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Der Tod im pädagogischen Kontext. Der therapeutische Charakter der Todeskonzepte Senecas und Montaignes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 20 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten, Definitionen und Forschungsstand

3. Der Tod und das „Sterben lernen“ bei Seneca und Montaigne
3.1 Das Todeskonzept bei Seneca
3.2 Tod und Sterben lernen bei Montaigne

4. Kritische Reflexion: Der therapeutische Charakter bei Seneca und Montaigne und die Philosophie der Natalität

5. Schlussbetrachtung

Literatur

1. Einleitung

Der Tod löst bei vielen Menschen in der westlichen Welt ein Unbehagen aus. Alleine die Vorstellung zu sterben - und nie mehr aufzuwachen - ist für ein Teil der Menschen im 21. Jahrhundert ein quälender Gedanke, der gerne verdrängt wird. Der Tod ist in unserer heutigen (Medien-)Gesellschaft einerseits noch stark tabuisiert1, andererseits - und das ist das Paradoxe - ist er in den Medien allgegenwärtig, d.h. wir werden ständig mit dem (fiktiven oder realen) Tod anderer, Fremder, konfrontiert (z.B. in Filmen, in Nachrichten). Dieser Tod als Sekundärerfahrung ersetzt zunehmend den Tod als Primärerfahrung, d.h. die unmittelbare Erfahrung mit dem Tod (vgl. Feldmann 2011, Scherrer 2014: 11).

Die Einstellung zum Tod und zum Sterben wird in jeder Epoche vom Zeitgeist, den kulturellen Einflüssen, beeinflusst und bestimmt. Während der Tod in der Antike und im Mittelalter bis in die Neuzeit hinein - aufgrund der geringeren Lebenserwartung der Menschen früher und dem höheren Todesrisiko2 - für die Menschen sehr viel gegenwärtiger und bedrohlicher war, ist der Tod heute ein Tabu-Thema und das Sterben findet normalerweise im Krankenhaus statt (vgl. Zirfas 2008b: 321, Scherrer 2015: 14). Noch im 19. Jahrhundert, als es große und mehr-generationale Familien gab, war das Sterben sehr oft eine Familienangelegenheit, das v.a. zuhause stattfand und die Familienmitglieder samt Kinder einschloss (vgl. Scherrer 2015: 14).

Die Philosophie hat sich seit ihren Anfängen in der griechischen Antike mit dem Tod, mit seiner Bedeutung und mit seinem Umgang, beschäftigt. Es wäre übertrieben, wenn man behauptet würde, dass der Tod das Thema der Philosophie schlechthin gewesen wäre, aber zumindest ist dieses Thema durchgängig von zahlreichen Denkern behandelt worden (vgl. Wittwer 2009: 7). Darunter sind bekannte Philosophen der Antike wie Platon, Epikur und Seneca sowie Philosophen des Mittelalters und der Moderne, wie Michel de Montaigne, David Hume, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Karl Jaspers, Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre (vgl. Wittwer 2014).

Fester Bestandteil der „philosophischen Thanatologie“ (philosophische Lehre vom Tod) - also jene Fragen, die diskutiert worden sind - sind folgende: (1) Was ist der Tod, (2) ist der Tod gut oder schlecht oder weder noch?, (3) soll man den eigenen Tod fürchten?, (4) wie soll man sich gegenüber dem eigenen (bevorstehenden) Tod verhalten? (vgl. Wittwer 2014: 8).

Diese Bedeutung des Todes in der abendländischen Kultur hatte auch Konsequenzen für die Erziehung. In der Antike (etwa Platon) galt der Tod als der Anfang der Unsterblichkeit und eine „Erziehung zum Sterben“ beinhaltete die ständige Präsenz des Todes im Bewusstsein. Eine „Pädagogik der Todesbereitschaft“, die das Leben vom Ende her denkt, also vom Tod aus betrachtet, kann entsprechend auch ein Jenseits rechtfertigten (vgl. Zirfas 2003: 299).

Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. - 65 n. Chr.) und der französische Philosoph Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592) haben den Tod als integrativen Bestandteil des Lebens begriffen und ihn praktisch zum Ausgangspunkt der Lebensführung bzw. - bewältigung gemacht. Ziel dieser Arbeit ist es, diese beiden Konzepte in ihren wesentlichen Punkten darzustellen. In einer kritischen Reflexion soll schließlich gezeigt werden, dass die beiden Konzepte einen stark therapeutischen Charakter beinhalten. Die Grundmethode, die Seneca und Montaigne verwendeten, entspricht im Prinzip der heutigen Verhaltenstherapie, die wiederum auf dem Behaviorismus fußt. Zudem wird mit Hilfe der „Philosophie der Natalität“ (Hannah Arendt) erörtert, ob der Tod als Ausgangspunkt für die Gestaltung des Lebens geeignet ist.

Zunächst (Kapitel 2) werden einige Begrifflichkeiten und Definitionen geklärt, bevor ein Überblick über die Literatur gegeben wird, die sich mit dem Tod aus einer philosophischen Perspektive3 beschäftigt. Hierbei sollte aufgrund der Kürze der Arbeit nachvollziehbar sein, dass er nicht vollständig sein kann. In Kapitel 3.1 und 3.2 werden dann die philosophischen (Todes-) Konzeptionen von Seneca und Montaigne dargestellt und analysiert. In Kapitel 4 folgt eine kritische Reflexion der beiden Konzepte und es wird ein Zusammenhang mit dem Grundprinzip der Verhaltenstherapie aufgezeigt. Dies ist zumindest eine These, die der Autor in dieser Arbeit vertritt und versucht zu verdeutlichen.

Die kritische Reflexion in Kapitel 4 schließt mit einer Aussicht in die „Philosophie der Natalität“ Hannah Arendts, um schließlich zu prüfen, ob der Blick auf den Tod für die Lebensgestaltung sinnvoll sein kann. In der Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Erkenntnisse in Zusammenhang gebracht.

2. Begrifflichkeiten, Definitionen und Forschungsstand

Die Todesvorstellungen waren in den verschiedenen Epochen, Kulturen und Religionen sehr unterschiedliche; jedoch weist der Begriff des Todes einen „kontextunabhängigen Bedeutungskern“ auf: Der Tod bedeutete demnach mindestens „Ende des körperlichen Lebens“ (vgl. Wittwer 2014: 8f.). Diese Minimaldefinition, oder kleinster gemeinsamer Nenner, ist Ausgangspunkt bzw. Grundlage einer Kontroverse, inwiefern nach dem Tod ein Weiterleben erfolgt oder nicht (vgl. Wittwer 2014: 9).

Tatsächlich ist der Tod eines Menschen nicht so einfach zu definieren. Medizin, Rechtsprechung, Religion und Ethik haben Probleme mit der Definition von „Tod“, weil die Grenze zwischen Leben und Tod manchmal fließend sein kann (vgl. Wittwer et al. 2010: 88ff.). Jahrhundertelang galt der Mensch als „tot“, wenn er keine Lebenszeichnen mehr von sich gab (z.B. Stillstand von Kreislauf und Atmung, fehlende Reflexe etc.). Es kam aber immer wieder vor, dass Menschen wieder „lebendig“ wurden und nur Schein-Tod waren. In Deutschland gilt heute jemand als „Tod“, wenn der Hirntod festgestellt wurde, d.h. die Funktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstammes muss irreversibel erloschen sein. Der Tod und auch das Sterben werden in den einzelnen Wissenschaften (z.B. Medizin, Sozialwissenschaften, auch Theologie) sehr unterschiedlich definiert (vgl. Borckholder 2015: 56-60).

