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Entscheidet Soziale Herkunft über Bildungserfolg? Eine Untersuchung

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition
2.1 Soziale Herkunft
2.2 Bildungserfolg

3. Faktoren für Bildungserfolg
3.1 Bildungsniveau der Herkunftsfamilie
3.2 Einkommen
3.3 Migrationshintergrund
3.4 Segregation
3.5 Familienstrukturen
3.6 Schullaufbahnempfehlungen der Lehrer

4. Gibt es Bildungsbenachteiligung aufgrund von sozialer Herkunft in Deutschland?

5. Folgen von Bildungsungleichheit

6. Erklärungsansatz
6.1 Der Ressourcen-Investitionsansatz
6.2 Die Theorie der rationalen Entscheidung von Raymond Boudon
6.3 Pierre Bourdieus Theorie der sozialen Reproduktion
6.4 Colemans Humankapitaltheorie

7. Handlungsperspektiven für den Abbau von Bildungsungleichheiten

8. Diskussionsteil: Entscheidet soziale Herkunft über Bildungserfolg?

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abstract

Das Ziel der vorliegenden wissenschaftlichen Studienarbeit ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob soziale Herkunft über Bildungserfolg entscheiden kann. Um dies beantworten zu können, werden zuerst verschiedene Ursachen und Faktoren für Bildungserfolg vorgestellt und gezeigt wie die Situation derzeitig im deutschen Bildungssystem ist. Dazu werden der Bildungsbericht (2016) und unterschiedliche PISA Studien zu Hilfe gezogen. Anschließend werden die derzeit anerkanntesten Theorien zur Bildungsungleichheit präsentiert und erklärt. Im Schlussteil der Arbeit wird das Thema Bildungsungleichheit bzw. Bildungserfolg noch einmal kritisch reflektiert und diskutiert. Diese Hausarbeit wird sicher für Studierende im Bereich Lehramt, Soziale Arbeit und Pädagogen interessant sein, da sie einen Überblick über eines der größten Probleme im Bildungssektor bietet.

1. Einleitung

„Eine Gesellschaft kann nur so sozial sein, wie sie Bildungschancen für jeden ermöglicht“ (Christian Wolfgang Lindner, 1979).

Dieses Zitat des FDP Generalsekretärs ist in Zeiten von Flüchtlingskrisen, Debatten über Integration bzw. Inklusion in Schulen und Bildungsungerechtigkeit derzeit besonders präsent. Die PISA Studie von 2002 entfachte die Diskussion über die Gerechtigkeit im Deutschen Schulsystem erneut und hält bis heute an. Auch die Soziale Arbeit ist von dieser Thematik betroffen, da ihr höchstes Ziel soziale Gerechtigkeit, die Förderung der sozialen Entwicklung und die Stärkung bzw. Befreiung der Menschen ist.

Diese Dynamik soll Anlass zu der Frage sein, entscheidet soziale Herkunft über Bildungserfolg? Das Ziel dieser Hausarbeit ist es, eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu finden, außerdem soll sie Gründe, Theorien und Lösungsvorschläge zusammentragen und diese verdeutlichen. Beginnend mit einer Begriffsdefinition, um dem Leser die Fragestellung zu verdeutlichen und etwas näher zu bringen, beschäftigt sich die Hausarbeit im dritten Kapitel mit den Faktoren, die es für Bildungserfolg benötigt. Es folgt die Antwort auf die Frage, ob es Bildungsbenachteiligung aufgrund von sozialer Herkunft in Deutschland überhaupt gibt und welche Folgen sie nach sich zieht. Anschließend folgt ein Erklärungsansatz, warum die Situation im deutschen Bildungssystem so ist wie sie ist. Zur besseren Erläuterung dieser Frage werden einige Theorien zur Hilfe hinzugezogen. Abschließend werden mögliche Lösungsansätze veranschaulicht und erklärt. Im letzten Kapitel folgt der Diskussionsteil mit der Antwort, dass soziale Herkunft definitiv über Bildungserfolg entscheidet, den Erkenntnissen dieser Hausarbeit und der persönlichen Meinung zu der Thematik.

