Lade Inhalt...

Die in Jesper Juuls Buch „Leitwölfe“ präsentierten Hilfestellungen an Eltern im Sinne von Hurrelmanns partizipativem Erziehungsstil

Eine Untersuchung

Bachelorarbeit 2016 37 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Theoretischer Bezugsrahmen
1. Sozialisation
1.1. Persönlichkeit und deren Entwicklung
1.2. Erziehung
1.3. Sozialisation in der Familie und deren Bedeutung
2. Vier Erziehungsstile nach Hurrelmann im Vergleich
2.1 „Laissez-faire“ vs. autoritärer Erziehungsstil
2.2 Vernachlässigender vs. überbehütender Erziehungsstil
3. Eine mögliche Lösung: Der partizipative Erziehungsstil
3.1 Die Umsetzung des partizipativen Erziehungsstils
4. Zusammenfassende Betrachtung

II Empirische Analyse
5. Methodisches Vorgehen
5.1 Qualitative Inhaltsanalyse: inhaltliche Strukturierung
5.2 Durchführung der Methode

III Ergebnisse und Diskussion
6. Darstellung der Ergebnisse
6.1 Kategorie 1: Autorität
6.2 Kategorie 2: Gegenseitige Berücksichtigung der Bedürfnisse und Wünsche
6.3 Kategorie 3: Partnerschaftliches und kooperatives Miteinander
6.4 Kategorie 4: Wärme, emotionale Zuneigung und Akzeptanz zeigen
6.5 Kategorie 6: Eltern als Vorbildfunktion „soziales Modell“
6.6 Kategorie 7: Hilfestellung bei Selbstentwicklung geben
7. Diskussion und Beantwortung der Forschungsfrage
9. Literaturverzeichnis
10. Abbildungsverzeichnis
Anhang A: Erstellung des Kategoriensystems II
Anhang B: Durchführung der Analyse V

Einleitung

Eltern sehen sich häufig in Erziehungsfragen mit dem Phänomen konfrontiert, ihren Willen durchsetzen zu wollen und gleichzeitig den Willen ihrer Kinder dabei nicht brechen zu wollen.

In diesem Widerspruch bewegen sie sich tagtäglich und hadern mit ihren Entscheidungen. Wieviel Macht dürfen oder sollen sie ausüben, um zu erreichen, was ihrer Meinung nach das Richtige wäre? Wieviel Freiraum sollen sie dabei ihrem Kind zugestehen sich selbst zu entfalten. Ist Erziehung nur ein Leiten oder Anleiten, ein Erziehen oder vielmehr ein Führen?

In der elterlichen Unsicherheit greifen diese gerne zu Ratgebern, die ihnen wieder eine Linie oder Richtung vorgeben sollen; in der Hoffnung für ihr ganz spezielles Problem eine Lösung zu finden.

Frauen und Männer, die in ihrem Beruf stark sind und viel Durchsetzungsvermögen beweisen, finden sich immer häufiger in familiären Situationen wieder, in denen sie sich machtlos fühlen. Ihre Kinder sind kaum mehr zu bändigen und befreundete Pärchen klagen über dieselben Verhaltensweisen ihrer Kinder. Früher glaubten sich die Eltern in Sicherheit, wenn andere Eltern dieselben Probleme beschrieben. Heute sehen sich die Eltern alleinstehend diesem Problem gegenüber. Ein Ratgeber soll dem ganzen nun ein Ende setzen und Aufschluss geben.

An einem ausgewählten Ratgeber, das neu erschienene Buch von Jesper Juul „Leitwölfe“ (2016), soll nachgezeichnet werden, was der Autor als das Problem der aktuellen Zeit herausarbeitet und wie dieser Ratgeber in einen theoretischen Rahmen passt. Dabei wird folgender Forschungsfrage nachgegangen:

Inwiefern können die von Jesper Juul in seinem Buch „Leitwölfe“ präsentierten Hilfestellungen an Eltern im Sinne von Hurrelmanns partizipativen Erziehungsstil verstanden werden?

Um diese Thematik zu beleuchten, wird dabei ein theoretischer Rahmen von der familiären Sozialisation über die Erziehungsstile nach Hurrelmann gespannt. Daran anschließend wird im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse mittels inhaltlicher Strukturierung das Material auf Basis der vorgestellten Theorie hin überprüft und einer Analyse unterzogen. Das Ergebnis der Analyse wird sodann diskutiert und einer Beantwortung der Forschungsfrage zugeführt.