Eine grundlegende philosophische Frage lautet: Was ist der Mensch? Um die Frage zu beantworten, was der Tod sei, und welche Stellung er im Leben eines Menschen einnimmt, hängt teilweise mit der philosophischen Frage zusammen, was der Mensch sei. Das menschliche Wesen wurde in der Philosophie sehr unterschiedlich eingeschätzt, eine entsprechende Interpretationsvielfalt finden wir daher in der Philosophie in den unterschiedlichen Epochen (vgl. Wittwer 2014: 12). Das der Tod etwas Gutes sei (was allerdings nur für „Philosophen“ gelte) wird beispielsweise von PLATON im Dialog Phaidon vertreten (vgl. Wittwer 2014: 12, 33ff.). EPIKUR hingegen sieht in dem Tod weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes (vgl. Wittwer 2014: 12, 64ff.). Die meisten Philosophen gehen von diesem „Mittelweg“ aus, während beispielsweise CICERO im Tod „das höchste Gut“ (Bericht in der Geschichte von Kleobis und Biton) sieht, und Thomas Nagel den Tod als etwas „Schlechtes“ interpretiert, da er Möglichkeiten das Leben weiter zu genießen verhindere (vgl. Wittwer 2014: 13, 242ff., Wittwer et al. 2010: 32).

Einen guten Überblick über den Tod in den verschiedenen Weltkulturen und Weltreligionen bieten von Barloewen und Hasenfratz (vgl. Barloewen 1996, Hasenfratz 2009). Einen Abriss der historischen philosophischen Thanatologie geben zum Beispiel Hügli, Choron, Scherer und Schumacher (vgl. Hügli 1998, Choron 1967, Scherer 1979, Schumacher 2004). Zur Einführung in die Thematik sind Scarre, Lacina, Wittwer (2009), Gehring, Kagan und Wittwer (2014) sehr gute und hilfreiche Beiträge (vgl. Scarre 2007, Lacina 2009, Wittwer 2009, Gehring 2010, Kagan 2012, Wittwer 2014).

Zu Werk und Leben Senecas und Montaignes im Speziellen gibt es zahlreiche Literatur.

Ausführliche Darstellungen zu Seneca findet man z.B. bei Marc Rozelaar, Villy Sorensen, und Gregor Maurach (vgl. Rozelaar 1976, Sorensen 1984, Maurach 1987, Maurach 2000). Zu Montaigne haben z.B. Madeleine Lazard, Wilhelm Weigand und Sarah Bakewell größere Beiträge geschrieben (vgl. Weigand 1985, Lazard 1992, Bakewell 2013). Dazu gibt es zu beiden Autoren noch zahlreiche Aufsätze, die unterschiedliche Aspekte ihrer Philosophie näher beleuchten, wie etwa konkret den Tod bzw. das „Sterben lernen“ (vgl. z.B. Zirfas 2008b).

[...]


1 Eine interessante Untersuchung über „Totem und Tabu“ bietet Sigmund Freud bereits 1913, der auch Naturvölker und deren Praktiken und Rituale berücksichtigt (vgl. Freud 1968).

2 Viele Erkrankungen, die früher absolut tödlich waren, sind nach heutigem medizinischen Wissen sehr gut behandelbar oder gar nicht mehr existent. Zudem war die Kindersterblichkeitsrate vergleichsweise hoch.

3 Der Tod ist mittlerweile Gegenstand vieler verschiedener Fachdisziplinen, wie der Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft, Medizin, Psychologie und Soziologie. In den letzten Jahrzehnten wuchs das Interesse der Forschung, nicht nur aus theoretischen Gründen, sondern die Untersuchung des Todes hat auch eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Héctor Wittwer, Daniel Schäfer und Andreas Frewer sehen drei zusammenhängende Faktoren für das verstärkte Interesse: Der (1) beschleunigte Wandel der „Umgangsweisen mit Sterben und Tod“, (2) das schnelle Wachstum des naturwissenschaftlich-technischen Wissens sowie (3) Eingriffsmöglichkeiten am Ende des Lebens. Dazu ist eine Diskrepanz zwischen technologischen Entwicklungsstand und der allgemein akzeptierten Moral festzustellen. Das Zusammenspiel dieser Faktoren zwingt zu einer „Neubesinnung auf das Lebensende“, welche ohne wissenschaftliche Erkenntnis nicht möglich sei (vgl. Wittwer et al. 2010: VII).

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668358447
ISBN (Buch)
9783668358454
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346548
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
Schlagworte
kontext charakter todeskonzepte senecas montaignes

Autor

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