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Ein Vergleich der Protagonisten und Konflikte in Kevin Kuhns "Hikikomori" und Hermann Hesses "Der Steppenwolf"

Gesellschaftsekel und Weltflucht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 18 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. - Einleitung

2. - Einführung in die Romane
2.1 - Hauptmotive
2.1.1 - Isolation, Weltflucht, Eskapismus
2.1.2 - Scheinwelten und ihre Ausgestaltung
2.2 - Protagonisten

3. - Psychologische Ansätze
3.1 - Kognitive Dissonanz nach Leonhard Festinger
3.2 - Anwendung auf Harry und Till: Kognitive Dissonanz
3.3 - Das Selbstkonzept nach Carl Rogers
3.4 - Anwendung auf Harry und Till: Das Selbstkonzept
3.5 - Hikikomori als Phänomen

4. - Fazit

1. - Einleitung

„Die Hölle, das sind die Anderen”1, behauptet Sartre. Sein Stück Geschlossene Gesellschaft handelt von Menschen, die in einem Raum eingeschlossen und sich gegenseitig ausgeliefert sind. Aber was passiert, wenn dieser ‚Raum’ ein weiter-gefasstes Konzept ist? Was passiert, wenn ein Jugendlicher, der als einziger seines Jahrgangs nicht zum Abitur zugelassen wurde, seine ganzes Leben und die ihn umgebende Umwelt als beengenden Raum empfindet - und sich nicht anders zu helfen weiß, als sich sein eigenes Zimmer zum Exil und Gefängnis umzubauen? Was passiert, wenn der heimliche Hass auf die Menschen und der Ekel vor der Gesellschaft einen vereinsamten Endvierziger in ein soziales und emotionales Labyrinth treiben, aus dem er nicht mehr herausfindet und das seine ohnehin kon-fliktbelastete Persönlichkeit noch komplizierter macht?

Wie Bürgerhass, Gesellschaftsekel und mit Konventionen kollidierende Lebens-entwürfe literarisch in Hermann Hesses Der Steppenwolf (1927) und Kevin Kuhns Hikikomori (2012) dargestellt werden, wie die Protagonisten damit umgehen und den Konflikt letztlich versuchen aufzulösen, ist Thema der vorliegenden Hausar-beit. Dabei wird schwerpunktmäßig untersucht werden, wie das Verhältnis der Protagonisten Harry Haller (Der Steppenwolf) und Till Tegetmeyer (Hikikomori) zu ihrer jeweiligen Umwelt ausgearbeitet wurde und wie sie mit und in ihren so-zialen Konstellationen interagieren.

In einem weiteren Kapitel soll der Versuch einer psychologischen Erklärung gemacht werden - warum verhalten sich Harry und Till, wie sie sich verhalten und wie lässt das Phänomen der Isolation von gesellschaftlichen Werten und Konzepten psychologisch erklären?

Leitthese dieser Hausarbeit ist, dass es trotz der großen zeitlichen Differenz zwi-schen den Erstveröffentlichungen der beiden Romane Parallelen geben müsste, da die Themen zwar nicht unmittelbar identisch, aber doch sinnverwandt sind und die dargebotenen Konflikte eine bestimmte Form der Auflösung erwarten lassen.

2. - Einführung in die Romane

Um eine gemeinsame Basis zu schaffen, werden die Romane, ihre Figuren, zentralen Motive und Konflikte an dieser Stelle kurz eingeführt.

