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Ausstieg aus der Prostitution. Zu den Aufgaben und Herausforderungen der Sozialen Arbeit im Kontext der beruflichen Neuorientierung von SexarbeiterInnen

von Sabrina Kaze (Autor)

Hausarbeit 2016 40 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prostitution in Deutschland
2.1 Prostitution, Sexarbeit und sexuelle Dienstleitungen
2.2 Prostitutionsgesetz und gegenwärtige Entwicklungen in Deutschland

3. Ausstieg aus der Sexarbeit
3.1 Geschichte und Stand der Forschung von Ausstiegsprogrammen
3.2 Beweggründe und Anlässe
3.3 Probleme und Hindernisse

4. Soziale Arbeit und Sexarbeit
4.1 Aufgaben der Soziale Arbeit im Kontext der beruflichen Neuorientierung von SexarbeiterInnen
4.2 Möglichkeiten und Grenzen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Sonstige Quellen

1. Einleitung

Prostitution stellt in unserer Gesellschaft „einen tabuisierten Randbereich“ (Albert/Wege 2015) dar, über den zahlreiche Mythen und Klischees existieren, jedoch kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen (vgl. Albert/Wege 2015; von Dücker et al. 2008, S. 24). Vieles ist der „normalen“ und „soliden“ Gesellschaft vorenthalten und spielt sich im Verborgenen ab (vgl. Eichhorst/Marchekwa 1995). Die Charakteristika und Reglements dieses „Milieus“ (Kavemann 2009, S. 90) sind häufig undurchsichtig und werden von der Gesellschaft nur selten akzeptiert und verstanden (vgl. Albert 2015, S. 18; Wege 2015, S. 75).) Die Bevölkerung tut sich „schwer damit, dass Sexualität käuflich ist und sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt als eine Arbeit bezeichnet wird (Suter/Muñoz 2015, S. 112). In der Begründung des Prostitutionsgesetzes forderte der Gesetzgeber, dass Prostitution bzw. Sexarbeit eine Erwerbstätigkeit darstellt (§3 ProstG). Dadurch wurde Prostituierten unter anderem die Möglichkeit eingeräumt, einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen zu können (BMFSFJ 2007, S. 13). 14 Jahre nach Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes sind Frauen und Männer, die einer Tätigkeit in der Prostitution nachgehen, jedoch nach wie vor einer Stigmatisierung und sozialen Benachteiligung ausgesetzt (vgl. Albert 2015). Für viele Sexarbeiter sind die gesellschaftliche Diskriminierung und soziale Ausgrenzung ein Grund, aus der Prostitution auszusteigen und einen beruflichen Neuanfang zu wagen (vgl. BMFSFJ 2015a, S. 38f).

In der folgenden Arbeit soll das Thema Ausstieg aus der Prostitution genauer betrachtet werden. Es wird der Frage nachgegangen, welche Motive Sexarbeiter für einen Ausstieg aus der Sexindustrie benennen und welche Probleme und Hindernisse im Rahmen der beruflichen Neuorientierung auftreten können. Mit Bezug auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Bundesmodellprojektes „Unterstützung beim Ausstieg aus der Prostitution“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aus dem Jahr 2015, sowie qualitativer und quantitativer Erhebungen zum Thema Ausstieg aus der Prostitution werden sowohl die Beweggründe und möglichen Problemlagen der Sexarbeiter beleuchtet, als auch die sich daraus ergebenden Aufgaben für die Soziale Arbeit herausgearbeitet. In Rahmen der vorliegenden Arbeit werden ebenso mögliche Probleme und Herausforderungen der Sozialen Arbeit im Kontext der beruflichen Neuorientierung aufgeführt und diskutiert.

