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Die Missionierung im Bild. Konzeption, Intention und Rezeption

Analyse von ausgewählten Beispielen aus Korea

Hausarbeit 2008 13 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung, Gegenstand, Methode

2 Gestaltung, Absicht und Wirkung exemplarischer Missionsphotographie
2.1 Konzeption und formale Kriterien
2.2 Intention. Absichten und Ziele Norbert Webers
2.3 Rezeption. Bilder zwischen den Welten

3. Fazit

4 Anhang

5 Literatur- und Quellenverzeichnis
Sonstige Quellen

1 Einführung, Gegenstand, Methode

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ Allgemeines Sprichwort

„Eine Fotografie zeigt nie die Wahrheit“ Richard Avedon (Der Spiegel 2005/40: 71)

Auf den ersten Blick erscheinen das erstgenannte Sprichwort und das Zitat des zeitgenössischen US-Amerikanischen Fotografen Richard Avendon wie gegensätzliche Pole. Bei genauerem Betrachten lässt sich allerdings feststellen, dass sowohl der Volksmund als auch Avendon ihre Berechtigung haben, und sich beide Betrachtungsweisen nicht zwingend ausschließen müssen. Denn unumstritten mag zweifellos die (unbegrenzte?) Aussagekraft einer Fotografie sein, gleichzeitig vermag ein Bild nur einen Teil oder Teilausschnitt der sozialen Wirklichkeit und Wahrheit wiederzugeben – oder, wie Avedon meint, eben auch keine Wahrheit. Es stellen sich die Fragen: Welche Bedeutung haben also Fotografien? Welche Konzepte, Intentionen und Rezeptionsweisen liegen in einer bildnerischen Gestaltung?

Bereits zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spielte die auf breiter Ebene immer populär werdende technische Innovation Fotografie für die heterogenen Ziele der Kolonialisten, Imperialisten, Anthropologen, Ethnologen, Künstler, Geographen, Reiseliteraten, Journalisten und nicht zuletzt der Missionare dieser Zeit eine große Rolle. Zu einem der bekanntesten Vertreter der letztgenannten Gruppe, welcher sich der Fotografie bediente, gehörte Norbert Weber. Der Erzabt der Erzabtei St. Ottilien, „begeisterte Hobby-Photograph und Anthropologe“ (Bräsel 2006: 245) bereiste in den Jahren 1911/1912 Korea, um die junge Missionsarbeit in dem ostasiatischen Land voranzutreiben – „aus drängender Sorge“ (Weber 1915: VII), wie der Benediktiner in dem Vorwort seiner 1915 in Tagebuchform publizierten Reiseerinnerung „Im Lande der Morgenstille“ festhält. Zu seinen umfassenden textlichen Aufzeichnungen gehören auch weit über 300 Farbentafeln nach Lumière-Aufnahmen, Vollbilder und Abbildungen, die in der Publikation integriert sind. Die meisten Abbildungen seines „photographischen Plünderungszuges“ (Weber 1915: 235) „eroberte“ der vielseitige Missionar übrigens selbst mit seiner Kamera – ein nicht nur materiell, sondern auch ideell „kostbares Instrument“ für den gebürtigen Langweider, wie Weber (1915: 359) reflektiert.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich nun zwei exemplarische, bildnerische Beispiele[1] aus den Reiseerinnerungen Norbert Webers entnehmen und nach drei Gesichtspunkten untersuchen. Zunächst soll die Frage nach der allgemeinen Konzeption und den formalen Charakteristika beantwortet werden: Wer oder was wird dargestellt? Wie wird etwas gezeigt? Wo wird etwas aufgenommen? Nach diesen generellen Kriterien soll im weiteren Verlauf ein Interpretationsansatz unternommen werden, um herauszufinden, welche Absicht der Kommunikator, also der Fotograf, mit dem Gegenstand selbst verfolgte – sprich: Was ist die Intention und Hauptaussage Webers? Was könnte Weber für Ziele mit diesem Foto verfolgen: Eine einfache persönliche Erinnerung oder ein massenwirksames Zuschaustellen von exotischen Völkern?

Als dritte und letzte Untersuchungsebene soll die Rezeptionsweise dienen. Auch bei diesem interpretatorischen Vorgehen sollen insbesondere ebenfalls die Texte aus der Primärliteraturquelle „Im Lande der Morgenstille“ (1915) von Norbert Weber und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema „Mission und Photographie“ von Sylvia Bräsel (2006), Jens Jäger (2000), Paul Jenkins (2000) und Klein & Theye (1990) Aufschlüsse über die Leseweise der bildnerischen Erzeugnisse bieten.

Die Bezugnahme zu den im ersten Teil der Einleitung aufgekeimten Fragestellungen (welche Bedeutungen haben Fotografien?), soll im dritten, abschließenden Komplex der vorliegenden Ausarbeitung erfolgen. In Anlehnung an Bräsel (2006: 241) wird die hiermit vorangestellte Hypothese, dass nämlich fotografische Bedeutungsmerkmale durch „historische, politische, soziale und individuelle Faktoren“ kontextualisiert werden müssen, auf Richtigkeit oder Falschheit überprüft und in einem Gesamtfazit eingerahmt.

