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Gesunde Unternehmen und organisierte Kriminalität. Kann das Modell "Addiopizzo" in Trinidad und Tobago umgesetzt werden?

Masterarbeit 2016 94 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wirtschaftliche Realität
2.1 Die Wirtschaft in der Region Sizilien
2.1.1 Eine Non-Profit Bewegung im Kampf gegen die Mafia
2.1.2 Anti-Mafia Zertifizierung, wie funktioniert das?
2.1.3 Untersuchung der Mitgliedsbetriebe von Addiopizzo.
2.1.4 Die Genossenschaft Addiopizzo Travel
2.1.5 Kämpft Addiopizzo erfolgreich gegen die Mafia?
2.2 Die Wirtschaft in Trinidad

3. Geschichtliche Hintergründe
3.1 Einblick in die Geschichte Siziliens
3.1.1 Die Cosa Nostra (sizilianische Mafia)
3.1.2 Die Geschichte der italienischen Genossenschaft
3.2 Einblick in die Geschichte von Trinidad & Tobago

4. Rechtlicher Teil
4.1 Rechtliche Grundlagen der Addiopizzo-Bewegung
4.1.1 Associazione ONLUS „Comitato Addiopizzo“
4.1.2 Addiopizzo Community
4.1.3 Rechtliche Grundlage der Addiopizzo-Mitglieder
4.1.3.1 Die Genossenschaft (Cooperativa)
4.1.3.2 Einzelunternehmen
4.1.3.3 Gesellschaft mit begrenzter Haftung
4.1.3.4 Offenen Handelsgesellschaft
4.1.3.5 Kommanditgesellschaft
4.2 Rechtsvoraussetzungen für ein Addiopizzo-Modell in Trinidad
4.2.1 Gesellschaft mit beschränkter Haftung (LLC)
4.2.2 Die Genossenschaften (Co-operative Society)
4.2.3 Non-Profit Organisationen

5. Unternehmensgründung
5.1 Unternehmensgründung in Sizilien
5.1.1 Anforderung der Steuernummer
5.1.2 Gründung einer ONLUS
5.1.3 Gesellschaft mit beschränkter Haftung (S.r.l.)
5.2 Unternehmensgründung in Trinidad
5.2.1 Anforderung der Steuernummer
5.2.2 Gründung einer Non-Profit Organisation
5.2.3 Einzelunternehmen- und Gesellschaftsgründung
5.2.4 Landwirtschaftliche Betriebsgründung
5.3 Zusammenfassung

6. Auflistung der größten Probleme im Vergleich beider Länder
6.1 Problematik in Sizilien
6.1.1 Die Schutzgelderpressungen der Cosa Nostra.
6.1.2 Das Misstrauen in den Staat und dessen Ordnungshüter.
6.1.3 Korruption und Vetternwirtschaft
6.1.4 Jugendarbeitslosigkeit
6.1.5 Angst der Unternehmen
6.1.6 Das Schweigen
6.1.7 Die Kosten
6.1.8 Sizilien als Zwischenstation im Drogenhandel
6.2 Probleme in Trinidad
6.2.1 Der gesamte Verwaltungsapparat
6.2.2 Das Misstrauen gegenüber dem Staat
6.2.3 Die Vetternwirtschaft
6.2.4 Die Korruption
6.2.5 Angst der Unternehmen
6.2.6 Das Schweigen
6.2.7 Ineffektive Executive
6.2.8 Rechtsunsicherheit
6.2.9 Trinidad als Transitland für Drogen
6.2.10 Illegale Konkurrenzunternehmen
6.3 Der Vergleich
6.4 Lösungsmöglichkeiten

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

Die Autonome Region Sizilien und der karibische Inselstaat, Trinidad und Tobago haben ähnliche Probleme mit der Organisierten Kriminalität. Seit 2004 kämpft „Addiopizzo“, eine Non-Profit Bewegung gegen Schutzgelderpressungen und Korruption auf Sizilien. Die vorliegende Arbeit untersucht, ob Addiopizzo ein mögliches, erfolgreiches Modell zum Widerstand gegen diese kriminellen Handlungen der Mafia auf Sizilien ist. Ein Vergleich zwischen den Gegebenheiten in Italien und denen in Trinidad wird angestellt. Die zentrale Frage dieser Studie beschäftigt sich damit, ob ein solches Modell auch in Trinidad erfolgreich umzusetzen wäre.

Die Addiopizzo Organisation sowie, eine Auswahl ihrer Mitglieder wurde anhand staatlicher- und regionaler Datenbanken, auf deren wirtschaftliche- und rechtliche Beschaffenheit analysiert und ausgewertet. Ausgewählte Literatur gab Aufschluss über die Hintergründe des gemeinsamen Problems, der illegalen Handlungen. Eine empirische Untersuchung in Trinidad übermittelt einen Einblick in die Realität vor Ort und beantwortet zum Teil die Frage nach der Realisierbarkeit des italienischen Modells.

Beide Staaten leiden hauptsächlich unter Korruption und Vetternwirtschaft. Der Vergleich brachte das Problem, einer ineffektiven Executive und einer willkürlichen Gesetzesauslegung vieler Beamten, in Trinidad hervor. Am Schluss, kann die Kernfrage dieser Arbeit nicht eindeutig beantwortet werden. In Trinidad fehlt die Rechtssicherheit. Ein Addiopizzo-Modell müsste mehr Vorarbeit, in Aufklärung und Information leisten, als der Verein in Sizilien.

1. Einleitung

Die junge Republik Trinidad und Tobago (Republik seit 1976) besteht aus den zwei südlichsten Inseln der kleinen Antillen. Die Hauptinsel Trinidad liegt 11 km vor der Küste Venezuela und ist 4.825 qkm groß. Die Schwesterninsel Tobago befindet sich 33 km nordöstlich von Trinidad und misst eine Größe von 303 qkm. Mit über 1,3 Mio. Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von 28.8 Mrd. USD (2014) hat Trinidad und Tobago eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Lateinamerika und der Karibik. Die Wirtschaft von Trinidad wird vor allem durch den Energiesektor geformt, der für 80% aller Ausfuhren und 55% des BIP verantwortlich ist ("Auswärtige Amt", 2015, S. 1). Im Vergleich zum Energiesektor sind die Anteile der Restlichen Wirtschaftssektoren verschwindend gering. Die Schwesterinsel Tobago erwirtschaftet ihre Erlöse überwiegend im Tourismus. Von 50.000 Einwohner sind knapp die Hälfte der Arbeitnehmer für den Fremdenverkehr tätig.

Die Arbeitslosenquote von Trinidad und Tobago ist, mit 3,2% (Stand 2015) sehr niedrig, obgleich der größte Arbeitgeber der Staat selbst ist. Ein großes Problem beider Inseln ist die Korruption, vor allem der wenige Privatsektor leidet darunter.

Laut den neuesten Daten (2015) der „Transparency International“ ist der Korruption-Index von Trinidad und Tobago bei 39 Punkten. Dieser Index basiert auf der Analyse von verschiedenen Umfragen, über die Wahrnehmung der Korruption in Wirtschaft und Politik. Dabei bedeuten 0 Punkte eine sehr hohe Korruptionsrate und 100 Punkte keine Korruption. Es gibt eine große Affinität zwischen Trinidad und Tobago und den, von der Mafia infiltrierten Privatsektor im Süden von Italien, hauptsächlich auf der Insel Sizilien. Laut „Transparency International“ liegt der Korruptions-Index für gesamt Italien bei 44 Punkte ("Corruption perceptions", 2015, S. 1).

Die Autonome Region Sizilien ist, mit einer Fläche von 25.832 qm, die größte und Bevölkerungsreichste Insel im Mittelmeer. Rund 61% der Insel, sind Hügellandschaft, den Rest bilden Ebenen und Bergzüge (Nobile, 2014, S. 1, Cap. 1 ). Genau 5.094.937 Sizilianer zählte das Nationale Statistikamt im Jahr 2013.

