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Wie hat sich das Verständnis von Freizeit im historischen und gesellschaftlichen Kontext verändert?

Studienarbeit 2016 25 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt:

1. Themeneingrenzung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Zeit
2.2. Arbeit
2.3. Freizeit

3. Historische Entwicklung von Arbeit und Freizeit
3.1. Frühe Stammesgesellschaften
3.2. Frühe Hochkulturen
3.3. Antike
3.4. Mittelalter
3.5. Beginn der Neuzeit
3.6. Industrialisierung
3.7. Weimarer Republik
3.8. Nationalsozialismus
3.9. Bundesrepublik Deutschland

4. Das Verhältnis von Arbeit und Freizeit
4.1. Freizeit als Gegenwelt zur Arbeit
4.2. Freizeit als Fortsetzung der Arbeit

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Themeneingrenzung

In der heute bestehenden Leistungsgesellschaft ist die Identifikation mit dem eigenen Beruf größer als je zuvor. Produktivität und Profit sollen nach Möglichkeit immer weiter ansteigen. Viele vergessen dabei, dass es auch ein Leben außerhalb der Arbeit gibt, sodass die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit weitestgehend verschwimmen.

Bei meiner praktischen Tätigkeit in der Offenen Behindertenarbeit kommt dieser Aspekt besonders stark zum Tragen, da ein Großteil der Arbeit in der Gestaltung der Freizeit liegt. Arbeitszeit und Freizeitgestaltung sind hier eng miteinander verbunden, sodass die Trennung dieser Teilbereiche nur schwer möglich ist.

Daher möchte ich mich mit den Begriffen Zeit, Arbeit, Arbeitszeit und Freizeit näher beschäftigen und diese zunächst definieren.

Da Freizeit natürlich stark von gesellschaftlichen Strukturen abhängig ist, möchte ich im zweiten Kapitel darstellen, wie sich das Verständnis dieser Begriffe sowie das Verhältnis von Arbeit und Freizeit durch gesellschaftliche Prozesse verändert haben.

Um dies möglichst übersichtlich zu gestalten, werden zur genaueren Erklärung verschiedene Epochen herangezogen, die für diese Entwicklungen im deutschsprachigen Raum relevant sind. Hier soll zunächst dargestellt werden, welche Bedeutung diese Thematik in frühen Stammesgesellschaften und Hochkulturen zukam. Auch die Antike und das Mittelalter waren von gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt und werden genauer erläutert.

Mit dem Beginn der Neuzeit folgen viele gesellschaftliche und politische Umbrüche aufeinan- der. Darunter die Industrialisierung, danach die Gründung der Weimarer Republik sowie die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, gefolgt von der Gründung Bundesre- publik Deutschland.

Im letzten Kapitel werde ich mich dem besonderen Verhältnis von Arbeit und Freizeit wid- men. Dazu werden zwei verschiedene Positionen miteinander verglichen. Zum einen die Sicht, das Freizeit eine Gegenwelt zur Arbeit darstellt, zum anderen Freizeit als Fortsetzung der Arbeit.

Zuletzt werden die getroffenen Aussagen im Fazit kurz zusammengefasst. Die Fragestellung, die der Arbeit zugrunde liegt lautet: Wie hat sich das Verständnis von Freizeit im historischen und gesellschaftlichen Kontext verändert?

2. Begriffsbestimmungen

Zunächst möchte ich die Begriffe Zeit, Arbeit und Freizeit genauer definieren, da dies die Grundlage für alle weiteren Ausführungen darstellt.

2.1 Zeit

Zeit lässt sich als soziale Tatsache verstehen. Das heißt, von der Annahme auszugehen, dass Zeit ein Produkt kollektiven Denkens und Denkens von ganzen Gruppen oder Gesellschaften ist. Zeit schließt somit nicht nur den sozialen, sondern auch den individuellen Lebenszusam- menhang der Mitglieder einer Gesellschaft ein (vgl. insgesamt Raehlmann, 2004, S. 15).

Zeit wird zwar stets individuell erlebt, hat aber trotzdem einen kollektiven Ursprung, der über das Individuum hinausreicht und bildet damit einen unpersönlichen Rahmen, der eben nicht nur die einzelne Person umfasst. Zeit muss also von allen Menschen einer Zivilisation kollektiv gedacht werden (ebd. S. 16).

Die Strukturierung in Tage, Monate und Jahre lässt sich auf die Periodizität von Riten und öffentlichen Festen zurückführen. Diese Strukturierung drückt den Rhythmus der Kollektivität einer Gesellschaft aus und verleiht ihr zugleich Regelmäßigkeit. Dies ist die Grundlage, um soziales Leben und gesellschaftliche Integration in einer Gemeinschaft überhaupt erst zu er- möglichen. Folglich würde eine Individualisierung dieser Strukturen zu gesellschaftlicher Des- integration führen und ein Zusammenleben mit anderen Menschen unmöglich machen (ebd. S. 16).

