Lade Inhalt...

Das literarische Motiv der Vatersuche in Wirnt von Grafenbergs "Wigalois"

Hausarbeit 2014 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Das Motiv der Vatersuche
Die Vatersuche im Wigalois
Das Nicht-Erkennen des Vaters am Artushof
Konfliktpotenzial in der Vater-Sohn-Beziehung
Die Vaterfunktion Gaweins
Vatersuche – Identitätssuche

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Bei der Lektüre des Wigalois von Wirnt von Grafenberg ist das Motiv der Vatersuche besonders auffällig. In der höfischen Erziehung, die Wigalois ohne seinen Vater Gawein am Hofe seiner Mutter Florie erfährt, wird ihm viel von „sînes vater vrümichheit“[1] berichtet. Und so ist auch Wigalois' Motivation bei dem Aufbruch vom Hofe seiner Mutter das Streben nach dem Vorbild der unbekannten Vaterfigur und das Finden seines Vaters:

ich wil den suochen von dem mir ie

tugent unde manheit

allez mîn leben ist geseit;

daz ist mîn vater, her Gâwein. (V. 1302 ff.)

Doch als Wigalois an den Artushof kommt, wo er seinen Vater auf Bitten der Königin sogar als Erzieher zur Seite gestellt bekommt, erkennt er ihn nicht. Erst viel später erfährt Wigalois eher beiläufig, dass es sich bei seinem Erzieher Gawein auch um seinen Vater Gawein handelt (V. 4792 ff.).

Das Motiv der Vatersuche und später der Vater-Sohn-Beziehung dient als „kompositionelle Klammer für den ganzen Roman“[2], jedoch ist der entscheidende Schlüsselmoment, die Enthüllung Gaweins als Wigalois' Vater, in der Situation scheinbar vollkommen unmotiviert und auch das Nicht-Erkennen von Vater und Sohn am Artushof wirft Fragen auf.

In der folgenden Arbeit soll das Vater-Sohn-Motiv erläutert und anschließend in Bezug auf den Wigalois analysiert werden. Dazu soll zunächst das Motiv der Vatersuche in der Literatur aus allgemeiner Perspektive beleuchtet werden. Anschließend sollen die auffälligen Passagen im Wigalois dargelegt werden, um sie schließlich zu analysieren, um die Funktion des Motivs herauszuarbeiten.

Das Motiv der Vatersuche

Das Motiv der Vatersuche tritt in der Literatur häufig auf. Es gliedert den häufig Aufbau der Texte, da die Suche nach dem Vater die Handlung des Protagonisten bestimmt. Das Grundschema der Handlung bezieht meist einen Bericht über den Vater – oft eine Figur mit Vorbildfunktion, z.B. ein Ritter – mit ein. Es wird erzählt wie er sich in einem fremden Land in eine Frau verliebt, mit ihr einen Sohn zeugt und anschließend aus verschiedenen Gründen das Land verlassen muss. Bei seinem Abschied hinterlässt der Vater dem Sohn ein Erkennungszeichen (sog. Gnorisma) und sobald der Sohn erwachsen ist, begibt sich dieser – ausgestattet mit dem Gnorisma – auf die Suche nach seinem Vater. Dabei ist ihm seine Abkunft bekannt beziehungsweise erfährt er diese auf der Fahrt.

Bei der Vatersuche kann es durchaus zu einem Vater-Sohn-Konflikt kommen, einhergehend mit dem unterdrückten Herrschaftsanspruchs des Sohnes und der Furcht des Vaters, seine Vormachtstellung zu verlieren[3].

