondern dass seine Argumentation mit vielen Beispielen und Zitaten anderer Persönlichkeiten zu diesem Thema unterstützt war.

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Details

Seiten
4
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668377936
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350979
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – slavisches Institut
Note
Schlagworte
rezension vortrag deutsche anstöße nihilismus-diskussion jahrhunderts peter thiergen

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Titel: Rezension zu dem Vortrag "Deutsche Anstöße der frühen russischen Nihilismus-Diskussion des 19. Jahrhunderts" von Peter Thiergen