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Kindheit in der Großstadt heute

Vordiplomarbeit 2002 44 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Kindheit
2.1 „Definition“ von Kindheit
2.2 Wandel von Kindheit

3. Großstadt
3.1 „Definition“ von Großstadt
3.2 Veränderungen des städtischen Lebens

4. Großstadtkindheit als Familienkindheit
4.1 Allgemeine statistische Angaben
4.2 (Neue) familiale Lebensformen
4.3 Familie und Fernsehen
4.3.1 Medien und Erziehung
4.3.2 Mögliche Gefahren und Vermeidung durch die Eltern
4.3.3 Positive Aspekte
4.4 Lebens- und Erziehungsstile der Eltern in der Stadt
4.4.1 Familienalltag und Erziehung
4.4.2 Vorsichtsmaßnahmen
4.4.3 Gefahr der Verhäuslichung
4.4.4 Elterliche Einflüsse und kindliche Abhängigkeitsverhältnisse
4.4.5 Verinselung
4.5 Trend zur Stadtflucht von Familien

5. Großstadtkindheit als Schulkindheit
5.1 Der Schulweg
5.2 Die Bedeutung des Schulhofs für Stadtkinder
5.3 Schule als sozialer Lebensort
5.4 Gesellschaftliche Werte und ihre Folgen
5.4.1 Der gesellschaftliche Leistungsdruck auf das Schulkind
5.4.2 Gewalt an Schulen
5.5 Neue Ziele des heutigen Schulunterrichts

6. Großstadtkindheit als Straßenkindheit
6.1 Kinder der Straße
6.2 Kinder auf der Straße
6.2.1 Außerinstitutionelle Aufenthaltsmöglichkeiten für Stadtkinder
6.2.1.1 Der Spielplatz
6.2.1.2 Alternativen zum Spielplatz
6.2.1.2.1 ...aus der Sicht der Kinder
6.2.1.2.2 ...aus der Sicht der Erwachsenen
6.2.1.3 Die Gefahren des Straßenverkehrs
6.2 Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation von Stadtkindern
6.2.1 Verbindung von pädagogischer und planerischer Praxis
6.2.2 Waldpädagogik
6.2.3 Stadterkundung

7. Verschwinden der Kindheit? – Eine Zusammenfassung

8. Literatur

9. Links

1. Einleitung

Die Großstadt ist als Lebensraum für Kinder heutzutage gefährlicher denn je. Nie gab es so viel Verkehr, so viel Kriminalität. Nie mussten Eltern so viel Acht auf ihre Kinder geben, nie verbargen die Großstadtstraßen so viele Gefahren wie heute.

Stadtkinder sind aber nicht anders als Landkinder, die nicht so stark mit derartigen Problemen konfrontiert sind. Auch Stadtkinder möchten Erfahrungen sammeln, möchten sich frei bewegen und ohne Bedenken spielen können.

Kindheit in der Großstadt – heute – soll unter der Fragestellung behandelt werden, die Neil Postman schon 1987 aufwarf: Kann gegenwärtig von einem „Verschwinden der Kindheit“ gesprochen werden?

Während zunächst die Begriffe „Kindheit“ und „Großstadt“ eingegrenzt und deren gegenwärtige Veränderungen kurz dargestellt werden, liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf den Orten, in denen sich die Kinder heute am meisten aufhalten: in der Familie, in der Schule und auf der Straße.

Großstadtkindheit als Familienkindheit wird besonders unter den Aspekten neue familiale Lebensformen, Familie und Fernsehen und aktuelle Lebens- und Erziehungsstile behandelt. Hierbei stehen auch Begriffe wie „Verhäuslichung“ und „Verinselung“ im Mittelpunkt der Betrachtungen.

Die Schule wird in dieser Arbeit hauptsächlich als sozialer Lebensort und daher wichtiger Lernort für Großstadtkinder angesprochen. Besonders relevant sind die neuen Ziele des heutigen Schulunterrichts, die Perspektiven zur Verbesserung von Schulkindheit darstellen sollen.