Die Auflösung der Vatersuche ist häufig dramatisch, Daemmerich und Daemmerich unterscheiden hier zwischen einer freudigen Szene der Vereinigung oder einem tödlichen Zweikampf zwischen Vater und Sohn[4]. Bei einer Auflösung durch einen Zweikampf fordert der Sohn häufig den berühmten Fremden (bei dem es sich um den Vater handelt) heraus, um durch den Kampf Ruhm zu erlangen. Dabei kann der Zweikampf eine noch tragischere Dimension erlangen, indem der Vater den Sohn erkennt und den Kampf vermeiden möchte. Nachdem jedoch die Ehre des Vaters angezweifelt worden ist, nimmt er die Herausforderung an und tötet den Sohn[5].

Michael Mecklenburg merkt an, dass bei einer literarischen Analyse die historischen Rahmenbedingungen mitbedacht werden müssen. Die Vater-Sohn-Beziehung sei ein zentrales Element der im Mittelalter vorherrschenden agnatischen und patrilinearen genealogischen Systeme[6].

Die Vatersuche im Wigalois

Wigalois wächst getrennt von seinem Vater bei seiner Mutter Florie in einem fernen Land auf. Er wird dort nach höfischen Richtlinien zum Ritter erzogen und hört viel von „sînes vater vrümicheit“ (V. 1276). Es weiß jedoch keiner, ob Gawein am Leben ist oder nicht. Wigalois leidet darunter und beschließt, aufzubrechen, um seinen Vater zu suchen.

Bei seiner Reise trifft Wigalois auf einen Knappen des König Artus, der ihn mit an den Artushof nimmt. Dort wird Wigalois „nach der küniginne bet“(V. 1595) seinem Vater als Knappe unterwiesen, doch „ir deweder erkante den anderen dâ“ (V. 1600). Wigalois, der den Namen seines Vaters kennt, kann in dem Gawein, den er am Artushof trifft, nicht seinen Vater erkennen.

Wigalois erfährt erst beim Geist des toten Königs Lar im Land Korntin, dass dieser Gawein auch sein Vater ist:

ez ist der selbe Gâwein

dem der künic Artûs

ze Karidôl in sînem hûs

sîn êre gar bevolhen hât,

an dem der hof aller stât. (V. 4800 ff.)

An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, dass Wigalois in der Zeit in seiner Unterweisung als Artusritter seinen Vater nie erkannt hat:

her Gâwein wart er mir genant;

mir was ab daz unbekant

ob er mîn vater wære. (V. 4807 ff.)

Nach überstandenen Aventiuren wird Gawein mit einem Brief, der mit einem Siegel, welchen Gawein Florie zurückgelassen hat, versehen ist, zu Wigalois' Krönungsfest eingeladen, wo sich die beiden begrüßen, „als sun sînen vater sol“ (V. 9601).

Im Feldzug gegen Lion ordnet Gawein sich seinem Sohn unter, indem er lediglich den Kampf leitet, während Wigalois als Herrscher den Feldzug anführt. Mit der Nachricht von Flories Tod und die gemeinsame Trauer darüber finden Vater und Sohn endgültig zueinander (V. 11368 ff.).

Das Nicht-Erkennen des Vaters am Artushof

Die erste sehr auffällige Passage bei der Vatersuche Wigalois' ist die, dass er am Artushof in dem von der Königin ihm zugewiesenen Erzieher seinen Vater nicht erkennt:

in sîn genâde er in emppfie

und bevalch in an der stet,

nâch der küniginne bet,

sînem vater, dem herren Gâwein.

Dô was under in zwein

die grôze triuwe unbekant

die kint ie ze vater vant:

ir deweder erkante den anderen dâ. (V. 1593 ff.)

Wigalois kennt den Namen und die Tugendhaftigkeit seines Vaters und dennoch erkennt er Gawein nicht als seinen Vater. Dabei ist ein Ähnlichkeitsverhältnis von Gawein und Wigalois offensichtlich:

ir geselleschaft was harte guot:

beidiu ir herze und ir muot

wârn einander heimlîch;

deiswâr, daz was billîch,

sît si eines lîbbes wâren. (V. 1853 ff.)

