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Das entfremdete Ich. Kindheit und Weltwahrnehmung in Rilkes Lyrik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 25 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Rilkes Frühwerk
„Mädchen-Klage“
„Kindheit“ 1905/06

Rilkes mittleres Werk
Kindheit, Neue Gedichte, 1906
Das Karussell
Zusammenfassung: Rilkes Mittleres und Frühes Werk

Rilkes Spätwerk
Weihnachten 1914
Die Duineser Elegien

Zusammenfassung: Weltverständnis in Rilkes Spätwerk

Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Februar 2015 spaltet das Foto eines Kleides die Menschen in zwei Parteien: Ist das Kleid schwarz-blau oder doch eher gold-weiß? Klar ist: Unsere Wahrnehmung der Welt ist nicht so objektiv, wie wir dachten. Wenn unsere Wahrnehmung bereits auf einem Foto so subjektiv ist, wie weitreichend sind dann die Folgen für unseren Sinneseindruck der Welt insgesamt? Was ist die wahre Welt? Und vor allem: Wie können wir sicher sein, dass das, was wir sehen, tatsächlich die wahre Welt ist?

Viele Jahre vor dem Zeitalter des Internets und der „#the dress“-Debatte sah sich ein Dichter vor ähnliche Fragen gestellt. Rainer Maria Rilke beschäftigte sich ausführlich mit der menschlichen Wahrnehmung der Welt, die ihm unzureichend und oftmals falsch erschien. Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dieser Wahrnehmung von Welt und Umwelt bei Rilke. Der Schwerpunkt wird dabei auf einer Untersuchung jener Gedichte Rilkes liegen, die sich gleichzeitig mit dem Thema Kindheit auseinandersetzen.

Zum einen soll dabei herausgefunden werden, in welchem Verhältnis die Themen Kindheit und Weltverständnis bei Rilke stehen. Des weiteren soll ermittelt werden, ob sich im Verlauf Rilkes Schaffen eine Änderung in der Verbindung dieser Elemente erkennen lässt. Dazu werden jeweils zwei Gedichte von Rilkes frühen, mittleren und späten Werken untersucht. Die gewählten Gedichte sind für Rilkes Frühwerk „Mädchenklage“ und „Kindheit“, im Falle des mittleren Schaffens „Kindheit“ und „Das Karussell“ und schließlich für das Spätwerk „Vor Weihnachten 1914“ und die „Vierte Elegie“ der „Duineser Elegien“. Die Wahl der Gedichte erfolgte auf Grund ihrer thematischen Behandlung der Kindheit und ist freilich nur als exemplarisch anzusehen. Eine vollständige Untersuchung aller Kindheitsgedichte Rilkes würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Sofern nicht anders angegeben beziehen sich die Strophen- und Versangaben in Klammern jeweils auf das in dem jeweiligen Kapitel behandelte Gedicht.

Rilkes Frühwerk

„Mädchen-Klage“

Rilkes Mädchen-Klage ist Bestandteil seines Frühwerks. Sie wurde im ersten Teil der Neuen Gedichte veröffentlicht. In dem Gedicht beschreibt ein Mädchen die Kindheit und ihr heutiges Gefühl des Verstoßen-Seins und der Einsamkeit.

Das lyrische Ich beschreibt zunächst das „mild[e]“ (I.3), angenehme Gefühl „allein zu sein“ (I.3), das „wir alle“ (I.2) in der Kindheit verspürten.[1] Einsamkeit war ein angenehmer Zustand und die Welt schien verständlich: „man hatte seine Seite, / seine Nähe, seine Weite, / einen Weg, ein Tier, ein Bild.“ (I.5-7). Das lyrische Ich spricht den Leser direkt an und bezieht ihn in das Geschehen mit ein: „da wir alle Kinder waren“ (I.2). So stehen „wir alle Kinder“ im Kontrast zu den „andern“ des vierten Verses, denen „die Zeit im Streite“ ging (I.4). Da das lyrische Ich sich selbst und die Leser in die Rolle der Kinder versetzt, kann diese Opposition nur durch die Erwachsenen gebildet werden. Während das Kind eins mit sich und seiner Umwelt ist, liegen die Erwachsenen im Streit miteinander. Die Kindheit ist somit zunächst geprägt von einem friedlichen, klar definierten Dasein.