Damit ist Zeit als gesellschaftliches Konstrukt die Grundlage für die Synchronisation und Koordinierung von sozialen Handlungen innerhalb einer Gesellschaft (ebd. S. 17)

Das einzelne Individuum muss sich diese sozialen Funktionen im Prozess der Sozialisation aneignen. Die herrschende Zeitordnung wird dabei durch die aktuellen gesellschaftlichen Machtverhältnisse bestimmt. So konnte die Zeitordnung früher durch den Klerus und weltliche Herrscher gesetzt werden (ebd. S. 18).

Heute sind Reglungen in der Zeitordnung meist ein Ergebnis von Verhandlungen auf verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Ebenen, die natürlich auch traditionsgebunden sind. Damit diese Regelungen auch ihre Funktion erfüllen, ist es notwendig, dass sie von der Bevölkerung als legitim erachtet, anerkannt und befolgt werden (ebd. S. 18).

Die Bindung an bestehende Machtverhältnisse fördert aber gleichzeitig die Entstehung sozialer Ungleichheit, da die damit verbundenen Status- und Schichtunterschiede zu einem Abhängigkeitsverhältnis führen, welches es ermöglicht, über die Zeit anderer, in Form von Terminen oder Fristen, zu verfügen (vgl. insgesamt Raehlmann, 2004, S. 18).

Die Anforderungen, die an die gesellschaftliche Zeitordnung gestellt werden, sind besonders vom System der gesellschaftlichen Arbeit geprägt (vgl. Raehlmann, 2004, S. 18). Deshalb soll der Begriff der Arbeit im folgenden Kapitel genauer erläutert werden.

2.2 Arbeit

Arbeit und die Identifikation mit dem eigenen Beruf stellt für den Menschen eine wichtige Grundlage seiner Existenz dar. Außerdem ist Arbeit für Befriedigung menschlicher Grundbe- dürfnisse notwendig. Arbeit lässt sich daher zunächst einmal als eine Form des menschlichen Kampfes gegen die Natur darstellen. Dieser Kampf dient dem Menschen zur eigenen Existenz- sicherung durch die Beschaffung erforderlicher Lebensmittel (vgl. insgesamt Raehlmann, 2004, S. 23 ff.).

Darüber hinaus lässt sich der Begriff der Arbeit durch weitere Unterscheidungsmerkmale cha- rakterisieren, welche den Menschen vom Tier unterscheidet. Zunächst ist menschliche Arbeit immer zielgerichtet und erfüllt einen bestimmten Zweck, was eine Organisation des Arbeits- prozesses erst ermöglicht. Außerdem ist der Mensch in der Lage, diese zielgerichtete Tätigkeit unter Zuhilfenahme selbst hergestellter Werkzeuge, zu bewältigen. Menschliche Arbeit zeich- net sich zudem durch eine Wechselbeziehung mit anderen Menschen aus. Das Individuum wirkt nie allein auf die Natur ein, sondern auch auf die Menschen, die Teil des Systems sind. Produk- tive Prozesse können also nur in Kooperation mit anderen Menschen vollzogen werden (ebd. S. 27f.).

Obwohl menschliche Arbeit sowohl eine persönlichkeits-, gesellschafts- und geschichtsbil- dende Funktion einnimmt, wird sie häufig unter rein ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Demnach ist Arbeit eine zweckmäßige Tätigkeit zur Produktion von Gebrauchswerten. Da diese Sichtweise die Arbeit auf den reinen Produktionsfaktor beschränkt, können viele Tätig- keiten und Berufe, wie zum Beispiel Politiker, Künstler oder Forscher, nicht zweifelsfrei als Arbeit bezeichnet werden. Dies liegt daran, dass die Definition von Arbeit meist eine eher un- freie und angeleitete Beschäftigung im Sinne eines Lohnarbeiters meint (ebd. S. 27 ff.).

Die Gleichsetzung von Arbeit und Erwerbsarbeit scheint daher in der modernen Gesellschaft, die von ökonomischen Strukturen dominiert wird, ein Problem zu sein. Die Problematik besteht darin, dass dabei alle Arbeiten ausgeblendet werden, die überhaupt erst die Voraussetzungen für Erwerbsarbeit schaffen. Hierzu gehören vor allem Aufgaben, die in den Bereichen der Erziehung, Betreuung, Pflege und Hausarbeit liegen und zum Großteil von der weiblichen Bevölkerung bewerkstelligt werden. (vgl. insgesamt Raehlmann, 2004, S. 29).

