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Programm zum Coaching von Patienten. Depressive Episode (ICD 10 Code: F32)

von Rubi Mauer (Autor)

Hausarbeit 2016 34 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Depression
2.1 Depressive Episode
2.2 Depressive Episoden und Fehltage

3 Konzept für ein Patientencoaching
3.1 Rechtliche Grundlagen
3.2 Datenschutz
3.3 Finanzierung
3.4 Teilnehmeridentifikation und Einschreibung
3.5 Zwei Kennzahlen und Evaluation
3.6 Drei Interventionsformen
3.6.1 Laufende telefonische Betreuung
3.6.2 Online Projekt mit integriertem Diskussionsforum
3.6.3 Online-Unterstützungsprogramm als Selbsthilfe

4 Zwei Schnittstellen in andere Sektoren

5 Patientencoaching/Fallmanagement

6 Fazit und Ausblick

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Prävalenzrate von depressiven Erkrankungen in Deutschland nach Schweregrad (ICD-10) in den Jahren 2010 und 2012

Abb. 2: Inzidenzrate von depressiven Erkrankungen in Deutschland nach Schweregrad (ICD-10) in den Jahren 2010 und 2012

Abb. 3: Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Diagnosen in Deutschland in den Jahren 1997 bis 2015 (AU-Tage pro 100 VJ)

Abb. 4: Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland nach Diagnose in den Jahren 2011 bis 2015 (AU-Tage je 100 VJ)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: ICD-10-Forschungskriterien für eine depressive Episode

Tab. 2: Unterschiede zwischen Patientencoaching und Case Management

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit wird ein Konzept für ein Programm zum Coaching von Patienten am Beispiel der Erkrankung Depressive Episode (ICD10 Code: F32) entwickelt. Dafür wird die Depression als Erkrankung erst einmal im Sinne einer medizinischen Grundlage für ein Coaching mit ihren Symptomen und Schweregraden beschrieben. Die Häufigkeit des Auftretens wird untersucht, wobei zwischen der Prävalenzrate und der Inzidenzrate unterschieden wird. Wichtig ist die wirtschaftliche Sicht auf den Einsatz von Mitteln der Solidargemeinschaft für Maßnahmen innerhalb eines Patientencoachings, sofern es von der Krankenkasse finanziert wird. Private Unternehmen, welche von Krankenkassen eingekauft werden, streben das Formalziel der Wirtschaftlichkeit ebenfalls an. Die finanzielle Sinnhaftigkeit, ein solches Konzept zu entwerfen, muss im Vorfeld geklärt werden. Deshalb widmet sich den Fehltagen durch Arbeitsunfähigkeit ein gesonderter Abschnitt des ersten Teils der vorliegenden Arbeit. Unter anderem anhand dieser Daten lässt sich ein Einsparungspotential durch Verhinderung eben dieser Fehltage berechnen. Im Konzept selbst finden sich die Einkreisung der Zielgruppe, die rechtlichen Grundlagen und auch Erläuterungen zum Datenschutz. Der Finanzierungsaspekt muss aus Platzgründen eher kurz gehalten werden, findet aber als fester Bestandteil eines solchen Programms Erwähnung. Dafür bekommen die Teilnehmeridentifikation und Einschreibung mehr Raum, da dieses Thema doch sehr komplex ist. Hierbei und auch beim nächsten Punkt, den Kennzahlen und der Evaluation, wurde versucht möglichst vollständig, aber nicht ausschweifend zu beschreiben, wie die Schritte der Identifikation und Einschreibung ablaufen. Es wird klar argumentiert, warum diese Kennzahlen gewählt wurden. Die Entscheidung fiel auf die Einschreibequote als quantitativen Aspekt und auf die Teilnehmerzufriedenheit als qualitativen Aspekt. Im Anschluss wurden drei typische Interventionsformen eines Patientencoachings ausgewählt und zur besseren Anschaulichkeit an bereits bestehenden Beispielen aus der Praxis beschrieben. Der Patientencoach arbeitet nicht ganz für sich allein, sondern unterhält Kontakte zu anderen Akteuren des Gesundheitswesens. Als Schnittstellen findet der Leser beispielhaft den Arzt, die Krankenkasse und zusätzlich, als neue und interessante Schnittstelle, die Apotheke. Im Punkt fünf geht es um die Abgrenzung des Patientencoachings vom Fallmanagement (oder Case Management) und die Frage, ob beide immer getrennt durchgeführt werden oder auch zusammen stattfinden können. Zwei Projekte, in denen Fallmanager und Patientencoachs (neben anderen Akteuren) zusammenarbeiten, werden dem Leser näher gebracht. Sie geben Antwort auf die Möglichkeit der Verbindung beider Berufsfelder und regen zur Überlegung an, ob „das Ganze doch mehr ist als die Summe seiner Teile“.

