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Eine kleine Einführung in die Erzähltheorie mit einer Analyse von Stefan Zweigs "Schachnovelle"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Analyse der Novelle unter dem Aspekt der Zeit
a. Ordnung
b. Dauer
c. Frequenz

3. Analyse der Novelle unter dem Aspekt des Modus
a. Distanz
b. Fokalisierung

4. Analyse der Novelle unter dem Aspekt der Stimme
a. Zeitpunkt des Erzählens
b. Ort des Erzählens
c. Stellung des Erzählers zum Geschehen

5. Ergänzende erzähltheoretische Einordnungen
a. faktuales und fiktionales Erzählen
b. zuverlässiges und unzuverlässiges Erzählen

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dichtes Treiben auf einem Passagierschiff von New York nach Buenos Aires, unterschiedlichste Passagiere, ein namenloser Erzähler und ein geteiltes Interesse - das Schachspiel. Stefan Zweigs Schachnovelle handelt von dem Ölmillionär McConnor, einem außergewöhnlichen Schachweltmeister, einem interessierten Ich-Erzähler und dem mysteriösen und zugleich beeindruckend gut schachspielenden Dr. B. Die Novelle, welche 1942 als letztes Werk von Zweig veröffentlicht wurde, lässt ebenjene Charaktere aufeinander treffen und eröffnet Einblicke in aufregende Schachduelle und die Psychen der jeweiligen Protagonisten. Während sich McConnor eine Schachpartie gegen den Weltmeister erkauft, um sein Ego zu pflegen, beobachtet der Ich- Erzähler das ganze Geschehen mit großem Interesse. Kurz zuvor erhielt er die Information, dass Czentovic, der amtierende Schachweltmeister, abgesehen von seinem herausragenden Talent im Schachspielen eher auffallend untalentiert sei - etwas, dass die Person des Weltmeisters äußerst ambivalent erscheinen lässt. Während einer zweiten Partie einer versammelten Truppe Hobbyschachspieler gegen den Weltmeister mischt sich Dr. B - ein bis dahin Unbekannter - ein und rettet McConnors Partie zu einem Remis. Im weiteren Verlauf der Novelle erzählt Dr. B dem Erzähler den Grund für seine Schachkenntnisse. Der ehemalige Treuhänder wurde von den Nationalsozialisten aufgrund seiner Informationen lange festgehalten und entging dem Wahnsinn nur durch das Auswendiglernen eines Schachbuches, welches er einem Aufseher entwenden konnte. Nach anfänglicher Enttäuschung lernte Dr. B die Partien auswendig und begann in seinem Kopf gegen sich selbst zu spielen. Während dieser Isolationshaft entwickelt er eine Schizophrenie. Nach der Befreiung aus der Haft durch die Diagnose eines Arztes hatte er niemals seine Schachkenntnisse in der Praxis ausprobiert. Diese Gelegenheit kommt ihm nun auf dem Passagierschiff zuteil - er spielt gegen den Schachweltmeister. Als dieser verliert, fordert er eine Revanche. Innerhalb der zweiten Partie wird Dr. B immer unruhiger, beginnt die Anwesenden zu beleidigen und entwickelt manische Züge. Erst als der Erzähler ihn in das Schiffstreiben zurückholt, gewinnt Dr. B seine Geistesgegenwart zurück. Er beteuert nie wieder Schach spielen zu wollen.

Die vorliegende Arbeit untersucht Stefan Zweigs Schachnovelle nach erzähltheoretischen Aspekten. Hierbei wird die Einf ü hrung in die Erz ä hltheorie von Matías Martínez und Michael Scheffel als Grundlage dienen. Zusätzlich soll die Arbeit die erzähltheoretischen Kategorien nach welchen das Werk untersucht wird, beschreibend erläutern. Die beiden Autoren haben auf der Grundlage der Trennung von „Wie“ (Wie wird erzählt) und „Was“ (Was wird erzählt) ein praktisch anwendbares Modell der erzähltheoretischen Analyse narrativer Texte verfasst.