Die körperliche Ähnlichkeit versteht Carmen Stange als „Sinnbild der Verwandtschaft beider Artusritter“[7]. Tatsächlich diente die Abbildung menschlicher Körper im Mittelalter zur Erläuterung verwandtschaftlicher Beziehungen[8]. Fraglich bleibt jedoch weiterhin, warum Wigalois Gawein nicht als seinen Vater erkennen kann. Denn Gawein hört Wigalois auch von dem umschlossenen Land reden: „beslozzen ist daz selbe lant / von danne ich bin geborn“ (V. 1575 f.), doch er reagiert nicht darauf. Auch die Ausstattung Wigalois' durch Gawein mit einem Helm, an dem ein goldenen Rad als Wappen befestigt ist (V. 1860 ff.), gibt den beiden keinerlei Anlass sich zu erkennen. Dass beiden das Wappen bekannt sein muss, ist klar: Joram, der Onkel von Gaweins Ehefrau Florie hat ein solches Rad bei sich auf der Burg:

Ûf des küniges veste

was daz aller beste

werc von rôtem glde

gegozzen, als er wolde:

ein rat, ennmitten ûf den sal;

daz gienc ûf und zetal. (V. 1036 ff.)

Außerdem trägt Wigalois den Zaubergürtel bei sich, den Gawein bei Florie gelassen hat. Florie hat diesen Wigalois im Namen seines Vaters mitgegeben:

sô nim ein kleinôt daz ich hân;

behaltez unz an dînen tôt,

und wis sicher vor aller nôt;

daz ist ein gürtel, den mir lie

dîn vater, dô er jungest gie (V. 1364 ff.).

Durch ein frühzeitiges Erkennen von Vater und Sohn wäre jedoch die Umrahmung des Romans durch das Motiv der Vatersuche aufgehoben. Gawein erscheint seinem Sohn – als reale oder imaginäre Person – immer dann, wenn Wigalois vor einer neuen Herausforderung steht[9], aber erst durch König Lar erfährt Wigalois die Wahrheit darüber wer sein Vater ist:

du solt von reht sîn ein helt,

wan dîn vater ist erwelt,

der süeze her Gâwein,

zuo dem besten rîter einbettung

den diu sunne ie beschein. (V. 5793 ff.)

Mit der Nachricht von Flories Tod (V. 11305 ff.) wird schließlich auch die Vorgeschichte abgeschlossen[10].

Cormeau begründet das Nicht-Erkennen von Vater und Sohn am Artushof damit, dass damit die Suche beendet wäre, die ja neben dem ritterlichen Vorbild seines Vaters nachzueifern Wigalois' Motivierung war, überhaupt erst im Land seiner Mutter aufzubrechen. Hierfür muss Wirnt „den berühmten Gawein als keineswegs einzigen Namensträger hinstellen“[11]. Dies wird auch deutlich bei der eher beiläufigen Enthüllung Gaweins als Wigalois' Vater durch den toten König Lar:

her Gâwein wart er mir genant;

mir was ab daz unbekant

ob er mîn vater wære. (V. 4807 ff.)

Am Artushof steht dann zunächst einmal die Ausbildung Wigalois' zu einem Artusritter im Vordergrund. Außerdem war am Hofe seiner Mutter – und somit auch Wigalois – nicht bekannt, ob Gawein noch am Leben ist oder nicht:

Nu hêt er vordes vil vernomen

wie sîn vater dar was komen,

wand im wart ofte für geleit

sînes vater vrümicheit,

wie manhaft er wære.

sine wessen ab niht der mære

ob er wær in deheiner nôt;

weder er lebte od wære tôt,

daz was in allen unbekannt. (V. 1273 ff.)

Dies scheint zumindest eine Erklärung dafür zu sein, dass Wigalois bei der Konfrontation mit Gawein nicht näher nachfragt, um welchen Gawein es sich hier handele.

