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Digitales Storytelling. Formen und Wirkungen narrativer Berichterstattungen im Online-Journalismus

von Lena Becker (Autor)

Bachelorarbeit 2016 66 Seiten

Pädagogik - Kunstpädagogik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Journalismus und Internet
1.1 Wandel im Journalismus
1.1.1 Einfluss der Digitalisierung auf denjournalismus
1.1.2 Online-Journalismus
1.1.3 Entstehung neuer Darstellungsformen
1.1.4 Zunehmende Narrativisierung ID
1.2 Potenziale des Internets für online-spezifische Formate
1.2.1 Multimedialität / Multimodalität
1.2.2 Hypertextualität
1.2.3 Interaktivität

2 Digitales Storytelling im Online-Journalismus
2.1 Definition und Begriffsklärung
2.1.1 Journalistisches Storytelling
2.1.2 Storytelling als digitale Variante des Newjournalism 2D
2.1.3 MultimediaStorytelling
2.2 Merkmale und Besonderheiten
2.2.1 Formale Merkmale
2.2.2 Strukturelle Merkmale
2.2.3 Inhaltliche Merkmale

3 Rezeption und Wirkung von Multimedia Storytelling
3.1 Rezeption und Wirkungvon Narrativität
3.1.1 Aufmerksamkeit
3.1.2 Kognitive Verarbeitung
3.1.3 Emotionale Verarbeitung
3.1.4 Einstellung und Verhalten
3.2 Rezeption und Wirkung interaktiver, multimodaler Darstellungen
3.2.1 Rezeptionsprinzipien
3.2.2 Konsequenzen

4 Analyse
4.1 Auswahl, Methodik und Untersuchungskriterien
4.2 Analyse ausgewählter Multimedia-Reportagen
4.2.1 „Snow Fall - The Avalanche at Tunnel Creek"
4.2.2 „Ugandas vergessene Kindersoldaten"
4.3 Schlussfolgerungen
4.3.1 Möglichkeiten und Chancen
4.3.2 Kritische Bewertung

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Die Digitalisierung der Medien hat Einfluss auf viele Bereiche unserer Gesellschaft, unter anderem verändert sie die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren: Wie wir Informationen und Nachrichten aufnehmen, verarbeiten und verbreiten. Gerade Print-Verlage bekommen die negativen Folgen dieser anhaltenden Entwicklung schon seit Jahren zu spüren und reagieren auf sinkende Auflagenzahlen mit unterschied­lichen Strategien: Zum einen wird weiterhin an gedruckten Produkten festgehalten, zunehmend wird aber auch versucht digitale Märkte zu erschließen und die Informations- und Bildungsangebote überverschie­denste digitale Kanäle, sowohl mobil als auch online, zu verbreiten.[1] Doch wie wirken sich solche Veränderungen auf den Journalismus und seine traditionellen Darstellungsformen aus? Und wie wichtig ist dabei die Form einer Nachricht für den Inhalt?

Die vorliegende Arbeit untersucht diese Fragen an speziellen, narrativen Berichterstattungen im Online-Journalismus, dem „Digitalen Storytelling". Dabei handelt es sich um eine Form des digitalen Erzählens, die mit den neuen technologischen Möglichkeiten des World Wide Webs experi­mentiert und sich dabei deutlich von klassischen Formaten abhebt. Denn: „Digitale Angebote, die sich am Vorbild Papier orientieren, wird es immer geben. Doch spannend wird es dort, wo Verlagshäuser beginnen, außerhalb ihrer bekannten und vertrauten Bahnen zu operieren."[2]

Obwohl das Erzählen von Geschichten eine uralte und alltägliche Form der Kommunikation ist, die von allen Menschen praktiziert wird und auch schon seit jeher Bestand imjournalismus hat, wird nun unter dem Modebegriff „Storytelling" vermehrt von einer einzigartigen Kommuni­kationsstrategie gesprochen. Ob in der Werbung, der Unternehmens­kommunikation oder imjournalismus: Eine präzise, allseits akzeptierte Definition ist allerdings nicht zu Anden. Während der Ausdruck in den USA oft in Zusammenhang mit einem Aufleben des New oder Narrative Journalism der1960/70erjahrefällt, wird erin Deutschland meist synonym für Reportagen verwendet, die über ein ganzheitliches, multimediales Konzept verfügen. Verschiedene traditionelle Elemente desjournalismus - Wörter, Bilder, Daten, Videos, etc. - werden eng miteinander verknüpft und von Anfang an in die Recherche und Umsetzung integriert. Durch den Einsatz moderner Web-Technologien wird ein immersives Online-Er- lebnis geschaffen, das zum explorativen Lesen einlädt.