Diese Stimmung schlägt in der zweiten Strophe um. Zu Beginn sieht das lyrische Ich jene positive Erfahrung der Kindheit als Resultat der Besinnung auf sich selbst (vgl. II.3). Dadurch erscheint es ihm, als „hörte [das Leben] niemals auf zu geben“ (II.1-2). Die Frage „bin ich in mir nicht am Größten?“ erscheint dadurch fast rhetorisch. Durch die im Präteritum verfasste Aussage „und ich dachte noch“ (II.1) wird deutlich, dass diese geschützte, infantile Welt in Gefahr ist. Zwar spricht das lyrische Ich zunächst noch aus Sicht des Kindes – „Bin ich in mir nicht am Größten?“ (II.4), doch bereits mit der nächsten Frage erfolgt der Umbruch. Das lyrische Ich spricht nun wieder aus der Perspektive des Erwachsenen. In der Besinnung auf jene angenehmere Zeit fragt es, „Will mich meines nicht mehr trösten / und verstehen wie als Kind?“ (II.5-6). Die zweite Strophe macht somit deutlich, dass beim Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter ein Umbruch stattgefunden hat, der zu einem Verlust des Trostes und des Verstehens führte, die der Kindheit immanent waren. Dieser Verlust wird in der dritten Strophe weiter ausgeführt und beklagt.

Das erwachsene lyrische Ich erhält keinen Zugang mehr zu dieser Innerlichkeit, die ihm als Kind noch als Rückzugsort diente. Dadurch fühlt sich das Ich „wie verstoßen“ (III.1) aus dieser Innerlichkeit. Die Einsamkeit, die es zuvor noch als „mild“ und angenehm empfand, wird nun „zu einem Übergroßen“ (III.2). Die „Brüste Hügel“ (III.4) des Mädchens sind ein Zeichen ihres Erwachsenwerdens. Mit dem Eintritt in die Pubertät entwächst es der Innerlichkeit und des Weltverständnisses. Es kann dieses Verstoßen-Sein nicht ertragen und ihr Gefühl schreit „nach Flügeln oder einem Ende“ (III.5-6). Die Tatsache, dass das Gefühl auf den Brüsten des Mädchens steht, verbindet nochmals das Erwachsenwerden mit dem Ende des Gefühl des Trostes und mit dem Verstoßen-Werden aus der Innenwelt.

Sowohl das „Ende“ als auch die „Flügel“ stellen für das lyrische Ich einen Ausweg aus seiner übergroßen Einsamkeit dar. Das „Ende“ verweist dabei auf den Tod, in dem das Mädchen wieder eins mit der Welt sein kann. Auch die Flügel haben einen deutlich transzendenten Bezug. Sie erinnern an einen Engel. Interessanterweise ist es nicht das Mädchen in seiner Gesamtheit, das nach diesen Flügeln verlangt, sondern nur ihr „Gefühl“ (III.5). Dieses personifizierte „Gefühl“ empfindet die Einsamkeit, die es als Kind noch so „groß“ machte (vgl. II.4) mit dem Erwachsenwerden als Bürde. Es will diese Last hinter sich lassen, steht praktisch schon abflugbereit auf „meiner Brüste Hügeln“ (III.4). Die Jugend ist damit eine Zeit des Übergangs, in der das Mädchen zwar noch Zugriff auf ihre Innerlichkeit hat, die aus der Innerlichkeit resultierende Einsamkeit ihr aber bereits nicht mehr als Trost und als Zufluchtsort dient, sondern ihr bereits fremd und als Last erscheint. In späteren Gedichten wird sich zeigen, dass Rilke diese Innerlichkeit bei dem Erwachsenen als völlig latent betrachtet, er kann nicht mehr auf sie zugreifen. Mit dem Erwachsenwerden wird das Mädchen einen Ausweg aus der Einsamkeit gefunden haben, der darin resultiert, dass es sich nicht mehr in sich besinnen kann. Die Innerlichkeit der Kindheit ist dann verloren.