2. Prostitution in Deutschland

Obwohl sich bis heute zahlreiche Vorurteile, Klischees und Mythen um Prostituierte und ihre Arbeitsbereiche ranken, ist die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen in Deutschland sehr hoch1. Der Jahresumsatz in der Prostitution beträgt Schätzungsweise bis zu 14,6 Milliarden Euro (vgl. von Dücker et al. 2008, S. 24; Rosner 2014; Matheis 2015). Auch Steuereinnahmen, die über das Prostitutionsgeschäft verbucht werden, liegen nach Angabe der Zeitung 'Die Welt' im mehrstelligen Bereich. Aus einer Stellungnahme des Landtags NRW vom 04.08.2016 geht hervor, dass allein die Stadt Köln im letzten Jahr knapp 4 Millionen Euro durch die Prostitution eingenommen hat2. Das „Geschäft mit dem Sex“3 erscheint in Deutschland nicht zu Letzt aufgrund der liberalen Gesetzgebung lukrativ4. Während viele EU Staaten wie beispielsweise Schweden oder Frankreich eine kritische bis prohibitionistische Haltung in der Debatte um die Legalisierung von Prostitution einnehmen, vertritt Deutschland seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes im Jahr 2002 eine zunehmend liberale Position und bemüht sich, Prostitution zu entkriminalisieren und Sexarbeit als Erwerbstätigkeit anzuerkennen (vgl. Kavemann 2009, S. 26; Vorheyer 2010; von Dücker 2008 et al., S. 32f). Entsprechend ist „die freiwillige Ausübung der Prostitution durch Erwachsene sowie die Nachfrage danach [...]“ (BMFSFJ 2016) in Deutschland grundsätzlich erlaubt. Zwar galt das Ausüben von Prostitution bis zum Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes auch hierzulande als sittenwidrig, jedoch wurde weder die Inanspruchnahme noch das Anbieten sexueller Dienstleistungen juristisch verboten (vgl. Gugel 2011, S. 32f). Lediglich in den verordneten Sperrbezirken ist Prostitution untersagt und kann gemäß § 184f des Strafgesetzbuches mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten sanktioniert werden.

Der Großteil der in Deutschland arbeitenden Prostituierten ist nach Aussage des BMFSFJ weiblich und ausländischer Herkunft (vgl. BMFSFJ 2016). Die meisten Frauen stammen nach Angabe von TAMPEP aus Osteuropa (vgl. TAMPEP 2009, S. 17). Männer bieten vergleichsweise seltener sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung an (vgl. Albert 2015, S. 2; BMFSFJ 2016). Wie viele Frauen und Männer in Deutschland jedoch tatsächlich in der Prostitution arbeiten, ist nicht bekannt. Die aktuelle Zahl der Sexarbeiter kann derzeit nur geschätzt werden. Die Hochrechnungen schwanken zwischen 150.000 bis 400.000 Prostituierten5, wobei die Zahlen von vielen Experten angezweifelt werden, da gegenwärtig keine wissenschaftlich erhobenen Daten über die genaue Anzahl der Sexarbeiter und ihrer Kunden vorliegen (vgl.; von Dücker et al. 2008, S. 20; Albert 2015, S. 9; BMFSFJ 2016). Eine exakte Datenerhebung wird vor allem durch die Undurchsichtigkeit des Prostitutionsmilieus erschwert. So kann momentan weder die Zahl der durch Zuhälterei und Zwangsprostitution ausgebeuteten Frauen und Männer, noch der Anteil an MigrantInnen genau bestimmt werden6. Darüber hinaus sind viele Frauen und Männer nur temporär in der Prostitution tätig, sodass die Zahlen stetig variieren und schwer zu ermitteln sind (vgl. Kavemann 2009, S. 169). Auch die vielfältigen Angebote sexueller Dienstleistungen im Internet erschweren es, valide Daten zu ermitteln (vgl. Albert 2015, S. 9).