Der Großteil der Bevölkerung konzentriert sich in den drei Städten, Palermo (1,2 Millionen), Catania (1,1 Millionen) und Messina (648.371) (Nobile, 2014, S. 1, Cap. 2). Sizilien hat seit Jahren eine hohe Arbeitslosenrate, betroffen davon ist vor allem die Jugend. Der große Verwaltungsapparat mit seiner Vetternwirtschaft und eine jahrzehntelange Misswirtschaft der Regierung, sind dafür genauso verantwortlich, wie die Schutzgelderpressungen der Mafia. Schutzgeldzahlungen gehören in Sizilien zum Alltagsgeschäft dazu. Misstrauen gegenüber dem Staat und dessen Ordnungshüter und die Angst vor Konsequenzen, macht den Kampf dagegen schwierig. Die „Omertá“, das kollektive Schweigen der Bevölkerung, verhindert jeglichen Versuch die Mafia zu stoppen. Seit dem Jahr 2004 kämpft „Addiopizzo“, eine Non-Profit Organisation in Palermo (Sizilien), gegen Schutzgelderpressungen und Korruption.

Diese Arbeit untersucht, ob „Addiopizzo“ ein mögliches, erfolgreiches Modell im Widerstand gegen die kriminellen Handlungen der Mafia ist. Ein Vergleich der Gegebenheiten zwischen Sizilien und Trinidad und Tobago wird angestellt. Dabei beschränkt sich diese Arbeit auf die Erforschung der Hauptinsel Trinidad alleine. Die zentrale Frage dieser Studie befasst sich damit, ob ein solches Modell wie „Addiopizzo“ in Italien, auch auf der Insel Trinidad erfolgreich umsetzbar wäre.

Trinidad wird oft als „Schmelztiegel der Kulturen“ bezeichnet. Die beiden größten ethnischen Gruppen sind die Afro-Kariben- und die Indisch-stämmige Bevölkerung, daneben gibt es Minderheiten aus z. B. China, Südamerika und Europa. Die Insel war unter spanischer-, französischer- und zuletzt britischer Kolonialherrschaft. Auch Sizilien ist seit jeher ein Mix unterschiedlicher Kulturen, der ständige Wechsel verschiedener Kolonialmächte prägte die Insel und deren Bewohner nachhaltig. Ein historischer Einblick in die Geschichte beider Inseln wird aufgezeigt. Im Vergleich wird die kulturelle Entwicklung auf Gemeinsamkeiten untersucht. Ein weiterer Abschnitt beleuchtet den rechtlichen Aspekt, welche Gesellschaftsform in Italien gewählt wird und welche Vor- und Nachteile damit verbunden sind. In Kapitel sechs konzentriert sich diese Arbeit auf die praktische Methode der Gründung eines Unternehmens. Es wird überprüft welche rechtlichen Schritte nötig sind, eine Firmengründung vorzunehmen. Ein Vergleich wird angestellt, zwischen den Methoden in Sizilien und denen in Trinidad.

Im Schlussteil wird die Thematik noch einmal genau aufgezeigt. Die Frage, welche Lösungsmöglichkeiten geschaffen werden müssten, um das Modell der Addiopizzo-Bewegung erfolgreich in Trinidad anzuwenden, wird am Ende dieser Arbeit versucht zu beantworten.

2. Wirtschaftliche Realität

Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der aktuellen Wirtschaftssituation beider Länder. Zunächst beschreibt eine kurze Einführung die sizilianische Wirtschaftslage allgemein. In gesonderten Absätzen werden einzelne Unternehmen vorgestellt, die gegen Schutzgelderpressung und Korruption ankämpfen. Die Wirtschaft in Trinidad wird im Abschnitt 2.2 beleuchtet.

2.1 Die Wirtschaft in der Region Sizilien

Das Bild der „Cosa Nostra“ (Sizilianische Mafia), in Sizilien hat sich im Laufe der Zeit verändert. Heute sind, Freiberufler, Ärzte, Juristen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft die neuen Gesichter der Mafia. Interessiert an lukrativen Geschäften im privaten Gesundheitsbereich und in der Tourismusbranche. Die unzureichenden Gesetze der Region, zum Schutz der Umwelt versprechen den Mafia-Clans auch in der Abfallwirtschaft profitable Gewinne. Illegale Giftmüllentsorgungen, unfertige Betonbauten und abgesperrte, neu errichtete Straßen Abschnitte sind das Ergebnis (Piller, 2015, S. 1). Fast täglich berichten Italiens Medien über neue Schmiergeldskandale in Politik und Verwaltung. Erst im Oktober 2015 wurde Professor Dario Lo Bosco, der Präsident des Italienischen Eisenbahnnetzes und zwei Forstbeamte verhaftet. Sie sollen bei einer Auftragsvergabe, im Wert von 26 Millionen Euro, Bestechungsgelder kassiert haben (Palazzolo, 2015, S. 1).

Im Jahr 1982 wird erstmals in einem Gesetz festgehalten, dass die Verbindungen zur Mafia strafbar sind (Gesetz Nr. 646). Ab diesem Jahr kann der italienische Staat auch die Besitztümer der verhafteten Mafiamitglieder beschlagnahmen. Das Gesetz Nr. 109 vom 7. März 1996 macht es möglich, beschlagnahmte Besitztümer von Cosa-Nostra Verurteilten, an Genossenschaften oder Non-Profit Organisation zur unentgeltlichen Nutzung zur Verfügung zu stellen. Dennoch scheint der Kampf gegen Korruption, Schmiergeld und Vetternwirtschaft aussichtslos. Dieser Abschnitt der Arbeit möchte das Umfeld der Addiopizzo-Bewegung darstellen. Die aktuelle Situation aufzuzeigen ist nötig, um ein besseres Verständnis zu erhalten, mit welchen Problemen der Verein konfrontiert wird.

Wirtschaftlich gesehen ist Italien ein zwei geteiltes Land. Während im Norden die Wirtschaft floriert, gilt der Süden im europäischen Vergleich als Entwicklungsgebiet. Laut Statistik trägt ein Italiener im Durchschnitt mit 26.548 Euro zum BIP bei. Der Unterschied des Nord-, Südgefälles wird sichtbar beim Vergleich zwischen der Autonomen Region Südtirol (Reichste Region im Norden) und Sizilien. Das pro Kopf BIP in Sizilien liegt bei 17.031 Euro, während es in Südtirol mehr als doppelt so hoch ist (39.893 Euro). Seit 2011 erfasst Italien auch nichtdeklarierte Wirtschaftsaktivitäten. Schätzungen zufolge hat der Stiefelstaat einen der größten Schattenwirtschaften Europas. Laut ISTAT wird der Effekt der illegalen Aktivitäten im Jahr 2011 auf 0,9 Prozent des BIP geschätzt ("Valori pro capite", 2013, S. 1).

Die „SVIMEZ“, eine Organisation für Industrieentwicklung in Süditalien, erstellt im Auftrag der Abgeordnetenkammer periodisch einen Bericht über die Lage im „Mezziogiorno“ (Südliche Regionen Italiens). Die Auswertung der Studie macht deutlich, wie stark das Gefälle zwischen Nord- und Süditalien ist. Im Süden lebt jeder dritte unter der Armutsgrenze, im Norden ist es jeder zehnte, die Arbeitslosenrate ist seit Jahren über 20% im Mezzogiorno und 12% im Norden. Einzig in der Landwirtschaft konnte ein Anstieg von 10% an neuen Arbeitsplätzen, vor allem für Jugendlichen festgestellt werden. Über 40% der Arbeitnehmer in Sizilien, sind in landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigt ("Camera dei deputati", 2015, S. 14). Vorherrschend ist der Weizenanbau welcher, vorwiegend im Besitz weniger Großgrundbesitzer ist. Die Agrarwirtschaft hat auf Sizilien große Tradition. Rund 23% aller Unternehmen der Insel sind in der Agrarwirtschaft tätig, das ist der zweitgrößte Sektor nach dem Handel, welcher knapp 33% der registrierten Betriebe ausmacht ("Analesi dei dati", 2013, S. 10).

Eine Übersicht der einzelnen Wirtschaftssektoren in Sizilien sind nachstehend dargestellt (Abb. 2.1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.1: Aufstellung nach Wirtschaft Sektoren (in Anlehnung an "Analesi dei dati", 2013, S. 10).

Die Anzahl der Landwirtschaftlichen Betriebe in der gesamten Region ist beträchtlich. Es sind meist kleine Familienunternehmen die, im Vergleich zu den wenigen Großbauern, vor allem im Export ihrer Produkte auf Probleme stoßen. Kleinbauern arbeiten in den meisten Fällen ohne, oder mit veralteten Maschinen, da eine Neuanschaffung oft unrentabel ist. So produzierte Produkte sind primär im Export nicht konkurrenzfähig. Es gibt zwar Maßnahmen der Europäischen Union, welche die Entwicklung der Agrarwirtschaft auf Sizilien unterstützen sollte, aber beträchtliche Teile dieser Fördergelder gelangen, durch betrügerische Tätigkeiten in die Hände der Organisierten Kriminalität.