Welt ist für Rilke damit in diesem Gedicht zunächst klar definiert. „Man hatte seine Seite, / seine Nähe, seine Weite / einen Weg, ein Tier, ein Bild.“ (I.5-7). Diese klaren Umrisse resultieren in der Kindheit aus einer Besinnung auf sich selbst. Das Allein-Sein wird als angenehm empfunden, weil sich das Kind „in mir“ am „Größten“ vorkommt (II.4). Mit dem Eintritt in die Pubertät erfolgt ein Umbruch. Das Kind wird aus seiner Innerlichkeit „verstoßen“ (III.1), das Allein-Sein ist nicht mehr länger positiv konnotiert, sondern wird als „Einsamkeit“ mit deutlich negativen Anklängen versehen. Die Weltwahrnehmung des pubertierenden Mädchens ist auf das Gefühl der übergroßen Einsamkeit beschränkt.

„Kindheit“ 1905/06

Das bereits im Titel explizit die Kindheit thematisierende Gedicht Rilkes entstand 1905/06 und wurde im „Buch der Bilder“ veröffentlicht. In dem Gedicht zeigen sich zunächst drei Motive. Der Dichter spielt mit den Komponenten von Raum und Zeit und einer Komponente dazwischen, die der Leser – und das Ich selbst – scheinbar nicht zu fassen vermögen. Diese dritte Komponente ist es, der der Dichter sich schreibend zu nähern versucht und die er am Ende nicht greifen kann, so dass das Gedicht mit den unbeantwortet bleibenden Fragen „Wohin? Wohin?“ schließt.[2]

Das lyrische Ich beschreibt zunächst diese Zeit in der Schule, die von „lange[r] Angst“ (I.1), „Warten“ (I.2) und einer langsam dahin rinnenden Zeit bestimmt wird. Es beklagt diesen „dumpfen“ (I.2) Zustand: „O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen...“ (I.3). Das „schwere Zeitverbringen“ steht im Kontrast zu der Zeit nach der Schule, die durch das „und dann hinaus“ (I.4) eingeleitet wird. Die Zeit nach der Schule wird vom lyrischen Ich als völlig anders empfunden. So schließt die erste Strophe nicht mit dem elegisch-klagendem Ausruf „O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen“ (I.3) der der Schulzeit folgt, sondern vielmehr mit den sehnsüchtig-rühmenden Versen „O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, / o Einsamkeit“ (I.9-10). Der Begriff „Zeit“ selbst spielt in dieser ersten Strophe eine tragende Rolle und kommt insgesamt vier Mal vor. Auch die zeitliche Dimension bei der Verwendung von Verben ist bemerkenswert. So lässt sich der achte Vers auf zwei Weisen interpretieren. „Ganz anders als die andern gehn und gingen“ – das kann sich darauf beziehen, dass „die Anderen“ bereits in der Vergangenheit des Kindes existiert haben und sich durch ihr Gehen bereits früher von dem Kind unterschieden haben. Betrachtet man die erste Strophe also als durchgängig aus Sicht des Kindes berichtet, so erhält das „Zeitverbringen“ seine negativen und positiven Bezüge durch eine räumliche Komponente. Die Zeit in der Schule ist „schwer“, das Ich „wartet“ (vgl. I.2) auf das Ende der Schulzeit, nach der er „in den Gärten“ (I.6) spielen kann und somit eine „wunderliche Zeit“ (I.9) durchleben wird. Den „dumpfen Dingen“ (I.2) des beengten Raumes der Schule stehen nun „die Straßen [die] sprühn und klingen“ (I.4) sowie die springenden Fontänen (I.5) gegenüber. Die zweite Sichtweise besteht darin, dass im achten Vers ein zeitlicher Sprecherwechsel vorgenommen wird. Befindet sich das lyrische Ich beim „gehn“ noch in der Vergangenheit und spricht aus Sicht seines damaligen Ichs, der Sicht als Kind, so wird er sich im „gingen“ seiner heutigen zeitlichen Dimension und der Vergangenheit des Kindheitsempfindens bewusst. In diesem Fall lassen sich die letzten beiden Verse „O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, / o Einsamkeit“ als sehnsüchtige Rückbesinnung des Dichters auf die Kindheit als Ganzes deuten. Diese Zeit kommt dem Ich rückblickend „wunderlich“ (I.9) vor, es kann sie nicht mehr begreifen. Die Einsamkeit, in der er das Zeitverbringen als Kind noch als „schwer“ (I.3) angesehen hat, wird nun zum Gegenstand der Sehnsucht des Dichters. Der zweite Ausruf „o Einsamkeit“ (I.10) ist dann ebenfalls positiv zu verstehen, steht aber nicht in Opposition zu der negativ konnotierten „Einsamkeit“ des dritten Verses, sondern schließt dieses „schwere Zeitverbringen“ in der Schule in ihrem sehnsüchtigen Bezug zur Kindheit als Ganzes mit ein.