Die Erzähltheorie oder Narratologie ist eine Methode zur systematischen Darstellung eines Erzähltextes. Unter dieser Rubrik lassen sich sämtliche erzählenden Texte zusammenfassen, von Interviews über Spielfilme, Witze oder klassischer Literatur in Form von Romanen, Novellen oder Dramen.

In der folgenden Arbeit werde ich ausführlich das „Wie“ der erzähltheoretischen Analyse erläutern und die Schachnovelle danach untersuchen. Ergänzend wird auf zwei Merkmale außerhalb dieses „Wies“ eingegangen - dem fiktionalen bzw. faktualem Erzählen und die Differenzierung zwischen zuverlässigem und unzuverlässigem Erzählen. Zuletzt kommt es zu einem Fazit bezüglich der beiden herangezogenen Textgrundlagen.

2. Analyse der Novelle unter dem Aspekt der Zeit

Die Zeit ist ein elementarer Bestandteil einer Erzählung. Zu unterscheiden hierbei ist zum einem die erzählte Zeit, also die Zeitspanne welche die Geschichte umschließt und die Erzählzeit, also die Zeit, die der Erzähler zum Mitteilen seiner Geschichte benötigt. Es besteht also ein Verhältnis zwischen der Erzählzeit und der erzählten Zeit. Martínez und Scheffel unterteilen den zeitlichen Aspekt in drei Unterpunkte. Diese lauten angelehnt an Genette1:

a) die Ordnung
b) die Dauer
c) und die Frequenz.

a) Zunächst befasse ich mich mit der Ordnung einer Erzählung, beziehungsweise konkreter mit der Ordnung der Schachnovelle Stefan Zweigs. Die Ordnung einer Erzählung analysiert die Reihenfolge der Geschehnisse. Hierbei sind verschiedene Möglichkeiten gegeben. Eine Erzählung konsequent von hinten aufzuziehen, das heißt unbeirrt in umgekehrter Chronologie zu erzählen, wird äußerst selten praktiziert. Daher möchte ich mich auf die beiden weiteren Möglichkeiten des linearen, also chronologischen Erz ä hlens und des anachronischen Erz ä hlens fokussieren. Schematisch lässt sich das lineare Erzählen in einer logisch aufeinanderfolgenden Beziehung darstellen: A - B - C.

Die Variablen ABC stehen hierbei jeweils für einzelne Geschehnisse, welche streng chronologisch aufeinander folgen. Das lineare Erzählen ist die klassischste und natürlichste Weise des Erzählens. Dem gegenübergestellt befindet sich das anachronistische Erzählen. Hierbei finden Zeitsprünge innerhalb der erzählten Zeit statt. Zu unterscheiden sind die Analepse (Rückwendungen) und die Prolepse (Vorausdeutung). Die Analepse macht also einen Zeitsprung in die Vergangenheit, während die Prolepse ein zukünftiges Ereignis in die Erzählung einwebt. Schematisch, bei drei aufeinanderfolgenden Ereignissen lassen sich diese beiden Zeitsprünge wie folgt darstellen:

a) Analepse: B - A - C
b) Prolepse: A - C - B

Die Erzählung der Schachnovelle, welche aufgeteilt ist in eine Rahmen- und Binnenerzählung2, nutzt innerhalb der Rahmenerzählung des unbenannten Ich-Erzählers eine größtenteils lineare Erzählweise. Doch kleine Zeitsprünge sind auch hier zu finden, welche wichtige Informationen für die Erzählung enthalten. So beginnt die Novelle mit dem Beladen des Passagierschiffes und der Unterhaltung des Erzählers mit einem Bekannten. Dieser informiert ihn über das Eintreffen des Schachweltmeisters Czentovic. Die darauffolgende Erinnerung des Erzählers an die Kindheit und den Werdegang des Schachweltmeisters stellt eine Rückwendung, also eine Analepse dar. Anhand dieses Stilmittels lässt sich auch das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit konkreter darstellen. So umfasst die Darstellung des Werdegangs in meiner Bücherfassung3 gerade einmal 13 Seiten, während eine Entwicklung über sicherlich zehn Jahre erzählt wird. Die Binnenerzählung des Dr. B. und der Darbietung seines Leidenswegs in der Isolationshaft des NS- Regimes läuft dagegen chronologisch, also linear ab. Zwar stellt die Erzählung des Dr. B an sich eine Analepse innerhalb der Rahmenerzählung des Ich-Erzählers dar, dennoch lässt sich diese Analepse als eigenständige Erzählung in chronologischer Form analysieren.