Hikikomori

Till Tegetmeyer fällt durch die Zulassungsprüfung zum Abitur, woraufhin sich die nicht näher erklärten Zukunftspläne des jungen Mannes zerschlagen und er sich monatelang in seinem Zimmer einschließt, Kontaktversuche seitens seiner Freun-de abblockt und mit seinen Eltern nur noch schriftlich kommuniziert. Im Rahmen eines Computerspiels erschafft Till anschließend eine neue Welt, die er ‚Welt 0’ nennt und die zu einem digitalen Paradies wird, einem perfekten Parallelkosmos, in dem sich all jene versammeln, die Tills Projekt der Isolation im Internet ver-folgt hatten und ihn, so wird es angedeutet, als Held einer diffusen Konterbewe-gung feiern. Während Till körperlich immer weiter abbaut, unter anderem weil er sein Zimmer vollständig verdunkelt, blüht die von ihm entworfene Alternativ-Welt auf und wird zu einem Zufluchtsort für verschiedenste Menschen, die ihrer-seits anfangen, Städte zu gründen und Gesellschaftsformen zu etablieren. Seine Fangemeinde (bzw. Mitbewohner in ‚Welt 0’) sehen sich schließlich gezwungen, drastische Maßnahmen zu ergreifen, als Tills Familie ihn durch Abschalten von Heizung und Strom dazu zwingen will, sein Zimmer zu verlassen und die Paral-lelwelt gefährdet ist.

Der Steppenwolf

Hesses Der Steppenwolf dreht sich um Harry Haller, der sich selbst als ‚Steppen-wolf’ bezeichnet, als einsamen Unangepassten, der zufällig in eine ihm fremde Welt geraten sein könnte und seinen einfachen Trieben folgt, für sich bleibt, ein hedonistisches und daher sozial isoliertes Leben führt, und dabei dennoch mit seiner bürgerlichen Herkunft hadert, denn obwohl ihm seine zwei großen Fehl-schläge (zuerst verlor er seine Frau, danach sein Vermögen) in ein Leben trieben, das ihm nunmehr als Gefängnis erscheint, mietet sich der immer wieder in neue Städte ziehende Endvierziger doch jedes Mal in gutbürgerlichen Häusern ein, die ihn an sein Elternhaus erinnern. In Harrys Geist kämpfen der Mensch, der das Bürgerliche, das genormte, geordnete Leben repräsentiert, und der Steppenwolf, der den Mensch und seine Angepasstheit verabscheut. Harry trägt sich wie selbst-verständlich mit Suizidgedanken und geht nebenher einem Job als Publizist nach. In seine freudlose, wenn auch für ihn insgesamt zufriedenstellende Existenz platzt zufällig die junge Hermine, die ihn, im Gegenzug für den Gefallen ihrer Ermor-dung, in die turbulenten Abendgesellschaften, die Tanzlokale, das Leben an sich, zurückholen möchte. Zuvor jedoch fällt Harry ein Traktat in die Hände, das sein eigenes Leben zu beschreiben scheint und von einem ‚magischen Theater’ erzählt.

Schließlich findet Harry das Theater mit Hilfe von Hermine und dem Saxofonspieler Pablo. Es ist eine durch Drogen induzierte Reise ins eigene Ich - und Harry verliert sich prompt darin.

2.1 - Hauptmotive

Die Grundthematik in Hikikomori und Der Steppenwolf ist sehr ähnlich. In beiden Romanen steht ein einst integrierter Protagonist nunmehr am Rande der Gesell-schaft, isoliert, unfähig, sich in tradierte Lebenskonzepte einzufügen und die eta-blierten Wertevorstellungen der Gesellschaft zu übernehmen oder zu erfüllen. Zusätzlich verhalten sich die Protagonisten in einigen Aspekten ähnlich, bzw. wurden ähnlich angelegt. Im Folgenden werden einige dieser Aspekte untersucht und gegenübergestellt.

