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Soziologie der Schönheit. Wie beeinflusst der utopische Körper unsere Gesellschaft?

Einfluss der Medien auf moderne Körperbilder

Hausarbeit 2016 29 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der utopische Körper
2.1 Die moderne Utopie
2.1.1 Die moderne Utopie als Mythopie
2.2 Die Herkunft des Körper-Kults
2.2.1 Der Körperkult als Diesseitsreligion
2.3 Die Rolle der Medien

3. Auftreten und Auswirkungen der Körper-Utopie
3.1 Kehrseiten von Körper-Utopien
3.1.1 Doping
3.2 Bodybuilding
3.3 Die Geschlechter

4. Kallokratie
4.1 Der verzerrte Durchschnittskörper

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Wiederentdeckung des Körpers“ ist schon seit Ende der Neunziger Jahre nicht nur die Erfahrung einiger weniger Individualisten, sondern durchaus ein typischer Trend der Moderne.[1] Unendlich schöne und athletische Körper überschwemmen unsere Wahrnehmung und bestimmen zunehmend unser ästhetisches Denken. Werbebanner überhäufen den Öffentlichen Raum und präsentieren uns perfekte Körper in Übergröße – Suchbilder an denen keine Fehler mehr gefunden werden können. Doch treiben uns „Schönheitswahn und Körperkult“[2] zu einer gesünderen und glücklicheren Gesellschaft oder zerschellt das Individuum an zu hohen Zielen und Maßstäben? Ist der äußerliche Ausbau Kompensation für den inneren Zerfall? Was genau bedeutet das Konzept des utopischen Körpers? Und woher stammt überhaupt der Trend zum Körper? Mit dem utopischen Körper und den modernen Utopien unserer Gesellschaft, die sich seit dem Beginn der Kommerzialisierung der Medien mit Mythen zu verbinden scheinen, hat sich vor allem Gunther Gebauer in seiner Arbeit „Körper-Utopien und Mythen des Alltags“ kritisch auseinandergesetzt. Auf seinen philosophischen Überlegungen ist der erste Teil dieser Arbeit aufgebaut, der in einem Übergriff zum Thema Medien, welches eine Schlüsselrolle für das Konstrukt des utopischen Körpers darstellt, in den nächsten Teil überleitet. In diesem bilden Winfried Menninghaus‘ Ausführungen über Ästhetik und Schönheit die Grundlage. Dieser spricht in den Kapiteln „VI. Das Sein bestimmt das Bewußtsein: Persönlichkeitseffekte des guten Aussehens“ und „VII. Zur heutigen Signatur von Schönheitsarbeit und ästhetischer Selbstbegründung“ seines Werkes „Das Versprechen der Schönheit“ sowohl darüber, was für einen Mehrwert uns die Schönheit im Sinne einer Wahrnehmungs-Urteils-Verknüpfung verspricht, als auch über die Nachteile, die sie mit sich bringen kann. Daran anschließend soll als Zugang zum Fazit geklärt werden ob, und wenn ja, inwiefern sie unsere Gesellschaft im Sinne einer Kallokratie (durch Menninghaus eingeführt: Herrschaft des Schönen) beherrscht. Für das Thema dieser Arbeit ist die Schönheit deshalb relevant, weil sie mit dem Ideal des utopischen Körpers einhergeht. Wer nach dem idealen Körper strebt, strebt auch nach Schönheit. In diesem Sinne liefert Menninghaus einen wertvollen Beitrag zur Beantwortung der Fragestellung. In die gesamte Arbeit fließen des Weiteren Ansichten der Autoren Görlitz, Meuser, Posch, Wedemeyer und Gugutzer ein, wobei letzterer zwar ähnliche Entwicklungen wie die erstgenannten beobachtet, diese jedoch gänzlich anders bewertet. Abschließend werden im Fazit dieser Arbeit Sinnhaftigkeiten und bedenkliche Tendenzen sowie positive und negative Kritiken über den gesellschaftlichen Trend zum schönen Körper diskutiert.

2. Der utopische Körper

Für das Konzept des utopischen Körpers existiert (noch) keine allgemeingültige Definition, trotzdem soll hier möglichst ausführlich erklärend auf diesen elementaren Bestandteil der Arbeit eingegangen werden. Die Essenz der modernen Utopie des Körpers soll sich aufgrund ihrer Komplexität stetig über den Verlauf dieses Kapitels erschließen, da der utopische Körper letztendlich auch im Einfluss verschiedener gesellschaftlicher Akteure, Hintergründe und Wandlungsprozesse zu begreifen ist, denen eine statische und komprimierte Definition nur schwer gerecht werden würde.

