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Sprache und Identität. Englisch als Lingua franca der Europäischen Union?

Eine Gegenüberstellung von Pro und Contra

Essay 2015 13 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Gegenüberstellung Pro und Contra: Englisch als Lingua franca
2.1. Contra: Konrad Schröder (1995)
2.2. Pro: Jürgen Gerhards (2015)

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Einer Sprache mächtig zu sein, so sagt Konrad Schröder, sei nicht nur eine Möglichkeit des in Kontakttretens mit der Umwelt, sondern viel mehr eine „Grundvoraussetzung des Menschseins“[1]. Spreche man eine Sprache, so besitze man sie.[2]

Auf dieser Basis aufbauend hat die Europäische Union, in der sich 23 verschiedene Amtssprachen vereinen, im Vertrag von Maastricht eine aktivere Förderungspolitik für das Erlernen von Fremdsprachen eingeleitet. Besonders das Englische, die meist gesprochene Sprache der Welt, ist in dieser Förderung natürlich ein wichtiges Element.[3] Die Vorteile scheinen einleuchtend: Die Menschen sind eher in der Lage, sich dynamischer auf dem europäischen Markt zu bewegen und die Arbeitskräfte sind flexibler über Ländergrenzen hinweg einsetzbar. Hinzukommend bringt das Fehlen von Sprachbarrieren z.B. auch in der Urlaubsgestaltung neue Vorteile und Vereinfachungen mit sich.

Doch wie sehr sollte man einer einheitlichen Sprache in allen Ländern der EU zustimmen? Inwieweit geht mit der Reduzierung der Muttersprache aufgrund einer vermeintlich übermäßigen Ausbildung einer oder mehrerer Fremdsprachen ein Verlust der eigenen Kultur einher?

Die Vor- und Nachteile werden im Folgenden anhand zweier Plädoyers von Konrad Schröder und Jürgen Gerhards erläutert und in einem Fazit gegenübergestellt.

2. Gegenüberstellung Pro und Contra: Englisch als Lingua franca

2.1. Contra: Konrad Schröder (1995)

In seinem Aufsatz zur „Problematik von Sprache und Identität in Westeuropa“[4] verfasst Konrad Schröder einige Argumente gegen die Einführung einer Lingua franca in der EU, also einer gemeinsamen Amtssprache für die öffentlichen Bereiche des Lebens. Er vertritt die Ansicht, dass die Mehrsprachigkeit der Bürger in der EU gestärkt werden müsse, ohne dabei die „kulturelle Identität“[5] des einzelnen, die durch die eigene Muttersprache bedingt wird, anzugreifen.

Eine Einleitung in dieses Problem formuliert Schröder damit, dass die Sprache mit der eigenen Identität nah verbunden sei – ein Verlust könne zu „psychischer Instabilität“[6] führen – und dass „Identifikation durch Sprache [...] auf regionaler“[7] und nicht auf Landes- oder Europaebene geschehe. Ein Beispiel hierfür wäre die offizielle Mehrsprachigkeit Belgiens, die sich dennoch räumlich sehr stark in Wallonisch oder Flämisch gliedere. Je nachdem wo man sich befinde sei eine bestimmte Sprache nicht nur erwünscht, sondern sogar gefordert, es herrsche im Kontrast dazu aber eine große Aversion gegen das Erlernen oder benutzen der jeweils anderen.[8]

Schröder gibt zu verstehen, dass die „Verbreitung der eigenen Sprache“[9] auf vielen Ebenen, z. B. als Werbung für den eigenen Kulturraum oder als „Instrument der Herrschaft“[10], unabdingbar wichtig für die eigene Existenz sei, und die eigene Identität durch Sprache einer „Rückversicherung des Individuums gegen die Einsamkeit“[11] bedürfe. Das Verkümmern der eigenen Muttersprache ist hier dem Verlust der eigenen kulturellen Existenz gleichgesetzt, da für Schröder die Begriffe Mensch und Sprache und Kultur eng verbunden sind.[12] Abgrenzen müsse man hier aber die falsche Vorstellung der Gleichsetzung von Sprache und Volk, die in der Romantik entstanden gerade im 20. Jahrhungert „nationalistisch pervertiert“[13] wurde.