Das letzte Kapitel soll zeigen, dass es auch heutzutage noch Straßenkindheit gibt, obwohl nicht alle Autoren dieser Ansicht sind. Neben einer kurzen Erläuterung zu Straßenkindern geht es speziell um Familienkinder und deren Möglichkeiten zur Aneignung von Plätzen und Straßen. Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation von Stadtkindern sollen letztendlich zeigen, dass auch in der Großstadt Kindheit immer noch existiert bzw. existieren kann.

Wichtig ist, dass es sich bei den folgenden Ausführungen lediglich um einen groben Überblick zur gegenwärtigen Kindheit in der Großstadt handelt. Kein Thema kann ausführlich behandelt werden, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Trotz allem werden alle für die Großstadtkindheit relevanten Themen, abgesehen von der Geschichte der Kindheit, die nicht in Betracht gezogen wird, wenigstens kurz angesprochen.

2. Kindheit

Dieses Kapitel soll den Versuch anstellen, Kindheit kurz zu definieren und deren Wandlungsprozess in letzten Jahrzehnten zu erläutern.

2.1 „Definition“ von Kindheit

„Kindheit bezeichnet in der deutschen Sprache mehrere Sachverhalte, die selten deutlich voneinander geschieden werden: erstens einen Abschnitt der menschlichen Entwicklung, eigentlich Kindesalter; zweitens eine Phase des Lebenslaufs je bestimmter Individuen, die dann von ihrer persönlichen Kindheit sprechen; drittens [...] die Art und Weise des Kindes [...], und viertens ein alltägliches oder theoretisches Konzept für die historisch veränderliche Seinsweise des Menschen im Kindesalter“ (Lenzen 1989, S.845).

Betrachtet man das Kindesalter, kann gesagt werden, dass heutzutage eine relativ eindeutige Phaseneinteilung existiert: Von der Geburt bis zum zehnten Lebenstag wird das Kind als Neugeborenes bezeichnet, vom elften Lebenstag bis zum zwölften Lebensmonat als Säugling. Vom Kleinkind wird im Alter von zwei bis fünf Jahren gesprochen und vom Schulkind bis zum 14. Lebensjahr (vgl. ebd., S.845).

Die folgenden Ausführungen werden sich hauptsächlich auf Grundschulkinder und teilweise auch auf Kleinkinder beziehen, da Neugeborene und Säuglinge kaum wahrnehmen können, in welchem Wohnumfeld sie aufwachsen. Jugendliche werden nicht in Betracht gezogen.

„Kinder sind die lebenden Botschaften, die wir einer Zeit übermitteln, an der wir selbst nicht mehr teilhaben werden“ sagt Neil Postman (1987, S.7), der Kindheit nicht als biologische Kategorie, sondern als „gesellschaftliches Kunstprodukt“ (ebd., S.7) bezeichnet.

„Das Kind ist stets auch ein Konstrukt der Erwachsenen in einer Kultur, die eine spezifische Lebensform der Kindheit bereitstellt“ (Ullrich 1999, S.9. In: Zwick 2002, S.189).

Im elften Kinder- und Jugendbericht wird die Kindheit als eigenständiger Lebensabschnitt charakterisiert. Den Kindern werden altersspezifische Freiheiten, soziale Rechte und besondere Grenzen eingeräumt. Durch spezielle Gesetze wird ihnen Schutz gewährt. Außerdem existieren für Kinder altersspezifische Lern-, Leistungs- und Unterstützungssysteme. Somit können Kinder eingeschränkt am Erwachsenenleben teilnehmen (vgl. BMFSFJ 2002, S.56).

Jürgen Zinnecker stellt Kindheit auch als eigenständige Lebensphase dar, die heutzutage in Schul-, Familien- und Straßenkindheit unterteilt ist. Er fragt sich allerdings, ob die Straßenkindheit überhaupt noch existiert oder ob sie nach und nach immer mehr verschwindet (vgl. Zinnecker 2001, S.179).