2 Depression

Laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE), gemeinsam getragen von RKI und DESTATIS, gehörten Depressionen 2010 zu den häufigsten Formen psychischer Erkrankungen. Die WHO ordnete sie sogar schon in den 1990er Jahren vor den so genannten Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus oder koronaren Herzerkrankungen ein. Häufigkeit, Komplikationen und Folgen von Depressionen haben weitreichende klinische, gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Bedeutung. Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Depressionen zu einem Problem des Gesundheitssystems macht, ist das in verschiedenen Studien aufgedeckte Versorgungsdefizit.[1] Depressionen werden den affektiven Störungen zugeordnet. Dazu zählen neben depressiven auch manische und bipolare Störungen. In dieser Hausarbeit wird sich auf die Kriterien der Klassifikationssysteme des ICD-10 beschränkt. Zu den Hauptsymptomen depressiver Störungen gehören in diesem Rahmen gedrückte Stimmung, Interessenverlust, oder Freudlosigkeit sowie ein verminderter Antrieb und erhöhte Ermüdbarkeit. Zusatzsymptome können Konzentrationsprobleme, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuld- oder Wertlosigkeitsgefühle, negative Zukunftsperspektiven, Suizidgedanken oder –handlungen, Schlafstörungen und Appetitverlust sein.[2] Die 1-Jahres-Prävalenzraten von Depressionen bei Erwachsenen in Europa liegen bei durchschnittlich 12%, die Lebenszeitprävalenz bei ca. 19%, ist also fast doppelt so hoch. Bei 60- 75% der Betroffenen findet sich zudem ein rezidivierender Verlauf.[3] Nachfolgende Statistik (Abbildung 1) zeigt die Prävalenzrate von depressiven Erkrankungen in Deutschland nach Schweregrad (ICD-10) in den Jahren 2010 und 2012. Sie untermauert die schon getroffene Aussage über die Jahresprävalenz und unternimmt Abstufungen hinsichtlich der Krankheitsintensität. Demnach waren im Jahr 2012 rund 2,8% der Bevölkerung über 18 Jahre von einer mittelgradigen depressiven Episode oder einer rezidivierenden depressiven Störung mit einer derzeit mittelgradigen Episode betroffen. Insgesamt lag sie 2012 bei den erwähnten 12%.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Prävalenzrate von depressiven Erkrankungen in Deutschland nach Schweregrad (ICD-10) in den Jahren 2010 und 2012[4]

Der häufig auftretende rezidivierende Verlauf lässt die niedrige Inzidenzrate der nächsten Abbildung (Abbildung 2) verstehen. Offenbar gibt es mehr Individuen mit wiederkehrenden Krankheitsschüben als Individuen mit erstmals auftretender Symptomatik. Im Jahre 2012 wurde bei rund 0,3% aller Erwachsenen über 18 Jahren eine mittelschwere depressive Episode diagnostiziert. Insgesamt lag die Inzidenzrate 2012 bei 1,14%.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Inzidenzrate von depressiven Erkrankungen in Deutschland nach Schweregrad (ICD-10) in den Jahren 2010 und 2012[5]

