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Die (räumlichen) kreativen Lebens- und Arbeitsbereiche in Alison Bechdels „Fun Home“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 16 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnais

1. - Einleitung Seite

2. - Untersuchung der kreativen Lebens- und Arbeitsbereiche Seite
2.1. - Schreibtische Seite
2.1.1. - Alisons Schreibtische Seite
2.1.2 - Der Schreibtisch der Mutter Seite
2.1.3. - Der Schreibtisch des Vaters Seite
2.2. - Bibliothek Seite

3. - Untersuchung der Lektüre Seite
3.1. - Was wird gelesen? Seite
3.1.1. - Oscar Wilde Seite
3.1.2. - James Joyce Seite
3.1.3. - F. Scott Fitzgerald Seite
3.2. - Wo und wie wird gelesen? Seite

4. - Vergleich und Interpretationsansatz Seite
4.1. - Schrieben und Schrift Seite
4.2. - Wertung der Arbeitsbereiche Seite
4.3. - Bibliothek Seite
4.4. - Einsatz von Literatur Seite

5. - Fazit Seite

Literaturverzeichnis Anhang

1. - Einleitung

Thema dieser Ausarbeitung sind die (räumlichen) kreativen Lebens- und Arbeitsbereiche in Alison Bechdels ‚Tragicomic’ Fun Home. Der Fokus wird besonders auf der Darstel-lung der Schreibtische und der Bibliothek liegen: Wer und was ist dort zu sehen, wie sind diese Bereiche dargestellt; unterscheiden sie sich signifikant von anderen Darstellungen im Comic oder gibt es womöglich auffällige Parallelen zwischen diesen oder anderen Panels?

Zweiter Schwerpunkt der Ausarbeitung wird die dargestellte Lektüre der Figuren sein: Wer liest was, wie und wo. Da besonders literarische Bezüge in Fun Home elementar sind und prosaische und dramatische Werke bei den bedeutungstragenden Paratexten wesentlicher sind als lyrische, beschränkt sich die Betrachtung auf explizit literarische Werke eben solcher Art. Die Rezeption von journalistischen Inhalten wie etwa des Time Magazine1 oder der GQ2 wird wegen fehlender Literarizität ebenso wenig Teil der Unter-suchung sein wie die von Arthur Mizener verfasste Fitzgerald-Biografie The Far Side Of Paradise3 oder Wallace Stevens’ Gedichtsammlung Harmonium4, die als Sachbuch bzw. Lyrik nicht in die zu untersuchende Kategorie fallen. Damit soll jedoch natürlich nicht unterstellt werden, dass bspw. der Watergateskandal um Nixon, der auch mittels ver-schiedener Titelblätter in die Handlung eingebracht wird, weniger bedeutungstragend wäre, als einer der zu untersuchenden Texte.

Obwohl es sich bei Fun Home um eine nicht fiktionalisierte, autobiografische Erzählung handelt, werden Erzählinstanz, Autorin und Hauptfigur nicht als Einheit verstanden. In-nerhalb der Ausarbeitung werden die extradiegetisch verstandene Erzählinstanz als ‚Er-zählinstanz’, die Autorin als (Alison) ‚Bechdel’ und die Hauptfigur lediglich als ‚Alison’ bezeichnet werden.5

Außerdem wird auf Fun Home überwiegend als eine ‚Erzählung’ referiert werden, da der Terminus sowohl die visuelle wie auch die textuelle Darstellung einschließt und keine Unterscheidung anderer Begrifflichkeiten - wie etwa ‚Comic’ im Gegensatz zu ‚Graphic Novel’ - erforderlich macht.

