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Mechaniken von Körper und Komödie im Slapstick. Wie Chaplin komisch ist

Nach Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“

von Lucy Pibusch

Essay 2015 11 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Warum wir lachen, wo wir lachen

3. Wann wir nicht lachen

4. Lachen wir auch grundlos?

5. (Nicht-)Lachen als Lehre

6. Lachen wir nur „über“ andere?

1. Einleitung

„Diejenige Gattung des Komischen, welche dem Witze am nächsten steht, ist das Naive“[1]. So schreibt Freud in „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ 1905. Das Naive fände man zumeist am Kind, aber auch an Personen die sich offensichtlich und entgegen jedweder Vernunft einfältig, übertrieben sorglos oder gutgläubig verhalten. Man amüsiere sich zum Beispiel köstlich darüber, dass man eine in Naivität und Ahnungslosigkeit getroffene Antwort auf eine Frage von philosophischem Rang erhalte, jedoch nur dann, wenn der Lachende feststellt: Der Antwortende weiß es schlicht und ergreifend nicht besser.

Auf diese Art und Weise funktioniert vielleicht auch Charlie Chaplins Figur des „Tramp“. Irgendwo zwischen dem gewollten Witz und der Komik der Situation steht die Naivität, die auch Charlie Chaplin in seinen Filmen verkörpert. Der allzeit sorglose, wenig vorausschauend denkende und niemals um eine Lösung verlegene Mann in dem zu knapp geratenem Anzug hat ein großartiges Talent dafür, ein Publikum zum Lachen zu bringen. Wenn Charlie Chaplin mit seinem Watschelgang ins Bild tapert, dann beginnen wir bereits zu schmunzeln. Wenn er dann noch ein „komisches“ Gesicht macht, ist es um uns geschehen: Wir lachen. Dieses Lachen ist für Siegmund Freud eine ganz eigene Physik. Er spricht von einer Art von Energie die sich in uns anstaut, wenn wir etwa einen Bewegungsablauf sehen, der uns in zu großer Geste und mit zu viel Anstrengung vollführt wird. Weil wir selbst viel weniger Aufwand für den gleichen Gang wie der Tramp aufbringen würden, spricht Freud hier von einer „Aufwanddifferenz“.[2] Die angestaute Energie wird abgeführt, indem wir lachen.

Was hat nun das Naive mit der Aufwanddifferenz zu tun wird man sich als Leser fragen. Ein Naiver wirkt beizeiten häufig so, als würde er einen Aufwand scheuen, bei dem er zu einer besseren Lösung seines Problems, seiner Frage oder eines Bewegungsablaufes hätte kommen können. Statt die Beine beim Gehen in großen Bewegungen nach außen zu schwingen, könne der Tramp sie einfach voreinander setzen, wie es jeder normale Mensch tun würde. Weil er es aber nicht tut, weil eine Aufwanddifferenz zwischen dem was der Tramp tut und dem was wir tun würden besteht, lachen wir.

Es ist wichtig, dass wir wissen, dass der Tramp naiv ist. Wer das erste Mal einen Charlie Chaplin Film sieht, der muss sich erst in die Situation einfinden, bevor er wirklich lachen kann. Vorher empfindet man vielleicht einen gewissen Grad an Mitleid und Unwohlsein, wenn der Tramp in köstlichster Manier auf die Nase fällt. Freud sagt hierzu: „Die Antwort, warum wir über die Bewegungen der Clowns lachen, würde lauten, weil sie uns übermäßig und unzweckmäßig erscheinen. Wir lachen über einen allzu großen Aufwand. Wir sehen in diesen Mitbewegungen einen überflüssigen Bewegungsaufwand, den wir uns bei der gleichen Tätigkeit ersparen würden.“[3]

Diese Art der Komik gilt übrigens sowohl für eine körperliche, als auch für eine Aufwanddifferenz auf geistiger Ebene. Bei geistigen Differenzen zählt jedoch, ob der Lachende mehr Aufwand betrieben hätte, um beispielsweise eine durchdachtere, sinnvollere Antwort auf eine Frage zu geben. Unsinn und Dummheit sind hier Minderleistungen, über die wir lachen.

Selbstverständlich gibt es bei beiden Fällen auch eine Hemmschwelle. Wir lachen beispielsweise nicht über jemanden, der eine körperliche Behinderung hat und sich deshalb anders bewegt, als wir es tun würden. Wir lachen auch nicht, wenn jemand aus voller Absicht und zum wiederholten Male eine dumme Antwort gibt. All diese Ausnahmen möchte ich in meinen nachfolgenden Ausführungen jedoch ausklammern und nur den Normalfall betrachten.