Zu Beginn dieser Arbeit wird dargelegt, wie sich die Erzähl- und Darstel­lungsformen in Nachrichtenangeboten innerhalb der letztenjahrzehnte durch die stetige technologische Weiterentwicklung weiterent­wickelt haben. Weiterhin wird darauf eingegangen, worin der „Zauber Multimedia" des neuen Mediums Internet besteht und welche Potenziale sich daraus für den Online-Journalismus ergeben.

Nachfolgend werden grundlegende Begrifflichkeiten definiert, die im Zusammenhang mit journalistischem Storytelling stehen. Anhand zahlreicher nationaler und internationaler Beispiele wird anschließend herausgestellt, durch welche Merkmale sich die Spezialform des Multimedia Storytelling von klassischen Darstellungsformen abgrenzen lässt. Kapitel Drei bildet den Kernbereich der Arbeit. Dort wird sich der Frage gewidmet, welche Wirkungen narrativ gestaltete und multimediale Berichterstattungen bei Rezipienten haben und von welchen Faktoren diese abhängig sind.

Im Anschluss werden zwei Multimedia Reportagen unterschiedlicher Onlinezeitungen untersucht. Durch eine Analyse des Zusammen­spiels von Inhalt, Aufbau und Kommunikationsmitteln werden Unterschiede und Besonderheiten aufgezeigt. Basierend auf den zuvor gewonnenen Erkenntnissen, wird abschließend über Nutzen und Risiken von Multimedia Storytelling reflektiert.

1 Internet und Journalismus

1.1 Wandel im Journalismus

1.1.1 Einfluss der Digitalisierung auf denjournalismus

Wie sich Produktion und Konsum von Nachrichten durch die neuen Online-Technologien - insbesondere durch das World Wide Web - in der Zukunft verändern würden, stand in den 1990ern groß zur Debatte und rief zahlreiche Spekulationen hervor: Von einem möglichen Aussterben der Printmedien, der Übernahme von Zeitungsverlagen durch Multimedia­Unternehmen, bis hin zu einer schlagartigen Expansion non-linearer Erzählweisen.[3] Nicholas Negroponte, einer der Vordenker der Digitalen Revolution, prognostizierte in seinem Buch „Being Digital" 1995 unter anderem eine Personalisierung der Nachrichten - eine breit diskutierte Idee, deren mögliche Auswirkung auf die Konsumenten einigen Wissen­schaftlern Sorgen bereitete:

„[...] being digital will change the economic model of news selections,

make your interest play a bigger role, and, in fact, use pieces from the

cutting room floor that did not make the cut on popular demand.“

(Negroponte zit. nach Boczkowki 2004, S. 2)

Anstatt das Gesamtpaket zu kaufen, wählen die Leser von Heute tatsächlich sehr genau, welche Inhalte sie im Online-Angebot lesen möchten und welche nicht-dies ist allerdings nur eines von vielen Zeichen für ein geändertes Nutzungsverhalten einer Generation von Medien­konsumenten. Nach Sturm manifestiert sich darin ein grundlegender Strukturwandel im Mediensystem.[4] Ein Wandel, der seinen Ursprung in der Digitalisierung von Information und Kommunikation hat und von manchen Wissenschaftlern sogar als kultureller Umbruch bezeichnet wird, „der ähnlich wie die Einführung des Buchdrucks im 15.Jahrhundert nachhaltige und globale Auswirkungen auf die Gesellschaft haben wird".[5] Fest steht, dass journalistische Organisationen, Rollen und Programme entscheidend durch Veränderungen in der Umwelt beeinflusst werden.

So wirken sich die anhaltenden Entwicklungsprozesse der Digitali­sierung teilweise maßgeblich auf die Art und Weise aus, wie wir Medien produzieren und konsumieren. Vor allem die klassischen Printmedien, zu denen auch die Zeitungen zählen, werden vor ungewohnte Heraus­forderungen gestellt.

