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Die Bedeutung des Kapitalismus im Kontext zeitgenössischer soziokultureller Konzipierungen von „romantischer Liebe“

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodische Vorgehensweise

3. Die romantischen Liebe

4. Eva lllouz
4.1 Verdinglichung der romantischen Liebe
4.2. Romantisierung der Waren
4.3. Zeitgenössisches Konzept der romantischen Liebe

5. Werner Faulstich
5.1. Frucht der kapitalistisch erzwungenen Kleinfamilie
5.2. Romantische Liebe als Antonymisierung des Kapitalismus

6. Fazit

Prolog

Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „Liebe hat ihren Preis - Die Bedeutung des Kapitalismus im Kontext zeitgenössischer soziokultureller Konzipierungen von ‘romantischer Liebe’" ist als drittes Element der im Seminar „Soziologische Theorien der Liebe" zu erbringenden Prüfungsleistung anzusehen. Weitere Elemente der Prüfungsleistung waren ein im Seminar abgehaltenes Referat, sowie ein zu einer Sitzungsgestaltung verfasstes Protokoll.

Das am 19.04.2016 abgehaltene Referat, welches einen soziologischen Blick auf das Wechselverhältnis zwischen Liebe und Kapitalismus warf, diente zunächst als Einführung in den Liebesdiskurs. Vorgestellt wurde das 2014 erschienene Werk „Liebe im Kapitalismus zwischen Geschlechtergleichheit und Marktorientierung" des deutschen Soziologen Günther Burkart, bei dem es sich zugleich um den leitenden Dozenten des Seminars handelt, in dessen Rahmen die vorliegende Arbeit entstanden ist.

Die Grundlage für die vorliegende wissenschaftliche Ausarbeitung bildet vor allem das am 07.06.2016 angefertigte Protokoll, welches sich auf die 2003 in Deutschland erschienene Leselektüre „Der Konsum der Romantik" von Eva Illouz bezog und dem Plenum schließlich am 14.06.2016 vorgestellt wurde.

1. Einleitung

Liebe und Kapitalismus scheinen auf den ersten Blick nicht wirklich zusammen zu pas­sen. Liebe, oft mit Wärme und Emotionalität assoziiert, steht dem imaginierten Kalten und Rationalen des Kapitalismus zunächst unweigerlich gegenüber.[1] Und schon Karl Marx und Friedrich Engels sahen in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft eine lie- besfeindliche Gesellschaft, in der romantische Liebe nicht möglich sei.[2] Doch was be­deutet überhaupt „Liebe“?

Laut Faulstich/Glasenapp ist Liebe „ein zentrales Phänomen der Kultur [...] dem im Wan­del der Zeiten in ganz verschiedenen, vielfältigsten Formen ganz unterschiedliche ge­sellschaftliche Funktionen zugeordnet werden müssen“[3]. Diese funktionale Varietät spie­gelt sich auch in der Vielzahl an Liebesformen wider, darunter beispielsweise die Selbst­liebe, Nächstenliebe, Paarliebe, sexuelle Liebe oder romantische Liebe,[4] wobei sich in der vorliegenden Arbeit ausschließlich auf das Konzept der romantischen Liebe kon­zentriert werden soll.

Aufgrund der beschriebenen Temporalität hat die romantische Liebe für uns heute eine andere Bedeutung als noch zu ihrer Ursprungszeit. Auch aus soziologischer Perspektive ist Liebe nicht lediglich als ein Gefühl zu verstehen, sondern als eine soziale Praxis, die historischen Veränderungen unterworfen ist.[5] Aus diesem Grund ist es durchaus inte­ressant zu analysieren, wie heutige Konzepte von romantischer Liebe aussehen. Auffäl­lig ist hierbei, dass die romantische Liebe aktuell in der Soziologie und den Kulturwis­senschaften häufig im Zusammenhang mit dem doch so oft konträr positionierten Kapi­talismus gedacht wird.[6] Die im Liebesdiskurs erschienenen zeitgenössischen Werke bil­den somit eine Gegenposition gegenüber der These von der grundlegenden Unverein­barkeit von Liebe und Kapitalismus, wie sie etwa noch von Vertretern der Frankfurter Schule formuliert wurde.[7]

Die Forschungsfrage lautet folglich, welche Bedeutung der Kapitalismus in aktuellen so- ziokulturellen Entwürfen von romantischer Liebe einnimmt und in welche Beziehung zu­einander die beiden Sphären gesetzt werden. Exemplarisch wird hierfür jeweils ein Werk des Medientheoretikers Werner Faulstich und der Soziologin Eva lllouz herangezogen.

