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Michel Houellebecq und Thilo Sarrazin. Bewusste Provokation oder gesteuerter Skandal?

Literaturskandale

Hausarbeit 2016 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen: Skandal und Medienskandal

3. Phasen eines Skandals

4. Die Phasen der Skandale um Michel Houellebecq und Thilo Sarrazin

5. Michel Houellebecq und Thilo Sarrazin – bewusste Provokation oder gesteuerter Skandal?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der öffentlichen Wahrnehmung und dem Skandalpotential Michel Houellebecqs „Unterwerfung“, erschienen im Jahr 2015 und Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, erschienen im Jahr 2010. Untersucht werden nicht nur die in den Medien viel diskutierten Skandale um diese Veröffentlichung, sondern auch die unterschiedlichen Genres und ihre Wirkung auf den Rezipienten. Hier stellt sich die Frage, mit welcher Intention die Autoren ihr Genre wählten? Ein Sachbuch weist immer einen Vertrauensvorschub des Rezipienten auf, wohingegen der Roman persönliche Schlussfolgerungen ermöglicht und dem Leser einen Interpretationsspielraum lässt. Des weiteren wird den Skandalen durch die Einteilung in Phasen eine Struktur verliehen.

Die Arbeit untersucht, ob die beiden Autoren bewusst provozieren oder das Mittel eines gesteuerten Skandals benutzen.

Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass Michel Houellebecq und Thilo Sarrazin aus grundlegend unterschiedlichen Beweggründen veröffentlichten.

2. Definitionen: Skandal und Medienskandal

Der Begriff Skandal stammt von dem griechischen Wort „skándalon“ ab und bedeutet „Ärgernis“ oder „Anstoß“ und „Aufsehen erregendes Geschehnis“.[1]

„Den Kern eines Skandals bildet ein Verhalten, das skandaliert wird. Es ist nicht normkonform, muss aber nicht von vornherein skandalös sein. Erst durch den Akt der Skandalierung wird ihm die Eigenschaft des Skandalösen zugeschrieben.“[2] Ein Skandal besteht aus drei Einheiten: dem Skandalisierten, der aufgrund eines tatsächlichen oder eines angeblichen Fehlverhaltens angeprangert wird, dem Skandalisierer, durch den das Fehlverhalten in die Öffentlichkeit gelangt und der Öffentlichkeit selbst, die über Schuld und Unschuld urteilen kann.

Ein Skandal ist kein starres Ereignis, er ist vielmehr ein dynamischer Prozess. „Skandale sind dynamische Ereignisse, kein statisches Geschehen. Sie sind zeitlich begrenzt, oftmals nur von kurzer Dauer, ein flüchtiges transitorisches Ereignis, das nichtinstitutionellen Charakter hat.“[3] Dies liegt darin begründet, dass die beteiligten Personen aufeinander und auf die Ereignisse reagieren und somit eine Interaktion stattfindet. Diese Dynamik erschwert es, in jedem Skandal einen gleichwertigen Verlauf zu analysieren. Trotzdem ist dieses Sujet oftmals Thema literaturwissenschaftlicher Diskurse.

In einem Medienskandal werden skandalöse Ereignisse durch Plattformen wie Printmedien, TV, Radio und Internet veröffentlicht. Tatsächliche oder angebliche Verfehlungen werden aufgegriffen und durch die vorhandenen Produktionsmechanismen der Massenmedien verbreitet. Durch diesen Mechanismus wird ein Ereignis zu einem Medienskandal. „Massenmedien berichten nicht einfach über Skandale, die unabhängig von ihnen existierten. Sie produzieren sie, indem sie sozialen Zuständen, Ereignissen oder Entwicklungen ein spezifisches narratives Framing geben, das als Skandal etikettiert wird.“[4]

Die Medien können das Meinungsbild der Öffentlichkeit beeinflussen. Somit sind sie in der Lage, nicht nur den Skandal zu veröffentlichen, sondern auch die Beurteilung der verbreiteten Ereignisse durch die Rezipienten zu beeinflussen. Ob ein Ereignis zum Skandal wird, hängt im hohen Maße von der Berichterstattung der Medien ab, da diese Skandale bewusst platzieren, lancieren und steuern können. Die Existenz eines funktionierenden Mediensystems ist damit Grundvoraussetzung für einen Medienskandal.