Die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Tageszeitungen ist seit langem rückläufig: Offizielle Statistiken des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) zeigen, dass die Auflagenzahlen in den vergangenen zehn Jahren regelmäßig um durchschnittliche eineinhalb bis zwei Prozent gesunken sind. Seit 2000 gehen auch die Werbeein­nahmen der Verlage deutlich zurück, die nach einer alten Faustregel ursprünglich bis zu zwei Drittel aller Umsätze erwirtschafteten.[6] Für die rückläufigen Anzeigenmärkte und sinkenden Abonnenten- und Käuferzahlen der Zeitungen finden sich mehrere Gründe. Ein leichter Rückgang setzte schon Mitte der 80er Jahre mit der Einführung des privaten Rundfunks ein. Seitdem greifen gerade junge Menschen immer weniger zu gedruckten Zeitungen. Zusätzlich steigt die Konkurrenz durch Zeitschriften, Fernsehprogramme und Online-Angebote. Aber auch demographische Komponenten, wie etwa kleinere Haushaltsgrößen und häufigere Ortswechsel, tragen einen entscheidenden Teil bei.[7]

Diese Zahlen spiegeln allerdings nicht die gesamten Verlagsumsätze wieder: Zeitungsverlage sind zunehmend auf digitalen Kanälen präsent, vom PC bis zu Tablet und Smartphone, und erreichen damit insgesamt ein nie größer gewesenes Publikum in Deutschland.[8] Bereits im Sommer 1996 waren nach einer Zählung des BDZV über 40 Zeitungen online aktiv, 2015 existieren schon 662 verschiedene Zeitungswebsites.[9] Zusätzlich bieten mittlerweile insgesamt zwei Drittel der Zeitungen ihre Ausgaben zusätzlich als ePaper oder App für mobile Geräte an.[10] Die zahlreichen Online-Zeitungsangebote erfreuen sich großer Beliebtheit: Laut Arbeitsgemeinschaft Mediaanalyse (ag.ma) 2014 besuchen in einem durchschnittlichen Monat etwa 44 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung über 14Jahren die Webangebote der Zeitungen - etwa 30,9 Millionen Menschen. Hinzu kommen die 9,6 Millionen User, die sich unterwegs über mobile Webseiten oder Apps informieren. Und die Zahl wächst weiter, insbesondere in denjüngeren Zielgruppen.[11]

Nach Ergebnissen der aktuellen AWA Allensbacher Markt- und Werbeträ­geranalyse sticht das Internet 2014 zum ersten Mal das Fernsehen als beliebtester Informationskanal in Deutschland (siehe Abbildung 1). Im

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Internet ist das beliebteste Recherche-Medium (AWA, 2015).

Jahr 2015 sind es schon 66 Prozent, die zuerst im Netz recherchieren, wenn sie sich über ein bestimmtes Thema informieren wollen. Zum Vergleich: Im jahr 2002 waren es gerade mal 28 Prozent. Die klassischen Printmedien hingegen haben in den letzten 10 Jahren deutlich an Relevanz verloren.

Die Bedeutung des Internets als Distributionskanal für journalistische Inhalte nimmt demnach rasant zu. Im Folgenden wird daher untersucht, wie sich dies auf die traditionellen Rollen und Darstellungsformen des Journalismus auswirkt.

1.1.2 Online-Journalismus

Internet-Journalismus, Online-Journalismus, Multimedia-Journalismus - das sind nur einige der üblichen Bezeichnungen für den neuartigen Journalismus, der sich durch das Medium Internet entwickeln konnte und nun neben Print, Radio und Fernsehen die vierte Säule des Journa­lismus bildet.[12] Inwiefern sich dieser vom klassischen unterscheidet und vor welchen Herausforderungen er in der Gegenwart steht, wird nachfolgend erläutert.