2.1 Prostitution, Sexarbeit und sexuelle Dienstleitungen

Prostitution wird in unserer Gesellschaft überwiegend mit sexuellen oder pornografischen Handlungen in Verbindung gebracht und kann allgemein als das „Anbieten und die Ausübung sexueller Dienstleitungen gegen Geld“ (von Dücker et al. 2008, S. 14) verstanden werden. Harro definiert Prostitution auch als eine „auf gewisse Dauer angelegte Vornahme sexueller Handlungen gegen Entgelt an oder vor wechselnden Partnern […]“ (Harro 2005, S. 381). Die Arbeitsbereiche der Prostitution sind sehr vielfältig und reichen von heruntergekommenen Laufhäusern mit mangelhaften Hygienebedingungen bis hin zu luxuriösen Edelbordellen mit vornehmlichen Ausstattungen (vgl. von Dücker et al. 2008, S. 15). Neben typischen Arbeitsorten wie Clubs, Bordellen und Apartments, bieten Prostituierte ihre Dienstleistungen auch an Straßen oder im Internet an. Die Tätigkeit kann sowohl selbstständig, als auch in einem Angestelltenverhältnis ausgeübt werden, wobei viele Frauen und Männer ebenfalls nebenberuflich in der Prostitution tätig sind (vgl. Kavemann 2009, S.90). Auch die Beweggründe für den Einstieg in die Prostitution sind sehr verschieden. Während einige die Arbeit selbstbestimmt gewählt haben und über eine Berufsidentität verfügen, gehen andere der Tätigkeit aus prekären ökonomischen Gründen nach oder werden durch Drittpersonen ausgebeutet bzw. zur Prostitution gezwungen (vgl. Suter/Muñoz 2015, S.112; Kavemann 2009, S. 94). Kavemann verwendet den Prostitutionsbegriff unter Berücksichtigung verschiedener Kriterien wie Freiwilligkeit, Selbstbild und Motivation und grenzt ihn deutlich von Begriffen wie „Beschaffungsprostitution“ und „Zwangsprostitution“ ab. „Prostitution“ wird von der Autorin als eine Tätigkeit verstanden, die von Erwachsenen freiwillig und aus eigener Motivation aufgenommen wird (vgl. Kavemann 2009, S. 91). Der Entschluss, sexuelle Handlungen auszuführen und anzubieten, beruht nach Kavemann auf einer eigenen, rationalen Entscheidung. Beschaffungsprostitution hingegen dient der Autorin zu Folge ausschließlich der Finanzierung von Drogen oder Genussmitteln und somit als Mittel zum Gelderwerb (vgl. ebd.). Der Begriff Zwangsprostitution bezieht sich bei Kavemann wiederum auf Frauen und Männer, die gegen ihren Willen in der Prostitution arbeiten und durch andere Personen zu sexuellen Handlungen gezwungen werden (vgl. ebd.). Anzumerken ist, dass der Prostitutionsbegriff in unserer Gesellschaft meist eine übergreifende Verwendung findet und ebenso mit den von Kavemann differenzierten Bereichen in Verbindung gebracht wird. Da die Umstände der Prostituierten häufig intransparent und nicht eindeutig zu klären sind, kann eine eindeutige Unterscheidung in den wenigsten Fällen vorgenommen werden, wodurch die Begriffe synonym genutzt werden. Prostitution stellt folglich ein sehr heterogenes Feld dar, in welchem es „nicht 'die' Prostitution und nicht 'die' Prostituierte [gibt]“ (Kavemann 2009, S.91, Hervorheb. im Original). Seit den 2000er Jahren werden zunehmend die Begriffe „Sexarbeit“ und „Sexarbeiter“, verwendet. Die Verwendung der Begrifflichkeiten intendiert vor allem die Anerkennung der Prostitution als Erwerbstätigkeit und Beruf. Die Prostituierten- Fachberatungsstelle Madonna e.V. führt Sexarbeit als Oberbegriff für verschiedene berufliche Tätigkeiten in der Sexindustrie auf. Dazu zählen u.a. die Tätigkeiten von Prostituierten, Dominas, Stripdancern oder Pornodarstellern. Sexarbeiter stellen nach diesem Verständnis „Expertinnen in Sachen Sexualität, Erotik, Unterhaltung und Inszenierung“7 dar (vgl. Suter/Muñoz 2015, S. 122). Sie bieten ihren Kunden sexuelle Dienstleistungen gegen ein zuvor vereinbartes Entgelt an und können professionell in diesem Bereich tätig sein (vgl. von Dücker et al. 2008, S. 22). Mit der Einführung des Prostitutionsgesetzes wurde eine wichtige Grundlage für das Rechtsverhältnis zwischen Sexarbeitern und ihren Kunden geschaffen (vgl. Kavemann 2009, S. 167).