Tatsächlich kann die Schule dann auch als die Kindheit insgesamt angesehen werden. Das Kind sehnt sich nach dem Ende der Kindheit und einem Übergang in die Jugendzeit. Es hofft auf den Übergang in die „weite Welt“ (vgl. I.6), die ihm so reizvoll erscheint, in der es sich dann aber schnell verloren fühlt in seinem „kleinen Kleid“ (I.7). Das Ende der Schulzeit und damit der Übergang in die Jugend werden als Erlösung von dem „schweren Zeitverbringen“ (I.3) angesehen. Bald jedoch wird sich das Ich seiner Individualität (oder besser etwas negativer: gefühlten Andersartigkeit) bewusst und es fühlt sich einmal mehr einsam; es ist „anders“ (I.8). Die weite Welt entpuppt sich zwar als „wunderliche Zeit“ (I.9), doch auch ihr fühlt sich das Ich bald „fern“ (II.1).

In diesem Zusammenhang ist es notwendig sich bewusst zu werden, was Rilke unter dem Begriff „Welt“ versteht. Welt wird bei Rilke „vom Subjekt mit hervorgebracht“, sie ist also „das Ergebnis einer komplexen Interaktion zwischen dem Gegebenen und seinem sprachbegabten Subjekt“.[3] Der Mensch konstituiert sich seine Welt durch Wahrnehmung, doch dies bedeutet nicht, dass ihr keine transzendenten, den Mensch übersteigenden Bezüge anhaften.[4] Das Kind beginnt also, seine Umwelt durch die eigene Wahrnehmung zu definieren. Es merkt aber bald, dass ihm dies nicht in allen Fällen gelingt. Dies zeigt sich in den folgenden Strophen.

Auch in der zweiten Strophe lässt sich eine räumliche und eine zeitliche Komponente herausarbeiten. Verfolgt man den Ansatz eines lyrischen Ichs, das sich seiner Rückbesinnung auf die Kindheit und der Vergangenheit derselben bewusst ist, so lässt sich das „fern hinauszuschauen“ als eine vom Ich im Jetzt so empfundene Ferne deuten. Die Ferne bezieht sich dann auf die zeitliche Vergangenheit der Kindheit, die das lyrische Ich in der Gegenwart nicht mehr fassen kann. In diesem Fall deutet das lyrische Ich sein Hinausschauen damals als „fern“, weil er es heute nicht mehr versteht. Jedoch bewirkt das Wort „hinaus zu schauen“ (II.1, eigene Hervorhebung) – neben einer Einhaltung des regelmäßig jambischen Metrums – eine gewisse Unmittelbarkeit und die wahrscheinlichere Möglichkeit ist, dass das Kind in die Ferne hinaussieht. Dort sieht es „Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen / und Kinder, welche anders sind und bunt; / und da ein Haus und dann und wann ein Hund“ (II.2-4). Überraschend bleibt das „fern hinauszuschauen“ auch dann. Damit das Kind Details unterscheiden kann wie Geschlechter, oder Kinder von Erwachsenen unterscheiden kann, oder gar einen Hund sehen kann, können diese Objekte nicht sehr weit weg sein. Das Ferne muss daher dem Kind immanent sein – es ist ein Gefühl; das gleiche Gefühl, dass das Kind sich „anders als die andern“ vorkommen lässt (I.8) und gleichzeitig „Schrecken“ als auch „Vertrauen“ auslöst (II.5). Es ist ein Blick in jene gedeutete Welt der Erwachsenen, in die das Kind aus seiner Kindheit „lautlos wechsel[t]“ (I.5). Es beginnt, seine Umwelt nicht mehr völlig zu begreifen – werden in der ersten Strophe noch direkte Artikel für die Gegenstände der Welt des Kindes benutzt („die Straßen“ (I.4), „die Fontänen“ (I.5), „die Welt“ (I.6)), so sind es in der zweiten Strophe bereits nur noch indirekte Artikel („ein Haus“ (II.4), „ein Hund“ (II.4)), oder der Artikel wird völlig weggelassen („Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen / und Kinder“ (II.2-3)).