2 Gestaltung, Absicht und Wirkung exemplarischer Missionsphotographie

Ausgangspunkt und Grundvoraussetzung für die Missionsfotografie war zu einen der technische Fortschritt bei der Kamera- und der Drucktechnik, die eine „billige Reproduktion von Photos möglich machte“ (Klein & Theye 1990: 460), als auch das vermehrte Interesse der europäischen Bevölkerung an „bildlicher Kommunikation von Informationen und Erfahrungen aus Übersee“ (Jenkins 2000: 131), also nach Bildern von fremden und fernen Ländern samt unbekannten (heidnischen) menschlichen Kulturen. Diese auf den ersten Blick eher für die Kolonialfotografie geltenden letztgenannten Kriterien passen laut Jäger (2000: 141f) ebenfalls für die Missionsfotografie, die unter anderem auch dazu beitrug „,westliche’ Vorstellungen von anderen Kulturen zu formen“.

Um allgemein Gedankenbilder zu formen, bedarf es vielfach oft der Fotografie, die erst einen scheinbar ungetrübten Blick auf das Fremde ermöglichte. Einig ist sich die Forschungsliteratur im Zuge dessen über den Status des Bildes zu jener Blütezeit der Mission. So sagt Sylvia Bräsel, dass das „photographische Medium in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch als Abbild der Wirklichkeit galt [...]“ (Bräsel 2006: 244) und führt weiter an, „dass mit Beginn des 20. Jahrhunderts die Photographie ihren technologischen Siegeszug (durch die Möglichkeit der massenhaften Reproduktion und Verbreitung von Bildern) antrat und damit in der Folge eine ,Industrialisierung des Sehens’ (bis hin zur Manipulation, Steuerung der Rezeption durch Bilder bis hin zur ,Erblindung’) eingeleitet wurde“ (Bräsel 2006: 254). Auch Jens Jäger (2000: 140) schlägt in die gleiche Kerbe und postuliert: „Da Photographie als objektive Darstellungsform galt, schien sie besser als andere Aufzeichnungsmethoden geeignet, Informationen über ferne Länder, Völker und Kulturen vermitteln zu können“. Noch einen Schritt weiter gehen indes Klein & Theye (1990: 462): Die dem Medium der Photographie inhärente Suggestion von Realismus und Authentizität verhüllte auch bei den zu Propagandazwecken verwendeten Missionsphotographien deren konstruierenden Charakter.

Anhand der bereits erwähnten Bildbeispiele „Schule“ und „Begrüßung“ aus „Im Lande der Morgenstille“ (Weber 1915) soll gezeigt werden, in wie weit sich der deutsche Missionar Norbert Weber den gestalterischen Mitteln der Fotografie bediente und welche Absicht und Wirkung er durch die Publikation erzeugte. Beide Bilder entstanden also in den Jahren 1911/1912 und wurden 1915 „Im Lande der Morgenstille“ publiziert[2].

2.1 Konzeption und formale Kriterien

Auf Abbildung 1 („Begrüßung“, siehe Anhang oder vergleiche Weber 1915: 106) sieht man den Missionar Norbert Weber selbst abgebildet, stehend im Vordergrund in einer Gruppe von Kindern, die den Rahmen für das Foto zu bilden scheinen. Der Benediktiner trägt das traditionelle dunkele Mönchsgewand und verschränkt die Arme und Hände unter der Klostertracht. Die umstehenden Kinder tragen traditionell in weiß gehaltene koreanische Gewänder, einige tragen Kopfbedeckungen. Vor dem herabschauenden Norbert Weber sieht der Betrachter der Fotografie ein auf dem Boden kniendes koreanisches Mädchen, das sich mit tief gesenktem Haupt vor Norbert Weber verbeugt.

Kinder spielen auch auf Abbildung 2 („Schule“, siehe Anhang oder vergleiche Weber 1915: 101) eine zentrale Rolle. Zu sehen ist eine koreanische Schulklasse mit elf Kindern im Alter zwischen schätzungsweise vier bis sieben Jahren. Die Kinder sitzen in einer Art Schneidersitz beziehungsweise knien wie Perlen an einer Schnur nebeneinander aufgereiht auf der Außenveranda des Schulgebäudes. Nur die wenigsten Kinder schauen in die Kamera, die meisten Schüler sind in gebeugter Haltung über ihren Büchern und Blättern mit Schreibwerkzeug in der Hand zu sehen.

[...]


[1] Ausgewählt wurden die Beispiele „Eine Kleine macht ihre Begrüßung“ und „Schule“. Die Fotos sind im Anhang dieser Arbeit auf Seite 11 aufgeführt. Aufgrund technischer und optischer Mängel bei der Bildübertragung und Darstellung im Anhang empfehle ich zum Vergleich die Originalansicht in Weber, N. (1915): Im Lande der Morgenstille. Freiburg im Breisgau: Herder. S. 106 („Begrüßung“) und S. 101 („Schule“)

[2] Die Gründe für die Auswahl der hier behandelten Bilder lagen in der von mir subjektiv wahrgenommenen Aussagekraft der Fotografien. Wichtig war auch das Kriterium, dass sich Weber in einer Art und Weise auch selbst auf einem Bild darstellte, und sich nicht nur als Produzent von Bilderzeugnissen präsentierte, weswegen das Foto „Eine Kleine macht ihre Begrüßung“ (Weber 1915: 106) in den Bestand der Beispiele aufgenommen wurde.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668352018
ISBN (Buch)
9783668352025
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v345311
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Neuere Deutsche Literaturwissenschaft Ostasiatische Geschichte Korea Fotografie Missionierung Asien Ostasien

Autor

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Titel: Die Missionierung im Bild. Konzeption, Intention und Rezeption