Es wird deutlich, dass Kindheit aus mehreren Perspektiven betrachtet werden kann und somit keine eindeutige Definition des Begriffs möglich ist. Diese Arbeit befasst sich mit der Lebensphase „Kindheit“, bzw. mit der Lebensphase „Großstadtkindheit“ und stellt die These auf, dass sich heutige Kindheit in der Großstadt hauptsächlich in der Familie, in der Schule und auf der Straße abspielt, und dass Kindheit trotz aller Veränderung noch immer existiert.

2.2 Wandel von Kindheit

„Im Horizont erodierender sozialer Milieus und einer Relativierung familialer Herkunft haben institutionelle Orientierungen als Geländer und Wegmarkierungen der Lebensführung an Bedeutung gewonnen“ ( BMFSFJ 2002, S.56).

Heutzutage findet eine zunehmende Institutionalisierung von Kindheit statt. Die meisten Kinder verbringen ihre Zeit hauptsächlich im Kindergarten, bzw. in der Schule und im Schulhort. Hinzu kommt, dass auch immer mehr institutionelle Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche gemacht werden, die häufig in Anspruch genommen werden (vgl. ebd., S.56).

Das Problem allerdings ist die „räumliche Verdrängung der Kinder aus nahezu allen Lebensbereichen der Erwachsenen“ (Parson 1996, S.46). Es gibt für sie vorgesehene Kindereinrichtungen, Spielplätze und Sportanlagen. Die Erfahrungsmöglichkeiten von Kindern sind somit besonders in Großstädten zunehmend eingegrenzt, was allerdings nicht unbedingt negativ zu betrachten ist. So können Kinder heutzutage andere Erfahrungen als früher machen, die im Hauptteil nähre betrachtet werden(vgl. ebd., S.46ff.).

Neil Postman behauptet, es gäbe kaum mehr Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen heutzutage, weshalb er von einem „Verschwinden der Kindheit“ spricht. Dabei betrachtet er zum einen die Verbrechen, die von Kindern teilweise schon in gleicher Weise wie von Erwachsenen begangen werden, zum anderen geht er auf den schnellen Wandel der Kinderbekleidungsindustrie ein, der seiner Meinung nach zu einem Verschwinden der Kinderkleidung führt. Weiterhin stellt Postman fest, dass Kinderspiele „vom Aussterben bedroht“ (Postman 1987, S.14) sind, da die Kinder heutzutage besonders in den Städten kaum mehr die Möglichkeit zum Spielen auf den Straßen haben. Auch im Verhalten, der Sprache, den Einstellungen und den Wünschen lassen sich laut Postman kaum mehr Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern feststellen. Hauptsächlich bezieht sich Postman in seinen Ausführungen auf das Medium Fernsehen, was seiner Meinung nach einer der wesentlichen Gründe dafür ist, dass Kindheit verschwindet. Da im Fernsehen keine Möglichkeit besteht, die Trennungslinie zwischen Kindern und Erwachsenen einzuhalten, können vor Kindern keine Geheimnisse mehr bewahrt werden. „Ohne Geheimnisse kann es so etwas wie Kindheit nicht geben“ (ebd., S.95). Dies führt dazu, „dass sie aus dem Garten der Kindheit vertrieben werden, indem man ihnen die Frucht des Erwachsenenwissens zugänglich macht“ (ebd., S.114) (vgl. Postman 1987).

Christa Berg fragt sich, ob kindliche Erfahrung heutzutage kommerzialisiert und mediatisiert wird. Kinder werden schon früh in konsumistischen Verhaltensweisen geübt, da sie durch die Fernsehwerbung stark beeinflusst werden. Andererseits geht sie auf die beschleunigten Lebensrhythmen von heute ein. Besonders das Großstadtleben ist durch Hektik geprägt, somit gehören zum heutigen Kinderleben verständlicherweise die Uhr und der Terminkalender, da Kinder ihre Verabredungen koordinieren müssen. Zusätzlich stehen sie unter dem Druck, an Wochenenden „Besonderes und Erzählbares“ (Berg 1995, S.29) erleben zu müssen.

Das Existieren von Autos, Bussen und Zügen führt dazu, dass große Entfernungen sehr schnell überwunden werden können. Daher verlieren große Distanzen den „Realitätsgehalt“ (ebd., S.29) für Kinder (vgl. ebd., S.28f.).

