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Die fröhliche Wissenschaft. Moral, Erkenntnis und Wissenschaftskritik bei Nietzsche

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 17 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsübersicht

I. Einleitung
1. Zur werkhistorischen Einordnung
2. Besonderheiten in Stil und Form
3. Weitere Analyseschritte

II. Die Hauptgedanken der Fröhlichen Wissenschaft
1. Moralkritik
2. Erkenntniskritik
3. Wissenschaftskritik
4. Freiheit und Tragik der Fröhlichen Wissenschaft

III. Implikationen für die Dissertation

IV. Literatur

I. Einleitung

1. Zur werkhistorischen Einordnung

Nietzsches Fröhliche Wissenschaft (im folgenden zitiert "FW") steht nicht isoliert, sondern ist eng mit anderen Werken Nietzsches verknüpft. Gerade weil die FW eine wichtige "Zusammenfassung" der erkenntniskritischen Gedanken Nietzsches darstellt, sollte man ebenso verstehen, woher diese Gedanken kommen und wie sie sich entwickelt haben.

Das zur Verfügung gestellte Insel-Taschenbuch orientiert sich an der kritischen Studienausgabe der Werke Nietzsches (Colli und Montinari 1967ff), hat die FW jedoch der modernen Rechtschreibung angepasst. Allerdings berücksichtigt das Taschenbuch allein die zweite Auflage der FW und ignoriert damit die Entstehungsgeschichte. Zwischen dem Erscheinen der ersten (1882) und der zweiten Auflage (1887) liegt die "mittlere" Periode von Nietzsches Schaffen. Die in dieser Phase verfassten Werke haben die zweite Auflage der FW wesentlich geprägt. Daher werden an geeigneter Stelle auch andere Werke, die in engem Kontext zur FW stehen, in diese Arbeit einbezogen: Die Morgenröthe, Menschliches, Allzumenschliches und Nietzsches Hauptwerk Also sprach Zarathustra. Dessen Einfluss zeigt sich schon daran, dass Zarathustras erste Vorrede identisch mit Aphorismus 342 der FW ist. Die Tabelle illustriert den engen historischen Zusammenhang dieser Werke, die alle eine radikale Kultur-, Wissenschafts- und Erkenntniskritik zum Inhalt und Ziel haben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Der werkhistorische Kontext der FW. Quelle: eigene Zusammenstellung

2. Besonderheiten in Stil und Form der FW

Im allgemeinen werden philosophische Werke nach ihrem formalen Aufbau analysiert. Bei Nietzsche wäre ein solches Vorgehen aufgrund seiner Schreib- und Denkweise irreführend. Der Grund hierfür ist folgender: Alle deutschsprachige Philosophie der europäischen Neuzeit vor Nietzsche spielte sich in komplex verschachelten, mit griechischen und lateinischen Begriffen überladenen Texten ab, die von Eingeweihten für Eingeweihte verfasst wurden. Zur Illustration lese man beliebige vor 1870 entstandene philosophische Texte. Nietzsche bricht mit dieser Tradition und führt das literarische Schreiben in die Philosophie ein. In den meisten seiner Werke - so auch in der FW - bedient er sich dafür des Aphorismus, dessen Länge er von Zweizeilern bis hin zu mehrseitigen Analysen variiert.

Aphoristisches Schreiben ist spätestens seit Georg Christoph Lichtenberg nichts Neues mehr. Nietzsche selbst nennt in der FW einige französische Literaten und Philosophen der Neuzeit (Chamfort, La Rochefoucault, Montaigne), die sich bereits dieser Stilform bedienten. Allerdings ist er der erste, der philosophischen Gedanken eine solche Form gibt. Diese Besonderheit seines Stils wird in der FW, vor allem aber im Zarathustra deutlich.

Somit ist die scheinbare Aufteilung der FW in fünf Bücher irreführend. Zwar ist scheinbar eine formale Gliederung zu erkennen: Exposition (1. Buch), Kultur- und Moralkritik (2.), Kerngedanken (3), Konsequenzen (4.), Gestaltungen (5.). Aber diese Struktur wird durch das aphoristische Schreiben ad absurdum geführt.