2.2 Prostitutionsgesetz und gegenwärtige Entwicklungen in Deutschland

Das Prostitutionsgesetz auch „Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“ (ProstG) wurde am 20. Dezember 2001 verabschiedet und trat am 1. Januar 2002 in Kraft. Es beinhaltet drei Paragraphen und wird durch zwei Neuerungen im Strafgesetzbuch ergänzt (vgl. BMFSFJ 2007b, S. 13). Ein übergeordnetes Ziel des Gesetzgebers war die Aufwertung der rechtlichen Situation von Prostituierten (vgl. ebd.). Die Arbeitsbedingungen in der Prostitution sollten zugunsten der Sexarbeiter und nicht der Bordellbetreiber oder Kunden verbessert werden (vgl. ebd.). Wie eingangs erwähnt galt das Ausüben von Prostitution vor Inkrafttreten des Gesetzes als sittenwidrig. SexarbeiterInnen mussten zwar Steuern zahlen, konnten jedoch keine Sozialbeiträge entrichten (vgl. Heine 2005, S. 248; Czarnecki et al. 2014, S.9). Mit der Einführung des ProstG wurde die Sittenwidrigkeit aufgehoben und Sexarbeiter erhielten die Möglichkeit, sich sozial zu versichern. Prostituierte können seitdem in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis tätig sein und haben somit auch theoretisch Zugang zu Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten der Arbeitsagenturen (vgl. ebd.; ebd.).

Das Prostitutionsgesetz sieht in seiner Fassung vom 01. Januar 2002 folgende Regelungen vor: Artikel 1, § 1 des ProstG besagt, dass eine rechtswirksame Forderung besteht, sobald sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt vorgenommen wurden. Die Vereinbarung über die Vornahme sexueller Handlungen sowie das Bereithalten eines vereinbartes Entgelt stellt in der Begründung des Gesetzgebers einen einseitig verpflichtenden Vertrag zwischen dem Kunden und der/dem DienstleisterIn dar. Demnach haben Prostituierte nach erbrachter Leistung Anspruch auf die Auszahlung des vereinbarten Entgeltes. Erfolgt die Zahlung nicht, kann die/der Prostituierte klagen und die Forderung rechtlich durchsetzen.

§ 2 des ProstG beinhaltet, dass die Forderung der Sexarbeiter nicht abgetreten werden können, wodurch Einwendungen gegen Forderungen im Sinne von § 1 ProstG beschränkt werden. Der 3 § des ProstG sieht vor, dass das Ausübung von Prostitution eine Erwerbstätigkeit darstellt und sich Prostituierte sozialrechtlich absichern können. Die Veränderungen im Strafgesetzbuch sehen zudem Freiheits- und Geldstrafen für Personen vor, die Prostituierte ausbeuten oder Minderjährige zur Ausübung von Prostitution drängen sowie in jeglicher Form unterstützen. Mit der Legalisierung der Prostitution ist das Betreiben eines Bordells zudem nicht rechtswidrig.

Die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der dort tätigen Frauen und Männer werden sehr unterschiedlich bewertet. Kritiker werfen dem Gesetzgeber vor, dass Deutschland mit der Legalisierung der Prostitution zum „Puff Europas wurde“8 und sexuelle Dienstleistungen zu Spottpreisen angeboten werden können (vgl. ARD 2011). Da Prostitution in vielen Nachbarstaaten stark reglementiert ist, entstehe nach Auffassung der Kritiker in Deutschland eine europaweite Magnetwirkung für Freier und Bordellbetreiber (vgl. ebd.). Die milde Gesetzgebung begünstige nicht nur den Zuwachs von Menschenhandel und Zwangsprostitution9, sondern unterstütze Bordellbetreiber auch darin, hohe Umsätze zu erwirtschaften, während Prostituierte weiterhin durch Geschäftsmodelle wie Flatrate- Bordelle und Sex zu Discountpreisen ausgebeutet werden können (vgl. ebd.). Darüber hinaus habe die Legalisierung der Prostitution dazu geführt, dass viele Prostituierte aus Osteuropa nach Deutschland kommen und der Konkurrenzdruck unter den Sexarbeitern stark zugenommen habe (vgl. Kennebeck/Soliman 2011: 00:03:12 - 00:03:30). Befürworter des Gesetzes betonen wiederum, dass sich die rechtliche Situation der Prostituierten durch das Gesetz deutlich verbessert habe und die Legalisierung nachhaltig dazu verhelfe, Sexarbeit gesellschaftlich anzuerkennen (vgl. ebd. 00:01:58 - 00:02:38). Sexarbeiter selbst schreiben dem Prostitutionsgesetz sowohl Vor- als auch Nachteile zu. Einige sehen in dem Gesetz durchaus Verbesserungen für ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen und schätzen die Möglichkeit, auf ihre Rechte bestehen zu können (vgl. BMFSFJ 2007b, S. 205; Kavemann 2009, S. 98). Andere äußern hingegen, keine nennenswerten Veränderungen durch das Gesetz erfahren zu haben, da die Regelungen in der Praxis nur schwer umzusetzen seien. Die betrifft vor allem Entgeltvereinbarungen und Arbeitsverträge (vgl. ebd.). So sind nach Aussage des BMFSFJ Arbeitsverträge und Beschäftigungsverhältnisse in der Prostitution nach wie vor selten (vgl. BMFSFJ 2007b, S. 54). Auch die Auswirkungen des Gesetzes auf Ausstiegsmöglichkeiten werden überwiegend skeptisch beurteilt (vgl. BMFSFJ 2007b, S. 205; Kavemann 2009, S. 168; BMFSFJ 2015a, S. 38).