Der Aufbau der Arbeit ist so gegliedert, dass im ersten Teil näher auf die theoretischen Rahmenbedingungen unter Darlegung der Sozialisation in Familien und der Erziehungsstile nach Hurrelmann eingegangen wird. Im zweiten Teil der Arbeit wird durch den vorher gegebenen theoretischen Einblick der Erziehungsratgeber von Jesper Juul analysiert. Im dritten Teil werden die Ergebnisse der Analyse diskutiert und in Hinblick auf die Beantwortung der Forschungsfrage geprüft.

I Theoretischer Bezugsrahmen

In diesem Abschnitt wird die vorliegende Arbeit in einen theoretischen Kontext eingebettet. Bei der Auswahl der theoretischen Grundannahmen wurde der Fokus auf die familiäre Sozialisation, sowie auf die Erziehungsstile nach Hurrelmann gelegt. Im Zuge der Vorstellung des theoretischen Rahmens werden theoriebezogene Begriffe eingeführt und versucht einer Definition zuzuführen. Die Darlegung der theoretischen Grundannahmen stützen sich auf das Buch „Einführung in die Sozialisationstheorie“ von Klaus Hurrelmann in der 9. Auflage aus dem Jahr 2006.

1. Sozialisation

Der Begriff der Sozialisation lässt sich auf das Konzept von Emil Durkheim (1858- 1917) zurückführen. Emil Durkheim war ein französischer Soziologe und sah Sozialisation darin beantwortet, dass sich alle Mitglieder einer Gesellschaft den vorherrschenden Normen und Zwangsmechanismen nicht nur zu unterwerfen hatten, sondern diese auch im Prozess der Verinnerlichung in ihr Wesen integrieren mussten und damit von innen heraus sich zu strukturieren und zu organisieren hatten. Durch persönlichkeitspsychologische Strömungen und dem fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel war dieses Verständnis von Sozialisation allerdings überholt und bedurfte einer neuen Definition. Das neue Konzept forderte eine Verbindung von Persönlichkeitsentwicklung (Ontogenese) und Gesellschaftsentwicklung (Soziogenese). Der Anspruch war nun nicht mehr die Verinnerlichung von gesellschaftlichen Normen oder das Aneignen von sozialen Rollenmustern, sondern vielmehr das eigenständige und von selbst gewollte zu Eigen machen von Angeboten aus der Umwelt. Die neue Definition wurde sodann als ein Prozess verstanden, in dem die Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in einer wechselseitigen Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt herausgebildet wird. Darin ist auch enthalten, dass sich die Persönlichkeit ein Leben lang weiterentwickelt. Je nach äußeren Einflussfaktoren, Herausforderungen und Anpassungen ist der Prozess der Sozialisierung niemals abgeschlossen (vgl. ebd. S. 11-15).

Die Sozialisation, die die Persönlichkeitsentwicklung zum Ziel hat, wird durch verschiedene Sozialisationsinstanzen wie z.B. Familie, Freunde, Kindergarten, Schule, Arbeit, usw. gewährleistet.

1.1. Persönlichkeit und deren Entwicklung

Die Definition der Sozialisation macht es erforderlich auch die der Persönlichkeit näher zu betrachten. Nach Hurrelmann wird Persönlichkeit als ein

„unverwechselbares Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Handlungskompetenzen bezeichnet, das sich auf Grundlage der biologischen Ausstattungen als Ergebnis der Bewältigung von Lebensaufgaben eines Menschen ergibt.“ (Hurrelmann 2006, S. 16)

Dieser Definition folgend bedeutet dies, dass Menschen sehr anpassungsfähige Wesen sind und stetig neue Herausforderungen als Lernaufgabe sehen, an denen sie wachsen können. Somit schreibt, aus soziologischer Sicht, jeder Mensch seine eigene Lebensbiographie. Wenn es sein muss, wird diese auch mehrmals im Leben umgeschrieben.

Hier sei nur der Vollständigkeit halber der Hinweis auf die soziale Ungleichheit gegeben. Diese Betrachtung kann jedoch in dieser Arbeit nicht weiter verfolgt werden.