2.1 Die moderne Utopie

Am Anfang der Utopie stehe, so beschreibt es Gebauer, die Verwirrung der Sinne: es „geschieht etwas, das die gewöhnliche Erfahrung aus den Angeln hebt“. (Gebauer, 2003, S. 45) Daran anschließend zeigen uns detaillierte Aufzählungen und Beschreibungen in der klassischen Utopie eine ideale, gedankliche Welt, deren Anschaulichkeit und Gesamtheit erst im Kopf des Lesers entstehe. Doch Menschen, Sitten, Einrichtungen und Gesetze der Insel Utopia interessieren uns in ihrer alten Form nicht mehr. Wir wollen laut Gebauer heute die Utopie bildlich vor Augen gestellt bekommen.[3] Durch Film und Bilder sei dies ideal möglich geworden und auch zugänglich darstellbar, worum es in der klassischen und modernen Utopie gehe:

„das Geregelte, Normierte, Gleichförmige der Bewegungen, ein gegliederter, von einem einheitlichen Willen angetriebener Massen-Körper, der in der Utopie nichts bedrohliches hat, sondern gerade durch seine Disziplin, Askese und Gleichförmigkeit besticht, eine riesige menschliche Maschine, die sich mit Muskelkraft und innerer Regelmäßigkeit vorwärts bewegt. Nicht auf ihre Leistungsfähigkeit kommt es an sondern auf ihre ideale soziale Ordnung.“ (Gebauer, 2003, S.45)

Die Utopie sei damit die ideale soziale Ordnung, die sich seiner Meinung nach durch das Leben der Subjekte und ultimativ in ihren Körpern, also in dem aus allen Körperidealen der Utopie zusammengeschmolzenen „Massen-Körper“ niederschreibe. In diesem spiegeln sich die Auswirkungen der strengen utopischen Verhaltensweisen. In der modernen utopischen Erzählstruktur sei häufig eine gegen die schlechte Wirklichkeit gerichtete Ordnung erkennbar, wobei der Körper deren Manifestationsort darstelle und selbst eine

„mächtige und erstaunlich kohärente Utopie [bildet], die praktisch jeder anderen Form von Utopie den Platz wegnimmt. Am Körper wird die moderne Utopie nicht nur sichtbar gemacht, sondern diese nimmt den Körper als Objekt der Veränderung: Sie zielt auf die Verbesserung des Menschen, seines Körpers.“ (Gebauer, 2003, S.46)

Es gehe also in der Utopie darum den Körper über das hinaus zu verbessern, was er ist. Auf ihn konzentriere sich laut Gebauer der größte Teil jener Anstrengungen, an der Gegenwart unseres Lebens etwas zu ändern[4]:

„Er ist das supreme Objekt von Anstrengungen, an dem sich unser selbst fassen lässt; er ist der Ort, wo alles, was wir sind, gesellschaftliche Sichtbarkeit erhält. In dem Maße, wie wir ihn verbessern, erhalten wir Zugewinne für uns als soziale Person […]. Er soll so, wie er uns ohne Anstrengung gegeben ist, nicht hingenommen werden; er soll Gegenstand einer Arbeit der Veränderung werden, die prinzipiell nie einen Abschluss findet […]. Auch wenn die Beteiligten noch so sehr davon überzeugt sind, daß sie sich auf klar abgesteckte Ziele richten und zweckrational handeln, läßt sich doch beobachten, daß sie ihre Körper als utopische Objekte behandeln, an denen sie eine permanente Steigerung des Lebens vollziehen.“ (Gebauer, 2003, S.47)

Gugutzer spricht ergänzend zu Gebauer von Sinn- und Selbstfindung durch Investitionen ins „körperliche Kapital“ nach Pierre Bourdieu, (Meuser von „kulturellem Kapital“[5] ) ­ das infolge der „Heiligsprechung des Körpers“ durch Eigenleistung erzielbare Anerkennung und Selbstgewissheit offerieren würde.[6] Gebauers Ausführungen machen bereits klar, dass der utopische Körper kein ausdifferenziertes konkretes Objekt ist, sondern vielmehr ein gedankliches Körperkonstrukt, das sich, egal welcher Zustand erreicht werde, zu immer neuen Höhen aufschwinge. Es gebe demnach immer noch ein Fettpolster zu viel oder eine muskulöse Körperpartie zu wenig,

