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Die epikureische Natur- und Erkenntnislehre und ihre Bedeutung

Hausarbeit 2016 18 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Epikurs Naturphilosophie
2.1 Atome und Leere
2.2 Atombewegungen
2.3 Seelentheorie

3. Epikurs Erkenntnistheorie
3.1 Theorie der Wahrnehmung
3.2 Wahrheit, Irrtum und ihre Kriterien
3.3 Die Methodik und ihre Funktion

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man die Wahrnehmung antiker Philosophen in der Gesellschaft, so ist auch Epikur ein bekannter Name neben Größen wie Aristoteles oder Sokrates. Dabei wird jedoch der um 341 v. Chr. geborene und zu Zeiten des Hellenismus lebende Grieche oft auf einen falsch verstandenen Hedonismusbegriff reduziert. Das Befördern der Lust, bzw. die Vermeidung von Unlust, als oberstes Kriterium der Ethik, polarisierte schon zu Lebzeiten Anhänger und Gegner. Eine auf die maßlose Steigerung sinnlicher Begierden reduzierte Vorstellung hedonistischer Philosophie ist dabei nicht nur einseitig, sondern trifft auch keinesfalls den Kern des epikureischen Denkens. Das stattdessen Bescheidenheit und Genügsamkeit die Mittel zur Erlangung der Ataraxie (griechisch ataraxía „Unerschütterlichkeit“) oder der Seelenruhe sind, wird bei oberflächlicher Betrachtung gerne vergessen. Im Gegensatz dazu ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Epikur auch heute noch präsent, und stellt seine besondere philosophiegeschichtliche Bedeutung heraus. So schrieb das Würzburger Zentrum für Epikureismusforschung für eine internationale Tagung im April 2010: „Doch war es Epikur, der das subjektive Anliegen eines Strebens nach Lust nicht nur zu einer anthropologischen Konstante erhob, sondern diese Erkenntnis zur Grundlage eines Gegenentwurfes zur klassischen Philosophie erhob und damit ein für alle Mal die hedonistische Tradition Europas prägte“.1

Das Ziel der folgenden Arbeit soll es sein, einen in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung nahezu unbekannten, gleichwohl umso wichtigeren, Teil Epikurs Werk Beachtung zu schenken, nämlich seiner Naturphilosophie und Erkenntnistheorie. Im Zentrum soll dabei die genaue Analyse seiner Argumente in Hinblick auf die Beschaffenheit der Welt und die Möglichkeit der Gewinnung von wahren Erkenntnissen über die Welt stehen. An dieser Stelle ist methodisch anzumerken, dass Ontologie und Epistemologie in einer Art und Weise Hand in Hand gehen, und sich gegenseitig bedingen, dass die Entscheidung nicht ganz eindeutig gefällt werden kann, welches der beiden Gebiete zuerst zu behandeln ist. Ich habe mich entschieden mit Epikurs Bestimmungen seiner Naturphilosophie zu beginnen, um danach diese durch die Zuwendung zur Erkenntnistheorie rückwirkend zu reflektieren. Da sich Epikur in atomistischer Tradition befindet, werden also zunächst die Begrifflichkeiten der Atome und der Leere sowie deren Eigenschaften geklärt, um dann auf die Atombewegungen überzugehen. Zu klären ist außerdem aus ontologischer Perspektive, wie Epikurs Theorie über die Seele zu verstehen ist. Wurde die Beschaffenheit der Welt nun ausreichend erläutert, geschieht im Folgenden der Übergang zu den erkenntnistheoretischen Betrachtungen und der omnipräsenten Bedeutung der Sinne. Hier gilt es herauszustellen, wie nach Epikur die Erlangung von wahren Erkenntnissen möglich ist, und wie diese von falschen zu unterscheiden sind. Es soll ferner geklärt werden, welche wissenschaftliche Methodik Epikur verwendet, wie diese funktioniert, und schließlich, welche Bedeutung diese für das Gesamtwerk besitzt.

2. Epikurs Naturphilosophie

2.1 Atome und Leere

Epikur2 schließt in seinen ontologischen Überlegungen an Demokrit an und übernimmt im allgemeinen Rahmen seine Atomtheorie, weicht aber an gewissen Stellen ab bzw. ergänzt diese. Sein gesetztes Ziel ist die Ablehnung aller transzendenten Annahmen, womit er einen konsequenten naturalistischen Materialismus vertritt. Konkret äußert sich dies in seiner Postulierung, dass die Welt ausschließlich aus Atomen und Leerem besteht. Atome sind dabei die kleinstmöglichen Einheiten des Seienden, welche in unendlicher Anzahl existieren, unveränderlich und unteilbar sind.3 Eine kleinstmögliche Einheit ist im Sinne der Definition der Raum, der keine Leere mehr enthält, und folglich als Atom bezeichnet wird. Diese können wiederum in unterschiedlichen Verbindungen oder Aggregaten auftreten, welche man Körper nennt. Das zweite Existierende, die Leere, ist dabei der Raum, welcher nicht mit Atomen gefüllt ist. Da es nur Atome und Leere gibt bedeutet dies, dass die Leere entsprechend nur ungefüllter Raum ist, durch den sich die Atome bewegen.

