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Friedrich Dürrenmatt - Der Richter und sein Henker - Ein zufälliger Kriminalroman?

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklungsgeschichte des Detektivromans
2.1. Definition Kriminal- bzw. Detektivroman

3. Entstehungsgeschichte Der Richter und sein Henker

4. Der Zufall bei Dürrenmatt

5. Vergleich zwischen der Richter und sein Henker und der Definition des klassischen Detektivromans

6. Dürrenmatts Der Richter und sein Henker und sein Verhältnis zum klassischen Detektivroman
6.1. Der Kommissar im Vergleich mit anderen Detektiven
6.2. Innovative Thematik in Der Richter und sein Henker

7. Ausblick über die Veränderung in Dürrenmatts weiteren Detektivromanen
7.1. Der Verdacht
7.2. Die Panne
7.3. Das Versprechen

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich Dürrenmatt hat in der Zeit zwischen 1952 und 1958 vier Kriminalgeschichten geschaffen (Der Richter und sein Henker 1952, Der Verdacht 1953, Die Panne 1956, Das Versprechen 1958). Sein Werk Der Richter und sein Henker steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Wesentlicher Untersuchungsgegenstand soll dabei sein, inwieweit sich der Roman als Kriminal- beziehungsweise Detektivroman im klassischen Sinne bezeichnen läßt. Deshalb sollen zunächst die gattungsspezifischen Merkmale definiert werden. Dazu sollen anhand der Gegenüberstellung mit klassischen Detektivromanen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Der Richter und sein Henker herausgearbeitet werden. Hierbei wird besonders auf die Rolle und Funktion des Zufalls in diesem Roman eingegangen. Es soll gezeigt werden, wie sich der Autor der traditionellen Mittel des Genres bedient beziehungsweise mit ihnen bricht.

Ein weiteres Ziel soll es sein, einen Ausblick auf die Veränderungen zu geben, welche sich in den nachfolgenden Kriminalromanen Dürrenmatts vollziehen.

2. Entwicklungsgeschichte des Detektivromans

Die Wurzeln des Detektivromans reichen bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. E.T.A. Hoffmanns Roman Das Fräulein von Scuderi kann hier als Beispiel aufgeführt werden. Als erster klassischer Detektivroman ist Edgar Allen Poes Erzählung Murders in the Rue Morgue zu betrachten. Die Hauptfigur, Auguste Dupin, steht für den intellektuellen, analytisch denkenden Detektiv, dem es dank seiner herausragenden kombinatorischen Logik gelingt, Verbrechen aufzuklären.

Heißenbüttel spricht davon , daß ,,er [Poe] auf die allmächtige Aufklärungsfähigkeit der menschlichen Ratio vertraut."[1] Dieser und andere Detektivromane befriedigen das Bedürfnis des Lesers nach einer Welt, in der die Gerechtigkeit siegt. Ferner möchte der Leser vermittelt bekommen, daß die ,,logisch-analytische Denkkraft des Menschen, ihn zum Beherrscher jeder nur denkbaren Kausalität erhebt."[2]

Der Detektivroman liefert diesen Beweis und unterstreicht damit die Wirksamkeit von Technologie und rationalem Denken. Waldmann beschreibt den Detektiv als ,,rationalen Übermensch"[3]. Das epische Geschehen ist durch die gedankliche, vernunftmäßige Aufklärung des Falles (,,ratiocination") geprägt., Durch die Aufklärung des Verbrechens gelingt es dem Detektiv, das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse wiederherzustellen.

Des weiteren aber sorgt die kunstvoll geordnete Welt des Detektivromans dafür, daß der Detektiv den Mörder überführen kann. Der Roman spielt in einer Welt ohne Zufall, einer Welt, die zwar möglich, aber nicht die gewöhnliche ist.

Im 20. Jahrhundert gelingt dem Genre auch in Deutschland der Durchbruch. Ausschlaggebend dafür sind die Romane von Arthur Conan Doyle. Doyles Detektiv, Sherlock Holmes, arbeitet ähnlich akribisch-rational wie Dupin. Agatha Christie und John Dickson Carr erreichen mit ihren Detektivromanen ähnliche Erfolge.