„nach der Pampelmusendiät kommt die Trennkost, nach dem Erreichen des Idealgewichts wird die Qualität des Immunsystems erhöht, nach dem ausdauerfördernden Aerobic kommen die Dehnübungen des Stretching, nach der Fitness die Wellness.“ (Gebauer, 2003, S.47)

Mit jedem Schritt auf der Leiter reicht auch der Blick weiter, dem Ideal sei man folglich nie nah genug, das Ziel – der utopische Körper – wachse mit.[7]

2.1.1 Die moderne Utopie als Mythopie

Die (Bewegt-)Bilder der modernen Utopie werden Gebauer zu Folge in der Regel von Narrationen begleitet, welche die Verbesserung des Menschen sprachlich konstituieren. Fast alle Erzählungen würden dabei beim Einzelwesen ansetzen: Der Spitzenathlet als Held sei dabei meist der Modellgeber, der Ursprung der Ordnung. Sein Leben sei permanenter Kampfzustand und sein Körper gehorsames Instrument, Demonstrationsobjekt, Erfolgsgarant und ästhetischer Gegenstand in eins. Die Handlung werde an seinen Kampf, seine Herrschaft, seine Ordnung geknüpft. Die Utopie werde in Form eines Mythos erzählt. In diesem sei die Welt menschlich steuerbar, das Subjekt handelt. Durch den Mythos erhalte die Utopie Körperlichkeit und den Glauben an die Formbarkeit der Welt.[8] Die utopische Erzählung führt den Leser somit zu der Einsicht, dass die bestehende Wirklichkeit nicht hingenommen werden kann, sondern in Zukunft geändert werden müsse.

„Die Utopie stellt der Gegenwart eine als wirklich behauptete ideale Ordnung entgegen. Mit dieser Konfrontation entzieht sie der schlechten Wirklichkeit die Legitimation.“ (Gebauer, 2003, S.48)

Utopie und Mythos legitimieren Gebauer nach gemeinsam die neu entstehende Ordnung. Der utopische Imperativ sage: „Tu etwas, werde besser!“ Alles ist ganz ähnlich wie das Bestehende, aber immer besser. Die Wegbeschreibung zum Besseren liefere der Mythos.

„In der Mythopie fügt die mythische Beimengung der Utopie das hinzu, was ihr fehlt: Sie bietet dem handelnden einen vorbereiteten Platz in einem narrativen Gewebe an, eine Hauptrolle, die nur darauf wartet eingenommen und verwirklicht zu werden.“ (Gebauer, 2003, S.49)

Die Utopie zeige eine neue Wirklichkeit und der Mythos zeige, wie man diese erreicht. Die entstehende Mythopie habe dabei den eigenartigen Effekt, dass sie die bestehende Welt irreal erscheinen lasse, Bilder von Helden tauchen den Alltag in eine Atmosphäre aus der das Reale zurücktrete, wobei sich dies nirgendwo so deutlich spüren lasse wie in der kommerziellen Werbung.[9] Auch Menninghaus bestätigt diese medienbedingte, verzerrte Realitätswahrnehmung, die in 2.3 noch genauer ausgeführt wird.[10]

2.2 Die Herkunft des Körper-Kults

Extreme Verehrung physischer Schönheit habe laut Menninghaus bereits die vermeintliche Leitkultur des westlichen Abendlandes, das antike Griechenland, geprägt. Auf Vasen, Skulpturen, auf den Adonis-Festen, und den Kallisteia-Schönheits-wettbewerben für Frauen wurde dieser Verehrung Ausdruck verliehen.[11] Seit der Zeit der Griechen hat sich allerdings vieles geändert. Unter anderem im Punkt ästhetischer Anforderungen: Im Gegensatz zur ursprünglichen Dissoziation von Ästhetik und Lust gegenüber Familienpolitik, entgehen, so Menninghaus, langfristige zweck- und familienorientierte Beziehungen der Moderne nicht mehr ästhetischen Regularien. Die beiden Stränge seien heutzutage ineinander verwachsen, was vor allem gewachsene körperliche Anforderungen in der potentiellen Partnerwahl nach sich ziehe. Als Erklärung zum erhöhten Fokus auf Ästhetik bei sozialer Kommunikation solle nach Menninghaus‘ Theorie unter anderem das gesteigerte Maß räumlicher Mobilität beigetragen haben. „First impressions“ spielen demnach eine umso höhere Rolle, je größer der Anteil einmaliger und flüchtiger Kontakte an interpersoneller Kommunikation überhaupt ist. Stetige soziale Kontakte seien immer unwahrscheinlicher, (Stichwort global village). Die Last die auf rein Aussehens-gestützten Evaluationen von Personen laste, wachse korrelativ zur Zahl von Begegnungen. Durch die bildgebenden Möglichkeiten des Internet und der Video-Telefonie werde dieser Effekt noch verstärkt.[12]