2.1.1 - Isolation, Weltflucht, Eskapismus

Was bei Hikikomori nach der Geschichte eines Außenseiters klingt, der Außensei-terdinge macht und nur von Außenseitern zum Helden stilisiert wird, ist stattdes-sen die Geschichte eines normalen jungen Mannes: Auch nach der gescheiterten Zulassung ist Till bis zu seiner selbst gewählten Isolation ein gut integrierter Teil seines sozialen Umfeldes; auf einer privaten Abschlussparty kann er sich ver-schiedenen Gruppen anschließen, die ihn alle respektieren und schätzen: „Till zieht es von Gruppe zu Gruppe, sie erkennen und umarmen ihn, öffnen ihre Kreise zum Einreihen.“2 Trotz allem empfindet Till sein Lebensumfeld und die Welt an sich als beklemmend, fragt sich, „wie Menschen in dieser Umgebung überhaupt atmen können“3 und meint damit sein Mehrfamilienhaus, das ihn an überladene, „übereinandergestapelte Boxen“4 erinnert. Eben diese Vorstellung von vorgefer-tigten Boxen ist es, die ihn in seiner Entfaltung behindern: Es sei etwas in ihm, „das Raum braucht, einen großen, etwas, das niemals in vorgefertigte Boxen pas-sen wird“5.

Aber es geht Till nicht nur um Selbstentfaltung, sondern auch um Selbst(emp)findung:

ich schalte alle geräte und das licht aus. möglichst wenig auf sich wirken lassen. du wirst das esoterisch finden, aber es geht mir um die schulung meines geistes, ich mache spezi-elle übungen, um mich selbst klarer zu sehen, den willen zu stärken, bewusster zu wer- den. [...] in der kälte merke ich erst, dass ich überhaupt da bin.6

Dieser Prozess, der seine Zeit des selbst gewählten Exils in seinem Zimmer begleitet, ist für Till maßgeblich, um sein Leben fortsetzen zu können. Selbst seine bis dahin glückliche Beziehung zu einer tatsächlichen Außenseiterin, Kim, stellt er für diesen Reifeprozess zurück.7

Harry Haller aus Hesses Der Steppenwolf wählt seine Isolation ebenfalls selbst. Der 47-Jährige lebt im Zwiespalt zwischen seiner bürgerlichen Herkunft, die ihn an gewisse Wertevorstellungen und auch Bedürfnisse fesselt8 und seinem nicht stillbaren Drang, ein einsamer ‚Steppenwolf’ zu sein, sich von bürgerlichen Kon-ventionen abzuwenden und ein hedonistisches, nicht-integriertes Dasein zu füh-ren, das jedoch in permanenter Einsamkeit mündet. Harry, wie auch Till, folgen damit einer von drei nonkonformen Verhaltensarten, dem ‚sozialen Rückzug’, bei dem „sowohl gesellschaftliche Ziele als auch die Methoden zu deren Erreichung (abgelehnt werden)“.9

Wie Till Tegetmeyer hat sich Harry Haller auch von der Frauenwelt (weitestge-hend) abgewendet - er trifft nur gelegentlich eine Geliebte, mit der er sich dann jedoch immer streitet und die er erst Monate später wiedersieht. Andere soziale Kontakte, die nicht nur vorübergehend, geschweige denn tiefsinnig sind, hat er nicht, bevor er in der namenlosen schweizer Stadt an die junge Hermine gerät, die zwar das Ziel seines körperlichen Begehrens ist, ihm aber zu ähnlich sei und eher eine Schwesterfigur darstellt, weshalb er seine Triebe auf Hermines Freundin Ma-ria konzentriert.

Auch strukturell sind die gebrochenen Persönlichkeiten von Harry Till in den Romanen verankert - in Hikikomori wechseln sich die Erzählperspektiven ab, sodass der Leser gezwungen ist, die Figur Till aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Bei Der Steppenwolf ist die Erzählperspektive sogar „dreifach gebrochen“ - die Geschichte wird vom Herausgeber erzählt, von Harry Haller selbst mittels dessen Aufzeichnungen und zuletzt durch das Traktat. Der Leser „wird in diesem Sinne dazu aufgefordert, sich aus unterschiedlichen Aspekten mit der vielschich- tigen Persönlichkeit Hallers auseinanderzusetzen“.10