1.2. Erziehung

Erziehung wird nach Hurrelmann als ein Unterbegriff der Sozialisation betrachtet. Dies begründet er damit, dass Erziehung auf die Entwicklung der Persönlichkeit einwirkt und dadurch Einfluss auf andere Menschen ausübt. Da Sozialisation sich auf jegliche Art und Weise auf den Menschen Einfluss zu nehmen bezieht, sieht Hurrelmann Erziehung als nur einen Ausschnitt dieser Einflussnahme auf einen anderen Menschen. Dieser bezieht sich zu meist auf die Eltern/Pädagoge-Kind-Ebene und nimmt Bezug auf die Generierung von Wissen oder Motiven (vgl. ebd. S. 17).

1.3. Sozialisation in der Familie und deren Bedeutung

Eine erfolgreiche Persönlichkeitsentwicklung ist stets abhängig von den innewohnenden Fähigkeiten eines Menschen und den dazu passenden äußeren Faktoren. Die Hauptvermittler für diesen Prozess sieht Hurrelmann in der Familie, dem Kindergarten und der Schule (vgl. ebd. S. 30). Damit einleitend wird in diesem Abschnitt näher auf die Sozialisationsinstanz Familie eingegangen.

Die einem Menschen am nächsten stehenden Personen, sei es Familie, Verwandte oder Freunde haben den größten Einfluss auf die gesamte Persönlichkeit eines Menschen und werden damit als die primäre Sozialisationsinstanz verstanden. Es sei der guten Ordnung halber erwähnt, dass Hurrelmann den Kindergarten, Schule und andere Bildungsinstitutionen als die sekundäre Sozialisationsinstanz betrachtet und Freizeitorganisationen, Medien und andere Gleichaltrige (Peergroups) als tertiäre Sozialisationsinstanz (vgl. ebd. S. 30, 33-34).

Die Struktur der Kernfamilie

Die primäre Sozialisationsinstanz der Familie hat den prägendsten Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen.

In den letzten zwei Jahrhunderten hat die Institution Familie einen starken Wandel durchgemacht. Als früher die Familie noch für die Produktion von Nahrung, Instanthaltung der Kleider, Pflege der Alten oder Berufsausbildung stand, und damit als ein einheitliches System, so sieht sie sich heute einer Struktur der Differenzierung gegenüber, welches sich als ein soziales System unter vielen wiederfindet. Damit geht ein zivilisationsgeschichtlicher Prozess einher, der eine starke Individualisierung mit sich brachte und den Menschen aus seinem Sozialgefüge nahezu herausgelöst und unabhängig gemacht hat. Mehr denn je ist es in der heutigen Zeit möglich unabhängig von der Herkunftsfamilie und dem sozialen Milieu Einfluss auf die eigene Lebensführung zu nehmen. Damit einhergehend sieht sich die Familie neuer Kernfunktionen gegenüber, die sich den verändernden Bedingungen immer wieder neu anpassen muss (vgl. ebd. S. 127f).

Der gesellschaftliche Wandel hat auch nicht vor der Struktur der Kernfamilie haltgemacht. Wohingegen früher die klassische Form der jahrelang bestehenden Einheitsfamilie das Bild der Gesellschaft geprägt hat, sind es heute viele verschiedene Formen, die als Familie bezeichnet werden können. Darin ist nicht mehr der Vater als alleiniges Familienoberhaupt zu sehen. Und auch die Familie ist kein ökonomisches und praktisches Zweckbündnis mehr. Vielmehr ist das System Familie heute viel ausdifferenzierter. Der Definition von Hurrelmann folgend ist die Familie eine „soziale Lebensform, die durch das dauerhafte Zusammenleben von mindestens einem Elternteil und einem Kind charakterisiert ist, in der die Beziehungen durch Solidarität, persönliche Verbundenheit und Betreuung geprägt ist.“ (vgl. ebd. S. 130). Diese Definition verdeutlicht, dass weder der Zusammenschluss von zwei Erwachsenen noch die rechtliche Verbindung einer Ehe oder die biologische Elternschaft für eine Familie ausschlaggebend ist, sondern den Kern einer Familie stellen vielmehr die persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Familienmitglieds und deren gegenseitige Rücksichtnahme dar.

