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Soziale Ungleichheiten im deutschen Schulsystem und schulentwicklungsförderliche Anregungen

Auswirkung der Bildungsinstitution Schule auf die gesellschaftliche Produktion sozialer Ungleichheit

Hausarbeit 2016 22 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen sozialer Ungleichheit in der Bildungsorganisation Schule
2.1 Güterarten nach Bourdieu (1983)
2.2 Der Zusammenhang von Bildungsorganisationen und der Verteilung von Kapital
2.3 Der Zusammenhang der Bildungsorganisation Schule und sozialer Ungleichheit

3. Empirische Erhebungen über den Zusammenhang von Lernerfolg und sozialer Ungleichheit in der Bildungsorganisation Schule
3.1 Lernerfolg und sozialer Status im Zusammenhang mit der Schul- und Klassengröße
3.2 Lernerfolg und soziale Zusammensetzung der Schule

4. Schulentwicklungsförderliche Anregungen zur Reduktion sozialer Ungleichheit in der Bildungsorganisation Schule
4.1 Leistungsdifferenzierung innerhalb einer Schule
4.1.1 Grouping
4.1.2 Tracking
4.2 Diskussion und Reflexion

5. Zusammenfassung und Ausblick

Bibliografie

1. Einleitung

Die Gesellschaft ist seit jeher mit unterschiedlichen Begriffsdefinitionen beschrieben worden. Im Zuge des industriellen Fortschrittes wurde sie bereits als industrielle Gesellschaft betitelt, des Weiteren als Wissensgesellschaft benannt und einige Wissenschaftler wie zum Beispiel Türk (2015, S. 8) fügen die Bezeichnung Organisationsgesellschaft hinzu. Organisationen sind zentrale Elemente der modernen Gesellschaft, mit deren Hilfe gesellschaftliche Strukturen hervorgebracht werden können. Sie bestimmen viele Bereiche des öffentlichen und des privaten Lebens. Zu den Bildungsorganisationen zählen unter anderem Universitäten oder Schulen. Letztere „produzieren Wissen und Bildungszertifikate, die ihren lernenden Mitgliedern unterschiedliche Mobilitätschancen in der Gesellschaft eröffnen“ (Lengfeld, 2015, S. 11).

Bildung erhält in der modernen Gesellschaft eine hohe Relevanz und in diesem Zusammenhang wird seit mehr als fünfzig Jahren die soziale Zusammensetzung der Bildungsinstitution beziehungsweise der Bildungsorganisation Schule analysiert und diskutiert. Gemäß Solga (2008) werden in Deutschland individuelle Erfolge im Bildungssystem unter Berücksichtigung erzielter Bildungsabschlüsse gemessen. Letztere werden zur Ermessung der Verteilung von Chancengerechtigkeit in Bezug auf eine ökonomische und soziale Teilhabe an der Gesellschaft herangezogen. Wie Ahnfeldt (o.J.) beschreibt, ist der Bildungserfolg in Deutschland vom sozialen Hintergrund der Eltern abhängig, was in anderen Ländern nicht so drastisch ausgeprägt ist. Diese Leistungsunterschiede im Bildungssystem im Zusammenhang mit der sozialen Ungleichheit belegen Studien wie zum Beispiel die PISA-Studie (OECD, 2012) oder Untersuchungen von Scharenberg, Gröhlich und Bos (2009). So erzielen Lernende aus sozial schlechter gestellten Elternhäusern oftmals geringere Bildungsresultate als Schülerinnen und Schüler aus besser gestellten Herkunftsfamilien. Auch belegen die genannten Studien, dass in vielen Familien über mehrere Generationen ein ähnlicher sozioökonomischer Status bestehen bleibt und die Sozialstruktur letztendlich reproduziert wird (Maurer, 2015, S. 15).

Soziale Ungleichheit ist gegeben, wenn

Menschen aufgrund ihrer Stellung zu anderen in einer Gesellschaft von allgemein begehrten knappen Gütern regelmäßig mehr als andere erhalten und damit über bessere Chancen zur Gestaltung ihres Lebens verfügen (Lengfeld, 2015, S. 11.)

Das kann verschiedene Arten von Gütern betreffen, wie zum Beispiel materielle oder immaterielle Güter. Zu ersteren zählen beispielsweise das Einkommen und Kapital; letzteres umfasst unter anderem Aspekte wie Bildungstitel, soziales Ansehen und Mitspracheeinfluss (ebd.).