2. Warum wir lachen, wo wir lachen

An Charlie Chaplin finden wir nicht nur das „Naive“ erklärt, was uns lachen lässt und dem Freud einen Teil seiner Ausführungen zur Komik widmet. Ein großer Aspekt der Komik nach Freud ist nicht nur das „Sichhineinversetzen“, was ich eingangs bereits kurz angeschnitten habe. Freud beschreibt dieses besondere Sichhineinversetzen in der Komik mit einem Vergleich „des seelischen Vorganges beim anderen mit dem eigenen“.[4] Aus dieser Idee resultiert auch der Gedanke, dass man sich selbst oder andere „komisch machen“ kann. Freud nennt dies die Fähigkeit, das Komische absichtlich herzustellen[5]. Dieses Vorgehen findet beispielsweise in der Parodie und Nachahmung statt, in der wir auch Chaplin oft wiederfinden.

Seine größte nachahmende Rolle ist wohl die des „Adenoid Hynkel“ in „Der große Diktator“ von 1940. Die Großspurigkeit mit der Chaplin den Diktator in seinem Büro auf und ab marschieren und seine Untergebenen herumkommandieren lässt, ist überzogen und somit gewiss eine Parodie auf Adolf Hitler und dessen Machtgier. Auch die Szene in der Hynkel mit einem Globus durch sein Büro tanzt und von der Eroberung der gesamten Welt träumt ist eine bezeichnende Parodie. Parodie zeichnet sich hier im Grunde genommen als eine Herabsetzung der parodierten Person aus. Es zerstört das Bild der eigentlichen Person und ersetzt es durch ein einfacheres, niedrigeres.

Gleichermaßen kann aber auch die einfache Verkleidung bereits ein solches Komisch-machen sein.

Als „verkleidet“ kann man die Figur des Tramp in Chaplins Filmen wohl bezeichnen. Mit der Melone auf dem Kopf, dem Jackett, das zu klein und der Hose, die zu groß ist, dem Gehstock und den übermäßig großen Schuhen mit den nach oben zeigenden Schuhspitzen wäre er schon verkleidet genug. Sein Schnurrbart verpasst dem Äußeren des Tramps eine nahezu überspitzte Verkleidung. So erscheint Charlie Chaplin als verkleideter Tramp allein in seinem Auftreten bereits komisch, ohne dass er eine Handlung ausführen muss.

Zu guter Letzt möchte ich noch eine besondere Form dessen aufzählen, was Freud die „lustbringende Differenz der Besetzungsaufwände“[6] nennt. Wenn nämlich eben jene Differenz durch eine Diskrepanz zwischen einer „oft übermächtigen Außenwelt“[7] und der eigentlich erwarteten Situation, dann sprechen wir von „Situationskomik“. Situationskomik finden wir bei Chaplin vor allem in solchen Fällen, in denen er nicht Herr ist über die Außenwelt. In „Modern Times“ beispielsweise wird er von einer Fütterungsmaschine drangsaliert und ist währenddessen völlig machtlos. Zunächst fragt man ihn, ob er schon gegessen habe. Der immer ehrliche (und in diesem Fall wieder einmal naive) Tramp verneint natürlich und wird prompt als Versuchsobjekt benutzt. Er wird in der Maschine festgemacht und ist ab diesem Moment körperlich wehrlos. Nach und nach fängt die Maschine an verrückt zu spielen: dem Tramp wird Suppe übers Gesicht geschüttet und er wird versehentlich mit Schrauben gefüttert. Währenddessen bemüht er sich weiter zu kauen und den braven Arbeiter zu geben, von dem er meint, dass er von ihm in dieser Situation erwartet wird. Die Situation eskaliert selbstverständlich und Chaplin fällt zu Boden, dann wird ausgeblendet.

An dieser komischen Szene lassen sich gleich mehrere Beispiele von Freuds Theorie belegen: In dem Moment in dem Chaplin verneint gegessen zu haben schmunzelt der Zuschauer bereits, weil er ahnt, dass etwas schief gehen wird, was der Tramp wiederum nicht vorhersieht, weil er naiv und unbesorgt ist. Hier lachen wir über die Naivität der Figur.