2. Methodische Vorgehensweise

Da es sich bei der romantischen Liebe um ein im Ende des 18. Jahrhunderts entstande­nes Liebeskonzept handelt,[8] soll zunächst eine knappe historische Betrachtung erfolgen. Hierbei gilt es, kurz unter Berücksichtigung der damaligen gesellschaftlichen Verhält­nisse die Entwicklung der romantischen Liebe und die jeweiligen an ihm geknüpften Vor­stellungen zu skizzieren und hierbei sowohl die literarische als auch soziale Dimension des Konzepts zu betrachten.

Um die Forschungsfrage zu klären, welche Bedeutung der Kapitalismus in den aktuellen soziokulturellen Entwürfen von romantischer Liebe einnimmt, soll exemplarisch zum ei­nen das Werk von Eva lllouz „Der Konsum der Romantik“ herangezogen werden. Das Buch wurde erstmalig 1997 unter dem Originaltitel „Consuming the romantic Utopia - Love and the cultural contractions of Capitalism” veröffentlicht, wobei die deutsche Übersetzung von Andreas Wirthensohn erst 2003 im Campus-Verlag erschien. 2007 wurde das Buch erneut als Taschenbuchausgabe im Suhrkamp-Verlag verlegt. Roman­tische Liebe, die lllouz als „kulturelle Praxis”[9] und „Utopie der Überschreitung“[10] begreift, spielt sich ihrerAnsicht nach vor allem im derzeitigen Konsum ab.

Ergänzt wird die vorliegende Untersuchung zum anderen mit Werner Faulstichs Arbeit „Die Entstehung von 'Liebe' als Kulturmedium im 18.Jahrhundert“ aus seinem 2002 mit Jörn Glasapp herausgegebenen Sammelband „Liebe als Kulturmedium”. Darin definiert Faulstich die romantische Liebe als „kulturspezifisches Konzept, das aus sozialen Ver­änderungen und letztlich aus deren wirtschaftlichen Ursachen heraus entstanden ist“[11] und sieht das Liebeskonzept als „eine Frucht der kapitalistisch erzwungenen Kleinfamilie"[12]

3. Die romantischen Liebe

Die Idee der romantischen Liebe hat ihren Ursprung im Ende des 18. Jahrhunderts.[13] Sie nahm im bürgerlichen englischen Roman ihre erste Gestalt an, sodass vor allem das Bürgertum als Trägerschaft der romantischen Liebe fungierte.[14] Die erste Auswirkung des romantischen Beziehungsideals fand sich schließlich im 18./19. Jahrhunderts in der Liebesheirat wieder, als Liebe zum Ehemotiv wurde. Trotz der Betonung von Gefühlen positionierte sich das Konzept der romantischen Liebe zunächst antithetisch zur Institu­tion der Ehe in derArt, dass es immer noch galt, materielle Vor- und Nachteile abzuwä­gen, wohingegen die romantischen Liebe für „Interesselosigkeit, Irrationalität und Indif­ferenz gegenüber Reichtümern“[15] stand.

Die rein auf sachlichen Kriterien fundierte Vernunftehe wurde jedoch nach und nach ab­gelöst, und es kam immer mehr zu einer sukzessiven Annährung des Beziehungsideals an das romantische literarische Vorbild. Ihre Blütezeit erfuhr die romantische Liebe schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sie mitunter Voraussetzung für das pri­vate Glück wurde.[16]

Wichtig ist an dieser Stelle, auf die zwei Dimensionen der romantischen Liebe aufmerk­sam zu machen: Auf der Diskursebene handelte es sich bei der romantischen Liebe um ein auf die Literatur bezogenes ideales Liebeskonzept, welches keine Rücksicht auf eine praktische Anwendbarkeit in der Realität nahm. Romantische Liebe in ihren vollsten Zü­gen war hier lediglich eine Fiktion der Diskursebene.

Betrachtet man die romantische Liebe jedoch vor dem Hintergrund der Beziehungsnor­men, so handelte es sich bei dem Konzept tatsächlich um eine auf die Realität bezogene reale Liebesnorm. Es wurde versucht, sich sukzessive an den literarischen Vorgaben hinsichtlich der romantischen Liebe in Zweierbeziehungen zu orientieren. In Bezug auf die Beziehungsnormen handelte es sich bei der romantischen Liebe folglich um einen fortschreitenden Realisierungsprozess. Der Übergang von traditioneller Vernunftehe hin zur modernen Liebesehe erfolgte in der bürgerlichen Ehe somit unter Spaltung von Ideal und Realität. In der vorliegenden Arbeit gilt es, in erster Linie nicht das literarische Ideal, sondern vor allem die Liebe als soziale Praxis zu analysieren.