Folglich stehen Schule und soziale Ungleichheit in einem Zusammenhang. Dieser wird in der vorliegenden Hausarbeit detailliert betrachtet und die Fragen analysiert, inwiefern sich die Bildungsinstitution Schule auf die gesellschaftliche Produktion sozialer Ungleichheit auswirkt und, welche möglichen schulentwicklungsförderlichen Anregungen diesbezüglich in einen wissenschaftlichen Diskurs involviert werden könnten.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wurde die Hausarbeit folgender Maßen gegliedert: Im zweiten Kapitel wird zunächst der Kapitalbegriff nach Bourdieu (1983) als Ausgangspunkt für die Reproduktion sozialer Ungleichheit erläutert und im Anschluss der Zusammenhang von Bildungsorganisationen und der Verteilung von Kapital verdeutlicht. Im dritten Kapitel erfolgt die Vorstellung von empirischen Studien über die Verbindung von sozialer Ungleichheit und Lernerfolgen im Schulsystem und mögliche Ursachen der Studienresultate werden präsentiert. Das vierte Kapitel diskutiert schulentwicklungsförderliche Anregungen für einen erfolgreichen Bildungsverlauf und versucht, die Leitfragen der vorliegenden Arbeit zu beantworten. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und Ausblick im fünften Kapitel ab.

2. Grundlagen sozialer Ungleichheit in der Bildungsorganisation Schule

2.1 Güterarten nach Bourdieu (1983)

Bourdieu (1983) formuliert mehrere Überlegungen zum Kapitalbegriff und differenziert unterschiedliche Güterarten. Nach Bourdieu (ebd.) ist das Besitzen von Kapital für eine ungleiche Verteilung von Lebenschancen maßgeblich verantwortlich. Neben dem ökonomischen Kapital (Vermögen, Geld) werden drei weitere Kapitalarten definiert: das kulturelle, das symbolische und das soziale Kapital. Letzteres wird in der vorliegenden Arbeit aus Gründen der Irrelevanz in Anbetracht des gewählten Themas nicht weiter ausgeführt.

Unter ersterem wird die Verfügung über ein Allgemeinwissen verstanden, das in einer Person inkorporiert ist; zudem die Verfügung über formale Bildungstitel wie beispielsweise Schul- und Hochschulabschlüsse. Des Weiteren zählen hierzu Kunstobjekte, die mithilfe von ökonomischem Kapital in den eigenen Besitz übergehen können. Wissen oder Abschlüsse können nicht ausschließlich auf diese Art und Weise angeeignet werden; um sie zu erwerben, bedarf es Anstrengungen intellektueller Form sowie zeitliche Investitionen. Ökonomisches Kapital hilft hier bei einer möglicherweisen Überbrückung der Erwerbslosigkeit (ebd.).

Das symbolische Kapital beschreibt das Ansehen beziehungsweise Prestige, das Individuen von anderen Personen aufgrund der Summe ihrer anderen Kapitalien zugeschrieben wird. In der Regel ist diese Anerkennung bei Berufen wie zum Beispiel Richter oder Arzt aufgrund der gesellschaftlich meistens positiv anerkannten Profession hoch (ebd.).

Um dem Thema der vorliegenden Arbeit gerecht zu werden, sollen nach dieser vorangestellten Verständnisbasis die Güterarten in einen konkreten Bezug zur Bildungsorganisation beziehungsweise Bildungsinstitution Schule und später zur sozialen Ungleichheit gesetzt werden.