Um die Wichtigkeit der Beziehungsdynamik für Kinder innerhalb der Familie herauszustellen, wird von der soziologischen Kernfamilie, Mutter-Vater-Tochter-Sohn, ausgegangen. Diese Familienform ist nach wie vor die am häufigsten vorkommende Familienkonstellation (ebd. S. 130). Dabei agiert der Vater als „Außenminister“ der Familie. Damit sind Eigenschaften verbunden, die der Vater innerhalb der Familie repräsentiert. Dies sind vor allem Toleranz, Solidarität, Kooperation, Offenheit für Diskussion sowie Großzügigkeit und Zärtlichkeit gegenüber Kindern. Die Rolle des Vaters könnte so verstanden werden, als dass sich für den Vater auch nach der Geburt des Kindes in seinem geregelten Tagesablauf wenig verändert1. Dadurch hat der Vater einen starken Bezug zur Außenwelt und kann so die Mikrowelt der Kleinfamilie nach außen hin abschirmen und für deren Sicherheit sorgen.

Die Rolle der Mutter sieht Hurrelmann als „Innenministerin“, die alle Geschicke innerhalb der Familie steuert. Sie bringt die Eigenschaften der Emotionalität, des Mitgefühls, der Zuwendung und der Anleitung in die Familie ein.

Durch die Konstellation der Kernfamilie ergeben sich verschiedene Rollendimensionen, die in den unterschiedlichsten familiären Situationen eingesetzt werden können. Da ist z.B. die Dimension der Geschlechterrolle zu nennen (Mutter und Tochter bzw. Vater und Sohn) oder die der Generationenrolle (Vater und Mutter bzw. Tochter und Sohn).

Die folgende Abbildung zeigt die Kernfamilie nach Hurrelmann schematisch. Dabei werden vor allem die sozialen Rollen innerhalb der Kernfamilie verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: soziale Rollen in der Kernfamilie (Hurrelmann 2006, S. 131)

Durch die Einnahme der verschiedenen Rollen innerhalb der Familie kann ein spezifisches Rollenverhalten trainiert und wesentliche Persönlichkeitsmerkmale angeeignet werden. Die temporäre Bildung von Koalitionen (z.B. Elternkoalitionen) ermöglicht die Vermittlung wichtiger Erziehungsprozesse wie z.B. Vorgaben oder Regeln seitens der Eltern. Auch die Bildung einer Kinderkoalition kann die Tochter und den Sohn dazu befähigen, gemeinsam einen Versuch zu starten Einfluss auf die Eltern auszuüben und so ein Mitspracherecht bei Regeln und Vorgaben zu erwirken bzw. darauf Einfluss zu nehmen. Somit kann ein Aushandeln von Umgangsformen, wie sich innerhalb der Familie verhalten werden soll, stattfinden.

Grundsätzlich ist die Kompetenz für ein Kind sorgen zu können in jedem Menschen angeboren, es muss keine spezifische Voraussetzung, wie die biologische Elternschaft oder etwa das weibliche Geschlecht, erfüllt sein. Eltern haben zusätzlich zu der Aufgabe, das Kind zu einem vollständigen Gesellschaftsmitglied zu erziehen, die Hürde zu meistern, dass sie die Spannungen, die die Elternschaft mit sich bringt, auszuhalten. Die Eltern sind zudem auch in einer Liebesbeziehung miteinander verbunden und die Wünsche und Ziele, die damit zusammenhängen, können in manchen Situationen durchaus gegenläufig sein. Dies gilt es auszuhalten. Wie gut oder schlecht die Eltern mit diesen Spannungen umgehen können, geben sie an ihre Kinder weiter. Kinder und Eltern stehen in Wechselbeziehungen zueinander. Nicht nur die Kinder lernen durch die Eltern, auch die Eltern entwickeln sich durch ihre Kinder weiter (vgl. ebd. S. 130ff).

Dies verdeutlicht, dass die Familienstruktur weg von der patriarchalischen Machtstruktur und hin zu einer parentalen gleichberechtigten Familienstruktur geht.