2.1 Depressive Episode

Derzeit wird bei der Entstehung von depressiven Erkrankungen von einem multifaktoriellen Geschehen ausgegangen, bei dem Genetik, familiäre Belastung, Geschlecht, Lebensalter, die postpartale Zeitperiode, sozioökonomische Faktoren, traumatisierende Lebensereignisse, interpersonelle Abhängigkeit, Neurotizismus und auch immunologische Faktoren wichtige Einflussgrößen darstellen.[6] Die im vorigen Abschnitt genannten Symptome müssen für die Diagnose einer depressiven Episode (auch Major Depression genannt) für mindestens zwei Wochen bestehen, wobei nicht alle Symptome vorhanden sein müssen. Sie halten allerdings die meiste Zeit des Tages an, der Patient leidet und ist in seinen Alltagstätigkeiten eingeschränkt. Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit herrschen vor, oft können Gefühle auch gar nicht benannt werden und somatische Beschwerden bestimmen das Bild. Kopf- oder Rückenschmerzen und auch Suchtmittelmissbrauch können zum Krankheitsbild gehören. Leistungseinbußen, eine Gewichtsabnahme oder Schlafstörungen führen oft zur Erstvorstellung beim Hausarzt.[7] Somatische Beschwerden treten bei der Mehrzahl der depressiven Episoden auf und werden als „somatisches Syndrom“ beschrieben. Verfügt der Hausarzt nicht über die entsprechende diagnostische Kompetenz, führt dies zu einer erniedrigten Identifikationsrate. Somatische Symptome sind Frühwarnzeichen. Sie steigern sich während sechs Monaten vor Diagnose einer Depression und können das Gesundheitssystem durch unsachgemäße Diagnostik (Laparoskopie, Gastroskopie) zusätzlich belasten. Da der Hausarzt oft der erste Ansprechpartner ist, steht er in der besonderen Verantwortung, auch leichte, verdeckt oder untypische Formen der Depression zu erkennen.[8] Da die ICD- Kriterien eine Einteilung nach Schweregrad vornehmen, sind sie nachfolgend in Tabellenform, inklusive des somatischen Syndroms (das nicht extra verschlüsselt ist, aber für Forschungszwecken manchmal kodiert wird[9] ), zusammengefasst und leicht verkürzt dargestellt.

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Tab. 1: Tab. 1: ICD-10-Forschungskriterien für eine depressive Episode[10]

2.2 Depressive Episoden und Fehltage

Die folgende Statistik (Abbildung 3) belegt den Anstieg der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Diagnosen insgesamt zwischen 1997 (76,7 Tage pro 100 Versicherte) und 2015 (243,7 Tage pro 100 Versicherte).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Diagnosen in Deutschland in den Jahren 1997 bis 2015 (AU-Tage pro 100 VJ)[11]

Da in diese Berechnung auch Diagnosen einfließen, die sich einer Depression nicht zuordnen lassen, ist es notwendig, einen detaillierteren Ausschnitt mittels einer anderen Statistik zu zeigen. Hier ist bei der Ursache für eine AU aufgrund einer depressiven Episode ebenfalls ein Anstieg erkennbar. Im Jahr 2013 lassen sich 68,5 und im Jahr 2015 schon 83,2 Tage pro 100 Versicherte auf diese Diagnose zurückführen, wie Abbildung 4 zeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland nach Diagnose in den Jahren 2011 bis 2015 (AU-Tage je 100 VJ)[12]