2. - Untersuchung der kreativen Lebens- und Arbeitsbereiche

Wie bereits angedeutet, nimmt Literatur in Fun Home einen besonderen Stellenwert ein. Die vielen intertextuellen Referenzen wurden sogar als Grund für den Erfolg der Erzäh-lung angeführt.6 Der nicht offen homosexuell lebende Vater Bruce existiert nur in einer Scheinwelt, die er sich mittels des alten Hauses auch physisch hergerichtet hat und deren Teil auch die eigene Familie in Form eines „still life“7 ist. Die ebenfalls homosexuelle Alison findet allein über die gemeinsame Vorliebe für Literatur Zugang zum Vater. Erst kurz vor dessen Tod verrutscht diese gutbürgerliche Maske ein wenig, als sich Bruce seiner Tochter offenbart und die Illusion andeutungsweise der Realität weicht. Aber Ali-son hat zu lange in der Illusion existiert (wenngleich sie sie als Kind nicht erkannte), um diesen Paradigmenwechsel einfach geschehen zu lassen und betrachtet im Nachhinein Fiktion und Realität als kaum voneinander unterscheidbar.8 Mehr noch, „der Fiktion wird sogar ein stärkerer Wahrheitsgehalt zugeschrieben, als ihn die Realität zu haben scheint.“9 Wie diese fiktionale Welt dargestellt ist und sich mit der dargestellten Realität in Fun Home überschneidet und vermischt, lässt sich besonders an den Stellen ausma-chen, an denen Literatur und literaturbezogene Entitäten dargestellt werden. Im Folgen-den werden einige dieser Stellen beispielhaft untersucht.

2.1. - Schreibtische

Schreibtische und Sekretäre stellen in Fun Home nicht den Ort dar, an dem kreative Gedanken rezipiert, sondern produziert werden. Wesentlich dafür sind Briefe, Tagebucheinträge und Schreibwerkzeuge allgemein. In diesem Unterkapitel werden einige Panels betrachtet, auf denen die Schreibtische der Figuren zu sehen sind.10

2.1.1. - Alisons Schreibtische

Seite 58 - Alison schreibt hier den Brief an ihre Eltern, in dem sie offenbart, lesbisch zu sein.11 Auf dem Schreibtisch befinden sich ein Tintenfass, eine glühende Zigarette im Aschenbecher, ein nur angedeuteter Beutel, der Tabak oder auch Marihuana12 enthalten könnte (der Beutel wird auf Seite 76 noch einmal gezeigt), ein Stifttopf, die Schreibma-schine der Marke Smith-Corona, sowie der Regalüberbau mit einigen Büchern; explizit dargestellt sind Plato, ein Band zur Filmtheorie und eine Ausgabe von The Second Sex, einem philosophischen Werk zu feministischen Themen von Simone de Beauvoir.

Perspektivisch handelt es sich um eine leichte Obersicht aus dem Blickwinkel eines hinter Alison stehenden implizierten Betrachters, der liest, was sie auf der Maschine tippt. Es entsteht ein Widerspruch zwischen dem voyeuristischen und etwas klandestin wirkenden Über-die-Schulter-Blick und der im Panel zentral platzierten Information, was sie tippt, etwa so, als wolle Alison das Geheimnis herausschreien.

Seite 77 - Hier ist derselbe Augenblick zu sehen, jedoch aus einer anderen Perspektive, die deutlich macht, dass Alison auf dem Tisch ihrer Collegezeit sowohl handschriftlich mit Papier und Füller, wie auch mit der Schreibmaschine arbeitet. Ein interpretatorisch relevanter Aspekt wird hier zum ersten Mal klar: Alison schreibt den Brief an ihre Eltern per Hand, bevor sie ihn abtippt und sucht in einem Thesaurus nach geeigneten Form-ulierungen.13

Die Darstellung ist wieder eine leichte Aufsicht aus der Perspektive eines stehenden Betrachters, dieses mal jedoch aus einem anderen Blickwinkel, der den Titel des Buches erkennbar macht.

Seite 79 - Alison beantwortet auf ihrer elektrischen14 Smith-Corona den Antwortbrief ihrer Mutter. Auf dem Schreibtisch befindet sich neben bereits gezeigten Elementen auch das Taschenmesser, das Alison als Ausdruck ihrer Homosexualität gekauft hat.

Auf den ersten Blick scheint das Panel ein vergrößerter Ausschnitt des Panels von Seite 58 zu sein, sodass ein Zoom-In-Effekt entsteht, jedoch sind tatsächlich nur Blickwinkel und Perspektive dieselbe. Verschieden sind das Taschenmesser und die Fingerposition. Die Ähnlichkeit der Panels verweist auf eine Parallele zwischen der Furcht beim Tippen des Coming Outs und der vermutlich ähnlich gelagerten Furcht, als Alison nachhaken muss, welche ‚Katastrophe’ die Mutter angedeutet habe. Außerdem legt der kleinere Bildausschnitt im Vergleich zum Panel auf Seite 58 nahe, dass der Beobachter entweder näher herangetreten ist, oder genauer hinschaut bzw. hinschauen darf, als beim Geständ-nis, lesbisch zu sein.

