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Yasmina Rezas „Le dieu du carnage“. Das Interagieren der Charaktere, deren Persönlichkeiten, Emotionen und Werte in Sprache und Handeln

Hausarbeit 2016 30 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Gliederung / Inhaltsverzeichnis

1. Schein und Sein

2. Das Interagieren der Charaktere, deren Persönlichkeiten, Emotionen und Werte in Sprache und Handeln: Yasmin Rezas „Le dieu du carnage“
2.1 Wie du mir, so ich dir – über den Umgang der Charaktere miteinander
2.2 Die verschiedene Persönlichkeiten und Emotionen der Charaktere
2.3 Unterschiedliche Werte als Basis für das Scheitern des Dialogs
2.4 Sprache - Mittel der Provokation

3. Nichts ist, wie es scheint – Kritik an der Gesellschaft

4. Literaturverzeichnis:

1. Schein und Sein

„Die kritische Psychologie leugnet nicht, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen oft triebhaft und asozial handeln“[1], konstatiert Ute Osterkamp. Obwohl die Menschheit auf eine lange Entwicklung ihrer Kultur und Zivilisation, welche Moral- und Wertevorstellungen einschließt, zurückblickt, prägen auch Affekte und Emotionen, die nicht immer mit Normen konform sind, das menschliche Verhalten.

Der Idealcharakter gesellschaftlichter Werte bezüglich der Affekt- und Emotionsbeherrschung wird in Yasmina Rezas Drama „Le dieu du carnage“ (2006)[2] thematisiert. Vier Charaktere treffen aufeinander, um den Streit ihrer Söhne sowie den richtigen Umgang damit zu besprechen. Die Elten von Bruno (Véronique und Michel Houllié), dessen Zähne beschädigt wurden, erwarten Einsicht und eine ehrliche Entschuldigung sowie das Empfinden von Schuld von Ferdinand, der für die Verletzungen ihres Sohnes verantwortlich ist. Ferdinands Eltern (Annette und Alain Reille) hingegen vertreten den Standpunkt, zumindest Schuldempfinden noch nicht von ihrem Sohn erwarten zu können und interpretieren die Situation als Rangelei zwischen heranwachsenden Männern. Obwohl die Eltern zunächst an einer friedlichen Konfliktlösung interessiert sind, eskaliert das Aufeinandertreffen nicht nur verbal, sondern auch physisch. Schnell beherrschen Emotionen, Befindlichkeiten und private Probleme der einzelnen Gesprächspartner die Situation und Konversation.[3]

Welche Emotionen herrschen vor, wie bestimmen diese das Agieren der Charaktere und entspricht das dem gesellschaftlichen Werteverständnis sowie dem für die Außenwelt erschaffenen Bild? In dieser Arbeit werden die Charaktere und deren Verhalten analysiert sowie das Konfliktpotential zwischen den idealisierten gesellschaftlichen Werten und den Emotionen und Bedürfnissen einzelner Personen dargestellt. Dabei sind der Umgang der Charaktere miteinander, wie auch ihre Sprache und Verhaltensweisen als Ausdruck von Emotionen Untersuchungsgegenstand. Die Definition der Emotionen findet auf Basis der Emotionspsychologie statt.

2. Das Interagieren der Charaktere, deren Persönlichkeiten, Emotionen und Werte in Sprache und Handeln: Yasmin Rezas „Le dieu du carnage“

2.1 Wie du mir, so ich dir – über den Umgang der Charaktere miteinander

Der Umgang der Personen miteinander gibt im vorliegenden Stück einerseits Auskunft über die Emotionen der einzelnen Charaktere, ist jedoch auch Indikator sowie Auslöser für die Progression und Eskalation des Konflikts.

Véronique, die Mutter Brunos, begegnet den Erziehungsmethoden und Vorstellungen von Alain und Annette mit deutlichem Unverständnis („Je ne comprends pas que vous ne soyez pas davantage concerné.“, S. 33; „Si c´est tellement mortel pourquoi mettre des enfans auf monde?, S. 42), obwohl sie zuvor angekündigt hat, Ferdinands Eltern freie Hand zu lassen („Vous ferez la votre de votre côté..“, S. 5). Sie ist der Meinung, bezüglich Erziehungsfragen und der Eltern-Kind-Beziehung überlegen zu sein, weshalb sie entsetzt ist, nicht zu wissen, dass Bruno Chef einer Bande ist („Bruno a une bande?“, S. 30). Es erfolgt deshalb eine Distanzierung von Alain und Annette, da Véronique durch ihr Agieren die Basis für das Finden einer gemeinsamen Lösung zerstört.

