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Forschungen zum Kulturtransfer zwischen Deutschland und Frankreich

Ausarbeitung 2008 11 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Was verbirgt sich hinter dem Konzept des Kulturtransfers?

Warum wird der Kulturtransfer zwischen Frankreich und Deutschland in den Blick genommen?

Die Vermittler

Welche Rolle spielten die Grenzgebiete?

Warum war der Kulturtransfer oft ungleichgewichtig?

Das „Paradigma des Fremden“

Die Wiederentdeckung kultureller Güter

Die Etablierung der Kulturtransferforschung

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Seminarsitzung am 24. April 2008 der Veranstaltung „Transkulturalität und Gender“ beschäftigten wir uns mit den Forschungen zum Kulturtransfer in Frankreich und Deutschland. Als Materialgrundlage diente uns der Forschungsbericht von Katharina Middell und Matthias Middell „Forschungen zum Kulturtransfer. Frankreich und Deutschland“.[1] Im Folgenden werde ich die Inhalte der Seminarsitzung anhand des bearbeiteten Quellentextes, sowie der Diskussion und den Beiträgen bzw. Erläuterungen von Dozentin und SeminarteilnehmernInnen darstellen.

Was verbirgt sich hinter dem Konzept des Kulturtransfers?

Die Forschung zum kulturellen Transfer ist ein vergleichsweise junger Ansatz, der sich in den 1980er Jahren in Deutschland und Frankreich ausgebildet hat. Unter dem Begriff Kulturtransfer versteht man laut Helga Mitterbauer[2] sowohl inter- als auch intrakulturelle Wechselbeziehungen, die als dynamischer Prozess zu skizzieren sind. Als wichtiges Merkmal ist hier die Reziprozität dieser Wechselbeziehungen zu nennen. Das Konzept des Kulturtransfers verbindet drei Komponenten miteinander: die Ausgangskultur, die jeweilige Vermittlungsinstanz, sowie die Zielkultur. In Bezug auf die Ausgangskultur sind die „Objekte, Praktiken, Texte und Diskurse, die aus der jeweiligen Ausgangskultur übernommen werden“[3] zu hinterfragen. Im Hinblick auf die Zielkultur scheint es wichtig zu sein, die Auswahlkriterien sowie die Formen der Aneignung und produktiven Rezeption genauer zu untersuchen. Des Weiteren spielen in der Forschung zum Kulturtransfer die unterschiedlichen Vermittlungsinstanzen und ihre Funktionen - sowohl in Form von Personen als auch in Form von Gütern oder Konzepten - eine wichtige Rolle.[4]

Seit den achtziger Jahren kam es zu einem Aufschwung der historischen Forschungen zum interkulturellen Transfer, da man zu dieser Zeit eine Umorientierung der Geschichtswissenschaften verzeichnen kann. Es entstanden neue Tendenzen der Geschichtswissenschaft sich der Kulturgeschichte auf eine andere Art und Weise zu nähern. Vor dem Hintergrund dieser geschichtswissenschaftlichen Tendenzen seit den 1990er Jahren, wie der Mikrogeschichte, der Alltags- und Mentalitätsgeschichte (in der das Individuum stärker in den Blick genommen wurde), der historischen Anthropologie (also der Frage welche Vorstellungen davon bestehen, wie der Mensch ist oder sein sollte), sowie des linguistic turn (Gleichsetzung von Realität und Sprache wurde angezweifelt, also der Auffassung, dass das Wort nicht immer gleichbedeutend ist mit dem, was es bezeichnet), erweiterte sich das Geschichtsverständnis. Dieses erweiterte Geschichtsverständnis betonte die Tatsache, dass es verschiedene „Formen subjektiver (Re-)Konstruktion von Wirklichkeiten“[5] gibt, und aus diesem Zusammenhang heraus entstand das Konzept des Kulturtransfers.

Die international vergleichende Wissenschaft wurde in den 1980er Jahren durch das Konzept des Kulturtransfers erweitert. Der komparatistische Forschungsansatz stößt dann an seine Grenzen, wenn nur scheinbar ähnliche Aspekte zweier Kulturen miteinander verglichen werden. Hier kann es schnell dazu kommen, dass nicht beachtet wird, welche unterschiedlichen Funktionen die jeweiligen Aspekte in ihrem spezifischen historischen Kontext hatten. Durch diese komparatistische Forschung werden also nicht die Interaktionen sozialer Gruppen und deren kulturellen Praktiken und Prozesse des Austauschs betont, sondern „nationale Einheiten, die man sich als abgeschlossen gegen den jeweiligen Nachbarn vorstellt“[6], entworfen. Neu ist dem Kulturtransfer gegenüber der komparatistischen Forschung ebenfalls, dass nicht mehr so sehr das Abgrenzende, beziehungsweise die jeweiligen kulturellen Unterschiede im Vordergrund stehen, sondern untersucht wird, wie die Gemeinsamkeiten zustande kommen.

