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Nation und Nationalismus. Eine Analyse des Begriffs der Nation im politischen Denken Max Webers

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Nation
2.1 Die Abgrenzung zeitgenössischer Erklärungsmodelle
2.2 Die Bewusstseins- und Solidaritätsgemeinschaft
2.3 Die Bedeutung der Kultur
2.4 Das Streben nach Staatenbildung

3. Das Verhältnis von Nation und Staat
3.1 Die Notwendigkeit des Machtstaates
3.2 Der kapitalistische Imperialismus

4. Der Nationalist Max Weber
4.1 Max Weber und die Wertfreiheit
4.2 Max Weber und der Nationalismus
4.3 Max Weber und der deutsche Machtstaat
4.4 Max Weber als Wegbereiter des Nationalsozialismus

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit analysiert den Begriff der Nation in dem politischen Denken Max Webers sowie die elementaren Werte und Begriffe, welche dem Konzept zugrunde liegen. Das Ziel der Arbeit ist die Erarbeitung des Nationsbegriffes anhand von Primär- sowie Sekundärquellen, um diesen in seiner komplexen Gesamtheit methodisch zu vermitteln.

Aufgrund arbeitstechnischer Restriktionen verzichtet diese Arbeit auf die ausführliche Darstellung des historischen Kontexts sowie die Herleitung und Darstellung aller Beispiele, welche im Zusammenhang mit dem Nationsbegriff stehen. An erforderlicher Stelle werden jedoch entsprechende Hinweise zu vertiefender Fachliteratur gegeben.

In einem ersten Schritt der Arbeit wird der Begriff der Nation nach Max Weber ermittelt. Nach einer einleitenden Abgrenzung von etablierten Erklärungsmodellen wird der Schwerpunkt dieses Kapitels auf der Analyse der wert- und zweckrationalen Aspekte der Konzeption liegen.

In einem zweiten Schritt wird der zuvor erarbeitete Nationsbegriff mit dem Staatsbegriff nach Max Weber in Verhältnis gesetzt. Hierbei wird besonders der machtpolitische Moment in Max Webers Nations- und Staatsdenken beleuchtet.

In einem weiteren Schritt werden die persönlichen Wertvorstellungen Max Webers und deren Einfluss auf sein politisches Denken erläutert. Dabei erfahren die zentralen Kritikpunkte an Max Webers vermeintlicher Wertfreiheit sowie liberal-imperialistischen Tendenzen eine besondere Berücksichtigung.

Abschließend behandelt die Arbeit die Frage nach der Aktualität des weberschen Nationsbegriffes sowie mögliche Implikationen, welche sich daraus für die zeitgenössische politische Welt ergeben. Die in diesem Zusammenhang aufgeworfenen Fragen können in dieser Arbeit lediglich ermittelt, aufgrund ihrer Komplexität nicht aber abschließend behandelt werden. Eine abschließende Klärung dieser Fragestellungen muss die Zielsetzung vertiefender wissenschaftlicher Arbeiten sein.

2. Der Begriff der Nation

Der Begriff der Nation nimmt in den politischen Werken Max Webers eine herausragende Rolle ein. Diese Tatsache basiert auf zwei Besonderheiten, welche für den Begriff der Nation bezeichnend sind. Zunächst einmal ist die Idee der Nation das zentrale Leitmotiv in dem politischen Denken Max Webers.[1] Diese Feststellung alleine begründet bereits die zweite Besonderheit. Denn entgegen seiner elementaren Bedeutung hat Max Weber den Begriff der Nation niemals eindeutig definiert.

Der Grund für diese Nichtdefinition ist bei der dem Begriff zugrundeliegende Komplexität zu verorten.[2] Max Weber selbst stellt fest, dass der Begriff der Nation soziologisch nicht eindeutig ist und auf dem individuellen Solidaritätsempfinden heterogener Menschengruppen basiert.[3] Folgerichtig ist der Nationsbegriff somit der Wertsphäre zuzuordnen. Zwecks Konkretisierung bedient sich Max Weber in einem ersten Schritt der Abgrenzung von zeitgenössischen Erklärungsmodellen und bestimmt somit nicht was eine Nation ist, sondern was eine Nation nicht ist. Darauf aufbauend beschreibt Max Weber die Nation anhand der ihr eigenen wert- und zweckrationalen Gesichtspunkte.