Seite 169 - In diesem Panel ist Alisons Sekretär in Beech Creek zu sehen. Auf dem Echt-holzmöbel sind eine altmodische elektrische Lampe, ein Stifttopf, ein Radiergummi und das Wörterbuch zu sehen. Alison schreibt per Hand in ihr Tagebuch.

Bei dieser Darstellung ist die Sichthöhe etwas niedriger als bei den vorangegangenen Panels, was sich vielleicht auf die andere Zeitebene zurückführen lässt, denn in diesem Panel ist Alison noch eine Pubertierende und körperlich kleiner als zur Studienzeit. Dar-aus ließe sich ableiten, dass die Sichthöhe des Betrachters angepasst wird an die Sichthö-he von Alison. Dies scheint jedoch allein auf die Darstellungen aktiver Kreativität zuzu-treffen, da bspw. in der Darstellungen der auf der Toilette sitzenden Alison auf der vor-herigen Seite der implizierte Beobachter auf Augenhöhe mit ihr ist.

Seite 186 - Alisons Sekretär in Beech Creek ist hier am deutlichsten zu sehen, da in dem Panel keine Figur die Sicht auf die Oberfläche verdeckt. Zu sehen sind das Tagebuch, Tintenfässer, der Stifttopf, ein Radiergummi, das Exoskelett einer Zikade15, eine Lampe, eine Klingelschelle, ein Prospekt von The Importance Of Being Earnest, der auf einer Ausgabe der Gentlemen’s Quarterly liegt, Zeichnungen von Richard Nixon, ein Füller, sowie eine kleine Flasche, die vermutlich Tippex enthält.

Auffällig an dieser Darstellung ist, dass der Schreibtisch erneut aus der Position eines über die Schulter einer nicht vorhandenen Figur blickenden Betrachters dargestellt wird, also leicht seitlich - obwohl eine zentrale Sicht auf die Arbeitsfläche ebenfalls möglich gewesen wäre.

2.1.2. - Der Schreibtisch der Mutter

Auf den Seiten 158, 163 und 177 wird der Schreibtisch der Mutter gezeigt. Dieser befin-det sich im Bügelzimmer und ist Standort einer elektrischen IBM-Schreibmaschine, dem Design nach zu urteilen einer IBM Selectric. Daneben befinden sich ein Stapel beschrie-benes Papier, einige Bücher, unordentlich aufeinander gelegt (S. 163), und ein Objekt in Türknaufform16, das als Briefbeschwerer fungiert. Auf Seite 158 ist im Hintergrund -aber dennoch prominent - das Bügelbrett samt Eisen platziert und auf Seite 163 ist die Mutter sogar bügelnd zu sehen. Diese Darstellung legt nahe, dass der kreative Arbeitsbe-reich der Mutter keinen eigenen Platz hat, sondern lediglich ein Raum zweckentfremdet wurde, der sonst allein der Hausarbeit dient. Somit wird eine Wertung impliziert, da der Schreibtisch des Vaters Teil der Bibliothek ist und das Zentrum des Raumes bildet.17 Daraus kann jedoch nicht auf die Rollenverteilung im Haus geschlossen werden, da der Leser im Unklaren gelassen wird, ob der Vater den intellektuellen Ambitionen der Mut-ter, die an diesem Schreibtisch ihre Masterarbeit verfasst, keinen Raum zu geben gewillt war, oder ob die Mutter nur nie danach gefragt hat und sich aus eigener Initiative in das Bügelzimmer zurückgezogen hat. Auffällig ist ebenfalls, dass der Schreibtisch sehr klein ist und neben der Maschine kaum Platz für die Ablage ist, also kein Raum für Literatur und den zusätzlichen Stapel Papier daneben bleibt. Auf Seite 163 wird das sehr deutlich, denn dort ist zu sehen, dass die Mutter das Papier auf einem Stapel mit der Literatur auf-bewahrt.

