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Die Relation zwischen Habitus und sozialen Feldern nach Pierre Bourdieu

Hausarbeit 2016 10 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Habitustheorie

3. Die Feldtheorie

4. Gegenüberstellung von Habitus und Feld

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der im Jahr 2002 verstorbene französische Ethnologe und Soziologie Pierre Bourdieu hat mit seinen unzähligen Werken die Sozialwissenschaft maßgeblich beeinflusst und seine Schriften etablierten ihn zu einem bedeutenden Sozialwissenschaftler der modernen Zeit. Mit seinem Tod „[…] verlor die Welt ihren vielleicht fruchtbarsten, innovativsten und einflussreichsten Anthropologen des 20. Jahrhunderts.“ (Waquant 2003: 17). Durch seine theoretischen Auffassungen und Publikationen, vor allem aber auch durch seine ‚Theorie der Praxis‘ erlangte er weltweite Bekanntheit und die umfangreiche Fachliteratur, die sich mit seinen Theorien beschäftigt, beweist seine starke Einflussnahme und Präsenz auch nach seinem Tod hinaus. Bourdieus theoretische Konstrukte werden nicht nur in den Sozialwissenschaften herangezogen, sondern finden auch interdisziplinär, beispielsweise in den Wirtschafts- und Kulturwissenschaften, ihre Anwendung, was ebenfalls erneut demonstriert, wie bedeutsam und vielschichtig Bourdieus Konzepte und Forschungen sind. Die Relevanz dieser Themenwahl resultiert aus der Tatsache, dass in der Soziologie vermehrt die soziale Praktiken in das Blickfeld genommen werden. Bourdieus Ansätze zur Erklärung sozialer Praxis werden in unterschiedlichsten Disziplinen und Bereichen mit großer Variationsbreite heftig debattiert, rezipiert sowie laufend weitergeführt und interpretiert und die von ihm geprägten Begriffe wie beispielsweise Habitus oder Feld in zahlreichen soziologischen Untersuchungen integriert. Seine facetten- und umfangreichen Ansätze sowie seine komplexen Ausführungen lassen es im Rahmen dieser Hausarbeit nicht zu, die gesamte Theorie mit allen spezifischen Begrifflichkeiten vorzustellen, weswegen an dieser Stelle vor allem der Habitus, das soziale Feld sowie die Generierung von Praxis im Fokus der Betrachtung liegen. Weitere Termini, die für das Verständnis relevant sind können aufgrund ihrer Komplexität nicht in ihrer vollen Fülle bearbeitet werden. Es wird dennoch versucht, diese trotz begrenzter Ausführungsmöglichkeiten anschaulich darzustellen und zu verknüpfen. Vorliegende Hausarbeit stützt sich zum größten Teil auf das dritte (Strukturen, Habitusformen und Praktiken) und vierte (Glaube und Leib) Kapitel aus Bourdieus „Sozialer Sinn“ (1987). Ziel dieser Ausführung ist primär herauszufinden, wie Habitus und soziale Felder für die Generierung von sozialer Praxis verantwortlich sind beziehungsweise inwiefern und wie eine Wechselwirkung zwischen diesen drei Termini stattfindet oder stattfinden kann. Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen werden zu Beginn dieser Hausarbeit das Habituskonzept sowie die Feldtheorie einer intensiveren Betrachtung unterzogen und erläutert. Im nächsten Schritt werden die beiden Begrifflichkeiten Feld und Habitus einander gegenübergestellt um die Verbindungen, Wechselwirkungen sowie die Resultate dieser klar darstellen zu können. Abschließend werden die wichtigsten Aspekte und Erkenntnisse im Fazit auf den Punkt gebracht, um der Frage auf den Grund zu gehen, inwiefern beziehungsweise wie die Wechselwirkung zwischen Habitus und Feld soziale Praxis generieren kann.

2. Die Habitustheorie

Als einen der grundlegendsten Begriffe in Bourdieus ‚Theorie der Praxis‘ ist der Habitus zu nennen. Jedoch wird dieser in seinen vielen Ausführungen an keiner Stelle explizit ausformuliert beziehungsweise definiert, sondern immer wieder mit anderen Formulierungen erläutert und ergänzt. An dieser Stelle wird nun der Ausdruck genauer untersucht und eine nachvollziehbare Zusammenfassung über diesen erstellt.