4. Eva lllouz

Die israelische Soziologin Eva lllouz wurde 1961 in Fès in Marokko geboren und lehrte unter anderem an den Universitäten in New York, Tel Aviv und Princeton. Seit 2006 ist sie Professorin für Soziologie und Anthropologie an der Hebräischen Universität Jerusa­lem. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt insbesondere in der Emotionsbildung in Abhän­gigkeit von gesellschaftlichen Einflüssen und speziell in der Frage nach der Relation zwischen Kapitalismus und der Generierung emotionaler Muster und deren Veränderun­gen. Untersuchungsgegenstände bilden etwa mediale Inszenierungen des Privatlebens, die Geschichte der romantischen Liebe oder die Widersprüche des Konsumkapitalismus.

Wie der Titel ihres Werks „Der Konsum der Romantik“ bereits impliziert, analysiert lllouz hierbei das Verhältnis zwischen Kapitalismus und Liebe, indem sie den Einfluss der Kon­sumkultur auf die soziale Konstruktion von romantischer Liebe untersucht. Hierbei zeigt sie, dass die Kapitalismuslogik den Vorstellungen von Liebe nicht konträr gegenüber­steht und die strikte Trennung zwischen rationalen Prozessen und romantischen Gefüh­len durch den freien Markt zunehmend verschwimmt. Bezogen auf lllouz’ Konzipierung von romantischer Liebe zeigt sich die Bedeutung des Kapitalismus vor allem in einem von ihr festgestellten zweigleisigen und sich wechselseitig beeinflussenden Prozess, bei dem sich die Liebe und der kapitalistische Markt überschneiden: Einerseits wird die ro­mantische Liebe an Waren gebunden und andererseits werden die Waren, beispiels­weise durch die Filmindustrie und die Werbung, romantisiert.[17]

4.1 Verdinglichung der romantischen Liebe

Mit der „Verdinglichung der romantischen Liebe“ beschreibt lllouz den Prozess des ver­stärkten Zusammenwachsens von romantischen und vom Massenmarkt gestellten öko­nomischen Praktiken. Zu diesen ökonomischen Praktiken zählt lllouz zum einen die „Freizeitgüter“, bestehend aus dem Kauf von Luxus- oder Lifestyleprodukten, und zum anderen die „Freizeittechnologien“, welche sich aus dem Konsum kommerzieller Frei­zeitvergnügen wie etwa Auto, Urlaub, Kino, Restaurant, Tanzpalast oder Freizeitpark zusammensetzen.[18] All diese Freizeittechnologien haben gemein, dass sich die Men­schen in eine Konsumsituation und an einen Ort begeben, der „symbolisch oder geogra­fisch fern des eigenen Zuhauses oder der Stadt“[19] ist.

Ausgangspunkt bildet hierbei die Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika aufstrebende Kultur- und Freizeitindustrie, die den Konsum als Antonym zur Arbeitswelt inszenierte. Dadurch, dass der Markt immer mehr Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellte, die sich zur konsumvermittelnden Konstruktion romantischer Erfahrungen eigne­ten, fungierte der Konsumkapitalismus nach lllouz als Motorfür die Säkularisierung und Popularisierung des Ideals von romantischer Liebe. Zur Illustration führt lllouz das Ren­dez-vous an, welches das werbende Vorsprechen bei der Institution der Familie abgelöst und den globalen Siegeszug der Freizeitindustrie eingeleitet hat.

[...]


[1] Vgl. lllouz 2003, S. 27; Faulstich 2002, S. 32 f.

[2] Vgl. lllouz 2003, S.8f.

[3] Faulstich/Glasenapp 2002, S. 13.

[4] Vgl. Gebhard 2002: S. 84 ff.; Faulstich/Glasenapp 2002, S. 12; Schmitz 1993, S. 5.

[5] Vgl. Burkart 2014, S. 1.

[6] Vgl. Burkart 2014; lllouz 2003; Faulstich/Glasenapp 2002.

[7] Vgl. lllouz 2003, S.8f.

[8] Vgl. Burkart 2014, S. 1; Precht 2009, S. 273; Gebhard 2002, S. 89; Kremer 2001, S. 55; Hahn 1998, S. 156.

[9] lllouz 2003, S. 26.

[10] lllouz 2003, S. 8.

[11] Faulstich 2002, S. 31 f.

[12] Faulstich 2002, S. 36.

[13] Vgl. Burkart 2014, S. 1; Precht 2009, S. 273; Gebhard 2002, S. 89; Kremer 2001, S. 55; Hahn 1998, S. 156.

[14] Vgl. Lenz 2006, S. 66.

[15] lllouz 2003, S. 12.

[16] Vgl. lllouz 2003, S. 59.

[17] Vgl. ebd. 2003, S. 28.

[18] Vgl. ebd. 2003, S. 28 ff.

[19] lllouz 2003, S. 170.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668360402
ISBN (Buch)
9783668360419
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346795
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,7
Schlagworte
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Autor

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