2.1.2 - Scheinwelten und ihre Ausgestaltung

Ein weiteres Hauptmotiv beider Romane sind die Scheinwelten, in die sich die Protagonisten flüchten. Wo Harry sich im ‚magischen Theater’ nach vergangenen Tagen, zweiten Chancen und der Erfüllung heimlicher Wünsche sehnt, etabliert Till seine eigene digitale Welt, die es ihm ermöglicht, seinen Körper und Geist von den Einflüssen der Gesellschaft zu befreien und nach seinen Vorstellungen zu existieren - wenn auch nur in einer Scheinwelt, seinem eigenen ‚magischen Thea-ter’, über das er jedoch deutlich mehr Entscheidungsgewalt hat, als Harry; immer-hin ist Till der Schöpfer der kompletten Welt, während Harry lediglich durch be-schriftete Türen in vorgefertigte Szenarien eintreten kann. In denen hat er zwar wiederum Handlungsfreiheit, das Konzept des jeweiligen Szenarios, wie bspw. die ‚Hochjagd auf Automobile’11 kann er jedoch nicht oder nur begrenzt beein-flussen und ist Figur, nicht aber Autor, also Gestalter, innerhalb seiner Illusion. Die Funktionen des ‚magischen Theaters’ und der ‚Welt 0’ sind ähnlich: In Hiki- komori dient die ‚Welt 0’ als Zufluchtsort, an dem sich Till und seine Fans entfal-ten und ausleben können, was ihnen in der realen Welt mit ihren Beschränkungen durch Erwartungshaltungen der Gesellschaft verwehrt bleibt. Das ‚magische Theater’ hat für Harry eine ähnliche Funktion, die jedoch nicht so umfassend es-kapistisch konnotiert ist, wie für Till. Für Harry steht das Bedürfnis im Vorder-grund, sich selbst zu finden, und weniger, sich von der Gesellschaft abzugrenzen (was durch den Steppenwolf ohnehin wesentlicher Teil seiner Existenz ist). Ver-bindende Funktion der Scheinwelten ist die Entwicklung der Persönlichkeiten. Till versucht, sich selbst zu finden und dafür den nötigen - buchstäblichen - Raum einzuräumen. Harry versucht ebenfalls, sich als Individuum zu erkunden, bzw. sich mit den kontrastierenden Aspekten seiner Persönlichkeit zurechtzufinden. Primäres Ziel seines Besuchs im ‚magischen Theater’ ist die Vernichtung eines dieser Aspekte, dem des Steppenwolfes, der seine hedonistischen, triebhaften Neigungen repräsentiert.

[...]


1 Sartre, Jean-Paul: Geschlossene Gesellschaft. Hamburg 1991, S. 59.

2 Kuhn, Kevin: Hikikomori. Berlin 2012, S. 47.

3 Ebd., S. 20.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 29.

6 Kuhn: Hikikomori, S. 44.

7 Vgl.: Ebd., S. 45.

8 Vgl.: Hesse, Hermann: Der Steppenwolf. Berlin 1974, 56. Aufl. 2016, S. 22 f.

9 Stanga, Maria: Zum Phänomen des Außenseitertums am Beispiel des Romans Der Steppenwolf. In: Dr. Nubert, Roxana (Hrsg.): Temeswarer Beitr ä ge zur Germanistik. Band 6, Temeswar 2008, S. 181-200, S. 183.

10 Kahl, Julia: Reflexionen von Identit ä t in Hermann Hesses ‚ Der Steppenwolf’. Hamburg 2015, S. 8.

11 Vgl.: Hesse: Der Steppenwolf, S. 230-243.

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668364639
ISBN (Buch)
9783668364646
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v347172
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Schlagworte
vergleich protagonisten konflikte kevin kuhns hikikomori hermann hesses steppenwolf gesellschaftsekel weltflucht

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