In den zwanziger Jahren entstehen in den USA Detektivromane, in denen gesellschaftliche Strukturen an Bedeutung gewinnen. Der Detektiv greift auch gewalttätig ins Geschehen ein, allerdings ohne seine Integrität zu verlieren. Hierzu heißt es bei Pasche: ,,Die Erzählungen und Romane Dashiell Hammets oder Raymond Chandlers lassen deutlich werden, daß das Verbrechen tendenziell Teil einer undurchschaubar gewordenen Gesellschaft ist, Schuld und Unschuld nicht mehr eindeutig zwischen Opfern und Tätern verteilt werden kann."[4] Die Einteilung der Welt in das rein Gute und das rein Böse kann nicht mehr vorgenommen werden. Dürrenmatts Roman Der Richter und sein Henker läßt sich folglich eher in der Tradition dieser Werke verstehen.

Parallelen gibt es auch zu Georges Simenons Romanen bei denen es eher darauf ankommt, die Motive für eine Tat zu entdecken, als den Täter zu entlarven. Kommissar Maigret und Dürrenmatts Bärlach weisen einige Gemeinsamkeiten auf, welche an späterer Stelle näher erörtert werden sollen.

Ebenso sind Ähnlichkeiten mit Glausers Detektiv Studer nicht zu übersehen.

Allerdings hat Spycher recht, wenn er sagt: ,,Wenn sich auch manche Motive und Situationen und vor allem die Gestalt Wachtmeister Studers in Dürrenmatts Kriminalromanen verwandelt wiederfinden, so ist der Kriminalschriftsteller Dürrenmatt trotzdem kein Nachfolger oder gar Nachahmer des Kriminalschriftstellers Glauser."[5]

2.1. Definition Detektiv- bzw. Kriminalroman

Die Bezeichnungen Kriminalroman beziehungsweise Detektivroman werden in der Alltagssprache für gewöhnlich synonym verwendet. Richard Alewyn (und andere) haben jedoch auf entscheidende Unterscheidungsmerkmale verwiesen.[6]

Die Abgrenzung zwischen Detektiv- und Kriminalroman begründet sich in formalen Aspekten. Der Gegenstand des Detektivromans ist ein Mord. Selbstverständlich kann auch ein Kriminalroman einen Mord behandeln. Die Unterscheidung liegt jedoch in der Erzählform.

Alewyn bringt dies auf folgende Formel: ,,Der Kriminalroman erzählt die Geschichte eines Verbrechens, der Detektivroman die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens."[7] Dementsprechend ist der Aufbau der Erzählung angelegt. Zu Beginn des Romans wird eine Leiche gefunden. Der Leser wird vom Autor durch gezielte Hinweise und Irreführungen zu Fragen über das Verbrechen verleitet. Die wichtigste Frage (Wer ist der Täter? oder auch Whodunit?) wird am Ende der Erzählung geklärt. Der Detektiv übernimmt stellvertretend für den Leser die Rolle des Fragenstellers. Autorennamen wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, S.S. von Dine oder Eller Queen stehen für diese Form. Einige von ihnen haben selbst Regeln für das Schreiben von Detektivromanen, u.a. S.S. van Dine, aufgestellt .[8]

Alewyn bezeichnet den Detektiv als ,,Sachverwalter des fragenden Lesers innerhalb der Erzählung."[9] Außerdem tritt der Detektiv als gesellschaftlicher Außenseiter auf, der ein Verbrechen aufklären kann, bei dem die Polizei im Dunkeln tappt.

Bei den Ermittlungen werden dem Leser sogenannte clues gegeben, welche zur Aufklärung des Verbrechens beitragen. Diese clues sind versteckte Hinweise (seltsame Geräusche, vielsagendes Austauschen von Blicken zwischen Verdächtigen etc.), die den Leser zu weiteren Fragen bringen und anschließend bei der Auflösung des Falles durch den Detektiv geklärt werden.

Nach Nusser sieht die klassische Handlungsstruktur folgendermaßen aus: ,,Auf den Mord (erster Teil) folgen die Fahndung (zweiter Teil) und die Aufklärung (dritter Teil)."[10] Die Erzählweise bezeichnet er als analytisch und chronologisch.