Das digitale Zeitalter fordert vonJournalisten einige neue Kompetenzen. Denn Online-Journalisten nutzen das World Wide Web nicht nur zu Recherchezwecken, ihre gesamte Tätigkeit spielt sich im Bereich der Onlinemedien ab - also in verschiedenen journalistischen oder massenmedialen Angeboten im Internet.[13] Durch dessen Möglichkeit, verschiedene Medienarten aus Print, Fernsehen und Radio zu vereinen, ist es für Online-Journalisten nicht mehr ausreichend, sich wie früher auf ein einziges Medium zu spezialisieren. Nachrichten auf digitalen Plattformen sollten im Idealfall „medienübergreifend verstanden, recherchiert und umgesetzt werden"[14], wie es Journalist und Lehrbe­auftragter für Multimedia Storytelling Simon Sturm beschreibt. Das allerdings verlangt von Journalisten zumindest ein Grundverständnis dafür, welche Medienarten sich für welche Texte eignen und wann deren Einsatz sinnvoll ist. Vor allem aber kommt es auf die Verbindung an, „auf das Ausnutzen der Stärken und das Ausmerzen der Schwächen eines Einzelmediums".[15] Das Medium Internet bietet allerdings noch weitere Potenziale: Zum Beispiel die Möglichkeit, Inhalte durch Hyperlinks modular aufzubauen, das heißt, in kleinere Informationseinheiten zu zerlegen und miteinander zu verknüpfen, oder Zugang zu weiteren Informationsangeboten zu schaffen.[16] Dazu zählt auch die Organisation und Durchführung interaktiver Elemente, die es ermöglicht den Leser mit einzubeziehen. Solche Elemente können zum Beispiel Leserkom­mentare, Diskussionsforen oder Chats sein. Aber auch Social Media Plattformen wie Facebook oder Twitter zählen mittlerweile zu den primären Werkzeugen eines Online-Journalisten.[17]

Auch wenn hinsichtlich der Recherche und Beitragsqualität „online" die gleichen Regeln gelten wie „offline": Durch die neu hinzugekommenen Elemente werden die journalistischen Kerntätigkeiten - recherchieren, schreiben, redigieren - zunehmend überschattet.[18] Dazu kommt, dass Journalistische Webmagazine in starker Konkurrenz zu vielen anderen Angeboten im Internet stehen, schließlich sind diese für den Nutzer ebenso schnell und bequem zu erreichen. Journalistin Simone Janson formuliert treffend: „Im digitalen Zeitalter gewinnt der Leser Autonomie und er hat die freie Wahl zwischen den Informationsquellen."[19] Damit gerät das traditionell Geschäftsmodell der Verlage, das für üblich auf einer Quasi-Monopolstellung beruht, ins Wanken. Insbesondere der Leser von Lokal- und Regionalzeitungen hatte einst keine andere Wahl, als sich auf die Berichterstattung in der Tageszeitung zu verlassen. Mittlerweile aber steht er vor zahlreichen kostenlosen Alternativen, die er nicht nur miteinander vergleichen, sondern auch auf Informations­gehalt prüfen kann. Und deren Anzahl nimmt stetig zu: Denn Kosten und Aufwand für das Publizieren im Internet sind im Vergleich zu den herkömmlichen Massenmedien deutlich geringer.[20]

Neben der Komplexität steigt auch die Geschwindigkeit der Berichter­stattung: Die Bindung an Produktionszeiten und Vertriebswege sowie Hindernisse wie Zeitzonen entfallen nahezu vollständig. Journalisten können Inhalte nicht nur unmittelbar und global verbreiten, sondern auch jederzeit wieder ändern oder aktualisieren.[21]

1.1.3 Entstehung neuer Darstellungsformen

Mit einem Wandel der Medien ist immer auch ein Wandel der Darstel­lungsformen verbunden. Das neue Medium Internet, so waren sich Beobachter schon früh einig, besitzt durch seine technischen Eigenschaften ein großes Potenzial für einen neuartigen Journalismus mit eigenständigen Angebotsformen.[22]

Gerade in den ersten Jahren wurden diese Instrumente allerdings noch wenig genutzt: Online-journalistische Angebote orientierten sich sowohl in Form als auch Inhalt stark an gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften und beschränkten sich dementsprechend auf den Einsatz von Schrifttext und Fotografìe. Wirft man einen Blick auf die Mediengeschichte, ist dies zunächst ein mal nicht ungewöhnlich: Neue Medien orientierten sich hinsichtlich ihrer Produktion und Gestaltung immer zuerst an den bestehenden und brachten erst im späteren Verlauf eigenständige Aufbereitungen hervor. Schließlich verlangen neue Darstellungsformen immer neue Abläufe und Kompetenzen, die sich erst Schritt für Schritt entwickeln müssen, und - auf der Seite der Rezipienten - eine Anpassung der Erwartungen und Nutzungsgewohnheiten.[23]