Bourdieu kritisiert die Grenzziehung zwischen Objektivismus und Subjektivismus und versucht diese durch die Einführung des Habituskonzepts zu überwinden. Die Habitusformen sind zu verstehen als ein

„[…] System dauerhafter und übertragbarer Dispositionen, als strukturierte Strukturen, die wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen […], d. h. als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlagen für Praktiken und Vorstellungen [zu fungieren, SE] […]“ (Bourdieu 1987: 98 [Hervorh. d. Verf.]).

Dispositionen sind in der Theorie Bourdieus als Wahrnehmungs-, Denk-, und Handlungsschemata zu verstehen, in denen alle inkorporierten Erfahrungen, die ein Mensch im Lauf seines Lebens gemacht hat, verankert und präsent sind (vgl. ebd.: 101) und somit zum festen Bestandteil einer Person werden. Daraus lässt sich schließen, dass der Habitus nicht angeboren, sondern gesellschaftlich bedingt ist, auf Erfahrungen beruht, die wiederum die Basis dafür bilden, wie späteres Erleben wahrgenommen und beurteilt wird. Die Sichtweisen und Praktiken der Menschen hängen also von ihrem spezifischen Habitus ab, der durch die Geschichte entstanden ist. Dem Habitus wird somit eine Doppelfunktion zugesprochen: er generiert soziale Praxis, indem er Verhaltensgrundlagen für Praktiken und Vorstellungen bereitstellt, also den Rahmen möglicher Praktiken für bestimmte Individuen oder Gruppen absteckt; stellt aber zugleich auch die erzeugte, strukturierte Praxis dar, da er von den erworbenen Existenzbedingungen geprägt wird (vgl. Jäger 2004: 175). Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von modus operandi, also von der strukturierenden Struktur und opus operatum, der strukturierten Struktur des Habitus und somit wird die Praxis zum Ort der Dialektik von opus operatum und modus operandi, d.h. von objektivierten und inkorporierten Ergebnissen der historischen Praxis (vgl. Bourdieu 1987: 98). Dabei stellt sich jedoch die Frage, inwiefern die bewusste Wahl zu einer Handlung berücksichtigt wird. Die bewusste Chancenabwägung ist die Abwägung von objektiven Möglichkeiten bezogen auf Zukünftiges. Hierbei bestimmen allerdings die inkorporierten Dispositionen was überhaupt als Möglichkeit angesehen werden kann. Unwahrscheinliche Praktiken werden vor der näheren Überprüfung sofort der Ordnung des Habitus unterworfen und werden als undenkbar deklariert (vgl. ebd.: 99f). Der Habitus fungiert folglich insofern als Rahmen, als dass er innerhalb diesem beliebig viele Gedanken, Wahrnehmungen, Bewertungen und Handlungen hervorbringen kann, aber diese stets durch Grenzen seiner eigenen Erzeugung zugrunde liegen: Der Habitus besitzt demnach eine unbegrenzte Fähigkeit bei begrenzter Freiheit (vgl. ebd.: 103). Die einzelnen Praktiken sind infolgedessen nicht vollständig durch den Habitus determiniert, sondern er dient nur als Festlegung von möglichen beziehungsweise unmöglichen Praxisformen, legt aber nicht spezielle Praktiken an sich fest. Ein weiterer wichtiger Aspekt hierbei ist, dass die Dispositionen im Habitus weitestgehend unbewusst sind, da die Geschichte als solche vergessen wird und somit zu etwas ganz Natürlichem und Selbstverständlichem wird, ohne diese ständig hinterfragen zu müssen:

„Als einverleibte, zur Natur gewordene und damit als solche vergessene Geschichte ist der Habitus die wirkende Präsenz der gesamten Vergangenheit, die ihn erzeugt hat. Deswegen macht gerade er die Praktiken relativ unabhängig von den äußeren Determiniertheiten der unmittelbaren Gegenwart.“ (Bourdieu 1987:105 [Hervorh. d. Verf.])