Wie bereits in der „Mädchen-Klage“ wechselt das Kind auch hier von der Innerlichkeit in die äußere Welt der Erwachsenen. Auch dieses Kind befindet sich in einer Zwischenstufe. Es entwächst mit dem Erwachsenwerden seinem kindlichen Begreifen der Umwelt. So können die letzten beiden Verse beide sprechen – das erwachsene lyrische Ich, oder das aufwachsende Kind, die beide die Welt nicht mehr verstehen, oder beginnen diesem Verständnis zu entwachsen: „O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen / o Tiefe ohne Grund“ (II.6-7).

Der „Garten, welcher sanft verblasst“ (III.2) ist ein Symbol für diese entschwindende Kindheit. Dieser Garten – welcher durchaus paradiesische Anklänge an den Garten Eden hat – ist jene Kinderwelt, in der das Kind sich selbst überlassen bleibt und die Erwachsenen nur manchmal „streift“ (vgl. III.3). Im Fangenspiel und im Spiel mit „Ball und Ring und Reifen“ (III.1) darf das Kind sich selbst sein, „blind und verwildert“ (III.4) und eins mit seiner Umwelt. Zumindest bis zum Abend, wenn es sich erneut der Welt der Erwachsenen unterwerfen muss um „mit kleinen steifen / Schritten nachhaus zu gehen, fest angefasst“ (III.5-6). Das Kind wird sich seinem Verlust der Kindheit und des allumfassenden Verständnisses der Welt bewusst und beklagt ihn: „O immer mehr entweichendes Begreifen, / o Angst, o Last.“ (III.7-8).

Am Ende seiner Kindheit kann das Kind immer weniger im Spiel versinken und aufgehen. Zu sehr wird es nun von seiner Umwelt beeinflusst: „Es [Das Segelschiff] zu vergessen, weil noch andre, gleiche, / und schönere Segel durch die Ringe ziehn“ (IV.3-5). Hier scheint erneut ein Perspektivwechsel vorgenommen zu werden. Spricht das lyrische Ich in den ersten beiden Versen der vierten Strophe noch aus Sicht des Kindes, so ändert sich dies mit dem Wechsel zum dritten Vers und mit dem „Vergessen“ (IV.3) des Segelbootes. Es ist nun wieder das erwachsene lyrische Ich, das sein eigenes kindliches Gesicht beim Spiel im Teich gespiegelt sieht. Mit dem Entschwinden der Kindheit geht auch dieses Gesicht unter: „und denken müssen an das kleine bleiche / Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien“ (IV.5-6).

Der Erwachsene kann sich seinem kindlichen Ich immer weniger nähern: „O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. / Wohin? Wohin?“ (IV.7-8). Das „Wohin?“ beinhaltet gleichzeitig mehrere Fragen. Zum einen ist es ein in die Vergangenheit gerichtetes „wohin?“. Dann fragt es danach, wohin diese Kindheit entschwunden ist, dass man sie nicht mehr fassen kann. Zum anderen ist es auch ein futuristisches „wohin?“, mit dem das lyrische Ich danach fragt, wie es mit seinem Leben weitergehen wird. Zudem könnte es auch danach fragen, wohin die „entgleitende[n] Vergleiche“ entgleiten.

