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Rational Choice in den Sozialwissenschaften

Eine Darstellung anhand des Wahlparadoxons nach Anthony Downs

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 18 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Forschungsprogramm Rational Choice in den Sozialwissenschaften

3. Der Wähler im Down’schen Modell

4. Das Problem der Informationskosten

5. Das Wahlparadoxon

6. Bedingungen von Scheitern und Erfolg von Rational Choice
6.1 Bedingungen, an welchen Scheitern und Erfolg von Rational Choice hängen - Situationen und Präferenzen
6.2 Bedingungen, an welchen Scheitern und Erfolg von Rational Choice hängt- Handlungsmöglichkeiten
6.3 Entscheidungsverfahren

7. Erklärungskraft von Rational Choice

8. Fazit

1.Einleitung

Die Frage, die die Forscher des Rational Choice Programms zu Beginn beschäftigte, war jene, warum die Wahlberechtigten so wählen, wie sie wählen. Im Laufe der Zeit, in welcher dieser Frage nachgegangen wurde stellte sich allerdings heraus, dass die Frage nicht „Warum wählen die Leute so, wie sie es tun?“ lauten sollte, sondern vielmehr „Warum gehen die Leute überhaupt wählen?“. Grund dafür war das von Anthony Downs 1957 erstmals erwähnte Wahlparadoxon, in welchem festgestellt wurde, dass ein rationaler Wähler, der im Sinne von Rational Choice handelt der Theorie zufolge nicht wählen gehen würde. Empirische Ergebnisse und tatsächliche Beobachtungen widersprachen dieser Theorie allerdings.

Somit wird in dieser Hausarbeit der Frage nachgegangen, ob Rational Choice auf die sozialwissenschaftliche Fragestellung, warum Menschen wählen gehen, anwendbar ist oder ob der Versuch scheitert. Das Wahlparadoxon lässt nun zwei Wege offen, sich mit diesem Problem zu beschäftigen: zum einen muss geprüft werden, ob es ein Rational- Choice-internes Problem gibt und ob es modifiziert werden muss, zum anderen befindet sich das Problem des Wahlparadoxons auf der Makroebene, was zur Folge hat, dass die Erklärung dafür auf der Mikroebene, als der Individualebene, gesucht werden muss.

Zu Beginn der Arbeit wird das Rational-Choice-Programm erklärt, ebenso die Vorstellung von Anthony Downs, wie ein rational-ideologischer Bürger handelt und welchen Grundsätzen er folgt. Darauf folgt die Darstellung des Wahlparadoxons, in den darauffolgenden Kapiteln werden einzelne Auflösungsversuche des Wahlparadoxons erläutert. Aus den Auflösungsversuchen wird dann geschlossen, welche Bedingungen eine Situation erfüllen muss um die Anwendung von Rational Choice möglich zu machen und welchen Einschränkungen das Forschungsprogramm dann unterliegt. Diese eingeschränkte Verwendbarkeit wird dann schlussendlich auf das „Problem“ der Wahlbeteiligung angewendet.

2. Das Forschungsprogramm Rational Choice in den Sozialwissenschaften

Bevor Anthony Downs in seinem Werk „Economic Theory of Democracy“ im Jahre 19571 erstmals das Forschungsprogramm Rational Choice auf soziale Phänomene anwendete, fand das Programm bislang nur Verwendung in den Wirtschaftswissenschaften. Die Rational-Choice-Theorie versucht Erklärungen zu dem Entscheidungsverhalten von Individuen zu geben und geht von der Annahme aus, dass alle Menschen rational handeln und ihr Handeln desweiteren von dem Aspekt der Nutzenmaximierung geleitet wird.2 Grundlage des Menschenbildes dieser Theorie bildet der „Homo Oeconomicus“, der ebenfalls seinen Ursprung in den Wirtschaftswissenschaften findet. Der „Homo Oeconomicus“ wird gekennzeichnet durch die oben genannte Nutzenmaximierung3 und das darauf basierende Rationalitätsprinzip, welches dem Menschen egoistisches Interesse des menschlichen Handelns zuschreibt.4 Ebendieses, auf der Ökonomie basierende Modell, wendete Anthony Downs 1957 als erster Politikwissenschaftler auf das soziale Phänomen der Wahlbeteiligung in einer Demokratie an, um das Wahlverhalten zu erklären. Die Anwendung von Rational Choice macht es den Forschern zunehmend leichter Phänomene der Sozialwissenschaft in einfachen und sparsamen Modellen zu erforschen und zu erklären. Folglich können politische Prozesse und gesellschaftliche Vorgänge mithilfe einer wirtschaftswissenschaftlichen Methode verstanden, erklärt und prognostiziert werden.5 Downs legt in seiner Arbeit den Fokus auf die Frage, warum Menschen wählen gehen und geht dieser Frage vor rationalem Hintergrund nach. Hierbei geht er davon aus, dass alle Akteure über stabile Präferenzen verfügen, welche alle Handlungsalternativen umfassen.