Dies zu erkennen sei die Voraussetzung um die Argumentationsweise Schröders gegen eine Lingua franca nachvollziehen zu können. Dem Englischen gesteht der Auto selbstverständlich zu, dass es das Französische als die ursprüngliche „ langue de la culture “ damit überholt habe, nach der Aufnahme Großbritanniens in die Europäische Gemeinschaft, die „[internationale und] ökonomische Leitsprache“[14] zu sein. Die Lingua franca wurde laut Schröders für die banalen Bereiche des Lebens bereits akzeptiert.[15]

Dass eine Ausweiterung dieser Autorität des Englischen in andere Lebensbereiche aber nicht Erfolg versprechend scheint, formuliert der Autor mit der Realität, dass es neben den über zwanzig Nationalsprachen sehr viele weitere Minderheitensprachen gibt, die verkümmern könnten, was wie das Aussterben von Tier- oder Pflanzenarten für die Welt einen großen Verlust darstelle.[16] Einen weiteren Schwachpunkt in der Sprachpolitik auf EU Ebene und nicht auf regionaler sieht Schröder darin, dass das Konfliktpotential zwischen den Nationalstaaten durch bessere Kommunikation vermindert sei, aber keineswegs Auseinandersetzungen in der regionalen Organisation. Ein Beispiel hierfür wäre der angedeutete wallonisch-flämische Konflikt Belgiens, der auch nicht dadurch geklärt werden konnte, dass man aufgrund zweier deutschsprachiger Ortschaften als dritte Nationalsprache Deutsch festlegte. Aus solchen Disparitäten können Bürgerkriege entstehen, mahnt Schröders, und nur durch das Berücksichtigen der „kulturellen und damit sprachlichen Identitäten“[17] auf regionaler Fläche durch die Europäische Gemeinschaft, z.B. durch einen repressionslosen Umgang mit Dialekten, verhindert werden.[18]

Anschließend wird auf den Leitgedanken eingegangen, dass es unausweichlich einer „neue[n], europäische[n] Identität“[19] bedarf, die nur möglich sei durch eine „alle einende Sprache“[20]. Gerhards räumt hier wieder den Hauptaspekt der Verarmung ein, die eine Lingua franca für alle mit sich bringe. Die eigenen Muttersprachen „verkämen in letzter Konsequenz zu bloßen Patois, um [...] irgendwann in 200 bis 500 Jahren auszusterben“[21]. Dieser Vorgang sei anschließend nicht mehr rückgängig zu machen, sodass man gegen ihn ankämpfen müsse.

Schröders fordert weiterhin eine Mehrsprachigkeit auf der Basis, dass „Einsprachigkeit [kein] natürlicher Zustand“[22] sei. Hier fallen nicht nur Dialekte mit in das Argument, sondern besonders der Fremdsprachenunterricht. Eine sprachteilige EU soll das Ergebnis sein, ohne die „ kleinen Sprachen“[23] neben den anderen zu unterdrücken, um das Überleben der Sprache zu garantieren. Die EU solle sich die Förderung der Mehrsprachigkeit der Bürger als Ziel setzen, ohne die „regionale[n] sprachliche[n] Gegebenheiten“[24] und Traditionen zu vernachlässigen, und besonders die „monolinguale[...] Lösung für Europa“[25] solle gemieden werden.

Die Lösungsvorschläge zur Umsetzung von Schröders Theorien scheinen anschließend allerdings nur mit großem Arbeitsaufwand realisierbar. Selbstverständlich soll der Fremdsprachenunterricht für alle zugänglich gemacht, stark gefördert und für ihn geworben werden, z. B. durch außerschulische Aktivitäten in Wettbewerben. Die Bildungsbehörden sollen angehalten werden, sich Bürgern mit mangelnden erforderlichen Fremdsprachenkenntnissen aufgeschlossen zu zeigen, und auch die gesamte Bürgerschafft soll öffentlich für den „politischen Stellenwert anderer Sprachen und Kulturen [sensibilisiert werden]“[26].