3. Phasen eines Skandals

Im Folgenden soll hier die Phasenklassifizierung nach Steffen Burkhardt behandelt werden. Steffen Burkhardt beschreibt einen Medienskandal in fünf aufeinanderfolgenden Phasen: der Latenzphase mit Schlüsselereignissen, der Aufschwungphase, der Etablierungsphase mit Klimax, der Abschwungphase und der Rehabilitationsphase.

In der Latenzphase werden die Protagonisten des Medienskandals benannt, die Quantität der Berichterstattung steigt. „Die sehr große Quantität der Berichterstattung setzt scheinbar schlagartig mit der Latenzphase ein und verbreitet sich virusartig schnell, so dass die Skandalinformationen für kurze Zeit eine starke Präsenz in der Medienöffentlichkeit erlangen.“[5] Vor Verbreitung der skandalträchtigen Informationen befinden sich die Medien und die Öffentlichkeit in einem „nicht-emotionalisierten“- Grundzustand.

Es folgt die Aufschwungphase, in der das öffentliche Interesse an dem vorliegenden Skandal generell weiter zunimmt. Außerdem charakteristisch für die Aufschwungphase ist eine breitere Thematisierung aufgrund der journalistischen Aufarbeitung um die Protagonisten des Skandals. „Dazu werden Episoden und weitere thematische Aspekte durch journalistische Berichterstattung in den öffentlichen Diskurs überführt.“[6] Es werden Informationen präzisiert und neue Details hinzugefügt.

Die Etablierungsphase kennzeichnet sich durch die ersten Stellungnahmen der Skandalisierten. Sie dient außerdem dazu, das Verhalten der Skandalisierten in der Öffentlichkeit und durch die Medien zu beurteilen. In dieser Phase wird über Schuld oder Unschuld des Betroffenen geurteilt. „Die Entscheidung fällt entweder gegen oder für den Antihelden aus: Der moralische Konflikt, der in dem Kampf zwischen Antiheld und Held thematisiert wird, kennt nur den Code aus gut und böse, Sieger und Verlierer.“[7]

War die Skandalisierung erfolgreich, wird der Skandalisierte aus der Medienöffentlichkeit vollständig ausgeschlossen. Der Hype um den Skandal findet zum Ende dieser Phase seinen Höhepunkt.

In der Abschwungphase findet ein rückwirkender Blick auf den Ablauf des Medienskandals statt. Alle an dem Medienskandal beteiligten Institutionen werden auf ihre Funktionalität überprüft. Durch die Vielzahl der bis zu diesem Zeitpunkt in den Medien veröffentlichten Stellungnahmen und Einschätzungen, sowie der Äußerungen der Skandalisierten, lässt sich die Entwicklung eines Skandals vollziehen und eine Beurteilung erzielen.

In der Rehabilitationsphase nähert sich der emotionale Ausnahmezustand wieder dem Normalzustand an. Das mediale Interesse nimmt ab und Ereignisse des Medienskandals werden nicht weiter thematisiert. Der Skandalisierte kann in dieser Phase wieder beginnen, sein Ansehen in der Öffentlichkeit zu steigern und soziale Anerkennung wieder aufzubauen. „Die Rehabilitationsphase ist jedoch lediglich sekundärer Bestandteil des Medienskandals, denn sie nimmt eine Alleinstellung gegenüber den ersten Phasen ein, die durch eine relativ große Vielfalt an Thematisierungsstrategien gekennzeichnet sind.“[8] Erst wenn sich die mediale Aufmerksamkeit wieder anderen Themen zuwendet und die Reaktionen auf das Fehlverhalten des Skandalisierten abebben, wird es dem Skandalisierten wieder möglich, unbeschadet am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dieser Prozess dauert umso länger, je weniger Bereitschaft der Skandalisierte zeigt, sein Fehlverhalten der Öffentlichkeit gegenüber zurück zu nehmen.

