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Die US-amerikanische Krisenpolitik nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007/08

Eine Einordnung aus keynesianischer Perspektive

Bachelorarbeit 2014 63 Seiten

VWL - Konjunktur und Wachstum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Summary

1.Einleitung
1.1.Problemformulierung
1.2.Methode
1.3.Themenabgrenzung

2. Die Theorie von Keynes
2.1. John Maynard Keynes und die Entstehung der „General Theory“
2.2. Ausprägungen und Interpretationen der keynesianischen Lehre
2.3. The General Theory von Keynes
2.4. Keynes Fiskalpolitik und das deficit spending

3.Betrachtung der US-amerikanischen Konjunkturpolitik
3.1. The Economic Stimulus Act of 2008
3.2. The American Recovery and Reinvestment Act
3.3. Die Rolle der FED
3.3.1. Geldpolitik während der Krise

4.Vergleich aus keynesianischer Sicht
4.1. Der keynesianische Moment
4.2. Analyse der Fiskalpolitischen Maßnahmen und eine Betrachtung aus keynesianischer Perspektive
4.3. Die Geldpolitik der FED

5.Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang:

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Nachfragelücke

Abbildung 2: Negativer Kreislauf in Krisen

Abbildung 3: Der Multiplikatoreffekt

Abbildung 4: Verteilung Tax benefits

Abbildung 5: Entwicklung der amerikanischen Sparquote

Abbildung 6: Wachstumsrate der USA

Abbildung 7: Arbeitslosenquote

Abbildung 8: Entwicklung des amerikanischen Leitzines

Abbildung 9: Wirtschaftswachstum in den USA vor der Krise

Summary

The present thesis deals about the fiscal and monetary policy of the USGovernment after the financial crisis of 2008. Furthermore the thesis will be completed by a comparison with the theory of the Economist John Maynard Keynes. The thesis is structured into three main parts: The theory of Keynes, an outline about the policy of US-Government and finally an analysis of this policy with Keynes theory as foundation.

After an introduction to the subject, follows a brief overview of the challenges and a short exclusion of the non-relevant topics. The main challenge will be, to judge the policy from a Keynesian-View and to measure the impact of the specific activities. The first part starts with a short look on Keynes life history and the genesis of the General Theory in order to develop a better understanding why the General Theory is also called an “economic of crisis”. Because the General Theory is served as a theoretical explanation for the Great Depression in 1929 the theory is a very specific theory. This also applies to its idea for the interventionist policy, also called deficit spending. This interventionist policy should tackle the recession. Because the theory is the foundation for the analysis at the end, there is a detailed view on the main aspects of his book The general Theory of Employment, Interest and Money. This chapter contains concepts like the aggregate demand and the multiplier effect.

The second part will give an outline about the policy the government applied to stabilize the economy. This contains the fiscal policy from the government and the monetary policy of the Federal Reserve System. The fiscal policy of the government consists of two economic stimulus programs, The Economic Stimulus Act of 2008 and the American Recovery and Reinvestment Act of 2009. Both programs contain activities like tax cuts and investments in the infrastructure. These activities had the primary objective to create new jobs and to stimulate the demand immediately.

Afterwards the thesis will introduce the instruments of Federal Reserve, for example the federal funds rate. The second part will be completed with an overview of Federal Reserve’s Policy Actions during the Financial Crisis.

In the last section the thesis brings together the first two parts and tries to explain the challenges. The thesis concludes with a Result and gives a brief outlook on the consequences of policy.

1.Einleitung

Die General Theory ist „wahrscheinlich das meistzitierte ökonomische Werk unseres Jahrhunderts.“ (Felderer/Homburg 2003, S. 98)