Bei Zeitungsverlagen mag diese Entwicklung jedoch auch ökonomisch begründet sein: Journalistische Webangebote entstanden in erster Linie als Internet-Präsenz bereits existierender Zeitungen und dienten daher lediglich als zusätzliche Verbreitungsplattform, von der man sich nicht sicher war, ob sie sich refinanzieren würde. Daher war es naheliegend, für Onlinemedien zunächst ein mal das gleiche Ausgangsmaterial wie für die Printmedien zu verwenden - Bilder und Schrifttexte, die unkompliziert zu produzieren oder aus Agenturen zu beschaffen sind - und sich bei weiteren Investitionen zurück zu halten. Der daraus resultierende Mangel an technischen und personellen Ressourcen in Online-Redak- tionen führte letztlich dazu, dass wenig Experimentierfreude herrschte.[24]

Im Gegensatz dazu war die Produktion und Distribution web-ge­rechter Video- oder Audioinhalte gerade in den erstenjahren noch sehr kompliziert. Insbesondere die begrenzte Bandbreite von Internetver­bindungen verhinderte vorerst, dass sich auch Darstellungsformen aus Fernsehen oder Radio durchsetzten. Inzwischen werden derartige Inhalte jedoch selbst in hoher Qualität zum Download oder über Streaming-Ver­fahren, teils sogar über Live-Streams, im World Wide Web bereitgestellt.[25]

Spätestens seit dem wären nach Schumacher die technischen Voraus­setzungen für den Prozess der Medienkonvergenz, der Annäherung von verschiedenen Medienanbietern und deren charakteristischen Erschei­nungsformen, gegeben. Dieser lässt sich bereits auf unterschiedlichen Ebenen beobachten, so zeigt sich beispielsweise auf Userebene die Tendenz zur stärkeren Nutzung visueller Inhalte. Ein Anzeichen dafür, dass Darstellungsweisen aus Fernsehen, Print-, und Onlinemedien zunehmend zusammen wachsen und bestimmte Modi nicht mehr nur mit einem Medium in Verbindung gebracht werden können.[26] Auch Sturm stellt fest: „Das crossmediale Zusammenwachsen der früher strikt voneinander getrennten Medien wirkt sich auch auf die journalistischen Darstellungsformen aus."[27]

Als Ergebnis dieser vielschichtigen Konvergenzprozesse entsteht ein Journalismus mit neuen, hybriden Darstellungsformen. Diese können sowohl zeitabhängige (z.B. Videos) als auch zeitunabhängige Modi (z.B. Bilder und Texte) integrieren, in neuer Form kombinieren und über die verschiedensten Kanäle verbreitet werden. Beispielsweise eine Bericht­erstattung über ein aktuelles Ereignis, welche neben dem Text-Beitrag noch mit O-Ton-Statements, interaktiven Karten und Video-Portraits (siehe Abbildung 2) angereichert wurde und parallel Echtzeit-Meldungen über den Twitter-Kanal liefert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Interaktive Karten in der Web-Doku „Secret Wars" (2013) vom NDR und der Süddeutschen Zeitung.

1.1.4 Zunehmende Narrativisierung

Die weit verbreitete Annahme, dass Narrationen nur in fiktionalen Werken zu finden wären, ist als überholt anzusehen. Dokumentarfilme etwa weisen sehr häufig narrative Strukturen auf und auch in der journa­listischen Berichterstattung hat das Erzählen von Geschichten seit jeher Bestand. Im Zeitalter der Aufklärung beispielsweise - auch Periode des „Schriftstellerischen Journalismus" genannt - war es durchaus üblich, selbst politische Berichterstattungen „bis an die Grenze der Fiktionalität [zu stilisieren]" .[28] Erst seit Anfang der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts hat sich der journalistische Grundsatz durchgesetzt, nicht-fktionale Medieninhalte von literarisch-fktionalen zu trennen.

Laut Journalismus-Forscher Markus Behmer begründete sich der Trennungsgrundsatz ursprünglich darin, dass der Leser einer Mitteilung gleichzeitigauch erkennen sollte, ob die enthaltenen Informationen ihren Ursprung in tatsächlichen Realitätswahrnehmungen oder der Fantasie haben. Überjahrzehnte hinweggaltdieserGrundsatzals entscheidendes Abgrenzungskriterium zur Literatur.[29]