Die Anzahl der Industriebetriebe auf Sizilien, sind im Vergleich zum gesamtstaatlichen Durchschnitt sehr gering. Knapp 8.2% aller Unternehmen sind im Industriesektor tätig, Italienweit liegt dieser Durchschnittswert bei rund 10.5%. Im Sektor der Dienstleistungsunternehmen ist die Situation noch gravierender. Nur knapp 7,3% sind in der Dienstleistung aktiv, das sind rund 5,7% weniger als im übrigen Italien ("Analesi dei dati", 2013, S. 10).

2.1.1 Eine Non-Profit Bewegung im Kampf gegen die Mafia

Die Geschichte der Non-Profit Bewegung Addiopizzo wird in diesem Absatz getrennt aufgezeigt. Eine genaue Darstellung der Geschichte ist nötig, zum besseren Verständnis der Organisation selbst und für die weiterführenden Untersuchungen. Mit welchen Anfangsschwierigkeiten muss gerechnet werden? Welche Vorarbeit muss geleistet und wieviel Zeit muss investiert werden? Die Beantwortung dieser Fragen kann Aufschluss geben, ob das Addiopizzo-Modell in Trinidad erfolgreich zu realisieren wäre.

Alles begann mit einer Gruppe Freunde, welche den Mut hatten, sich der Organisierten Kriminalität zu widersetzen. Im Jahr 2004 wollten sie einen FairTrade-Pub eröffnen, doch schon bei der Planung des Unternehmens, ergab sich das Problem der Schutzgeldzahlungen an die Mafia. Fast jeder Betrieb auf Sizilien bezahlt den „pizzo“ (Schutzgeld). Unternehmen die sich weigern, müssen befürchten, dass ihre Kunden den Geschäften fernbleiben, weil sie kein „Aufsehen“ erregen wollen. Diese Situation des stillschweigenden Hinnehmens wollten die Jugendlichen ändern und verklebten am 29. Juni 2004 ganz Palermo mit weißen Zetteln mit Trauerrand. Die Botschaft darauf war folgende:

un intero popolo che paga il pizzo é un popolo senza dignitá“ (Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde ) ("Ein ganzes Volk", o.D., S. 1).

Die Idee dahinter ist nicht, Unternehmen die korrupt sind zu boykottieren, sondern jene zu unterstützen, die „nein“ sagen zur Organisierten Kriminalität. So entstand die Bewegung „Addiopizzo“ (Schutzgeld-ade). Die anfängliche Skepsis der Bevölkerung wurde bald durch eine unermüdliche Aufklärungskampagne der Jugendlichen abgelegt. Geschäftsleute, die sich weigern das Schutzgeld zu zahlen, werden in die Liste der Bewegung aufgenommen und veröffentlicht. Kunden, welche öffentlich bekennen, diese „schutzgeldfreien“ Betrieben mit ihren Einkäufen zu unterstützen werden ebenfalls in Listen eingetragen. Auch das Addiopizzo-Logo für die Schaufenster der Mitgliedsbetriebe ist eine Maßnahme für den „kritischen“ Konsumenten und zugleich eine Warnung an die Mafia, dass dort eine Anzeige droht.

Heute besteht, das hauptsächlich freiwillige Komitee der Addiopizzo-Bewegung aus fünfzig Mitgliedern (2016). Mittlerweile sind 1.002 Unternehmen (Stand, 24. Februar 2016) der Initiative beigetreten, davon sind 36 Betriebe von Addiopizzo zertifiziert. Die Initiative ist eine gemeinnützige Organisation mit jährlicher Bilanzerstellung. Ihr Umsatz ist von 50.000 Euro im Jahr 2010 auf über 300.000

Euro im Jahr 2014 gestiegen. Bereits 12.830 Konsumenten (Stand, 24. Februar 2015) unterstützen die Bewegung mit ihren Einkäufen in den MitgliedsUnternehmen. Die Verbraucher werden namentlich in den Listen der kritischen Konsumenten, auf der Internet-Seite der Addiopizzo-Organisation veröffentlicht.

Nicht nur die Wirtschaft und deren Betreiber werden unterstützt, auch die Aufklärung in den Schulen ist ein wichtiger Zweig, der gesamten Initiative geworden. Mehr als 184 Schulen auf der Insel sind in der Addiopizzo-Organisation mit eingebunden ("Ein ganzes Volk", o.D., S. 1). Seit 2014 gibt es eine enge Zusammenarbeit mit dem italienischen Heer und der Staatsanwaltschaft. Diese Unterstützung gib jenen Unternehmen Sicherheit, die neu als Mitglied der Bewegung beitreten und die Schutzgelderpressungen der Mafia zur Anzeige bringen wollen (Galullo, 2015). Die deutsche Botschaft in Italien geht unterstützend zur Hand und die Europäische Union stellt finanzielle Mittel bereit. Es konnte bereits, mehr als zweihundert Opfern der Organisierten Kriminalität rechtlicher Beistand geleistet werden ("Chi siamo", 2016, S. 1)

Addiopizzo gründet 2009, zusammen mit weiteren Organisationen das Konsortium „Fa’ la cosa giusta“ (Mache das Richtige). Diese Bewegung für „kritischen Konsum“ verbreitet sich vor allem unter jungen Leuten und der Mittelschicht von Sizilien. Auch dies ist eine Form des Wiederstands gegen die organisierte Kriminalität. Indem sie den Markt, als Ort des Handels wählt, stellt der gezielte Einkauf nicht nur die kulturelle Übermacht der Mafia in Frage, er trifft auch ihre wirtschaftlichen Interessen ("Fá la cosa giusta", o.D., S. 1).

Schmiergelder werden trotzdem noch verlangt und die Mafia bedroht weiterhin Geschäftsleute, die sich weigern Schutzgelder zu zahlen. Hilfe von der Politik ist immer noch mit Vorsicht zu betrachten, zuweilen erst im März 2015 der Präsident der Handelskammer von Palermo, Roberto Helg auf frischer Tat ertappt wurde, wie er Schmiergelder kassierte. Jener Mann, der als Vorsitzender der Handelskammer für eine korruptionsfreie Wirtschaft geworben hatte. Auch der Präsident der Unternehmervereinigung, Antonello Montante wird beschuldigt illegale Geschäfte gemacht zu haben. Ironischerweise war Montante Mitglied der Industriellenvereinigung und dort Zuständig für die Legalität (Rinaldi, 2015, S. 1).

Zwei Jahre nach der Addiopizzo-Bewegung in Palermo, wurde die „Addiopizzo Catania“ gegründet. Bald folgte auch Messina dem sizilianischen Vorbild.

Deutschland gründete ebenfalls, kurz nach dem Mafia-Mord in Duisburg, eine AntiMafia-Bewegung nach dem Addiopizzo-Modell.

Die Mafia ist gewachsen aus dem mangelnden Vertrauen der Bürger, in Regierung und staatliche Institutionen. Das Interesse an öffentlichen Geschehnissen ist verkümmert und manifestiert sich in Lethargie und Passivität. Diese Einstellung aus den Köpfen der Menschen zu bringen erfordert Zeit und Geduld. Die Addiopizzo-Bewegung hat ein sichtbares Zeichen, positiver Neugestaltung und langsames Umdenken gesetzt. Genau diese Neugestaltung, ist eine wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung Siziliens.

2.1.2 Anti-Mafia Zertifizierung, wie funktioniert das?

Es ist äußerst schwierig Kriterien zu definieren, anhand dessen man ein „sauberes“ Unternehmen identifizieren kann. Die Addiopizzo-Organisation prüft und zertifiziert jene Unternehmen die ihre Geschäfte ausnahmslos auf legale Weise verrichten. Bereits 36 Betriebe (Stand, Februar 2016) haben sich dieses Zeugnis ausstellen lassen und sind nun auf den Addiopizzo-Publikationen als „saubere“ Betriebe aufgelistet. Für diese Arbeit ist es wichtig den genauen Ablauf dieser Zertifikation zu betrachten. Diese Unternehmen bilden die Basis der weiterführenden Untersuchungen. Eine genaue Darstellung dieses Ablaufes wird nachstehend beschrieben:

Ein Addiopizzo-Ökonom besucht das Unternehmen für einen ersten Lokalaugenschein, wo Eigenart und Geschichte des Betriebes notiert werden.