Die Nachwirkung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise sind auch Jahre nach ihrem Ausbruch noch zu spüren.1 Über ihren Ursprung, nämlich der amerikanische Immobilienmarkt, herrscht inzwischen weitestgehend Klarheit. Durch die massiven Störungen auf dem amerikanischen Markt für Hypothekardarlehen, bei dem auch bonitätsschwache Bürger Kreditnehmer wurden, entstand aufgrund der Vernetzung des globalen Welthandels eine Weltwirtschaftskrise. Ihre Auswirkungen auf die einzelnen Volkswirtschaften dieser Welt waren und sind auch heute noch fatal. Die Arbeitslosenquote in den USA stieg bis Ende 2010 auf ein neues Hoch von 9,63 % (vgl. Abbildung 1.1. im Anhang).2 Diesmal ist es bisher den wirtschaftspolitischen und enormen finanziellen Anstrengungen der Regierung zu verdanken, dass eine ähnliche Depression wie nach der Wirtschaftskrise in der 30’er aufgetreten ist. Doch so klar wie die Ursache für die Krise ist, so Unklar ist, wie die Lösung für Sie aussieht. Mit dem Erscheinen der Finanz- und Wirtschaftskrise, begann auch eine weltweite Debatte darüber, welche Maßnahmen am geeignetsten wären um die Krise zu bewältigen. So wurden sowohl in Deutschland und den USA als auch in anderen Ländern, sogenannte Konjunkturprogramme beschlossen, um der Wirtschaft belebende Impulse zu geben. Diese Konjunkturprogramme entwickelten sich dabei zu einem zentralen Instrument der Krisenbewältigung. Die Intervention des Staates durch Ausgabenprogramme ist ein Konzept, welches auf den britischen Ökonomen John Maynard Keynes zurückzuführen ist. Sein Hauptwerk mit dem Titel Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zins und des Geldes, auch oft als General Theory betitelt, gilt zwar gemeinhin als das meistzitierte ökonomische Werk, doch liegt dies vor allen daran, das es zugleich auch als sehr kontrovers bezeichnet werden kann. So galt die Politik nach keynesianischen Vorbild viele Jahre als überholt oder gar tot. Ein möglicher Grund für dieses Denken waren die schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit, als staatliche Nachfragepolitik nach Keynes geringe Wirkungen zeigten, dafür aber die Verschuldung stark Anstieg.

Trotzdem schien sich gerade die amerikanische Krisenpolitik auf die klassische Theorie nach Keynes zu besinnen.

1.1.Problemformulierung

Keynes General Theory und seine Idee der Fiskalpolitik ist vor allen deshalb so brisant, weil eine generelle Uneinigkeit bei den Ökonomen über seine Lehren und Konzepte herrscht. Zum einen gibt es schon unter seinen Befürwortern viele verschiedene Interpretationen und zum anderen gibt es auch Ökonomen die Kritik und Zweifel an seinen Konzepten übten, wie zum Beispiel Friedrich von Hayek. Diese Unstimmigkeit wirft im Kontext der amerikanischen Krisenbewältigung einige Fragen auf die im Verlaufe dieser Arbeit untersucht werden sollen. So wird etwa die Notwendigkeit und Wirksamkeit der amerikanischen Ausgabenprogramme hinterfragt. Daher soll zunächst die Frage der Notwendigkeit geklärt werden. Außerdem existieren zwei übergeordnete Fragestellungen die am Ende dieser Arbeit beantwortet werden sollen. Zum einen wird geschaut wie stark sich die Konjunkturpolitik der amerikanischen Regierung an der klassischen Theorie von Keynes orientiert. Das heißt inwieweit sind die Konjunkturprogramme aus keynesianischer Sicht zu werten. Die zweite Fragestellung beschäftigt sich mit der oben aufgeworfenen Frage der Wirksamkeit der Konjunkturprogramme und inwiefern sie ihre erwünschten Absichten erfüllt haben. Diese beiden Fragestellungen sollen mir als Leitfaden für meine Arbeit dienen.

1.2.Methode

Die Arbeit kann zunächst in zwei größere Abschnitte unterteilt werden: Die Theorie von Keynes und die Betrachtung sowie Bewertung der Konjunkturpolitik der USA.

Im ersten Abschnitt wird sich mit der mit der Theorie von Keynes auseinandergesetzt, die später bei der Bearbeitung der Leitfragen als Grundlage dient. Bevor jedoch tiefergehend die Theorie von Keynes erläutert wird, werden zwei Punkte im Zusammenhang mit Keynes beleuchtet. Zunächst wird die Person Keynes und die Entstehungsgeschichte der „General Theory“ kurz erläutert. Dies dient dazu, ein Verständnis dafür zu vermitteln, warum der Name Keynes und seine Idee der staatlichen Fiskalpolitik immer in Zeiten von Wirtschaftskrisen eine große Popularität besitzt. Der zweite Punkt ist der sogenannte Keynesianismus selbst. Wie bereits in der Problemformulierung beschrieben, existieren viele unterschiedliche Interpretationen. Diese Interpretationen werden gemeinhin als Keynesianismus bezeichnet und beinhalten unterschiedliche Subströmungen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Diese möchte ich kurz erläutern, da Sie veranschaulichen, wie kontrovers und komplex die Theorie von Keynes ist und wie groß die Unstimmigkeiten unter den Anhängern von Keynes sind. Danach erfolgt eine ausführliche Beschreibung und Darstellung der „General Theory“. Um die theoretische Grundlage zu schreiben wird die Siebente Auflage von Keynes Hauptwerk Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes in deutscher Sprache verwendet. Ergänzt wird diese Betrachtung mit dem Buch John Maynard Keynes: Eine Einführung. Hier liegt ein besonderer Fokus auf den Abschnitten der „General Theory“, die später relevant sind für den Vergleich mit der US-amerikanischen Konjunkturpolitik.