In den letzten Jahren ist jedoch eine „vorsichtige Reliterarisierung des Journalismus"[30] zu beobachten. Eine „Flexibilisierung der Formen"[31], bei der traditionelle Grenzziehungen zwischen Literatur und Journalismus, Fakt und Fiktion aufweichen und Hybridformen aus informierenden, kommentierenden und unterhaltenden Elementen entstehen. Studien über die Veränderung der Berichterstattung weisen auf eine Zunahme der Narrativität oder eines narrativen Stils in der Berichterstattung hin. Eine „Narrativisierung", die sich nicht mehr wie im letztenjahrhundert auf spezielle Darstellungsformen (wie Reportage oder Feature) beschränkt, sondern auch im Bereich des Informationsjournalismus Anwendung findet.[32] Inwiefern dieser Trend jedoch wirklich existiert oder eher Ausdruck subjektiver Wahrnehmungen ist, lässt sich laut Medien- und Kommunikationswissenschaftler Herbert Flath schwer sagen, da dies stark davon abhängig ist, was unter einer Narrativisierung verstanden wird. Ähnlich wie für die Bezeichnung „Storytelling" sind die Definitionen für „Narration" und „Narrativität" sehr wage.[33] Für die Studien wurden dementsprechend lediglich Merkmale untersucht, die eng mit Narrativität in Beziehung stehen: Emotionalisierung, Personalisierung, Boulevardi- sierung und Infotainment.[34]

Zurückzuführen ist dieser Trend, nach Aussage einiger Kommunikations­und Medienwissenschaftler, auf den verstärkten, ökonomischen Druck, mitdem derheutigejournalismuszu kämpfen hat. EineVorreiterrollewird außerdem dem Fernsehen zugeschrieben, wo eine bewusste Vermischung von Fakt und Fiktion zuerst und am intensivsten zu beobachten war.[35]

Eine erzählende Darstellungsweise gilt offenbar als besonders und generell wirksames sprachliches Mittel. Ihr werden Effekte zugeschrieben, nach denen Narrationen einerseits attraktiv und unterhaltend, anderseits besonders eingängig und verständlich sein sollen. Ob diese vermuteten positiven Effekte jedoch tatsächlich auftreten, wird im dritten Teil dieser Arbeit untersucht.

1.2 Potenzialedeslnternetsfür online-spezifische Darstellungsformen

Im klassischen Online-Journalismus überwiegen nach wie vor Websites mit wenig überarbeiteten Inhalten. Die heutige technologische Basis des Internets bietet jedoch ein ganzes Spektrum neuer Möglichkeiten, Geschichten visuell opulent, multimedial und interaktiv zu gestalten und damit eigenständige Darstellungsformen auszubilden. Im Folgenden werden daher die wesentlichen Eigenschaften digitaler Darstellungs­formen beschrieben und geklärt, welche Potenziale sich daraus für journalistische Online-Portale ergeben. Grundlage bildet dabei der Ansatz vonJournalistik-Professor Peter Schumacher, der Multimodalität, Hypertextualität und Interaktivität als die zentralen Merkmale hybrider Darstellungsformen nennt.[36]

1.2.1 Multimedialität / Multimodalität

Mit dem World Wide Web lassen sich erstmals Darstellungsweisen aus den klassischen Medien Print, Hörfunk und Fernsehen auf neue Art kombinieren: Nachrichtentexte können beispielsweise mit Videos angereichert und Slideshows mit Audiokommentaren hinterlegt werden. Animationen ermöglichen es, Abläufe zu rekonstruieren, von denen es kein Foto- oder Filmmaterial gibt, und interaktive Karten zeigen, wo bestimmte Ereignisse stattfinden. Darstellungskomponenten in unterschiedlichen Modi wie Text, Fotografie, Grafik, Audio, Video und Animation lassen sich beinahe beliebig miteinander multimedial verzahnen und verbinden. Doch was meint der Begriff „Multimedia" eigentlich im journalistischen Sinne und inwiefern kann von „Multimo­dalität" gesprochen werden?

Obwohl die Bezeichnung aus dem Alltagssprachgebrauch geläufig ist, ist eine präzise Definition von Multimedia eine Herausfor­derung. Im Gegensatz zu klassischen Darstellungsformen wie Bericht,

Kommentar oder Reportage, gibt es für neuartige Formen keine umfassende Typologie. Denn genau wie die Darstellungsformen selbst, sind auch ihre Bezeichnungen relativ neu und befinden sich durch die Weiterentwicklung technischer Rahmenbedingungen in einem stetigen Wandlungsprozess. Der Begriff Multimedia wird dadurch in sehr unterschiedlichen Bedeutungen verwendet.[37]