Handelskammer- und Strafauszug sowie weitere offizielle Dokumente zur Bestätigung der legalen Betriebsführung sind dabei auszufertigen. Auch eine formale, schriftliche Erklärung muss der Antragsteller abgeben, wo er sich gegenüber den Konsumenten verpflichtet, keine Schmiergelder zu zahlen und seinen Betrieb rechtmäßig zu führen. Der Addiopizzo-Beauftragte berät sich anschließend mit den Mitgliedern des Komitees und recherchiert autonom in öffentlichen Registern bei Behörden und bestimmten Vereinigungen. Bei positivem Ausgang wird das betreffende Unternehmen in die Liste von Addiopizzo aufgenommen. Wird die oben genannte schriftliche Erklärung nicht eingehalten, erfolgt eine sofortige Streichung aus dem Register ("Pago chi non paga", 2016).

Addiopizzo ist sehr sorgfältig bei der Zertifizierung ihrer Mitglieder. Diese Sorgfalt bestätigt auch Dr. Dietmar Quist in seinem Bericht über die Reiseagentur

„Addiopizzo Travel“. Diese Reiseagentur entwickelte sich aus der Addiopizzo Bewegung. Addiopizzo Travel bewarb sich im Jahr 2011 für den begehrten TO DO! Preis, einem internationalen Wettbewerb für sozialverantwortlichem Tourismus, gefördert von Engagement Global im Auftrag des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Endwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Auf Grund der Kandidatur, wurde Dr. Quist beauftragt, Addiopizzo und Addiopizzo Travel zu analysieren. Dr. Quist ist Mitglied des Vorstandes und Gutachter des

Studienkreises für Tourismus und Entwicklung e. V. Er war vom 28. November bis 9. Dezember 2011 in Sizilien und kontrollierte, unter anderem die Zertifizierungskriterien der Addiopizzo-Organisation. Über das Verfahren der Zertifizierung und einer möglichen Infiltration der Mafia im Verein schreibt er:

„Die von Addiopizzo angestellten Überprüfungen und Nachforschungen dauern oft lange. Undurchsichtige Kandidaten werden eher nicht akzeptiert. Vor allem würde sich die Mafia selbst schwächen, wenn sie sich als Antimafia tarnen würde. Denn ihre Macht und ihr Image zerbröckeln, wenn ein Geschäft nach dem anderen wirklich oder scheinbar nicht mehr zahlt und dann öffentlich wird.“ (Quist, 2012).

Das Wissen über die Art und Weise dieses Verfahrens bestärkt das Vertrauen in Addiopizzo und den, von ihnen ausgestellten Zertifikaten.

2.1.3 Untersuchung der Mitgliedsbetriebe von Addiopizzo.

In diesem Kapitel werden die Unternehmen der Addiopizzo-Mitglieder analysiert. Das Sammeln dieser Daten gestaltete sich schwierig, obwohl Addiopizzo in ihren Listen die Namen, mit jeweiliger Adresse und Telefonnummer veröffentlicht. Von den knapp tausend Unternehmen wurde eine Auswahl von 60 Mitglieder getroffen, darunter auch jene mit Zertifikat. Von knapp 10% der Mitglieder, sind die Firmennamen nicht vollständig angegeben. Bei manchen steht der Name ihres Produktes anstelle des Unternehmens. Deshalb beschränkt sich diese Arbeit auf fünfzig Unternehmen. Das staatliche Register der Handelskammer vermittelte die Daten über, Rechtsform, Besitzverhältnisse, Mitarbeiterzahl und weiteres mehr. Die veröffentlichten Jahresbilanzen wurden von der Regionalen Kammer für Industrie, Handel und Handwerk in Palermo angefordert. Eine Grafik wird eingesetzt, als bildliche Unterstützung für den späteren Vergleich mit den Rechtsformen von Trinidad.

Die Auswertung der Daten ergab folgendes:

Addiopizzo-Mitglieder sind vor allem kleine Unternehmen, mit einem Durchschnitt von acht Mitarbeiten, deren Rechtsform vorwiegend die Einzelfirma (33%) ist. Die Rechtsform der Einzel- und Familienunternehmen werden meist aus finanziellen Gründen gewählt, da kein Gründungskapital nötig ist. Rund 26% haben die Rechtsform einer Genossenschaft und weitere 26% sind Gesellschaften mit beschränkter Haftung (S.r.l., societá a responsabilitá limitata). Die restlichen Unternehmen (15%) sind als Kommanditgesellschaft (S.a.s., societá in acommandita semplice) und als Offene Handelsgesellschaft (S.n.c., societá in nome colletivo) in der Handelskammer von Palermo eingetragen.

Nachstehend die Grafik der Rechtsformen (Abb. 2.2):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.2: Aufteilung der Rechtsformen der Addiopizzo-Mitgliedsunternehmen

Über 30% der Betriebe arbeitet im Tourismus Sektor, das sind meist die sogenannten Agriturismo. Eine genaue Bestimmung, welches die lukrativere Arbeit in diesen Betrieben ist, die Landwirtschaft oder der Tourismus ist hier nicht möglich. Auffallend sind vor allem die Gründungsdaten der Betriebe. Mehr als die Hälfte aller untersuchten Unternehmen sind erst nach dem Jahr 2000 gegründet worden, davon vierzehn nach dem Jahr 2006. Daraus lässt sich schließen, dass vorwiegend junge Unternehmen sich der Organisation angeschlossen haben. Aber nicht nur die Unternehmen selbst, auch die Unternehmensgründer, die Besitzer sind jung. Die Auswertung der Geburtsdaten der Gesellschafter ergab ein Altersdurchschnitt von 30 Jahre. Bei den Unternehmen mit gesetzlicher Publizitätspflicht der Bilanz, ergibt sich ein Durchschnittlicher Jahresgewinn nach Steuern von 10.000 Euro, bei einem Jahresumsatz von durchschnittlich 1,6

Millionen Euro. Einzelfirmen und Personengesellschaften sind pflichtbefreit, ihre Bilanz bei der zuständigen Handelskammer zu hinterlegen. Wie schon eingangs erwähnt, sind es hauptsächlich, junge Kleinbetriebe, die den Kampf gegen die Schutzgelderpresser aufnehmen.

2.1.4 Die Genossenschaft Addiopizzo Travel

Addiopizzo Travel, eine Reiseagentur, entstanden aus der Bewegung Addiopizzo bietet Schutzgeldfreie Ferien- und Studienreisen an. In diesem Abschnitt wird hauptsächlich das Konzept der Agentur durchleuchtet. Die Struktur und die rechtliche Beschaffenheit, von Addiopizzo Travel werden im Kapitel 5.2.1 näher erörtert. Die Daten für diese Analyse sind hauptsächlich von Addiopizzo Travel selbst.

Nach Schätzungen zahlen 80% alle provinzansässige Unternehmen Schutzgeld. Dank der Aufklärungsarbeit von Addiopizzo, hat die sizilianische Bevölkerung die Möglichkeit, jene Betriebe zu unterstützen, welche frei von Korruption und Schutzgeldzahlungen sind. Anders ist es bei den Urlaubern, dort muss das Bewusstsein für die Problematik erst geweckt werden. Betritt ein Tourist in Palermo ein Restaurant, eine Pizzeria oder ein Geschäft, finanziert er meist indirekt die Mafia mit. Darum hatten, der Touristikfachwirt Dario Riccobono, die Kommunikationswissenschaftlerin Francesca Vannini Parenti und der Radreiseleiter Edoardo Zaffuto, alle Mitbegründer der Addiopizzo-Organisation, die Idee, ihre Listen mit den „sauberen“ Betrieben von Palermo, für touristische Zwecke zu vermarkten. Sie gründeten 2009 die Vereinigung Addiopizzo Travel, welche im Jahr 2013 in eine Genossenschaft umgewandelt wurde. Ihre Mission ist es, ein verantwortungsvolles, authentisches Reisen an inn- und ausländische Interessierte anzubieten und gleichzeitig jene Hotels, Restaurants und Kaffees zu unterstützen, welche sich entschlossen haben, kein Schutzgeld mehr zu zahlen. Seminare, Studienreisen, Workshops und Ausflüge für Schulen, Institute und Universitäten werden organisiert. Anfragen dazu kommen, aus ganz Italien und immer mehr auch aus dem Ausland. Vortragsreisen nach Deutschland, Großbritannien oder den USA gehören auch zum Aufgabenbereich der

Genossenschaft. Die Touren auf Sizilien, führen oft zu „Schauplätzen“ von Mafia Verbrechen, wo Angehörige der Opfer oder Augenzeugen, persönlich darüber berichten. Besuche von kulturellen Sehenswürdigkeiten sowie Einblicke in Kunst und Tradition des Landes werden genauso angeboten, wie Radtouren oder Spaziergänge zum Strand ("Chi siamo", 2016, S. 1).