Die Analyse der Konjunkturpolitik soll dann im zweiten Hauptteil der Arbeit erfolgen. Vorab erfolgt dafür eine Betrachtung der Maßnahmen der US- amerikanischen Regierung zur Stabilisierung der Wirtschaft, mit besonderem Fokus auf den Recovery and Reinvestment Act von 2009 und der Geldpolitik der Federal Reserve, kurz Fed. Außerdem wird ein kurzer Blick auf den Stimulus Act von 2008 geworfen. Bei der Fed wird dabei sowohl die Geldpolitik in als auch nach der Krise betrachtet und wenn möglich beschrieben welche Absichten die Fed mit ihr verfolgt haben. Eine Fragestellung in diesem Abschnitt wird daher sein, ob sich die Absichten an den Gedanken und Konzepten von Keynes orientieren. Danach wird sich mit der Fragestellung beschäftigt, ob die Fiskalpolitik von Keynes in der jüngsten Krise ein angemessenes Instrument ist/war. Dafür möchte ich die damalige Situation in den USA betrachten und analysieren, durch welche Merkmale die damalige Rezession gekennzeichnet war. Dabei greife ich Keynes Gedanken des Nachfrageausfalls auf und es wird unter anderem die Sparquote der privaten Haushalte untersucht. Dieser Abschnitt soll die Frage nach der Notwendigkeit von den Ausgabenprogrammen beantworten. Im Anschluss wird sich mit der abschließenden großen Fragestellung beschäftigt, inwieweit die Konjunkturpolitik gewirkt hat und wenn möglich, wie sie aus der Perspektive von Keynes zu bewerten ist. Schlussendlich sollen die wichtigsten Resultate des Vergleiches im Schlussteil zusammengefasst und konkludiert werden.

1.3.Themenabgrenzung

Dieser Teil der Arbeit dient dazu, alle relevanten Themenbereiche zu nennen, bzw. jene auszugrenzen, welche keine tiefergehende Bedeutung für die Arbeit haben. Die Arbeit beschäftigt sich zwar mit der US-Politik zur Bewältigung der Auswirkungen der Finanz und Wirtschaftskrise in den USA, jedoch ist das übergeordnete Thema nicht, in welchem Maße der Staat ökonomische Krisen im Allgemeinen bewältigen kann.

Da die Krise ihren Ursprung im amerikanischen Immobilien- und Finanzmarkt hatte, war es für die US-Regierung erforderlich sowohl strukturelle Anpassungen durchzuführen, als auch finanzielle Rettungspakete für den Bankensektor zu beschließen. Diese beiden Arten von Rettungsmaßnahmen, werden in dieser Arbeit zwar kurz angeschnitten, jedoch nicht tiefergehend behandelt, da es den Umfang der Arbeit übersteigen würde.

Grundlage für die Analyse der amerikanischen Konjunkturpolitik wird die klassische Theorie von Keynes sein, d.h. neue Interpretationen wie der Neo- Klassische Ansatz werden nicht miteinbezogen. Da alle Konzepte und Ideen aus der General Theory einen großen Umfang darstellen, werden nur die für die Betrachtung der Konjunkturpolitik relevanten Abschnitte seines Hauptwerkes vorgestellt und erläutert.

Aufgrund des Umfanges der Konjunkturpolitik können nicht alle Maßnahmen detailliert beschrieben und analysiert werden. So enthält zum Beispiel der The American Recovery and Reinvestment Act viele kleinere Ausgaben, die gemessen am finanziellen Umfang des Konjunkturprogrammes eine primäre Rolle spielen und deshalb nicht aufgegriffen werden.