Es geht beim Konzept des Kulturtransfers immer darum, die Selbstdefinition einer Kultur zu skizzieren, ihren Blick auf die anderen Kulturen nachzuvollziehen, sowie aufzudecken wie der kulturelle Austausch zwischen den Kulturen funktioniert(e). Die Problematik des interkulturellen Vergleichs liegt darin, dass man etwas als unterschiedlich voraussetzt, was man eigentlich erst erforschen müsste. Man befindet sich also in einem Teufelskreis, denn das, was man herausfinden will, also die kulturellen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede, gibt man damit schon vor.

Eine weitere Neuerung des Kulturtransferkonzepts ist die Tatsache, dass man nicht mehr vom Einfluss einer Kultur auf eine andere spricht, sondern von Transfer. Dies liegt zum einen daran, dass nicht die expandierende Kultur im Vordergrund der Untersuchungen steht, sondern die Gesellschaft, die bereit ist die Ideen, Konzepte oder Praktiken aufzunehmen und zu übernehmen. Zum anderen wurde der Begriff des Transfers eingeführt, damit keine Übersetzungsprobleme entstehen. Des Weiteren war diese Begrifflichkeit noch frei von Normvorstellungen und Erwartungen aus anderen Geisteswissenschaften, anders als es bei Begriffen wie „Übernahme“ oder „Beziehungen“ der Fall gewesen wäre. Das Kulturtransferkonzept ist als eine Abwendung gegen die nationale Eigenstaatlichkeit und die Ignoranz der Elemente anderer Kulturen in der eigenen Gesellschaft zu sehen. „Das Konzept rückt die vielfältigen Durchdringungs- und Rezeptionsvorgänge zwischen den Kulturen in den Mittelpunkt.“[7] Das Kulturtransferkonzept betont außerdem die Vermittlerschichten und vertritt die Auffassung, dass ein Kulturtransfer auf die Bedürfnisse der Empfängerkultur hinweist, die gezielt fremde Elemente in ihre eigene Kultur integriert. Der Transfer ist also nicht mit dem gewollten Expansionismus einer Kultur gleichzusetzen; stattdessen wird die Seite der Rezipienten genauer untersucht. Hierbei ist es wichtig, dass der Kulturtransfer als aktiver Aneignungsprozess verstanden wird, nicht als passive Einwirkung. Auch das kulturelle oder nationale Gedächtnis spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Es wird als eine Konstruktion gesehen, da Ideengut aufgenommen wird, von dem behauptet wird es sei wichtig für die Entwicklung der Nation. Das Fremde, das beispielsweise durch den Kulturtransfer darin enthalten war, wird herausdefiniert und zum Kern des Nationalen gemacht. Am Anfang steht die Pluralität der Kultur, und erst in der Bildung der Nationalität löst diese sich auf. Die „fremden“ Elemente der Nationalkultur verschmelzen somit zu einem neuen Ganzen. In diesem neuen Ganzen kann dann nur noch schwer der Ursprung der einzelnen Elemente nachvollzogen und im Gedächtnis bewahrt werden.

Konzepte oder Praktiken werden nicht einfach unverändert von anderen Kulturen übernommen. Meistens findet ein produktiver Umgang mit ihnen statt, also beispielsweise eine Adaption an die jeweiligen kulturellen Zusammenhänge, eine Verschmelzung pluraler kultureller Elemente, Übersetzungen und weitere kreative Rezeptionsvorgänge. Sobald ein kulturelles Gut in einer anderen Kultur angenommen und übernommen wurde, verschwindet nach gewisser Zeit allerdings das Wissen darüber, dass es einmal aus „der Fremde“, also aus einer anderen Kultur kam. Die Kulturtransferforschung wurde bislang überwiegend auf das 18. und 19. Jahrhundert verwendet. Zu dieser Zeit war schon ein hohes Maß an Identifizierung von Nation-Staat-Kultur erreicht. Ein weiterer Grund ist darin zu sehen, dass „Transferprozesse auf wirtschaftlicher und intellektueller Ebene überwiegend an Trägerschichten und Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft gebunden sind“[8]. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass zuvor kein Kulturtransfer stattgefunden hat. Man kann beispielsweise auch schon zur Zeit der Kolonisation Elemente von Kulturtransfer erkennen. Es ist aber festzuhalten, dass besonders die Zeit der Französischen Revolution eine Zäsur in der Kulturtransferforschung darstellt. Man setzte mit den Forschungen häufig bei diesem Zeitpunkt an.