2.1.5 Kämpft Addiopizzo erfolgreich gegen die Mafia?

Um festzustellen, ob die Organisation Erfolg hat, im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität, müssen mögliche Veränderungen in der Region analysiert werden seit, Addiopizzo im Jahr 2004 die Arbeit aufgenommen hat. Verlässliche Studien hierfür fehlen. Die Untersuchung sollte vor allem das Gesamte sehen, einen kritischen Blick auf die Bewegung selbst, aber auch auf ihre Mitglieder werfen. Nachstehende Analyse zeigt Fakten auf und macht den Versuch, die eingangs gestellte Frage zu beantworten.

Fakt ist, dass bereits mehr als 1.000 Betriebe in Sizilien, den legalen Weg für ihr Unternehmen gewählt haben. Darunter befinden sich vor allem Kleinbetriebe im Tourismussektor, welche vorwiegend in der Landwirtschaft ihr Tätigkeitsfeld haben. Durch die Veröffentlichung der Namen im Internet und auf diversen Listen der Bewegung wird, hauptsächlich für Konsumenten eine Transparenz geschaffen. Die wichtigste Geste dieser Organisation, ist das Anbringen der Addiopizzo Aufkleber an den Eingangstüren der Mitgliedsunternehmen. Der Sticker ist so konzipiert, dass auch ein nichtwissender Verbraucher beim Lesen der Aufschrift die Absicht dahinter erkennen kann. Dieses Schild erinnert täglich an den Kampf gegen die Illegalität. Die Alltagskultur der Sizilianer ist unter anderem durch ein generelles Wegsehen und Schweigen geprägt. Diese Aktion könnte dieses Phänomen brechen und die Haltung der Allgemeinbevölkerung öffnen, für mehr Zivilcourage gegen die Schutzgelderpressungen.

Im Zeitraum von zwei Monaten (Jänner bis Februar 2016) haben sich zwei neue Betriebe der Addiopizzo-Bewegung angeschlossen. Die anfängliche Euphorie hat sich gelegt und die Mitgliederzahl steig nur mehr langsam. Von 2004 bis 2015 sind durchschnittlich neunzig Betriebe, im Jahr der Organisation beigetreten. Betrachtet man die Wirtschaftsdaten der Region Sizilien ist das eine verschwinden kleine Zahl. Bei 463.475 Unternehmen (2011), in der Region Sizilien und knapp 110.000 im Stadtbezirk von Palermo ("Analesi dei dati", 2013, S. 1), sind 1.002 AddiopizzoUnternehmen, knapp 1% aller in Palermo registrierten Betriebe. Zu Bedenken ist auch, dass es vor allem kleine Unternehmen sind, die den Kampf gegen die Mafia aufnehmen.

Kritisch betrachtet ergeben sich folgende Vorteile:

Die Kooperation mit den Mitgliederunternehmen der Addiopizzo-Bewegung und Addiopizzo Travel, bringt Vorteile für die touristischen Klein- und Mittelbetriebe, welche, in der wirtschaftsschwachen Region um Palermo angesiedelt sind. Es handelt sich um meist landwirtschaftliche Familienbetriebe (Agriturismo), die sich durch den Zuverdienst von Restaurant, Zimmervermietung und anderen touristischen Angeboten, ihre wirtschaftliche Existenz sichern. Durch die Reiseagentur Addiopizzo Travel wird die gesamte, legale Tourismuswirtschaft der Region unterstützt.

Addiopizzo Travel hat einen hohen Bekanntheitsgrad, vor allem bei der jungen Generation, durch ihre Aufklärungsarbeit in Schulen und Universitäten. Auch die Presse trägt dazu bei. Fachzeitschriften und TV-Stationen, aus allen Teilen der Welt, berichten gerne über den Tour-Operator, der sich mit innovativen Ideen der Organisierten Kriminalität widersetzt. Das baut Vorurteile, über Sizilien und deren Einwohner ab und verbessert das Image der gesamten Insel. Langfristig bringt das eine bessere Auslastung der Tourismusbetriebe. Addiopizzo Travel profitiert daraus, direkt- und indirekt mit.

Zehn Mitarbeiter haben einen gesicherten Arbeitsplatz. Es wird davon ausgegangen, dass die Nachfrage nach Information und Aufklärung über die Mafia weiter zunimmt. Auch die Kooperation mit der Non-Profit Organisation Addiopizzo kann als Garantie angesehen werden, dass Addiopizzo Travel, langfristig, finanziell und nachhaltig abgesichert ist.

Die Genossenschaft wird mit einem aufgabenorientierten Führungsstil geführt. Die Zufriedenheit am Arbeitsplatz bei Addiopizzo Travel ist hoch. Eine vorwiegend intrinsische Motivation findet statt, es steht nicht der finanzielle Aspekt im Vordergrund, sondern der Idealismus und das Engagement für die Genossenschaft. Im Gründungsjahr wurden viele Arbeiten ohne Bezahlung verrichtet. Neben den drei Gründungsmitglieder, welche gleichzeitig auch Verwalter der Genossenschaft sind, arbeiten zwei Vollzeitmitarbeiter, in der Verwaltung und acht freie Mitarbeiter, die als Reiseleiter ihren Dienst verrichten.

Unterstützt wird das Team von Praktikanten oder Freiwilligen ("Chi siamo", 2016, S. 1). Addiopizzo Travel Reisende zahlen einen Solidaritäts-Beitrag, welcher im Jahr 2014 rund 28.000 Euro ausmachte. Knapp 20.000 Euro dieser Spenden erhielt der Ausschuss von Addiopizzo ONLUS, die restlichen 8.000 Euro gingen an andere gemeinnützige Einrichtungen der Region Sizilien.

Die Frage, ob Addiopizzo erfolgreich sei, gegen die Mafia, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Addiopizzo ist als Bewegung erfolgreich, das kann belegt werden. Über tausend Geschäfte erklären sich öffentlich, für den legalen Weg im Unternehmen und fast dreizehntausend Konsumenten zeigen, mit ihren Einkäufen, Loyalität und Unterstützung dieser. Ausgewählte Anti-Mafia Maßnahmen der Regierung und der Europäischen Union, unterstützt die Addiopizzo-Bewegung finanziell. Der Verein erfreut sich eines konstanten Zuwachses an Mitglieder. Doch es stellt sich die Frage, reicht das aus? Fakt ist, dass die Bewegung nach zwölf Jahren Arbeit nur knapp ein Prozent der Bevölkerung von Palermo erreichen konnte. Rund 0,25 % beträgt der Anteil der Addiopizzo-Befürworter im Vergleich mit der Einwohnerzahl der gesamten Region. Diese Zahlen reichen nicht aus, um den Kampf mit der Organisierte Kriminalität aufzunehmen. Positive Auswirkungen der Arbeit sind in der Zukunft zu erwarten. Die Aufklärungsarbeit von Addiopizzo in den Schulen ist vorbildlich und trägt sicher zu einem Umdenken der Bevölkerung bei.

2.2 Die Wirtschaft in Trinidad

Dieses Kapitel versucht ein reales Bild der wirtschaftlichen Lage in Trinidad zu geben. Die Datensammlung von Trinidad gestaltet sich schwierig, aktuelle Wirtschaftsdaten vom staatlichen Statistikamt sind oft fehlerhaft in den Publikationen abgedruckt. Diese Arbeit stützt sich deshalb, unter anderem auch auf verlässliche, ausländische Datenbanken. Dies ist nötig, für eine konkrete Darstellung der Situation und den anschließenden Vergleich zwischen Sizilien und Italien.