Basis der Rational-Choice-Theorie bilden die sogenannten Kernannahmen, die von ergänzenden Zusatzannahmen erweitert werden.6 Hierbei muss einerseits beachtet werden, dass die Kernannahmen nicht zu breit gefächert sind, da sonst die Gefahr besteht, dass auch sehr extreme Modifikationen zulässig sind und das Forschungsprogramm an Effizienz verliert. Andererseits darf der Forscher den Kern auch nicht zu eng definieren, da sonst nur wenig Spielraum für Modifikationen im Rahmen der negativen Heuristik7 bleibt.8

Eine Kernannahme stellt der methodologische Individualismus dar, bei welchem das Explanandum9 die Makroebene, als die sozialen Phänomene, und das Explanans10 die Mikroebene, sprich das Individuum und seine Handlungen, darstellen. Hier wird die Annahme von Prof. Dr. Reinhard Zintl, dass gesellschaftliche Vorgänge und Phänomene nicht ohne Einzelhandlungen auftreten können, verfolgt.11 Die beiden Ebenen werden mit den sogenannten Brückenannahmen verknüpft, um so den Zusammenhang zwischen Mikro- und Makroebene verständlicher zu machen. Auch operationelle Präferenzen12 gegenüber der gegebenen Handlungsmöglichkeit, über welche die Akteure verfügen werden als eine weitere Kernannahme verstanden. Die operationellen Präferenzen setzen sich aus den dispositionellen Präferenzen und den Restriktionen zusammen, wobei die Restriktionen Einfluss auf die Komptabilität der beiden Präferenzen nehmen können13, diese Annahme bildet den Kern der dritten Annahme. Die letzte Kernannahme beschreibt das Prinzip der Nutzenmaximierung, nach welchem die Individuen ihr Nutzen im größtmöglichen Maße maximieren wollen, was allerdings nur dann möglich ist, wenn sie vollständig informiert sind und sich in einer Situation unter Sicherheit befinden, andernfalls ist es den Akteuren nur möglich den zu erwartenden Nutzen zu maximieren.14

Zur Ergänzung der Kernannahmen werden die Zusatzannahmen hinzugefügt, welche unabhängig von den Kernannahmen betrachtet werden müssen, was für die Forschung mit der Rational-Choice-Theorie bedeutet, dass die Korrektheit der Kernannahmen nicht in Frage gestellt werden muss, sollten die Zusatzannahmen abgelehnt werden.15 Die Annahme, dass die Individuen aus egoistischen Motiven handeln und somit ihren eigenen Nutzen als das erstrebenswerteste Gut ansehen, ist die erste der vier am häufigsten genannten Zusatzannahmen in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Eine weitere Annahme stellt das kurzsichtige Handeln der Personen dar. Kurzsichtig aus dem Grund, weil die Akteure die positiven Folgen in der Gegenwart als vollwertiger betrachten, als in der Zukunft.16 Als weitere Zusatzannahme wird vorausgesetzt, dass „Präferenzen […] interpersonell konstant und zeitlich stabil“ sind17, das heißt, dass eine Veränderung von dem Verhalten18 nicht einer anderen Präferenzorientierung zuzuschreiben ist, sondern einem Wandel der Restriktionen. Die letzte Annahme gilt aus sehr umstritten und findet nicht in allen Forschungen nach Rational Choice Verwendung.19 Sie bezeichnet den Bürger eines Staates, in welchem freie Wahlen stattfinden, als vollständig informiert. Dies bedeutet für die Entscheidung der Personen, dass sie uneingeschränktes Wissen über die ihnen offenstehenden Handlungsalternativen und deren Konsequenzen haben.20 Verknüpft man nun die beiden unabhängig voneinander zu betrachtenden Typen, so spricht man in dem Rational-Choice-Modell von dem ihm zugrundeliegenden „Homo Oeconomicus“.21