Ein weiteres Element, das für den Detektivroman nicht unbedingt obligatorisch ist, aber oft verwendet wird, ist der locked-room. Die Leiche wird in einem scheinbar hermetisch abgeriegeltem Raum gefunden, der nicht betreten oder verlassen werden kann.

Neuhaus entwirft ein Schema, welches in Form von Mengenkreisen einen Überblick über die verschieden Varianten der Gattung liefert. Er unterscheidet dabei zwischen Kreis I (crime story, Verbrechen), Kreis II (Detective story) und Kreis III (mystery Story, Geheimnis).[11] Unter Berücksichtigung dieser Einteilung kann Der Richter und sein Henker Kreis II zugeordnet werden.

3. Entstehungsgeschichte Der Richter und sein Henker

Der ,,Schweizerische Beobachter" beauftragte Dürrenmatt, den zu Beginn seines schriftstellerischen Schaffens akute finanzielle Sorgen plagen, einen Fortsetzungsroman für die Zeitung zu schreiben. So entsteht Der Richter und sein Henker, der in acht Folgen vom 15.12.1950 bis zum 31.3.1951 erscheint.

Die Frage nach der Inspiration für dieses Romans läßt mehrere Antworten zu. So sendet der Schweizer Rundfunk die Hörspielserie Inspektor Wäckerli. Es erscheint möglich, daß Dürrenmatt sich davon inspirieren ließ. Spycher und Knapp verweisen auf die offenkundige Abhängigkeit von Friedrich Glausers Detektivromanen um den Polizeimeister Studer. Allerdings wird dies von Dürrenmatt selbst zurückgewiesen, der behauptet, Glausers Detektivromane zur Entstehungszeit seines eigenen Romans nicht gekannt zu haben.

Als weitere Anregung kommt Georges Simenons Roman Maigrets erste Untersuchung, der 1949 erschien, in Betracht. Die Charakterzüge der beiden Detektive (Maigret und Bärlach) weisen große Parallelen auf.

Dürrenmatt selbst hat einen weiteren, interessanten Aspekt genannt, der ihn zum Schreiben von Detektivromanen animierte.

,,Wie besteht der Künstler in einer Welt der Bildung, der Alphabeten? Eine Frage, die mich bedrückt, auf die ich noch keine Antwort weiß. Vielleicht am besten, indem er Kriminalromane schreibt, Kunst da tut, wo sie niemand vermutet. Die Literatur muß so leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig."[12]

Dieses Zitat verweist darauf, daß der Autor bewußt diese Gattung gewählt hat. Dadurch erreicht er ein großes Lesepublikum, dem er im Gewand des Detektivromans seine gesellschaftskritischen Überlegungen präsentieren kann. Dies hat zur Folge, daß es ihm möglich ist, einerseits seinen Lebensunterhalt zu verdienen und andererseits dazu in der Lage ist, seinen moralischen und gesellschaftlichen Themen in größerem Rahmen Ausdruck zu verleihen.

[...]


1 Heißenbüttel, Spielregeln des Kriminalromans, S.111

2 Knapp, Der Richter , S.6

3 Waldmann, Kriminalroman - Antikriminalroman, S.207

4 Pasche: Interpretationshilfen, S.10

5 Spycher, Dürrenmatt, S.129

6 Anm.: Das Hauptaugenmerk dieser Untersuchung soll im Rahmen dieser Arbeit weniger auf die Unterscheidung gelegt werden, als auf die Definition, damit der Vergleich von Dürrenmatts Werk mit dem klassischen Detektivroman gewährleistet ist.

7 Alewyn, Anatomie, S.364

8 Anm.: Die zwanzig Regeln für das Schreiben von Detektivromanen werden beim Vergleich von Dürrenmatts Roman mit dem klassischen Detektivroman aufgegriffen.

9 Alewyn, Anatomie, S.374

10 Nusser, Der Kriminalroman, S.34

11 vgl.: Neuhaus, Mysterion, S.14

12 Dürrenmatt, Theaterprobleme, S.68f.

Details

Seiten
23
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638121422
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3481
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
sehr gut
Schlagworte
Friedrich Dürrenmatt Richter Henker Kriminalroman Hauptseminar Klassiker Detektivromans Haefs

Autor

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