Der Psychoreport der DAK beziffert 2014 eine Verdreifachung bei der Anzahl der Fehltage durch depressive Episoden (ICD 10 F32) und rezidivierende depressive Störungen (ICD 10 F33). Die Altersgruppe der 20- bis 24-jährigen Frauen mit 164% und 162% bei den 30- bis 39-jährigen Männern ist dabei besonders betroffen. Die Gruppe der 55- bis 59-jährigen ist dagegen bei beiden Geschlechtern am wenigsten betroffen. Insgesamt bleiben Frauen fast doppelt so häufig der Arbeit fern.[13] Ein großes wirtschaftliches Problem ergibt sich aus der Krankheitsdauer von durchschnittlich 64 Tagen. Bei einer Bronchitis sind es dagegen rund sieben Tage.[14] Deshalb fällt der Anstieg bei den depressiven Episoden mehr ins Gewicht und verursacht höhere Kosten als ein Anstieg schneller behandelbarer Erkrankungen. Gab es in den vergangenen Jahren bundesweit teilweise große Unterschiede in den Fallzahlen bei AU aufgrund von Depressionen, haben sich die Zahlen laut AQUA-Forscher Grobe regional in den letzten 15 Jahren angenähert. Besonders häufig betroffen sind Callcenter-Mitarbeiter, gefolgt von Beschäftigten im medizinischen Gesundheitswesen. Wenig anfällig sind laut TK-Erhebung Hochschullehrer, Software-Entwickler und Ärzte.[15] TK-Chef Baas bemängelt allerdings die schon erwähnte mangelhafte Diagnosequalität im ambulanten Sektor durch Hausärzte. Hierdurch können Verzerrungen der tatsächlichen Fallzahlen entstehen, was unterschiedliche Erkrankungs- und Verschreibungshäufigkeiten erklären würde.[16] Dipl.-Psych. Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) erinnerte bereits 2014 an die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten angesichts steigender Zahlen psychischer Erkrankungen.[17] Tatsächlich sind neue Richtlinien und Gesetzesentwürfe hinsichtlich der Richtlinien für Psychotherapie in Arbeit, aber teilweise noch nicht in Kraft getreten.[18] Die nationale Versorgungsleitlinie für unipolare Depression wurde überarbeitet und erweitert, um Defizite in der Versorgung abzubauen und Diagnostik und Therapie zu verbessern. Dadurch kann spezifischer auf Behandler, Betroffene, aber auch Angehörige eingegangen werden.[19] Kritisiert werden von den Verbänden der Psychotherapeuten derzeit noch die Zweiteilung der Kurzzeittherapie in Blöcke von je 12 Sitzungen und die ungenügende Verbesserung für den Gruppentherapiebereich. Außerdem fehlt eine sachgerechte Umsetzung der Rezidivprophylaxe.[20] Für die Verhinderung von Rückfällen und die Überbrückung von Wartezeiten für eine Psychotherapie könnte das Patientencoaching als Präventionsmaßnahme einen wertvollen Beitrag leisten. Ein entsprechendes Konzept wird im nächsten Abschnitt vorgestellt.

3 Konzept für ein Patientencoaching

Die Zielgruppe bilden Patienten mit[21] der Diagnose depressive Episode in leichter bis mittelgradiger Form. Wiederholte Krankenhausaufenthalte und damit einhergehende Kosten sollen mit Hilfe des Programms verhindert werden. Die Teilnehmer werden durch ausgebildetes Personal in ihrem Bestreben unterstützt, langfristig ein günstiges Gesundheitsverhalten zu entwickeln. Verhaltensänderungen können unter anderem mit dem methodischen Ansatz des Transtheoretischen Modells[22] (Veränderung des Lebensstils in 5 Phasen) umgesetzt werden. Depressionen sollen verhindert werden, indem ein gesunder Umgang mit Stress erlernt wird. Im Coaching werden Beratung, Wissensvermittlung und Umgang mit der Krankheit fokussiert, wobei der Versicherte lernt, vermehrt Eigenverantwortung für die Therapie zu übernehmen. Er erlernt Strategien für ein besseres Selbstmanagement, rechtzeitiges Erkennen eigener Notsituationen, stabilisiert sich und verhindert somit Folgeerkrankungen. Das Patientencoaching ist außerhalb der tatsächlichen Versorgung tätig (indirekte Medien) und zielt nicht vorrangig auf Heilung ab. Das Programm hält sich an die evidenzbasierte Medizin, Leitlinien und Anweisungen des behandelnden Arztes. Wichtig ist die Überprüfung des Wissenstransfers. Alle Schulungsinhalte des Programms müssen vom Teilnehmer verstanden und umgesetzt werden können, um nachhaltige Erfolge zu sichern. Merkblätter und Broschüren können dabei zusätzliche Ressourcen darstellen. Alle zu beachtenden Bestandteile eines solchen Patientenprogramms werden nachfolgend erläutert.