Nietzsche verschlüsselt seine Gedanken und verteilt sie über das ganze Werk. Die Aphorismen ergänzen sich über weite Strecken wechselseitig, tauschen Gedanken aus, vertiefen sie, widersprechen sich, lösen die Widersprüche an anderer Stelle wieder auf. Trotzdem liegt ein tief durchdachtes System in diesem scheinbaren Chaos. Es ist der von Nietzsche in der Geburt der Tragödie propagierte Gegensatz der apollinischen und dionysischen Kräfte, der sich hier spiegelt: Einer äusseren, traditionellen Formalgliederung stehen die scheinbar chaotischen, zusammenhanglosen Aphorismen gegenüber. Das ist künstlerische Absicht: "N[ietzsche] selbst erinnert immer wieder daran, dass man in dem Vielerlei seiner Gedanken doch nur ja nicht die zeugenden Grundgedanken (…) überliest, und seine Freunde hat er ausdrücklich auf die innere Einheit seiner aphoristischen Produktion hingewiesen. Es handelt sich in seinen Schriften, schreibt er, um die lange Logik einer ganz bestimmten philosophischen Sensibilität, und nicht um ein Durcheinander von hundert beliebigen Paradoxien und Heterodoxien" (Safranski 2000: 240-241, mit weiteren Nachweisen und Quellentexten).

3. Weiteres Vorgehen und Aufbau der Arbeit

Aufgrund der oben erwähnten stilistischen und werkhistorischen Besonderheiten gliedert sich die weitere Besprechung nicht nach den fünf Büchern, sondern nach den Hauptgedanken des Werkes. Die FW enthält ausserdem die These Nietzsches der Rechtfertigung der Welt als ästhetisches Phänomen und Betrachtungen zu Kultur, Kunst und Gesellschaft. Aus Platz- und Fokussierungsgründen kann jedoch auf diese Punkte nicht weiter eingangen werden. Nietzsches Text soll so weit wie möglich für sich selbst sprechen, der Anteil der Sekundärliteratur wurde auf das Notwendigste beschränkt.

Die weitere Gliederung dieser Arbeit ist folgende: Teil II stellt die kritischen Kerngedanken der FW vor und untersucht die aus ihnen resultierenden Gestaltungsmöglichkeiten. Als Ausblick werden die Wirkungen der FW auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts skizziert. Teil III zieht die "praktischen" Schlussfolgerungen hinsichtlich der Verwertbarkeit der gefundenen Ergebnisse für die Teilnehmer des Seminars und die individuelle Dissertation. Teil IV enthält ein kommentiertes Literaturverzeichnis, das auch auf die Rezeption Nietzsches in Philosophie und Literatur eingeht.

Quellentexte werden im folgenden als (Kürzel, Aphorismus) zitiert, mit den Kürzeln M (Morgenröthe), MA (Menschliches, Allzumenschliches), FW (Die fröhliche Wissenschaft) und Z (Also sprach Zarathustra). Beispiel: (FW 110) für (Die Fröhliche Wissenschaft, Aphorismus Nr. 110)

II. Die Hauptgedanken des Werkes

1. Moralkritik

Moral war bisher viel zu selbstverständlich - so beginnt Nietzsche seine Kritik: "Niemand also hat bisher den Werth jener berühmtesten aller Medizinen, genannt Moral, geprüft: wozu zuallererst gehört, dass man ihn einmal - in Frage stellt. Wohlan! Dies eben ist unser Werk." (FW 345). Er will zeigen, wie sehr Kultur, Denken und Wissenschaft sich von der Moral haben beherrschen lassen. Moral fasst er dabei als "kategorische Imperative" aller Art auf (vgl. FW 335), die nicht durch einen Prozess des Nachdenkens, sondern durch Diktat festgesetzt werden: "Am schlechtesten ist bisher über Gut und Böse nachgedacht worden: es war dies immer eine zu gefährliche Sache. Das Gewissen, der gute Ruf, die Hölle, unter Umständen selbst die Polizei erlaubten und erlauben keine Unbefangenheit; in Gegenwart der Moral soll eben, wie Angesichts jeder Autorität nicht gedacht, noch weniger geredet werden: hier wird – gehorcht!” (M 3).

Die Moral hat bisher das Leben des Menschen bestimmt, aber hinterfragt worden ist sie nie, im Gegenteil: Die moraletablierenden Institutionen wie z.B. die Kirche haben dieses Hinterfragen immer verboten. Jetzt aber ist eine neue Zeit angebrochen: "Die Zeit ist vorbei, wo die Kirche das Monopol des Nachdenkens besass, wo die vita contemplativa immer zuerst vita religiosa sein musste" (FW 280). Und denkt man nach dem Fall dieses Monopols selbst einmal über die Fundamente der Moral nach, so eröffnen sich ganz andere Einsichten.