2.1 Die Abgrenzung zeitgenössischer Erklärungsmodelle

Den zeitgenössischen Erklärungsmodellen zur Nation, welche diese als das Resultat der Gemeinsamkeit oder Kombination bestimmter Massenkulturgüter beschreiben, steht Max Weber kritisch gegenüber. Der vor allem im deutschen Sprachraum verbreiteten Annahme, dass eine Nation identisch mit einer Sprachgemeinschaft ist, widerspricht Max Weber ausdrücklich.[4] In diesem Zusammenhang verweist Max Weber anhand realer Beispiele auf die Tatsache, dass eine gemeinsame Sprache weder zwangsläufig eine Nation formt, noch dass eine Nation zwangsweise einer gemeinsamen Sprache bedingt.[5] Nichtsdestotrotz misst Max Weber der Sprachgemeinschaft eine hohe, wenn auch nicht die entscheidende Bedeutung bei der Entstehung der Nation zu.[6] Ähnlich verhält die Bewertung der Religionsgemeinschaft und als konstitutiver Faktor in der Begründung einer Nation.[7]

Dagegen geradezu energisch verwirft Max Weber die Idee der Nation als einen bloßen Ausdruck der ethnischen Gemeinschaft. Eine solche führt ohne Frage zu einem ethnischen Gemeinschaftsgefühl, doch ein „ethnisches Gemeinschaftsgefühl allein macht noch keine Nation“[8]. Ferner bewertet Max Weber den Begriff ethnisch als „unbrauchbarer Sammelname“[9], welcher wissenschaftlich „über Bord geworfen werden“[10] kann.

Diese Feststellungen führen abschließend zu der Fragestellung, welche Charakteristika schlussendlich konstitutiv für den Nationsbegriff sind, wenn die zeitgenössischen Erklärungsmodelle auszuschließen sind. Dieser nennt Max Weber zwei.

Zum einen die subjektive Wahrnehmung der Nation als Bewusstseins- und Solidaritätsgemeinschaft, was Max Weber als wertrationales Element der Nation qualifiziert. Des Weiteren das Streben der Nation nach Staatenbildung und der damit verbundenen machtpolitischen Souveränität, was für Max Weber das zweckrationale Element der Nation repräsentiert.[11]

2.2 Die Bewusstseins- und Solidaritätsgemeinschaft

Das wertrationale Element der Nation entspringt einem spezifischen Gemeinschafts- und Solidaritätsempfinden, welches die politische Gemeinschaft für sich in Anspruch nimmt. Dieses subjektive Empfinden ist maßgeblich durch ein als gemeinsam wahrgenommenes politisches Schicksal geprägt.[12] Dementsprechend ist die Nation eindeutig der Wertsphäre zuzuordnen[13] sowie eine imaginäre Erscheinung, welche sich aus ihrem eigenen subjektiven Empfinden heraus selbst konstituiert.[14]

Entsprechend Max Webers Überzeugung von dem Kampf als einen universellen Bestandteil des sozialen Zusammenlebens, spielt dieser auch bei der Definition der Nation eine zentrale Rolle. So wird das kollektive politische Schicksal in besonderem Maße durch „gemeinsame politische Kämpfe auf Leben und Tod“[15] beeinflusst, welche diesem erst „die entscheidende Note“[16] geben.

Dabei lässt die Beschreibung der Nation als ein imaginäres Konstrukt die objektiven Gemeinsamkeiten als sekundäre Elemente in den Hintergrund treten.[17] Diese sind nach der Auffassung Max Webers zwar niemals die ausschlaggebenden Impulse für die Solidaritätsgemeinschaft, dennoch bieten sie ein nicht zu vernachlässigendes Potential.[18] Nichtdestotrotz ist es für die Nation vollkommen unerheblich, ob die subjektiv wahrgenommene Gemeinsamkeit auf objektiv korrekten Fakten basiert.