2.2.1 Der Körperkult als Diesseitsreligion

Laut Gugutzer, sei der Begriff des Körperkults, vor allem gepaart mit der Formulierung des Schönheitswahns, häufig in einer gesellschaftskritischen Abwertung körperlicher gegenüber geistiger Sinnstiftung begriffen. Die Benennung ist für den gesellschaftlichen Trend zum Körper allerdings auch ohne abwertende Intention eine passgenaue Bezeichnung. Der genuin religiöse Begriff des Kults fasse demnach die moderne Verehrung und Pflege des Körpers ideal zusammen. Er verinnerliche Gugutzers Formulierungen zufolge in seiner weiten Bedeutungsgesamtheit sowohl den Körper als sinnstiftendes Objekt, als auch die dem Körper huldigenden Menschen und letztlich außerdem ritualisierte Handlungen wie Trainingszeiten und -abläufe, in denen das Objekt Körper geformt, ästhetisiert und verehrt würde. Wenn man überspitzt weiterdenke besitze der Kult um den Körper sogar Glaubensvermittler, wie Fitnesstrainer oder Ernährungsberater, zentrale Glaubenssymbole wie den Waschbrettbauch oder „90-60-90“, Soziotope für die Glaubensgemeinschaft, wie Fitnessstudios oder Wellnessfarmen, Fitnessbibeln, wie „Men’s Health“ oder „Fit for Fun“ und selbst eine Todsünde in Form des „Zudickseins“.[13] Der Glaubensbezug sei statt auf einen transzendenten Wertekanon inzwischen allerdings auf eine „"lebensweltliche Immanenz" (Melanie Knijff) gerichtet, also eine Erlösung im Diesseits“ (Gugutzer, 2007, S.2). Es handle sich also um eine Diesseitsreligion, die an die Stelle institutioneller Religion getreten sei.[14] So treffend überspitzt Gugutzers Vergleiche jedoch auch sind und so ähnlich seine Zeitgeistanalyse im Vergleich zu den anderen Autoren ausfällt, so wenig möchte er mit diesen Formulierungen jedoch in den „Tenor der Zeitgeistkritik“, der sich in Form von Menninghaus, Gebauer und Wedemeyer körperkultkritisch präsentiert, einreihen. Er wertet den mahnenden bis pejorativen Diskurs über den Wandel zum Körperkult als sich wiederholend kulturkonservative Ideologie und stellt fest, dass die Verschönerung des Körpers schon immer ein „kultur- und zeitübergreifendes“ Phänomen gewesen sei.[15]

Menninghaus erklärt hingegen die Genese des Wertewandels in Richtung Körper (mit einer leichten Abweichung im Detail) folgendermaßen:

„Ästhetischen Weisen der Selbstdarstellung und Weltauslegung wächst […] ein großer Teil jener Sinnstiftungspotentiale zu, die in der Moderne aus Religion und metaphysischen Legitimationen abfließen.“ (Menninghaus, 2007, S.259)

Die Stilisierung des Körpers erhalte durch die Entwertung herkömmlicher geistiger Beglaubigungsinstanzen wie Religion, Tradition und Familie zusätzliches Gewicht, da sie vermöge das hinterlassene Vakuum zu füllen.[16]

„Ästhetik kann das ›metaphysische Bedürfnis‹ - den Hunger nach ›Sinn‹, Legitimation des Daseins und Perspektiven des ›Heils‹ - deshalb so gut in sich aufnehmen und spielerisch mitbedienen, weil sie per definitionem an der Schnittstelle des Sinnlichen und Übersinnlichen angesiedelt ist, weil sie sinnliche Wahrnehmung an Affekte und an quasi-ethische Urteile über (ästhetisches) Gelingen und Mißlingen, letztlich über ›gut‹ und ›schlecht‹ anschließt.“ (Menninghaus, 2007, S.260)