In der Machtlosigkeit gegenüber der Außenwelt, in diesem Fall der Maschine und den Anweisungen seines Vorgesetzten, zeigt sich die Art von Situationskomik, die Freud beschreibt. Chaplin ist als Tramp oft der Außenwelt unterlegen. In dieser Tatsache begründet sich eines der größten Geheimnisse seiner Komik. Weil er stets versucht sich an Gesellschaft und Umgebung anzupassen und dabei stets unzureichend und manchmal auch falsch handelt, entsteht häufig Situationskomik. Insbesondere die Unterlegenheit gegenüber Maschinen nutzt Chaplin häufig um in seinen Filmen komische Situationen zu kreieren. In „Modern Times“ beispielsweise führt die Fließbandarbeit bei ihm bereits zu Beginn des Films zu Motorik- und Koordinationsstörungen, die für den Zuschauer komisch sind. Statt mit den Schraubenschlüsseln lediglich Schrauben festzuziehen, will er allem, was den Schrauben ähnelt, an den Kragen: Den Knöpfen am Mantel einer Frau, den Schrauben an einem Hydranten und den Knöpfen am Hintern des Rockes einer Frau. Hier findet zugleich eine Art von Vergleichung statt. Freud beschreibt Vergleichung ebenfalls als eine mögliche Art der Komik, indem beispielsweise etwas sehr Abstraktes mit einfachen, plumpen Worten erklärt wird und es dadurch herabgesetzt wird. Auch in der zuvor erwähnten Szene findet eine Vergleichung statt: Die Schrauben die der Fabrikarbeiter Chaplin anziehen soll sehen den Knöpfen ähnlich, die eine vorbeigehende Frau am Rock trägt. Aus dieser Vergleichung resultiert das komische Moment in der Szene, in der Chaplin der Frau mit seinen Schraubenschlüsseln hinterherjagt. Nur weil der Zuschauer der Vergleichung ebenfalls, zumindest in Ansätzen, zustimmt, funktioniert die Komik der Szene.

3. Wann wir nicht lachen

Freuds Theorie nach wird Komik also durch Unterschiede erzeugt. Unterschiede im Aufwand, den der Lachende und der, über den gelacht wird, aufbringen, gleichwie auch ein Niveauunterschied im Abstraktionsaufwand einer Vergleichung oder durch einfache Parodie. Freud distanziert sich jedoch davon, dass seine aufgestellten Regeln eine Anleitung zur Komik sind. Er erwähnt ausdrücklich, „dass aus solcher Differenz nicht jedesmal Lust hervorgeht“[8]. Hierbei mag es einen quasi außer-komischen Grund geben, aus dem wir nicht lachen. Beispielsweise haben wir vielleicht eine innere Hemmschwelle über einen stolpernden zu lachen, wenn wir in Erwägung ziehen, dass er sich ernstlich wehgetan hat. Oder wir lachen nicht aus ethischen Gründen: Weil wir ein motorisch eingeschränktes Familienmitglied haben können wir nicht lachen, wenn sich im Film jemand ungelenk bewegt. Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir aus Unaufmerksamkeit oder fehlendem Hintergrundwissen nicht lachen. Wie ich eingangs bereits erwähnt habe, muss man zum Beispiel erst lernen über Chaplins Tramp zu lachen, weil er einem zuvor vielleicht eher als bemitleidenswerte Figur erscheint. Einigen Menschen fällt es auch im Generellen schwer „über“ eine andere Person zu lachen. Gerade der Slapstick lebt jedoch davon, dass man sich über eine andere Person amüsiert. In einer realen Situation würden wir bei gleichen Gegebenheiten wie im Film vielleicht auch deshalb nicht lachen, weil die Hemmschwelle, aufgrund fehlender Distanz zum Geschehen, schlichtweg größer ist.

[...]


[1] Freud, Siegmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. S.170. Leipzig/Wien 1905.

[2] Freud, Siegmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. S.175. Leipzig/Wien 1905.

[3] Freud, Siegmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. S.177. Leipzig/Wien 1905.

[4] Freud, Siegmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. S.175. Leipzig/Wien 1905.

[5] vgl. Freud, Siegmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. S.185. Leipzig/Wien 1905.

[6] Freud, Siegmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. S.183. Leipzig/Wien 1905.

[7] ebd.

[8] Freud, Siegmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. S.202. Leipzig/Wien 1905.

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668367968
ISBN (Buch)
9783668367975
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v349782
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Medien, Kultur und Theater
Note
1,3
Schlagworte
mechaniken körper komödie slapstick chaplin nach freuds witz beziehung unbewussten

Autor

  • Lucy Pibusch

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