Am 07. Juli 2016 hat der Bundestag ein neues Gesetz beschlossen, welches Prostituierte stärker vor Ausbeutung, Gewalt und Infektionen schützen soll10. Das Prostitutionsschutzgesetz (ProstSchuG) sieht neben einer gesetzlichen Kondompflicht strengere Auflagen und Sanktionen für Freier und Bordellbetreiber vor und verpflichtet Sexarbeiter zukünftig zu einer jährlichen Beratung sowie Anmeldung in den Kommunen (vgl. Deutscher Bundestag 2016). Das neue Gesetz intendiert eine stärkere Überwachung und Reglementierung der Prostitution in Deutschland und soll dazu dienen, Gewalt und sexuellen Missbrauch vorzubeugen sowie Menschenhandel und organisierte Kriminalität in der Prostitution zu bekämpfen. Darüber hinaus wird in Erwägung gezogen, das Mindestalter für Prostituierte auf 21 Jahre anzuheben, um junge Menschen vor Ausbeutung und Missbrauch zu schützen (vgl. Czarnecki et al. 2014, S. 11).

Trotz der rechtlichen Bemühungen und geplanten Verordnungen zeigt sich, dass das Thema Prostitution in unserer Gesellschaft nach wie vor kontrovers diskutiert wird (vgl. Albert/Wege 2015). Die gesellschaftliche Abwertung und Stigmatisierung ist für viele Sexarbeiter ein Grund, aus der Prostitution auszusteigen (vgl. BMFSFJ 2015a, S. 37). Im folgenden Teil der Arbeit wird das Thema Ausstieg aus der Prostitution genauer eingegangen.

3. Ausstieg aus der Sexarbeit

Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich sowohl mit der Geschichte und dem gegenwärtigen Stand der Forschung von Ausstiegsprogrammen, als auch mit den individuellen Ausstiegsmotiven von Sexarbeitern. Ebenso werden mögliche Probleme und Hindernisse, die den Ausstiegsprozess erschweren bzw. verhindern können zusammengetragen. Anzumerken ist, dass der Begriff „Ausstieg“ überwiegend negativ assoziiert wird und häufig mit bestimmten Szenen, Milieus oder Sekten in Verbindung gebracht wird, die von der Öffentlichkeit nicht oder nur geringfügig anerkannt werden (vgl. von Dücker et al. 2008, S. 14; Wege 2015, S. 75). Sexarbeit stellt trotz ihrer Legalisierung eine in unserer Gesellschaft moralisch schwer vertretbar Tätigkeit dar, welche zwar widerwillig toleriert, nicht aber akzeptiert wird (vgl. Albert 2015, S. 18; Wege 2015, S. 75). Die gesellschaftliche Wertung der Sexarbeit als „tabuisierter Randbereich“ (Albert/Wege 2015) führt nicht nur zu einer Stigmatisierung der Prostituierten, sondern begünstigt auch die Bildung einer abolitionistischen Haltung (vgl. Albert 2015, S. 19). Die Ausübung von Prostitution wird dabei als „eine belastende Tätigkeit ohne dauerhafte Perspektive“ (ebd.) bewertet, welche grundsätzlich von Ausbeutung und sozialer Benachteiligung gekennzeichnet ist (vgl. ebd.). Die abolitionistische Sichtweise reduziert Sexarbeiter vorrangig auf den Opferstatus und impliziert, dass Prostituierten in jedem Fall ein Ausstieg aus dem benachteiligten Milieu ermöglicht werden muss (vgl. von Dücker et al. 2008, S. 14; Suter/Muñoz 2015, S. 112). Diese Perspektive lässt jedoch außer Acht, dass sich Frauen und Männer ebenso bewusst für eine Tätigkeit in der Sexarbeit entscheiden können und diese Arbeit von den Betroffenen nicht zwangsläufig als Belastung oder Schmach empfunden werden muss (vgl. Albert 2015, S. 21). In der vorliegenden Arbeit soll der Ausstiegsbegriff differenziert betrachtet werden. Es wird davon ausgegangen, dass Sexarbeiter aufgrund unterschiedlicher Gründe einen Berufswechsel in Erwägung ziehen können, dieser jedoch nicht für alle in Frage kommen muss. Der Ausstiegsbegriff wird unter Berücksichtigung der individuellen Lebenslagen, Wünsche und Empfindungen der in der Sexarbeit tätigen Frauen und Männer verwendet und bezieht sich insbesondere auf den Entschluss, eine berufliche Neuorientierung anzustreben.