Sie gewährt Annette und Alain Einblicke in ihr Familienleben, indem sie erzählt, wie Michel den Hamster von Brunos Schwester ausgesetzt und den Kindern erzählt hat, er sei weggelaufen („.. Il l´a laissé, il a voulu faire croire à Camille qu´il s´est enfui.“, S. 13). Im Verlauf des Stücks erweist sich die Gastgeberin als reizbar, wendet sich gegen ihren Mann („Tu me dégoutes!“, S. 72; „Je vais le tuer!“, S. 83; „Boucle-là.“, S. 88), wird sogar handgreiflich und fühlt sich schnell angegriffen („Je milite pour la civilisation, parfaitement! Et heureusemt qu´il y a des gens qui le font!“, S.64), als Alain den Nutzen und die Notwendigkeit ihrer Arbeit als Co-Autorin eines Buches über eine afrikanische Kultur in Frage stellt.

Im Gegensatz zu den Reilles wirken Michel und Véronique zunächst harmonischer: Im Umgang miteinander kommt sowohl Intimität, wie auch Entscheidung / (Selbst-)Verpflichtung zum Ausdruck[4]. Dennoch sieht Banse Ablehnung und Kritik, wie sie auch zwischen den Beiden zunehmend stattfindet („Qu´est-ce que tu veux dire Michel?“, S. 32), als Zeichen einer schlechten Partnerbeziehung. Die negativen Verhaltensweisen Michels provozieren die Véroniques, weshalb es zu einer „negativen Eskalation“[5] in Form von Handgreiflichkeiten (S. 80) kommt.

Als Annette sich auf ihre wertvollen Kunstbücher übergibt, verliert Véronique die Beherrschung („Oh là là, le Kokoschka! Mon Dieu!“, S. 44; „Quel cauchemar atroce!, S. 47) besinnt sich jedoch im Nachhinein, dass es sich dabei lediglich um Materielles handelt (J´ai eu une trés mauvaise réaction.“, S: 52) – dennoch wurde für sie Eigentum von besonderem persönlichen Wert verletzt. Außerdem kann die Mutter ihren Ekel („.. elle ait dégueulé sur mes livres!“, S. 48) als emotionale Reaktion auf etwas Abstoßendes (Geruch, Berührung, Anblick)[6] nicht verbergen.

Als Annette und Alain im Bad sind, um sich zu säubern, beginnt Véronique sich mit Michel über die beiden anderen („Elle est fausse.“, S. 47; „Ils sont épouvantables tous les deux. Pourquoi tu te mets de leur côté?“, S. 47) und deren Kosenamen lustig zu machen („Toutou“, S. 49). Dabei werden die Gastgeber von Alain erwischt und suchen deshalb eine Ausrede („.. ce n´était pas méchant.. On se moque facilement des petits noms des autres!“, S. 49). Das Suchen nach einer Ausrede resultiert aus der emotionalen Regung `Peinlichkeit´, die laut Roos entsteht, wenn eine Person durch das Verletzen einer Norm auf das eigene Fehlverhalten aufmerksam wird.[7]

Véronique stichelt nicht nur gegenüber Alain, sondern auch gegenüber ihrem Mann Michel (Je regrette, nous ne sommes pas tous des caractériels.. Pas moi non, Dieu merci.“, S.63). Im Gegensatz dazu zeigt sie Fürsorge und Empathie für Annette („Oh Annette, je m´inquiéteais..“, S. 51; „Comment se sont-elle la pauvre, mieux?“, S. 50) und unterstützt diese zunehmend im Streit mit ihrem Mann („Elle a raison, ça devient intolérable!“, S. 83; „Ha, ha! Bravo!“, S. 84) – dabei wendet sie sich ebenfalls gegen Michel. Wohingegen sie gegenüber Alain und Michel bissig ist, versucht sie die aufgebrachte Annette zu beruhigen („Annette, gardons notre calme. Michel et moi nous efforcons d´être conciliants, et modérés.“, S. 53) und erklärt deshalb das Verhalten ihres Mannes. Dieser Prozess ist der Versuch eines Beziehungsaufbaus zu Annette.[8]