2. Vier Erziehungsstile nach Hurrelmann im Vergleich

Die Sammlung von Erfahrungen, Vorstellungen und Werten, die Eltern im Laufe ihres Lebens machen, tragen gebündelt zu einem so genannten Erziehungsstil bei. Bei der Erziehung kommen nicht nur bewusst gesetzte Erziehungsziele von den Eltern zum Einsatz, sondern auch unbewusste Einstellung und Gesten. Erziehung kann nach Hurrelmann als ein Versuch, Einfluss auf den zu Erziehenden zu dessen Verbesserung und Vervollkommnung seiner Persönlichkeit definiert werden.

Wenn Eltern der heutigen Zeit an ihr Erziehungsziel denken, dann ist den meisten bei der Erziehung die Entwicklung ihres Kindes zur „Selbständigkeit“, Übernahme „sozialer Verantwortung“ und „Leistungsfähigkeit“ besonders wichtig. Um Erziehungsziele zu erreichen, wenden Eltern jene Möglichkeiten an, die ihnen am sinnvollsten erscheinen, ihre Ziele zu erreichen. Diese Möglichkeiten können grob in Erziehungsstile gefasst werden. In diesen Erziehungsstilen fließen beobachtbare und überdauernde Praktiken ein, wie Eltern den Umgang mit ihren Kindern pflegen. Die Problematik besteht zum einen darin, dass Eltern nicht ausschließlich in einem einzigen Erziehungsstil agieren, da verschiedene Alltagssituation verschiedener Herangehensweisen bedürfen, und zum anderen die Kategorisierung und Erforschung von Erziehungsstilen entweder auf Beobachtung oder auf Selbsteinschätzung der Eltern gestützt ist. Dabei ist einerseits zu bemerken, dass Eltern in Alltagssituationen weniger dazu neigen sich zu reflektieren, um im Anschluss daran eine realitätsgetreue Berichterstattung über ihr Verhalten zu geben. Andererseits haben auch wissenschaftliche Beobachtungen ihre Grenzen, da eine Alltagssituation mit einem anwesenden unbeteiligten Dritten möglicherweise eine andere Wendung nehmen könnte als ohne.

Erziehungsstile in einer typisierten Form zu verstehen ist daher mit Vorsicht zu genießen (vgl. ebd. S. 156f).

2.1 „Laissez-faire“ vs. autoritärer Erziehungsstil

Wird vom „Laissez-faire“-Erziehungsstil gesprochen, so ist der permissive Erziehungsstil gemeint. Darunter wird ein Erziehungsverhalten seitens der Eltern verstanden, dass sich stark an den Bedürfnissen des Kindes ausrichtet. Das bedeutet, dass jene Eltern, die sich dieses Stils bedienen, versuchen möglichst wenig in das kindliche Verhalten und damit in die kindliche Persönlichkeitsentwicklung einzugreifen.

Sie möchten das Kind in seinem Eigenwillen nicht unterdrücken. Damit gleichbedeutend lehnen diese Eltern strikte Vorgaben und Regeln, die dem Kind als Orientierung dienen können, ab. Hinzukommt, dass diese Eltern dem Begriff „Erziehung“ sehr kritisch gegenüberstehen. Sie verbinden diesen Begriff mit einer Hierarchiestruktur, die unweigerlich zu einer Machtausübung führt. Der permissive Erziehungsstil ist vor allem davon geprägt, dass sich die Eltern oft unsicher sind, wann und wie die Ausübung der elterlichen Autorität angemessen ist. Sie sehen sich mit der Frage konfrontiert inwiefern in der heutigen Gesellschaft ein machtbezogener Eingriff in die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes noch angemessen erscheint. Sie haben den Anspruch ihr Kind in Richtung einer demokratischen, offenen und damit weniger steuernden Gesellschaft zu erziehen. Ihre Sorge besteht darin, dass Kind könnte sich durch eine autoritäre Erziehung zu Unterwerfung, Kontrolle der eigenen Gefühle und zu einem angepassten Verhalten hin entwickeln. Dies würde völlig konträr zu ihrem Bild der offenen Gesellschaft stehen. Damit verbunden haben diese Eltern das Gefühl ihr Kind nicht für die Anforderungen der vorherrschenden Zeit zu befähigen.