Hinter dem scheinbar moralischen Handeln wirkt "[j]ener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleichmässig waltet, der Trieb der Arterhaltung, [er] bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor; er hat dann ein glänzendes Gefolge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, dass er im Grunde Trieb, Instinct, Thorheit, Grundlosigkeit ist" (FW 1).

Um diese profane biologische Tatsache zu kaschieren, diktieren die moralischen Autoritäten ihre Sinnstiftung: "Damit Das, was nothwendig und immer, von sich aus und ohne allen Zweck geschieht, von jetzt an auf einen Zweck hin gethan erscheine und dem Menschen als Vernunft und letztes Gebot einleuchte, - dazu tritt der ethische Lehrer auf, als der Lehrer vom Zweck des Daseins; dazu erfindet er ein zweites und anderes Dasein und hebt mittelst seiner neuen Mechanik dieses alte gemeine Dasein aus seinen alten gemeinen Angeln." (FW 1). Es geht aber gar nicht um Ethik, sondern um Machtzuwachs, der lediglich altruistisch verkleidet wird: "Wer da empfindet, "ich bin im Besitz der Wahrheit", wie viel Besitzthümer lässt der nicht fahren, um diese Empfindung zu retten! Was wirft er nicht Alles über Bord, um sich "oben" zu erhalten, - das heisst über den Andern, welche der "Wahrheit" ermangeln!" (FW 13).

Moral ist eine Verkleidung der Schwachen, durch die sie grösser und "besser" erscheinen: "[M]ein Gedanke ist umgekehrt, dass wir gerade als zahme Thiere ein schändlicher Anblick sind und die Moral-Verkleidung brauchen, - dass der "inwendige Mensch" in Europa eben lange nicht schlimm genug ist, um sich damit "sehen lassen" zu können (um damit schön zu sein -). Der Europäer verkleidet sich in die Moral, weil er ein krankes, kränkliches, krüppelhaftes Thier geworden ist, das gute Gründe hat, "zahm" zu sein, weil er beinahe eine Missgeburt, etwas Halbes, Schwaches, Linkisches ist Nicht die Furchtbarkeit des Raubthiers findet eine moralische Verkleidung nöthig, sondern das Heerdenthier mit seiner tiefen Mittelmässigkeit, Angst und Langenweile an sich selbst. Moral putzt den Europäer auf - gestehen wir es ein! - in's Vornehmere, Bedeutendere, Ansehnlichere, in's "Göttliche" - (FW 352). Eine solche Moral entstammt dem Herdeninstinkt, die den Einzelnen nur als Funktion der Herde sieht (vgl. FW 116) und ihn entsprechend diszipliniert (vgl. FW 50). Ihre Motive stehen im Gegensatz zu ihrem Prinzip: "Der "Nächste" lobt die Selbstlosigkeit, weil er durch sie Vortheile hat! Dächte der Nächste selber "selbstlos", so würde er jenen Abbruch an Kraft, jene Schädigung zu seinen Gunsten abweisen, der Entstehung solcher Neigungen entgegenarbeiten und vor Allem seine Selbstlosigkeit eben dadurch bekunden, dass er dieselbe nicht gut nennte!" (FW 21).

Besonders offensichtlich wird dieser Unterdrückungsmechanismus am Christentum. Die christlichen Priester erfinden das Jenseits, wo die Bereuenden und die das Leben Verneinenden ihren Triumph erhalten - Sklavenmoral, würden die alten Griechen lachen! (vgl. FW 135). Demut galt im antiken Rom als Zeichen von Charakterschwäche, während die christliche Religion sie als eine grosse Tugend auffasst. Menschen, die sich einer solchen Moral unterordnen, beweisen "Mangel an Person": "[S]ie stehen gewöhnlich selbst noch arglos unter dem Kommando einer bestimmten Moral und geben, ohne es zu wissen, deren Schildträger und Gefolge ab; etwa mit jenem noch immer so treuherzig nachgeredeten Volks-Aberglauben des christlichen Europa, dass das Charakteristicum der moralischen Handlung im Selbstlosen, Selbstverleugnenden, Sich-Selbst-Opfernden, oder im Mitgefühle, im Mitleiden belegen sei. (…) Aber der Werth einer Vorschrift "du sollst" ist noch gründlich verschieden und unabhängig von solcherlei Meinungen über dieselbe und von dem Unkraut des Irrthums, mit dem sie vielleicht überwachsen ist (…). Eine Moral könnte selbst aus einem Irrthum gewachsen sein: auch mit dieser Einsicht wäre das Problem ihres Werthes noch nicht einmal berührt." (FW 345).