Auch Genderfragen werden thematisiert, denn Véronique erhebt stets den selben Anspruch auf die Dinge, wie die beiden Männer („On n´a pas le drot de boire nous deux?“, S. 68). Am Ende wirft sie Annette jedoch aus ihrem Apartment („Foutez le camp!“, S. 92), weil diese Bruno für mitverantwortlich am Gewaltausbruch ihres Sohnes hält, und wift deren Handtasche durch das Zimmer, was als indirekter Angriff auf Annette, welche zuvor Véronique in Form ihrer Kunstbücher verletzte, zu interpretieren ist. Die Situation zwischen den beiden Frauen eskaliert: Jede beleidigt den Sohn der anderen („Vous avez une balance, c´est mieux?“, S. 98). So wird erneut Véroniques Intoleranz, welche im Gegensatz zu den idealisierten Werten der von ihr geschätzten französischen Gesellschaften steht, wie auch ihr mütterlicher Schutzinstinkt bezüglich ihres Sohnes deutlich. Volker Klotz interpretiert Véroniques Agieren als Rollentausch mit ihren Kindern, was mit kindlichem physisch aggressiven Handeln beginnt („Véronique tente de lui arracher la bouteille des mains.“, S. 68) und in der Absicherung über den Zeitpunkt der Heimkehr ihrer Tochter gipfelt („.. mais tu pourras faire tes devoirs chez Annabelle?“, S. 99).[9]

Michel kommt im Verlauf des Gesprächs eine Mediatorenrolle zu: Er versucht zunächst die Harmonie zwischen den Anwesenden zu wahren und bietet Véroniques „clafoutis“ (S. 14) an. Die Gäste bedient er allerdings nicht selbst, sondern lässt sich ebenfalls von Véronique bedienen, wobei er sie mit dem Kosenamen „chérie“ (S. 15) anspricht. Später bewirtet er jedoch selbst die Eltern Ferdinands („Laisse Véro, j´y vais.“, S. 28), was den Zuschauer eine gewisse Ausgeglichenheit in der Beziehung wahrnehmen lässt. Bezüglich des Kuchens kommt erstmals Michels Mutter vor, von der das Rezept stammt, wobei Michel betont, „..mais c´est Véro qui l´a fait“ (S. 20) und auf diese Weise Wertschätzung gegenüber seiner Frau ausdrückt. Die Aussage kann jedoch auch als Allusion auf einen Konkurrenzkampf zwischen Véronique und ihrer Schwiegermutter gedeutet werden.

Mit „Ils sont terribles ces labos. Profit, profit.“ (S. 37) reagiert er abwertend auf Alain, den er nach dessen Telefonat als Stellvertreter der Pharmafirmen und somit als morallos sieht. Erstmals kommt Spannung zwischen Michel und einem der Gäste auf, indem er auf Alains Aussage, er hätte das Telefonat ja nicht belauschen müssen, entgegnet „Vous n´êtes pas obligé de l´avoir devant moi.“ (S. 37). Über sich sagt Michel „Moi je fais un métier ordinaire“ (S. 38) und beantworte daraufhin Alains Fragen zu Details über Klospülungen („Le mécanisme de WC m´intéresse.“, S: 38).

Im Gegensatz zu Alain versucht Michel Annette mit „Marchez un peu. Faites quelques pas.“ (S. 39) praktisch zu helfen und zeigt Empathie, fühlt sich also ein.[10] Nachdem Annette sich übergeben hat, schlussfolgert er „c´est nerveux“ (S. 44) und zeigt mit „...vous êtes une maman.. je comprends que vous soyez angoissée“ (S. 44), dass er deren Belastung durch die Situation erkannt hat.

Den Schaden an den für seine Frau wertvollen Kunstbüchern versucht Michel sofort zu beheben („On peut donner un coup de séchoir..“, S: 45) und übernimmt die praktische Umsetzung („Laisse-moi faire, Véro“, S: 46). Als die Beiden alleine sind, gibt er zu, sich von Alain gereizt zu fühlen („..il me pousse trop.“, S. 47) und sucht bei seiner Frau Bestätigung für sein Verhalten („J´ai bien répondu, non?“, S: 49), was zeigt, wie wichtig ihm deren Urteil und Anerkennung ist. Die Situation und den Schaden sowie die Tatsache, von Alain beim Lästern erwischt worden zu sein (S. 49), verharmlost er mit der Aussage „Tout est parfait. Tout est en ordre“ (S. 51). Doch später beleidigt er Annette, indem er ihr Erbrechen als eine Art Zungenlöser für den Start ihres Gegenangriffs darstellt („Ça vous a requinqué de dégobiller.“, S. 55).

Als Michel durch ein Telefonat mit seiner Mutter von deren Einnahme des gefährlichen Medikaments erfährt, will er sie überzeugen, die Einnahme zu beenden (S. 57). Die Tatsache sorgt jedoch für zusätzliches Konfliktpotential zwischen den Anwesenden, da Michel nun selbst betroffen ist und sich deshalb noch mehr an Alains Umgang mit den Gefahren stört („Je n´apprécie pas du tout votre cynisme..“, S. 58). Als Folge ist Michels Wille zum Dialog mit Ferdinands Eltern verschwunden und er macht diese für dessen Verhalten verantwortlich („..Ferdinand a des circonstances assez atténuantes.“, S. 58).