3.1 Rechtliche Grundlagen

Gemäß SGB V bestehen die Grundsätze zur Leistungserbringung seitens der gesetzlichen Krankenversicherung aus Solidarität und Eigenverantwortung, Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebots, Sach-, Dienst- und Geldleistungen, (Teil-)Kostenerstattungen und der Verwendung der Versichertenkarte. Gesetzliche Krankenversicherungen decken rund 90% des deutschen Krankenversicherungsmarktes ab, weshalb die Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Health Management Services hauptsächlich vom SGB V und den daraus hervorgehenden Verordnungen vorgegeben werden.[23] § 1 SGB V betont besonders die Solidarität und Eigenverantwortung der Versicherten. Die GKV hat als Solidargemeinschaft die Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen und zu verbessern, was den Begriffen Prävention, Kuration und Rehabilitation entspricht. Der Versicherte wird in die Eigenverantwortung genommen. Er soll sein Leben gesundheitsbewusst führen, sich frühzeitig an gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen beteiligen und aktiv an Krankenbehandlung und Rehabilitation mitwirken. Der Eintritt einer Erkrankung oder Behinderung soll somit vermieden oder die Folgen überwunden werden. Hierfür ist die Krankenkasse der Trias „Aufklärung, Beratung und Leistung“ verpflichtet.[24] Alle Leistungserbringungen unterstehen außerdem dem Wirtschaftlichkeitsgebot. Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein.[25] Den Anspruch auf Versorgungsmanagement allgemein regelt das SGB V in § 11, Absatz 4. Hierbei wird es als Koordinationsaufgabe zwischen den einzelnen Sektoren des Gesundheitswesens aufgefasst, wobei sich Schnittstellenproblematiken ergeben, die hauptsächlich vom Fallmanagement aufgefangen werden sollen.[26] Zusätzliche Patientenschulungsmaßnahmen sind im § 43 SGB V, Abs. 1, Satz 2 festgelegt, wobei für die Nutzung eine ärztliche Verordnung Voraussetzung ist. § 63 SGB V regelt die Möglichkeit, Modellvorhaben zu entwickeln und zu erproben, welche der Weiterentwicklung von Versorgung dienen sollen. Weiterhin haben gesetzliche Rahmenbedingungen Einfluss auf Health Management Services, wie die Auswirkungen des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs zeigen. Durch die Deckungsbeiträge der Versicherten lassen sich Ineffizienzen in der Versorgung entdecken, denen mittels Patientencoaching (oder DMP-Programmen) begegnet werden sollen, um Patienten zu regelmäßigen Arztbesuchen und zur Compliance der Pharmakotherapie zu motivieren. Negative Deckungsbeiträge führen sonst zu einem Ausgabenproblem der Krankenkasse und damit zu erhöhten Zusatzbeiträgen.[27] Die Rechtsgrundlagen müssen für jedes Projekt gesondert geprüft werden. Gesetzliche Krankenkassen sind dazu verpflichtet die Vertragsunterlagen der Aufsichtsbehörde vorzulegen, welche die Möglichkeit hat Einspruch, Nachbesserung oder die Einstellung des Projektes anzuordnen. Ebenso wichtig ist die Einhaltung des Datenschutzes.[28]