Die christlichen Moralvorstellungen sind im Kern nihilistisch, denn sie ihre Prinzipien sind weltverneinend, ihr Wahrheitsanspruch ist antihuman, ihre Attitüde beruht auf einem erfundenen Gegensatz "Mensch gegen Welt" (vgl. FW 346). Sie verbieten den Selbstmord, erlauben aber das Märtyrertum - wo ist der Unterschied? (vgl. FW 131). Hardliner wie der Apostel Paulus "haben für die Leidenschaften einen "bösen Blick"; sie lernen von ihnen nur das Schmutzige, Entstellende und Herzbrechende kennen - ihr idealer Drang geht daher auf Vernichtung der Leidenschaften aus: im Göttlichen sehen sie die völlige Reinheit davon." (FW 139).

Und wenn die "Verleumder der Natur" den Menschen nur lange genug einreden, sie seien schlecht und sündig, dann glauben es die Menschen irgendwann: "[D]iese haben uns zu der Meinung verführt, die Hänge und Triebe des Menschen seien böse; sie sind die Ursache unserer grossen Ungerechtigkeit gegen unsere Natur, gegen alle Natur! Es giebt genug Menschen, die sich ihren Trieben mit Anmuth und Sorglosigkeit überlassen dürfen: aber sie thun es nicht, aus Angst vor jenem eingebildeten "bösen Wesen" der Natur! Daher ist es gekommen, dass so wenig Vornehmheit unter den Menschen zu finden ist (…)" (FW 294).

Zudem beruht der christliche Glaube auf Anti-Ratio und falschen Axiomen: "Wer wird sich den Schluss der Gläubigen nicht gefallen lassen, welchen sie gern machen: "die Wissenschaft kann nicht wahr sein, denn sie leugnet Gott. Folglich ist sie nicht aus Gott; folglich ist sie nicht wahr, - denn Gott ist die Wahrheit." Nicht der Schluss, sondern die Voraussetzung enthält den Fehler: wie, wenn Gott eben nicht die Wahrheit wäre, und eben diess bewiesen würde? wenn er die Eitelkeit, das Machtgelüst, die Ungeduld, der Schrecken, der entzückte und entsetzte Wahn der Menschen wäre?" (M 93).

Aber das alles bleibt nicht so. Der Anspruch einer universellen moralischen Wahrheit, wie ihn das Christentum erhebt, wird durch diese Moral selbst zerstört: Die Wahrhaftigkeit als zentraler Bestandteil der Moralität begehrt gegen die Lebensverneinung und Menschenverachtung dieser Moral auf und kündigt der Moral „aus Moralität” (M 4) das Vertrauen: "Man sieht, was eigentlich über den christlichen Gott gesiegt hat: die christliche Moralität selbst, der immer strenger genommene Begriff der Wahrhaftigkeit, die Beichtväter-Feinheit des christlichen Gewissens, übersetzt und sublimirt zum wissenschaftlichen Gewissen, zur intellektuellen Sauberkeit um jeden Preis. Die Natur ansehn, als ob sie ein Beweis für die Güte und Obhut eines Gottes sei; die Geschichte interpretiren zu Ehren einer göttlichen Vernunft, als beständiges Zeugniss einer sittlichen Weltordnung und sittlicher Schlussabsichten; die eigenen Erlebnisse auslegen, wie sie fromme Menschen lange genug ausgelegt haben, wie als ob Alles Fügung, Alles Wink, Alles dem Heil der Seele zu Liebe ausgedacht und geschickt sei: das ist nunmehr vorbei, das hat das Gewissen gegen sich, das gilt allen feineren Gewissen als unanständig, unehrlich, als Lügnerei, Femininismus, Schwachheit, Feigheit, - mit dieser Strenge, wenn irgend womit, sind wir eben gute Europäer und Erben von Europa's längster und tapferster Selbstüberwindung." (FW 357).

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Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638348201
ISBN (Buch)
9783638749237
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34662
Institution / Hochschule
Universität St. Gallen
Note
sehr gut
Schlagworte
Wissenschaft Moral Erkenntnis Wissenschaftskritik Nietzsche Doktoranden Seminar

Autor

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