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Die Dada-Soirée als Vorläufer des Happenings?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 17 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Dadaistischen Abende im Cabaret Voltaire
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Ablauf eines dadaistischen Abends
2.3 Charakteristika der Dada-Soirée

3. Happening und Dadaistischer Abend im Vergleich

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dada ist eine Kunstströmung, die in ihrer Zeit Protest und Widerstand sein, eine vorübergehende Kunstepoche, die sich nicht einordnen, festhalten oder erklären lassen wollte, eine Bewegung, die sich gegen Regeln und althergebrachte Inhalte auflehnte, diese persiflierte und sogar Alltägliches zur Kunst erhob. Dada beschreiben zu wollen entspricht im Grunde nicht seinen eigenen Zielen, es wäre undadaistisch und schülerhaft. Denn Dada lebt auch heute noch von seiner dubiosen Undurchschaubarkeit: Er möchte erlebt und nicht erklärt werden.

Für den Umgang mit den performativen Künsten vom Amerikaner Allan Kaprow in den 1960er Jahren, muss man sich unweigerlich mit dem avantgardistischen Vorläufer des Happenings, dem Dadaismus beschäftigen. Denn auch wenn er nur eine Schrecksekunde war, in der die wichtigen Vertreter möglicherweise nur streifen konnten, was Dada hätte sein oder werden können, wurden dort die Weichen für das spätere und noch heute andauernde Kunstverständnis gelegt.

Die wissenschaftliche Literatur lässt diese Untersuchung erfolgreich zu, da die öffentlichen Kabarett-Abend im Züricher Café mit vielen Texten, Fotos, im „Tagebuch“[1] Hugo Balls und in Manifesten festgehalten wurden. Die „Memoirenliteratur [ist nicht immer verlässlich]“[2] und der Ablauf lässt sich zwar nicht vollständig rekonstruieren, aber die meisten vorgetragenen Werke oder Stücke sind später erneut aufgeführt und nach Möglichkeit veröffentlicht worden, was den Zugriff erleichtert.

Allen Kaprow selbst schrieb während und nach seiner Schaffensphase einige Essays und beschrieb seine Kunst vielfach, aber auch viele andere Kunsthistoriker wie Philip Ursprung oder Eva Meyer-Hermann beschäftigten sich mit den Happenings dieser Zeit, sodass ein Vergleich mit den Methoden oder Zielen zwischen dieser performativen Kunst und dadaistischen Soiréen gemacht werden kann.

2. Die Dadaistischen Abende im Cabaret Voltaire

2.1 Historischer Hintergrund

Wichtige historische Ereignisse führten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zur Entwicklung des Dadaismus in Kunst und Literatur. Vor allem in Deutschland und den umliegenden Ländern, die Schweiz ausgenommen, war der Dada in erster Linie Ausdruck der Ablehnung des Ersten Weltkrieges. Dieser tobte von 1914 bis 1918 und forderte mehr als siebzehn Millionen Todesopfer weltweit.[3]

Um die Jahrhundertwende herrschten zunehmende Unterschiede im Lebensstandard zwischen den Gesellschaftsschichten. Die Dadaisten lehnten die vermeintlich oberflächlichen gesellschaftlichen Ziele der elitären Schicht ab und stellten deren scheinbare Rationalität der dadaistischen Irrationalität gegenüber.

Die extrem revolutionäre Haltung der neuartigen internationalen Dada-Bewegung, die konventionelle Einstellungen durch Schock und Provokation zu eliminieren suchte, kann nur vor diesem geschichtlichen Hintergrund verstanden werden.

Dada war eine internationale avantgardistische, kämpferische Bewegung mit Zentren in Zürich, Berlin, New York, Amsterdam, Wien und einigen anderen Städten. Offiziell fand sie ihren Anfang am 01. Februar 1916 in Zürich im Cabaret Voltaire (Abb. 1), das von Hugo Ball, seiner Freundin Emmy Hennings und einigen anderen dadaistischen Größen gegründet wurde. Anfangs gab es noch kein spezifisches Programm, denn das Vorhaben Hugo Balls war es, einzelne Autoren als die als „Gäste verkehrenden Künstler“[4] bekannt zu machen. Nach kürzester Zeit aber bildete sich eine feste Künstlergruppe, zu denen u. a. Hans Arp, Richard Hülsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara gehörten. Sie verband, dass sie sich alle für das Exil in der Schweiz entschieden hatten. Die Beweggründe, die dazu geführt hatten, beschreibt Richard Hülsenbeck sehr bestimmt: „Wir hatten alle keinen Sinn für den Mut, der dazu gehört, sich für die Idee einer Nation totschießen zu lassen, die im besten Fall eine […] Interessengemeinschaft von Psychopathen ist“[5]. So kam es dazu, dass sich eine eingespielte Reihenfolge von Auftritten entwickelte, die abends im Cabaret vorgeführt wurden und an denen sich die oben genannten Künstler hauptsächlich beteiligten.