3.2 Datenschutz

Das Sozialgeheimnis gilt als besonderes Amtsgeheimnis und ist in § 35 SGB I festgelegt. Es sorgt dafür, dass Sozialdaten[29] nicht unbefugt erhoben, verarbeitet oder genutzt werden. Zum Umgang mit persönlichen Daten der Bürgerinnen und Bürger durch Sozialleistungsträger ist eine gesetzliche Erlaubnis unbedingte Voraussetzung. Das Sozialgeheimnis ist demnach die Datenschutzgrundlage, welche Aktendaten und auch alle gespeicherten Daten in Dateien erfasst. Technische und organisatorische Vorkehrungen sind zu treffen, um den Zugang zu Daten durch nicht befugte Personen zu verhindern.[30] Bei Verletzung von Privatgeheimnissen droht eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr.[31] Zahlreiche Einzelregelungen für die Zulässigkeit der Erhebung, Verarbeitung und Nutzung der Sozialdaten existieren für verschiedene Bereiche.[32] Zudem gibt es Sonderregelungen für verschiedene Sozialleistungsbereiche wie z.B. den der Krankenversicherung.[33] Besonders der Teil, in dem die Durchführung von Modellvorhaben, das Versorgungsmanagement und die strukturierten Behandlungsprogramme abgehandelt werden, zeigt Potentiale zur Identifikation von potentiellen Teilnehmern auf. Für die Ermittlung solcher Potentiale und die Umsetzung von Programmen zum Patientencoaching müssen Sozialdaten analysiert und übermittelt werden. Krankenkassen arbeiten oft mit externen, privatwirtschaftlichen Anbietern zusammen (Outsourcing). Alle involvierten Beteiligten müssen die gesetzlichen Vorgaben genauestens einhalten.[34] § 80 SGB X regelt die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von Sozialdaten im Auftrag durch andere Stellen. Dieser Dritte hat im Fall des Coachingprogrammes im Auftrag der Krankenkasse keinen eigenen Entscheidungsspielraum, deshalb bleibt die Krankenkasse gegenüber den Versicherten verantwortlich für den Umgang mit den entsprechenden Daten. Für die DKV führt (hier als Beispiel) die almeda GmbH das Gesundheitsprogramm bei der Depression durch.[35] Übernimmt ein Dritter autonom Aufgaben wahr, regelt § 179b SGB V die Variante der Funktionsübertragung. Die Datenübergabe erfolgte in der Vergangenheit hauptsächlich über CD-ROM. Mittlerweile werden auch einige Onlinetechniken mit bestimmten Verschlüsselungstechniken genutzt.[36]

3.3 Finanzierung

Im Allgemeinen gelten bei der Preisgestaltung von Dienstleistungen Verfahrensweisen, die auch in anderen Geschäftsbereichen angewendet werden. Mit der Leistung direkt verbundene Kosten (z.B. Telefon- und Versandkosten) richten sich nach der Größe bestimmter Elemente wie der Anzahl der Teilnehmer, der Intensität der Betreuung (je nach Risikogruppe) und Anzahl der Anrufe/SMS. In der Praxis ergibt sich die endgültige Finanzierung oft erst nach Verhandlungen, da die finanziellen Ressourcen dafür oft im Vorfeld ungefähr einkalkuliert werden. Zudem kann man sich auch nach diversen Berechnungsmodellen (monatliche Pauschalen, Mischkalkulationen und Risksharing-Modelle) richten, welche allerdings als Basis eine genaue Ermittlung des Einsparungsvolumens erfordern, die wiederum nur durch den Vergleich einer Interventions- mit einer Kontrollgruppe bestimmt werden kann.

[...]


[1] GBE, URL: http://www.gbe-bund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=0&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=13165 (Stand 00.07.2016.)

[2] ICD- CODE, URL: http://www.icd-code.de/icd/code/F32.1.html (Stand 00.07.2016.)

[3] Vgl. Freitag, C./Barocka, A./Fehr, C./Grube, M./Hampel,H.: 2013, S. 19.