Fasbender ist außerdem der Meinung, dass Wigalois am Artushof die „Identität seiner Wahl“ gefunden hat: als Artusritter in den „Kreis der Besten“ aufgenommen zu werden. Damit wäre es nur konsequent und folgerichtig, das Motiv der Vatersuche zunächst in den Hintergrund treten zu lassen und nicht weiter zu verfolgen[12].

Dennoch erfordert das Nicht-Erkennen von Vater und Sohn am Artushof gewissermaßen eine weitere Einbettung des Motivs der Vatersuche in den Handlungsverlauf, denn Wigalois' Motivierung überhaupt erst bei seiner Mutter aufzubrechen war die, dass er seinen Vater finden und ihm an Ritterlichkeit nacheifern möchte. Und am Artushof hat Wigalois keines seiner Ziele erreicht: Er erkennt weder seinen Vater als diesen, noch hat er sich als berechtigter Artusritter behaupten können.

Konfliktpotenzial in der Vater-Sohn-Beziehung

Walter Haug sieht durch die ständige Präsenz des Vorbildes Wigalois als die Zweitausgabe Gaweins[13]

[...]


[1] Wirnt von Grafenberg: Wigalois. Text der Ausgabe von J. M. N. Kapteyn übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort versehen von Seelbach, Sabine u. Ulrich. Berlin / New York 2005, V. 1276. Im Folgenden wird aus dieser Ausgabe zitiert; die Versangaben werden den Zitaten in runden Klammern nachgestellt.

[2] Cormeau, Christoph: >Wigalois< und > Diu Crône<. Zwei Kapitel zur Gattungsgeschichte des nachklassischen Aventiureromans. Artemis Verlag. Zürich/München 1977. S. 27.

[3] Vgl. Vater-Sohn. In: Ingrid Themen und Motive in der Literatur: Ein Handbuch. Daemmerich, Horst/Daemmerich 2., überarb. u. erw. Auflage. Francke Verlag, Tübingen / Basel 1995. S. 361-365. hier S. 363.

[4] Vgl. Daemmerich und Daemmerich S. 361.

[5] Vgl. auch Hildebrandslied (ca. 800): Daemmerich und Daemmerich schlussfolgern dies aufgrund einer textinternen Anspielung und einer Aussage Hildebrands im altnord. Hildebrandslied (12. Jh.). Vgl Daemmerich und Daemmerich S. 363.

[6] Mecklenburg, Michael: Väter und Söhne im Mittelalter: Perspektiven eines Problemfeldes. S. 9-38. hier S. 20.

[7] Stange, Carmen: Sît si eines lîbes waren. Vatersuche, Rollenkonflikte und Identitätsgenese im »Wigalois« Wirnts von Grafenberg. In: Das Abenteuer der Genealogie: Vater-Sohn-Beziehungen im Mittelalter. Hg. v. Keller, Johannes/Mecklenburg, Michael/Meyer, Matthias. V&R unipress, Göttingen 2006. S. 123-147. hier: S. 123.

[8] Kellner, Beate: Ursprung und Koninuität. Studien zum genealogischen Wissen im Mittelalter. München: Fink. S. 25.

[9] Vgl. Stange S. 126.

[10] Vgl. Cormeau S. 27.

[11] Ebd. S. 27.

[12] Vgl. Fasbender, Christoph: Der >Wigalois< Wirnts von Grafenberg. Eine Einführung. Berlin / New York: De Gruyter 2010. S. 63.

[13] Haug, Walter: Paradigmatische Poesie. Der spätere deutsche Artusroman auf dem Weg zu einer >nachklassischen< Ästhetik. In: DVjs 54 (1980), S. 204-231. hier S. 209.

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668362857
ISBN (Buch)
9783668362864
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346969
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Artusepik Wigalois Vatersuche Vatermotiv Vater Wirnt von Grafenberg Vaterfigur Motiv literarisches Motiv

Autor

Zurück

Titel: Das literarische Motiv der Vatersuche in Wirnt von Grafenbergs "Wigalois"