Interessanterweise wird nicht deutlich, ob das lyrische Ich seine Kindheit als positiv oder negativ bewertet. Die Kindheit wird durchaus negativ konnotiert– als Zeit der „Angst“ (I.1), der „dumpfen Dinge“ (I.2), des „Schreckens“ (II.5) und des „schweren Zeitverbringens“ (I.3) das Spuren am Kind in Form eines „bleiche[n] Gesicht[s]“ (IV.5-6) hinterlässt. Das Kind fühlt sich dort immer als Außenseiter und „anders als die andern“ (I.8). Dies hat Schank dazu verleitet das Gedicht und die Position des lyrischen Ichs zu seiner Kindheit als durchweg negativ zu interpretieren und es biografisch „als adäquaten dichterischen Ausdruck der Einsamkeit, Verzweiflung und Angst eines seelisch misshandelten Kindes“ anzusehen.[5] Gleichzeitig erscheint die Kindheit dem lyrischen Ich aber als „wunderliche Zeit“ (I.10), in der es noch eher ein „Begreifen“ (III.7) verspürte, das ihm jetzt immer weiter „entweicht“. Die Kindheit wird somit nicht durchweg negativ konnotiert, vielmehr scheint das lyrische Ich damals wie auch heute entwurzelt und auf der Suche nach seinem Platz und einem „Begreifen“ der Welt.

Tatsächlich scheint das lyrische Ich nicht um seine eigene Identität zu wissen: In dem Gedicht „fehlt [...] jegliches Personalpronomen, durch das derjenige, der sich hier an seine Kindheit erinnert, als eigenständige Person erkennbar würde“.[6] Das lyrische Ich mag sich daher auf seine Kindheit besinnen, um aus seiner heutigen Existenz einen Sinn machen zu können. Am Ende gelingt ihm dies dennoch nicht; die Vergleiche entgleiten ihm (vgl. IV.7). Rilke thematisiert somit mehr als nur die Frage nach seiner Kindheit. Seine Frage nach dem „Wohin?“ ist eine tiefsinnige, philosophische Frage die sich auf mehr bezieht als auf das Entschwinden der Kindheit. Diesen Fragen nach dem Wohin, und dem tieferen Sinn des Rilke’schen Gedichts soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden.

Rilkes mittleres Werk

Kindheit, Neue Gedichte, 1906

Nur ein halbes Jahr später schreibt Rilke ein weiteres Gedicht das er ebenfalls mit der Überschrift „Kindheit“ versieht.[7] Dort fordert er dazu auf, viel über diesen Zustand „Kindheit“ nachzudenken, der verloren ging und nie wieder kam. Ähnlich wie im vorhergehenden Kindheitsgedicht schließt auch dieses Gedicht ohne Antwort des lyrischen Ichs auf sein Dasein; es ist „verwirrt“ (18). Anders als im vorherigen „Kindheit“-Gedicht geht es hier nicht mehr um eine subjektive Erfahrung des Dichters, sondern um die Ansprache eines kollektiven „Wirs“ (vgl.11). Zwar ist es noch keine völlige Objektivierung die hier vorgenommen wird, wie in den Dinggedichten, dennoch ist eine Abkehr von der rein subjektiven, individuellen Wahrnehmung der Kindheit eines Einzelnen erkennbar. Dies stimmt mit Sprengels Erörterungen überein, der dem Frühwerk Rilkes – unter das das „Kindheit“-Gedicht im Buch der Bilder noch fällt – eine „typische[...] Subjektivität“ attestiert, die dann in den Neuen Gedichten von einer „objektivierenden Außenperspektive“ abgelöst wird.[8]