In den 90er Jahren verstand man darunter vor allem die digitale Informationstechnik, die Vermischung von Medien oder insgesamt den Strukturwandel des Mediensystems.[38] Heutzutage geht das Verständnis des Begriffes oft über den eigentlichen Wortsinn hinaus, der nach Meier lediglich die Kombination mehrerer unterschiedlicher Medien im technischen Sinne bezeichnet: „Texte, Fotos, Grafiken, Videos, Animationen und Töne verschmelzen mittels Computer und digitaler Technik."[39] Mittlerweile dient der Begriff Multimedia jedoch vor allem als unscharfe Sammelbezeichnung für „Medienangebote auf der Grundlage computerbasierte Informations- und Kommunikationssysteme und Produkte"[40] und bezieht Eigenschaften mit ein, die eher mit „Crossmedia" zu beschreiben wären - der Mehrfachverwendung von Medieninhalten auf verschiedenen Plattformen.[41]

Treffender wäre deswegen laut Schumacher die Bezeichnung „Multimodalität". Im Forschungskontext der Medienwissenschaften meint der Begriff die Integration verschiedener Kommunikationsmodi oder Codierungen. Darstellungen werden allerdings erst als multimodal bezeichnet, sobald eine Kombination von mindestens zwei derfolgenden Komponenten vorliegt: Schrifttext, Bilder (statisch oder bewegt), Grafik (statisch oder animiert) oder Audio (gesprochene Sprache, Musik, Atmo).[42]

1.2.2 Hypertextualität

Ein zentrales Kennzeichen von Onlinemedien ist ihre Hypertextualität. Das World Wide Web besteht aus einem über das Internet aufrufbaren System von elektronischen Hypertext-Dokumenten, so genannten Webseiten. „Hypertext" meint, im vereinfachten Sinne, die Verknüpfung einzelner Informationseinheiten durch Links mit Hilfe des HTML-Standards. Markierte Bereiche auf einer Webseite können mit der Maus angeklickt bzw. angetippt werden und führen zu weiteren Angeboten oder Teilen eines Angebotes. Denn trotz ihrer irreführenden Bezeichnung können Hypertexte nicht nur schriftliche Texte beinhalten, sondern auch alle anderen möglichen Codierungsformen, wie etwa Bilder, Audio oder Videos.[43] In diesem Fall wird auch von „Hypermedia" gesprochen.[44]

Der Begriff „Hypertextualität" wird zur Bewertung und Beschreibung medialer Kommunikation verwendet und benennt dabei „den Grad an Verknüpfung zwischen verschiedenen Angeboten oder Teilen eines Angebotes und damit die Möglichkeiten für Kommunikationsteilnehmer, zwischen diesen Angeboten zu wechseln."[45] Denn durch dieses Prinzip und einer modularen Aufbereitung kann der Benutzer seinen eigenen, nicht-linearen Weg durch das Angebot wählen. Er entscheidet sich mit jedem Klick für den nächsten Schritt und darüber, wie tief und breit er sich über ein Thema informieren will: Für ihn besteht ein sogenannter „Selektionszwang".[46]

Hypertextuelle Dokumente weisen demnach nicht wie Bücher eine rein lineare Präsentation der Informationen auf, sondern vielmehr eine non-lineare, assoziative Struktur, wie in Abbildung 3 veranschaulicht. Nach Meier stellt die Hypertext-Struktur für Online-Autoren eine einzig­artige Möglichkeit dar, einzelne Informationseinheiten „nicht nur linear und horizontal, sondern zusätzlich vertikal, parallel und in die Tiefe" zu verknüpfen.[47]

Insbesondere komplexere Themen sollten deshalb aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit in Module aufgeteilt werden.[48]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Die multiselektiven Möglichkeiten des Hypertextes (Eigene Abbildung nach Meier 1998, S. 48).

1.2.3 Interaktivität

Ähnlich wie „Multimedia" taucht der Begriff „Interaktivität" in der Medienbranche auf, wann immer es um neue Medien oder Internet­Kommunikation geht, doch nicht immer in der richtigen Verwendung.[49] Ursprünglich stammt der Begriff von „Interaktion" und meint Prozesse der Wechselwirkung zwischen zwei oder mehreren Größen.