2. Begriffsdefinition

2.1 Soziale Herkunft

Soziale Herkunft ist ein soziokulturelles Erbe von Werten und Normen, in das man hineingeboren wird. Dabei unterscheiden sich Schichten, Milieus und Klassen einer Gesellschaft in der jeweiligen Definition und Auslegung ihrer Werte und Normen. Diese werden bei der Sozialisation des in die jeweilige Schicht geborenen Individuums erlernt und verinnerlicht. Es werden Dinge wie Vorlieben, Abneigungen, Beschränkungen und Verbote vermittelt, zusammengefasst kann man sagen, es wird eine Grundhaltung des Menschen zu der Welt und zu sich selbst erlernt bzw. geprägt. Der Französische Soziologe Pierre Bourdieu hat diese Beeinflussung durch das Umfeld den Habitus genannt (vgl. Lenger, 2013).

Die Unterschiede von verschiedenen Habiten zeigen sich in banalen Dingen wie unterschiedlichen Arten zu essen, sich zu bewegen, Weltansicht, Lebensführung, Zielen, Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Daraus resultieren verschiedene Verwirklichungschancen und die partizipativen Möglichkeiten im gesellschaftlichen Leben werden beeinflusst (vgl. Hradil, 2001).

2.2 Bildungserfolg

Sowohl die Schulleistung als auch der Erwerb bestimmter Bildungsabschlüsse gelten als ein Indikator für Bildungserfolg. Während die Schulleistung eher eine punktuelle Bestandsaufnahme der Leistung ist, sprich zu einem gewissen Zeitpunkt in bestimmten Fächern, zeigen Bildungsabschlüsse bzw. Bildungszertifikate den langfristigen Erfolg. Zusammengefasst kann man sagen, dass sowohl inhaltliche Kompetenzen wie abstraktes Denken, Lesen, Schreiben usw. als auch die formalen Bildungstitel etwas über den Bildungserfolg aussagen. Während Arbeitgeber, Ausbildungsstätten und Universitäten Bildungsabschlüsse als Bedingung stellen, legen PISA und andere Studien ein vermehrtes Augenmerk auf die Schulleistung und die jeweiligen Kompetenzen des Schülers (vgl. Diefenbach, 2013).

3. Faktoren für Bildungserfolg

Die Faktoren für Bildungserfolg bzw. Misserfolg sind weitreichend und setzen sich aus vielen verschiedenen Facetten zusammen. Im Folgenden werden diese Faktoren erklärt und näher beleuchtet.

3.1 Bildungsniveau der Herkunftsfamilie

Das Bildungsniveau der Eltern ist ein ausschlaggebender Faktor für den Bildungserfolg der Kinder, je niedriger dieses ist, desto unwahrscheinlicher ist eine gute Schulbildung der Kinder. Die Gründe dafür sind multifaktoriell, zum einen wird in der Regel weniger Wert auf die Bildung des Kindes gelegt, zum anderen ist oft das Vertrauen in das Schulsystem nicht gegeben. Darüber hinaus fehlt oft das Wissen über bestehende Förderungsmittel bzw. Chancen, welche im Bildungssystem wahrgenommen werden können. Diese Faktoren haben einen Einfluss auf die Bildungsmotivation der Eltern und Kinder und auf die damit einhergehenden Bildungs-bzw. Verwirklichungschancen der Kinder (vgl. Diefenbach, 2010).

3.2 Einkommen

Das Einkommen der Eltern hat einen großen Einfluss auf den Bildungserfolg der Kinder, es kann bzw. muss zwar unabhängig vom Einkommen eine Schule besucht werden, dennoch gibt es in der Förderung finanziell bedingte Unterschiede. Diese reichen von der Inanspruchnahme von Nachhilfestunden bis hin zum Besuch einer Privatschule. Nach Beendung der Schule wird diese Varianz besonders deutlich: während sich Studenten aus höheren Schichten mit Hilfe der Eltern finanzieren können, müssen Studenten aus niedrigeren Schichten oft selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Diese finanziellen Diskrepanzen wirken sich in erster Instanz auf die Entscheidung ein Studium überhaupt zu beginnen aus, und in zweiter auf die Leistung im Studium (vgl. Hradil, 2001).