2.1.3. - Der Schreibtisch des Vaters

Der Arbeitsbereich von Bruce ist auf den Seiten 60 f., 82-86, 133 und 202 zu sehen. Es handelt sich um einen ausladenden „Second-Empire-Desk“18, der ein schwarzes Tele-fon19, eine alte Lampe, einen Tacker, einen Stifttopf und einige Papiere beherbergt. Der Sekretär ist Teil der Bibliothek (vgl. Kapitel 2.2.) und steht vor dem den Raum beherr-schenden Bücherschrank aus massivem Walnussholz. Diesen Schreibtisch scheint der Vater aber lediglich für Schreibarbeiten zu benutzen; lesend wird er dort nicht gezeigt -stattdessen nutzt er dafür einen Stuhl, der zwischen dem Schreibtisch und der Tür steht.20

[...]


1 Bechdel, Alison: Fun Home. A Family Tragicomic. New York u. a. 2007, S. 181.

2 Ebd.

3 Ebd., S. 62.

4 Ebd., S. 82.

5 Damit folgt die Argumentation dem Gedankengang Robyn Warhols. - Vgl.: Warhol, Robyn: The Space Between. A Narrative Approach to Alison Bechdel's “Fun Home”. In: College Literature. Vol. 38, No. 3, Baltimore 2011, S. 1-20, S. 5.

6 Vgl.: Cvetkovich, Ann: Drawing the Archive in Alison Bechdel's Fun Home. In: Women's Studies Quarterly. 36.1, New York 2008, S. 111-128, S. 122.

7 Vgl.: Bechdel, S. 13.

8 Dies zeigt sich auch in ihren Tagebucheinträgen, die sie als Kind verfasste und mit einem Symbol versah, das die latente Subjektivität auch einfachster Sachverhalte und Wahrnehmungen verdeutlicht.

9 Frei, Dana: Vom Panel zum Closet: Zur Symbolik von Räumen in Alison Bechdels Fun Home. In:

Schweizerisches Archiv für Volkskunde = Archives suisses des traditions populaires. Band 108 (2012), S. 253-263, S. 256.

10 Auffällig ist, dass in Fun Home nur der Arbeitsplatz von Alison ausführlich gezeigt wird. Die Schreibtische der Eltern erhalten dagegen nur marginale Beachtung.

11 Hier werden nur individuelle kreative Arbeitsbereiche berücksichtigt. Der Wohnzimmertisch bspw. an dem Alison als Siebenjährige auf einer alten Remington Gedichte tippt und auch malt, findet keine Berücksichtigung. (Vgl.: Bechdel, S. 129.)

12 Alisons Neigung zu bewusstseinsverändernden Substanzen zeigt sich im Laufe der Story an verschiedenen Stellen, etwa als sie dem Tod ihres Vaters „on occasion, drunk“ begegnet (Bechdel, S. 57) oder ihre Seelenqualen mit dem Inhalt einer selbstgebauten Wasserpfeife betäubt (Vgl.: Bechdel, S. 79). In einem anderen Panel wird sie jedoch auch mit der Wasserpfeife gezeigt, als es keinen unmittelbaren Anlass gibt, Emotionen zu betäuben. (Vgl.: Bechdel, S. 207)

13 Das ist insofern bemerkenswert, als dass Alison natürlich implizit mit der Erzählinstanz gleichgesetzt werden soll, also als eine gebildete, eloquente Persönlichkeit dargestellt wird, die gewöhnlich wohl kaum in einem Synonymwörterbuch nach geeigneten Formulierungen suchen muss.

14 Dass die Smith-Corona elektrisch ist, wurde bisher nicht deutlich - auf den Darstellungen auf Seite 58 und 77 ist das Kabel nicht zu sehen.

15 Die Zikade ist bei mehreren Gelegenheiten zu sehen und ist jeweils Symbol des Wandels, bzw. der Entwicklung der Figur.

16 Es könnte sich auch um einen Kugelkopf aus einer anderen Schreibmaschine handeln. Die IBM Se- lectric, die die Mutter benutzt, war die erste Schreibmaschine, in der ab 1961 so eine Vorrichtung verbaut war. Dagegen spricht jedoch, dass ein solcher Kugelkopf sehr leicht ist und sich als Briefbeschwerer kaum eignet.

17 Vgl.: Bechdel, S. 60.

18 Bechdel, S. 60.

19 In den Wochen oder Monaten vor der Trauerfeier ist dieses Telefon einem Ablagekorb für Papier gewichen. - Vgl.: Bechdel, S. 202 u. 84.

20 Vgl.: Bechdel, S. 84.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668364653
ISBN (Buch)
9783668364660
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v347168
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Schlagworte
Comic Raumdarstellung Graphic Novel Alison Bechdel Fun Home

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