Menninghaus spricht somit nicht von einem Übertritt von transzendenter Bedeutungsschöpfung zur lebensweltlichen Immanenz, sondern von der ästhetischen Bedienung der Schnittstelle aus beiden Bereichen à la „Pain is temporary, pride is forever“. Ästhetik könne seiner Meinung nach im veränderten Gesamthaushalt sozialer Legitimationsmechanismen viel leisten.[17] Wedemeyer beschreibt und bewertet das Phänomen des muskulösen Körpers sehr kritisch als nahezu metaphysisch aufgenommene Pseudo-Philosophie, Pseudoreligion und vermeintlich sinnstiftenden Lebensratgeber[18], „dessen Regeln Halt geben sollen in einer »entzauberten« Gesellschaft“. (Wedemeyer, 1997, S. 411) In den Augen Gugutzers sei der Körperkult demgegenüber eine als unbedenklich zu beurteilende gesellschaftliche Diesseitsreligion und -erlösung, was „letztlich nichts anderes meint als Selbstfindung – ist doch das Selbst der eigentliche, kultisch verehrte Gott der Gegenwart.“ (Gugutzer, 2007, S.2)

2.3 Die Rolle der Medien

„Die wichtigste Zäsur in der Geschichte ästhetischer Personenwahrnehmung ist eine technische: die Erfindung der Fotografie. [...] Die Bilder schöner Körperformen sind nunmehr omnipräsent; sie bedürfen nicht mehr der Erzeugung in der Vorstellung, sondern drängen sich überall detailliert, voll ausgeleuchtet und technisch perfekt einer phantasielosen Konsumption auf.“ (Menninghaus, 2007, S.257)

Diese Aussage enthält bereits den zentralen Punkt der Verbreitung des Konzeptes des utopischen Körpers: Die Omnipräsenz schöner Körper. Sie ist Ausgangspunkt für das Einrücken des utopischen Körpers in den Verstand der Gesellschaft – nicht nur im Sinne eines Eindrucks, sondern vielmehr einer nachhaltigen Evaluationsstörung (vgl. 3.4). Nach dem allgemeinen Konsens der Autoren sei die Rolle des „Vollstreckers“ der Körperutopie dabei klar den modernen Medien zuzuordnen.[19] Die alltägliche mediengestützte Konfrontation mit extrem selektierten und bearbeiteten Körperform-Momentaufnahmen etabliere damit zunehmend hochgeschraubte Erwartungen an als attraktiv gewertete Körper.[20] Durch die Medien seien dabei Gebauers Auffassung nach die grundlegend geforderten Verbesserungen des Menschen und seines Körpers beispielgebend konstituiert.[21]

„Ein exemplarischer Mensch, eine Heldin zeigt uns, wie sie es schafft ihre neue Ordnung durchzusetzen. Die TV-Werbung ist voller Helden, die etwas geschafft haben. Es beginnt sich eine ideale Ordnung im Kopf des Zuschauers abzubilden. Jede Werbung an sich produziert nur eine schwache Utopie, aber alle Werbungen zusammen wirken an derselben Utopie mit; sie ergänzen einander und setzen sich fort. (Gebauer, 2003, S.51)

Auch Kino- oder Fernsehfilme kämen laut Wedemeyer kaum noch ohne durchtrainierte ästhetische Körper aus.[22] Es werde aber vor allem in der Werbung eine ideale Parallelwelt geschaffen, die es zu erreichen gelte. Änderungswünsche die in der Werbung initiiert werden ziehen sich Gebauer zufolge durch die Gesamtheit der verschiedenen Gesellschaftsschichten. Das Ich des Rezipienten werde immer wieder dazu aufgefordert sich neue Lebensperspektiven zu schaffen. Permanent versichere die Werbung, dass beim einzelnen die Chance liege, dass alles besser werde.[23] Die untergründige Verbindung aller Aktivitäten, die sich auf die Verbesserung des Körpers beziehen, sei dabei ein Ungenügen am bestehenden Zustand. Die Arbeit am Körper verspreche eine Veränderung in der Zukunft. Der verheißende neue Zustand werde mit Hilfe von Bildern nachahmenswerter Körper aus Film, Werbung, Mode, Popkultur und Sport sichtbar gemacht.