Nachdem Michel seiner Frau zögernd ebenfalls Alkohol ausgeschenkt (S. 69) und seine Mutter erneut angerufen hat, wird das Verhältnis zwischen Véronique und Michel ebenfalls angespannter. Er fordert sie auf, mit den permanenten Angriffen gegen ihn aufzuhören („Bon ça suffit maintenant“, S. 70), macht sich jedoch im Gegenzug über Véroniques verbalisierte Melancholie und ihrem Idealismus mit „Voyez, ma vie!“ (S. 72) lustig. Somit bedingt ihre negative Verhaltensweise die seine, was laut Banse Hinweis auf eine angespannte Beziehung ist.[11]

Michels Provokationen enden in einen physischen Angriff durch Véronique („Véronique se jette sur son mari et le tape..“, S. 80), die von Alain weggezogen wird. Michel macht sich jedoch weiterhin über Véroniques Ideale und ihr Buch lustig („Elle se déploie pour la paix et la stabilité dans le monde“, S. 81) und zeigt somit auch das Paradoxe zwischen Selbigen und ihrem tatsächlichen Verhalten („Battrer son mari doit faire partie des codes..“, S. 81) auf. Alice Bouchetard interpretiert: „Le mirroir offert au public est... celui d´un homme violent, hypocrite et indifférent, contenu difficilement par un contrat social aussi utile que fragile.“[12]

Annettes Umgang mit Alains Handy schockiert ihn mehr („horrifié“, S. 84) als der Angriff seiner Frau, denn er sagt „C´est un geste irresponsable“ (S. 85). Der Rezipient erhält den Eindruck, Michel habe bereits einen gewissen Habitus bezüglich der Handgreiflichkeiten seiner Frau entwickelt, weshalb das Verletzen einer Sache schlimmer für ihn ist. Wieder zeigt sich Michels Art, sofort nach einer praktischen Lösung zu suchen („Où est le sèchoir?“, S. 85) und Michel versucht, Alains Handy zu retten. Das Verhalten aller Anwesenden schreibt er der enthemmenden Wirkung des Rums zu (S. 87).

Als seine Mutter erneut anruft, fordert er Alain zur Ehrlichkeit auf („Dites-lui.. ce que vous savez sur votre cochonnerie.“, S. 90), was nach den Telefonaten, die er mitgehört hat, und Alains irresponsablem Verhalten naiv erscheint.

Das Agieren der Frauen kommentiert Michel mit „Mais qu´est-ce qui se passe? Elle sont déchainées.“ (S. 92). Er schlussfolgert „Un petit coup de gnole et hop le vrai visage apparaît. Où est passée la femme avenante et réservée, avec une douveur de traits...“ (S. 95). Doch bei Véroniques Angriff auf Annette und Alain unterstützt er („C´est vrai!.. Tu as raison.“, S. 96) und distanziert sich durch „Ne parlez pas en mon nom!“ (S. 97) von Alain. Michel erkundigt sich allerdings trotzdem bei Annette, nach deren persönlichen Gegenständen und zeigt somit Höflichkeit (S. 99). Das Stück endet mit der Frage Michels „Qu´est-ce qu´on sait?“ (S. 100), wodurch er Ratlosigkeit bezüglich der Schlussfolgerungen aus dem Geschehenen verbalisiert.

Der Mutter Ferdinands, Annette, scheint ebenfalls an einer friedlichen Konfliktlösung gelegen zu sein, weshalb sie sich zunächst höflich zeigt („C´est nous qui vous remercions. C´est nous.“, S. 6). Sie interessiert sich für die Verletzungen Brunos („Et qu´est-ce qui va arriver à la dent dont le nerf est touché?!, S. 7) und drückt ihr Mitgefühl aus („J´espère que tout se passera bien.“, S. 8). Zu Beginn tauschen sich die Frauen über Banalitäten wie die Tulpen aus („Elles sonst ravissantes ces tulipes.“, S. 8) und Annette stimmt Véronique oft zu („Ah oui“, S. 8, „J´imagine.“, S. 9).