2.2 Der Zusammenhang von Bildungsorganisationen und der Verteilung von Kapital

Als zentrale Elemente der Gesellschaft bestimmen Organisationen viele Lebensbereiche und beeinflussen „die gesellschaftliche Verteilung von Lebenschancen“ (Lengfeld, 2015, S. 11). Letzteres trifft auf Produktions- und Verhandlungsorganisationen zu. Zu den Verhandlungsorganisationen können Mitbestimmungsorganisationen oder Interessenverbände zugeordnet werden. Zu ersteren zählen zum Beispiel zivilgesellschaftliche, Bildungs- und Arbeitsorganisationen. Als Produktionsorganisationen stellen Bildungseinrichtungen Wissen und Bildungsabschlüsse bereit und weisen unterschiedliche Charakteristika auf. Konkret kann eine Bildungsorganisation definiert werden als „eine Einrichtung der Produktion und Distribution von kulturellem Kapital“ (ebd., S. 96). Ihre Aufgabe ist es, „Wissen an ihre Mitglieder“ zu vermitteln und „Bildungserfolg in Form von formalen Bildungstiteln“ zu erfassen (ebd.). Staatliche und staatlich anerkannte Einrichtungen wie beispielsweise Kindertagesstätten und -gärten, allgemeinbildende Schulen, Berufs- oder Hochschulen gehören zu den Bildungsorganisationen. Der Wissenserwerb ist in diesen Bildungsorganisationen an Lehrpläne gekoppelt, folglich also standardisiert. „Diese Lehrpläne, die in politischen Entscheidungsprozessen beschlossen wurden, setzen den individuellen Bildungsorganisationen verbindliche Rahmenbedingungen des jeweils eigenen Handelns“ (ebd.).

Bildungsorganisationen haben letztendlich Einfluss auf die Verteilung kulturellen Kapitals in Form von Wissen und Bildungsabschlüssen. Des Weiteren können sie symbolisches Kapital hervorbringen wie zum Beispiel das Organisationsprestige, das die jeweiligen Absolventinnen oder Absolventen in ökonomisches Kapital transferieren können (ebd.).

2.3 Der Zusammenhang der Bildungsorganisation Schule und sozialer Ungleichheit

Soziale Ungleichheit kann materieller oder immaterieller Art sein und besteht, wenn einige Menschen mehr von Gütern erhalten und somit eine Verbesserung der Lebensgestaltungschancen vorliegt (Lengfeld, 2015, S. 11). Ein Kausalverhältnis zwischen Anstrengungen eines Lernenden (Explanans) und den zukünftigen Lebenschancen (Explanandum) erklärt sich folgender Maßen: „Welche Lebenschancen eine Person in der modernen Erwerbsgesellschaft besitzt, hängt zu großen Teilen davon ab, welches Ausmaß an Bildung sie sich während der Schulzeit angeeignet hat“ (ebd., S. 151).

Seitdem die Bildungssysteme in Industriestaaten seit Beginn des 20. Jahrhunderts vermehrt für die untere soziale Schicht geöffnet wurden, kam es zu einem Anstieg des Bildungsniveaus, weil nun zunehmend Kinder aus der Mittelschicht das Abitur absolvieren. Dennoch hängen die Bildungschancen vor allem im Deutschland beträchtlich vom sozialen Hintergrund der Eltern ab. Der soziologischen Bildungsforschung zu Folge werden Bildungschancen „zu einem erheblichem Maße sozial vererbt“ (ebd., S. 152). Der angestrebte Abschluss ist letztendlich oftmals mit dem soziökonomischen Status der Eltern verbunden und die soziale Herkunft kann als „der primäre Ungleichheitsfaktor“ hervorgehoben werden, durch den die Chancen der Kinder beeinflusst werden (ebd., S. 152).

Sekundäre Effekte resultieren aus dem Bildungssystem selber, in dem der Wissenserwerb erfolgt. Es gibt zwei Einflussfaktoren, die hier eine Rolle spielen: die institutionellen und die organisationsstrukturellen Eigenschaften. Erstere umfassen beispielsweise unterschiedliche Schulformen und das Alter der Lernenden beim Eingang in die entsprechende Schulform. Letztere beinhalten die Strukturen der jeweiligen Bildungsorganisation. Über die institutionellen Rahmenbedingungen des Schulsystems entscheidet keine alleinige Bildungsorganisation, sondern die Politik eines Bundeslandes beziehungsweise eines Landes, die entsprechende Vorgaben formuliert. Letztere müssen in die Praxis überführt werden. Abhängig von dem Freiraum der vorgegebenen Regeln kann der Einfluss der Schule auf die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler variieren (ebd.).

Welche Resultate empirische Studien zur sozialen Ungleichheit und dem Lernerfolg ermittelt haben, wird im folgenden Kapitel konkretisiert.