4. Die Phasen der Skandale um Michel Houellebecq und Thilo Sarrazin

In Bezug auf die in dieser Arbeit behandelten Medienskandale lassen sich diese Phasen wie folgt anwenden:

Der Roman von Michel Houellebecq „Unterwerfung“ (im französischen Original „Soumission“) ist am 07. Januar 2015 erschienen. Aufgrund der an diesem Tag in Paris verübten Attentate auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ sagt Michel Houellebecq seine geplante Lesetour und alle weiteren Termine bis auf weiteres ab. Das für die Latenzphase typische, starke Medieninteresse bleibt vorerst aus. Durch die Parallelität der Veröffentlichung und der Anschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ findet eine Verschiebung der medialen Gewichtung statt, da die terroristischen Übergriffe die mediale Welt dominieren. Eine besondere Brisanz gewinnt die Veröffentlichung durch die Thematik der Islamisierung der westlichen Welt und ihrer Migrationsproblematik im Zusammenhang mit den islamistisch motivierten Terrorattentaten in Frankreich.

Die Aufschwungphase, in der das mediale Interesse charakteristisch zunehmen sollte, verschiebt sich, da die Attentate die Veröffentlichung des Buches überschatten.

Erst knapp zwei Wochen nach der Veröffentlichung, am 19. Januar, bezieht Michel Houellebecq, dem nicht zuletzt das Bild des Skandalautors auch aufgrund seiner vulgären Diktion anhaftet, in Köln erstmals Stellung zu seinem Roman. Erst jetzt beginnt die Etablierungsphase. Die von der Öffentlichkeit erwarteten Proteste gegen Michel Houellebecqs vermeintlich islamophoben Roman bleiben jedoch aus. „Sicher ist dagegen, dass unter den Zuschauern überhaupt gar keine muslimischen Demonstranten oder Fundamentalisten sind, die es darauf abgesehen hätten, gegen Houellebecqs mitunter verächtliche Äußerungen über den Islam zu protestieren.“[9]

Michel Houellebecq bestreitet jedoch vehement die ihm vorgeworfene Islamophobie.[10]

Die Abschwungphase wird gekennzeichnet durch einen retrospektiven Blick auf den Skandal, in der die Medien sich auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Veröffentlichung des Romans und den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ konzentrieren. In einem Interview in „Zeit Online“ vom 23. Januar 2015 äußert sich Michel Houellebecq zu dem vermuteten Zusammenhang zwischen den Anschlägen und der Veröffentlichung. Michel Houellebecq sieht keinen Zusammenhang. Zeit:“ Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen dem Attentat und Ihrem Roman?“ Michel Houellebecq:“ Nein. Was mich am meisten mitgenommen hat, ist der Tod von Bernard Maris.“[11]

Das Ausmaß der Pariser Attentate lässt die vermeintliche Islamophobie des Buches in den Hintergrund treten. Eine Rehabilitationsphase lässt sich nicht explizit bestimmen, da keine Sanktionierungen stattgefunden haben. Der für diese Phase typische Übergang vom Ausnahmezustand in den emotionalen Normalzustand lässt sich aufgrund der Attentate ebenfalls schwer darstellen.

Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ wird am 30. August 2010 auf der Bundespressekonferenz in Berlin von circa 250 Journalisten präsentiert. Bereits vor der Veröffentlichung berichteten die Medien über das umstrittene Buch, in dem Sarrazin Sätze wie „Alle Juden haben ein bestimmtes Gen[...]“ schreibt, für die er massiv kritisiert wird. So veröffentlichte „Der Spiegel“ vorab am 28. August 2010 die ersten Thesen aus Sarrazins Buch. Dies führte zu einer Debatte darüber, ob „Der Spiegel“ damit seine Auflagenzahlen steigern wollte. „Der Spiegel“ rechtfertig seine Entscheidung zur Veröffentlichung der vermeintlich rassistischen Thesen damit, dass Thilo Sarrazin nicht „irgendein Autor“ sei, sondern „[...] Mitglied des Vorstands einer der ehrwürdigsten Institutionen dieser Republik, der Bundesbank. Er ist daher eine Stimme des öffentlichen Lebens, die sich auf diese Weise in die Debatte einbringt.“[12] Der für die Latenzphase charakteristische „nicht-emotionalisierte Grundzustand“ der Medienöffentlichkeit bleibt aus, da schon vor Veröffentlichung des Buches die mediale Aufmerksamkeit auf die Veröffentlichung gelenkt wurde.

Die Aufschwungphase äußert sich zunächst durch öffentliche Proteste vom Bündnis „Rechtspopulismus stoppen!“ am Tag der Veröffentlichung vor der Bundespressekonferenz. Es folgt eine Strafanzeige gegen Thilo Sarrazin bei der Staatanwaltschaft in Berlin. Der Vorwurf lautet „Volksverhetzung“.[13]

Die Kritik an Thilo Sarrazin und das damit verbundene öffentliche Interesse ist immens. Bereits einen Tag nach der Veröffentlichung droht seine Partei, die SPD, mit einem Parteiausschlussverfahren, da die SPD Sarrazins fragwürdigen Thesen nicht folgt.

[...]


[1] Vgl. Duden: Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. Dudenverlag.Mannheim2003,S.1243

[2] Friedrich, Hans-Edwin: Literaturskandale. Peter Lang GmbH. Frankfurt am Main. 2009, S.10

[3] Friedrich, Hans-Edwin: Literaturskandale. Peter Lang GmbH. Frankfurt am Main. 2009. S.11

[4] Burkhardt, Steffen: Skandal, medialisierter Skandal, Medienskandal: Eine Typologie öffentlicher Empörung. In: Skandale- Strukturen und Strategien öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden. 2011, S. 132

[5] Burkhardt: In: Skandale- Strukturen und Strategien öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung, S. 142

[6] Burkhardt: In: Skandale- Strukturen und Strategien öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung, S. 143

[7] Burkhardt: In: Skandale- Strukturen und Strategien öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung, S. 143

[8] Burkhardt: In: Skandale- Strukturen und Strategien öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung, S. 144

[9] Hammelehle, Sebastian: Einziger Auftritt in Deutschland: Auf eine Zigarette mit Michel Houellebecq. In: Spiegel Online vom 20.01.2015. Online abrufbar unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/michel-houellebecq-liest-in-koeln-aus-unterwerfung-a-1013675.html [Datum des Zugriffs: 10.05.2016]

[10] Hammelehle, Einziger Auftritt in Deutschland: Auf eine Zigarette mit Michel Houellebecq. [Datum des Zugriffs: 10.05.2016]

[11] Radisch, Iris: Der Tod ist nicht auszuhalten. In: Zeit Online vom 23.01.2016. Online abrufbar unter: http://www.zeit.de/2015/04/michel-houellebecq-unterwerfung-charlie-hebdo-frankreich-radikalisierung [Datum des Zugriffs: 15.03.2016]

[12] Müller von Blumencron, Mathias: „Ich habe lange mit mir gerungen“. In: Sarrazin eine deutsche Debatte. 2. Auflage. München 2010, S.16

[13] Schultz, Eberhardt. Strafanzeige gegen Thilo Sarrazin. Online abrufbar unter: http://www.menschenrechtsanwalt.de/2010/10/strafanzeige-gegen-sarrazin/ [Datum des Zugriffs: 02.05.2016]

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668373914
ISBN (Buch)
9783668373921
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350880
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neuere Deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
michel houellebecq thilo sarrazin bewusste provokation skandal literaturskandale

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Bewusste Provokation oder gesteuerter Skandal?