Warum wird der Kulturtransfer zwischen Frankreich und Deutschland in den Blick genommen?

Die vergleichende Untersuchung Frankreichs und Deutschlands ist durchaus kein neues Phänomen. Verschiedenste Disziplinen der Wissenschaft erforschen seit langer Zeit die Beziehungen dieser beiden Länder. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden immer wieder Vergleiche angestellt um herauszufinden, warum manche kulturellen Entwicklungen nur in einem der beiden Länder stattfanden, nicht aber in dem anderen. Man orientierte sich hierbei an der Vorstellung, dass es sich um zwei, sich beeinflussende oder abgrenzende Nationalkulturen handelt, die ihre Identität im Vergleich mit dem Nachbarland bilden. Genau diese aufeinander bezogenen Fremdwahrnehmung und Selbstbestimmung der beiden Kulturen widmete sich die bereits erwähnte komparatistische Forschung, da sie ein konstantes Element der deutsch-französischen Geschichte darstellt.

Das von Espagne und Werner vorgeschlagene Kulturtransferkonzept sollte die zuvor beschriebenen Grenzen der vergleichenden Betrachtung aufweichen. Es folgte ein Perspektivenwechsel von Historikern und französischen Germanisten. Um die interkulturellen Übertragungsprozesse aufzudecken, arbeiteten Espagne und Werner an der empirischen Erforschung des Kulturtransfers. Wichtig war für die Forscher hier das „Aufdecken der internen Dynamik der Rezeptionsvorgänge zwischen den Kulturräumen“[9]. Es ist von Bedeutung festzuhalten, dass das Konzept des Kulturtransfers zunächst speziell mit dem Blick auf die Beziehung Deutschland - Frankreich entwickelt wurde.

Die Vermittler

Als Trägergruppen untersucht wurden unter anderem: deutsche Sprachlehrer in Frankreich sowie Französischlehrer in Deutschland, Weinhändler und Kaufleute, Künstler, Adelige, Buchhändler und Verleger, Handwerker, Dienstmädchen etc. All diese und noch weitere Personengruppen dienten als Vermittlerinstanzen und sorgten dafür, dass kulturelle Güter in der jeweils anderen Kultur rezipiert und teilweise in diese integriert wurden.

Als Quellen der Untersuchungen zu den vielfältigen Durchdringungs- und Rezeptionsvorgängen dienten unter anderem Nachlässe, Korrespondenzen, Notizen von Franzosen oder Deutschen, Reisedokumente sowie Verwaltungsakten. Die Forschung zum Kulturtransfer ist als Gegenstück zur staatlichen Organisation der Archive zu sehen, da hier häufig speziell solche Quellen angelegt werden, die die eigene Staatlichkeit dokumentieren und nicht, wie in der Kulturtransferforschung, solche Quellen die Spuren fremder Kulturen in der eigenen Kultur bekunden.

Welche Rolle spielten die Grenzgebiete?

Im Fokus der Kulturtransferforschung in Frankreich und Deutschland standen vor allem die Grenzräume. Diese sind wichtig, da es sich um künstlich gezogene Grenzen handelt, die oft keine Hinweise auf kulturelle Grenzen bieten. Ein weiterer Grund hierfür liegt darin, dass Grenzgebiete einen starken internationalen Handel und interkulturelle Beziehungen pflegen, und dadurch speziell hier der Kulturtransfer gut nachzuzeichnen und zu erforschen ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Kulturtransferforschung von einem anderen Regionenbegriff ausgeht, als dies in anderen Wissenschaften der Fall ist. Man bezieht sich bei seinen Untersuchungen nicht auf administrative Regionen oder Nationalstaaten, sondern der Regionenbegriff wurde von der Vorstellung einer „zusammenhängenden Landmasse abgekoppelt“[10].

[...]


[1] Middell, Katharina und Matthias: Forschungen zum Kulturtransfer. Frankreich und Deutschland. In: Grenzgänge. Beiträge zu einer modernen Romanistik, Jg. 1 (1994), Heft 2, S. 107- 122.

[2] Vgl. Mitterbauer, Helga: Moderne - Wien und Zentraleuropa um 1900. In: "Newsletter Moderne", Jg. 2 (1999), Heft 1, S. 23.

[3] Ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Middell 1994, S. 109.

[6] Ebd. S. 108.

[7] Ebd. S.109.

[8] Ebd. S. 114

[9] Ebd. S. 108.

[10] Ebd. S. 111.

Details

Seiten
11
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668365247
ISBN (Buch)
9783668365254
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v347045
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
Schlagworte
Kultur Transfer Kulturtransferk Frankreich Deutschland Forschungsbericht Grenzregion

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Titel: Forschungen zum Kulturtransfer zwischen Deutschland und Frankreich