Mit seinen 1,3 Mio. Einwohner und einem Bruttoinlandsprodukt von 28.8 Mrd. USD (2014) hat Trinidad & Tobago die meiste Industrie in der gesamten Karibik ("Auswärtige Amt", 2015, S. 1, Länderinfo). Wichtigste Einnahmequelle ist die Förderung und der Export von Erdöl und Erdgas. Auch ein Großteil der restlichen Industrie sind Ableger der Öl- und Gasproduktion. Vor allem die Produktion von Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) und die davon abgeleiteten Produkte, wie z. B. Ammoniak, Methanol, Harnstoff und Melamin, sind wichtige Wirtschaftszeige ("T&T Economy", 2014, S. 1, Fact.). Fabrikanlagen und andere Infrastrukturen sind meist im staatlichem Besitz, mit Joint Ventures mit Auslandsunternehmen oder auch mit dem lokalen Privatsektor. Eine langsame Privatisierung wird von der Regierung angestrebt. Nur 4% der Arbeitnehmer von Trinidad sind im Industriesektor beschäftigt (Maingot, 2015, S. 1). Der Sinkende Ölpreis und die Bedrohung Venezuelas, mit seinen reichen Ölvorkommen in

Konkurrenz zu stehen, bring Trinidads Regierung unter Druck. Laut dem „Economy Profil 2014“ nimmt die Erkundungstätigkeit für neue Öl- und Gasvorkommnisse in Trinidad zu. Bieterrunden für Tiefwassererkundungen sind seit Jahren erfolgreich und werden auch von der Regierung, mit Steuererleichterungen für Investoren unterstützt ("T&T Economy", 2014, S. 1, Fact.).

Dr. Anthony Maingot, Professor an der Florida International University, schreibt in seinem Bericht vom 1. September 2015 über die wirtschaftliche Herausforderung Trinidads und die Bedrohung des Nachbarstaates Venezuela, unter anderem folgendes: „Trinidad und Tobago ist mit seinem Überschuss an Öl und bei der Offshore-Produktion von LNG nur einer geringen Bedrohung durch eine mögliche venezolanische Forderung oder durch politischen Druck ausgesetzt.“ (Maingot, 2015, S. 5) Trinidad und Tobago sind nicht, wie Venezuela, Mitglied von „ALBA“ oder der „Petrocaribe“. Dies sind Allianzen, karibischer Staaten um Öl zu bevorzugten Preisen zu kaufen. Demzufolge hat Trinidad, mit seinen Öl-Reserven eine gute Position im Öl-Export (Maingot, 2015, S. 2 ff.). Der weltgrößte Asphaltsee, der Pitch Lake von La Brea befindet sich an der Westküste Trinidads.

Sein Durchmesser ist rund 1.500 Meter und seine Tiefe beträgt 40 bis 100 Meter.

Der See erneuert sich ständig.

Der grösste Handelspartner von Trinidad und Tobago sind die USA, gefolgt von der EU und CARICOM, der karibischen Inselgemeinschaft. Rund ein Drittel aller Importe und rund 40% der Exporte werden mit der USA abgewickelt. Ein beträchtlicher Teil der Gasausfuhr geht nach Südamerika ("Auswärtige Amt", 2015, S. 1). Trinidads Landwirtschaft macht nur 0,5% des BIP aus, rund 75% der Lebensmittel müssen importiert werden ("Auswärtige Amt", 2015, S. 1).

Die einzelnen Wirtschaftssektoren von Trinidad sind in nachfolgender Aufstellung (Abb. 2.3) aufgezeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.3: Aufstellung nach Wirtschaft Sektoren in Trinidad (in Anlehnung an "Trinidad Economy", 2015, S. 19)

Das Wirtschaftswachstum von Trinidad wird zur besseren Übersicht in nachstehender Grafik (Abb. 2.4) dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.4: Wirtschaftswachstum nach Sektoren (in Anlehnung an "Trade and Invest", 2015, S. 2)

Erfolgreiche Unternehmen in Trinidad

Trinidads erfolgreiche Unternehmen werden nachstehend vorgestellt. In der Praxis ist eine Betriebsuntersuchung in Trinidad nicht möglich. Zu groß ist das Misstrauen gegenüber Außenstehender. Deshalb stützt sich dieser Abschnitt auf einen Bericht der ACF (American Competitiveness Forum), einem jährlich abgehaltenen Forum, zur Untersuchung der Wirtschaftsfähigkeit von Unternehmen, im amerikanischen Raum. Im September 2014 wurde diese Versammlung in Trinidad abgehalten. Im anschließenden Bericht werden vier der erfolgreichsten Unternehmen vorgestellt.

Dies soll einen realitätsnahmen Einblick geben in die Privatwirtschaft von Trinidad.

Tucker Energy Services Limited

Trucker Energy Service (TES) ist ein privater, multinationaler Dienstleistungsbetrieb im Öl- und Gassektor. Gegründet wurde das Unternehmen in Trinidad im Jahr 1939. Das Familienunternehmen ist seit 75 Jahren international ausgerichtet. Mit innovativer Technologie konkurrieren sie mit den weltgrößten Dienstleistungsunternehmen für Öl und Gas. Die grösste Herausforderung fanden sie, wettbewerbsfähig zu bleiben, siehe im Inland mit lokalen Betrieben, als auch mit multinationalen Unternehmen im Ausland. Sie konzentrieren sich erfolgreich auf den Nischenmarkt im Sektor, wobei ihre Firmenstrategie auf Qualität, Sicherheit und Kompetenz hinzielt. Langjährige Mitarbeiter sind bei TES für die Ausbildung, der nachkommenden Mitarbeitergeneration zuständig. Seinen Hauptsitz hat das Unternehmen heute in Houston (Texas). Ein Standortwechsel könnte auf Grund von bürokratischen Schwierigkeiten in Trinidad erfolgt sein. Swift schreibt in seinem Bericht über den Werdegang und die Problematik, welche TES im Laufe seines Bestehens vorgefunden hat, folgendes:

[…] they also had to overcome the „third world limit“ […]“ (Swift, 2014, S. 2 ff.) .

Weiterführend vertritt er die Auffassung, dass dies ein großes Hindernis für alle trinidadischen Unternehmen sei, die am internationale Markt konkurrierten wollen (Swift, 2014, S. 3 ff.) . Bemerkenswert und für Trinidad unüblich ist das Teilen ihres

Technologiewissens mit anderen. Sie halten unter anderem Trainingskurse, im Namen der Industriekammer von Trinidad ab. Den Motor für Innovation und die angetroffenen Schwierigkeiten im Laufe der Firmengeschichte beschreibt Swift mit einem eigenen Absatz in seinem Bericht. Der Hauptgrund für die fortwährende Innovation war: „ die Notwendigkeit der Überwindungen des Gefühls von der

„Dritten Welt“ zu kommen, in diesem wettbewerbsstarken Dienstleistungssektor der Energieindustrie“ (Swift, 2014, S. 5) . Ein weiteres Problem aus Sicht des Unternehmens war, die negative Wahrnehmung auf dem internationalen Mark. Kunden und Lieferanten sehen ein Unternehmen aus der Dritten Welt, gleichgestellt mit ineffizienter Bürokratie und fehlender Finanzierung, von Seiten des Staates. Laut Aussage der Unternehmensleitung, gab es nur selten Unterstützung der Regierung, für Innovationen der TES (Swift, 2014, S. 5).

Label House Group Limited

Das Label House Group Limited ist ein Unternehmen im Verpackungssektor . Gegründet im Jahr 1978, beliefert die Firma heute, Verpackungslösungen in die Karibik und nach Südamerika. Die Firmengruppe wurde 2003, aus ursprünglich fünf Einzelunternehmen zusammengeschlossen und ist regionaler Marktführer im Verpackungsbereich. Sie legen Wert auf Innovation und sind deshalb ständig beim Forschen, mit dem Fokus, auf Kundenwünsche einzugehen und ihr Produkt technologisch zu verbessern. Eines der Hauptprobleme des Verpackungsbetriebes ist der Warentransport, Güter effizient und zeitsparend zu befördern. Größtes Hindernis für die Innovation ist laut Firma, die Mentalität und Kultur der Bevölkerung im Allgemeinen. Der Mangel an kultivierten, anspruchsvollen Kunden und das Fehlen von Investoren. Bei Label House Group ist die finanzielle Unterstützung der Regierung minimal und die Hindernisse der Bürokratie stellen ein Problem dar (Swift, 2014, S. 10).