Während sich die Existenz von Körpern nach Epikur evident aus den Sinneserfahrungen in der Lebenswelt ergibt, lässt sich dies nicht in selber Weise auch für die für das Auge unsichtbaren Atome sagen. Die Grundlage für die Annahme von Atomen ist dabei, dass nichts aus dem Nicht-Seienden entstehen, und nichts in das Nicht-Seiende vergehen kann.4 Folglich muss, auch nach sehr feiner, aber endlicher Teilung einer Substanz etwas bestehen bleiben. Wäre dies nicht der Fall, so wäre ein (Fort-)Bestehen der Welt nicht denkbar, da sich die materielle Welt einfach in das Nichts auflösen könnte, und somit nicht mehr existent wäre. Des Weiteren ist es so, dass etwas auch nicht aus dem Nichts entstehen kann, da sonst „Alles […] aus allem entsteh[t], weil es keinerlei Samen benötigt“.5 Offenbar meint Epikur an dieser Stelle nicht nur, dass immer etwas vorhanden sein muss aus dem etwas Neues entsteht, nämlich durch Umgruppierung von Atomen, sondern auch, dass immer etwas Bestimmtes aus etwas Bestimmtem entstehen muss.

Lukrez6 führt zu dieser Stelle u. A. die Entwicklung eines Pferdes als Beispiel an.7 Es ist erkennbar, dass ein Pferd immer ein Fohlen gebiert, und dieses eine entsprechend bestimmte Entwicklung durchläuft, bis es zu einem ausgewachsenen Pferd herangewachsen ist. Ein spezifischer Samen ist also dafür verantwortlich, dass Veränderungen nicht willkürlich entstehen, sondern nach Mustern ablaufen. Epikur kehrt sich damit bewusst von der Annahme von Mythenwesen oder Paradiesvorstellungen ab. Flüsse aus Gold oder Bäume mit Edelsteinen8 sind daher irrige Vorstellungen, die mit der naturalistischen Anschauung unvereinbar sind. Dies ist auch für nicht belebte Materie gültig, so dass Land sich immer in Land verwandelt und Meer immer in Meer. Das gewährleistet auch eine gewisse Verlässlichkeit in den Naturphänomenen.9 Die Behauptung, dass Atome die grundlegendsten Körper sind und nicht weiter geteilt werden können belegt Epikur damit, dass es nicht sein könne, dass ein begrenzter Körper aus unbegrenzt vielen, unendlichen kleinen Partikeln bestehe, da selbst diese unbegrenzt kleinen Partikel eine Masse haben müssten. Diese Masse, sei sie auch noch so klein, würde qua ihrer Unbegrenztheit in der Anzahl der Partikel eine Begrenztheit des Körpers widersprüchlich machen.10

Die Atome selbst unterscheiden sich in ihren Eigenschaften nur durch Gestalt, Größe und Gewicht.11 Betrachtet man in der Lebenswelt nun das Vorkommen verschiedenster Körper, so bleibt die Frage offen, wie diese ihre spezifischen Eigenschaften generieren. Dabei bemerkt Epikur, dass sich lediglich die Eigenschaften der zusammengesetzten Körper durch die unterschiedlichen Atome verändern, nicht jedoch die Atome selbst.12 Die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der Dinge entsprechen so den Kombinationen der Eigenschaften der Atome. Zu unterscheiden sind dabei ständige und nicht ständige Eigenschaften. Ständige Eigenschaften sind Merkmale, die dem Körper zukommen müssen um seine Wesenheit zu bestimmen. Dazu zählen z.B. Ausdehnung und Gewicht. Da ein Körper nur als solcher bezeichnet werden kann, wenn er eine zumindest minimale Ausdehnung besitzt sowie per Definition die daran beteiligten Atome eine Masse haben, ist ein Körper ohne diese ständigen Eigenschaften nicht denkbar. Ferner ist es für Epikur von Bedeutung, dass nicht jede Art von Verbindung jederzeit möglich ist. Wäre dies der Fall, herrsche ein Chaos, da alles irgendwie denkbar Mögliche auch tatsächlich geschehen könnte. Tatsächlich gibt es aber, analog zum oben erwähnten Beispiel der Entwicklung eines Pferdes, Strukturähnlichkeiten in den Körpern, welche durch die Zusammensetzung und Anordnung der Atome bestimmt ist.13 Dazu kommen nicht ständige Eigenschaften, die dem Körper etwa nur zeitweise oder unter bestimmten Umständen zukommen. Dazu zählen z.B. seine Nützlichkeit, Schönheit, sein Geruch oder sein Geschmack.14