Je nach Forschungsgebiet hat dies allerdings höchst unterschiedliche Bedeutung: Aus Sicht der Informatik definiert man eine technische Interaktivität über die Werkzeuge und technischen Features, die Interaktion ermöglichen. Es geht also um eine Interaktivität zwischen Mensch und Computer, die zum Beispiel stattfindet, wenn Nutzer sich über Hyperlinks durch digitale Plattformen navigieren. Meier bezeichnet diese Eigenschaft von digitalen Inhalten auch als „multiselektiv" oder „multioptional".[50] Im journalistischen Sinne allerdings bezeichnet Interak­tivität die Mensch-zu-Mensch-Kommunikation: Eine soziale Interaktivität, die beispielsweise bei einer Diskussion mehrerer Teilnehmer über ein

[...]


[1] Vgl. Pasquay, 2015, o.S.

[2] Zit. nach Sturm 2013, S. 89.

[3] Siehe Kapitel 1.2, vgl. Boczkowski 2004, S. 5.

[4] Vgl.Janson 2013, S. 107.

[5] Zit. nach Sturm 2013, S. 2.

[6] Vgl. Pasquay 2010, S. 3.

[7] Vgl. ebd., vgl. Schröder 2006, S. 399.

[8] Vgl. Pasquay 2010, S. 3.

[9] Vgl. BDVZ 2015, S. 18.

[10] Vgl. Sturm 2013, S. 2, vgl. Pasquay 2014, o.S.

[11] Vgl. Pasquay2014, o.S.,vgl. Pasquay2015, o.S.

[12] Vgl.Schumacher2009,S.8.

[13] Vgl. Schweiger 2013a, S. 255.

[14] Sturm 2013, S. 144.

[15] Vgl. Meier 1998, S. 118.

[16] Vgl. Vowe 2012b, S. 258, Kaiser2015,S.71-72. Aufdie zentralen Eigenschaften des Internets (Hypertextualität, Multimodalität und Interaktivität) und deren Bedeutung fürjournalistische Darstellungsformen wird unter 1.2 noch explizit einge­gangen.

[17] Vgl. Meier 1998, S. 119, vgl. Olson 2011, S.118.

[18] Vgl. Pörksen 2004, S. 26.

[19] Janson 2013, S. 114.

[20] Vgl. Meier 1998, S. 16, vgl.Janson2013,S.113-114.

[21] Vgl. Olson 2011, S.118.

[22] Vgl. Sturm 2013, S. 4.

[23] Vgl. Schumacher 2009, S. 17.

[24] Vgl. ebd., S. 9f.

[25] Vgl. Schumacher 2009, S. 18f.

[26] Vgl. ebd., S. 18f.

[27] Sturm 2013, S. 85.

[28] Vgl. Behmer 2005, S. 128.

[29] Vgl. Frey/Früh 2014, S. 63,vgl. Behmer2005, S. 128-131.

[30] Behmer 2005, S. 128.

[31] Pörksen 2004, S. 26.

[32] Vgl. ebd., S. 26, vgl. Blöbaum 2013, S. 142.,vgl. Frey/Früh 2014, S. 10.

[33] Aufdie Definition von „Storytelling" wird in Kapitel 2.1 eingegangen.

[34] Vgl. Flath 2012, S. 3.

[35] Vgl. ebd., vgl. Behmer S. 128.

[36] Vgl. Bucher 2012, S. 300.

[37] Vgl. Schumacher 2009, S. 10-13.

[38] Vgl. Dreier 2006, S. 248.

[39] Meier 1998, S. 104.

[40] Dreier 2006, S. 248.

[41] Vgl. Schumacher2009,S.16.

[42] Vgl. ebd., S. 16-20,vgl. Sturm 2013, S. 86.

[43] Vgl. Schumacher 2012, S. 315, vgl. Schweiger 2013b, S.118.

[44] Vgl. Meier 1998, S. 104.

[45] Vowe 2012a, S.118.

[46] Meier 1998, S. 26.

[47] Meier 1998, S. 23.

[48] Vgl. Sturm 2013, S. 27.

[49] Vgl. Meier 1998, S. 103.

[50] Meier 1998, S. 103.

Details

Seiten
66
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668361454
ISBN (Buch)
9783668361461
Dateigröße
4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346861
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kunstpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
digitales storytelling formen wirkungen berichterstattungen online-journalismus multimedia storytelling multimedia interactive storytelling geschichtenerzählen nachrichten digital storytelling kunst und multimedia formen und wirkungen rezeption journalismus narration interaktion news online digital

Autor

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    Lena Becker (Autor)

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