Helga und Hartmut Zeiher stellen fest, dass Kindheit heute einem starren, unausweichlichem Zeitraster ausgesetzt ist: Sie meinen damit die Einschulung, die Einteilung in Klassen, den Wechsel in andere Schulformen, die festgelegte Ferienzeit, die Schulzeit, die Schul- und Feiertage, die Schulstunden und Pausen und die Freizeit. Kinder können sich diesen zeitlichen Regelungen nicht entziehen. Sie müssen dazu fähig sein, zeitlich zu koordinieren, aber trotzdem wird durch die meisten schon vorgegebenen Angebote ihr eigener Entscheidungsspielraum stark eingegrenzt (vgl. Zeiher/Zeiher 1994).

Tabea Schwegler-Beisheim ist der Ansicht, dass Kinder zwar von den gleichen sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren wie Erwachsene beeinflusst und in die gleichen gesellschaftlichen Wandlungsprozesse einbezogen werden, dass sich diese Faktoren allerdings nicht in gleicher Weise auf den Alltag von Kindern und Erwachsenen auswirken. Heutiges Kinderleben wird von geschlechtsspezifischen Merkmalen, dem Wohnort, der Schichtzugehörigkeit, der Nationalität und dem Alter beeinflusst. Sie nennt positive und negative Aspekte heutiger Kindheit: Sie kritisiert Computerkinder, die ihrer Meinung nach von der Außenwelt und von sozialen Beziehungen „abgeschottet“ (Schwegler-Beisheim 2000, S.15) sind. Zusätzlich beschwert sie sich darüber, dass Großstadtkinder heutzutage lediglich auf die Hinterhöfe vertrieben werden und „nicht mehr wissen, dass die Milch von der Kuh und nicht aus der Tüte kommt“ (ebd., S.15). Trotzdem wird hinzugefügt, dass Kindheit heute zwar „anders, aber nicht unbedingt schlechter“ (Hopf 1989, S.88, In: Schwegler-Beisheim 2000, S.17) ist. Positiv sind u.a. die frühere Selbständigkeit, die früheren sozialen Kompetenzen, der Zuwachs an Entscheidungsfreiheit, die individuelle Lebensführung und die vermehrten Aushandlungsprozesse zwischen Kindern und Eltern (vgl. Schwegler-Beisheim 2000, S.13ff.). Eine genauere Betrachtung dieser Aspekte folgt im Hauptteil der Arbeit.

Hartmut von Hentig sagt, Kinder von heute seien „Kinder ihrer Zeit und ihrer Umwelt“ (Hentig 1994, S.32). Folgendermaßen charakterisiert er Kinder von heute: sie seien nervös, ungeordnet, vital, gestört, terrorisieren einander, streiten, vandalisieren, seien unfähig Freude zu bereiten und langanhaltende Beziehungen einzugehen und schreien. Schließlich fügt er jedoch erklärend hinzu: „Nicht die Kinder sind anders [...], sondern die Kindheit“ (ebd., S.33). Er kategorisiert Kindheit von heute als Fernsehkindheit, pädagogische Kindheit, Schulkindheit, Zukunftskindheit, Stadtkindheit, Kinderkindheit und Kleinfamilienkindheit. Stadtkindheit ist seiner Meinung nach lediglich noch Kauf- und Verbraucherkindheit, Spielplatzkindheit und Verkehrsteilnehmerkindheit, was dazu führt, dass Kinder heute keine elementaren Erfahrungen, wie z.B. „ein offenes Feuer machen, ein Loch in die Erde graben, auf einem Ast schaukeln, Wasser stauen, ein großes Tier beobachten, hüten, beherrschen [...] Das Entstehen und Vergehen der Natur, die Gewinnung und Verarbeitung von Material zu brauchbaren, notwendigen Dingen [...]“ (ebd., S.34f.) mehr machen können. Allerdings fügt er letztendlich noch hinzu: „Die Kinder bauen sich Höhlen inmitten eines Chaos“ (ebd., S.38), was beweist, dass Kinder trotzdem noch Möglichkeiten zum Ausleben ihrer Bedürfnisse haben (vgl. Hentig 1994).