Das wünschenswerte Ziel Schröders, nämlich die Mehrsprachigkeit der Europäischen Gemeinschaft zur Erleichterung der Kommunikation untereinander, ohne die sprachlichen Traditionen der einzelnen Länder zu gefährden, steht zwar nicht im Kontrast zur Theorie einer Lingua franca, befürwortet aber die Souveränität der einzelnen Menschen bei der Wahl der Erlernung einer Fremdsprache. Schröders zeigt einige Nachteile auf, die eine solche Gemeinschaftssprache haben würde, setzt seine Argumente aber auch in einen EU weiten und Vergangenheit Bezug nehmenden Kontext. Er gibt Beispiele, wie sich eine Situation entwickeln kann, in der zwei oder mehr Sprachen gleichberechtigt gesprochen werden dürfen sollten. De facto sieht er hier nämlich ein großes Konfliktpotential auf regionaler Ebene. Eine Lingua franca, das zusätzliche Auftreten von Englisch als Amtssprache, würde solche Konflikte also ganz sicher nicht lösen, behauptet Schröders. Verknüpfen möchte er ergänzend unbedingt die Begriffe Sprache und Mensch und Sprache und Kultur und behauptet, dass die Identität ganz klar durch Sprache und die eigene Kultur die durch sie geprägt wird, definiert sei und mit dem Verlust der Muttersprache sich wandeln oder verloren gehen könnte. Ein Entwurf für eine Stärkung der Kommunikation der Europäischen Gemeinschaft ohne einen Angriff auf die eigene Identität durch eine Lingua franca gibt Schröders mit Ideen, auf regionaler Ebene Fremdsprachen zu fördern und in Bildungs- oder politischen Institutionen der Unkenntnis einer Amtssprache offen entgegen zu sehen, die Bildungslücke auf lange Sicht aber durch gezielte Förderung zu schließen.

[...]


[1] Schröder, Konrads: Zur Problematik von Sprache und Identität in Westeuropa. Eine Analyse aus sprachenpolitischer Perspektive. In: Ammon, Ulrich et al. (Hrsg.): Sociolinguistica. Internationales Jahrbuch für Europäische Soziolinguistik. Band 9. Tübingen 1995. S. 56 – 66. Hier S. 57.

[2] Siehe: Schröder 1995. S. 57.

[3] Siehe: Gerhards, Jürgen: Plädoyer für eine stärkere Förderung des Englischen in Europa. In: Günter Stock et al. (Hrsg.): Zukunftsort: Europa. Verständigung trotz sprachlicher Vielfalt. Berlin 2015. S. 51 – 57. Hier S. 52f.

[4] Schröder 1995. S. 56.

[5] Ebd. S. 57.

[6] Jeppesen, Helle: Sprache ist Identität. Deutsche Welle 24. Februar 2008. In: http://dw.com/p/DAHw (Letzter Zugriff: 20. Januar 2015).

[7] Schröder 1995. S. 56.

[8] Siehe: Ebd. S. 56.

[9] Ebd. S. 57.

[10] Ebd. S. 57.

[11] Ebd. S. 57.

[12] Siehe: Schröder. S. 57.

[13] Ebd. S. 57.

[14] Ebd. S. 58.

[15] Siehe: Ebd. S. 58.

[16] Siehe: Jeppesen 2008.

[17] Schröder. S. 59.

[18] Siehe: Ebd. S. 59.

[19] Ebd. S. 60.

[20] Ebd. S. 60.

[21] Schröder. S. 61.

[22] Ebd. S. 62.

[23] Ebd. S. 63 (Hervorhebung im Text durch Anführungszeichen vorhanden, hier in kursiv).

[24] Ebd. S. 63.

[25] Ebd. S. 64.

[26] Ebd. S. 64.

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668360211
ISBN (Buch)
9783668360228
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346754
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
lingua franca englisch sprache Identität
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