3.3 Migrationshintergrund

Ein anderer möglicher Faktor für Bildungserfolg in der Schule ist der Migrationshintergrund; eine Benachteiligung aufgrund von Mentalität, Kultur und Milieu. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die korrekte Beherrschung der in der Schule gesprochenen Sprache. Besonders in Deutschland als Migrationsland wachsen viele Kinder zweisprachig auf. Außerdem kommunizieren viele Familien ausschließlich in der Sprache aus dem Herkunftsland, dabei wird Deutsch lediglich in Kindergärten, Schulen, Behörden usw. gesprochen. Daraus entsteht die Annahme, dass diese Kinder die einheimische Sprache schlechter beherrschen und deshalb Schwierigkeiten im Bildungssystem entstehen. Weiterhin ist es möglich, dass die elterliche Sprachbarriere zu Benachteiligungen auf dem Förderungssektor führen. Auch kommt es vor, dass Kinder mit Migrationshintergrund aus bildungsärmeren Schichten stammen, wie bspw. die türkischen Einwanderer aus den 60er Jahren als einfache Arbeiter immigrierten, um dem deutschen Wirtschaftsboom aufrecht zu erhalten (vgl. Skubsch, 2002). Dennoch kommt Diefenbach zu dem Schluss:

„Empirisch kann nicht nachgewiesen werden, dass die Nachteile von Kindern und Jugendlichen aus Migrationsfamilien im Wesentlichen darauf zurückzuführen wären, dass ihre kulturelle Prägung nicht dem entspräche, was die deutsche Schule voraussetzt, oder auf eine vergleichsweise schlechte sozioökonomische Lage ihrer Familie“ (Diefenbach, 2010, S. 153).

3.4 Segregation

Segregation bezeichnet den Vorgang der Entmischung, also eine soziale bzw. räumliche Trennung von unterschiedlichen Schichten innerhalb einer Stadt oder Gemeinde. Speziell in Großstädten kommt dieses Phänomen häufig vor: Wohngebiete, die ausschließlich von reichen bzw. armen Menschen bewohnt werden. Diese entstehen aufgrund von Mietpreisen, Ansprüchen und finanziellen Ressourcen. So suchen sich Individuen entsprechend ihrer Möglichkeiten ein Umfeld, in dem sie unter „ihresgleichen“ sind. Somit konzentrieren sich Personen aus einer Schicht bzw. einem Milieu auf dieselben Wohngebiete, da sie ihren Möglichkeiten entsprechen. So entstehen oft problematische Stadtviertel, aus denen jede,r der es sich leisten kann, wegzieht und nur die Armen, mit einem in der Regel niedrigen Bildungsniveau, zurückbleiben. Als Folge dessen verändern sich Bildungseinrichtungen und Infrastruktur, so verschlechtert sich oft die Qualität der Lehrer und Schulen und die Lernbereitschaft bzw. die Motivation sinkt signifikant (vgl. SVR-FB, 2016).

3.5 Familienstrukturen

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Bildungschancen sind Familienstrukturen und Familiensituationen, welche ebenfalls ein Teil der sozialen Herkunft sind. Durch einen hohen Anstieg von Scheidungen und Alleinerziehenden verändert sich die Qualität innerhalb von Familien im Hinblick auf die Unterstützung von Möglichkeiten der Förderung und Bildung. Durch Alleinerziehende wird das Kind nicht zwangsläufig benachteiligt, dennoch ist davon auszugehen, dass ein Elternteil nicht dieselbe Leidenschaft, Zuneigung und Unterstützung wie zwei Elternteile aufbringen kann. Des Weiteren sind Alleinerziehende oft dazu gezwungen, einer Erwerbstätigkeit nach zu gehen, wobei die Zeit für das Kind oft auf der Strecke bleibt. Es wird auch davon ausgegangen, dass Kinder aus derartigen Familiensituationen oft mit emotionalen und psychischen Defiziten zu kämpfen haben und oft ein auffälliges und problematisches Verhalten an den Tag legen, welches eine negative Auswirkung auf die Schulleistungen haben kann. Durch dieses Zusammenspiel von unterschiedlichen Lebensfaktoren, werden die Kinder zur Selbstständigkeit, besonders im Bildungsbereich gezwungen, wobei diese besonders zum Lernen angehalten werden müssen, da ihre Eigenmotivation in der Regel sehr gering ist. Dabei spielt auch die Struktur und Größe der Familie eine signifikante Rolle, bspw. können sich Geschwister gegenseitig helfen und motivieren (vgl. Skubsch, 2002).