Die Welt als Ganzes, also inklusive des Alls bzw. der außerirdischen Leere, ist in ihrer Ausdehnung unbegrenzt. Epikur spricht hier von einem Raum ohne Oberstes und Unterstes.15 Die Bestimmung einer grenzenlosen Ausdehnung ergibt sich aus der Definition des Begriffs der Welt. Wäre diese begrenzt, müsste es jenseits der Grenze etwas geben. Das wiederum widerspricht aber der Bestimmung des Weltenbegriffs als „Welt als Ganzes“.16 Aus dieser Überlegung muss sich nun notwendigerweise das Argument ergeben, dass auch die Anzahl der Atome unendlich ist, da sich diese sonst in der unendlichen Leere verstreuen würden. Während nun die Anzahl der Atome unbegrenzt ist, trifft das nicht auch auf die Anzahl der Atomarten bzw. Verbindungen zu. Obgleich die möglichen Formen der Aggregate unvorstellbar hoch sind, muss Epikur hier eine theoretische Begrenztheit der Formen annehmen. Diese Begrenztheit sichert die Konsistenz der Welt. Die Beschaffenheit dieser, in Hinblick auf ihre ontologischen Möglichkeiten, ist zu allen Zeiten gleich. Auch wenn das nicht heißt, dass eine konstante Neuordnung der Atome die Welt in ihrer Gestaltung nicht verändern, so ist dies ein wichtiges Argument gegen Schöpfungs- oder Vernichtungsvorstellung durch transzendente, also außerweltliche, Mächte. Epikur schließt jedoch die Existenz von möglich anderen Welten nicht aus.17 Diese können sich außerhalb unsere Wahrnehmung befinden und entsprechend entfernt existieren. Wenn diese Welten auch anders atomar geordnet sein mögen; „gelten die grundlegenden Gesetze von Sein und Werden“.18

[...]


1 Siehe Würzburger Zentrum für Epikureismusforschung: „Ausführliche Darstellung der Tagung und ihrer wissenschaftlichen Zielsetzung“, unter: http://www.epikur- wuerzburg.de/index.php?site=aktivitaeten_hedonismuskongress (abgerufen am 17.10.2016).

2 Alle folgenden Originaltextverweise von Epikur beziehen sich auf die Ausgabe: Epicurus; Rapp, Christof (Hg.) (2010): Ausgewählte Schriften. Stuttgart: Kröner (Kröners Taschenausgabe, 218).

3 Vgl. Epikur: Brief an Herodot, §§ 41.

4 Vgl. ebd., §§ 38f.

5 Siehe ebd., §§ 38

6 Alle folgenden Originaltextverweise von Lukrez beziehen sich auf die Ausgabe: Lucretius Carus, Titus (2000): De rerum natura. Die Welt aus Atomen; lateinisch und deutsch. Stuttgart: Reclam (Universal- Bibliothek, 4257).

7 Vgl. Lukrez: Buch V, 880ff.

8 Vgl. ebd., 890.

9 Vgl. Hauskeller, Michael: Geschichte der Ethik (Dtv, 30634), S. 169.

10 Vgl. Epikur: Brief an Herodot, §§ 57.

11 Vgl. ebd., §§ 54

12 Vgl. ebd., §§ 54f.

13 Vgl. Hauskeller, Michael: Geschichte der Ethik, S. 171f.

14 Vgl. Lukrez: Buch II, 70.

15 Vgl. Epikur: Brief an Herodot, §§ 60.

16 Siehe. Hauskeller, Michael: Geschichte der Ethik, S. 172.

17 Vgl. Epikur: Brief an Herodot, §§ 45f.

18 Siehe. Hauskeller, Michael: Geschichte der Ethik, S. 172.

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668359925
ISBN (Buch)
9783668359932
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346610
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Schlagworte
Epikur Erkenntnislehre Naturlehre Philosophie Epistemologie Ontologie Epikureismus Methodik Wahrheit

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Titel: Die epikureische Natur- und Erkenntnislehre und ihre Bedeutung