Neben diesen verschiedenen Ansichten zum Wandel von Kindheit hätten noch zahlreiche andere aufgeführt werden können. Es handelt sich hierbei um einige ausgewählte Darstellungen, die zeigen sollen, dass sich heutige Kindheit verändert hat, die allerdings auch die Frage stellen sollen, ob heutige Kindheit trotzdem noch von Kindern als Kindheit erlebt und ausgelebt wird. In Bezug darauf steht das Großstadtleben im Vordergrund der folgenden Ausführungen.

3. Großstadt

Eine kurze Eingrenzung des Begriffs „Großstadt“ und Darstellungen zur Veränderung des Lebens in der Stadt in den letzten 40 Jahren sollen dieses Kapitel begrenzen.

3.1 „Definition“ von Großstadt

Schon die Stadtsoziologin E. Pfeil behauptete, dass es schwierig sei, eine umfassende aber gleichzeitig einfache Definition von Stadt bzw. Großstadt zu finden. Das ist auch der Grund dafür, weshalb viele Autoren vollständig auf eine Definition verzichten. E. Pfeil verwendet als Kompromiss das Zitat eines Engländers, der lediglich sagte: „A city is a city is a city“ ( Pfeil 1972, S.9, In: Parson 1996, S.43).

Margit Maschek beschreibt die „Stadt als durchaus spannendes Gebilde, als wichtiger kultureller Vermittlungsraum, als Handlungsfeld, als Lebensraum von Menschen mit eigener Zeichenhaftigkeit, mit eigenen Kommunikationsstrukturen, vielfältigen Ereignissen, als Alltagsumwelt, die immer wieder Veränderungen unterworfen ist, als ein ,pool’ unterschiedlichster Phänomene [...]“ (Maschek 1989, S.147). Auch sie macht deutlich, dass keine genaue Begriffsdefinition möglich ist.

Betrachtet man das Definitionsproblem aus statistischer Sicht, lassen sich eindeutige Angaben machen: Während eines internationalen Kongresses im Jahr 1887 wurde festgelegt, dass Städte mit mehr als 100000 Einwohnern als Großstädte bezeichnet werden sollten. Und so ist es bis heute geblieben. Zum anderen haben sich auch bestimmte Grundtypen sehr früh herausgebildet, wie zum Beispiel die Begriffe Industriestadt, Verwaltungsstadt, Handels- oder Verkehrsstadt (vgl. Parson 1996, S.43f.)

Zum Erscheinungsbild der heutigen Großstadt gehören neben der City, dem Stadtrand, den Altstadt- und Neubauquartieren, Eigenheim- und Hochhaussiedlungen, monotonen Wohnblocks auch eine große Anzahl von Geschäftszentren und Einkaufspassagen, Bankviertel und Versicherungskomplexe. Hervorzuheben ist, dass es kaum mehr Aufenthalts- und Spielorte für Kinder gibt, welche jedoch nach wie vor das Bedürfnis nach Spielmöglichkeiten im Freien haben (vgl. Berg 1995, S.28).

3.2 Veränderungen des städtischen Lebens

In den letzten 30 Jahren veränderte sich das Erscheinungsbild der Großstadt und infolgedessen auch die Lebensweisen der Stadtbewohner gravierend.

Während früher nicht nur in ländlichen, sondern auch in städtischen Gebieten viele Freiflächen zu finden waren, was schon damals besonders für Kinder von großer Bedeutung gewesen ist, spezialisieren sich heute die Außenräume zunehmend. Ursachen hierfür liegen darin, dass heutzutage der Handel und die Dienstleistungen im Vordergrund des Innenstadtlebens stehen. Daher existieren immer weniger kleine Läden, statt dessen Supermärkte oder Einkaufszentren, die riesige Flächen in Anspruch nehmen.