2.2 Ablauf eines dadaistischen Abends

Hugo Ball definierte seinen Wunsch, seine Vorstellung von Kunst zu propagieren damit, dass er „der Meinung [war], es möchten sich in der Schweiz einige junge Leute finden, denen gleich [ihm] daran gelegen wäre, ihre Unabhängigkeit nicht nur zu genießen, sondern auch zu dokumentieren“[6]. Hieraus entstand ein „tägliche[s] Auftreten“[7] der Künstler im Cabaret Voltaire.

Wie man sich einen solchen Abend vorzustellen hat, ist von Marcel Janco in seiner Zeichnung Cabaret Voltaire von 1916 (Abb. 2), leider heute verschollen, festgehalten worden. Gestalten füllen einen kleinen Raum, auf den der Betrachter von oben herabblickt. Links sieht man das Publikum, sitzend oder stehend, wild gestikulierend und chaotisch. Rechts im oberen Bildteil ist die Bühne mit sieben Personen zu sehen. Am Klavier sitzt Hugo Ball, rechts von ihm die sechsköpfige Gruppe aus Tristan Tzara, Hans Arp, Richard Hülsenbeck, Marcel Janco, Emmy Hennings und Friedrich Glauser. Alle Figuren scheinen in Bewegung zu sein, möglicherweise mitten in der Aufführung ihrer Art von Kunst. Ein kleiner Raum mit einer Bühne, die kaum Platz zu bieten scheint, für die Bewegung die zwar vorbereitet, aber dort erst wirklich angestoßen wurde.

Jeder dieser abgebildeten Dadaisten war berühmt für eine bestimmte Art der Kunst oder Literatur, mit der er sich im Cabaret einbrachte sodass sich „Rezitations-, Tanz- und Musiknummern [...] im Cabaret-Programm ab[wechselten] oder [...] kombiniert [wurden]“[8], während am Rand um das Publikum herum Assemblagen, Kunstobjekte oder Plakate an den Wänden hingen. Die chaotische Kunst wurde also gesteigert durch das sich drängende Publikum im lauten und überfüllten Raum. Über mehrere Monate hinweg etablierte sich das Cabaret immer mehr zur literarisch interessantesten und wichtigsten Institution Zürichs.

Dokumentiert ist, dass eine dadaistische Soirée immer damit begann, dass Hugo Ball aus seinem Manifest vorlas. Das Publikum sollte auf seine Kunst eingestimmt und vorbereitet werden, denn man „plant[e] eine Gesellschaft Voltaire“[9]. Die Zuschauer sollten die Kunst verinnerlichen und weitertragen. Der Abend wurde „intim“[10], die Zuschauer sollten also gewissermaßen mitarbeiten und nicht nur schaulustige Zeugen des Auftrittes sein.

Sobald die Anwesenden sich ihrer Aufgaben bewusst waren, bekamen die Künstler die Chance, auf das Podium zu steigen und der Gemeinschaft ihre Kunst zu zeigen. Diese wechselte stetig und war an jedem Abend eine andere. Doch die Künstler haben Teile solcher Auftritte festgehalten und so ist es möglich, einen kleinen Einblick in die Charakter und die Absichten der einzelnen Personen zu erhalten.

Hugo Ball beschrieb in seiner Anekdotensammlung Die Flucht aus der Zeit von 1916, wie „Richard Hülsenbeck [während jedes Auftrittes] sein Stöckchen aus spanischem Rohr nicht aus der Hand g[ab]“[11] oder wie Hans Arp „sich gegen die Geschwollenheit der malenden Herrgötter (Expressionisten) [erklärte]“[12]. Die Vorträge der Künstler waren mal „ernster[, mal] heiterer Natur“[13].

Schnell etablierten sich unter den Urhebern gewisse bevorzugte Formen dadaistischer Ausdrucksweisen. Dazu gehörten die sogenannten Lautgedichte (Bsp.: Abb. 3). Hierbei wurde der Zusammenhang von Wortbedeutung und –laut aufgebrochen und die Wörter wurden in phonetische Silben zerlegt. Diese bruitistischen Gedichte schilderten, so sagten die Künstler, nur die Essenz eines auseinandergerissenen Gedankenfetzens. Die Verfasser solcher Literatur verzichteten vollkommen auf einen erkennbaren Sinn. Dies führte zu einem Funktionsverlust der Sprache in ihrem eigentlichen Sinn, da sie nur noch auf ein rhythmisches Klangbild reduziert wurde. Die Autoren verzichteten auf einen Wortsinn, weil die Sprache durch Befehle oder Anweisungen entwürdigt worden wäre. Die Silben wurden so neu zusammengefügt, dass sie einen Rhythmus darstellten, der an musikalische Kompositionen erinnerte. Die Steigerung von dieser klassischen Art des Lautgedichtes waren sogenannte simultane Gedichte, die „Poème simultan“[14]. Hugo Ball beschrieb sie als „kontraproduktives Rezitativ, in dem drei oder mehrere Stimmen gleichzeitig sprechen, singen, pfeifen“[15]. Solche wurden fast täglich von u.a. Hülsenbeck, Tzara und Janco aufgeführt.[16]