Die nationale Solidarisierung nach Innen wird immer durch die Abgrenzung nach Außen begleitet und verstärkt. Diese Tatsache führt dazu, dass in Folge einer externen Bedrohung die internen Differenzen überwunden werden. Folglich spielt im Denken Max Webers die Differenzierung nach Außen eine gewichtigere Rolle als die friedliche Vergemeinschaftung im Inneren.[19]

Ferner merkt Max Weber in Bezug auf die Heterogenität der Nation kritisch an, dass eine „qualitative Eindeutigkeit des nationalen Gemeinschaftsglaubens“[20] nicht möglich sei. So herrscht ein ewiges Konfliktpotential bezüglich den individuellen Werten und dem Grad der Souveränität auch innerhalb der vermeintlich geeinten Nation. Diese Wertkollisionen unterstreichen ein weiteres Mal die Bedeutung des Kampfes im sozialen Zusammenleben für Max Weber.[21] In diesem Zusammenhang verweist Max Weber auf die nationale Kultur, welche die internen Konflikte zwar nicht lösen kann, diese jedoch in Form von Konventionen und Sitten abmildern kann.

2.3 Die Bedeutung der Kultur

Die Kultur nimmt in dem Nations- und Staatsdenken Max Webers eine zentrale Rolle ein, auch wenn die Nation nach keine reine Kulturgemeinschaft ist.[22] So wird das spezifische Gemeinschafts- und Solidaritätsempfinden fundamental durch verbindende Kulturgüter gefördert.[23] Bei dem Verhältnis von Kultur und Nation handelt es sich um ein sich gegenseitig beeinflussendes, weshalb die Kultur auch grundsätzlich eine nationale Kultur ist.[24]

Ferner ist die Kultur unerlässlich für die Definition der Nation als Wertbegriff, da eine wertgebundene Differenzierung der Nation nach Außen ohne eine spezifische Kultur nahezu unmöglich ist.[25] Nicht ohne Grund spricht Max Weber in diesem Zusammenhang davon, „daß eine Menschengruppe die Qualität als Nation (…) als Errungenschaft in Anspruch nehmen kann“[26]. Zudem verbindet die Kultur das normative und empirische Konzept der Nation, da sie die empirischen Gemeinsamkeiten (z. B. Sprache, Literatur und Sitten) mit der normativen Wertung eben dieser Gemeinsamkeiten in sich vereint.[27] Als Resultat dieser Erwägungen qualifiziert Max Weber die geistige und kulturelle Elite einer Gesellschaft als die wahren Träger der nationalen Idee, da diese die nationalen Kulturgüter prägen.[28]

Ungeachtet der Bedeutung der Kultur für die Nation, kann diese in einer von machtpolitischen Konflikten gekennzeichneten Welt nicht alleine aufgrund ihres Kulturwertes bestehen. Um sich der Dominanz anderer Nationen zu entziehen muss die Nation nach Staatenbildung und der damit verbundenen machtpolitischen Souveränität streben.

2.4 Das Streben nach Staatenbildung

Das Streben nach Staatenbildung ist für Max Weber der Ausdruck der „bewußten Anteilnahme am machtpolitischen Schicksal“[29] der Nation durch die Nation. Es verfolgt die machtpolitische Souveränität der Nation und repräsentiert das zweckrationale Element des Nationsbegriffes.[30]

Das Streben nach Staatenbildung findet, abhängig vom jeweiligen Stadium, seinen Ausdruck in einem „pathetisches Sehnen“[31] der Nation nach einem Staat oder in einem „pathetischen Stolz“[32] der Nation auf einen Staat.[33] Somit beschreibt das Streben den Übergang der Nation von einer rein imaginären zu einer realen machtpolitischen Gemeinschaft.[34] Diese Feststellung erklärt, warum die Begriffe der Völkerschaft, des Stammes oder auch des Volkes durch Max Weber als unbrauchbar für die Wissenschaft qualifiziert werden[35]. So konstituieren sich diese Formen nicht final als machtpolitischen Gemeinschaften, sondern verbleiben eine rein imaginäre.