Diese Tätigkeiten müssen zweifelsfrei auch der Arbeit zugerechnet werden, obwohl sie aus ökonomischer Sicht zu vernachlässigen wären. Deshalb kann Arbeit nicht mit Erwerbsarbeit gleichgestellt werden.

Im nächsten Kapitel wird genauer auf den Begriff der Freizeit, welcher auch meist mit dem Begriff der Arbeit zusammenhängt, eingegangen.

2.3 Freizeit

Eine eindeutige Definition des Freizeitbegriffs scheint schwierig zu sein. Unter vielen verschiedenen Definitionsversuchen scheint sich aber eine gemeinsame Basis herauszukristallisieren. Es liegt nahe eine negative Definition von Freizeit zu wählen. Freizeit stellt demnach eine Zeitspanne dar, in der das Individuum nicht mit Schlafen, Essen, Hygiene, Wege- und Wartezeiten sowie Berufs- oder Familienarbeit, beschäftigt ist (vgl. insgesamt Schmitz-Scherzer, 1974, S.11). Freizeit stellt somit eine Restkategorie der Zeitverwendung dar, die frei von Zwängen, Pflichten oder Bedürfnissen ist (vgl. Prahl, 1977, S. 16ff.).

Dies kann aber für eine Definition von Freizeit nicht ausreichen, da sie sonst mit freier Zeit gleichzusetzen wäre, was umgangssprachlich auch häufig der Fall ist. Allerdings geht die Bedeutung des Freizeitbegriffes darüber hinaus (ebd. S. 18).

Während freie Zeit nur ein zeitliches Restbudget beschreibt, dass durch die Subtraktion der oben erwähnten Zeitbudgets entsteht, hat Freizeit für das Individuum auch einen subjektiven Wert. Freie Zeit beschreibt hierbei objektiv freie Zeit, von der alle Notwendigkeiten, die von außen kommen, abgezogen wurden (ebd. 18f.).

Freizeit unterscheidet sich darin, dass auch subjektiv erlebte Anforderungen entfallen, welche vom Individuum als Zwang oder Verpflichtung begriffen werden. Freie Zeit ist daher wissenschaftlich als objektiv, Freizeit als subjektiv zu betrachten. Daraus folgt, dass gewöhnlich weniger Freizeit als freie Zeit vorhanden ist (ebd. 18f.).

Freie Zeit bildet somit den klassischen Gegensatz zur Arbeitszeit. Diese Interpretation von Frei- zeit findet auch in den meisten negativen Definitionsversuchen Verwendung. Da diese Sicht allerdings sehr auf die berufliche Arbeit abzielt, wird Freizeit oft auch weiter gefasst. Sie kann allgemein als das Freisein von allen gesellschaftlichen Rollenzwängen verstanden werden (vgl. insgesamt Prahl, 1977, S. 19f.).

Freizeit hat außerdem einen Sinn für die Gesellschaft und kann daher auch als gesellschaftlicher Bereich verstanden werden. Diese Definition bestimmt Freizeit nicht über Zwänge, sondern sieht Freizeit als eigenen strukturellen Sektor und Lebensbereich, der eine Eigendynamik ent- wickelt. Diese Sichtweise schließt allerdings historische Faktoren aus. Die Eigendynamik soll bei dieser Theorie durch beobachtbare gesellschaftliche Trends bewiesen werden. Diese Erklä- rungen sind aber auf Grund der fehlenden Abgleichung mit der Realität und historischen Fakten nicht stimmig. Allgemein dient Freizeit gesellschaftlich gesehen der Reproduktion von Arbeits- kraft. Das Zeitbudget lässt sich demnach in produktive und reproduktive Zeit einteilen (ebd. S. 21 ff.).

Die positive Deutung von Freizeit ist weitaus schwieriger, da die oben beschriebene Restkate- gorie genauer benannt werden muss. Sie kann in diesem Zusammenhang als selbstbestimmte oder private Zeit deklariert werden. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass ein Individuum selbstbestimmt nach Entspannung, Zerstreuung, sozialer Teilhabe oder der Entfaltung seiner Kreativität sucht. Freizeit ist darüber hinaus Zeit der individuellen Erfüllung, Menschenwürde und zusätzlich ein Emanzipationsraum. Diese Aufzählungen sind allerdings noch nicht ab- schließend, geben aber einen ersten Überblick über die positiven Funktionen der Freizeit (ebd. S. 21).

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Details

Seiten
25
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668357884
ISBN (Buch)
9783668357891
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346527
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thürigen in Gera)
Note
2,9
Schlagworte
Arbeit Freizeit Soziologie Freizeitsoziologie

Autor

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