2. Die Theorie von Keynes

In diesem Teil wird sich zunächst kurz mit John Maynard Keynes und seiner Wirkungsgeschichte beschäftigt. Diese soll verständlich machen warum mit dem Begriff der Wirtschaftskrise der Name Keynes assoziiert wird. Außerdem wird auf die unterschiedlichen Interpretationen/Ausprägungen des Keynesianismus eingegangen. Danach folgt eine ausführliche Betrachtung der General Theory, welche als Grundlage für die spätere Analyse der amerikanischen Konjunkturpolitik dient.

2.1. John Maynard Keynes und die Entstehung der „General Theory“

Der 1883 im englischen Cambridge geborene John Maynard Keynes, untersuchte, welche Rolle der Staat bei der Stabilisierung der Wirtschaft und Sicherung der Vollbeschäftigung haben sollte. Schon in dem Werk „A treatise on money“ aus dem Jahr 1930 kamen erste Zweifel an der klassisch-liberalen Zuversicht an die Selbststeuerungsfähigkeit des Marktes auf. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 als historischen Hintergrund, erschien dann 1936 sein Hauptwerk „Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zines und des Geldes“ (vgl. Wilke 2012, S. 9f.).

Vor dem eintreten der Weltwirtschaftskrise war die herrschende Doktrin, dass der Kapitalismus nicht krisenanfällig sei und er sich bei entstehenden Ungleichgewichten von selbst regulieren würde. Die damalige Politik basierte auf der Annahme, das sinkende Preise und Löhne bald für die Wiederherstellung des Gleichgewichts sorgen würden. Diese Annahme war jedoch ein Trugschluss und verstärkte die Krise ebenso wie der aus der Massenarbeitslosigkeit resultierende Ausfall der Nachfrage an Konsumgütern (vgl. ebd., S. 14 f.). Ab diesem Punkt wurde der Name Keynes relevant, da in seiner Theorie die Gesamtnachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen Mittelpunkt stand. Erstmals entwickelte sich ein Verständnis für Notwendigkeit von staatlicher Konjunkturpolitik, da Keynes den Staat in der Verantwortung sah, durch öffentliche Ausgaben die Gesamtnachfrage zu stützen und steuernd einzugreifen. Diese Notwendigkeit verdeutlichte Keynes mit einem offenen Brief an den damaligen Präsidenten Roosevelt (Keynes 1933). Die frühere Regierung unter Roosevelt entwickelte den sogenannten „New Deal“, welcher diverse Investitionsprogramme zur Stimulierung der Nachfrage beinhaltete.

2.2. Ausprägungen und Interpretationen der keynesianischen Lehre

Der Keynesianismus entwickelte sich im Laufe der Zeit und erzeugte unterschiedliche Subströmungen, wie etwa die neokeynesiansische und postkeynesianische Strömung. Dabei bezieht sich der Keynesianismus meist gar nicht auf Keynes Werk selbst, sondern auf die verschiedenen Interpreten, die für sich in Anspruch nehmen, die richtige Leseart dieser Lehre zu verbreiten. Der Grund für die verschiedenen Interpretationen ist wohl der mangelnden Präzision von Keynes selbst in seinem Werk geschuldet.

Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich auf Grundlage der Interpretation von Hicks die Neo-klassische Synthese, welche viele Ideen von Keynes mit klassischen Ansätzen kombinierte (vgl. Blanchard/Illing 2009, S. 829). So wurden Keynes Gedanken über gesamtwirtschaftliche Ungleichgewichte und Unterbeschäftigung sowie nachfrageorietierte Politik mit den klassischen Ansätzen wie das Gleichgewicht auf Teilmärkten verbunden. In diesen Überlegungen entstand das bekannte IS-LM-Kurvenmodell von Hicks (vgl. Wilke 2012, S. 115). Bei der keynesianisch-neo-klassischen Synthese wird auch oftmals vom Bastard-Keynesianismus gesprochen, ein Begriff, der auf die Ökonomin Joan Robinson zurückgeht.

Unter Vulgär-Keynesianismus dagegen versteht man die permanente Anwendung des deficit spending. Keynes selbst sprach sich nicht nur gegen eine permanente Anwendung aus, sondern forderte auch eine Konsolidierung des Staatshaushalts im konjunkturellen Aufschwung (vgl. ebd., S. 148). Die expansive Geld- und Fiskalpolitik der 1970’er zeigte daher auch eindrucksvoll, wie der Vulgär-Keynesianismus zu Inflation und Verschuldung statt Wachstum und Beschäftigung führte (vgl. Straubhaar et al 2009, S. 23).