„Aus dieser symbolischen Ressource werden die Möglichkeiten für die Arbeit am verbesserten Menschen geschöpft […]. An den Bildern erkennen die Zuschauer, daß auch ihre eigenen Körper und jene ihrer Kinder zum Objekt einer Utopie werden können.“ (Gebauer, 2003, S.47)

Die Medien füttern somit das kollektive Ungenügen am bestehenden Zustand und versuchen den utopischen Körper als Grundlage einer neuen Elitenbildung zu nutzen.[24] In den Medien werde den utopischen Entwürfen der „life sciences“ Biologie, Medizin und Pharmazeutik durch in gänzlich anderen Bereichen erzeugte Bilder vorbildlicher Körper Sichtbarkeit verliehen. Ungeachtet der Unterschiede an Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Legitimität der verschiedenartigen Bereiche menschlicher Verbesserung, würden sie anhand derselben Körperbilder miteinander verschmolzen werden, um diesen einen Sinn für das sich um den Körper sorgende Publikum zu geben. Auch die Gesundheit nehme laut Gebauer in den Medien ihre Rolle ein, nicht als das Fernbleiben von Krankheiten, sondern als utopische Steigerung, als Streben danach gesünder und fitter zu werden und ohne Unterlass am eigenen Körper zu arbeiten. Auch diese Steigerung liefere Leit-Bilder durch die Live-Bilder des Sports, die zur Realität gewordene unendlich fitte und gesunde utopische Körper dokumentieren.[25] Menninghaus spricht diesbezüglich von einer „faktischen Verbreitung ästhetischer Urteilsmechanismen in der heutigen Medien-Gesellschaft“ (Menninghaus, 2007, S.268), die der idealistischen Ästhetik zwangloser Schönheit der Vergangenheit entgegenstünde.[26] Die „Utopievollstrecker“ Medien besitzen also zusammenfassend geradezu eine Monopolstellung in der Verbreitung der modernen Utopie.

3. Auftreten und Auswirkungen der Körper-Utopie

Bereits im 19. Jahrhundert erklärten praktische Schönheitsmanuale nach Menninghaus‘ Aussage das Ziel der Steigerung physischer Attraktivität zum obersten Erfolgsrezept, ja zur „Pflicht“ der Zeitgenossen, die in der Grundtendenz ihrer Ratschläge sehr den heutigen Empfehlungen von gesunder Ernährung, regelmäßiger körperlicher Bewegung und einer insgesamt maßvollen Lebensweise glichen.[27] Das Projekt ästhetischer Selbstoptimierung fordere heute jedoch auch eine neue programmatische Mentalität ein: Statt nur „Pflicht“ zu sein, soll es nunmehr auch jedem „Spaß“ machen und aus Freude an einer guten Selbstdarstellung befolgt werden, obwohl die Vorbilder immer unerreichbarer werden und „wie tyrannische Götter“ (Menninghaus, 2007, S.262) immer mehr Zeit, Geld und Anstrengung einfordern.[28] Im 20.

[...]


[1] Vgl. Saltzwedel, 1997, S.16

[2] Gugutzer, 2007, S.1

[3] Gebauer, 2003, S.45

[4] Gebauer, 2003, S.46f.

[5] Meuser, 2003, S.178

[6] Gugutzer, 2007, S.2

[7] Vgl. auch Posch, 2009, S.25

[8] Vgl. Gebauer, 2003, S.48f.

[9] Gebauer, 2003, S.51

[10] Vgl. Menninghaus, 2007, S.271f.

[11] Menninghaus, 2007, S.256

[12] Vgl. Menninghaus, 2007, S.259, sowie Kap. 2.3

[13] Gugutzer, 2007, S.1f.

[14] Gugutzer, 2007, S.2

[15] Gugutzer, 2007, S.3

[16] Menninghaus, 2007, S.260

[17] Menninghaus, 2007, S.260

[18] Vgl. Wedemeyer, 1997, S.411f.; S.418

[19] Vgl. Gebauer, 2003, S.51ff. ; Menninghaus, 2007, S.257ff.; Gugutzer, 2007, S.3; Wedemeyer, 1997, S.409

[20] Menninghaus, 2007, S.258ff.

[21] Gebauer, 2003, S.46

[22] Wedemeyer, 1997, S.409

[23] Gebauer, 2003, S.52

[24] Vgl. Wedemeyer, 1997, S.417

[25] Gebauer, 2003, S.47

[26] Menninghaus, 2007, S.268

[27] Menninghaus, 2007, S.261

[28] Menninghaus, 2007, S.262

Details

Seiten
29
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668351011
ISBN (Buch)
9783668351028
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345340
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
Körperbilder Selbstbild Gesellschaft und Körper Menninghaus Gebauer Körperkult Schönheitswahn Medieneinfluss Schönheit

Autor

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