Äußere Kräfte der Gegenwart haben also nur insofern Einfluss auf den Habitus, wie es der geschichtlich geprägte Habitus mitsamt seinen Dispositionen erlaubt.

Der Habitus ist zusammenfassend zu verstehen als eine Grundhaltung zu sich selbst und zur sozialen Welt. Er beinhaltet bestimmte Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster, welche viele Möglichkeiten zum Handeln und Beurteilen liefern, zugleich aber auch die Grenzen des Denkens und Tuns bestimmen. Er legt fest, was für Individuen zur Selbstverständlichkeit wird und nicht mehr hinterfragt werden muss. Die Dispositionen sind jedoch nicht angeboren, sondern entstehen aus der historischen Praxis, aus den Erfahrungen die ein Mensch macht. Er ist zugleich strukturierende Struktur als auch strukturierte Struktur. Erstere in dem Sinne, indem er für die Generierung von Praxis verantwortlich ist, letztere, indem er erzeugte Praxis darstellt.

Nachdem nun das Habituskonzept vorgestellt wurde, wird sich im nächsten Punkt der Feldtheorie gewidmet, um schließlich die Verbindung zwischen beiden Konzepten beziehungsweise Begriffen aufzeigen zu können.

3. Die Feldtheorie

Felder haben einen abgrenzbaren Gegenstandsbereich und somit kann zwischen beispielsweise wissenschaftlichen, politischen oder juristischen Feldern unterschieden werden. Hierbei muss man sich aber Felder metaphorisch vorstellen und nicht als wirklich existente, abgrenzbare Bereiche. Sie sind vielmehr „[…] willkürliche und künstliche soziale Konstruktion[en, SE] […]“ (Bourdieu 1987: 123). Dadurch, dass sich die Felder in ihrem Gegenstandsbereich unterscheiden, lässt sich auch erklären, dass sie jeweils anderen Regeln und Logiken folgen (vgl. ebd.). Die verschiedenen Akteure innerhalb der sozialen Felder besitzen einen praktischen Sinn, einen „Sinn für das Spiel“ (vgl. ebd.: 122), der den Akteuren dabei hilft, sich in das Feld zu integrieren und den Regeln und Erfordernissen zu folgen und die Vorgänge und Strukturen im Feld als subjektiv sinnvoll anzusehen. Bourdieu vergleicht demzufolge soziale Felder mit Spielen (vor allem mit Sportarten), wobei man sich aber - im Gegensatz zu Spielen - so konstatiert er, sich nicht bewusst zur Teilnahme als Akteur in einem Feld entscheidet, sondern vielmehr hineingeboren wird (vgl. ebd.: 123). Durch die Festlegung durch Geburt werden die zur Zugehörigkeit notwendigen Verhaltensweisen – Spielregeln und -abläufe – erlernt, routiniert und habitualisiert und somit als selbstverständlich angesehen. Bourdieu benutzt an dieser Stelle den Ausdruck doxa (vlg. ebd.: 125). Der Glaube an das Spiel – die illusio – bildet die Grundlage dafür, dass die objektiven Strukturen des Spiels beziehungsweise des Feldes als zielgerichtet und sinnerfüllt erfahren werden. Der Glaube an das Spiel dient als Eintrittsgeld, welches alle Felder bedingungslos voraussetzen (vgl. ebd.: 124). Würde der Glaube an das Spiel sowie der praktische Sinn nicht existieren, würden alle Handlungen absurd werden:

„Eben weil die angeborene Zugehörigkeit zu einem Feld den Sinn für das Spiel als die Kunst der praktischen Vorwegnahme der in der Gegenwart enthaltenen Zukunft mitenthält, erscheint alles, was dort vorgeht, sinnvoll […]. In der Tat braucht man nur die im Sinn für das Spiel mitenthaltene Zustimmung zum Spiel zurückzunehmen, und schon werden die Welt und das Handeln in ihr absurd […].“ (Bourdieu 1987: 123 (Hervorh. d. Verf.)]

[...]

Details

Seiten
10
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668357075
ISBN (Buch)
9783668357082
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v346325
Note
1,0
Schlagworte
Bourdieu Habitus

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