Eine weitere Ausprägung ist die Gruppe der Neokeynesianer, welche überzeugt sind von einem freien, privatisierten Markt, der weitestgehend ohne staatliche Regulierung auskommt und in der sich die Geldpolitik einzig an der Preisstabilität orientiert. Die Akzeptanz einer angebotsorientierten Politik in der langen Frist bedeutet im Umkehrschluss, dass zusätzlich anerkannt wird, das nachfrageorientierte Eingriffe keinen positiven dauerhaften Einfluss auf das Beschäftigungsniveau haben (vgl. ebd., S.20).

Die Post-Keynesianer dagegen stellen eine kritische Randgruppe da, die die Unsicherheit der Investoren über die Zukunft in den Fokus setzen und sich weg von der Leitidee des Gleichgewichts bei Vollbeschäftigung bewegen (vgl. Wilke 2012, S. 117). Eine weitere Doktrin der Post-Keynesianer ist die Abkehr von dem Versuch, ökonomische Gesetzmäßigkeiten in einem statischem Modell darzustellen wie es die Neoklassische Synthese es versucht hat. Die genannten Strömungen sind nur einige von vielen und besitzen selbst noch weitere Ableitungen. So wäre der sogenannte Finanzmarkt-Keynesianismus von Hyman Minsky, eine Strömung die ebenfalls zum Postkeynesianismus gezählt werden kann, eine interessante Interpretation zur jüngsten Finanzkrise.3 Dabei unterstreicht Minsky die erwartungsbedingt instabilen Vermögenshaltungen wie auch die Kreditbeziehungen von Banken, privaten Haushalten und Unternehmen in einem kapitalistischen System mit komplexen Finanzinstitutionen (vgl. Minsky 1990, S. 206). Jedoch würde man sich mit einer ausführlicheren Aufzählung und Untersuchung der unterschiedlichen Strömungen zu stark vom eigentlichen Themenfeld weg bewegen.

2.3. The General Theory von Keynes

Oftmals wird Keynes Hauptwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ und der Keynesianismus mit schuldenfinanzierter Fiskalpolitik assoziiert. Wer aber sein Hauptwerk liest, dem wird auffallen, dass das berühmte deficit spending nur beiläufig erwähnt wird. Vielmehr sind es Konzepte wie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage oder die besondere Betonung der Erwartungen, welche fundamentalen Bestandteile seiner General Theory sind. Die Kohärenz innerhalb dieser Bestandteile erklären jedoch, warum die Politik des deficit spending in Krisenzeiten von Keynes empfohlen wird. Diese einzelnen Bestandteile möchte ich in diesem Teil der Arbeit nun erläutern und den Zusammenhang am Ende mit Hilfe eines Schaubildes darstellen.

Der private Konsum

Der Konsum stellt die Ausgaben der Haushalte für Lebensmittel, Kleidung oder anderen Konsumgütern dar. Der Konsum C hängt vom verfügbaren Einkommen Y ab. Obwohl der Konsum von dem Konsumklima, den Verbrauchsgewohnheiten, der Haushaltsgröße und vielen anderen Faktoren abhängt, stellt er in der kurzen Frist bei Keynes eine stabile Funktion dar. Die Konsumneigung c drückt dabei aus, wie viel ein Haushalt von seinem verfügbaren Einkommen für den Konsum aufwendet: Konsumnachfrage C = c Y.

Wird also vom Einkommen Y alles für den Konsum ausgegeben, entspricht c = 100 % oder 1. Allerdings ist es selten dass Haushalte es anstreben ihr Einkommen vollständig für den Konsum zu verwenden, da sie tendenziell dazu neigen, Teile ihres Einkommens zu sparen. Daher ist mit der Konsumquote c = C/Y auch die Sparquote s = S/Y festgelegt, da man entweder spart oder konsumiert. Zusammen ergeben beide Quoten 1, also das Einkommen (vgl. Wilke 2012, S. 39). Dieses Verhältnis zwischen Konsum und Sparen ist ebenfalls vom Einkommen der Haushalte abhängig. So beschreibt Keynes unter anderem das ein armer Haushalt ein größeren Hang zum Verbrauch aufweist als ein Haushalt, welcher ein höheres Einkommen zur Verfügung hat (vgl. Keynes 1994, S 26). Haushalte mit geringen Einkommen verwenden fast alles für notwendige Konsumgüter wie Lebensmittel und Bekleidung. So kann es vorkommen dass der Konsum C bei Haushalten mit hohen Einkommen absolut gesehen höher ist, die Konsumquote c im Verhältnis zum Haushalt mit geringeren Einkommen jedoch niedriger ausfällt. Wenn die Konsumquote >1 aufweist, kann dies bedeuten das Haushalte sich verschulden (Kredit für Immobilien) oder auf Gespartes zurückgreifen. Daraus lässt sich schlussfolgern das bei einer Erhöhung des verfügbaren Einkommens, die Konsumquote nicht konstant bleibt, da sich Konsumgewohnheiten nur langsam ändern.