[4] WIdO, Statista, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/320986/umfrage/praevalenzrate-von-depressiven-erkrankungen-in-deutschland-nach-schweregrad/ (Stand 07.11.2016).

[5] WIdO, Statista, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/541342/umfrage/inzidenzrate-von-depressiven-erkrankungen-in-deutschland-nach-schweregrad/ (Stand 07.11.2016).

[6] Vgl. Nickel, M.: 2009, S.: 1ff.

[7] Ebenda.

[8] Dtsch Arztebl 2002; 99: A 124–130 [Heft 3]

[9] Vgl. Nickel, M.: 2009, S.: 31.

[10] Vgl. Nickel, M.: 2009, S.: 31f.

[11] DAK, Statista, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/253972/umfrage/au-tag-aufgrund-psychischer-diagnosen-in-deutschland/ (Stand 07.11.2016).

[12] TK, Statista, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/195977/umfrage/anzahl-der-arbeitsunfaehigkeitstage-nach-diagnose/ (Stand 07.11.2016).

[13] DAK Gesundheit, URL: https://www.dak.de/dak/gesundheit/Depressionen-1714552.html (Stand 00.07.2016).

[14] Ärzte Zeitung online, 28.01.2015, URL: http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/878000/depressionsatlas-immer-fehltage-wegen-depressionen.html (Stand 07.11.2016).

[15] Ärzte Zeitung online, 28.01.2015, URL: http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/krankenkassen/article/878000/depressionsatlas-immer-fehltage-wegen-depressionen.html (Stand 07.11.2016).

[16] Ebenda.

[17] Deutsches Verbände Forum, URL: http://www.verbaende.com/news.php/Tag-der-Seelischen-Gesundheit-Keine-Gesundheit-ohne-psychische-Gesundheit?m=99307 (Stand 07.11.2016).

[18] GBA, URL: https://www.g-ba.de/informationen/richtlinien/20/#tab/beschluesse (Stand 07.11.2016).

[19] DGPPN, URL: https://www.dgppn.de/newsletter2015/pressemitteilung-unipolare-depressionleitlinie-umfassend-ueberarbeitet-und-erweitert.html (Stand 07.11.2016).

[20] DGPPN, URL: http://www.verbaende.com/news.php/Gemeinsamer-Bundesausschuss-beschliesst-neue-Psychotherapierichtlinie-Licht-und-Schatten?m=110568 (Stand 07.11.2016).

[21] Vgl. Kamal, J.: 2014, S. 146-149.

[22] Bengel, J. /Jerusalem, M.: 2009, S.380f.

[23] Vgl. Kamal, J.: 2014, S. 41.

[24] Vgl. § 1 SGB V (Stand 2015).

[25] Vgl. § 12 SGB V (Stand 2015).

[27] Vgl. Binder, A.: 2014, S. 264f.

[28] Vgl. Kamal, J.: 2014, S. 153.

[29] Vgl. §67 SGB X (Stand 2015).

[30] Vgl. Wirtschaftslexikon, URL: http://www.wirtschaftslexikon.co/d/sozialgeheimnis/sozialgeheimnis.htm (Stand 07.11.2016).

[31] Vgl. § 203 StGB.

[32] Vgl. §§ 67-85a SGB X (Stand 2015).

[33] Vgl. §§ 284 ff. SGB V (Stand 2015).

[34] Vgl. Kamal, J.: 2014, S. 50.

[35] DKV, URL: https://www.dkv.com/gesundheit-betreuung-gesundheitsprogramm-seele-106392.html (Stand 20.10.16).

[36] Vgl. Kamal, J.: 2014, S. 50.

Details

Seiten
34
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668374034
ISBN (Buch)
9783668374041
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350878
Institution / Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen
Note
1,0
Schlagworte
programm coaching patienten beispiel erkrankung depressive episode code

Autor

  • Rubi Mauer (Autor)

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