Als dadaistische hochwertig wurde die Kunst an sich nur dann anerkannt, wenn sie mit der Literatur kombiniert wurde, z.B. insofern, als dass vor allem Marcel Janco groteske Kostüme und Masken für die gesprochenen Auftritte im Cabaret Voltaire anfertigte. Besonders berühmt wurde sein Kubistisches Kostüm (Abb. 4), welches Hugo Ball trug, als er 1916 zum ersten Mal im Cabaret Voltaire sein später berühmtes Lautgedicht Karawane vortrug.

„Meine Beine standen in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der mir schlank bis zur Hüfte reichte, [sodass] ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Darüber trug ich einen riesigen, aus Pappe geschnittenen Mantelkragen, der innen mit Scharlach und außen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, da[ss] ich ihn durch ein Heben und Senken der Ellbogen flügelartig bewegen konnte. Dazu einen zylinderartigen, hohen, weiß und blau gestreiften Schamanenhut.“[17]

Das Kostüm rief einige Verwunderung hervor, denn es war derartig einschränkend, dass Hugo Ball auf die Bühne getragen werden musste.

Einige Wochen nach der Eröffnung des Cabarets begannen die Dadaisten ihre Auftritte mehr und mehr zu standardisieren, sodass für die Inszenierung eine bestimme Bühnengestaltung und Kostüme zum Standartrepertoire erhoben wurden. Hier erreichte die nun zwar eingeschränkt freistehende aber dennoch als unverzichtbar angesehene dadaistische Kunst ihren Höhepunkt.

Diese Bühnenauftritte, bei denen bruitistische Konzerte, absurde Tänze und Gedichte aus inkohärent zusammengefügten und sinnlosen Wortstücken von grotesk kostümierten Menschen dargeboten wurden, sollten den Zuschauer provozieren, schocken und ihm einen Spiegel vor das Gesicht halten.[18] Die Dadaisten wollten dem Betrachter mit dieser Antikunst als direkten Vergleich ihr scheinbar inhaltloses Leben vor Augen führen. Die tatsächliche Reaktion der Zuschauer war hierbei allerdings eher zweitrangig. Die Absicht der Künstler war es nicht, das Auditorium „zu unterhalten oder zu amüsieren“[19]. Das Publikum sollte Dada als ein Geschenk und als Medizin ansehen. Wer es nicht annahm, so sagten die Dadaisten, war verloren.[20] Wesentlich für die Beobachter war aber, dass diese Kunst so bestimmend und intensiv war, dass man als Zuhörer sofort Teilnehmer und aktiver Zeuge einer in Teilen Deutschlands sogar größtenteils aggressiven Auflehnung wurde, da z.B. verbotene Ausstellungen wiedereröffnet wurden, was das Besichtigen zu einer kriminellen Handlung machte (Abb. 5).

Die verschiedenartigen radikalen Experimente des Dadaismus, z.B. die Mischung von Bild und Wort, die unsinnigen Lautgedichte, die Ausstellung der Ready-mades usw., stellten das traditionelle Kunst- und Bildungsideal in Frage und den politischen Wunsch nach Freiheit des Geistes dar.

[...]


[1] Korte, Hermann (Hrsg.): Die Dadaisten. Hamburg 1994. S. 37.

[2] Korte: Die Dadaisten. S. 37.

[3] Tucker, Spencer (Hrsg .): The Encyclopedia of World War I. A Political, Social and Military History. S. 273.

[4] Korte: Die Dadaisten. S. 35.

[5] Elger, Dietmar (Hrsg.): Dadaismus. Köln 2004. S. 8.

[6] http://www.nzz.ch/2002/02/16/zh/article7Z1QF.html [Letzter Zugriff: 01.09.15].

[7] Riha, Karl (Hrsg.): Dada Zürich – Texte, Manifeste, Dokumente. Stuttgart 2010. S. 11.

[8] Korte: Die Dadaisten. S. 33.

[9] Riha: Dada Zürich. S. 12.

[10] Korte: Die Dadaisten. S. 37.

[11] Riha: Dada Zürich. S. 10.

[12] Ebd. S: 8.

[13] Korte: Die Dadaisten. S. 36.

[14] Riha: Dada Zürich. S. 11.

[15] Ebd. S. 11.

[16] Siehe: Ebd. S. 11.

[17] Korte: Die Dadaisten. S. 57.

[18] http://www.art-directory.de/malerei/dadaismus/index.shtml [Letzter Zugriff: 18.08.2015].

[19] Riha: Dada Zürich. S. 29.

[20] Ebd. S. 29.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668360976
ISBN (Buch)
9783668360983
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346755
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
Dada Dadaismus Happening Happenings Kunst Kunstgeschichte
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