Die effektive Nachfrage

Vor der Veröffentlichung seines Werkes galt die Doktrin der anerkannten Klassik, das jedes Angebot sich seine eigene Nachfrage schaffe, im Zweifel auch über niedrigere Preise (vgl. ebd., S.16). Die Klassik sah ein Gleichgewicht in allen Märkten - Gütermarkt, Arbeitsmarkt und Kapitalmarkt - durch flexible Löhne. Diesen Anspruch verwarf Keynes jedoch mit seinem Konzept der „effektiven Nachfrage“. Die Idee der effektiven Nachfrage gilt dabei als die wichtigste in Keynes 'General Theory-Modell (vgl. Sheehan 2009, S. 36). Keynes koppelte das Beschäftigungsniveau an die effektive Nachfrage und stellt somit einen wichtigen Bestandteil seiner Kreislaufanalyse dar. Wie das Beschäftigungsniveau mit der effektiven Nachfrage verknüpft ist soll in einem vereinfachten theoretischen Konstrukt dargestellt. Dafür wird eine Situation erläutert, in der eine zu niedrige effektive Nachfrage zu einem Rückgang des Beschäftigungsniveaus führt.

Abbildung 1: Nachfragelücke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: (vgl. Wilke 2012 S.34)

Die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung eines Landes entspricht dem Wert des Güterangebots und wird als Y definiert. Im Gleichgewicht ist das Gesamteinkommen (Löhne, Gehälter, Zinsen, usw.) gleichwertig zum Güterangebot Y. Dieser Zustand wird aber nur erreicht wenn das Einkommen vollständig in Nachfrage D umgewandelt und ausgegeben wird. Das markwirtschaftliche Gleichgewicht D = Y sorgt dafür, das Produktion und Beschäftigung auf gegebenen Niveau gehalten werden kann. Die effektive Nachfrage setzt sich aus den Variablen Konsumnachfrage C und Investitionnachfrage I zusammen, also C+I. Dabei ist der Konsum C von der Konsumneigung c und abhängig. Wie es zu Ungleichgewichten kommen kann sehen wir in folgender Abbildung. Ausgangspunkt ist das Gleichgewicht in dem die Nachfrage (C + I)0 das komplette Angebot Y0 absorbiert. Weil das Angebot Y0 komplett absorbiert wird, sprechen wir von einer effektiven Nachfrage. Wenn die Unternehmen jetzt wegen optimistischen Erwartungen die Produktion und die Beschäftigung erhöhen, dann wird die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung auf Y1 ansteigen. Dies wiederrum beeinflusst auch das Einkommen, welches ansteigt. Damit weiterhin ein Gleichgewicht gewährleistet ist, müsste die effektive Nachfrage im gleichen Maße zunehmen. Da die Haushalte aber dazu neigen bei steigenden Einkommen einen Teil zu sparen, werden sich die Konsumausgaben nur unterproportional erhöhen. Die in der Abbildung entstandene Differenz zwischen Nachfrage und Angebot bezeichnet man als Nachfragelücke (vgl. Wilke 2012, S. 34). So begründet Keynes auch, das bei Zunahme der Beschäftigung auch das Realeinkommen steigen muss und dies wiederrum eine Zunahme des Gesamtkonsums bedeutet. Dabei geht er aber nicht davon aus, dass dieser Anstieg sich proportional zum Einkommen verhält (vgl. Keynes 1994, S. 23). Kommt es also zu einer Nachfragelücke, weil die effektive Nachfrage das Güterangebot nicht absorbiert, dann entsteht ein neues Gleichgewicht, indem die Unternehmen das Produktions- und Beschäftigungsniveau senken.