Hinzu kommt, dass aufgrund zunehmender Modernisierung ganze Landschaften verändert werden. Heute findet man kaum mehr wilde und ungenutzte Freiflächen, da Freizeitlandschaften, Naturparks, Ferienparks und Naherholungsgebiete entstanden sind, die aufgeräumt sind und daher dem Benutzer bestimmte Regeln abverlangen.

Andere Freiflächen werden in Parkplätze umgewandelt, da mehr und mehr Autos auf den Straßen der Großstädte zu finden sind (vgl. Parson 1996, S.45f.). Die zunehmende Automobilisierung führt außerdem zur steigenden Gefahr im Großstadtverkehr: „Ohne Zweifel: das Auto hat die Städte umgebaut [...]. Er [Verkehr] hat die Lebensräume der Stadt, Straße, Platz und Hof in lebensfeindliche Räume verkehrt“ (Fester 1982, S.162, In: Herlyn 1990, S.122).

Ergebnis dieser steigenden Spezialisierung ist die Verdrängung der Kinder in für sie vorgesehene Institutionen und auf für sie vorgesehene Plätze, was dazu führt, dass diese selbst sich von der Erwachsenenwelt ausgegrenzt fühlen. Die Stadt sieht kaum mehr Aufenthalts- und Spielorte für Kinder vor, sogar ihre unmittelbare Wohnumgebung können diese meistens nicht nutzen. Es gibt lediglich einige „Parkplätze für Kinder“ (Berg 1995, S.28). Hinzu kommen Asphaltierung, Hektik, Lärm und Abgase, die Kindern auch kaum noch Naturerfahrungen ermöglichen. Lediglich das „Abstandsgrün“ zwischen den Wohnblocks kann eventuell als Grün- und Spielfläche genutzt werden. Sogenannte Spielstraßen sind nur noch in bestimmten Vierteln zu finden, was dazu führt, dass auf den Straßen der Großstädte heutzutage kaum mehr Kinder zu sehen sind (vgl. ebd., S.28).

Auch die Verinselung der Lebensräume und die Funktionstrennung und Spezialisierung sind Merkmale des heutigen Großstadtlebens (vgl. u.a. Parson 1996, S.46), welche in späteren Kapiteln in Bezug auf Großstadtkindheit näher erläutert werden sollen.

Betrachtet man des alltägliche Großstadtleben näher, ist festzustellen, dass Fremdheit und Anonymität zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Das heutige Großstadtbild ist durch viele Durchreisende, orientierungslose Zugereiste und unbekannte Mitbürger geprägt, „die man nicht kennt, nicht kennen braucht, nicht kennen will“ (Parson 1996, S.44). Im Gegensatz zu früher haben sich neue „Distanz- und Zukehrgebräuche“ (ebd., S.45) entwickelt, die das soziale Alltagsleben des Großstädters heutzutage ausmachen. Somit ist ein neues Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit entstanden (vgl. ebd., S.43ff.).

Schon 1845 beschrieb Engels die Anonymität des Londoner Stadtlebens folgendermaßen: „[...] Diese Hunderttausende von allen Klassen und aus allen Ständen, die sich da aneinander vorbeidrängen, sind sie nicht alle Menschen mit denselben Eigenschaften und Fähigkeiten und mit demselben Interesse, glücklich zu werden? [...] Und doch rennen sie aneinander vorüber, als ob sie gar nichts gemein, gar nichts miteinander zu tun hätten, und doch ist die einzige Übereinkunft zwischen ihnen die stillschweigende, dass jeder sich auf der Seite des Trottoirs hält, die ihm rechts liegt, damit die beiden aneinander vorbeischießenden Strömungen des Gedränges sich nicht gegenseitig aufhalten; und doch fällt es keinem ein, die andern auch nur eine Blickes zu würdigen.“ (Engels 1845, S.257, In: Zinnecker 2001, S.125).