3.1 Geschichte und Stand der Forschung von Ausstiegsprogrammen

Die ersten Unterstützungs- und Beratungsangebote für ausstiegswillige Sexarbeiter wurden in Deutschland vor etwa 30 Jahren eingeführt (vgl. Kavemann 2009, S.177; Albert 2015, S. 12f). Grund für die zunehmende Auseinandersetzung mit Ausstiegshilfen war die in den 80iger Jahren öffentlich geführte AIDS/HIV Debatte (vgl. Kavemann 2009, S. 177; BMFSFJ 2015a, S. 51). Da die Ansteckungsgefahr in der Prostitution zu dieser Zeit als sehr hoch eingeschätzt wurde, wurde den in der Sexarbeit tätigen Frauen und Männer ein hohes Infektionsrisiko zugeschrieben (vgl. Kavemann 2009, S. 177). Diese Annahme führte dazu, dass die Verdienste in der Prostitution schlagartig zurückgingen und Sexarbeiter unter zunehmender gesellschaftlicher Stigmatisierung und Diskriminierung litten (vgl. ebd.). Die finanziellen Einbußen im Prostitutionsgeschäft sowie die gesundheitlichen Risiken und Stigmata bewegten viele Sexarbeiter dazu, nach beruflichen Alternativen zu suchen und aus der Prostitution auszusteigen (vgl. ebd., S. 178). Im Zuge dieser Entwicklung vermehrte sich auch die Forderung nach Umschulungsmaßnahmen und Ausstiegshilfen für Sexarbeiter (vgl. ebd.). Da die AIDS/HIV-Debatte den Blick jedoch vorrangig auf die gesundheitlichen Risiken der Sexarbeit eröffnet hatte, wurden Unterstützungs- und Beratungsangebote zunächst nur im Präventions- und Gesundheitsbereich geschaffen (vgl. Kavemann 2009, 178; BMFSFJ 2015a, S. 51; Eichhorst/Marchewka 1995, S. 10 145). Angebote, die darauf zugeschnitten waren, Sexarbeiter gezielt beim Ausstieg aus der Prostitution zu unterstützen, existierten zuvor nicht und konnten erst durch das „Engagement von Prostituiertenselbsthilfegruppen, professionellen Beratungsstellen konfessioneller Träger sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der STD- Beratungsstellen an Gesundheitsämtern“ (Kavemann 2009, S. 178) etabliert werden (vgl. Eichhorst/Marchewka 1995, S. 144f). Die Rahmenbedingungen waren zu diesem Zeitpunkt sehr ungünstig und auch Räumlichkeiten und Personal standen nur geringfügig zur Verfügung (vgl. ebd.). Durch die Bemühungen der genannten Arbeits- und Personenkreise konnten jedoch mit der Zeit verschiedene Hilfen und Angebote in der Ausstiegsbegleitung eingeführt werden. Des Weiteren wurden wichtige Kooperationen mit Arbeits- und Sozialämtern geschlossen, welche sich vor allem durch feste Ansprechpartner in den zuständigen Behörden auszeichneten. Dies erleichterte sowohl die Zusammenarbeit mit Fachberatungsstellen als auch die Vermittlung von Sexarbeitern in alternative Berufszweige (vgl. Kavemann 2009, S. 178). Darüber hinaus wurde in einigen Städten die Tätigkeit in der Sexarbeit als Arbeitszeit anerkannt, sodass ausstiegswillige Prostituierte an berufsqualifizierenden Maßnahmen der Arbeitsagenturen teilnehmen konnten (vgl. ebd.). Die beschriebenen Hilfen und Maßnahmen für Sexarbeiter wurden überwiegend von Prostituiertenfachberatungsstellen angeboten und waren in der Regel Modellprojekte, die durch den Bund finanziert wurden (vgl. ebd.). Fachberatungsstellen, die in den 80iger Jahren erstmals Ausstiegsprogramme für Sexarbeiter anboten und ihre Arbeit bis heute fortführen, sind z.B. die freien Träger Hydra e.V. (Berlin), Tamara e.V. (Frankfurt), Kassandra e.V. (Nürnberg) und Madonna e.V. (Bochum). Die Leistungen der Fachberatungsstellen umfassen neben Angeboten im Präventions- und Gesundheitsreich auch Schulungsmöglichkeiten für Sexarbeiter, individuelle Unterstützungsangebote beim Ausstieg aus der Sexindustrie sowie Hilfe bei der Planung und Durchführung der beruflicher Neuorientierung (vgl. Kassandra 2016; Kavemann 2009, S. 178f; Albert 2015, S. 12). Kavemann weist allerdings darauf hin, dass die finanzielle Förderung von Fachberatungsstellen und deren Ausstiegshilfen seit dem Jahr 2004 stetig zurückgefahren wird (vgl. Kavemann 2009, S. 179; Czarnecki et al. 2014, S.23). Viele Beratungsstellen stehen mittlerweile vor dem Problem, ihre Angebote nicht mehr finanzieren zu können11. Erschwerend kommt hinzu, dass auf Seiten der Behörden häufig Unsicherheiten bezüglich der Gesetzgebung und Zuständigkeit von Prostituierten sowie ihrer Vermittlungsmöglichkeiten bestehen (vgl. ebd.). Darüber hinaus stellen Ausstiegshilfen für Sexarbeiter nur selten Gegenstand der Sozialforschung (vgl. ebd., S. 11). In den bisher in Deutschland veröffentlichten quantitativen und qualitativen Studien rückten für das Forschungsfeld „Ausstieg aus der Sexarbeit“ folgende Schwerpunkte ins Zentrum der Erhebungen:

- Untersuchung der Lebenssituation von Prostituierten während des Ausstiegsprozesses (Steffan/Leopold 1997).
- Auswirkungen des Prostitutionsgesetz auf Ausstiegshilfen sowie die Auswirkungen des Gesetzes auf die Lebens- und Arbeitssituation von Prostituierten (BMFSFJ 2007a|b; Kavemann/Rabe 2009).
- Untersuchung der Ausstiegsmotivation und des Zusammenwirkens von Faktoren, die in die Sexarbeit hinein bzw. hinausdrängen (BMFSFJ 2015a|b).

Bis zum Jahr 2015 fehlte es an wissenschaftlichen Erhebungen, welche die Reichweite und Wirksamkeit von Ausstiegsprogrammen prüften und sich nicht nur auf die Ausstiegsmotivation bezogen, sondern auch den weiteren Verlauf der beruflichen Laufbahn ehemaliger Sexarbeiter untersuchten. Die Publikation der 2007 durchgeführten Evaluation „Bericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz

- ProstG)“ machte deutlich, dass Ausstiegshilfen in Deutschland nur vereinzelt und kommunal existierten (vgl. BMFSFJ 2007a|b). Die Evaluation wies auf einen „erheblichen Bedarf an zielgruppenspezifischen und nachhaltigen Angeboten und Fördermöglichkeiten zur Unterstützung des Ausstiegs aus der Prostitution [hin]“ (SoFFI F 2015).

Um den Unterstützungsbedarf ausstiegswilliger Sexarbeiter neu zu erfassen und Ausstiegsprogramme modellhaft auf ihre Reichweite und Wirksamkeit zu erproben, gab das Bundesministerium für Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Jahr 2011 das Bundesmodellprojekt „Unterstützung des Ausstiegs aus der Prostitution“ in Auftrag. An drei verschiedenen Standorten Deutschlands wurden im Zeitraum von November 2009 bis 2014 unterschiedliche Ausstiegsprogramme mit jeweils eigenen Herangehensweisen erprobt und wissenschaftlich evaluiert. Als Standorte wurden Nürnberg (OPERA), Berlin (DIWA) und Freiburg/Kehl (P.I.N.K) gewählt, da die genannten Regionen unterschiedliche Besonderheiten in ihrem Prostitutionsmilieu sowie in ihrer Hilfestruktur aufweisen (vgl. SoFFI F 2015). Die langfristige Auslegung des Bundesmodellprojektes hatte zum Ziel, ausstiegswillige Sexarbeiter zu unterstützen, ihre Ausstiegsverläufe zu analysieren und die Projekte auf ihre Nachhaltigkeit zu prüfen.