KC Confectionery Limited

Die KC Confectionery Limited ist ein lokales Privatunternehmen im Bereich der Süßwaren Industrie. Rund 30% ihrer Ware verkauft KC im Inland, knapp 70% davon werden Exportiert. Gegründet wurde das Familienunternehmen im Jahr 1922. Die langsame Umstellung zu einem vollautomatisierten Industriebetrieb und die Partnerschaft mit dem deutschen Unternehmen Bosch waren erfolgreich. Der Betrieb ist mit neuester Technologie ausgestattet und hat die Zertifizierung internationaler Qualitätsstandards. Rund 170 Mitarbeiter sind bei KC beschäftigt, welche Süßwaren, homeopatische- und weitere Sonderprodukte herstellen. Die Verpackung besteht aus umweltfreundlichen Materialien. Das Unternehmen rühmt sich mit einer geringen Mitarbeiterfluktuation. Einige der Angestellten sind bereits seit vierzig Jahren dem Unternehmen treu (Swift, 2014, S. 13). Hauptgründe für Innovation in der Firma sind bei KC, die Reinvestition der Gewinne und die gute Mitarbeiterbeziehung. Blockaden gab es vom Ministerium für Chemie, Lebensmittel und Medikamente. Laut KC sind Verbesserungen sichtbar, bei Transparenz und Unterstützung von Seiten der Regierung. Doch das ist nicht ausreichend (Swift, 2014, S. 14).

Angostura Limited

Der Rumhersteller Angostura Limited wurde im Jahr 1824 in Angostura (Venezuela) gegründet. Erstes Produkt dieser Firma war ein Magenbitter, nach Dr. Johann Siegerts Formel erzeugt. Im Jahr 1875 übersiedelte das Unternehmen nach Trinidad und ist seitdem dort ansässig. Bereits in den 70er Jahre war Angostura größter Exporteur nach dem Energiesektor. Ein Zusammenschluss mit der Fernandes Distillers Limited folgte. Mit dem ursprünglichen Produkt des Magenbitters ist Angostura führendes Unternehmen im internationalen Markt. Die Verantwortlichen der Brennerei gaben, im Forum keine weiteren Erklärungen ab (Swift, 2014, S. 14 ff.).

Das gesamte Projekt wurde von Keiron Swift, einem Manager der CCI (Council for Competitiveness and Innovation) geleitet. Die CCI-Organisation ist außenstehender Berater des Ministeriums für Wirtschaftsförderung und Innovation in Trinidad. In der Schlussbemerkung dieser Veranstaltung wurden noch einige Punkte aufgezeigt, welche für diese Arbeit relevant sind und deshalb nachstehend, zusammenfassend angeführt werden.

Alle vier Unternehmen haben keinen Bezug zu Universitäten oder öffentlichen Forschungszentren, im Inland, aber auch nicht im Ausland (Swift, 2014, S. 18). Für die Innovation und die Entwicklung im Land wäre das aber wichtig. Eine solche Haltung der Unternehmen mag unverständlich sein, kann aber im generellen Misstrauen der Regierung gegenüber, ihre Ursache haben. Die Gefahr der Industriespionage besteht überall, doch Trinidad hat nicht, den selben Standard an Rechtssicherheit, der in Europa üblich ist. Eine Rechtsverfolgung wie auch die Rechtsdurchsetzung ist enorm zeit- und kostenaufwendig. Die Unternehmen sind auf sich selbst gestellt.

3. Geschichtliche Hintergründe

In diesem Kapitel wird in Kurzfassung die Geschichte der beiden Staaten erörtert. Für die Erforschung, ob das sizilianische Addiopizzo-Modell auch in Trinidad erfolgreich sein kann, bedarf es eines historischen Rückblicks. Die Aufzeichnung der Geschichte Siziliens vermittelt ein besseres Verständnis, warum die Bevölkerung lieber schweigt und zahlt, als illegale Handlungsweisen anzuzeigen. Die Darstellung der Geschichte Trinidads wird aus ähnlichen Beweggründen aufgezeigt.

3.1 Einblick in die Geschichte Siziliens

Wie schon in Kapitel 2. erwähnt, gibt es in Italien einen starken Unterscheid, zwischen dem wirtschaftlich, erfolgreichen Norden und dem ökonomisch, schwachen Süden des Landes. Die Ursachen dafür sind vielerlei. Die Frage, warum es in Süditalien und speziell auf Sizilien zu einer so großen Neigung zur Korruption kommen konnte, wird hier gestellt. Um dieses Phänomen zu ergründen, bedarf es eines kurzen Rückblicks in die Geschichte der Insel. Bereits seit mehr als 2.000 Jahren wurde Sizilien von verschiedenen Kolonialmächten besiedelt und beherrscht (Uesseler, 1987, S. 79f.). Die Lage der Insel hatte eine große Bedeutung für Seefahrt und Handel, weshalb immer neue Eroberer sich der Insel bemächtigten. Ab dem 18. Jahrhundert waren es, das Haus Savoyen, die Habsburger (Österreich) und die spanischen Bourbonen. Kaum ein anderes Land wurde durch seine wechselhaften Invasoren so geprägt wie Sizilien. Nach der Eroberung von Giuseppe Garibaldi (1861) und einem Volksentscheid, wurde Sizilien mit dem italienischen Königreich Piemont-Sardinien vereint (Dittelbach, 2015, S. 124). Palermo wird erstmals zu einer italienischen Hauptstadt erklärt. Jeweils zehn Jahre, amtierten in Rom ab 1876, zwei sizilianische Ministerpräsidenten (Crispi und Rudiní). Trotzdem war die links gerichtete Regierung nicht interessiert an Sizilien und seinen Problemen. Vielmehr erhöhten sie die Steuern und finanzierten so das Aufrüsten des Staates. Die Bevölkerung verarmte zunehmend. Bei der Landbevölkerung, im Inneren der Insel herrschte außerdem weit verbreiteter Analphabetismus. Dies machte sich der fanatische, lokale Klerus zu eigen. Durch seinen großen Einfluss auf die äußerst religiöse Bevölkerung, schürte er den Hass gegen die staatlichen Einrichtungen und die Regierung in Rom (Hess, 1988, S. 29f.). Die lokalen Machthaber dagegen, genossen Narrenfreiheit von den Regierenden, sie lebten nach ihren eigenen Gesetzen (Finley, Mack Smith, & Duggan, 2010, S. 315). Im Jahr 1880 gab es eine Agrarkrise und bald darauf folgten Aufstände der Landbevölkerung, welche der amtierende Ministerpräsident Crispi grausam beendete. Die anhaltende Wirtschaftsmisere zwang die Menschen zur Auswanderung. Von 1900 bis 1915 übersiedelten rund 1,5 Millionen Sizilianer nach Amerika und Australien (Dittelbach, 2015, S. 125). Im Jahr 1919 wurde in Norditalien die faschistische Bewegung gegründet. Diese begannen eine gewalttätige Säuberungsaktion gegen alles Sozialistische, mit Plünderungen und Morden. Mit der Machtübernahme von Benito Mussolini (1922 - 1943) kamen die Faschisten auch in den Süden des

Landes (Dickie, 2013, Abs. 6). Den korrupten, lokalen Politikern und MafiaAngehörigen gelang es aber, in kürzester Zeit, die faschistische Partei zu unterwandern. John Dickie schreibt darüber:

Bereits Wochen nach dem Marsch auf Rom litten die faschistischen Verbände in Reggio Calabria und Palmi an „akuter Splitteritis“. Auf Sizilien wetterten Schwarzhemden schon sehr bald gegen „faschistisierte Mafiosi“, die in einigen Stadträten das Sagen hatten. “ (Dickie, 2013, Abs. 6)