Der Faktor Sparen

Den direkten Gegenpart zum Konsum bildet bei Keynes das Sparen, da Sparen nichts anderes ist, als möglichen Konsum zu unterlassen. In der Klassik wurde postuliert dass nur durch Sparen langfristig Wachstum möglich sei, da die Akkumulierung von Geld Investitionen in der Zukunft ermöglicht. Das erhöhte Sparen soll demnach am Kapitalmarkt zu Zinssenkungen führen, da das Geldangebot steigt. Diese Zinssenkungen begünstigen wiederrum Investitionen in der Zukunft. Keynes jedoch betrachtet das Sparen aus makroökonomischer Perspektive und sieht darin nicht eine zeitliche Verschiebung des Konsums sondern eine Nachfragelücke. Da sich die effektive Nachfrage aus Konsum C und Investition I zusammensetzt, müsste ein Anstieg von I↑ die Nachfragelücke ausgleichen. Da jedoch die Gesamtnachfrage zurückgeht, gibt es für die Unternehmen keinen Anlass zusätzliche Investitionen zu tätigen. Während die Klassik also eine perfekte Umwandlung von Spar- in Investitionsentscheidung voraussetzt und dadurch das Gleichgewicht nicht stört, sieht Keynes die Gefahr, dass Investoren einen Anstieg der Sparquote nicht als Mehrkonsum in der Zukunft interpretieren, sondern als einen Nachfrageausfall (vgl. Wilke 2012, S. 46).

Geldpolitik und der Zins

Wie bei vielen anderen Größen, hat Keynes auch beim Geld eine andere Interpretation als die Klassik. Nach Keynes dient Geld in der Klassik dem wirtschaftlichen Handeln und mache keinen wirklichen Unterschied auf die reale Volkswirtschaft aus (vgl. Keynes 1994, S. 17). Da bei Keynes aber der Zins einen Einfluss auf die Investitionen hat, existiert eine Verbindung zwischen dem monetären Sektor und der Realwirtschaft. Dies liegt daran, dass der Zins eine monetäre Größe ist, die sich aus dem Geldangebot beziehungsweise der Geldmenge M, und der Liquiditätspräferenz, also der Nachfrage nach Geld, zusammensetzt (vgl. Wilke 2012, S. 68 f.). Mit der Geldnachfrage tritt auch ein monetäres Phänomen auf dem sich Keynes im fünfzehnten Kapitel widmet. Dort wird die Vorliebe für Liquidität analysiert und durch mehrere Motive begründet. Da es die Wirtschaftssubjekte vorziehen Bargeld zu „horten“ anstatt es anzulegen, sieht Keynes (1994, S.140) im Zinsfuß „die Belohnung für die Aufgabe der Liquidität für einen bestimmten Zeitabschnitt.“ Diese Neigung Liquidität zu horten ist besonders stark ausgeprägt, wenn die zukünftigen Erwartungen eine pessimistische Haltung besitzen. Daher rät Keynes in Krisenzeiten zu einer Niedrigzinspolitik der Zentralbanken.

[...]


1 Eine genaue Datierung des Ausbruches ist nicht exakt zu bestimmen. Anfang 2007 häuften sich zwar am Hypothekenmarkt die Zahlungsaufälle, stellte aber bis dahin nur eine Immobilienkrise dar. Als Höhepunkt der Finanzkrise wird der Zeitraum September 2008 festgelegt, als die US-amerikanische Großbank Lehman Brothers zusammenbrach.

2 Siehe Anhang Abbildung 1.1: Entwicklung der Arbeitslosenquote

3 Hyman Minsky beschäftigt sich in seinem Werk über John Maynard Keynes ebenfalls mit der General Theory, jedoch bezieht er die komplexen Abläufe eines Finanzsystems in seine Betrachtungen mit ein und hebt die steigende Störanfälligkeit eines solchen Systems hervor.

Details

Seiten
63
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668361652
ISBN (Buch)
9783668361669
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346851
Institution / Hochschule
Syddansk Universitet (University of Southern Denmark) – Abteilung Internationale und Institutionelle Ökonomik
Note
2,3
Schlagworte
Finanzkrise Konjunkturpolitik Keynes Wirtschaftskrise Fiskalpolitik; US-Regierung; Immobilienkrise;

Autor

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Titel: Die US-amerikanische Krisenpolitik nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007/08