[...]


1 Sierpinski, D.: Prostitutionsland Deutschland - Willkommen im Paradies für Freier, veröffentlicht am 20.06.2013 in: n- tv [Online] http://www.n-tv.de/politik/Willkommen-im-Paradies-fuer-Freier-article10843146.html [Stand] 17.09.2016

2 Dpa/df: Käufliche Liebe - Hier nimmt der Staat durch Sex-Steuern am meisten ein, in: Die Welt, veröffentlicht am 09.08.2016 [Online] http://www.welt.de/wirtschaft/article157587646/Hier-nimmt-der-Staat-durch-Sex-Steuern-am- meisten-ein.html [Stand] 17.09.2016

3 „Prostitution ohne Grenzen? Das Geschäft mit dem Sex“, in: SWR, veröffentlicht am 13.10.2015 [Online] http://www.swr.de/betrifft/betrifft-geschaeft-sex/-/id=98466/did=16123872/nid=98466/1kdwyde/index.html [Stand] 17.09.2016

4 Matheis, Katharina: Prostitution - Zwangsouting im Sperrbezirk, in: Wirtschaftswoche, veröffentlicht am 24.04.2015 [Online] http://www.wiwo.de/politik/deutschland/prostitution-zwangsouting-im-sperrbezirk/11617006.html [Stand] 17.09.2016

5 Von Bar, Caroline: Nebel im Sperrbezirk, in: Die Zeit, Ausgabe Nr. 50/2013, veröffentlicht am 05.12 2013 [Online] http://www.zeit.de/2013/50/prostitution-debatte-fakten-zahlen [Stand] 17.09.2016

6 Dolinsek, Sonja: Menschenhandel und die vergebliche Suche nach verlässlichen Zahlen, in: Menschenhandel heute, kritisches Magazin gegen Ausbeutung, veröffentlicht am 30.05.2012 [Online] https://menschenhandelheute.net/2012/05/30/menschenhandel-und-die-vergebliche-suche-nach-verlasslichen-zahlen [Stand] 17.09.2016

7 Madonna e.V. - Fachberatungsstelle für Prostituierte, Was ist Sexarbeit? [Online] http://www.madonna- ev.de/index.php/%C3%BCber-sexarbeit/was-ist-sexarbeit.html [Stand] 17.09.2016

8 „Liberales Prostitutionsgesetz: Wie Deutschland zum Puff Europas wurde“, in: ARD, veröffentlicht am 29.09.2011 [Online] http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2011/prostitution129.html [Stand] 17.09.2016

9 „Prostitutionsgesetze und ihr Einfluss auf den Menschenhandel, Liberale Gesetzgebung scheint „moderne Sklaverei“ zu begünstigen“, Pressemitteilung der Universität Heidelberg: Nr. 106/2013, veröffentlicht am 27.05.2013 [Online] https://www.uni-heidelberg.de/presse/news2013/pm20130527_prostitution.html [Stand] 17.09.2016

10 Deutscher Bundestag: „Prostituierte müssen sich anmelden“, veröffentlicht am 07.07.2016 [Online] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw27-de-prostitutionsgewerbe/434790 [Stand] 17.09.2016

11 Jaeger, Mona: Neues Prostitutionsgesetz - Kein Beruf wie jeder andere, in: Frankfurter Allgemeine, veröffentlicht am 23.03.2016 [Online] http://www.faz.net/aktuell/politik/politik-beschliesst-neuregelung-des-prostitutionsgesetzes- 14138231-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3 [Stand] 17.09.2016

Details

Seiten
40
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668373594
ISBN (Buch)
9783668373600
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350732
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
Sexarbeit Soziale Arbeit Prostitution berufliche Neuorientierung Ausstieg Sozialarbeiter Sexarbeiter Prostitutionsgesetz

Autor

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    Sabrina Kaze (Autor)

    8 Titel veröffentlicht

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Titel: Ausstieg aus der Prostitution. Zu den Aufgaben und Herausforderungen der Sozialen Arbeit im Kontext der beruflichen Neuorientierung von SexarbeiterInnen