Das lyrische Ich fordert zunächst zum „Nachdenken“ auf und definiert den Zustand der Kindheit, oder vielmehr den „jene[r] langen Kindheit-Nachmittage“, als verloren (1-2). Man werde „noch [ge]mahnt“, „vielleicht in einem Regnen“ (5) doch das Verständnis für diese Mahnung fehlt, „wir wissen nicht mehr was das soll“ (6). Die Kindheit wird von dem lyrischen Ich dann erinnert als „nie wieder war das Leben von Begegnen, / von Wiedersehn und Weitergehn so voll“ (7-8). Dennoch empfindet er diese Zeit als merkwürdig unpersönlich und wenig subjektiv. Er vergleicht seine Erfahrungen als Kind mit Erfahrungen die einem „Ding“ oder „einem Tiere“ zugefügt werden (10). Das Kind ist kein Mensch, man lebte zwar „wie Menschliches“ (11) wurde aber am Ende doch „voll Figur“ (12). Die eigene Existenz als aufwachsendes Kind wird als objekthaft dargestellt und fast durchgängig passiv erlebt. Zwar „lebten wir“ (11) aktiv (man beachte die Präteritumsform!), doch dieses Leben scheint durchgängig fremdbestimmt. So „wird“ man zur Figur (12), man „wird“ vereinsamt (13), „mit großen Fernen überladen“ (14) und „wie von weit berufen und berührt“ (15). Heute, so dass lyrische Ich, lebe man nur noch in „Bilder-Folgen“ (17), die man nicht begreife. Das Gedicht ist demnach „die Rückschau eines Erwachsenen auf eine in tiefer Einsamkeit verbrachte Kindheit, in der er gezwungen war, ein falsches Selbst herauszubilden“.[9] Durch eine Rückbesinnung auf eine Zeit vor diesem falschen Selbst, hofft das Ich sein wahres Selbst zu finden und ein Verständnis für seine Umwelt wiederzuerlangen.

In dem Gedicht zeigt sich eine Ambivalenz der Kindheitsdarstellung. Ist das „Ding-Sein“, das das lyrische Ich beschreibt ein positiver Zustand, dessen man sich erinnern soll und in der die „Verwirrung“ (vgl. V.18) am Ende des Gedichts noch nicht existierte? Oder ist es vielmehr diese negative Erfahrung des „Ding-Seins“ und des „Überladen-Werdens“, die erst in jener Verwirrung resultiert? Wenn es sich aber um eine negative Erfahrung handelt, warum empfindet das lyrische Ich jene Kindheitsnachmittage dann als „Verloren“, und sehnt sich demnach nach ihnen zurück? Schank beantwortet diese Frage damit, dass das Erinnern an diese negative Erfahrung als Kind zu einem Begreifen der heutigen Verwirrung führen könnte und „damit vielleicht auch einen Weg zu ihrer Auflösung zeigen“ kann.[10] Die Rückbesinnung auf die Kindheit fällt dem Erwachsenen immer schwerer, die Erinnerung ist fast verloren, daher muss man jetzt „viel nach[...]denken“ (1), denn „noch mahnt es uns“ (5).

[...]


[1] <<http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-gedichte-831/6>>. Letzter Zugriff am 6. März 2015.

[2] Rilke, Rainer Maria: Gedichte. Auswahl und Nachwort von Dietrich Bode. Stuttgart 1997. S.77-78.

[3] Eckel, Winfried: Rilkes Begriff der Welt. In: Hübener, Andrea (u.a.) (Hrsg.): Rilkes Welt. Festschrift für August Stahl zum 75. Geburtstag. Frankfurt a.M. 2009. S.19.

[4] Unglaub, Erich: Zu Rilkes Konzepten von Welt und Umwelt. In: Hübener, Andrea (u.a.) (Hrsg.): Rilkes Welt. Festschrift für August Stahl zum 75. Geburtstag. Frankfurt a.M. 2009. S.65.

[5] Schank, Stefan: Kindheitserfahrungen im Werk Rainer Maria Rilkes. Eine biographisch-literaturwissenschaftliche Studie. St.Ingbert 1995. S.162.

[6] Schank, 1995. S.162.

[7] Rilke, Rainer Maria: Gedichte. Auswahl und Nachwort von Dietrich Bode. Stuttgart 1997. S.109.

[8] Sprengel, Peter: Die Entwicklung von Rilkes Lyrik im Zeitraum 1900-1918. Ein Überblick. In: Koch, Hans-Albrecht / Destro, Alberto (Hrsg.): Rilke-Perspektiven. „Aus einem Wesen hinüberwandelnd in ein nächstes“. Overath 2004. S.110.

[9] Schank, 1995. S.165.

[10] Schank, 1995. S.165.

Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668355095
ISBN (Buch)
9783668355101
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345646
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
kindheit weltwahrnehmung rilkes lyrik

Autor

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Titel: Das entfremdete Ich. Kindheit und Weltwahrnehmung in Rilkes Lyrik