Die heute normal gewordenen, teilweise eigenartigen öffentlichen Umgangsweisen lassen sich kurz auf diese Weise charakterisieren: „höfliche Gleichgültigkeit zueinander“ (Zinnecker 2001, S.126), Misstrauen Fremden gegenüber, Isolierung aus sozialen Straßenbeziehungen, zunehmende Ignorierung der Hilfsbedürftigkeit anderer und folglich Ablehnung von speziellen Hilfeleistungen (vgl. ebd., S.126). Das Problem liegt darin, dass den Kindern der Großstadt diese Anonymität von Geburt an anerzogen wird, was weitere Probleme für diese mit sich bringen kann. Wie Eltern diesbezüglich das Verhalten ihrer Kinder beeinflussen können, wird im vierten Kapitel näher betrachtet.

Inwiefern Kinder trotz der zunehmenden Automobilisierung und Modernisierung, trotz Verdrängung und Ausgrenzung die Flächen der Stadt trotzdem noch zum Spielen, Erkunden, Leben und Lernen nutzen können bzw. zu nutzen versuchen, soll im sechsten Kapitel hauptsächlich thematisiert werden.

4. Großstadtkindheit als Familienkindheit

Trotz neuer gesellschaftlicher Werte und Normen gilt die Familie auch heute noch als zentraler Lebenskontext und als erste soziale Umwelt des Kindes. Allerdings versteht man gegenwärtig unter Familie nicht mehr nur die traditionelle Familie, sondern auch neu entstandene Familienformen, wie z.B. nicht-eheliche Lebensgemeinschaften oder Ein-Eltern-Familien (vgl. Müller 1992, S.7).

Das folgende Kapitel werden verschiedene neue Lebensformen und deren Einfluss auf die Erziehung von Kindern kurz angesprochen. Besonderheiten in Bezug auf das Stadtleben werden dabei näher behandelt.

4.1 Allgemeine statistische Angaben

Im Mikrozensus 2001 kam man zu folgenden Ergebnissen, die das gegenwärtige Familienleben in Deutschland betreffen: Das traditionelle Familienkonzept überwiegt nach wie vor, denn im April 2001 lebten in den alten Bundesländern von 18120000 Erziehenden 15884000 Ehepaare zusammen. Von den zusammenlebenden Ehepaaren hatten mehr als 50% mindestens ein Kind unter 18 Jahren. In den neuen Bundesländern existierten von 4290000 Erziehenden 3475000 zusammenlebende Ehepaare, von denen jedoch weniger als 50% mindestens ein Kind hatten. Vergleicht man diese Ergebnisse mit denen vom April 1991 lässt sich feststellen, dass die Anzahl der Ehepaare in den neuen Bundesländern ein wenig gestiegen, in den neuen hingegen ein wenig gesunken ist.

Auffällig ist, dass sich die Zahlen der Alleinerziehenden erhöht haben. Im April 1996 existierten im Westen 1726000, im Osten 514000 Alleinerziehende. 5 Jahre später stieg deren Anzahl im Westen auf 1820000, im Osten auf 539000. Somit erhöhte sich der Anteil Alleinerziehender im Osten von 17% auf 21%, im Westen von 13% auf 15%. Überwiegend sind Mütter nach wie vor Alleinerziehende, im April 2001 gab es lediglich 13% alleinerziehende Väter.

Außerdem wurden nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften untersucht. Hierbei werden lediglich diejenigen erwähnt, in denen es Kinder gibt. Im früheren Bundesgebiet erhöhte sich die Anzahl der verschiedenen Lebensgemeinschaften mit Kindern von 286000 im April 1996 auf 397000 im April 2001. Auch im Osten ist ein Anstieg festzustellen. Während es hier im April 1996 225000 Lebensgemeinschaften mit Kindern gab, waren es im April 2001 schon 265000. Im Westen existierten im April 2001 lediglich 22% nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern, im Osten waren es 48%.

Resultierend aus den aktuellen Zahlen geht das folgende Kapitel auf die eben erwähnten neuen und alten familialen Lebensformen ein und untersucht, inwiefern sie besonders im städtischen Leben ausgeprägt sind und inwiefern sie das Kinderleben positiv bzw. negativ beeinflussen können.

[...]

Details

Seiten
44
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638350259
ISBN (Buch)
9783640217366
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34955
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2
Schlagworte
Kindheit Großstadt

Autor

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Titel: Kindheit in der Großstadt heute