Abschließend führt Max Weber an, dass die Konstituierung eines Staates nicht nur Resultat der Nation, sondern auch deren Quelle sein kann.[36] Folgerichtig erkennt Andreas Anter [37], dass diese von Max Weber verwendete Kausalität zu einem Zirkelschluss führt. Denn nach diesem Konzept leiten beide Begrifflichkeiten ihre Existenz jeweils vom anderen ab.

Nichtsdestotrotz darf hieraus nicht auf eine vermeintliche Deckungsgleichheit von Staat und Nation geschlossen werden. Für eine solche Kongruenz ist der inhärente Konflikt zwischen der subjektiven Nation und dem rationalen Staat ein zu schwerwiegender.[38] Ungeachtet ihrer grundsätzlichen Gegensätzlichkeit sind die Begriffe der Nation und des Staates dennoch untrennbar miteinander verbunden.[39]

[...]


[1] Vgl. Anter, A. (2014), S. 130

[2] Vgl. Weber, M. (1980), S. 244

[3] Vgl. Weber, M. (1985), S. 528, 530

[4] Vgl. Weber, M. (1985), S. 528; Weber, M. (1980), S. 242

[5] Vgl. Weber, M. (1985), S. 528

[6] Vgl. Fitzi, G. (2004), S. 208

[7] Vgl. Weber, M. (1985), S. 528

[8] Weber, M. (1985), S. 528; indirekt auch vgl. Weber, M. (1980), S. 242

[9] Weber, M. (1980), S. 242

[10] Weber, M. (1980), S. 242

[11] Vgl. Anter, A. (2014), S. 134; Mommsen, W. J. (2004), S. 54; Breuer, S. (1994), S. 136

[12] Vgl. Weber, M. (1985), S. 529f; Mommsen, W. J. (2004), S. 54; Fitzi, G. (2004), S. 199; Beetham, D. (1992), S. 120

[13] Vgl. Weber, M. (1980), S. 528

[14] Vgl. Anter, A. (2014), S. 132; Mommsen, W. J. (2004), S. 53

[15] Weber, M. (1985), S. 515

[16] Weber, M. (1985), S. 515

[17] Vgl. Weber, M. (1985), S. 515; Mommsen, W. J. (2004), S. 55; Bayer, M. und Mordt, G. (2008), S. 151

[18] Vgl. Beetham, D. (1992), S. 122

[19] Vgl. Breuer, S. (1994), S. 134f

[20] Weber, M. (1980), S. 242; Weber, M. (1985), S. 529f

[21] Vgl. Anter, A. (2014), S. 157

[22] Vgl. Breuer, S. (1994), S. 135

[23] Vgl. Fitzi, G. (2004), S. 202

[24] Vgl. Beetham, D. (1992), S. 125

[25] Vgl. Beetham, D. (1992), S. 122, 126

[26] Weber, M. (1985), S. 529

[27] Vgl. Beetham, D. (1992), S. 127

[28] Vgl. Weber, M. (1985), S. 530; Beetham, D. (1992), S. 126; Fitzi, G. (2004), S. 202

[29] Mommsen, W. J. (2004), S. 55

[30] Vgl. Weber, M. (1980), S. 244f

[31] Weber, M. (1980), S. 244

[32] Weber, M. (1980), S. 244

[33] Vgl. Fitzi, G. (2004), S. 215

[34] Vgl. Beetham, D. (1992), S. 128

[35] Vgl. Fitzi, G. (2004), S. 210

[36] Vgl. Anter, A. (2014), S. 134; Beetham, D. (1992), S. 122

[37] Vgl. Anter, A. (2014), S. 134

[38] Vgl. Anter, A. (2014), S. 149; Breuer, S. (1994), S. 137

[39] Vgl. Beetham, D. (1992), S. 128

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668370210
ISBN (Buch)
9783668370227
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v350439
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Staatswissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Poltikwissenschaften Soziologie Nation Nationalismus Deutschland Gemeinschaft Polarisierung Staat Staatlichkeit Volk Macht Imperialismus

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