Durch die Abwanderung, mehr als der Hälfte der Bevölkerung, Anfang des 20. Jahrhundert, fehlten vor allem Jugendliche im Land. Von der Besiedlungspolitik Mussolinis, fehlende Arbeitskräfte nach Sizilien zu senden, sind überwiegend politisch Verbannte übriggeblieben. Ein ständiger Wechsel von ein- und wieder abwandernden Festland Italienern und Menschen aus ganz Europa, brachte ökonomische Vorteile, aber der Bildungsstandard der einheimischen Bevölkerung erhöhte sich deshalb nicht. Der Kontakt mit den Zuwanderern war schwierig, eine simple Kommunikation scheiterte meist an der Unkenntnis der fremden Sprache (Dittelbach, 2015, S. 108). Im Jahr 1925 ernannte sich Mussolini zum Diktator. Noch im selben Jahr installierte er den norditalienischen Polizisten Cesare Mori, als Präfekten von Sizilien. Dieser sollte, mit einer Vollmacht vom „Duce“ (Mussolini) der Mafia den Kampf ansagen. Die Bekämpfung der kriminellen Machenschaften der Mafia waren Mussolini schon lange ein Anliegen. Der Präfekt war in kurzer Zeit erfolgreich, wenn auch mit äußerst brutalen Mitteln. Nach der Verhaftung von rund 450 Kriminellen, hielt Mussolini am 26. Mai 1927, eine historische Rede. Er prahlte mit seinen Erfolgen gegen die Kriminalität und schimpfte über jahrelange Misswirtschaft der vorhergehenden Politiker. Dickie zitiert diese Rede Mussolinis (Dickie, 2013, S. 1, Teil 1, Kap.6, Sizilien) :

»› Wann ist der Kampf gegen die Mafia zu Ende?‹, wird man mich fragen. Er ist nicht etwa dann zu Ende, wenn es keine Mafiosi mehr gibt, sondern erst, wenn die Sizilianer sich nicht einmal mehr an die Mafia erinnern.« (Dickie, 2013, S. 1, Teil 1, Kap. 6, Sizilien)

Zwei Jahre nach dieser Ansprache kehrte der sogenannte eiserne Präfekt Mori wieder nach Rom zurück. Die Prozesse zogen sich in die Länge, manche wurden erst im Jahr 1932 beendet. Doch von den 450 Verurteilten wurden im selben Jahr wieder Hunderte von ihnen freigelassen und nach Sizilien zurückgeschickt. Eine Amnestie der faschistischen Regierung, zum zehnjährigen Jubiläum des Einmarsches in Rom ermöglichte das (Dickie, 2013, S. 1. Teil 1, Kap. 6, Sizilien).

Im Zweiten Weltkrieg, vor der Landung der Alliierten 1943, waren etwa 300.000 italienische und knapp 45.000 deutsche Soldaten auf Sizilien stationiert (Scriba, 2015, S. 1). Nach der Invasion kooperierten die US-Truppen mit der „Cosa Nostra“, der sizilianischen Mafia. Laut einem Bericht des OSS (Office of Strategic Service, Akten des amerikanischen Kriegsgeheimdienst 1942–1945) mit dem Titel „Die Mafia bekämpft das Verbrechen in Sizilien“, würde die Mafia den sozialen Frieden auf Sizilien garantieren, denn neun von zehn Einwohnern erkennen die Mafia als Autorität an (Kleikamp, 2013, S. 1). Musolini wurde im Juli 1943 verhaftet und der neue Ministerpräsident, Pietro Badoglio rief am 8. September den Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten aus. Doch die deutschen Truppen besetzten Rom und befreiten den inhaftierten Mussolini, der sogleich, in Norditalien eine faschistische Regierung bildete. Italien wird zweigeteilt (Scriba, 2015, S. 1). Im Jahr 1946 wird Sizilien zu einer autonomen Region, mit eigenem Parlament und beträchtlichen regionalen Zuständigkeiten ausgerufen.

In den 50er Jahren wurde die „Cassa del Mezzogiorno”, eine politische Maßnahme zur Entwicklungsförderung der südlichen Regionen Italiens installiert. Von 1950 bis zur Einstellung im Jahr 1992 wurden, für gezielte Maßnahmen wie Bewässerungsanlagen, Industrieansiedelung, Verkehrserschließung und Fremdenverkehrsförderung finanzielle Unterstützungen zugesichert. Die Gelder dafür wurden Großteils von der Mafia kassiert und verfehlten so den eigentlichen Zweck der Förderung (Hof, 2011, S. 39). Doch Niemand will dies zur Anzeige bringen. Die Bevölkerung schweigt. Das sizilianische Sprichwort: „Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden“ beschreibt, was in der Kultur von Sizilien fest verankert ist, die sogenannte „omertá“ (Teil des Ehrenkodex und Schweigepflicht der Mafia-Mitglieder).

Eine andauernde Vernachlässigung Siziliens durch die jeweilige Regierung hat die Gesellschaft geprägt. Dieses Misstrauen sitzt tief in den Köpfen der Bevölkerung und verhindert das Vertrauen in den Staat und dessen Schutzfunktion. Eine politische Kontrolle, durch staatliche Organe kann kaum stattfinden, da der öffentliche Einsatz der Bevölkerung fehlt. Aus diesem Grund fehlt auch die Macht des Staates für Recht und Ordnung zu sorgen. Diese Voraussetzungen bilden den Nährboden für Korruption und Organisierte Kriminalität.

3.1.1 Die Cosa Nostra (sizilianische Mafia)

Die sizilianische Mafia hat, nach offizieller Lehrmeinung, ihren Anfang auf den Großgrundbesitzen Westsiziliens (Gambetta, 1994, S. 114). In der Zeit des Feudalismus hatten die Landadeligen und Feudalherren die Macht, auch die offiziellen freien Bauern waren ihnen ausgeliefert. Um ihren Besitz zu schützen und die Bauern unter Kontrolle zu behalten stellten die Adeligen Privatarmeen auf. Da es auf den Gutshöfen weit und breit keine Gefängnisse gab, fungierten diese Armeen als Justiz. Selbst bei oft kleinen Delikten vollstreckten sie die Todesstrafe (Sonnino, 2015, S. 47 ff.). Anfang des 19. Jahrhunderts, durch die Abschaffung des Feudalismus wurden die Lehen in Privatbesitz umgewandelt. Es wurde möglich, Grund und Boden auf dem Markt frei zu handeln. Dadurch entstand eine neue Mittelklasse. Stück für Stück sicherten sich die Landpächter den ehemaligen Großgrundbesitz. Bauern und Hirten verarmten und wurden zur Bedrohung der verbleibenden Großgrundbesitzer. Die Landpächter sahen, durch die Gelegenheit Grundbesitz zu kaufen, eine Möglichkeit des sozialen Aufstiegs, standen aber vereinzelt gegenseitig in Konkurrenz (Gambetta, 1994, S. 115). Diego Gambetta schreibt über diese Pächter, dass diese nur ihren eigenen Interessen nachgingen und alles unternahmen, um ihre Stellung zu verbessern. Die Bauern wurden mit harter Arbeit bestraft und die Eigentümer zwangen sie, unter höchst nachteiligen Bedingungen zum Verkauf oder zur Verpachtung der Ländereien (Gambetta, 1994, S. 116). Laut Hess ist die Entstehung dieser Landpächter zum Verständnis des „mafiösen“ Verhaltens enorm wichtig. Dieser neue Mittelstand verstand seinen Profit in der bedingungslosen Ausbeutung der Unterpächter und Tagelöhner einerseits und der Einschränkung seiner Verpflichtungen anderseits. Die Ländereinen waren nur von den Adeligen geliehen, trotzdem stieg die Macht der Großpächter enorm. Das ehemalige Gewaltmonopol der Barone wurde von den Pächtern übernommen, sie entschieden über Bestrafung bis hin zum Todesurteil (Hess, 1988, S. 44). In dieser Zeit stieg der Export von Zitrusfrüchten enorm. Für den Anbau waren hohe Anfangsinvestitionen nötig, doch es konnten immense Gewinne gemacht werden. Palermo war mit seinem Hafen wichtiger Umschlageplatz für Groß- und Einzelhandel. Mit dem Reichtum kam auch das Bedürfnis, diesen Besitz zu schützen (Bencardino, Ferrandino, & Marotta, 2011, S. 463 ff.)

[...]

Details

Seiten
94
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668364592
ISBN (Buch)
9783668364608
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346912
Institution / Hochschule
Fachhochschule Burgenland – Austrian Institute of Management
Note
Gut
Schlagworte
gesunde unternehmen kriminalität kann modell addiopizzo trinidad tobago

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Titel: Gesunde Unternehmen und organisierte Kriminalität. Kann das Modell "Addiopizzo" in Trinidad und Tobago umgesetzt werden?