3. Empirische Erhebungen über den Zusammenhang von Lernerfolg und sozialer Ungleichheit in der Bildungsorganisation Schule

Seit langem befassen sich vor allem Bildungswissenschaftler in den USA intensiv mit der Frage, „wie man den Einfluss der primären Ungleichheitseffekte auf den Bildungserfolg reduzieren und damit zu mehr Bildungsgerechtigkeit (…) gelangen kann“ (Lengfeld, 2015, S. 154). Im Folgenden werden somit zunächst Studienresultate aus den USA dargestellt, bevor ein Bezug zu Deutschland erfolgt. Thematisiert werden der Einfluss der Schul- und Klassengröße auf die Lernleistung unter besonderer Berücksichtigung des sozioökonomischen Status sowie die soziale Zusammensetzung als Beeinflussung für den Lernerfolg.

3.1 Lernerfolg und sozialer Status im Zusammenhang mit der Schul- und Klassengröße

Der Einfluss der Organisationsgröße auf die Bildungschancen kann unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden. Zum einen ist die Anzahl der Lernenden in einer Klasse, zum anderen die Größe der Schule relevant.

Es gibt mittlerweile unzählige Studien über den Größenfaktor der Schule (Cotton, 1996; Weissleder, 1997). Die meisten empirischen Befunde treffen die Aussage, dass kleinere Schulen sich besser auf die Bildungsgleichheit auswirken können als größere. So gelten die sozialen Beziehungen unter den Lehrenden und Lernenden als persönlicher und wirken sich daher positiv auf die Lernatmosphäre und den -erfolg aus (ebd.).

Einzelne empirische Untersuchungen wie zum Beispiel die Studien von Caldas (1987) und Fowler (1995) formulieren keinen Einfluss der Schulgröße auf die Leistungen der Lernenden. Andere Erhebungen dagegen zeigen einen positiven Effekt zwischen Schulgröße und Lernerfolg. Je größer die Bildungsorganisation Schule ist, desto besser sind die individuellen Lernleistungen (Haller et. al., 1990; Ornstein, 1993). Diese Aussage kann mit der Tatsache in Verbindung stehen, dass größere Schulen über ein höheres Budget pro Kopf als kleinere Schulen verfügen. In diesem Zusammenhang können qualifizierte Lehrkräfte eingestellt und die Unterrichtsinhalte flexibel variiert werden. Des Weiteren sinken so die Kosten für organisatorische und verwaltungstechnische Bereiche (ebd.). PISA-Studien haben unter anderem in den Jahren 2000 und 2003 die gleichen Forschungsfragen analysiert. Hier wird festgestellt, dass die schulische Leistung mit steigender Anzahl der Lernenden verbessert wird (ebd.).

Erklärbar sind diese Diskrepanzen aus den Studienresultaten durch verschiedene Ansätze. Zum einen haben Lee und Smith (1997) in einer empirischen Erhebung erfasst, dass der Lernerfolg bis zu einer Anzahl von 760 Lernenden steigt, danach jedoch wieder sinkt, was mit der zunehmenden Anonymität und der fehlenden Identifikation mit der Bildungsorganisation erklärt werden könnte (Lengfeld, 2015, S. 157).

Der zweite Erklärungsansatz liegt darin begründet, „dass der Schulgrößen-Leistungseffekt mit der sozioökonomischen und ethnischen Herkunft der Kinder variiert“ (ebd., S. 158). Mit zunehmender Größe der Schule sinken die Leistungen der Kinder, deren Eltern sozioökonomisch gesehen über einen schlechten Status verfügen. Nach Aussage der Studien kann der Effekt besser in kleineren als in größeren Schulen vermindert werden (Fowler, 1995; Lee & Smith, 1997). In kleinen Schulen beteiligen sich Lernende aktiver an Kursen oder Aktivitäten außerhalb des institutionellen schulischen Rahmens. Das Engagement verteilt sich auf weniger Schülerinnen und Schüler und ist daher pro Person höher; an größeren Schulen gibt es deutlich mehr passive Kinder, weil die Einzelnen nicht so sehr zur Erreichung eines Ziels benötigt werden (ebd.).

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Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668357334
ISBN (Buch)
9783668357341
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346408
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
soziale Ungleichheit Chancengerechtigkeit Bildungsorganisation Schule kulturelles Kapital Produktionsorganisation Bourdieu Grouping Tracking

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Titel: Soziale Ungleichheiten im deutschen Schulsystem und schulentwicklungsförderliche Anregungen