In Untersuchungen zeigte sich, dass der permissive Erziehungsstil einen wesentlichen Nachteil hat. Es fehlen Regeln und Normen, wie Eltern und Kinder miteinander umgehen möchten. Dadurch wird bei den Kindern ein Gefühl der Verwirrung erzeugt, welches sie als Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit deuten. Sie reagieren mit aggressivem Verhalten, um die Aufmerksamkeit, die sie benötigen, von den Eltern herauszufordern. Die Entwicklung der Kinder in Richtung der gewünschten Erziehungsziele „Selbständigkeit“, „soziale Verantwortung“ und Leistungsfähigkeit“ kann damit nicht gewährleistet werden.

Im Gegenzug zum „Laissez-faire“-Erziehungsstil steht der autoritäre Erziehungsstil. Eltern, die sich dieses Stils bedienen, stehen dafür die elterliche Autorität gezielt für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes einzusetzen. Sie möchten ihrem Kind damit eine klare Hilfestellung und Orientierung geben, sich in der Welt und Gesellschaft mit ihren Strukturen zurecht zu finden. Diese Eltern sind Befürworter des Begriffs Erziehung und empfinden Erziehung als unabdingbar im Sinne von Machtausübung anzuwenden. Eltern, die den autoritären Erziehungsstil praktizieren, beschäftigt die Sorge, dass das Kind durch ein zu starkes Eingehen auf seine Bedürfnisse verweichlichen könnte und dadurch ungenügend auf die Anforderungen der späteren Arbeitswelt und die harte Realität der Gesellschaft vorbereitet ist.

Auch beim autoritären Erziehungsstil zeigten Untersuchungen, dass dieser für die Entwicklung der „Selbständigkeit“, „sozialen Verantwortung“ und Leistungsfähigkeit“ des Kindes wenig förderlich ist. Eltern, die diesen Stil verfolgen, setzen sich über die Bedürfnisse des Kindes hinweg. Das fördert aggressives und rebellisches Verhalten, was nicht selten auch in körperlichen Gewaltanwendungen seitens der Eltern mündet (vgl. ebd. S. 157-160).

Diese Betrachtungen lassen den Schluss zu, dass beide Stile im Sinne der Erziehungszielerreichung wenig wünschenswert sind.

2.2 Vernachlässigender vs. überbehütender Erziehungsstil

Der vernachlässigende Erziehungsstil ist mit dem Laissez-faire Erziehungsstil insofern auf einer Ebene zu sehen, als dass der vernachlässigende Stil ebenfalls eine sehr geringe Ausprägung von elterlicher Autorität beinhaltet. Erschwerend kommt beim vernachlässigenden Stil noch hinzu, dass die Eltern dem Kind wenig Aufmerksamkeit schenken und kindliche Bedürfnisse wenig Berücksichtigung finden. Die negativen Auswirkungen dieses Stils sind nicht nur darin begründet, dass das Kind nicht nur sich allein überlassen ist, es fühlt sich obendrein auch missachtet.

Beim überbehütenden Stil sieht das Bild schon wieder ganz anders aus. Dieser ist davon geprägt, dass die Eltern eine hohe Ausprägung an Autorität anwenden und zusätzlich sehr stark auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen. Dadurch wird die Entwicklung von einer eigenen Persönlichkeit und von Verhaltensweisen erschwert (vgl. ebd. S. 161-163).

Wie gezeigt werden konnte, bieten die vier vorgestellten Erziehungsstile nur wenig Möglichkeiten die Erziehungsziele der Eltern zu erreichen. Ein möglicher Ausweg aus diesen extremen Erziehungsstilen könnte eine Mischung aus diesen vier Varianten sein. Diese Mischung nennt sich autoritativ-partizipativer Erziehungsstil, kurz partizipativ genannt. Im nächsten Kapitel wird dieser Erziehungsstil näher betrachtet.

3. Eine mögliche Lösung: Der partizipative Erziehungsstil

Die vier präsentierten Erziehungsstile unterscheiden sich vor allem darin, wie stark die elterliche Autorität bzw.

[...]


1 Es sei hier nur kurz erwähnt, dass bereits immer mehr Väter die Vaterkarenz in Österreich wahrnehmen.

Details

Seiten
37
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668360501
ISBN (Buch)
9783668360518
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346743
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
Jesper Juul Erziehungsratgeber Klaus Hurrelmann Erziehungsstil

Autor

Zurück

Titel: Die in Jesper Juuls Buch „Leitwölfe“ präsentierten Hilfestellungen an Eltern im Sinne von Hurrelmanns partizipativem Erziehungsstil