Doch als Mutter kann sie nicht dulden, wie ihr Sohn als grausamer Angreifer („Ferdinand n´est pas du tout un sauvage.“, S. 27), der sich mit einem Stock bewaffnet, dargestellt wird und sucht eine Ursache für seinen Ausbruch. Deshalb berichtet Sie Brunos Eltern von dessen Bande, aus der er Ferdinand ausgeschlossen („Bruno a refusé de faire rentrer Ferdinand dans sa bande.“, S. 30) und so den Streit provoziert hat, was als Initiieren von Misstrauen bezüglich des Vertrauensverhältnisses von Véronique und Michel zu Bruno gedeutet werden kann. Außerdem möchte sie wissen, wie Brunos Eltern den Namen ihres Sohnes erfuhren („..Comment avez vous obtenu le nom de Ferdinand?“, S. 9).

Einwände zum Verlauf des Gesprächs und der Schuldfrage verbalisiert sie erst nachdem sie sich übergeben hat und aus dem Bad zurückgekehrt ist („Nous sommes pêut-être trop vite passés sur..“, S.52): Ihr Sohn war nie gewaltätig, weshalb Bruno dies indirekt durch Beleidigungen provoziert haben muss („Ferdinand ne s´est jamais montré violent. Il ne peut pas l´avoir été sans raison.“, S. 52). Laut Klotz holt die Mutter an dieser Stelle zum Gegenangriff aus, indem sie ihren Sohn als unschuldig und Michel als Hamstermörder (S. 58) deklariert.[13]

Im Verlauf des Stücks offenbart auch sie Probleme in ihrer Ehe: Annette leidet unter der Tatsache, dass Alain die Arbeit vor seine Familie stellt („Pour mon mari, tout ce qui est maison, école, jardin est de mon ressort.“, S. 42). Laut Mees ist ein zentrales Element der Liebe, diese dem anderen glaubhaft zu vermitteln, und eventuelle Konflikte gemeinsam zu lösen[14], was Alain nicht tut. Nach der Dreieckstheorie (Sternberg, 1996), zeichnen Intimität (Nähe, Verbundenheit, Zusammengehören), Leidenschaft (Romantik, Anziehung, Sex) und Entscheidung / (Selbst-)Verpflichtung Liebe aus, wobei Intimität und Entscheidung durch Alains Verhalten nicht zum Ausdruck kommen und somit Annettes Empfinden erklärt[15] – Alain entscheidet sich immer wieder, die Firma der Familie vorzuziehen.

[...]


[1] Osterkamp, Ute: Zum Problem der Gesellschaftlichkeit und Rationalität der Gefühle / Emotionen. In: Gefühle / Emotionen. Gramsci: Perspektiven für Psychologie und soziale Arbeit. Forum Kritische Psychologie 40. Osterkamp Ute (Hg.). Hamburg: Argument-Verlag 1999, S. 3

[2] Klotz, Volker: Komödie. Etappen ihrer Geschichte von der Antike bis heute. Frankfurt a. M: Fischer 2013, S. 769

[3] Bouchetard, Alice: Yasmina Reza. Le miroir et le masque. Paris: Édition Scheer 2011, S. 25

[4] Mees, Ulrich und Rohde-Hoeft, Cornelia: Liebe, Verliebtsein und Zuneigung. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Jürgen H. Otto u. A. (Hg.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union 2000, S. 241

[5] Banse, Rainer: Soziale Interaktion und Emotion. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Jürgen H. Otto u. A. (Hg.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union 2000, S. 366

[6] Hennig, Jürgen und Netter, Petra: Ekel und Verachtung. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch.

Jürgen H. Otto u. A. (Hg.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union 2000, S. 284

[7] Roos, Jeannette: Peinlichkeit, Scham und Schuld. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Jürgen H.

Otto u. A. (Hg.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union 2000, S. 264 ff

[8] Tholen, Thoni: Perspektiven der Erforschung des Zusammenhangs von literarischen Männlichkeiten und Emotionen. In: Literarische Männlichkeit und Emotionen. Toni Tholen u. a. (Hg.). Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2013, S. 19

[9] Klotz: Frankfurt a. M. 2013, S. 771

[10] Wallbott, G. Harald: Empathie. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Jürgen H. Otto u. A. (Hg.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union 2000, S. 370

[11] Banse: Weinheim 2000, S. 366

[12] Bouchetard: Paris 2011, S. 25

[13] Klotz: Frankfurt a. M. 2013, S. 770

[14] Mees, Ulrich und Rohde-Hoeft, Cornelia: Liebe, Verliebtsein und Zuneigung. In: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Jürgen H. Otto u. A. (Hg.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union 2000, S. 239

[15] Ebd, S. 241

Details

Seiten
30
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668375086
ISBN (Buch)
9783668375093
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350912
Note
1,3
Schlagworte
yasmina rezas interagieren charaktere persönlichkeiten emotionen werte sprache handeln

Autor

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