b) Als nächstes möchte ich den Unterpunkt der Dauer erläutern. Auch hier finden sich verschiedene Möglichkeiten des Aufbaus einer Erzählung. Martínez und Scheffel unterscheiden wieder in Anlehnung an Genette die Formen der Szene, Dehnung, Raffung, Ellipse und Pause.

Das szenische Erz ä hlen umfasst zeitdeckendes Erzählen, also eine Erzählzeit, die der erzählten Zeit gleicht. Dies findet sich zumeist in Dialogen wieder, welche in einer Art Echtzeit wiedergegeben werden. Die Dehnung und die Raffung sind die jeweils nach links und rechts abweichenden Möglichkeiten. Wie die Bezeichnungen es bereits nahelegen, wird bei einer Dehnung die Erzählzeit verlängert (d.h. die Erzählzeit ist länger als die erzählte Zeit), während bei der Raffung die Erzählzeit kürzer ist, als die erzählte Zeit. Es findet ein summarisches Erzählen statt. Die Ellipse sorgt ebenfalls für eine Beschleunigung des Erzähltempos, da sie Ereignisse auslässt, ohne dies anachronistisch zu tun. Beispielhaft wäre hierfür ein Satz wie: „Der Mann traf eine Bekannte, begann mit ihr zu sprechen und ritt wenig später in Richtung Sonnenuntergang.“ In diesem ausgedachten Satz wird das Gespräch des Mannes mit seiner Bekannten weggelassen um die Erzählzeit zu beschleunigen. Bei der Pause passiert das Gegenteil. Die Handlung der Erzählung bleibt stehen, während die Erzählung selbst fortläuft. Dies passiert beispielsweise bei Ausschweifungen oder irrelevanten Betrachtungen.

Die Schachnovelle ist größtenteils wechselnd in einer szenischen und summarischen Erzählweise geschrieben. Gut sichtbar wird dies innerhalb der Analepse der Czentovicschen Kindheit, welche in einem anekdotischen Wechsel zwischen szenischem und zeitraffendem Erzählen geschrieben ist. Während Dialoge der Schachnovelle zumeist in einer szenischen Darstellungsform dargeboten werden,

„ Ihr Zug scheint den Meister nicht sehr begeistert zu haben. “ „ Welchen Meister? “ 4

wechselt die Erzähldauer im nächsten Satz zu einer Raffung der Geschehnisse

<Ich erkl ä rte ihm, jener Herr, [ ... ] , sei der Schachmeister

Czentovic gewesen.> 5

indem die wortwörtliche Erklärung in einem Satz zusammengefasst und nicht szenisch dargestellt wird. Dennoch lässt sich sagen, dass die Raffung oftmals sehr schwach gehalten ist, da die Ereignisse nur geringfügig verkürzt dargestellt werden. Hierfür ein Beispiel, welches zeigt, dass ein kurzer Zeitraum durch eine Raffung knapp dargestellt wird.

[...]


1 Gérard Genette - französischer Literaturwissenschaftler mit großem Einfluss auf die Erzähltheorie (Gérard Genette: Die Erzählung. W. Fink Verlag 1998. Taschenbuch, 319 Seiten)

2 erläutert im weiteren Verlauf der Arbeit (Kapitel: 4b)

3 Schachnovelle, Stefan Zweig, Anaconda Verlag, Köln, 2013 - S. 7-17

4 ebd. S. 30

5 ebd. S. 30

Details

Seiten
15
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668369214
ISBN (Buch)
9783668369221
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349946
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Erzähltheorie Neuere deutsche Literatur Deutsche Philologie Aufbaumodul Gattungsspezifische Texte Schachnovelle Analyse Stefan Zweig

Autor

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