3.6 Schullaufbahnempfehlungen der Lehrer

Die Schullaufbahnpräferenzen der Lehrer basieren oft nur bedingt auf der tatsächlichen Leistung des Schülers, ein viel größerer Teil dieser Entscheidung wird aufgrund von sozialer Herkunft getroffen. Verantwortlich dafür ist die Berücksichtigung von leistungsfremden Aspekten bei der Einschätzung der Lehrer. Dazu gehören Faktoren wie ausreichendes finanzielles Unterstützungspotenzial der Eltern, Sozialverhalten, Umgangsformen, Lernmotivation und Lernverhalten (vgl. Liebau 2008).

4. Gibt es Bildungsbenachteiligung aufgrund von sozialer Herkunft in Deutschland?

Den Wunsch „Gleiche Bildungschancen für alle“ gibt es in Deutschland erst seit den 60er Jahren, damals wurde zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit diskutiert, wie Schule Bildungs- und Lebenschancen verteilt und vergibt. Auch die deutschen Universitäten wurden näher betrachtet und entpuppten sich als elitäre Institutionen für die oberen Schichten, mit den entsprechenden akademischen Verbindungen - beruflich wie privat. Die Forderung nach gleicher Bildung für alle beinhaltet, dass Bildung ein Garant für soziale Gerechtigkeit und soziale Teilhabe ist. So entstand die erste Bildungsreform, die durch einen massiven Ausbau des Bildungswesens die „Begabungsreserven“ aus der Gesellschaft erschließen sollte, dabei waren besonders die Mädchen bzw. jungen Frauen angesprochen. Die Bildungsreform sollte gewährleisten, dass die Bundesrepublik ihre Konkurrenzfähigkeit behält und war somit keine uneigennützige Reform zum Besten des Volkes, sondern eine Bringschuld für den gewandelten Arbeitsmarkt.

Spätestens die PISA Studie von 2002 hat gezeigt, dass Bildung ein wichtiger Faktor im Wettbewerb mit anderen Ländern und Nationen geworden ist. Des Weiteren zeigte die Studie aber auch die Mittelmäßigkeit Deutschlands im internationalen Vergleich: von insgesamt 31 teilnehmenden Ländern belegte die Bundesrepublik lediglich den zwanzigsten Platz. In der Frage der Verknüpfung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist Deutschland sogar Spitzenreiter, in keinem anderen der getesteten Länder ist dieser Zusammenhang derart gravierend wie bei uns. Die PISA Studie verdeutlichte, dass trotz zahlreicher Bildungsreformen und einer Bildungsexpansion der Schulerfolg von Kindern weiterhin besonders eng mit dem sozialen Status der Eltern verknüpft ist und ein Kind aus „gutem“ Elternhaus eine fast 3-mal höhere Chance für eine Gymnasialempfehlung hat als vergleichsweise ein Arbeiterkind. Kinder aus gutverdienenden Elternhäusern haben sogar eine 7,4-fach höhere Chance ein Studium aufzunehmen und zu absolvieren (vgl. Stompe, 2005).

Nach Umsetzung der Bildungsreformen kam es zu einer immensen Expansion von institutionalisierter Bildung, die historisch betrachtet durchaus zu einer gewissen Öffnung der Zugänge zu höheren Bildungsbereichen und somit besseren sozialen Positionen führte. Dabei ist der drastische Abbau des Anteils von Hauptschülern und der signifikante Anstieg von Realschülern und Gymnasiasten besonders auffällig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 01: Bildungsexpansion (Geißler, 2014)

Ganz allgemein kann festgestellt werden, dass die Bildungsexpansion Kindern in nahezu allen Bildungsschichten zugutegekommen ist, jedoch kann von einer Umverteilung der Bildungschancen zugunsten der unteren Schichten keinerlei Rede sein. Wie ein Blick auf die nächste Abbildung zeigt, ist die angestrebte Umstrukturierung zugunsten eines sozialen Ausgleichs von Bildung keineswegs eingetreten (vgl. Prenzel, 2013).

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Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668364424
ISBN (Buch)
9783668364431
Dateigröße
826 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v347001
Institution / Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Soziale Herkunf Bildung Bildungserfolg Bildungsungerechtigkeit Schule Schulsystem

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