3. Der Wähler im Down’schen Modell

Wie schon in dem Kapitel zuvor erwähnt, wird die Entscheidung der Individuen unter anderem von dem Grundsatz der Nutzenmaximierung geleitet, da eine Wahl aber nie im Rahmen einer Situation unter Sicherheit, sondern unter den Bedingungen von Risiko, stattfindet ist es den Akteuren nur möglichen ihren zu erwartenden Nutzen zu maximieren.22 Die Wahlberechtigten bilden eine Seite der Akteure, die es zu betrachten gilt, die andere Seite bilden die Parteien, welche die Zustimmung aus der Bevölkerung, also die Stimmenmaximierung und die Inhaberschaft der damit verbundenen Regierungsämter, zum Ziel haben.23 Um Gewissheit darüber zu haben, welche Partei die Interessen am ehesten repräsentiert und realisiert, bilden die Wahlberechtigten das sogenannte Parteiendifferential, so Downs. Das Parteiendifferential wird aus der Subtraktion des möglichen Nutzens der Oppositionspartei von dem Nutzen der Regierungspartei berechnet, zu beachten gilt es, dass sich der Nutzen lediglich auf politische Positionen bezieht und Sympathien gegenüber einzelnen Kandidaten keine Rolle spielen.24 Ist der Wert positiv, so entscheidet sich der Wähler für die Regierung, beträgt der Wert weniger als null, so präferiert er die Opposition und bei einem Ergebnis gleich null, wird sich die Person der Wahl enthalten.25 Diese Art des Wählens wird als instrumentelles Wählen bezeichnet, da „rein zweckrationales Wählen“, aufgrund der geringen Bedeutung der einzelnen Stimme, kaum noch zweckmäßig ist.26 Muss die Person mehrere Parteiendifferentiale berechnen, da sie ihre Wahlberechtigung in einem Staat mit Mehrparteiensystem innehat, so wird die Unsicherheit einer Situation mit jeder zusätzlichen Partei maximiert. Hinzu kommt auch, gesetzt dem Falle, dass die von der Person am meisten präferierte Partei kaum eine Chance zum Sieg hat, dass die Person aus strategischen Gründen die am zweitstärksten präferierte Partei wählt, da diese bessere Aussichten auf den Sieg hat.27

4. Das Problem der Informationskosten

Um ein Parteiendifferential im Sinne von Downs in seinem Werk „ Economic Theory of Democracy“ zu bilden muss die vierte Zusatzannehme, nämlich die des vollständig informierten Bürgers vorausgesetzt sein.28 Allerdings revidiert Downs seine eigene Annahme des vollständig informierten Bürgers auch im gleichen Werk, indem er sagt; „This is how a rational voter would behave in a world of complete and costless information.“29 Es ist dem Wähler aber nicht möglich kostenfrei an vollständige Informationen zu gelangen, denn wenn er mit möglichst geringen Kosten an Informationen gelangen möchte30, so wird er nie vollständige Informationen erhalten können. Im Umkehrschluss stimmt es aber auch nicht, dass selbst bei einem hohen Kostenaufwand gesichert ist, dass man so an vollständige Informationen gelangt.

[...]


1 deutsche Erstausgabe 1968

2 vgl. Kunz „Rational Choice“ 2004

3 vgl. Dietz 2005; 54

4 vgl. Dietz 2005; 23

5 vgl. Braun 1999; 53

6 vgl. Kunz 2004; 33-35

7 Unter negativer Heuristik wird der harte Kern einer Theorie verstanden, der unverändert bleiben muss

8 vgl. Mensch 1999; 75

9 Explanandum = das zu erklärende Phänomen

10 Explanans = erklärender Bestandteil einer Erklärung; muss empirischen Gehalt haben und Bedingungen der Kausalität entsprechen (vgl. Mensch 1999; 46)

11 vgl. Zintl 1997; 34 , zitiert nach Mensch 1999

12 operationelle Präferenz = Vorliebe hinsichtlich vorhandener Handlungsmöglichkeiten (vgl. Kliemt 1984; 35)

13 vgl. Mensch 1999; 81

14 vgl. Mensch 1999; 86

15 vgl. Kunz 2004; 39

16 vgl. Kunz 2004; 39

17 vgl. Kunz 2004; 40

18 in dem Fall von Downs‘ Versuch das Wahlverhalten zu erklären, also die plötzliche Wahl/Nichtwahl

19 So zum Beispiel nur begrenzt in einem Werk von Gordon Tullock, er stellt dem „gut informierten Bürger“ von Downs‘ einen von „rationaler Ignoranz geleiteten Wähler“ gegenüber, welcher sich nur insofern informiert, als dass er einfache Quellen berücksichtigt und komplexere Themen nicht verfolgt.

20 vgl. Kunz 2004; 40

21 vgl. Kunz 2004; 40

22 vgl. Downs 1957; 77f.; die Unterscheidung zwischen Situationen der Unsicherheit und dem Risiko findet zu späterem Zeitpunkt, im Rahmen der Diskussion unter welchen Bedingungen Rational Choice in den Sozialwissenschaften Verwendung findet, statt

23 vgl. Downs 1957; 28 und 37 , zitiert nach Mensch 1999

24 vgl. Schmitt/Arzheimer 2005; 253

25 vgl. Downs 1957; 38 f.

26 vgl. von Beyme/Offe 2013; 240

27 vgl. Downs 1957; 48

28 vgl. Downs 1957; 202f.

29 Downs 1957; 45 , Hervorhebungen vom Autor hinzugefügt

30 Wie zum Beispiel durch den in den Medienwissenschaften erwähnten Meinungsführer. vgl. Gunn 1971; 33

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668353688
ISBN (Buch)
9783668353695
Dateigröße
833 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345355
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
rational choice sozialwissenschaften eine darstellung wahlparadoxons anthony downs

Autor

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